Der Wolpertingerroman als Raubfile.

An sich ist sowas ja ehrenvoll, weil es zeigt, daß ein siebenundzwanzig Jahre alter Roman nach wie vor — lebt, auch wenn die Angelegenheit-selbst nur schwerlich mit dem Urheberrecht in Einklang zu bringen ist. Geschädigt, nun jà, in Maßen, ist mehr als Autorin oder Autor der Verlag, der’s allerdings verabsäumt hat, von sich aus ein eBook auf den Markt zu bringen.
Jedenfalls, nachdem mich ein Google-Alert auf die Site hinüberführte, überlegte ich einen Moment lang, ob ich mich direkt dort selbst kommentierend einlassen sollte, und zwar dahingehend — wie ich’s nun Ihnen, Freundin, mitteile —, daß ich noch einige Exemplare der dtv-Ausgabe des Jahres 2000 hier als Vorrat liegen habe, die ich Ihnen und anderen Interessentinnen und Interessenten sehr gerne zum Erwerb anbiete, dann selbstverständlich signiert und vielleicht noch handschriftlich mit einem zusätzlichen Motto versehen:

Alban Nikolai Herbst
WOLPERTINGER ODER DAS BLAU
Roman
dielmann 1993 | dtv 2000
1017 S. in handschmeichelnd weichem Umschlag gebunden
20 Euro (plus Porto) | Bestellen

Leider ist mit Erscheinen von THETIS und den darauf folgenden beiden weiteren Bänden der → ANDERSWELT-Trilogie das Buch unterdessen deutlich in den Hintergrund gerückt, wiewohl es in seiner einerseits höchst verspielten Manier, andererseits der miteinander amalgamierenden teils quasi-klassizistischen, teils modernen Erzählformen, nicht zuletzt aber seines Witzes wegen ein für meine Poetik nach wie vor entscheidender Baustein ist,  der sinnlich das entwickelt, was mit der ANDERSWELT-Serie, zu der auch dieses Literarische Weblog gehört, kybernetischer Realismus genannt werden mußte.

Ursula Reber schrieb zum WOLPERTINGER:

Dort kehren Erzählstränge in variierten Sequenzen immer wieder, so dass auf geringem Raum ein Reigen an Möglichkeiten entsteht, die sich teilweise nur in winzigen Details wie einer Zimmereinrichtung oder dem Ablauf eines Dialogs unterscheiden. Die Erzählweise in wiederholten Sequenzen, in vermehrten Rückgriffen und im Ineinanderspielen gleichzeitig stattfindender Erzähleinheiten versinnbildlicht ein Erzählen gegen die linear und unumkehrbar fortschreitende Zeit, in der eigentlich nichts wiederholbar, revidierbar, korrigierbar ist. Der Reigen des wiederkehrenden Ähnlichen, der Variationen von Grundmotiven wird hier durch eine ausgedehnte Gleichzeitigkeit, durch das Übersetzen von Zeit in Raum ergänzt.
Ursula Reber, Avatarische Intensitäten, in: Panoramen der Anderswelt,
die horen Nr. 3/2008

Ganz anders hat es Wilhelm Kühlmann gelesen:

(…) was hier in mehr als zehn Jahren geschaffen wurde, läßt die Arbeit des Schreibens vergessen und verbreitet ein Fluidum der Schwerelosigkeit, ja manchmal fast die Aura eines Gegenwartsmärchens, das eher Niebelschütz huldigt, als daß es verschwitzte gesellschaftliche Relevanz demonstrieren möchte. (…) Ich stehe nicht an, diesen Roman für ein gewichtiges, vielleicht sogar bleibendes Zeugnis unseres Jahrzehnts zu halten.
Wilhelm Kühlmann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28./29. 5. 1994

Was nun noch einmal das Raubfile anbelangt, so war Dielmann – dem ich die Angelehenheit selbstverständlich mitgeteilt habe – in der Tat nicht sehr glücklich und riet mir, falls ich tatsächlich auf der entsprechenden Site kommentieren wolle, unbedingt folgendes hinzuzusetzen, andernfalls ich den Verstoß billigend hinnehmen würde:

Es handelt sich beim Verkauf jeglicher E-Versionen von »Wolpertinger oder Das Blau« auf diesem und anderen Kanälen um Verstöße gegen das Urheber- und Verlagsrecht.

Ich werde dort kommentieren, aber indem ich alleine den Link auf diesen Beitrag hier lege.

ANH

Eine Neuauflage des vergriffenen, selbst im Modernen Antiquariat schwierig zu bekommenden Buches ist schon seit einiger Zeit im Gespräch; bis sie sich realisiert haben wird, wird aber noch mehr Sand durch ein Stundenglas rinnen, das auf Jahresfassung designt ist. Für Wikipedia, übrigens, hat ein AxelHH → dort eine recht brauchbare Zusammenfassung geschrieben.

Das Arbeitsjournal des Freitags, den 21. Februar 2020. Darinnen Béart, Ramuz und Puschkin (ff), die Homosexuellenehe und alleinerziehende Mütter, Norbert W. Schlinkert und Faustkultur, sowie die Erhöhung des Eros.

