Lundkvist-Briefe, Schostakovitsch. Als Dank- und Arbeitsjournal des Montags, den 18. Mai 2020, dem nämlich schon neunzehnten Krebstag mit mittags der Chemo-Vorberatung.

Poesie:
Eine Wäscheleine ausgespannt zwischen einem Leuchtturm und einem Kirschbaum.
Artur Lundkvist, Poetik 2
(Dtsch. v. Friedrich Ege)

[Arbeitswohnung, 5.14 Uhr
Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 2 A-Dur, op. 68]

Erstmals seit, ist mein Eindruck, langem wieder durchgeschlafen; nach dreißig Tropfen Novaminsulfon und einer Zolpidem gab es von 22.30 bis 5 Uhr  nicht einen einzigen Zwischenstop, nicht mal der Gleise Dehnungsfugen bekam ich mit, an die die Eisenräder stetig klopfen. Und noch etwas wie früher: Ich schlage die Augen auf und bin sofort zurück in der Welt, und gern. Mag sofort etwas tun. Jahrzehntelang habe ich so etwas wie “erst einmal wachwerden müssen” nicht gekannt, sogenannten Morgenmuffeligkeit sowieso nicht. Anläufe, um mich “dem Tag zu stellen”, benötigte ich erst, nachdem mich erstmals eine Depression erwischte, meist nach Trennungen, bis ich sie akzeptieren konnte, oder wenn mir das Betriebsmobbing nevermore noch abwendbar vorkam und mir jedes weitre Aufbegehren sinnlos geworden zu sein schien. Doch selbst das waren vorübergehende, meist sogar schnell vorübergehende Phasen, die erst in den letzten fünfsechs Jahren etwas Chronisches bekamen, ohne aber bereits meine Physis zu beeinträchtigen. Dafür klaffte erst ein Korridor auf, als mir bewußt wurde, ich dürfe nicht, wie ich’s mir doch so sehr wünschte, ein zweites Mal ein Vater werden. Darüber habe ich, Sie wissen es, Geliebte, im verstrichnen Halbjahrzehnt immer wieder geschrieben Und daß ich die Gründe verstand und den Ausschluß schließlich hinnahm. Genau das, spüre ich, war der Moment, daß → Liligeia ihren auch physischen Ort in mir einnahm. Die übrigens → wieder geschrieben hat, abermals eine Art Billet; ich habe, als ich’s eben las, sofort reagiert. Wobei mir gestern → lillyhalber etwas bewußt wurde, das mich fast umhaute; ich verdanke die Erkenntnis Frau von Stieglitz, die mich drauf aufmerksam machte … nein, darauf stieß. So daß ich mich ein zweites Mal dabei erwische, aus meinem Unbewußten abgeschrieben, nämlich unwissentlich eine Prägung reaktiviert  zu haben, die dann als etwas Neues, als ein eigener “Einfall”, in die Welt trat, obwohl es alles längst da und vor allem gar nicht von mir selbst war, sondern zum Werk eines anderen Künstlers gehört. Dennoch handelt es sich nicht um ein Plagiat, das ja Bewußtsein, sogar Absicht voraussetzen würde. — Doch hierzu insgesamt später mehr; ich möchte meiner Leserin auch nichts von der Beleuchtung nehmen, die, was sie gefunden hat, fiebrig wird erstrahlen lassen: schwarzes Licht des Unheims, wie Kinder die erste erotische Lockung erleben.

Vielmehr, geliebte Freundin, ist es Dank zu sagen Zeit. Denn in den letzten Tagen erreichten mich wieder und wieder teils bewegende, teils schlicht mir Beistand – welcher Art auch immer – zusichernde Nachrichten, meist übers Netz, doch bisweilen auch “richtige”, von Menschen ausgetragene Briefe, deren einem Leserin sogar 200 Euro, die ich allein der Krankenhauszuzahlungen momentan mehr als nur “gut” gebrauchen kann, “für vieles” beigelegt hat,

das ich in “Der Dschungel” lernen durfte, für Anregungen und dafür, daß Sie mir Mut machten, mich mit ganz anderer Literatur und Musik zu beschäftigen. (…) Ich wünsche mir so sehr, daß Sie den Kampf aufnehmen und ihn gewinnen. Sie waren in allem Körperlichen immer so mutig (…). Jetzt werden Sie auch dies schaffen und uns zeigen, daß es zu schaffen ist.

