| Eine kleine Auszeit von der Wüste |
Maxwell Davies’ Strathclyde Concertos im Krebstagebuch des Donnerstags, den 11. Juni 2020 (Tag 43/Chemo[2} Tag 10).

[Arbeitswohnung, 14.18 Uhr; morgens 74,1 kg
Peter Maxwell Davies, → Strathclyde Concerto No 2]

Etwas schwieriger Tag heute, die Tumorin meldet sich quasi unentwegt, seit ich wegen der Chemophase II zum Kontrolltermin losgezogen bin – da, um halb neun Uhr morgens, noch ohne irgendein Medikament. Denn die Nacht war gut, Dronabinol nehme ich meist eh erst gegen Mittag. Was ich spüre ist, daß die Wirkung der Zytolastica nachläßt, Li also wieder Raum zum Atmen bekommt, den sie sich weit ausstreckend nicht nur leidlich nutzt. Also ausnahmsweise wieder dreißig Tropfen Novamin eingenommen. Um unabgelenkt weiterarbeiten zu können. Allerdings höre ich mich derzeit so sehr in Maxwell Davies ein, der, wenn auch sechzehn Jahre älter, an mir insofern vorbeigestorben ist, weil ich mit seiner Musik zwar durchaus in Berührung kam, erstmals mit einer fehlgepreßten Salomé-Vinyl (die Spuren sind auf den Platten falsch, ziemlicher Seltenheitswert), die mich auch kurzzeitig interessierte; dann fand ich aber nicht wirklich hinein. Das ist jetzt völlig anders, interessanterweise nach einem, sagen wir, → Umweg über Hakola, den ich in der Anderswelt → parallel zum ersten Höllenkreis der Nefud ging. Besonders angetan haben es mir unterdessen die Strathclyde Concerti; ich hör meist mit den STAX →auf den Ohren.
Jedenfalls hilft die Musik durchaus mehr als irgendeines der Medikamente — abgesehen allenfalls von Cagliostros THC-Öl, dem ich mich tagsüber nicht so gerne aussetze, weil ich nicht dauerbekifft sein will. Was ich in den ersten Tagen der Chemo II ja durchaus war. Sie werden → es gelesen haben.
Die Werte heute bei der Kontrolle erneut in Ordnung; der ständigen Blutschneuzerei soll ich stoisch mit Bepanthen begegnen; es seien tatsächlich nur, als Folge der Chemo, ausgetrocknete Schleimhäute. Und bitte das Dexamethason nur je die beiden Tage nach neuen Infusionen einnehmen. Ansonsten immer wieder auf den Körper hören, sich auch tagsüber mal langlegen, wenn die Müdigkeit kommt oder das wenn auch nur chemisch bewirktes, also faktisch nicht wirklich geerdetes Angestrengtsein, Doch dann zu liegen und mit den Kopfhörern Neue Musik zu hören, hat etwas fast Erlösendes: etwas zwischen höchst konzentrierter Meditation und einem Schwebezustand des ganzen Körpers, physisch, ja! … nicht nur imaginiert eso-religiös. Dann zieht es mich aber doch wieder an den Schreibtisch zurück.

Dieses Mal was Josting gar nicht Faisal. Der chirurgische Eingriff werde kein Spaziergang werden, auch nicht für einen wie mich. (Ich hatte von Matthias Biebls Satz erzählt, mir könne man auch eine heftigere Operation zumuten). “Bitte unterschätzen Sie die Gefahr nicht. Die Sterblichkeit bei dem Eingriff liegt, ganz unabhängig vom Krebs, bei immer noch über vier Prozent. Und auch sonst kann gerade diese OP böse Nebenwirkungen haben, die Infektionsgefahr ist enorm. Doch wenn sie die ersten vierfünf Tage überstehen, können Sie davon ausgehen, bereits im August wieder zuhause zu sein.” “Ah, dann könnte ich vielleicht doch noch in diesem Sommer nach Italien…” “Wohin?” – So daß ich von → Parallalie erzählte, den Projekten mit dem Übersetzerfreund … und als der Arzt nun hörte, wir hätten → Joyce übersetzt, geriet er fast wie neulich bei Schostakovitsch aus dem Häuschen, habe soeben den ULYSSES zuende gelesen, ja, etwas gebraucht, das schon, aber … Welch ein Buch! Und: “1904, das müssen Sie sich mal vorstellen!” Ich dachte sofort, weil er auch noch → den mir unsäglichen David Foster Wallace erwähnte, daß ich ihm zum nächsten Mal unbedingt einen WOLPERTINGER mitbringen muß, über das ich gerade wieder → derart schöne Sätze lesen durfte (ich hätte sie gerne auch → dort stehen; so eitel, sie selbst da hinzusetzen, bin ich aber denn doch nicht).
Wobei uns dieses Gespräch zumindest insofern wieder verfaisalte, als wir auf dem Navi nun doch schon, für kommenden Dienstag, das diesmal in einen, so heißt es, Tankstellenkomplex integrierte Relais fest einprogrammieren konnten: محطة التميمي بالرديفه . Allerdings liegt diese Station einigermaßen ortsnah an einer langen, von Lastwagen durchdonnerten Wüstenstraße, die wir nach den Infusionen ganz sicher schnell hinter uns lassen werden, weil sie das, ich schreibe einmal, Aqaba-Projekt insofern gefährdet, als sie in den Mischer unsrer Heldenreise entschieden zuviel an pragmatischer Realität hineinschütten wird. Doch wird uns die Pforte des Dritten Höllenkreises ohnedies aus dem Jordanien nur-der-Gegenwart jäten, sowie wir eingeritten sein werden in ihn.