[Arbeitswohnung, 8.20 Uhr]
[France musique contemporaine:
Bernard Permigiani, Pour on finir avec le pouvoir d’Orphee]
Erstaunlich gut vorangekommen, obwohl mich derzeit immer wieder der Magen attackiert, besonders nach dem Essen abends (ich nehme derzeit fast nur einmal am Tag eine Mahlzeit ein, dafür rauche ich leider wieder sehr). Doch der Arbeitsschub will durchgestanden auch dann sein, wenn gerade die Béarts nicht fließend, sondern Vers für Vers oft über Stunden hin entstehen. Dennoch, in dieser Woche gleich zwei der Langgedichte fertigbekommen, die Nres → XXX und XXXI, die ich jetzt neu mit XXIX und XXX beziffre, weil ich die beiden Sonette, das shakespearsche und das petrarcasche der Nres → XXV und → XXVI, formaler Überlegungen als 1) und 2) wegen zusammengelegt habe, sie aber auch thematisch eng verwandt sind. So sind nun also noch drei Gedichte insgesamt zu schreiben, bis DIE BRÜSTE DER BÉART im Entwurf tatsächlich fertig sein wird — nach unterdessen neun Jahren … beinah nicht zu fassen! Aber der Zyklus “spiegelt” tatsächlich, was in dieser langen Zeit, und wie, unter Verwendung welch rhetorischer, sanfter ausgedrückt: politischer Suggestions-, aber auch Bedrohungsmittel  es – euphemistisch gesagt – in Verruf geriet und zeigt ebenso deutlich, weshalb meine Poetik so sehr auf “Überhöhung” und Hymnus für den Eros besteht, nämlich was wir verlören, ginge dies uns verloren. Um so schärfer geriet denn die jetzige No XXX, die ich gestern in Facetime → Phyllis Kiehl vorlas, die beinah ein wenig ob solchen, wie sie es nannte, Desillusioniertseins erschrak. “Die anderen Gedichte mag ich lieber.” “Ich auch. Aber es muß deutlich werden, was auf dem Spiel steht.”

Dazu nur folgendes Geschehen, das offenbar kaum jemandem bewußt ist (mir, der ich’s ebenfalls nicht wußte, erzählte es eine Autorenfreundin, die von dem Vorgang – wie zehntausende weiterer alleinerziehender Frauen – direkt betroffen ist):
Als es um die Anerkennung der Homosexuellenehe ging, lag noch ein weiterer Gesetzentwurf auf dem Tisch. Es galten und gelten nämlich nichtverheiratete Frauen, die mir ihren Kindern zusammenleben, nicht als Familie. Wären sie vor der Trennung verheiratet gewesen, wäre dies anders. Statt dessen werden sie als “Bedarfsgemeinschaft” eingestuft, was bedeutet, daß sie keinen Familienzuschlag bekommen. Dies sollte sehr zurecht geändert werden. Ward es aber nicht. Sondern die Vorlage zur Homosexuellenehe wurde gegen die Interessen der ledigen Mütter und also auch ihrer Kinder quasi ausgespielt. Aus fiskalischer Sicht: Wenn das eine, dann nicht das andre, es käme den Staat sonst zu teuer.
Die Frauen verloren schon deshalb, weil die zusätzlich ja oft ganztags berufstätigen Mütter überhaupt nicht die Zeit haben, auch Lobbyarbeit zu verrichten; wahrscheinlich sind sie oft auch noch aus anderen, etwa Bildungsgründen, dazu nicht in der Lage. Die Homosexuellenbewegung, vom intellektuellen Mainstream und der queerBewegung getragen, war es aber sehr wohl.
Nein, ich bin nicht gegen die Homosexuellenehe, aber daß ihr gegenüber alleinerziehende Frauen und ihre Kindern derart zweit-, wenn nicht drittrangig wurden, zeigt, welch Abwertung die geschlechtliche Fortpflanzung insgesamt unterdessen erfahren hat — als quasi direkte Folge der Aufweichung chromosomer Geschlechtsbestimmung, nämlich der Abwertung unseres Biologischen “zugunsten” vorgeblich ausschließlicher sozialer Bestimmtheit von Gender. Daß ich das – allerdings wohl kaum bewußte – “Ziel” als eine Entwicklung zur Hinwendung allein noch (gen)technischer, mithin programmierbarer Replikantenproduktion verstehe, mögen Sie nun, Freundin, für eine “Verschwörungstheorie” halten oder nicht; ich schrieb ja schon einmal, daß mit denen das Problem sei, daß sie zuweilen — recht hätten.
Unterm Strich aber ist die gesetzliche Entscheidung de facto ein Skandal und ziemlich bezeichnend, daß er nicht wirklich von journalistischen Interesse war, auch sonst öffentlich kaum diskutiert wurde und jedenfalls der Mehrheit nicht zu Bewußtsein kam.

Also die Béarts. Dann las ich, und schrieb nun für Faustkultur auch drüber, Norbert W. Schlinkerts Tauge/Nichts, soeben bei etkbooks erschienen. Wann meine Rezension erscheinen wird, weiß ich freilich noch nicht. Das ist üblich. Auch zu meinen Erzählungen liegen, soviel ich gehört habe, noch zwei längere Rezensionen auf Halde, diese allerdings verfaßt für Printmedien, die ja objektive Platzgründe haben. Und ich habe Sabine Baumanns Eugen Onegin-Übersetzung zuende gelesen, quasi jeden Tag zwei Kapitel.
Dabei kam mir die Idee, den ausgesprochen bildhaften, fast filmisch auf mich wirkenden Versroman nach und nach in kleinen Videoclips einzusprechen, ähnlich, wie ich es mit eigenen Stücken in der Serie  → ANH spricht Tag für Tag gemacht habe. Freilich konnte ich nun nicht selbst entscheiden, sondern brauchte sowohl vom Verlag, der die Rechte innehat, nämlich Rowohlt (obwohl das Buch selbst bei Stroemfeld erschien), die Genehmigung, wie ich sie aber auch von der Übersetzerin selbst haben mochte. Ergo schrieb ich beide an, bei Rowohlt mit dem Hinweis, ich könne schwerlich für die Rechte anders als mit meiner Leidenschaft zahlen, und mit meinem Können. Und tatsächlich, beide gaben mir innert zweier Tage den Zuschlag. So will ich mir nun also eine Gestaltungsform überlegen, die dem Puschkin angemessen, zugleich poetisch ist. Möglicherweise ziehe ich meinen Sohn mit hinzu, der mittlerweile einige Erfahrung mit Videoschnitt und -produktion hat. Die Klangregie allerdings will ich selbst führen.
Wenn die ersten Clips “stehen”, werde ich sie selbstverständlich nach und nach auch in Die Dschungel stellen.

