Von der currentzisschen Pfiffigkeit ODER Wie eine gesperrte russische Bank den Ukraineopfern hilft, auch wenn sie’s vielleicht gar nicht will. Eine kleine – ohne Anführungszeichen – Querdenkerei.

[Mit einem Dank an → Schelmenzunft
für den Hinweis.]

(Christine Lemke-Matweyd o r t .)

Nun handelt es sich bei den besagten Konzerten um Benefizaufführung zugunsten der Ukraine; sämtliche Einnahmen sollen → laut dem Wiener Konzerthaus als Spende für die leidende ukrainische Bevölkerung an die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften gehen — was nun indirekt bedeutet, daß die sanktionierte russische VTB-Bank für die Ukraine Hilfsgelder mitzuspenden hilft. So weit scheint Frau Lemke-Matwey aber nicht gedacht zu haben, und schon gar nicht fiel ihr ein, welch eulenspiegelnde Ironie hier waltet, es ließe sich von → currentzisscher Pfiffigkeit sprechen, die dem furchtbaren Krieg eine wenn auch nur kleine menschliche Nase dreht. Ist’s in der Putinisten Sinn, daß ihre eigenen Banken den Widerstand gegen diesen Krieg auf diese Weise mitfinanzieren? Oder sollen die mit allem Recht ausgesprochenen Sanktionen auch für Hilfsgelder vielleicht sogar besonders gelten, damit das Leid noch größer wird?

Dazu auch noch folgendes:

ANHs Traumschiff.

 

Ein staunenswert schöner Roman über das Sterben.
Hubert Winkels, DIE ZEIT

 

Fotografie des Buchumschlages (©):
>>>> Jan Windszus

Alban Nikolai Herbst
Traumschiff
Roman

mare

320 Seiten.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Lesebändchen.
22 Euro.

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Schwimmen in Luft durch die Wüste: Aus der Nefud, Phase II (3). Krebstag 37: Zum Wadi der Verstrickungen. Am Freitag, den 5. Juni 2020.

 

[عالم آخر.صحراء النفود
7.35 Uhr | 72,9 kg]

 

 

Wir durchreiten die Region der Nefud, von der gesagt wird, ihre starke Strahlung bewirke den Ausfall jeglichen Körperhaars, also auch was bei mir sehr, wenn möglicherweise auch als einziges auffallen würde, der Augenbrauen; ansonsten sind wir draußen ja meistens noch bedeckt, in der Wüste eh, um sich nicht noch einer anderen Gefährdung als derjenigen auszusetzen, derethalben dieser, nun  jà, “Marsch” auf Aqaba eigentlich stattfindet.

(Ein Kommentatorbei Facebook schrieb in einer persönlichen Nachricht
übrigens von → Heldenreise, woran insofern etwas ist, als ich, wenn wir
angekommen sein werden, Liligeia werde ganz allein gegenübertreten
müssen; die Gefährten sind eben das, aber nur das: mit auf selber Fahrt
(daher nämlich kommt Gefährte),  nicht hingegen in selber Gefahr.
Der Kommentator also → schrieb folgendes:

Egal! Mich bewegt Ihr Kampfeswille, die literarische Wucht, mit der Sie der Krankheit begegnen und auch die Metaphorik, die Ihren Weg nachgerade zu einer Heldenreise im besten Sinne machen.

Ich zitiere es hier nicht, weil ich mich für einen Held halte (ich bin alles
andere als das), sondern weil es Dr. Faisals, seines Dieners Lars ibn Gamaels
und meine Reise einem Genre zuschlägt, an das ich selbst überhaupt
nicht gedacht habe, das aber völlig auf der Hand, und flachst auf
seiner Fläche, liegt. Damit reiht sich die Erzählung in einer
Traditionslinie ein, die ich, als ich dieses Projekt begann, eben-
falls nicht im Blick hatte.
ES
| reiht sich ein.)