Zurück, fand ich im Briefkasten die erste Zuzahlungsrechnung der Apotheke meines Ontologen:

Für die erste Chemophase also 87,24 EUR; alle vier Sitzungen werden mich allein bei den Medikamenten auf knapp 400 Euro kommen lassen; ein Viertel meines monatlichen Lebensunterhalts, dazu noch die Krankenhauszuzahlungen sowie die Zuzahlungen für von der Hausärztin verschriebene Arzneien, etwa das Dronabinol. Es ist wirklich dringend, die Befreiung durchzusetzen, sonst mach ich irgendwann die Grätsche. Schon coronahalber hab ich ja zur Zeit überhaupt keine Einnahmen.

Ah, immerhin hat jetzt das Schmerzmittel gewirkt, so daß ich ruhig weiterarbeiten kann. Auf jeden Fall muß ich mit dem Finale → der Béarts weiterkommen. Aber daß ich heute früh meine in den Suchmaschinen nicht mehr verlinkte → Besprechung von Pynchons GEGEN DEN TAG eingestellt habe, geschrieben 2008 für den Freitag, hat selbstverständlich mit den Wüstenschiffen zu tun, die mich derzeit so umgeben, und eben Pynchons hinreißender Erfindung des → Unterwüstenbootes. Wäre es nicht grandios, wenn unsre kleine Karawane solch einem, wenn es auftaucht, begegnet? “Mr Nemo, I presume?” Ich wünschte mir ein Bild Röhrerichs, wie er am Bug → der Nautilus rastet, auf der ich sitze, etwa so, um mein liebes Dromedar endlich zu entlasten:

In diesem Sinn reagierte ich dann auch wieder auf meines Dr. Faisals Warnung:  “Sehen Sie, ich bin in ein Abenteuer aufgebrochen, das eben nicht nur Film ist, sondern es ist Realität, wie wenn ein Messemer den Mt. Everest besteigt: auch da ist der Ausgang niemals gewiß – etwas, das für jede richtige Expedition gilt. Auf eine solche hab ich mich mit meinem Krebs begeben. Sehen Sie’s mir deshalb bitte nach, daß ich ein 4-prozentiges Sterberisiko da nicht ganz für voll nehmen kann; zumal ist die Gefahr eines tödlichen Unfalls alleine im Berliner Straßenverkehr täglich sehr viel größer, und vor allem, mein geehrter Wüstenfreund, will doch niemand unter uns in einer rosa Fernsehshow verdämmern, anstelle wild zu sein — zu leben, ja, so mein ich’s, auf der Welt!”

Wieder in der Arbeitswohnung, mußte ich mich aber dann doch noch einmal hinlegen, so seltsam hatte mir die kleine Fahrradtour zugesetzt – stärker, deutlich stärker als irgendein Geschwanke meines Rihs. Doch ich konnte, wir erzählt, meine Kopfhörer nehmen und endlich, endlich zu verstehen beginnen, welch poetisches Blut diesen britischen Komponisten durchströmt hat. Es gibt Musiken, die öffnen ihre Sesams uns sofort – manchen von uns, enigen hingegen nie, und einigInnen –, indessen Andrer Türen wir erobern müssen. Nun wird mir Peter Maxwell Davies’ Lebenswerk zu einer Farbe meiner um Li geführten Heldenreise. Daß auch er ein Krebsleiden hatte, an dem er vor etwas mehr als zwei Jahren starb, im allerdings da bereits vergleichsweise hohen Alter von 81, mag unsere lyrische Nähe ein bißchen unterstreichen, die er mir nun posthum geschenkt, der ich nicht nur, doch deshalb auch noch lebe:

Welch Privileg, oh Freundinnen und Freunde, noch in meinen Jahren erhöhen und weiter erhöhen zu können und also es zu – dürfen:

Wie aus der wolkenzerrissenen Nacht die Sonne, Anahit also, heraufsteigt, doch drehn wir uns drunter (alle die schlummernden Dächer, die rotgelb darunter erwachen, den Wipfeln des Hainpar­kes bei) – wisse, mein Sohn, um die Astronomie. Die innere Astro­nomie kenn aber auch, die von Menschen dem Menschen ge­machte, und sieh ihn, meine Junge, den Sonnengang, weiter als Inkarnation heller Göttinnen an. Sie sind das Nahe und nicht die Mechanik. Profanes ist‘s nie. Aufladung ist das Geheimnis: be­wußte Verklärung. Uns rettet nur beides zugleich: Wissenschaft und unser Traum.
Das bleibende Thier,
Zweite Bamberger Elegie

ANH

[Peter Maxwell Davies, Strathclyde Concerto No 3]

Auf dem Säulendach der Weisheit: aus der Nefud, Phase II (4 – Tag 5). Sonnabend, den 6. Juni 2020.

 

[Seven Pillars (سبع ركائز),  Paß,
6.12 Uhr | 71.6 kg]

 

Here WIsdom built HEr house, here SHe struck
seven pillars of contemplation from the desert
ground up to the firmament of the world’s sea.
Now see your own face through the fall of the
geysers.