Auch mit der → Nabokovlesen-Serie ging es weiter; heute will ich an die Nr. 23, die einer kleinen Erzählung gewidmet sein soll, in die ich mich sofort verliebt habe, was sich gestern, als ich die Geschichte ein zweites Mal las, noch vertieft hat. Welche es ist, schreibe ich Ihnen, Schönste, noch nicht.
Dafür war denn doch beklemmend, daß Ror Wolf gestorben ist, von dem hier rechts neben meinem Schreibplatz zwei für mein Werk maßgebliche Bilder im Original hängen (eines ist in meinem → “Abakus” als Foto wiedergegeben, das andere findet sich in der nur noch antiquarisch erhältlichen, umfangreichen horen-Ausgabe zur Anderswelt-Trilogie). Wir hatten nie viel persönlichen Kontakt, bis auf zweidrei Begegnungen eigentlich gar keinen, aber er erlaubte mir, in eines der beiden Bilder selbst etwas einzumontieren. Wenn Sie sich die Abbildung anschauen, werden Sie vielleicht erkennen, was.

Nebenbei kamen noch zwei Aufträgchen der Contessa für den Anfang April, und ich schlug mich einmal mehr mit administrativem Müll herum, doch so notwendig wie dessen Entsorgung. Dazu diese Magenattacken, die mich zweimal sogar eine ganze Nacht kosteten. Dennoch schiebe ich den Besuch beim Magenspiegler noch hinaus, zum einen aus Zeitgründen, zum anderen habe ich einigen Respekt vor solch einer Prozedur. Die → seinerzeitige Darmspiegelung fand ich noch, auch wenn sie schmerzhaft war, witzig, jedenfalls interessant, weil ich auf dem Screen ja alles mitbekam und davon ziemlich fasziniert war; die Vorstellung indes, wenn auch nur empfundenermaßen keine Luft zu bekommen, bereitet mir latenten Horror, ebenso, möglicherweise dauernd würgen zu müssen. Darüber ginge mir, fürchte ich, mein fasziniertes Interesse doch ziemlich verloren. Andererseits hat die Darmspiegelung nun sogar Eingang in eins der Béartgedichte gefunden, die Prozedur könnte also im Nachhinein von auch poetischem Wert sein. Wie auch immer, uneingestandenerweise (: dies sogar, obwohl ich’s hier schreibe — solch paradoxe Geschöpfe können wir sein) ahne ich ein Magengeschwür. Verwunderlich wär es nicht, und die Symptome, alle, stimmen mit so etwas komplett überein. Ich sollte mich also durchringen.

Ach ja, und für Arco war noch dies und jenes durchzusehen. Dort steht die Wiederauflage, besser: Wiederherausgabe eines hinreißenden Romans von C.F.Ramuz an, nämlich Die Schönheit auf der Erde von 1927 — ein, ich kenne es, stilistisch geradezu berauschendes Buch, wie fast alles, was ich von Ramuz unterdessen kenne. Jedenfalls ging es um ein Nachwort, das ich lektorierte, dann noch um den Klappentext.

Die Tage also sind gefüllt. Was mich hinreichend davon ablenkt, daß mich dieses nun schon ziemlich währende Dasein ganz ohne Frau, ich meine nicht “Freundinnen”, die ich ja habe, chronisch melancholisch sein läßt. Ohne Sex zu leben, bekommt mir, dem er sogar poetisch stets essentiell war, auch körperlich nicht; man wird nachlässig gegenüber dem wichtigsten, das wir haben. Und zu wissen ist bitter, daß meine Einsamkeit letztlich nur daher rührt, kein Geld zu haben (um von – finanziellem – Vermögen zu schweigen). Ein bißchen mehr Bekanntheit würde ebenfalls helfen. Ist halt nicht. Doch umso mehr besinge ich erotische Madonnen, kehre die Bedrückung quasi um und halte fest an dem, was ich glaube und erlebt habe. Außerdem, immerhin, sprech ich ja ständig mit, Geliebte, Ihnen, und Sie … Sie  flüstern mir unentwegt zu. (Daß “man” mir, sowie die Béarts denn erschienen sein werden, Altmännergeilheit vorwerfen wird — geschenkt. Wer lesen kann, wird lesen und verstehen.)

Ihr ANH

{Zweiter Latte macchiato, zweiter Morgencigarillo]
[France musique contemporaine:
Georges Bœuf, Douleurs de l’amour op.37]

11.10 Uhr
Und soeben, während ich diesen Text korrigiere und mit den Links versehe, ruft → meine Lektorin, die tief Vertraute, wegen der Kieler Lesung im Mai an, und wir führen ein sofort wieder innig-intensives Gespräch, vor allem unmittelbar über die Béarts, und ich lese ihr die gestern zuende entworfene Nr. XXXI vor, und sie mag sie sofort, gibt sich sofort mit hinein. Mitte März, schätze ich, wird sie das gesamte lektoratsfähige Typoskript bekommen, und jetzt — freut sie sich drauf. Sie verstand unmittelbar, was ich in dieser XXXI tat. Natürlich will ich auch, daß sie die französische Übersetzung begleitet, die entstehen soll und auch wird.

Aus Anlaß seines Todes noch einmal der
ABAKUS FÜR ROR WOLF

Schöffling & Co. teilen zu auch Der Dschungel Trauer mit:

Bild aufgrund eines Urheberrechtsein-
spruchs
gelöscht. Statt dessen auf das-
selbe Foto hier ein → LINK.

[Foto (Ror Wolf): © dpa]

Ein Dunst liegt über Dakota,
und über Nevada liegt Rauch
und Qualm über Minnesota.
Am Ende liege ich auch.
Ror Wolf: Das nordamerikanische Herumliegen. 2005

 

Wir trauern um Ror Wolf, der gestern im Alter von 87 Jahren nach langer Krankheit in Mainz gestorben ist.