Seit ungefähr zehn Jahren lese sie in DER DSCHUNGEL, und gäb’s sie nicht mehr, sie würden ihr fehlen. Insofern finde sie, mir einen kleinen Betrag zu schicken, schlichtweg angemessen. Und eine mir einst höchst unmittelbar engstgewesene Dichterfreundin, von der ich aber nun, nach seither nahezu siebzehn Jahren, überhaupt nicht wußte, wie eng wir nach wie vor befreundet, ja aneinander sind, schreibt mir von sehr wahrscheinlich meiner “Hand am Schuh und im Schuh” und siezt mich nun, doch moduliert es aufs distanziertest Intime rhythmisch in ein mollbedecktes Du, das auf beklemmende Weise zu der Gabe paßt, die sie beigelegt hat: Dmitri Schostakovitschs sämtliche Streichquartette in einer Einspielung des Fitzwilliam String Quartets aus der All Saints Church in Petersham, Surrey, entstanden von 1975 bis 1977. Seit gestern laufen diese Musiken nun unentwegt, und zwar, wie ich es bei für mich neuen Gesamtaufnahmen meistens halte, von sozusagen hinten nach vorn. Erst danach folge ich der lebensgeschichtlichen Chronologie. Ich beginne also mit dem spätesten Werk und höre mich gegen den Zeitstrahl bis zum allerjüngsten durch – von der Nr. 15 aus Schostakovitschs Vortodesjahr 1974, mit 67 fast in meinem jetzigen Alter geschrieben, bis zur Nr. 1 des Jahres 1938; da war er zweiunddreißig und hatte bereits die berühmte fünfte Sinfonie geschrieben. Ich selbst in diesem Alter saß am WOLPERTINGER und Nabokov, in derselben Zeit – seines Berliner Exils allerdings – schrieb DIE GABE sowie die EINLADUNG ZUR ENTHAUPTUNG. Es gibt ein gutes Bild, sich solche Gleichzeitigkeiten vor Augen zu führen. Kein Jahr später marschierten die Hitlerdeutschen in Polen ein – durch jenen “Korridor”, den nun auch wieder, widerlicherweise, der NATO → Defender Europe 2.0 durchrollt hat, wenn am Ende auch, Corona sei ein “riesen” Dank, mit nur noch schwachen Panzern auf der Brust. Ceterum censeo Carthaginem esse delendam: Ich  gebe weiter stur den Cato und beharre auf einem Vereinten Europa, das nicht länger die US-Stiefel der NATO ableckt wie brav der Hund die Hand seines Herrn. Zumal der in nicht nur seinem heimischen Garten an Datschen fürs Foltern schon längst nicht nur mehr “heim”werkt.
Nun diese Streichquartette also, die, seltsam genug, von allem Beginn an frühreif schon von Todesblässe sind, gänzlich anders als Schostakovitschs von mir besonders in Keith Jarretts Interpretation geliebten absolut mitreißenden → Präludien und Fugen, Hingegen die Quartette durch eine Membran zu uns herübersingen, die wir nicht sehen, aber spüren können, als hinge zwischen uns und den Klängen der taftene Vorhang einer opaken Dimension, die eben nur diese, die Klänge, hindurchläßt, nicht aber Licht. Und dazu schreibt die Freundin, es sei

ein halbes Leben vergangen seit unserer ersten Begegnung. Aber die Erinnerungen sind durch das Blättern in den alten Notizheften wieder präsent. Die Dämmerung im Fenster, die Vögel. Die Taxifahrt ins Hilton. (Um 7 Uhr, als ich das Haus verließ, wischte ein Schwarzer das Teppenhaus.)

So erinnre nun auch ich mich und sehe Ihre Augen unter den, entsinne ich mich richtig, leicht geschlupften Oberlidern. Oh nein, ich bleibe selbstverständlich diskret  Doch ist es ein  Zufall oder bewußte Anspielung, wenn Sie zur Beschreibung Ihres gegenwärtigen, mir als “Ungeduld und Lebensgier” ausgesprochen bekannten Zustandes ein Wort verwenden, das sich auf den Titel eines Gedichtbandes der von mir mehr als nur verehrten Poetin → Katharina Schultens reimt?
Und dann, es grenzt an ein Wunder, nein, übertritt die Schwelle jedes solchen … dann zitieren Sie am Ende Ihres guten langen Briefes ausgerechnet Ungaretti – und zwar genau die Zeilen seines Gedichtes Allegria di naufragi, die im dritten Band meiner → Anderswelttrilogie zu einem geradezu zentralen Leitmotiv werden. Wissen Sie, aus welch einer Stelle diese Verse zum ersten Mal hervorleuchten? Da hat der waidwunde Söldner Pord-Color Kignčrs soeben Abschied von seiner verstorbenen – an Krebs (!!) verstorbenen – Geliebten genommen:

Zwei getrocknete, gleichsam staubige Tränenpfade führten über die narbige Haut seiner fleischighohen Wangenknochen zu den breiten Nasenflanken. Als er sich auf den Rücksitz des Wagens setzte, der ihn zur Vernehmung fuhr, murmelte er, aber die Leute verstanden ihn nicht:

E subito riprende
il viaggio
come
dopo il naufragio
un superstite
lupo di mare

Argo.Anderswelt, S.335

Das, ausgerechnet das zitieren Sie nun mir! Es ist wirklich nicht zu fassen. Mir wird schwindlig, geradezu benommen. Dabei bin ich mit all den Wundern dieses heutigen Journales noch gar nicht am Ende, auch wenn ich das meiner letzten Lektüre,  → ADA also, krebshalber unterbrochen habe und in die → Nabokovlesen-Reihe nun erst wieder hineinfinden muß (allerdings, versprochen!, es auch werde).
Und diese sanfte, ergebene, schon hinübergehende Ungeheuerlichkeit des letzten Quartetts im sowieso schon unheimlichen es-moll; ich kann nicht einmal sagen, wie, doch es klingt da etwas aus Schostakovitschs drei Jahre zuvor abgeschlossener letzten, der fünfzehnten Sinfonie mit ihren bisweilen ins fast tändelnd-Spielerische aufgelösten Wagner- nämlich Todesanklängen mit, doch ohne noch in den Witz Rossinis gebettet zu sein (Schostakovitsch trumpft da am Ende ja doch wieder auf – wofür es in der Wahrheit eines Streichquartetts nahezu prinzipiell keinen Raum gibt).
Diese Quartette werden mich fortan begleiten – Entdeckungen für mich wie es die Wilhelm Stenhammars und Vagn Holmboes waren; letztre übrigens auf Empfehlung jener Leserin, von der ich oben berichtet habe. Überhaupt ist DIE DSCHUNGEL ein dichtes Blatt- und Wurzelwerk musikalischer, eben nicht nur poetischer Osmosen und so, wie eigentlich meine gesamte Poetik, von Anfang an gemeint gewesen.

So schickte mir denn auch mein alter Lektor Delf Schmidt etwas in die Dunckerstraße, nämlich Dieter E. Zimmers Übersetzung einer nachgelassenen, nie zuvor publizierten Erzählung des großen Romanciers. Aber das hatte ich Ihnen, Freundin, glaub ich, schon erzählt. Richtig, vor drei Wochen → dort. Aber von → Artur Lundkvist nicht.

Auch wenn ich ihn nun jahrelang geradezu vergessen habe, er, der einst berühmte schwedische Lyriker, stand ganz am Anfang meiner eigenen lyrischen Versuche, deutlich vor Benn und deutlich auch vor Rilke; entdeckt haben muß ich ihn schon in Bremen, also vor 1981, wiewohl ich in meinen bei Kiepenheuer & Witsch 1963 erschienenen und gewiß antiquarisch erworbenen Auswahlband meine seinerzeitige Frankfurtmainer Adresse, Waldschmidtstraße 29, eingetragen habe; signiert aber habe ich das Buch noch mit Alexander Ribbentrop, was ich seit Bremen eigentlich nie getan habe:

Wenn ich heute auf die allererste Gedichtversuche zurückblicke (soweit es nicht persönliche, mithin per se schlechte Liebeserklärungen an Frauen, bzw. Mädchen waren), wird mir unmittelbar deutlich, wie stark Lundkvists Einfluß auf mich war. Das zeigt sich nicht nur im Motto meine ersten Buches, MARLBORO von 1981, das eben noch in Bremen geschrieben worden war –

Und einige liegen zusammengekauert im Tod wie nie zur Welt gekommene Wesen
Und alle sind nackt im Tod, 46
(Dtsch. v. Friedrich Ege)