Noch habe ich aber keinen Haarausfall festgestellt, obwohl ich morgens jetzt immer genau gucke. Noch sind die Brauen wölfisch wie je. Doch irgendwann, fiel mit heute früh ein, werde ich mich rasieren nicht mehr “müssen”. Allerdings war ich da noch immer bekifft. Denn das ist momentan die spürbarste Nebenwirkung dieses neuen, meines zweiten Nefud-Höllenkreises: Ich reite, gehe, schwanke wie unter einer milden, doch dauernd wirkenden Droge. Das hiesige Klima tut freilich einiges hinzu. Losgehn damit tat’s aber bereits vorgestern, fast unmittelbar nach den Infusionen, daß ich das Gefühl bekam, nicht Luft mehr zu atmen, sondern warmes, angenehmes Wasser – durch mir gewachsene Kiemen, die den Sauerstoff herausfiltern, und zwar in einer Reinheit, die unsre Atemluft nicht kennt. Wenn Röhrerich dann, maßvoll vor sich hintrottend, über die Dünen schwankt, war und ist es noch, als säße ich umschlossen in einem Wasserballon und würde mit zeitlich je leichter Versetzung in seinen Binnensögen und -strömen her- und hingespült. Das ist wie eine unentwegte Liebkosung, ich nahm gestern mittag sogar noch zwei THC-Tropfen drauf, weil ich das Gefühl hatte, der cannabiole Wirkstoff (den ich mein Lebtag doch nie spürte) sei eine Liaison mit den Zytostatica eingegangen. Immer wieder schienen sich die neuen Partner zu küssen, ja voneinander zu lecken. So erlebe ich jetzt diese zweite Phase meiner Reise als eine hoch erotische Ausfahrt ins gar nicht mehr Unvertraute und doch exotisch Fremde. Deshalb stimmt das Wort von der Arabeske beinah genauso wie die Heldenfahrt. Ein Tumor als erotische Arabeske; es braucht nicht viel Fantasie, um die bildlichen Kalligraphien der arabischen Schriften sich zu einer klimtschen Muse verdichten zu sehen. Bereits jetzt, um 9.30 Uhr morgens, haben wir knapp dreiunddreißig Grad Celsius; auf weit über vierzig wird’s heute noch hinaufgehn. Und Faisal, der meinen Zustand deutlich im Blick hat, band mich heute auf Röhrerich sogar fest – also an dem für Kamelritte Ungeübte klug ausgetüftelten Gestänge des Dromedarsattels; ich kann nun zwar mitschwanken, was sich eh nicht vermeiden ließe, aber bin nicht in der Gefahr herunterzurutschen. “Konzentrieren Sie sich”, riet Faisal, ” auf das, was Sie wahrnehmen. Sie sind jetzt in einem außergewöhnlichen Zustand höchster Sensibilität und genau deshalb nicht … ich sage es mal so: fahrtüchtig. Wer sich allein auf sich gestellt durch Raum und Zeit bewegt, darf nicht alles wahrnehmen, was auf ihn einwirkt, sondern muß filtern. Da aber wir Sie jetzt führen, können Sie sich davon lösen. Sie müssen nur Vertrauen haben. – Sonstige Nebenwirkungen?”
Nun jà, schon. Am blödesten (das wirklich treffende Wort), daß es mit der, so Josting auf einem Rezept, “chemobedingten Obstipation” wieder losging, heute früh gleich, doch zu ahnen bereits gestern, als ich mich um 22.30 Uhr in mein Zelt zwischen die Teppiche legte. Also sofort nach dem Kaffee gegengesteuert, den unser Kaffeekoch erst aufwallen ließ, ihn wieder herunterklopfte und ein Geflecht aus Palmfasern vorbereitete, um ihn vor dem Einschenken zu filtrieren. Kaffeesatz in der Tasse gilt hierzusands als schlechte Sitte. Gut, also kaum hatte ich genippt, mußte ich auch schon los, um  gegenzusteuern …  – nicht ganz lange, in einer aber doch etwas längeren Sitzung über dem in die leeseitige Düne gegrabenen Sandloch, worin ich, was endlich herauskam, schließlich verscharrte. Bekifft, wohlgemerkt, immer noch und weiterhin bekifft, weshalb es mich in keiner Weise störte, ja sogar amüsierte, daß mir eine mit schätzungsweise einem dreiviertelmeter Länge recht mächtige, doch wohl noch nicht völlig erwärmte Sandrasselotter (tatsächlich gehört die Art zu den Vipern) bei meinen Bemühungen ausgesprochen stoisch zusah; ich meinerseits hatte sie erst ausmachen können, als ich das dörre Buschwerk begutachtete, bevor ich mich davor hinhockte, um es als Sichtschutz zu nutzen. Was ich dann doch besser unterließ. Man k***t doch besser mit der Schlange Aug in Aug. Und da hockte ich nun also drückend, pressend, ächzend und auch ein wenig fluchend, und die Viper sah nur zu, wie ich immerhin noch nichts herausziehen mußte; dennoch, im Lager wieder zurück, ließ ich mir von Faisal gleich ein Mittelchen geben, dessen Wirkung wir vor unserm Aufbruch besser noch abwarteten, um später nicht in Verlegenheiten zu geraten. So umständlich dies nun auch klingen mag, tatsächlich ist momentan nichts geeignet, mich auch nur entfernt zu verstören; ich, weiterhin, schwimme in der Wüstenluft. Und bin bereits versucht, dieses Gefühl einer totalen Osmose mit Welt abermals vermittels zweier oder dreier Tröpfchen zu verstärken… nein, zu → firmen. Denn tatsächlich ist mein Impuls wenn nicht religiös, so doch in hohem Grad spirituell. Er werde mir, kündigte Faisal mir obendrein an, nachdem sein Gamael und er mich am Sattel festgebunden hatten, unbedingt von den Derwischen erzählen müssen, auf die wir spätestens im dritten Höllenkreis treffen würden. “Wirbel”, sagte er, “Lebenswirbel des Glaubens. Und auch Sie sind jetzt einer, der auf der Türschwelle steht.”
Einer, der auf der Türschwelle steht: Der Satz geht mir so wenig nun mehr aus dem Kopf, daß ich darauf fast fiebere, Faisal möge mir sein Rätsel lösen. Nur hatte ich es, da waren wir schon auf der Strecke, momentlang erneut mit dem lästigen Fingerkribbeln zu tun, eine Docetaxel-Folge, die über Nacht zu einer Art leichter Stumpfheit der ganzen rechten Hand geführt hat und auf jeden Fall ebenso beobachtet werden sollte wie seit gestern abend und noch heute früh eine gewisse Steifigkeit im Nacken — alles nicht wirklich schlimm, aber bißchen lästig.
So schwanke ich im Wortsinn durch die Wüste, lasse mich schwanken, nehme nur wahr, als wären nicht nur meine Körpergrenzen Übergänge, die an wehende, dennoch sehr schwere, sich an ihren Säumen weitläufig zerfransende Stores aus opaken Nesseln erinnern, sondern auch die Konturen der Dünen sind nur ungefähre, ebenso wie sogar die von Zeit zu Zeit aufragendenden windbizarren Felsgebilde, durch deren Schluchten wir zu reiten scheinen — sie wirken wie Höhen aus Treibsand, vor dem wir uns in dieser Phase ohnedies sehr vorsehen müssen. Allzu schmerzhaft erinnere mich daran, wie sich damals mein junger Diener Daud nur ein paar wenige Schritte auf diese Düne vorgewagt hatte und der allzuweiche weiße Sand sich auftat, um ihn für immer, sich einrieselnd, hinabzuziehen. Von Anfang an war der Junge nicht zu retten. Es ging mir entsetzlich ans Herz. Und zwar hat man mir später meine Erzählung nicht geglaubt, ja sie für Unfug erklärt, so etwas wie diesen Treibsand gebe es nicht — lange, sehr lange indes nach meinem Motorradunfall und indem ich mich an geeigneten Orten mal hier, mal dort reinkarnierte, kam es zu einer Versuchsreihe, die mich fast vollständig rehabilierte. (Ich weiß genau, wie gerne man mich als Großmaul diffamieren wollte – was zuzeiten leider auch gelang.)  Wie auch immer, in der Trockenheit der Nefud können Sandwehen sich wie Wasser verhalten. Besonders luftig rutscht das Sandgranulat durchs ständig neu Aufgewirbeltwerden ständig ineinander, vierzig Prozent des Volumens ist reine Luft. Deshalb, so → bestätigte mir 2004 endlich DIE ZEIT (achtundsiebzig Jahre, nachdem → mein Buch erschien!),

könnten solche Sandbetten durchaus eine Bedrohung für Menschen darstellen, (…) und Berichte, nach denen Reisende und ganze Fahrzeuge plötzlich darin verschwunden sind, erscheinen im Licht unserer Experimente glaubwürdig.

***

 

Es geht auf den Mittag zu, ich brauche, denk ich, eine Rast. Die weise Wüste weist den Ort: das Wadi der Verstrickungen, das wir bis übermorgen abend durchzogen haben müssen, liegt dahinter. Es ist von Gespinsten aus Legenden gesäumt, die von Ferne den Eindruck eines Waldes aus Geysiren, heißt es, vermitteln. Aber selbst Faisal war noch nie in der Nähe, hat von dem Tal nur immer, besonders in der Kindheit, gehört. So sind wir alle mehr als gespannt — und ich, nun jà, immer und immer noch bekifft. Und spüre solch eine Weichheit plötzlich, eine sich senkende Woge aus Kreislauf, ach eine solche Müdigkeit —

Ihr ANH

Dietrich Mau, ZEITonlines Traumschiffkommentare, der Magen und ich. Als Arbeitsjournal des Mittwochs, den 5. Februar 2020.

[Arbeitswohnung, 9.45 Uhr]
Mozart, Klavierkonzert d-moll, KV466
Richter, Warschauer NSO, Wislocki (mono, 50er)

Ich sitze an der zwanzigsten Erzählung meines Nabkovlesens, nämlich zu Rowohlts zweitem Band seiner Erzählungen. Nur brauche ich diesmal etwas länger, nicht nur weil ich nach diesem bereits zwei weitere Bücher des Autors gelesen habe, sondern vor allem, weil seit meiner Lektüre der Erzählungen über anderthalb Monate vergangen sind, so daß ich sie mir erstmal wieder vor Augen führen, also in meinen Geist zurückholen muß. Begonnen habe ich gestern und auch schon schätzungsweise ein Drittel geschafft. Ich denke mal, daß Sie den Artikel am Freitag, spätestens Sonnabend werden lesen können.
Parallel entwerfe ich die → Béart-Nr. XXX, hatte auch einen Ansatz, aber verwarf ihn gestern als Quatsch, bzw. uninspiriert oder allzu verknorkelt.