Ror Wolf wurde 1932 in Saalfeld/Thüringen als Richard Georg Wolf geboren. Nach dem Abitur verließ er 1953 die DDR. In Westberlin und später in Stuttgart arbeitete er als Straßenbauarbeiter, Zeitschriftenvertreter, Druckereihilfsarbeiter und Angestellter einer Werbeagentur. Von 1954 bis 1961 studierte er Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie in Frankfurt am Main, Hamburg und wieder in Frankfurt (unter anderem bei Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Walter Höllerer). Seinen Lebensunterhalt verdiente er in dieser Zeit als Mitarbeiter verschiedener Marktforschungsinstitute.

Ab 1957 veröffentlichte er in der Frankfurter Studentenzeitung Diskus Prosa, Gedichte, Bildcollagen, Aufsätze und Kritiken. Von 1959 bis 1963 leitete er das Feuilleton des Diskus. Von 1961 bis 1963 war er Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk und verantwortlich für das Studio für neue Literatur. Ab 1963 lebte er als freier Schriftsteller. Er verfasste neben Lyrik und Prosa auch Hörspiele und Radio-Collagen und machte sich auch mit seinen Bildcollagen einen Namen. Sein gesamtes Werk ist vom Spiel mit der Groteske geprägt.

***

Aus diesem Anlaß hier noch einmal den in Der Dscbungel bereits im November 2018 eingestellten, für die horen geschriebenen und dort in der Nummer 241, Ausgabe 1/2011 erschienenen

 

Abakus für Ror Wolf

Fliegende Fische über den Rücken der Gouvernanten, deren eine uns, auf einem anderen Bild, mit einem zu großen Auge betrachtet, derweil eine Spritze aus des Mädchens Ohr den Saft zieht – verborgene Säfte mit Benn, der oben Bläue sah, doch unten wimmelnd Getier. Verborgenes sichtbar zu machen: die Chinesische Mauer als Raupe und Wasserfälle, die sittliche Damen bespritzen, deren glücklich Mutteraug einen riesigen Fischkopf besieht, Struwwelpeter, Käptn Marryat und Jules Verne. Wie Tarzan springt übern Teich HansguckindieLuft an Liane.

Wirklichkeitsverschiebung, um Wirklichkeiten zu durchdringen: hier wirkte zu Anfang Max Ernst. Ror Wolf bedient sich der bürgerlichen Enzyklopädien der Gründerzeitgesellschaft: die Industrialisierung hat in ihre Ästhetisierung gefunden, selbst der Stahlelefant ist zitiert. Was aber bei Verne die Lebensrahmen letztlich befestigt – Technik als verläßliche Form, da ist für Pessimismus kein Raum -, löst Wolfs Montagetechnik auf und zeigt das Ungeheure. Ein wimmelnd Getier nun der Gegenstand selbst, als verdinglicht sichere Ware. Dieses Sicher ist aber nur scheinbar, denn die Objekte schützen nicht länger, vielmehr öffnet ein jedes gefährliche, doch auch gefährdete Räume. Von Traumlogik ließe sich’s sprechen, wäre die nicht, aus dem Standpunkt des Materialisten gesehn, eben jene Psychose, die aus den Korsetts bricht und mit der feinen Grausamkeit wirkt, die nahezu immer dem Charakter der Meisterschaft eignet. Nicht beliebig sind diese Bilder aus Objets découpés komponiert, sondern vermittels einer unheimlichen Folgerichtigkeit, die bei Ror Wolf zugleich die Leichtigkeit einer poetischen Verklärung hat – einer freilich des Seelenlosen, weil vom Fehlen der Seele erzählt wird. Nicht der Seele des Ganzen, der „Natur”, wohl aber der des Subjekts. Aus diesem Grund macht so vieles den beklemmten Eindruck der Gemütlosigkeit. Auch das paßt zur Psychose, wie freundlich das ist und wundert sich nimmer, nicht übern Geier im ausgeplüschten Schlafraum, darin ein Mädchen der zugeneigten, aufs Bett geworfenen Freundin aus einem achtsam gefalteten Brief vorliest, sicherlich mit gedämpfter, samtener Stimme, nicht über die Möve, die selbstbewußt den Kolonialismus betrachtet, eine negroide, sehr junge Frau, Dienerin wohl in gutem Hause und Harem und so auch geschmückt, da sie doch einst Prinzessin zu Saba gewesen. So auch reicht, noch in Fleisch, dem Betrachter im Gehrock halbnackt die Pharaonin den Stab wie zur lockenden Abwehr, da sie doch Statue ward. Er, ohne Erregung, hält seinen Arm sich im Rücken; die Hand dabei liegt auf dem Strumpffuß der Dirne, die unterm Umhang versteckt ist. Daran, im Zentrum, geht es, das Paar, fast zugrunde – als Paar, und zwar an der Gesittung der vielen Services für Tee und Kaffee; z u vieler, als daß sie noch dem gemeinsamen Frühstück könnten dienen. Wo fand die Frau das Billett, das sie dem Mann da abgewandt reicht, und enttäuscht? In dem Gemälde rechts oben erwartet Salomés Mund seinen Kniefall.

Es lohnt sich bei Wolf, zur Lupe zu greifen: Ottomar Anschütz, Lissa (Posen) – doch aus der Platte mit Schlitzverschluß schlängelt kein Auslöserkabel; vielmehr ist’s ein Gummischlauch mit dem Balg des Klistiers. Vieles bei Wolf verweist aufs Organe, und überall finden wir Spuren des Todes, der nicht einfach „Weg!” ist, „Vergangen!”, sondern Verwandlung durch Würmer, wo sich die Welt, scheinbar, fixiert hat. Das spiegelt Bedrohungen wieder, zugleich aber auch die naive, teils überhebliche Beruhigung des Personals. Sie ist unsere Beruhigung geblieben. Der Mensch bei Max Ernst bemerkt noch, was ist; er erschrickt oder will auch die Unheil1. Ror Wolfs Personen aber sehen meist gar nicht, was vorgeht. Es ließe sich denken, die Unheil, wenn sie auch zufaßt, erreicht die Wirklichkeit der Betroffenen nicht. So brandet die Welt um sie herum und schäumt durch die Zimmer, darin die Familie den Bratapfel ißt und hört im Kachelofen das freundliche Feuer. Über den Plafonds liegen Echsen. Wir gehn durch sie durch, als merkten sie uns nicht, da auch wir sie nicht merken. Da stand der Weltkrieg schon vor der Tür.