  • sondern schon an diesem vor ein paar Monaten hier eingestellten → Mitschnitt von 1980, in dem ich Lundkvists Wäscheleinenmotiv (siehe ganz oben das Motto) aufgenommen und weiterverarbeitet hatte. Doch auch in einigen der alten Gedichte aus DER ENGEL ORDNUNGEN, etwa Frankfurt am Main im Oktober 1981, das folgendermaßen endet:

: am ruhigen Uferschwarz
des Mainglitzers Wasser

Es sind Verse von Lundkvist gewesen wie

der Mensch ist ein Begräbnisplatz für ungelebtes Leben.
Er befindet sich im Schatten seiner eigenen Handlung,
und er kennt ihn nicht. Er ist sein eigenes Licht

oder

mit Wasser des Traumes erfüllt zu werden,
das das andere Geburtswasser ist

oder

die Furcht ist so natürlich wie das Atmen, nur die, die fürchten,
sind fruchtbar
(…)
wählen wir nicht das Leben als Gefahr, Unsicherheit und Ver-
wandlung, werden uns die Bazillen besiegen,
Lundkvist,
Ich bin weich wie ein Stein,

was mich damals enorm bewegte und, ja, vorantrieb. Und was – wie ich erst jetzt, in den Endarbeiten meines Béartzyklus steckend, begreife – sogar noch meine heutige, meine “erwachsene” Poetik grundiert:

Frauen mit hohen Busen, schwarzen Augen, schönen Lenden,
schwellend wie weiße Stuten, sie zünden dunkelroten Brand
in unseren Herzen an – wir rasen, bitten und raufen mit
blutigem Messer

im Sommerwind
im Heidekrautduft
beim Drehorgelspiel –
raufen mit blutigem Messer!

Lundkvist, Tatarenballade

Wie da – um alle Göttinnen der Welt! – habe ich das vergessen, Lundkvist vergessen können? — Und nun kam eben dieser Brief.

Geschrieben hat ihn Wolfgang Roth, ein damaliger Frankfurtmainer, eigentlich Wiesbadener → VS-Kollege, eigentlich Pfarrer war und, nachdem wir uns längst aus den Augen verloren, als Wolfgang Martin Roth Therapeut wurde und irgendwann nach Wien gezogen zu sein scheint, wo er heute ebenso lebt wie meine Dichterkollegin, die mich mit Schostakovitsch so beschenkt hat. Es ist schon eigenartig, wie viel sich in den letzten fünf Jahren für mich in Wien zusammengezogen hat, gleich zwei meiner Verlag sind dort, meine geliebte Lektorin lebt dort ebenso, wie dort lange Zeit mein Dichterfreund Wolfgang Schlüter gelebt hat und eine ehemalige Gespielin immer noch dort lebt, nach wie vor mit mir befreundet, ein eigenwillig-grandioser Buchhändler, Dieter Würch, hat seinen tollen Laden → gleich in der Domgasse, und dann lebt auch noch David Ramirer dort. Was mach ich eigentlich noch hier? (So auch in Facetime gestern Phyllis Kiehl: “Es ist doch eigenartig. Wenn du öffentlich Zuspruch bekommst, dann eigentlich nur aus Österreich. Woran liegt denn das?” – Wobei es so auch nicht mehr stimmt, nicht mehr, seit ich dem Alten Neummansschmieden Kurt auf seinen allzu eitlen Fuß getreten; seitdem hat halt auch Wien die Gitter vor mir fallen lassen.)
Doch ich gehöre nach Berlin wie quasi nach Neapel. Und nach Sizilien manches Mal.

Egal. (Wischbewegung).

Wolfgang Roth also. Ihm scheine ich damals, es müssen die ersten Achtziger gewesen sein, “meinen” Lundkvist zu lesen gegeben zu haben — so daß es nunmehr zu dem jahrzehntespätren Wunder der Rückkehr eines verliehenen Buches kam. Und er schreibt mir, also Wolfgang, folgendes:

Was andres bleibt mir jetzt zu sagen als allen, allen D a n k e?

Und gegen 12.45 Uhr breche ich zur ersten Chemo meines Lebens auf, möchte → hinflanieren — in, behauptet Goopglemaps, siebenundvierzig Minuten und ergo selber Zeit zurück, was genau der Dauer meines täglichen Spazierengehns entspricht, da ich joggen zur Zeit wohl eher nicht sollte.