Denn einiges andere macht mir zu schaffen. Nicht so sehr der juristische Widerspruch, den ich in einer mich ziemlich behindernden und deshalb arg nervenden Angelegenheit formulieren und daß ich so lange auf Anlagen warten mußte, die beizufügen waren, oder gar daß die, vor der mir durchaus bangt, → Radiokritik Samuel Hamens zu meinen eigenen beiden Erzählbänden von gestern auf den kommenden Freitag verschoben wurde, der ein für mich schwieriger Tag ist. Aber vielleicht werde ich die mich derzeit besonders abends nach dem Essen und dann durch die Nächte zermürbenden Magenschmerzen los, oder kann sie doch wenigstens lindern, wenn ich, was mich beschäftigt, niederschreibe — also Ihnen, meiner Freundin, erzähle, die über die Jahre – Jahrzehnte – gleich der Béart meines Gedichtzyklus immer wieder ein anderes Gesicht angenommen hat und wohl weiterhin annehmen wird, in je anderen Körpern, die ineinander alle sanft vergehen, manchmal auch abrupt, aber doch Sie-selbst bleiben als die meine unanrührbar die gleiche. Was, viertletztes Wort, kein Possessivpronomen ist, sondern Zugehörigkeit zeigt. — Nein, ich bin nicht eifersüchtig, Freundin, wenn Sie auch andern Dichtern so wie mir geneigt sind. Es liegt in Ihrer idealen Natur, so zu sein: wehend, schweifend, bisweilen verschattend, dann schon wieder hell vor Gewißheit als immer erste Leserin für jeden (der dichtend nicht nur Selbstgespräche hält. Auch solche Autoren gibt es, wie ich weiß).
Jedenfalls hätte ich in meinem Leben manches Mal nicht mehr gewußt, was tun, würd es Sie nicht für mich geben. (Und spürn Sie’s? Selbst bei diesem kleinen Satz bin ich mit seiner Rhythmisierung beschäftigt und werde unglücklich, wenn irgendwo was hemmt.)

Meine Situation setzt mir zu und besonders auch ihretwegen der kommende Freitag, den ich ja gern geflohen wäre. Nun jà, geht nicht. Doch dazu noch die nicht endenden Versuche, mich oder meine Arbeit zu diffamieren. Etwa der da, Dietrich Mau, von dem ich nicht einmal weiß, ob dieser Name Pseudonym ist, und der bei Twitter dauernd so etwas postet:

Das zu → dort. Und zum, was besonders heimtückisch ist, → letzteingestellten Béartentwurf:

Heimtückisch ist dies deshalb, weil im Gedicht die vorgeblich “liebste Zeile” gerade a b g e w i e s e n wird; das kürzt der Herr Mau seinen Lesern und sich im Wissen absichtsvoll heraus, daß irgendetwas seiner ständigen Diffamierungen ja doch schon hängenbleiben werde. Wirklich überprüft wird und wurde ja selten.
Dann wieder, wenn ich einen → Aphorismus einstelle, mir als Gedanke durch den Kopf gegangen, der offenbar den neuen (und manchen alten) Denktabus nicht und nicht mehr genehm ist:

Die suggestive Zielrichtung ist deutlich und vollzieht sich quasi unter der Hand: Mich, bzw. meine Arbeit der Rechten zuzuschieben. Schon mit meinem Namen die AfD affirmativ zu verbinden, zielt genau darauf ab; wer so etwas vermeiden will, darf nach den Motiven ihrer Mitglieder nicht einmal mehr öffentlich fragen, also ob da nicht vielleicht auch Gründe sind, an denen etwas ist und die das Fehllaufen in solche rechten Parteien erklärt und dann vielleicht, weil wir wissen und verstehen, verhindern kann. Nein, es werden Lager zementiert. Und es war schon immer eine Neigung der Linken, wie ganz der Rechten auch, Gegenargumente aus dem Weg zu räumen, indem man die Argumentierer diskreditiert. Müssen sie als Personen nicht ernst genommen werden, sind sie mithin “sowieso unglaubwürdig” oder gar → “ein Narzisst”, braucht auf die Einlassung-selbst niemand mehr einzugehen. Womit das unliebsame Argument einfach erledigt wäre, ohne daß sich noch mit ihm faktisch auseinandergesetzt werden müßte.
Nun ist es sicher richtig, daß ich kein “Linker” bin und auch niemals einer war, insofern ich den autoritäten Kommunismus, Sozialismus usw. stets abgelehnt habe und statt dessen einer Vorstellung von Selbstbestimmung anhänge, die Hierarchien fast prinzipiell den Mittelfinger zeigt – es sei denn in Arbeitszusammenhängen, die nötige Kompetenzen erfordern. Ich will mir auch nicht vorschreiben lassen, wann ich bei einer Ampel stehenzubleiben und ob ich einen Helm zu tragen habe, sondern dies aus eigenem Nachdenken entscheiden. Die Herrschaft von Menschen über Menschen ist mir widerlich.
Insofern mag ich in einigen Belangen konservativ sein, reaktionär aber in keinerlei Weise, schon gar nicht rassistisch und dergleichen. Auch halte ich es, nur soviel hier zu “Gender, in libidinösen Belangen strikt mit Hellers → “Denn ich will”.

Und dann haben mich zwei Kommentare sehr verletzt, die ich wegen einer Linksetzung zufällig entdeckte, obwohl sie ihrerseits seit über vier Jahren völlig unwidersprochen unter Winkels seinerzeitiger, eigentlich sehr schöner ZEIT-Kritik zum Traumschiff stehen. Ich selbst kann es nicht tun, es würde sofort als pro domo oder gar eitel ausgelegt. Aber irgendwie klingen auch sie nach Herrn Mau.
Es hat mir einen Schlag in den Bauch gegeben, daß auf die mit auch sachlich wie lebensgeschichtlich falschen Behauptungen dahinterstehende persönliche Diffamierung besonders im ersten Text niemand, überhaupt niemand reagiert hat. Und wieso ließ die Redaktion so etwas stehen? Zum einen wertet es auch die Urteilskompetenz des eigenen Mitarbeiters, Hubert Winkels, ab, zum anderen ist doch deutlich zu erkennen, welch eine nahezu private Rancune hier hämegeladene Freudentänze aufführt. Allein die Formulierung Das Video und das Buch tue ich mir nicht an – eines Menschen, der seit 1981 bekennenderweise nichts mehr von mir gelesen hat – hat es an Ignoranz wahrlich in sich. Woher will der Autor dann wissen, ob seine Meinung nicht falsch ist? Und Frau “von Gandersheim”, die von pauschalen Mentalreisen spricht? Als hätte ich selbst nicht → nachweisbar eine solche tatsächliche – und sehr lange – Reise zur Recherche unternommen! Ob das Ergebnis, mein Buch, dann gelungen sei, ist eine ganz andere Frage, hat aber wirklich nichts mit bestens ausgeleuchteten Trockengebieten lediger alter Männer zu tun, die sich von staatlichen Subventionen ernähren. Woher hat diese, wenn es eine ist, “Frau” ihre Gewißheit?
Aber nein, kein Widerspruch, nicht einmal ein vorsichtiger Einwand wird laut.
So erlebt man Einsamkeit.
Als ich deshalb einer Kollegin davon erzählte, schrieb immerhin sie eine offenbar entsetzte, möglicherweise auch wütende Entgegnung – ich kenne den Text nicht; sie schrieb mir, sie habe ihn direkt in die Kommentarmaske getippt und anderweitig nicht gesichert – und stellte ihn als nun ihren Kommentar unter dem Artikel ein, mußte allerdings auf Freischaltung warten, die, wie ich sogleich argwöhnte, niemals erfolgte. Ganz offenbar kommen die beiden diffamierenden Äußerungen dem Kalkül der Redaktion überaus entgegen.
Freilich wird nun insgesamt gemeint, man müsse mit Diffamierungen halt als Autor leben, am besten, man äußre sich gar nicht dazu. Bekommt man sie aber sein ganzes Leben lang immer wieder zu spüren, und zwar an öffentlich herausgehobener Stelle, und so gut wie niemand springt einem bei, läßt das schon verzweifeln. Verächtlichmachung hat, seit ich zum ersten Mal publizierte, mein gesamtes Leben scharf begleitet; unter Anspielung auf einen Hildesheimertext formulierte Armin Ayren 1983 in der FAZ – meine erste überregionale “Kritik” –, man solle mir Geld dafür geben, daß ich aufhörte zu schreiben. (Aber ich verdanke dieser Kritik auch was: Sie ließ mich tief ins Wesen der deutschen Konjunktive graben. — Und sogleich wird der Herr Mau “Wesen” mit “deutsch” zusammenlesen und für ANH daraus ein → “genesen” erschließen, das mich sogar zum Vornazi macht.)
Ebenfalls in der FAZ, dreiundzwanzig Jahre später, nannte Martin Halter die mir zugestandene souveräne Beherrschung der Form nur um so unappetitlicher. Auch darauf habe alleine ich selbst reagiert. Selbst wenn also attestiert wird, daß ich etwas könne, wird gerade das persönlich gegen mich gewendet.
So zementiert sich das komplette Alleinstehn.