Bereits Ernsts Zyklus des Karmelitermädchens2 ist, wie die Hundertköpfige3 vorher, ein Bildroman. Die Collagen der Hundertköpfigen kennen Bildunterschriften, die allerdings den Character höchst freier surrealistischer Assoziationen haben. Wolf hingegen, als Raoul Tanchierer im Widerstreit mit Klomm, bindet die Druckausgaben seiner Collagen in „Welt- und Wirklichkeitslehre” genannte Enzyklopädien ein, die ihre politische Bedeutung jenseits des surrealistischen Aufstandes haben. Das gibt ihnen eine Zeitlosigkeit, die Max Ernst so noch nicht gestalten konnte. Die gründerzeitliche Bildwelt, meist aus ihrerzeits populären und popularwissenschaftlichen Publikationen geschnitten, ist bei ihm fast noch Gegenwart, aber für uns, wenn auch nur scheinbar, vergangen. Wolf erzählt ihre Latenz bis in die achtziger Jahre des Homo oeconomicus4. Aus Mon petit Mont Blanc5 wird ein Sexualakt halbantiker Figuretten vor einem Klassenzimmer, aus dem ein androgyner Jüngling auf den Quirinalspalast schräg hinaussieht – aber auch hier nicht etwa erschrocken, sondern so gleichmütig, daß man die Verdrängung der Triebe geradezu sieht. Und über riesige Quallen rudern zwei Männer ganz ebenso unbetroffen hinweg. Doch einmal, da bricht – das Bild hängt als Original bei mir an der Wand – die unterseeische Welt, die unter der Stadt lebt, überseeisch ins Haus und birst alle Scheiben: Wasser wird Feuer. Losgelassen das Element. Da nun endlich, aber vergeblich, fliehen die Menschen. Und als das Meer durch eine Hauswand bricht, sich in gischtendem Sturzfall ergießend, auf dem ein Schiffbrüchiger gleitet, verlassen die Ratten das Haus, aus dem es den Ausweg gar nicht mehr gibt. Wehrlos klagt eine Frau da zum Himmel: Eine Pietà, aus ihrem eigenen Blicken betrachtet, das das der Hysterie ist. Doch wer das träumt, ist ein Mädchen in züchtigem Kragen, wiederum am Lerntisch. Aus einem Buch sieht es auf. Die Verklemmung, die alle Melancholie an ihrem Grund denn auch ist, verrät sich in der Gewaltfantasie: überwältigt werden, endlich. Niedergerissen werden. Denn das Bürgertum sammelt: – seine Kategorien, seine enzyklopädischen Gattungen, Arten, Register, die etwa Wolfs Sprachpoesien ironisch bis bizarr unterlaufen, sind Deiche, die es noch und wiederneu aufschütten, in jedem Fall ständig befestigen muß. Dabei treiben vor dem Garten der Villa die Uhren in dem Fluß längst vorbei, den das Geländer nicht kanalisiert. Es geht auch am Bildrand, dem linken, fast unter. „Daß aus den Anstalten entlassene Rettungsschüler sich mit Pistolen, Revolvern, Teschings bewaffnen, ist kein Geheimnis”: so weiß Tranchirer zu erzählen6. „Sie halten Schießübungen ab, lärmen nachts auf den Straßen, leuchten den Leuten mit Streichhölzern in die Gesichter, schlagen ihnen die Hüte vom Kopf und werfen den Damen Feuerwerkskörper unter die Kleider.” Der einzige Widerstand gegen die Unheil, der noch erlaubt ist: ungezogen zu sein. Harmlos im Rahmen der Verwarnungsgebühren für Ordnungswidrigkeiten. Noch die Vergeblichkeit unserer gewaltfreien Demonstrationen bezeugt das.

Während Ernst kombiniert und mit emphatischer Lust übersteigert, seziert Tranchirer. Er tranchiert. Seine Perfektion ist darum kühler, als es Max Ernstens Spieltrieb war. Nicht wenige Schnipsel tragen noch Spuren der Kartographie; meist sind es Zahlen, die auf ein Lehrbuch verweisen. Immerhin geht’s ihm, Tranchirer, um Wirklichkeitslehre. Mit Max Ernst teilt sie sich die Zusammenhangsdurchstoßung, wie abermals Benn dies genannt hat. Doch eigene Bildelemente, die jenem den möglichen Ausbruch markieren, fehlen zugunsten einer nahezu absoluten Hermetik. Man erkannt das am Verschwinden des Schnittes – der Ränder, die man nicht sieht. Nirgends, Geliebte, wird Welt sein als innen. Nur in ihr, im Fräulein im Turm, toben die Orkas; dort ist die Stubenfliege größer als der Kopf einer Frau, und ein fliegender Aal mit dem Haupt einer Tulpe will sie, die Fliege, sich schnappen. Dabei bleibt dieser Turm immer nur Kerker: Piranesi, doch ohne Labyrinth. Zwei Mädchen tanzen im Ochsenjoch diszipliniertes Ballett unter den Strahlen der Freiheitsstatue. Ihr Herr im Anzug schaut zu, das Laken rechts unterm Arm vor der Spinne, der denkend ein drittes Mädchen folgt, aber weit, sehr weit sehen wir in den von Booten bevölkerten Hudson hinein. Unten indes schließt das Bild mit Gebirge, verschneitem, der baren Mädchenfüße uneingedenk. So grausam geht’s immer zu. Denn was wir nicht sehen, beherrscht uns. Die wissenschaftlichste Aufklärung im Positivismus befreit die Handelnden nicht, da sie nicht anders handeln, als daß sie Waren tauschen können, wie auch ihr Wissen. Sie sehen nicht an Schote und Spargel, was sie denn wirklich an ihnen entzückt. So daß der Palazzo wie die Fabrik im Meer schon versinkt.