Ihr ANH

P.S. (19.49 Uhr):
Es war erst das Beratungsoprgespräch. Die erste tatsächliche Chemositzung ( die eher eine -“liegung” werden wird) findet morgen früh von 9 bis 13 Uhr statt.

ANH an Liligeia, dritter Brief. Donnerstag, den 7. Mai 2020. (Krebstag 8).

[Arbeitswohnung, 3.10 Uhr
Allegri, Miserere]

Tatsächlich seit einer Stunde wach, nein etwas länger schon, mich hin- und hergeworfen, dann, wie bereits gestern, aus dem Bett, diesmal aber für Latte macchiato. Alles dieses aufregungshalber, gewiß, da wir doch nachher die Befunde, Li, entgegennehmen werden — mehr aber noch, weil mich der Entzug diesmal derart beißt. Die vierte Tag hebt an, daß ich nicht rauche. Es fällt mir irrsinnig schwer. Doch dann fand ich in der Post den dritten Brief einer erbittert von mir Abgelösten, die, seit sie von Dir weiß, sich zurückgewandt hat und nicht nur mitfühlt – das wär banal –, sondern gegenwärtigst mitdenkt auch und sich darüber wunderte, welche Wahl ich für meine Hinübergangsmusik wählen wollte: “O du Land …”, Schoecks sehr, sehr kurzes Requiem in der Gestalt eines einzigen Liedes aus dem → NACHHALL-Zyklus op. 70. Sie, die Freundin, hätte auf Allegri getippt, Gregorios großes Miserere; meine Vorliebe sei interessant, eines solchen “Archetypus des mediterranen Raums, wie Sie es sind”. Ausgerechnet einen Schweizer zu nehmen, hör ich sie spöttisch rufen, Sie, vom Blute Mezzogiornos! —
Nun “läuft” Allegri hier, leise selbstverständlich, um nicht die Nachbarn aufzuwecken.

Doch, Lilly, sage mir, ob nun auch Du derart viele Brief erhältst und Nachrichten, die Dir Hilfe anbieten, vor allem in Hinsicht auf Lektüren. Auch meine Freunde wolln mir dauernd irgendwelche Bücher geben … nein, nicht irgendwelche, sondern immer dreht sich’s um Krebs. Da würde ich, ginge ich all deren Empfehlungen nach, gar nichts anders mehr tun, als über meine und Krebserkrankung als solche zu lesen. Das will ich aber nicht. Ich will über Musik lesen (und sie hören selbstverständlich), möchte über ferne kosmische Räume lesen und lesen von begeistert-obsessiven Lieben, darin sich die Menschen leiblich umfangen. Dürfen sie auch gern die Moral vergessen, jede Moral, ob gegenüber den Partnern, sich selbst, der Gesundheit. Unser Leben kann plötzlich zuende sein; kein Versäumnis läßt sich dann noch beheben. Von der Fruchtbarkeit möchte ich lesen und von Geburten – neuer, aber auch alter Menschen, die als junge zuück- und auch sonstig verwandelt kommen. Sowie mehr von dem soeben → neu entdeckten schwarzen Loch möchte ich wissen, dessen beide begleitenden Sterne mit bloßen Augen sichtbar seien. Gerade auch Dich, Ligeia, dürfte solch eine Ansicht locken, locken und locken. Wir wären einander sonst weniger nah. Meine Güte, was interessiert da uns der Krebs? Zumal wir doch nur glauben können.
Was haben wir, schönste Li, denn jetzt schon alles gehört! Ich von Dir und Du gewiß von mir, aus andrem Mund — darunter aus, jaja, berechtigten Mündern, deren Zungen Zugang zu den Gehirnen anderer Erfahrungen haben und gelebt haben, was uns nun noch bevorsteht. Die möchten mir, ich versteh’ es, wirklich doch nur raten. Nur sagt jeder etwas anderes. Das gilt sogar für die Fachpresse und die Ärztinnen und Ärzte persönlich. Die einen widersprechen den anderen und stimmen wieder andren zu, die aber denen widersprechen. Es ist einfach nichts gesichert, oder nur sehr wenig. Worauf verlassen wir uns also? Die Heiler gelten Ärzten als Scharlatane, im besten Fall als Hochstapler, im schlechten als bloß Irre, doch denen gelten die als dienende Teile einer riesigen, unfaßbaren Geldmaximierungsmaschinerie, die in rein ökonomische Gewinninteressen gebeugt ist: in der gesundheitsmilitärischen Befehlskette dienende gemeine Soldaten vorne an der Front, die nicht mal um den Kriegsgrund wissen. Und ich — und wir, Ligeia — können gar nichts überprüfen. Wie können nur vertrauen, begeben uns am besten in nur eine Hand, also zwei, vielleicht noch zwei dazu … auf keinen Fall aber mehr! Sonst wären wir verloren.
Ich glaube, was mir ernährungshalber लक्ष्मी sagt und folge ihr. Die Einwände von anderer Seite sind mir egal und müssen es sein. So werde ich es, Li, auch mit den übrigen Fragen halten. Halten müssen.