Ungefähr auf Deutsch: “Hier baute die Weisheit ihr Haus, hier schlug sie sieben Säulen des Besinnens vom wüsten Grund zum Firmament des Weltenmeers hinauf. Nun sehet Euer Selbstgesicht durchs Stürzen der Geysire.” — Weder war aber zu erkennen, woher nun ausgerechnet hier → Geysire und dann auch noch fallen! – oder gar stürzen? wohl so?? (ein fast spontane Vision war das schon, daß sie nach Dalí aussieht, ein bißchen, na nu jà … bin halt bekifft nicht sehr geübt):

— sollten und ja überhaupt könnten, noch ließ sich selbstverständlich ein (oder das) “Weltenmeer” sehen, das aber wohl eine arabische, bloß etwas ungeschickt ins Englische gebrachte poetische Mataphorisierung des Himmels sein dürfte. Nur daß Faisal die beiden Sätze eben nicht, quasi , editierend, auf Arabisch vor sich hinsprach, sowie wir aufs Dach der Weisheit klommen, sondern tatsächlich in der Sprache des britische Kolonialismus: Faisals, ich schreibe einmal, Mandala war nicht introvertiert gemeint, sondern direkt auf  mich gemünzt, wozu schon die unversteckt jüdisch-christliche Herkunft des Motives selbst diente, nur daß ich immer noch nicht ganz wieder bei mir war, weiterhin “wie” bekifft war … es wurde sogar derart, nun  jà, schlimm, daß ich ich überhaupt nicht mehr weiß, wie wir die monumentale Felsformation hinaufsteigen konnten, nicht nur wir paar Expeditionskumpane, nein, auch die Kamele voll der Lasten. Ich habe an diesen Aufstieg tatsächlich keine Erinnerung mehr, nahezu keine. Doch es muß heiß gewesen sein, ich entsinne mich zweidreier schwerer Schwächeanfälle, die mich die Augen schließen und wirklich hinwegschlafen ließen; da ward der Rücken Röhrerichs zum Bettchen eines Säuglings, das mich in Ruhe wippte. O Dromerih, oh Krippedar … wohin falle ich zurück?
“Doch”, erzählte Faisal, nachdem Lars und er mich aus dem Sattel losgemacht hatten, während die Helfer zwei Teppichlagen übereinander ausbreiteten, auf das mich der Arzt und sein, weiß ich unterdessen, Schüler nicht “Diener”!) dann herunterhoben und legten, “doch”, erzählte er, “die Geysire kann jeder sehen, aber hindurchzusehen vermögen nur die auf der Schwelle. Denn sie alleine dringen zu ihren Verstrickungen durch. Wir, die wir sie begleiten, müssen deshalb acht auf sie haben — damit sie wieder zurückkommen.” Er lächelte. “Damit Sie wieder zurückkommen. Dafür müssen wir das Wadi bis morgen abend völlig durchquert haben und es wieder verlassen.”
Obwohl ich von all dem kein Achtel verstand, allenfalls acht Neuntel, war ich viel zu hinweggetreten, um Fragen stellen zu können. Immer noch tanzten die Strahlungen der Nefud Wiener Walzer in Tetrahydrocannabinol und wirbelten mich, auch wenn ich schon lag, an meinen Händen wild herum; also Fahrrad sollte ich jetzt wirklich nicht fahren, und als ich später zu PENNY ging, merkte ich, daß selbst meine Füße die Spur nicht hielten … dafür allerdings keinerlei Schmerzen, wenn auch allerdings das Gefühl baldiger Luftnot (es blieb ein Gefühl, meiner Muse sei Dank) und eine gewisse Scheu vor dem Abendspaziergang, der allerdings im zweiten Höllenkreis der Nefud eh nicht sehr geraten war, jedenfalls nicht heute. Wie Sie lesen, Geliebte, gehört es offenbar zur zweiten Phase meiner Chemo, daß ich die Welten nicht mehr klar trennen kann, sozusagen ergießt sich aus der Nefud einiger Sand auf die Stargarder Straße. Er ist in Höhe Schönhauser Allee bereits zu einer solchen Düne aufgeweht, daß von der Gethsemanekirche aus die elegante, in Moosgrün hochgeführte Eisenbrücke der UBahn fast nicht mehr zu sehen ist. Auch das hat Dalí schnell in mich eingezeichnet – zu schnell allerdings, um auch das hier wiedergeben zu können. So überlaß ich’s Ihrer Fantasy, wirklich Phantasie ist da gar nicht nötig, nicht mal Fantasie. Wobei das wirklich Schwierige, so Faisal auf den Weisheitsfelsen weiter, nicht hindurchzusehen, nicht einmal hindurchzuschreiten, sondern eben zurückzuschreiten sein. Es hätte mich, wäre ich wenige psychedelisiert gewesen, sicherlich stutzig gemacht, daß er obendrein von einem <i>Vorspiel im Venusberg</i> sprach, ja einer ersten “Exerzitie der Hedonie”, zu der sich die Verstrickungen dort komprimierten, die all unser libibdinöses Leben bestimmt; ich selbst, jetzt, mit Abstand und am Berliner Schreibtisch, spräche wohl eher von “Mustern”; aber ich liege ja auf den Teppichen unter dem Weltenmeer und schaue nach Geysiren. Die wir aber erst gegen Abend sehen werden, wenn wir sie sehen werden. Noch ist alles nur Rede. Doch Faisal sagt, er spüre es: “Es wartet das Wadi auf Sie.”

Deshalb, während ich, von den Freunden bewacht, die Wüstensiesta halte, wonach wir dann weiterreiten werden, nur noch eine Bemerkung zur Nacht: Zur Nacht kamen leichte Brustschmerzen zurück, die sich als eine Art Luftenge äußern und die ich mit Pantopranzol schnell in den Griff bekam, das die Magensäure hemmt. Es sind spannende Zusammenhänge. Dazu dann wegen der Schleimhäute 1 Dexamethason, und auch das gelieferte Gurgelwasser wirkt bestens. So daß mich diesmal die drei Tropfen THC-Öls völlig erstaunlich durchschlafen ließen, sechseinhalb Stunden mit nur einer Unterbrechung um Viertel vor zwei. Und gänzlich ohne Beschwerden wachte ich an diesem fünften Tag der zweiten Chemo in Berlin, in der Nefud indes des zweiten Höllenkreises auf; sowohl hier wie dort war nur die Verdauung dann doch noch einmal mit etwas, sagen wir, Nachdruck, zu regeln, wenn auch, in der Wüste, ohne Viper heute, eine solche wiederum auf dem kleinen Dunckerörtchen weder angemessenen Unterschlupf fände noch vor allem Mäuse, Ratten, kleine Vögel und Echsen und wovon sich diese Giftschlangen sonst noch ernähren. Ich selbst wär ja zu groß, um von dem Tier verschlungen werden zu können, und dort schon gar:

Oh — …

… — träumt mir? Bereits wieder aufsitzen? Vielleicht, sollten wir über dem Wadi die Stürzenden Geysire heute noch zu sehen bekommen,

vielleicht daß ich dann versuchen werde, hier drunter auch davon ein Bild, nun also keines “von Dalí”, sondern ein “richtiges” einzustellen, ein realistisch komplett wahres — ansonsten indes, liebste Freundin, hol ich es morgen nach.

Ihr

 

 

[1o.30 Uhr
Scharfes heißes Winden,
drei in der Ferne treibende Sandhosen]

*******

[18.21 Uhr: Wadi
der Verstrickungen]

Unfaßbar! Es stimmt, es stimmt!

وادي التشابك

(Tatsächlich, stürzende Geysire … und kann es sein, daß selbst Lis Augen ..? Ich werde träumen, fruchtfleischsüß und bitter.)

Aus der Nefud, Phase I (1): dritter Morgen. Krebstagebuch, Tag 24 – mit dem Arbeitsversuchsjournal des Freitags, den 22. Mai 2020. Allerdings eine ungeheure Entdeckung darin.

 

[Nefudlager,, 6.32 Uhr
Schubert, Streichquartett 15 G-Dur, Pražák Quartet)

Schön sieht sie aus, die Nefud, auf Arabisch geschrieben: صحراء النفود, und ich schlage vor, diese Wörter (Ṣaḥrāʾ an-Nafūd) fortan stets anstatt des profanen “Chemo”s zu sprechen. Sie haben den magischen Klang der Beschwörung und entsprechen somit den → Namen. Jedenfalls werde ich es fortan so halten, zumal diese Wüste ganz gewiß nur selten mit Musiken in Verbindung gekommen ist, wie sie sie nun kennenlernt. Gestern abend, kaum daß sich – ein nicht nur herabsausender, nein –knallender Vorhang – die Dunkelheit auf … nein!, bis  unter uns gestürzt hatte und es sofort beißend kalt geworden war, hatte ich, nachdem noch eine Decke über die Schultern meines Gewandes geworfen, mein bose-Zauberkistchen vor das Zelt gestellt und mich zu beiden (vor das eine, nebens andere) gesetzt, um meiner Entdeckung des Tags zuzuhören. Der milliardenfach gestirnte Himmel rief zur Ewigkeit. Schubert starb nur ein Jahr nach Beethoven, stellen, Geliebte, sich sich das nur vor! Und hinterließ ein Streichquartett, das quasi niemand wollte: die Nr. 15 in G-Dur und das extrem von Beethovens späten Streichquartetten beeinflußt ist, ja ohne sie nicht denkbar wäre, die uns noch bis in die Fünfzigerjahre von führenden Musikkritikern für “mißlungene Musik” ausgegeben wurden. Man muß sich fragen, wo die denn ihre Ohren hatten? (Man muß sich das heute noch fragen, für die Heutigen, bitter fragen; seit es Kritiken gibt, ist es so; die  meisten sehen nicht – können’s offenbar auch nicht, geschweige denn zu hören –, was ihres Berufes hätte doch zu sein! Daß es so nicht ist, wäre hinzunehmen, hätten nicht sie, die Vermittler, unterdessen den Status von “Stars” ebenso eingenommen wie in der Bildenden Kunst die sogenannten Kuratoren, bei denen es wurscht ist, ob man mit oder ohne weiteres Sternchen hinten ein “innen” noch dranhängt.)
Ich saß und schloß die Augen, die Wüste war ganz still – abgesehen von dem dauernden Nachtheul des Windes, das aber nichts als unentwegtes, doch hohles Pfeifen war und durchaus mit dem Rauschen zu vergleichen, das wir in Konzerthallen und Opernsälen vernehmen, wenn wir die Sinne darauf konzentrieren. (Sollte man nicht tun, jedenfalls nicht darauf. Es lenkt genauso ab, wie wenn wir uns in einem Gespräch bewußt auf die “äh”s in den Sätzen des Gesprächspartners fokussieren: Schließlich hörn wir nur noch die.)
Ich war froh, von dem Dromedar herunterzusein; den ganzen Tag über war mir von seiner Schaukelei, aber auch morgens mit dem Aufwachen schon, unterschwellig schlecht gewesen — eine der typischen, allerdings nicht so schlimmen “Neben”wirkungen der Nefud, daß ich hätte → einen der Blauen Fische schlucken müssen. Das habe ich bislang erst nur einmal getan, vorgestern, und es hatte schon deshalb nicht viel gebracht, weil mir nicht klar war, woher die Übelkeit rührte, ob tatsächlich von der Nefud oder daher, daß ich auf ein bestimmtes Essen mit Widerwillen reagierte. Passiert mir nämlich grade dauernd.
Mit Kokosöl ging’s los, das लक्ष्मी mir für diese Reise besorgt. Habe ich es in ein Getränk eingerührt und nehme davon, steigt mir fast sofort der Magen – eine Reaktion, die sich unterdessen auf anderes übertragen hat, zum Beispiel auch mit, völlig bizarr für mich, ausgerechnet Käse. Den Vorrat bester Sorten, den ich mir angelegt hatte, mußte ich jetzt, damit er nicht verdirbt, in die Kühlschläuche geben. Doch seit ich in die Wüste eingeritten bin, reagiere ich auf meine frisch gepreßten Säfte genauso, mit dem höchst zweifelhaften “Erfolg”, daß ich noch weiter abgenommen habe und nunmehr, mit einsachtzig!, weniger als 69 kg wiege. Angesichts dessen, was bevorsteht, ist das alles andere als gut. Weshalb mir Freunde Päckchen mit sogenannter Astronautennahrung geschickt haben, der uns nachgerittene Bote erreichte das Lager gestern nacht, da war das Streichquartett schon ausgeklungen, ich