Bezeichnend oft auch der Himmel, der Raum in der Leere. Ernsts Deux jeunes filles se prommènent à travers le ciel von 1929 kehrt nahezu wörtlich über einem Erdball zurück, der vom Mond aus wirkt wie der Mond: zwar schweben die Mädchen, aber sie sind dirigiert; das Versprechen gegen den Blitz bei Ernst, dessen Doppelfahrrad in futuristischem Sinn Technik noch positiv ist, wird bei Wolf zur Schwebefantasie und auf ein Jenseits verwiesen; es fehlt sogar die Erdung, die Ernsts Gefährt noch kennt. Wolfs ästhetische Perfektion wird symmetrisch Lackierung. Selbst die ertrunkne Ophelia, auf einem andern Bild, wird noch vermessen: für den Corpus steht schon, auf einem Podest, ein großer Vogelkäfig bereit, derweil der Liebhaber angelt. Dasselbe Tretgefährt kehrt auf einem Abendbild wieder, nun von dem Herrn gefahren; unter ihm, ockern, die Geometrie eines teils Hauses, teils Schranks aus Brettern für Regale. Völlig fremd steht das an Ufer und Hang als letzte Sicherheit dem Blick, den die überrealen Tuben einer Weltraumpflanze frappieren, die von rechts vorne ins Bild schwebt: so kraftlos ihre Beinchen in der Form erstorbener Kerbtierwurzeln am gedrungnen Raupenleib. Doch dieses, einzig, lebt da. So auch die Frage nach der Relevanz des Materials, das eben nicht, wie Volker Hage einmal schrieb, „ergötzlich” ist, allenfalls wirklich „erstaunlich”, aber auch dies wider den historisierenden Sinn seines schnellgeschäftigen Zuordnens: die Collagen konstellieren die ideologischen Pfähle, auf denen und die die moderne Gesellschaft gebaut hat. Sie für witzig zu halten, ist eine Verschiebung, also Abwehr – nämlich des leise ständigen Schreckens, den fast jedes Bild verstrahlt. Wir erkennen, aber wie von früher, unsere Gegenwart in der Kindheit ihrer schon da durchperfektionierten Industrialisierung wieder. Zugleich beziehen die Collagen eine seltsam schwebende Reinheit gerade aus der Abwesenheit der zeitgenössischen Warensprache. Dies verleiht ihnen Zeitlosigkeit. Es löst sie von den Entstehungszusammenhängen der Materialien gerade ab und projeziert sie auf die aktuelle Zeit des Betrachters. Daß jedes Bild Erzählung ist und nicht historischer Roman, bleibt darin erhalten. Hier verläuft die Schnittstelle zwischen Fantasy und Phantastik, Erbaulichkeit und einem Ungeheuren, das immer auch Versprechen ist. Denn uns, die Betrachter, läßt Ror Wolf es noch sehen, der mit dem strengen Blick des Adlers auf seinem toten Opfer hockt – dahinter die Sänfte der Scheherezade.

Bestellen

1) ANH, Die Unheil
2)Rêve d’une petite fille qui voulut entrer au Carmel, 1930
3<La femme 100 têtes, 1929
4) „Der ökonomische Mensch im allgemeinsten Sinne ist also derjenige,
der in allen Lebensbeziehungen den Nützlichkeitswert voranstellt.”
Eduard Spranger, Psychologie der Typenlehre, 1914.
5) Max Ernst, 1922
6) Ror Wolf, Raoul Tranchirers Welt- und Wirklichkeitslehre
aus dem Reich des Fleisches, der Erde, der Luft,
des Wassers und der Gefühle, anabas, Gießen 1990.

* [Das im Text wiedergegebene Bild steht im Eigenbesitz.]

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(In Der Dschungel ersteingestellt am 7. November 2018

und hierher nach vorne geholt.)

Aus Beth-al-Sâm, Fortsetzung mit Nono. Arbeitsjournal. Freitag, der 16. April 2010. Mit dem Ursprung der Welt.

6.15 Uhr:
[>>>> Nono: Come una ola di fuerza y luz.]

Silbern glänzten die Weiden
und dunkel vor Wärme das Holz
Wir gossen die Milch in die Wannen
zum Blut

Erinnerung an >>>> Beth-al-Sâm, Bruchstücke: wie Tatzen aber weich, niemand schrie, keiner wurde vergewaltigt, alles war Hingabe, ohne Erlösung schließlich: dennoch. >>>> Ophelia Abeler schreibt mir zu den Auszügen aus ARGO: „Meine Herrn, das ist ja mal ein Werk! Meine Lieblingspassage ist die Beschreibung Brems, seine Lebens- und Wohnsituation, die Geschichte, wie er zu seinem Beinamen “Gelbes Messer” kam.
Die Frage ist, wie man das alles, zumal das Science-Fiction-artige Szenario mitsamt seinen Charakteren, Orten und Gesetzen dem Leser unbekannt ist, verständlich machen kann – die Länge würde passen! Eine Legende? Eine Zusammenfassung des bisher geschehenen in groben Zügen? Ab- oder zugeneigt, Du?” – Zugeneigt. Logisch. Sowieso: „na logo, statt logisch”, wie >>>> Aikmeyer in Heidelberg spottete, allerdings auf den zunehmend bildungslosen Ereignishorizont der „Neuen Deutschen Universität” gemünzt.