Nein, es gibt keinen Grund, dem kommenden Freitag mit irgendeiner Freude entgegenzusehen, nicht im Ansehen meiner Arbeit, ökonomisch nicht und schon gar nicht persönlich. Daß ich den Tag fliehen wollte, nun aber nicht darf, deutete, Geliebte, ich neulich schon an, und weshalb. Dabei hätte mich ein Freund, der derzeit mit seiner Familie dort weilt, so gern in Neapel getroffen.

Dennoch, es gab ein Funkeln am Himmel, sogar ein Feuern, weil zur Béart eine wunderbare Nachricht kam, umso mehr als sie mich aus dem deutschen innerbetrieblichen Sumpf herauszuziehen verspricht. Ich will Ihnen hier, vor allen Leuten, aber noch nichts Konkretes sagen, sondern erst, wenn der Zyklus auch wirklich abgeschlossen, also lektoratsbereit und abzusehen ist, wann genau er als Buch erscheinen wird. Nein, nicht aus Aberglaube schweige ich (den ich bisweilen habe, geschürt von meinem Instinkt), sondern um zu verhindern, daß hinter den “Kulissen” erfolgreich intrigiert werden kann, das Projekt zu hintertreiben. Denn d a s muß ich eingestehen, daß ich über die vielen Jahre Der Dschungel leider lernen mußte, in einigem weniger offen zu sein, als es meiner Poetik, aber auch meinem Naturell entspricht. (Was nun in eine ohnedies fällige Fortsetzung meiner “Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens” gehörte.)

 

 

Ihr, Freundin,
ANH

 

Alban Nikolai Herbst
Näher, mein Wort, zu Dir!
Die Dichtung und Das Internet

[Geschrieben und dort auch vorgetragen für die
Literaturtagung SPRACHE ODER BILDER,
21. bis 23. Februar 2014, Mosse-Palais, Berlin]
→ PDF: 

Immer wieder, in großem Umfang zuletzt in einem von der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff für DIE ZEIT geschriebenen und von dieser Wochenzeitung bedeutsam gefea­tureten Essay, ist die Klage darüber zu lesen, das Internet zerstöre die Literatur, sei überhaupt wort- und insgesamt kunstfeindlich; deswegen bedienten sich seiner nur rundweg dumme Leute, also solche, zu denen zu gehören ich mich hiermit oute. Es, das In­ternet, sei der jeder Kunst- und Denkanstrengung nötigen Konzentration abträglich, weil sich zum Beispiel längere zusammenhängende Texte nicht lesen ließen, perma­nent auf Ablenkung gesetzt werde und überdies die permanenten Bildeinstreuungen eine ernsthafte, sagen wir: seriöse Auseinandersetzung mit Inhalten verunmöglichten. Menschen wie Lewitscharoff, auch, dreivier Jahre früher, nämlich in der FAZ, Thomas Hettche und mit den beiden zahllose andere favorisieren für das Wort nach wie vor das Buch als seinem, quasi von Gottes Gnaden, einzig adäquatem Träger. Indem die Buchkultur sterbe, gehe auch die Dichtung zugrunde.
So weit wird, so schlecht vielleicht nicht gedacht, aber argumentiert – ungewußt einen ganz anderen, einen historischen Kulturbruch zitierend. Ich meine den von der Handschrift zum Buchdruck in den Fünfziger/Sechziger Jahren des 16. Jahrhun­derts. Selbst im Siebzehnten wurde noch heftig diskutiert, mit Argumentationssträn­gen, die den heutigen geradezu bizarr ähnlich sehen. Darauf hat wohl zuerst, am Bei­spiel Pietro Aretinos, Renate Giacomuzzi1 aufmerksam gemacht – wie auch auf einen Hintergrund, der die Diskussionen unter einem wie immer auch eigentlich nahelie­genden, so doch völlig anderen Zweckziel beleuchtet, nämlich dem der Macht, bzw. des Machterhalts. Dabei geht es um Märkte. Ich spreche deshalb von einem Verteidigungskrieg der Deutungshoheiten, der derzeit geführt wird. Selbstverständlich ist es ein Krieg um Pfründe. Eben deshalb wirken die Einlassungen derart ideologisch, wenigstens verkrampft. Spielerische Haltungen sind so wenig zugelassen wie abenteuerfrohe Neugier. Freilich kommt, auf der Seite der Netz-Gegner, oft eine nachlassende hirnphysische Präsenz hinzu, die es ihnen auch objektiv unmöglich macht, mit den Entwicklungen Schritt zu halten. Um es knapp auszudrücken: Die Netz-Gegner sind alte Menschen, wobei es gleichgültig ist, ob sie erst vierzig oder bereits achtzig Jahre alt sind; ihre Entwicklung ist zum Stehen gekommen. Deshalb stimmt es, wenn sie behaupten, man könne lange zusammenhängende Texte am Bildschirm nicht lesen; nämlich können sie es nicht. Weshalb es auch andere nicht können können sollen. Man käme sich sonst genau so schwach vor, wie man ist. Obwohl man doch bedeutend ist und das auch deutlich zeigt.

Ich spreche von einem Generationswechsel, vor allem aber Generationenmentalitäts­wechsel, der möglicherweise eingreifender ist, als es – in sämtlichen Kunstbetrieben – die Machtübernahme durch die sogenannten 68er gewesen ist. Nicht nur die politi­sche Ausrichtung, sondern ein gesamtes Sozialverhalten ändert sich, die Definition desssen, was Freunde seien; man tritt in innigen und aber direkten Kontakt mit Men­schen, die oft Hunderte, wenn nicht Tausende Kilometer entfernt leben. Für Jugendliche ist das bereits Alltag. Damit ändert sich die gesamte Art und Weise der Wahrnehmung. Es ändern sich also die anthropologi­schen Konstanten. Kein traditionelles Pisa kann das mehr messen. In meinem Aufsatz → „Die anthropologische Kehre“2 habe ich den Vorgang beschrieben.
Um es auf eine verknappte Formel herunterzubrechen: Multi Tasking statt fo­kussierter Konzentration. Diese Entwicklung entspricht einer zunehmend sich da­durch begebenden Mythisierung der Wirklichkeiten, als rein faktisch das gesamte Maß des wißbaren Wissens persönlich von gar niemandem mehr erfaßt werden kann; wir briko­lieren Wirklichkeit, um es mit Lévi-Strauss zu sagen. Ein anderer meiner Aufsätze – → „Das Flirren im Sprachraum“ aus dem Jahr 2000 – hat dieses im Zentrum und spie­gelt es in die Dichtung. Eine moderne Literatur muß diesen Geschehen entsprechen, nur hier auch kann Utopie entstehen. Das heißt für die Dichtung, daß es um neue Formen geht, die den Erscheinungen angemessener sind als die sogenannte realistische Narration des 19. Jahrhunderts. Um diese Formen zu entwi­ckeln, braucht es das Netz.
Die Frage ist also nicht die dieser Tagung – ob Literatur im digitalen Zeitalter noch zur Utopie tauge -, sondern vielmehr umgekehrt, ob eine Literatur dazu tauge, die sich dem Netz verweigert.