hatte mich grad auf und unter meine Teppiche zurückziehen wollen (so nämlich verbringt sich die Nacht hier am besten: auf und unter Teppichen, die, tags zusammengerollt, von den Lastenkamelen mittransportiert werden) – nicht zu fassen, daß er Hadschi Halef Omar hieß! aber dann ging der Name mit Mohammad Kadar Ibn Safi weiter, was ich eigentlich hätte, wie Ralf Wolter, auswendig lernen müssen, um ihm die Ehre zu erweisen. Nur starb auch Lex Barker bereits sehr früh – mit 54! früher als selbst ich’s noch schaffen könnte, mit fünfundsechzig hab ich sogar schon meinen Vater überlebt – und außerdem war ich dennoch zu müde, mußte obendrein der einen Melatonin und halben Zolpidem eine Schmerztablette hinterherschlucken, weil sich das fürs Schlafen als hilfreich herausgestellt hat: Dann wache ich nämlich nur einmal auf, um die zwei Uhr nachts herum, erledige meinen Wassergang, leg mich wieder hin und schlafe durch bis fünf. Das ist allerbestens. Und seit heute früh sogar, ohne daß mir übel ist. Gestern hingegen ging’s damit ziemlich unleidlich zu und hielt sich fast bis mittags durch, als längst mein Reittier das seine dazutat. Und die glühende Hitze.
Die nun noch eine für die Nefud typische Nebenwirkung verursacht hat, vor der mich schon mein Faisal Josting gewarnt hat; ich bin deshalb überaus froh, diesen Wüstenarzt bei mir zu haben. Sein Rat ist unschätzbar, auch wenn meine Hausärztin vor drei Tagen, nachdem ich ihr erzählt, Faisal habe gesagt, → daß er meine Erkrankung für heilbar halte, überraschend überrascht “Sportlich, sportlich!” von sich gab. Was mir nun nicht mehr aus dem Kopf geht und also durchaus nervt, vor allem nachts. Denn → der andere Faisal, Lawrences also, war auch von der arabischen Freiheit überzeugt: daß sie kommen werde – was nicht kam. Genies wie T. E. Lawrence werden von den Kuratoren für völlig andere als ihre eigenen Interessen benutzt und können sich auch dann nicht wahren, wenn diese “Kuratoren” Diplomaten oder sonst etwas aus den bürgerlichen Berufen sind.
Doch schlimmer… nein, unangenehmer (wirklich “schlimm” war davon bislang noch nichts) … unangenehmer sind die zwei weiteren “Neben”wirkungen, mit denen ich derzeit zu tun habe. Ich habe Ihnen, Freundin, schon vom Grundgedanken der Nefud erzählt (wenn wir eine Wüste denn mal “Gedanke” nennen dürfen, ein arger Mystizismus, ich weiß): nämlich die sich im Körper auffällig schnell teilenden Zellen anzugreifen, zu denen solche wie meiner Tumorin → Lis eben gehören (auf die ich gleich noch gesondert zu sprechen kommen muß). Leider aber zählen auch die Zellen der Mund- und Darmschleimhäute dazu (ebenso wie Haar und Horn) … und tatsächlich, leider, wurde gestern mein Mundinnres höchst empfindlich, fast schon aphtisch. Vor Jahren, in meiner römischen Zeit, hatte ich sowas schon mal. Weshalb ich es kannte. Und hatte nicht Faisal auch davon erzählt? Hatte er, ja, aber er schlief bereits, ich mochte ihn nicht wecken. Schaute statt dessen meine Medikamente durch. Ah, ich erinnerte mich, Dexamethason, ein Kortikoid: dafür war es da. Also vorm Schlafen auch das noch geschluckt. Und in der Tat: Heute früh ohne jede Beschwerde (auch schlecht ist mir nicht, und Schmerzen habe ich nicht).
Dennoch, bizarr ist alles das schon: Ich, der zeitlebens ein Tablettenmuffel bis schärfster Tablettenfeind gewesen bin, schlucke nun das Zeug im Akkord: Und das einzige, was mich dabei beruhigt, ist, daß ich’s wüstenhalber tue, allein der Nefud wegen. Am Berliner Schreibtisch hingegen hielte ich’s kaum aus.
Und eine weitre Nebenwirkung hat mich erwischt, die, wenn ich über sie schreiben soll, heikler, nämlich schamheikler ist. Noch weiß ich wirklich nicht, wie mir ihr so öffentlich umgehen. Außerdem ist für sie die Wüste wiederum blöd: Ich brauche sozusagen eine Dauertoilette – aber nicht, weil’s unten nur so herausschießt, sondern weil im Gegenteil alles zwar da ist, aber komprimiert zu einem Pfropf oder har mehreren Pfröpfen von geradezu Brennholzdichte und -trockenheit. Das kommt nicht voran, nicht voraus, sondern müßte abgebrochen werden – ein Umstand, der meinen langsam schwindenden Appetit und meiner bereits geschwundenen Eßlust erst recht nichts mehr entgegensetzt. Ich fürchte, nur hoffen zu können, daß es in der nächsten Apotheke eine Drogerie gibt, die Birnspritzen führt. Mit sowas, sagte eben Faisal (und lächelte höchst süffisant, ich sah’s sogar durch seinen über die Nase gezogenen Shemagh), bekämen wie die Sache schnell in den, nun jà, “Griff”: “Warmes Wasser und Öl, mein Freund, und Sie sind’s los.”
Nur, wann werden wir die nächste Oase erreichen? Sehr bald? O bitte, bitte sehr bald! – Faisal, weise, schwieg. Aber lächelte er? Tat er, ja, es war an den Fältchen je seitlich der Augen zu sehen, die sich zum Himmel richteten: إن شاء الله