Um kurz vor sechs auf, Latte macchiato, Morgenpfeife und eine Erektion, die den deutlichen Character eines Vektors hatte: mathematische Erregung. Wille. Man kann sich damit recht gut konzentrieren, wenn man den Vektor verschiebt. Klar, man könnte das eine Sublimation nennen; das ist es aber nicht. Sublimation moderiert, genau darum geht es (mir/meinen Arbeiten) nicht: k e i n e Beruhigung. Deshalb heute morgen >>>> der Nono. Erst wollte ich K.A.Hartmann hören, aber dachte dann, wenn ich das mit den Eingangszeilen dieses Arbeitsjournal kombiniere, kommt eine falsche, eine unbedingt zu meidende Assoziation dabei heraus.

Der Tagesablauf ist noch unklar; es ist einiges Administrative zu erledigen, vor allem sind Rechnungen zu schreiben. Dann wird es ganz sicher wieder >>>> um Hettche und den FREITAG gehen, also durchaus um FAZ ./. DSCHUNGEL via FREITAG, was nicht ganz ohne Witz ist, weil ich ja selbst bisweilen für die FAZ schreibe, wenn auch vor allem über Musik. Ich muß meinen diesbezüglichen Dschungeltext noch ein wenig modifizieren, er muß mit der verstreichenden Zeit gehen. Ans Cello will ich. Und „zwischendurch” muß Zeit für Beth-al-Sâm sein. Nachts telefonierte ich noch einige Zeit mit der Löwin, d a rüber und über anderes, das in Zusammenhang mit Netzpoetiken steht. Ich will auch wegen der BAMBERGER ELEGIEN telefonieren, nein, besser noch: im Verlag vorbeischaun und beim anderen Verlag wenigstens anrufen.

An Vergil habe ich für das Gelage, das durch die Nacht ging, mich aber schließlich am Flughafen Rheinmain erwachen ließ, keine direkte Erinnerung mehr. An Šahrzād aber sehr wohl, und an شجرة حبة, sowie an die Dienerinnen, die uns den Tee brachten. Vergil, spüre ich, beobachtete; ich m u ß das kursiv schreiben, damit sämtliche Ober- und Untertöne dieses Wortes Klang werden können; an sich ist es kein Wort, das kursiviert werden müßte. „Sie haben”, sagte Šahrzād, „von dem Kuchen genommen, den ich Ihnen gereicht habe. Sie können ihn nicht mehr ausspeien, nachdem Sie geschluckt haben. Sie müssen jetzt verdauen. Es war Ihre eigene Wahl.” Ich verstand sie erst nicht. „Wenn einer bestimmte Übertretungen begonnen hat, kann er nicht aufhören, ohne sich einem Leiden auszusetzen, das letztlich körperlich ist. Übertretungen sind, wenn sie Erfahrung wurden, irreversibel. Es sei denn, er gründet eine Religion.” „Sie sprechen verrätselt”, sagte ich. Sie tat eine fürstliche Handbewegung: so knapp hat damals Arafat dem sich neben ihm ständig herabbeugenden christlichen Lakaien gewunken: schweige! der aussah wie ein KP-Funktionär. Ein Einflüsterer war das gewesen. 2001 in Ramallah, wohin ich tatsächlich wegen eines freilich ganz anderen Artikels im FREITAG eingeladen worden war; woraus dann für den Deutschlandfunk mein Jerusalem-Hörstück entstanden ist (wer mag, kann es als CD >>>> über das fiktionäre Kontaktformular bestellen, 10 Euro bitte plus Porto). Die Wannen wurden gebracht. „Lassen Sie sich baden”, sagte Šahrzād, „ich will Ihnen zusehen.” Da stand Vergil noch bei ihr und sah furchtbar wie Arafats christlicher Ratgeber aus. Es war eine Prüfung, das Bad war eine Prüfung. Ich erinnere mich ihrer wahrscheinlich nur der Morgenerektion halber wieder: irgendwie war das Bad Nobilitierung. Šahrzād selber, selbstverständlich, blieb unerreichbar, unberührbar, aber jede der anwesenden Frauen symbolisierte sie, symbolisierte sie körperlich. In diesem Moment, jetzt, hier am Schreibtisch, verstehe ich, in welchem Umfang sie „körperlich” meinte.

Aber zurück zum FREITAG. Ich bin wieder hier, das muß ich mir klarmachen. Mein Sohn, die Zwillingskindlein, लक, auch >>>> Aléa Torik. Und >>>> Melusine. Die Arbeitswohnung sieht aus wie Sau. Ich fange an, völlig zu verstehen, was Šahrzād mit „verdauen” gemeint hat. Der Fünfte Zwischenbefund zur Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens ist liegengeblieben. Die Skizzen zur Polyamorie sind liegengeblieben. Leute, ich brauche den zweiten Latte macchiato. Die Erzählung Der Dschungel geht weiter.7.57 Uhr:
„Alles, was dich antreibt”, sagte شجرة حبة, „ist Sexualität – ob deinen Geist, ob deine Beweglichkeit, selbst, ob du kochst. Und wenn du Musik hörst, dann sowieso.” Sie hat recht. „Alles ist für dich ein Ausdruck von Eros. Du darfst nicht den Fehler begehen anzunehmen, daß das auch bei jedem anderen so ist. Das führte auf allein Seiten, auch deiner, zu Mißverständnissen und Fehlurteilen.” Wahrscheinlich hat sie recht. Selbst Zerstörungen, Erdbeben, Kriege, das Meer, die Wüste, die Dschungel erlebe ich in allererste Linie als sexuelle Erscheinungen, erst danach kommen politische und soziale Überlegungen: sie sind für mich wie Rationalisierungen, die die eigentlich wirkenden Kräfte verschleiern.

9.37 Uhr:
Sò. Jetzt steht auch >>>> die Originalfassung meiner Polemik in Der Dschungel, allerdings als Kommentar. Auch Zintzen hat begonnen, die Geschehen zu dokumentieren, >>>> wobei sie auch FAZ-Kommentare erfaßt. Ich bin sehr gespannt, ob >>>> Johannes Auer sich ebenfalls melden wird.