Ich glaube, sie taugt nicht, und zwar aus dem einfachen Grund, daß sie den Bezug zur Wirk­lichkeit verloren hat und ihn auch nicht wieder herstellen will. Selbstverständlich glaube ich nicht, daß es keine belletristischen Bücher mehr geben wird, auch wenn, im Unterhaltungsbereich, mehr und mehr und schließlich wahrscheinlich ausschließ­lich noch zum eBook gegriffen werden wird, aber die Formen einer zeitgenössischen, das heißt zeitgemäßen Dichtung – den Roman schließt das ein – werden sich nicht in Konkurrenz zum Netz, sondern aus der Zwiesprache mit ihm entwickeln, und zwar schon deshalb, weil die Erfahrungswelten künftiger Leser zu großen Teilen vom Netz besiedelt sein werden.
Und im Netz entsteht bereits heute Dichtung, völlig anders, als das offizielle Bild des klassischen Feuilletons uns glauben machen will. Daß die Umsätze sämtlicher großen Zeitungen signifikant, ja alarmierend für sie, zurückgegangen sind, zeigt, auf welch verlorenem Posten sie stehen, und zeigt auch, weshalb mit solch rhetorischer Gewalt reagiert wird – und mit einer auch vorm Rufmord nicht zurückschreckenden Gewalttätigkeit gegenüber im Netz agierenden Literaten. Dies sind indes, um böse Kafka zu travestieren, Handlungen und Haltungen, die bereits im Absturz gemacht, bzw. eingenommen werden. Abwehrbewegungen radikalisieren sich um so mehr, je weniger sich einem Ende noch ausweichen läßt.
Allerdings habe Aretino, analysierte Giacomuzzi, „das dauerhaft auf Pa­pier gesetzte Wort als moralischen Radiergummi“ gebrandmarkt, „beharrt mit ‚Feuer‘ und ‚Flamme‘ auf einer prä-gutenbergschen, oralen Medienkultur“ und da­mit „die spezifischen Merkmale des neuen Mediums“ ignoriert, nämlich der rasant entstehenden Kultur des Buches, „das zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit Dauerhaftigkeit plus massenhafte Verbreitung ermöglichte“3. Aber er habe „die Möglichkeiten des neuen Mediums sehr wohl erkannt. Die an potentielle Kritiker und Zensoren gerichtete Beschwörungsformel ist nichts anderes als ein Trick, den Aretino benutzt, um vom eigentlichen Sinn der Druckerpresse (…) abzu­lenken. Auch der literarische Text selbst lebt von der Differenz des real benutzten Mediums, der Schrift, zur Rede. (…) Werden die Leser über Nanas äußerst bildhafte Sprache in die Geheimnisse erotischer Praktiken eingeführt, steht den ge­schilderten Nonnen kein Schrifttum als Lehrmaterial der Erotik zur Verfügung, son­dern ein ‚Bilderzimmer‘, dessen einzelne Abbildungen von der Erzählerin in Ge­schichten umformuliert werden. – Wiederum findet“, so Giacomuzzi weiter, „(…) scheinbar beiläufig und belanglos ein Medienwechsel statt, der aber eine für den Text grundlegende und belangvolle Semantik entwickelt: Die Schrift tritt dadurch schein­bar in den Hintergrund, beziehungsweise wird unsichtbar, während das Bild mit sei­ner Geschichte des christlichen Bilderverbotes (…) in den Vordergrund tritt. Mit die­sem Trick wird durch das Bild die Schuld von der de facto ‚Schuldigen‘, der Schrift, abgelenkt.“4
Vielleicht läßt sich auch so Thomas Hettches Haßartikel in der FAZ verstehen, eines Autors, der nicht nur Aretino neu übersetzt, bzw. nachgedichtet hat, sondern auch ei­ner der ersten deutschen Schriftsteller gewesen ist, der als prominente Experimentier­bühne eine Netzpräsenz betrieben hat. Freilich singt sein letzter Roman andere, uni­sono mit vielen Kollegen lamentierende Töne: „Dieser blaue Leinenband aber hat noch das richtige Gewicht, er öffnet sich wie von selbst, und die Finger gleiten wi­derstandslos über das feine Papier, gerade dünn genug, damit man, gegen das Licht, den Umriß des umseitigen Textes durchscheinen sieht. So muß es sein, das gibt dem Blick Halt. Meine vergehende Welt.“5
Worüber spricht Hettche hier wirklich? Nolens volens verrät er es: Über das Buch als ein Bild. Dem Blick wird Halt gegeben. Der Blick gibt GOtt. So daß sich etwas noch ganz anderes wiederholt. Nicht von ungefähr sind, wie Giacomuzzi schließlich schreibt, trotz aller Haß-Volten auf den Buchdruck, Aretinos Schriften doch noch auf dem katholischen Index des Tabus gelandet, wenn auch erst nach seinem Tod. Die verbotene Sinn- und Erkenntniskraft des Bildes hatte sich auf die gedruckte Schrift übertragen, die so nun ihrerseits zum Bild wurde; monotheistisch argumentiert, ist sie regrediert. Sie wird der Halt, den Aaron Moses‘ aus Ägypten ausgezogenem Volk wiedergeben wollte, das, was dem Blick Halt gibt, aber nicht genügte, weil es kein Gegenstand mehr war. Heute ist das Buch Aarons Goldenes Kalb.