Aber das alles erst heute morgen, nachdem ich ohne jede spürbare Nebenwirkung aufgestanden war und mit meinen Mokka bereitet hatte; da streifte Faisal katzenpfötig von der Seite heran und grüßte in der edelsten Form: “السَّلاَمُ عَلَيْكُمْ وَرَحْمَةُ اللهِ وَبَرَكَاتُهُ!” (“Allahs Friede und Barmherzigkeit mögen auf Dir liegen wie sein Segen”). “Ihnen”, mein Freund, grüßte ich auf Deutsch zurück, “der Göttinnen Allerreichstes auch.” – Er runzelte nur kurz die Haut unter seinen zusammengewachsenen pechschwarzen Brauen, dann ging die Wärme eines zuinnersten Lächelns durch sein Gesicht, das sich dennoch nicht, nicht einen Millimeter, verzog, sondern jeglich’ Würde ruhig wahrte. – Ob er sich zu setzen  dürfe? – Ich umschrieb den Halbkreis mit meinem rechten Arm, dessen Hand schließlich in der Luft über einem Kissen schweben blieb. Mit der anderen Hand hinter mich langend, holte ich ein zweites Mokkatäßchen aus dem geöffneten kleinen Karton.
Es sei da, hub er, Faisal, an, gestern in der Nacht eine Musik gewesen, die ihn beeindruckt, aber auch verstört habe – etwas “von drüben her” (sofern ich sein “من وراء” richtig verstand, “from over there” fügte er, nunmehr profan, auf Englisch hinzu). Es sei wie ein andrer أَذَان von andren Minaretten (“like another ذَان from other minarets”). – Er meine sicherlich den Schubert. Ja, auch mir sei das Stück neu und ebenso erschreckend, aber auch voll der Erkenntnis gewesen und einer Liebe, die so unpersönlich, daß wir sie kaum noch menschlich nennen könnten; derart “allgemein” klinge sie, was ja nichts als ein anderes Wort für abstrakt sei. “Sie meinen ‘göttlich'”, sagte er. “Ich meine: ewig”, sagte ich.
Er würde sie gerne noch einmal hören, zusammen mit mir.
Wir haben Glück, nein: Segen, und zwar zweifach; zum einen, weil wir über Satellitentelefone mit dem Internet verbunden sind; zum anderen, weil es bei Youtube eine Aufnahme gibt, die mir sogar noch essentieller, weil radikaler vorkommt als die durch das von mir gemeinhin favorisierte Alban-Berg-Quartett, nämlich diese dort:

Sie ist im Wortsinn ungeheuer. Sowie sich heute Zeit finden wird, wahrscheinlich gegen Abend, wenn wir den nächsten Ruheplatz gefunden haben werden, werde ich ihr zusammen mit meinem, ja, Freund? abermals lauschen. Jetzt aber, wieder auf dem Dromedar, muß ich über meine Antwort an Liligeia nachdenken, → deren wirklich übler Brief mir selbstverständlich nachgegangen ist. Ich fand ihn gestern morgen, da mir doch eh schon schlecht war, in den Mails. Vielleicht wäre es klug gewesen, oder sinnvoll, ihn zu löschen und überhaupt nicht drauf zu reagieren. Andererseits dachte ich mir, es sei nötig, dem Krebs ihre Stimme zu lassen, ja zu geben – und daß alles hier, inklusive diesem Krebstagebuch, eben nicht “nur” ein poetisches Spiel, sondern eines sei, daß in die Existenz greift, ja in ihr wühlt und sie möglicherweise mir ausreißt. Da gibt es nichts zu schönen, und genau das muß deshalb deutlich werden. Insofern ist Lis Brief dann doch in keiner Weise “böse”, sondern einfach klar aus der Situation eines Tumors geschrieben, dem wir unterstellen, daß er Bewußtsein habe. Nur dann aber können wir mit ihm sprechen, er mit uns (sie mit mir), ohne daß wir ihn (sie) aus uns ausgrenzen, als wäre er (sie) nicht in uns drin (“Fleisch von deinem Fleisch”). Also hat sie auch ein Recht, derart zu sprechen, und es ist an mir, eine Form der Erwiderung zu finden, die zwar ebenfalls deutlich genug ist, uns aber dennoch weiterzusprechen erlaubt.
Wobei ich sicherlich auch deshalb so milde grade gestemmt bin, weil ich heute früh weder Schmerzen habe, jedenfalls bisher nicht, als mir auch nicht übel ist. Eigenartigerweise. Denn gestern abend (in der Wüste?? hab ich das geträumt??) kam ich im Anschluß an den Abendspaziergang mit लक्ष्मी an einer Sushia vorbei und wurde von einem Riesenappetit, der ich doch über den ganzen Tag fast gar nichts gegessen hatte, aus Sashimi geflutet. Und weil ich drei Tage vorher einen ganzen gebackenen Wolfsbarsch (auch der schon war nicht bullig gewesen) verzehrt hatte, ohne daß mir irgendwie mies davon wurde, gab ich auch jetzt dem Lustanfall nach und bestellte – “zum Mitnehmen” – ein ganzes, wenn auch mit 18 Euro ziemlich teures Sashimi Moriwase, weil die anderen Sashimangebote nur Lachs und Thunfisch (Maguro) auf den Platten hatten. Was ich geschmacklich fade finde. Doch wie auch immer, ich aß das Moriawase … nein, “aß” nicht, sondern “futterte” es fast zur Gänze auf, ohne irgendeinen Überdruß, ohne jeden Ekel, einfach nur lustvoll und, vor allem, ohne unangenehme Folgen. Und tief, fast selig schlief ich nachher ein.
Also das hat mich sehr, sehr gütig gestimmt, auch und gerade der schönen Li gegenüber. Und dann hat bestimmt auch Ricarda Junges Dompredigt eine Rolle gespielt, die ich gestern live mitgeschnitten und zum Nachhören in Die Dschungel gestellt habe, → dort. So beeindruckend fand ich, der nicht an EInen – den EInen – GOtt glaubt, sie. Ich glaube, wenn ich denn glaube, an Göttinnen und Götter, glaube also plural, und an Volksgeister und -geisterlein. (Genau deshalb wahrscheinlich hat Faisal, der es ahnt, vorhin so kurz die Augenbrauenhaut gerunzelt, bevor wir über Schuberts Quartett zu sprechen begannen, was sie nahezu sofort sich wieder glätten ließ. Und ich muß daran denken, daß Ricarda einmal gesagt hat – es liegt Jahre zurück, aber ist mir immer, immer nachgegangen –, sie kenne niemanden, der GOtt so nahe sei wie ich. Gerade die Absurdität dieser Aussage – über einen zutiefsten Feind des Monotheismus – gibt ihr eine enorme Strahlkraft, und zwar gerade vom christlichen Gedanken aus, sofern wir ihn denn ernst nehmen. Was zu tun ich durchaus gewillt bin, doch ohne ihm kirchlich zu folgen.)