13.35 Uhr:
[Vor dem Mittagsschlaf nach den Wegen.]Post: Das Finanzamt stundet einstweilen einen Betrag, das Belegexemplar >>>> vom Freitag kam an, die Visacard möchte ihren Betrag, Tammen schickt mir Besprechungen des >>>> Horenbandes und >>>> Martin v. Arndt hat mir seinen Roman >>>> „Der Tod ist ein Postmann mit Hut” eingetütet. Ich darf nicht vergessen, ihm im Gegenzug, so ist es verabredet, eines meiner Bücher zu schicken; er wünschte sich „In New York”, aber ich habe, sah ich gerade, kein Exemplar mehr außer dem eigenen für mich in meiner Bücherbordreihe. Nun steht >>>> dieser Roman aber ja online, so daß Arndt es vielleicht verschmerzen und sich etwas anderes aussuchen mag.

Auf dem Fahrrad ging mir >>>> Sumuzes Kommentar durch den Kopf, vor allem eine Stelle in ihm, auf die ich hier und nicht in dem Hettche-Beitrag eingehen will; dort gehörte meine Replik nicht hin, führte zu weit vom Thema ab:Sie lieben den Gestus des Risikos, das macht sie oft amüsant und spannend, aber auch sie müssen Miete zahlen und ihre Kinder in die Schule schicken.Das finde ich ein bißchen allerhand („sie” ist nicht großgeschrieben, sondern meint „die Künstler”), denn auch ich habe Kinder zu versorgen, ohne daß ich mich korrumpiere. Dieses nicht zu tun, ist sogar Pflicht des Vorbilds. Ja, das Leben wird dadurch ein wenig weniger leicht, das ist wahr. Aber es geht doch im Kunstbetrieb nicht darum, wie unter der Securitate, daß man selbst oder die Familie tatsächlich an Leib und Leben bedroht wäre; es geht doch wirklich nur um ein bißchen mehr oder weniger Einkünfte. Sich deretwegen korrumpieren zu lassen, ist, schaut man sich andere Länder an, nicht nur peinlich, sondern geradezu ekelhaft. Daß bei tatsächlicher Lebensbedrohung manche Werte disponibel werden, rein aus Notwehr, stelle ich nicht in Abrede – wohl aber innerhalb einer Gesellschaft, in der niemand wirklich umkommen kann. Mitläuferei h i e r ist durch nichts, durch gar nichts zu entschuldigen. Und jetzt lege ich mich schlafen.

21.30 Uhr:
[>>>> Bar am Lützowplatz. Straßenterrasse.]Warten auf den Profi. Ich hab den Laptop mitgenommen, um die Hettchediskussion in Der Dschungel im Auge zu behalten: die Trolls sind wieder unterwegs. Vorher Am Terrarim bei der Familie gewesen, zu Abend gegessen, mein Sohn kam von einem Fest; >>>> Susanne Schleyer, mit der ich mich nachmittags traf, gab mir eine Serie Fotos, die sie mit meinem Jungen wie jedes Jahr, seit er zwei Jahre alt ist, im Oktober aufgenommen hat: sie stellt eine Reihe zusammen dreier gleichaltriger Kinder, die ihre Entwicklng bis zur Volljährigkeit begleitet. Spannendes Unternehmen, mein Bub ist eh eine Rampensau. Morgen, à propos, ist er bei einem Filmcasting dabei; das war nicht meine Idee. Aber ich werde ihn begleiten und bin gespannt.
>>>> D a war viel los, aber unterm Strich bestätigt sich gegen meine Meinung seine Vorausschau, es werde letztlich alles beim Alten bleiben; jedenfalls bestätigt sie sich vorübergehend&einstweilen: man muß nur mal auf der FAZ-Site schauen. >>>> Dafür melden sich beim Freitag die alten Widersacher, mit denen ohnedies zu rechnen war, wieder: Stulli ist Hadie, für den ich eine Haßnummer bin; keine Ahnung, welches Mädel ich ihm mal ausgespannt habe oder ob er nur für sich selbst aus der Ostherkunft eine innere Ethnie gemacht hat. Immerhin mäßigt er sich im Freitag, während er hier stets ordinär herumblökt.

1.12 Uhr (17.4.):
[Arbeitswohnung.]
„Was w i l l >>>> der denn?” rief der Profi aus, als er kam und hatte gerade des Stumpfrichters Kommentar gelesen. „Das ist doch ein ganz großartiger Romananfang! Da wollte ich sofort weiterlesen!”
Einen Talisker noch, bin soeben heimgekommen, auch etwas essen sollte ich noch. شجرة حبة war nicht erreichbar, ich versuchte es gegen Mitternacht. Vorher über eine Frau Dadu, eine Sudanesin, gesprochen, die dem Profi die Sehnsucht verdreht; schließlich kam seine Geliebte in die Bar, wir sprachen über Heilkunde & Literatur, auch über >>>> Dietmar Sievers und seine Haßnummer(n), sogar die Löwin kam, aber nur am Rande, diskretionshalber, vor. Ich hatte zwei Ideen für die Paralipomena, vergaß sie dann aber wieder im bißchen Alkohol, den wir nahmen. „Du kriegst noch Geld von mir, ich weiß”, sagte ich. Zum Profi. Er kriegt sogar noch v i e l Geld von mir, ich würde das nie bestreiten. Visionen sind teuer, und wenn man sie selbst nicht bezahlen kann, aber ihnen konsequent nachjagt, zahlen andere die Rechnung. Das ist in Ordnung, aber sie müssen wissen, daß man es ernst meint und die anderen nicht ausnutzt.
Ich versuch’s nochmal bei der Löwin, dann geh ich schlafen. Beth-al-Sâm ist weit weg. Aber da.

Das Foto steht drin.

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