Im Buchdruck wird das Wort-selbst zum Fetisch. Nicht grundlos ist das Kalb „golden“ – ein Umstand, der sich erst in der kapitalistisch durchökonomisierten Welt zur Quelle ständig neuer Mehrwert­schöpfung gemacht hat und damit zugleich jeglichen Inhalt profaniert. Mit der ge­druckten Bibel ist das Wort GOttes zwar wohlfeil geworden; die höchsten Gewinne aber lassen sich, in der Massengesellschaft, gerade mit Billigartikeln erzielen, durch deren Addierung von Centbeträgen Milliarden entstehen. Die Profanierung wiederum bedingt, daß das Buch keineswegs ein Tempel des Heiligen Wortes ist, sondern jederlei Schund die Klappen öffnet. Ein qualitativer Unterschied von Internet-Wort zu Buch-Wort besteht nämlich gar nicht; der Ausstoß an Unerträglichkeiten ist kein minderer als im Netz. Insofern ist es geradezu bizarr, anläßlich eines ver­meintlichen oder tatsächlichen Untergangs der Buchkultur von kultureller Abend­dämmerung zu sprechen – um so abstruser, übrigens, als gerade der Roman eine gan­ze Zeit lang, erst nur fürs Amusement Höherer Töchter geschrieben, als Hort der Un­moral galt; zur favorisierten Ausdrucksform des Bürgertums avancierte er erst lang­sam. Da muß es nicht Wunder nehmen, daß er als abgeschlossenes Totales in einem Prozeß an Kraft verliert, in dem eben dieses Bürgertum zerfällt, d.h. in dem die feste Entität als Fixpunkt des Sozialen an Bedeutung verliert.
Die Buchdeckel signalisieren die Geschlossenheit, sie sind die Körpergrenzen des Fetischs. Über den Roman selbst, also über den Text, der er ist, sagt das nichts. Die frühesten Romane, nämlich die Epen als seine Vorläufer, wurden vorgetragen; daß sie im Versmaß stehen, hat Gründe in der Oralität, nicht etwa, weil das Versmaß dem Roman-selbst notwendig gewesen wäre. Es ging schlichtweg ums Memorieren. Das ist der Genese des Reimes ganz ähnlich; dieser steht näher der Musik als der Roman, der spätestens mit dem Buchdruck auf den mündlichen Vortrag nicht weiter angewie­sen war. Interessanterweise rhythmisiert er sich jetzt neu, heute, in den Tagen des In­ternets, da ihm das Haus, aber nur dieses, überm Kopf zusammenbricht.
Andere Rhythmen aber sind es, sind solche der Gleichzeitigkeiten, denen eine Befähigung der Rezipienten entspricht, die ich schon oben multi-tasking nannte. Das wiederum spiegelt unsere moderne Wahrnehmung von Welt. Mehr noch kommt der Roman gewisser­maßen erst jetzt bei sich an, indem er eine neue Entwicklungsstufe erklimmt: Er muß nicht mehr abgeschlossen werden, ja nicht einmal mehr abschließbar sein. Er realisiert sich als seine eigene Utopie. Allerdings wurde das schon nach seinen poetologischen Höhepunkten um Flaubert, Balzac und Tolstoj erspürt: daher die erkenntnistheoretische Kraft etwa der Romane Kafkas als Fragmente, auch Musils und anderer. Stärker noch, zeigt der Vorgang an, daß der Roman seine Tendenz ins Unabschließbare, damit auch Unfaß­bare, zu perfektionieren gewillt ist. Und zwar gab es durch­aus Vorläufer – die Literaturwissenschaft spricht von „digressivem Schreiben“; den­ken Sie an Laurence Sterne, denken Sie an Jean Paul. Aber nicht die heute noch immer eine Romanästhetik des 19. Jahrhunderts fortschreibenden Bücher zeigen das, also nicht Autoren wie Updike, Atwood, unterdessen auch Hettche und andere, sondern die, die sich aus der neuen Freiheit, die ihnen die Postmoderne gab, herausentwickelt haben, etwa Thomas Pynchons, Elfriede Jelineks, Roberto Bolaños; auch meine eigenen Ar­beiten zähl ich hinzu.
Das Unfaßbare ist eben GOtt, d.h. das erste WOrt, mit dem Welt begann oder begon­nen zu haben – eben: – gesagt worden ist. Die bis heute grandiose Idee daran ist, daß, wie unverwurzelt man immer auch leben mag, dieser GOtt eine jedes Bild überstei­gende Gegenwart hat. Praktisch gesprochen, mußte ein Nomadenvolk keinerlei Göt­zen mehr mit sich wuchten; theoretisch bedeutete es SEine permanente Gegenwart. In einer von schon berufshalber häufigen Ortswechseln gekennzeichneten Gegenwart, sprich der Globalisierung, kann deshalb das Buch gar nicht mehr „Ort“ des ge­schriebenen und zu lesenden Wortes sein und also auch nicht der Utopien. Wer will denn Bibliotheken schleppen, zu­mal dann, wenn alles in digitaler Form quasi überall verfügbar ist? Es ist ja nicht falsch, nicht nur in mosaischem Zusammenhang von einem Fließen Gottes zu spre­chen, sondern der „Ort“ SEiner permanenten Gegenwart ist heute das Netz, das Inter­net, und zwar auch und gerade, was die Vermittlung von Wissen angeht. Einen An­schluß finden Sie, derart von Netzen überworfen ist längst die Welt, noch in dem ärmsten Dorf, wo es an Essen mangelt. – Oder wenn Sie Lexika brauchen, für Ihre Arbeit? Wo steht die nächste Britannica? Die schwarmgeniale Erfindung Wikipedias hat sie beinah obsolet gemacht. Allerdings sie selbst, die berühmteste aller Enzyklo­pädien, hat schon früh reagiert, anstelle in der Schmollecke zu sitzen, und eine Netz­variante vorgelegt, die anders als jedes Buch tatsächlich gegenwärtig sein kann, be­sonders, was die rasanten Entwicklungen der Naturwissenschaft anbelangt. Und die­se, längst, präsentieren Dissertationen und Habilitationsschriften ohnedies kaum noch in Printform. Wenn wir akzeptieren, daß kaum etwas unsere moderne Gegen­wart derart geprägt hat wie sie, die Naturwissenschaften, nähme es allein schon von daher Wunder, spiegelte die Dichtung das nicht wider und folgte nicht den entspre­chenden Wegen oder liefe ihr voraus. Tut sie es nicht, wird sie sich antiquieren. „Li­teratur nimmt die Wissenschaft vorweg“, formulierte Hettche einst selbst, aber da war er noch jung.
All dies bedacht, lassen sich die Beklager der Entwicklung nur als Pharisäer der ka­pitalistisch durchökonomisierten Welt verstehen, als ihre Statt- und Steigbügelhalter, solche, die der Kirchenvertreter Rolle übernommen haben, die, anders als der Glaube selbst, beharrend ist, und zwar auf ganz ähnlichen Strukturen wie alle gängigen Machtapparate. Deshalb sprach ich oben von einem zur Zeit brandenden Krieg der Deutungshoheiten. Da werden auch mutwillig Augen verschlossen, und gegen besseres Wissen wird eben der GOtt gelästert, nämlich seinem WOrt, dem zu dienen man vorgibt. Denn nur der Götze Buch hat einen Marktwert, an dem sich auch und gerade dann verdienen läßt, wenn man es selbst nicht geschrieben hat; das WOrt hingegen, als allgegenwärtiges, ist bei einem Jeden; das Internet als sein neuer Tempel läßt die Kirchenpforten immer offen: jeder kann hinein; es gibt nicht einmal Sakristeien. Das WOrt ist nun wirklich wenn zwar nicht „demokratisch“ geworden, so doch prinzipiell nicht nur Eliten zugänglich.
Darin steckt eine Logik. Sie setzt radikal fort, was mit den Keilschriften begann, was die Handschriften kultivierten und schließlich Gutenberg verteilte. Sogar die bei Aretino erzählten Mischformen aus Wort und Bild perfektionieren sich – ja, indem des Netz auch das gesprochene Wort wiederzugeben vermag, kann die Dichtung in eine Totale gehen, von der, für das Musiktheater, Wagner nur geträumt hat.

So kommt denn das WOrt zu sich zurück, wird aus dem Allerheiligsten genommen, der Vorhang ist beiseitegeschlagen, wenn nicht bald schon heruntergerissen. Der Text wird gemeinfrei – gleich der nächste, für Bürgerliche, Skandal. Dies ist die vielleicht größte Attacke auf eine Welt allein aus Waren. Verwalter werden nicht mehr gebraucht, also solche, die bestimmen, wer was zu lesen habe und was der Jugend schade. Wen wundert‘s da, wenn die Kuroren, die bezahlt sind, von den verderbten Sitten klagen? Daß sie verderbe, stand als War­nung schon je zu Seiten der Kunst. Das wissen die Kuroren auch…
Zum andren kann sich das WOrt nun alliieren; etwas, das vordem allenfalls um sehr teuer Bibliophiles zu haben war, und auch da nie in einer anzustrebenden Einheit mit wieder dem Klang. Nicht von ungefähr hat gerade die Lyrik nicht nur enormen Zulauf im Netz, sondern sie entsteht dort auch, und zwar in kaum vorstellbarer Men­ge. Sie braucht keine vorhergenommene Kanonisierung mehr, die für ein kaufmänni­sches Unternehmen, wie jeder Verlag es ist und sein muß, das Risiko rechtfertigt, solch Schwerverkäufliches auf den Markt zu bringen. Die Zugriffe auf Gedichte auf nur meiner eigenen Webpräsenz gehen bisweilen an die 5000; man vergleiche, daß auf dem deutschen Markt bereits ein Lyrikband von 800 verkauften Exemplaren als extrem erfolgreich gilt. Literaturpreise, freilich, werden nur für die vergeben. Wer nämlich sitzt in den Juries?
Auch das ist Schlacht um Deutungshoheit, die eine Schlacht um Einkünfte ist. Man will ja seine Leasingraten zahlen. Ihr nehmt uns unser Land weg: Darum alleine geht es. Was eine Pflanze sei, was Wiese und was Acker, also cultura, Kultur, spielt die geringste Rolle. Doch das steht auf den Fahnen.
Allerdings ist die Szene derart vielgestaltig, lebhaft und wahrhaftig unüberschaubar, daß die gegenwärtige Tageskritik auch deshalb von ihr keine Kenntnis nimmt, und das, obwohl sich die Form der zeitgenössischen Lyrik im Netz nicht annähernd so ändert und wohl auch nicht ändern kann, wie die eines Romanes, der in sein unendliches Fortschreiben vordringt und dabei obendrein eine direkte Mitschrift seiner jeweiligen Zeit ist, d.h. immer auch das Dokument seiner eigenen Entstehung und der Welt um sie herum – womit endlich eine der großen, bislang unrealisiert gebliebenen Forderungen der jungen literari­schen und insgesamt ästhetischen Moderne eingelöst werden kann. Eine im Netz realisierte kunstphilosophische Utopie, mei­ne Damen und Herren. Dagegen ist der traditionell im Buchdruck erscheinende Romane immer, notgedrungenermaßen, schon bei seiner Drucklegung historisch – so wie, mit Karl Kraus gesprochen, die Zeitung von heute immer gestern. Die sich im Roman gestaltende abgeschlossene Erzählung wird zur Binnenerzählung in einem Strom. Damit macht sich diese Gattung, wenn sie in bewußter Formung ent­steht, erneut zum adäquaten Kunstmedium der Gegenwart, einerseits, indem es um vieles näher wieder am WOrt ist als jedes durch seinen Fetisch-, modern gesprochen Warencharakter verstellte Buch, andererseits, indem er sich den zunehmend die Ent­wicklung bestimmenden technischen Bildern öffnet oder, siehe das Spätwerk Go­dards, sie ihm. Das wäre ohne das Netz nicht möglich gewesen, weil nämlich nicht rezipierbar. Was nun die technischen Bilder selbst anbelangt, möge ein Verweis auf Vilém Flusser genügen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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ANH, Februar 2014
Berlin