Religion. Wenn wir über den Krebs sprechen, wenn wir über die Tumorin, über Li, sprechen, kommen wir um sie nicht herum. Wenn wir über den Tod sprechen, egal ob er schon vor der Tür steht oder vor sich noch eine Riesenfahrt hat, oder wir sie vor uns haben … unsrerseits zu ihm hin:

Weil ich unter dem Tschilpen der Spatzen, die wirklich überall sitzen (…),

heißt es am Ende im TRAUMSCHIFF,

während Doktor Samir einen direkt auf der Hand hat, die er ausgestreckt hinhält, damit der kleine Vogel nicht erschrickt. Weil ich unter diesem ganzen, ich kann es gar  nicht anders sagen, Lärm den Ton hören kann.
Dass zu sterben so laut ist, wer hätte das gedacht?
Dass es klingt.

 

 

Ihr
ANH

(kurz zurück in der Arbeitswohnung, 10.29 Uhr)

 

 

Denn, P.S., zum “Arbeitsversuchsjournal” noch eben:
All meine Versuche gestern, es waren einige, in → die Béarts zurückzukommen, sind ziemlich kläglich gescheitert, weiterhin in der No. XXXII, der vorletzten des Zyklus. Ich kam nicht weiter, als daß mir der Schwarmtrieb von Bienenstöcken einfiel, ihr Hochzeitsflug. Aber kaum hatte ich es hingeschrieben (und recherchierte selbstverständlich weiter), erwischten mich die nächsten Gedanken an den Krebs und an meine mögliche Antwort an Li. Und dann wollte ich einfach nur hinaus — dies alles in der Parallelwelt meiner Berliner Existenz, die sich getrennt von der Durchquerung der Nefud weiterbegibt und dennoch tief mit ihr zusammenhängt, ein ständiges, durchaus andersweltsches Hin & Her zwischen den Welten und ihrer selbst. Wäre ich nicht tatsächlich erkrankt, ließe sich durchaus von Irresein sprechen oder davon, es zu werden – des poetischen, wie wir früher sagten, “Wahnsinns fette Beute”, doch letztlich Liligeias PRey, an der zuvor wir selbst gesaugt.

(Noch immer weder Übelkeit noch Schmerz, sondern reines ruh’ges Innen.
10.45 Uhr)

Krebstagebuch, Tag 20. Dienstag, den 19. Mai 2020: Chemo I (Phase 1)

[Arbeitswohnung, 5.18 Uhr
→ Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 5 B-Du
Erster Latte macchiato]

Die erste Pforte – eine Enge eher von hohem, massivem Fels, die in meine persönlich Nefud führt, wie ich die heute beginnene Chemotherapie mit Lawrence nennen will – … diese nichtPforte also unterscheidet sich insofern von jener, die uns Dante hintertrug, als sie weder eine durch den Herabsturz Luzifers entstandene kreiselförmige Einsenkung des Erdinneren ist, noch gar gibt es sie anders denn daß sie alleine gefühlt wäre. Und ohne deren oberen Abschluß kann sich auch die berühmte Aufschrift nicht tragen:

LASCIATE OGNI SPERENZA, VOI CH’ENTRATE!

Wir sollen die Hoffnung hier ja bekommen, müssen halt nur → durch die Nefud hindurch. Wozu es, um die Kraft aufzubringen, des ganz anderen Ausrufs bedarf:

VOI CH’ENTRATE, COGLIETE OGNI SPERANZA!