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1 Renate Giacomuzzi, Die Dschungel.Anderswelt und
ANHs Poetik des Bloggens, in: Panoramen der Anderswelt,
hrsg. von Ralf Schnell, die horen Nr. 231, 2008.

2 ANH, → Die anthropologische Kehre, in:
ANH, Schöne Literatur muß grausam sein,
Gesammelte Essays und Reden 1,
Kulturmaschinen Berlin 2012.

3 Renate Giacomuzzi, a.a.O.
4 Giacomuzzi, a.a.O.
5 Thomas Hettche, Die Liebe der Väter, S.146,
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010.

Alban Nikolai Herbst
Die Anderswelt-Trilogie
Bei Elfenbein

 

 

 

Thetis. Anderswelt
Fantastischer Roman
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[Rezensionen
→ dort]

Zum Persönlichen und seiner Verletzbarkeit. (Aus dem freecity-Altblog, 2003)

Bedenklich ist, daß das Intimste, das alle Menschen gemeinsam haben, nämlich Sexualität, genau dasjenige sein soll, was ihre Privatheit fundiert. Über Sexuelles zu schreiben – das geht nur aus Erfahrung-, gilt nach wie vor als Tabubruch, weil es sich um den Bruch – die Verletzung – eines sanktionierten Abstrakten handelt. Man schaut ein Tabu nicht an, man senkt vor ihm den Blick. Wenn einige dem nicht gehorchen, offenbart sich den Menschen die Gewalt, die ihnen angetan wurde und die sie sich selber angetan haben. Es ist dies, wovon nicht gesprochen werden soll. „So wie H. vögelt man nicht, das ist nicht erlaubt!“ Man hat es sich nämlich selbst nie erlaubt oder kam erst gar nicht in Versuchung: Wer in sie kam und der Lockung folgte und davon erzählt, schert aus dem gemeinsamen Einverständnis aus. Er offenbart das verhüllte Ungenügen und die Lustleere der anderen. Die dann aufschreien. Genau dies macht die gegenwärtige Wellen- und Schlammschlacht so überaus deutlich. Man ist je selber be- und getroffen, weil man ja selbst Anteil am Sexuellen hat, ihn aber nicht oder nur ungenügend realisiert. So funktioniert Moral.

Schon Arno Schmidt nannte es skandalös, daß Ausscheidungs- und Geschlechtsorgane derart nahe beieinanderlägen. Eine Leidenschaft hingegen, die sich mit Fug so nennt, nimmt gerne das eine fürs andere. Die Antike, etwa, ist davon durchglüht. Weil sie dachte, es sei Urin, was schwängere, kommt Zeus über Danae als „goldener Regen“. Damit läßt es sich leben, auch als Literatur. Doch wenn man das sagt, verziehen die Schüttes die Lippen. Dabei: Keine Spur von „Schmutz“ bei Ovid; selbst die Zoopholie findet ihren Respekt. Heut wär sie justiziabel.
Es war das repressive Christentum, das die Lotterbetten hinwegexerzierte, dann inquisitierte und später, nach Barock und Rokoko, als sich die Nationalstaaten bildeten, „autonom“ vergesellschaftete, indem es – Hand in Hand mit dem puritanischen Protestantismus – das Allgemeinste als Persönlichstes definiert und zugleich auf die Fortpflanzungsfunktion reduziert hat, ganz uneingedenk, daß „die Natur“ es ausgesprochen liebt zu würfeln. Wer Sexualität als Tanzfläche nahm, war plötzlich, und zwar persönlich, sündig. Daher rührt der Schutz des allerallgemeinsten Persönlichen: Er ist nämlich nicht Schutz, sondern Repressalie. Und zwar, weil es so vergesellschaftet ist. Sexualmoral wird für eine allgemeine und eben nicht subjektive Kondition gehalten und prägt das Rechtssystem bis heute. Nur weil dem so ist, kann aus ihrer vorgeblichen Verletzung eine des Persönlichen destilliert werden. Das Verfahren ist hochgradig perfide; es ist der Tabucharakter, der es prägt, ist eine Art inverser double-bind: Wenn ich das Allgemeine offenbare, das man gerade als Allgemeines verschweigen möchte, verletze ich das Persönliche; genau so ist das Verbot strukturiert. Es ist eine Falle.

Dahinter verbirgt sich letztlich die alte Pornografie-Debatte.

Der eigentliche Skandal → an dem Buch ist wohl, daß der Allgemeincharakter einer Liebesgeschichte so überaus deutlich gemacht wird, daß sie nämlich gerade nicht persönlich ist. Darauf wird nun mit diesem bisweilen hämischen Abscheu eingeschlagen; jeder sagt imgrunde: Der spricht ja von mir. Jeder erkennt sich wieder. Genau deshalb wird die eben skizzierte Abwehrdynamik bemüht: Indem man der Inkrimination des Buches beispringt – sei es aus „Ritterlichkeit“, sei es aus moralischer Überzeugung -, lenkt man doch letztlich von sich selbst und den irrationalen eigenen Innentabus ab, ja man richtet den allgemeinen Blick zentralperspektivisch auf den Gegner des Buches und entblößt ihn dadurch völlig. Es ist bezeichnend, daß es vor allem alte Männer sind, die dies tun; sie atmen noch immer die miasmische Luft der vor dreißig Jahren so genannten „Doppelmoral“. Frauen, selbstverständlich, reagieren ebenfalls allergisch, denn ihre Geschlechtsidentität – wiederum etwas höchst allgemeines – bekommt eine Beleuchtung, die dem praktikablen (patriarchalen) Zusammenhang nicht gefällt, in welchem sie sich mehr oder minder pfiffig, manche auch beachtlich klug, eingerichtet haben. Dazu gehört besonders die „Offenbarung“ gewisser Sexualpraktiken, und zwar nicht, weil sie sich so oder anders (nicht oder doch) abgespielt hätten – der vorgeblich reale Untergrund tut imgrunde überhaupt nichts zu Sache -, sondern weil am alten Tabu auch diejenige hängt, die es heimlich übertritt. Es ist genau dieses Tabu, das den Menschen ihre „Persönlichkeit“ noch dann garantiert, wenn diese sich längst aufgelöst hat. Es muß sogar noch schärfer formuliert werden: weil sie sich aufgelöst hat.

Das Private ist über industrielle und marketingdynamische Prozesse längst über die Warengesellschaft determiniert. Paradoxerweise war das etwa im Mittelalter, als es den Begriff des autonom Persönlichen noch gar nicht gab, geradezu umgekehrt: Die Einbettung in die unter Gottes und seiner Statthalter verwaltete Welt eröffnete tatsächlich Freiräume – des Geschmacks, der Lebensweise -, deren „Veröffentlichung“ nun wirklich einer Verletzung des Persönlichen gleichgekommen wäre. Im übrigen hatte das Subjekt noch die Möglichkeit einer dauernden Flucht, bzw. des Rückzugs aus dem Allgemeinen. Für „vogelfrei“ erklärt werden zu können, war ja eine – schon der Begriff sagt es – höchst ambivalente Angelegenheit, insofern sie eben auch bedeutete, daß ein anderes Leben möglich war – ein sicher nicht bedrohteres als das in den groben Überwachungssystemen dörflicher oder kleinstädtischer Gemeinschaften. Das hat spätestens mit der behördlichen Erfassung der Individuen, mit Wohnsitzpflicht und dergleichen aufgehört und ist heute, da die technische, besonders → kybernetische Revolution in nahezu jeden Haushalt langt, eine geradezu utopische Welt. (Deshalb greift Fantasy-Literatur so gern aufs Mittelalter zurück). Das nicht nur prinzipiell, sondern auch dann noch abhörbare Handy, wenn man den Akku zieht, ist ein von den „persönlichen“ Individuen auf dem Weg der Mode nur allzu gern selbstinstalliertes, gesellschaftliches Instrument der Kontrolle; zumindest kann es von undurchsichtigen Instanzen dazu genutzt werden. Das ist auch jedermann bekannt, aber „was hab ich schon zu verbergen?“ Eben. Nachdrücklicher läßt sich der Allgemeincharakter des Persönlichen kaum ausdrücken.

Das gilt nicht nur für den Sockeneinkauf, sondern auch für Intimstes. Ich wies schon darauf hin, daß Sexualität zum tragenden Pfeiler des Warenumsatzes geworden ist, natürlich wegen ihrer Allgemeinheit. Da es hier um das Ausspielen einer Psychologie der Reize geht, die sich durch Überflutung abschwächen, unterliegt der Prozeß einer perversen Dynamik: Was „gezeigt“ wird, muß, um überhaupt noch zu wirken, sich weiter und weiter ausziehen. Man kann das ganz gut daran beobachten, daß auf die gezeigten Knien und Waden (ja, sowas war einmal Skandal) zunehmend weitere anatomische Partien, schließlich vor allem sekundäre Geschlechtsmerkmale in die industrielle Darstellung gelangten; das primäre Geschlecht blieb für zweidrei Jahrzehnte „verschont“. Unter anderem die Theater brachen auch damit, und heute ist man nicht einmal mehr sonderlich erregt, wird eine Möse gezeigt. Sogar über lange Jahrzehnte patriarchal tabuisierte Männerkörper hat längst Einzug in die Schaufenster gehalten. Wir kennen die – Volksbelustigungen ähnlichen – Männerstrip-Veranstaltungen. Auf Bühnen und vor Kameras wird gepinkelt.
Es wäre eigentlich schwierig gewesen, die Entblößungs-Eskalation, die durchaus etwas vom Wettrüsten des Kalten Krieges hat, noch weiterzutreiben, wäre nicht gesellschaftlich, eben über die technische Kybernetisierung von Welt, dem Markt eine Art übrigens berechtigter Selbstangst beigesprungen: Die Darstellung des „heilen, schönen Körpers“ ersetzt sich durch die Verwundung. Tattoo und Piercing sind ja anatomische Eingriffe, deren movens der Schmerz ist. Was der Seele angetan wurde, wird hinausgestülpt und zum Schmuck: Äußerstes Sympom dafür, daß sich ein Schmerz seelisch nicht verarbeiten läßt. Das ist jenen Kranken nicht unähnlich, die sich ständig in die Unterarme schneiden. Daß so etwas unter Gesunden Mode wurde, verweist wiederum auf die Allgemeinheit des Befunds. Hierzu gehört auch der partymäßig betriebene Sadomasochismus.
Nichts ist daran, was ehrenrührig, und nichts, was „privat“ wäre. Aber es schreckt einen auf und soll deshalb nicht sein. Kopf in den Sand. Das Geschehen ist geradezu allegorischer Natur. Darauf weisen moderne Poetologien ständig hin, etwa die Elfriede Jelineks. Aber die „Zerstörung“ und der „Zerfall“ der Persönlichkeit sind Themen bereits der frühen Moderne; erst die ästhetische Restauration, die der Realismus gebracht hat, hat den Sachverhalt wieder verschleiert. Auf ihn bezieht sich jede Berufung auf eine Persönlichkeitsrechtsverletzung.

Nun ist in dem gegenwärtigen Verfahren nicht skandalös, daß eine Frau meint, ihr Sexualleben gehöre nicht in die Öffentlichkeit; ein Irrtum insofern, als es sich ja nicht um ihr Sexualleben handelt, sondern um das einer ganzen Gesellschaft. Und es ist sowieso ein Roman und der Einspruch also höchst naiv. Man kann fast Mitleid mit solcher Verblendung haben. – Auch nicht skandalös ist das sozusagen Urteil in dieser ersten Instanz. Man hat damit rechnen können, weil es dieselbe Kammer fällte, die die Einstweiligen Verfügungen erließ. Wenn die Kammer dem Gegner riet, den unterbreiteten Vergleichsvorschlag anzunehmen, so zeigt das allerdings deutlich, in welche Zweifel die Richter gerieten. – Sondern daß Leitfiguren des öffentlichen Lebens sich aufgerufen fühlen, trotz ihrer Kenntnis der Literatur nicht nur deren Verbot zu befördern, sondern qua publizitärer Machtausübung zu beklatschen. Dahinter steht selbstverständlich Angst. Dahinter steht vor allem die Unfähigkeit, eine neue Realität zu erkennen. Das liegt an dem begriffslos gefühlten Unbehagen, das der Allgemeinheitscharakter auch ihres Privaten diesen alten Männern macht. Er muß abgewehrt werden. Der in seiner Irrationalität ausgesprochen hämische Ton, in dem besonders Wolfram Schüttes Text daherkommt, zeigt sehr genau, welch einer Anstrengung diese Abwehr bedarf.
Ich habe offenbar – mir war das nicht im Geringsten klar – mit dem Buch eine Grenze überschritten, aber nicht die eines Vertrauensmißbrauches, wie Ulrich Greiner interpretiert, sondern ich habe den Schleier gelüftet, mit dem die Priester gesellschaftliche Tabus verhüllen. Darüber wird nun so ungesagt diskutiert. Deshalb soll auch nicht über die ästhetische Güte meines Textes gesprochen, bzw. gestritten werden; statt dessen wird nur der vorgeblich „private“ Charakter, den das Buch habe, negativ bekanntgemacht, ja unterstellt, ich hätte es auf Kosten eine Privatperson abgesehen auf diesen Skandal. Man lenkt den öffentlichen Blick auf das Persönliche – auf „private“ Schuld und „privaten“ Mißbrauch -, damit das Allgemeine sich wieder verdeckt.

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