Nur ist hier nicht leicht Luft zu holen, die überdies so heiß ist, daß sie in den Lungen brennt; man bekommt sie kaum durch die Luftröhre wieder hinaus, geschweige zu einem Ball von genügender Lautkraft geballt. So ging es jedenfalls mir, → gestern, im Vorbereitunsgespräch zu dem, was nachher – → nach FLOT – gleich beginnen wird,
Vier heftige Medikamente mit durchweg unguten, möglicherweise extremen Nebenwirkungen; dazu Nebenmedikamente, die sie ab- und auffangen sollen. Vier je zweiwöchige Zyklen, zu je deren Beginn die Stoffe dem Körper in einer ungefähr vierstündigen Liegung zugeführt werden, und jeweils einen Tag trägt man eine kleine mit dem implantierten Bioport verbundene Pumpe am Gürtel, die dem Körper den Wirkstoff nach Art eines Tropfs zuführt, langsam also, sanft, ohne zu reizen. Jedenfalls verspricht man es sich so.
Mit Abschluß der vier Zyklen oder Phasen, nach acht Wochen mithin, sei der Patient (im Dschungelfalle ich) in aller Regel für die Operation bereit. Die Erfahrungen mit FLOT seien ausgesprochen gut; er, mein Onkologe, habe schon erlebt, daß der Chirurg gar keinen Tumor mehr gefunden habe, als er nach den acht Wochen habe operieren wollen. Mein Krebs sei heilbar, davon sei er, mein Onkologe, überzeugt. Durch die Wüste müsse ich nun aber. Ich wisse doch, daß Aqaba … wie??, von der Seeseite aus? ––– absolut unmöglich! Nein nein, es geht nur durch die Wüste. Wobei … nun jà, ss stimme schon, daß den Leuten bisweilen die Fingernägel ausfielen auf diesem langen Marsch, oft sogar am ersten Tag schon. Deshalb bekomme man gleich zur ersten Behandlung spezielle Handschuhe übergezogen, die so etwas verhinderten. Bei den Füßen sei es ja nicht schlimm.
Das verschlug mir den Atem.
Die Füße? Meine Füße??? Füße gehören ins → Zentrum meiner erotischen Lust, seit je, je, je, je her! Nirgends bin ich derart empfänglich, derart sinnlich zu erregen. “Also hören Sie mal!”
Mein Horror war ihm fremd. Ebenso wie, daß mir Haarausfall, Schleimhautentzündungen, Darmprobleme sehr viel weniger bedrohlich vorkamen, also -kommen. Sie greifen nicht mein Selbstbild, nicht meinen Stolz, nicht meine Ästhetik an. Aber häßliche Füße? Ganz, ganz furchtbar. Ein Grund, sich für alle Zeiten wegzuschließen.
Aber weiter: In höchst seltenen Fällen komme es auch zu Herzinfarktenm jedenfalls etwas ihnen sehr ähnlichem: bei entsprechenden Anzeichen sofort Alarm schlagen. “Kommt aber wirklich nur bei einem von zehntausend vor.” Beunruhigtr mich auch nicht, nicht wirklich. Nur das mir den Finger-, vor allem mit den Fußnägeln. Aber, dachte ich dann, sind nicht dem Messemer auf seinem Everest die Zehen gar ganz abgefroren?

Es sind diese, ja, Bilder, woran ich mich nun orientiere. Was mein Selbstbewußtsein stolz hält. Und eine enorme Neugier, von der ich nicht recht weiß, ob sie die meine oder von jemandem anderes inszeniert ist, einer andere, die wir namentlich nun kennen, zumal sie gestern von Frau von Stieglitz → in einen nochmal anderen Zusammenhang gestellt wurde, über den ich mich morgen äußern will; heute werde ich es vermutlich nicht mehr schaffen. Man sei, hieß es gestern in der Beratung, nach der Sitzung, nun jà, “Liegung” schon deshalb sehr erschöpft, weil anfangs ein starkes Antihistaminicum gespritzt werde, das zu enormer Müdigkeit führe. Deshalb muß ich heute mittag auch abgeholt werden; “einfach so” lasse man mich in dem Zustand nicht auf die Straße. Am besten sei ein Krankentransport. Was ich entschieden verweigerte. Ich lasse mich vor die Arbeitswohnung mit sowas nicht bringen, auf gar keinen Fall.
Also herumtelefoniert. Nun holt Ricarda Junge mich ab, die nahe mir vertraute Kollegenfreundin.

Ich habe noch gar nicht vom Kribbeln geschrieben, einem in Finger- und Zehenspitzen. Eine Nervenschädigung. Dazu aber später noch vielleicht. Ich möchte diesen Eintrag in Der Dschungel stehen haben, bevor ich aufbrechen werde.

[Schostakovitsch, Sreichquartett c-moll op. 110]

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[Onkologie 9 – 13 Uhr, ambulant]

Phase I (von IV): Infusionstag

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[Arbeitswohnung, 16.34 Uhr
Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 13 b-moll]

Gut und wohlgelaunt zurück. Der Bericht folgt dennoch erst morgen. Denn erst einmal mußte oder wollte ich meine Siesta halten, dann war anderes Einiges zu tun, und ich möchte nicht hetzen. Allerdings auch morgen wieder Arzttermine, erst bei meiner Hausärztin, dann erneut dem Onkologen, weil ich ihm die Pumpe zurückbringen muß, von der, was sie ist, ich Ihnen, Freundin, ebenfalls erst morgen erzählen werde (während ich dieses schreibe, tröpfelt’s sanft in mich weiter noch hinein). Dennoch ist der Zeitlauf morgen relativ ruhig, bei der Hausärztin muß ich erst um 11.30 Uhr sein, eine halbe Stunde später allerdings ziemlich flugs aufs Rad.
Das in Deutschland in der 5-mg-Dosierung nicht mehr erhältliche und deshalb in den USA bestellte Melatonin ist angekommen. Da bin ich jetzt aber, heut für die Nacht, sehr gespannt.

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