Und dann aber all die Menschen, die mich fragen, wie’s mir geht. Ich sag dann immer – nur selten antworte ich gar nicht (dann meistens aus Erschöpfung): “Steht alles in Der Dschungel, lest da bitte nach.” Auf welche Auskunft hin manche Menschen schwer beleidigt sind. Sie möchten etwas, denk ich mir, ‘Persönliches’ hören, weil sie nicht begreifen, daß das Persönlichste, das ich vermitteln kann, alleine meine Kunst ist. Außerdem ist ihr Verhältnis zur Logik gestört, zumindest das zu Zahlen. Jedenfalls rechnen sie nicht. So tu nun ich’s mal hier:

Was ich täglich in DER DSCHUNGEL schreibe, dauerte gesprochen (bzw. vorgelesen) vielleicht fünfzehn, mag sein zwanzig Minuten. Nehmen wir das Mittel, 17’45”. Fragen mich jetzt zwanzig Leute nach dem Stand der Dinge, und ich antworte, ergibt das bereits 355 Minuten unentwegten Sprechens, also 5,92 Stunden – täglich, wohlgemerkt.

Hinzu addiert sich noch die Zeit für ganz andere, sagen wir “interaktiv soziale” Gesprächsminuten, die mit Dir, meiner Li, gar nichts zu tun haben. — Des’ wärn auch Sie, o Leserin, ganz sicher sehr bald müde. Und ja, ich bin an Krebs erkrankt, nun gut … oder schlecht …  – an Dir, Du große Geistin, krank. Doch das heißt nicht, daß es fortan für mich allein nur Dich gibt. Anders würd es, gib’s nur zu, auch Dich dann sehr schnell kühlen. Statt dessen aber dann warn wir gestern mittag beieinander höchst zufrieden — täusche ich mich, Lilly, da? (Und was mir लक्ष्मी erstaunlich in den Sinn bracht’: weshalb war ich drauf von selbst nicht gekommen? daß wir uns auch auf Deiner Insel längst getroffen haben, wo ich den tiefsten Sport erlernt, der durch die Seele fließen kann und sie umfließen läßt von seiner Welt, dem Meer. Warst Du Sirene da schon bei mir, als ich zu tauchen lernte? L’Isola del Giglio, Deine Lilieninsel, Li. — Du sagst nichts? Lächelst nur? –) … He, hörst Du nicht!? Doch, doch, Dir ist’s schon klar, daß wir im Lauf der Vormittags Klarheit bekommen werden als bittren, allzu bittren Wein vielleicht. Ist Dir das klar?

Aber auch manchen sehr Vertrauten habe ich bislang nicht geantwortet, selbst Förderern, selbst Freunden. Wilhelm Kühlmann (ohne den ich, was ich heute bin, nicht als Dichter wäre) schrieb mir einen guten, intensiven Brief und sprach sogar auf die Stimmbox; der kluge Eickmeyer fragte nach, auch er blieb ohne Antwort. Manchmal weiß ich selbst nicht, auf wen ich reagiere und weshalb auf andre nicht. Es hängt nicht selten an der Situation, in der ich gerade “erwischt” werde, ob ich gerade schreibe oder, Liligeia, mit Dir im Gespräch bin oder ob ich Musik höre (Mahler wieder, derzeit, viel, besonders gerne unter Barbirolli). Am besten ist, man ruft mich an, ich hebe ab. Oder bin ohnedies grad an den Mails. Was ich hingegen verschiebe, verschiebe ich dann nochmals. Nehmen Sie es mir nicht übel, wirklich, bitte. Schauen Sie in DIE DSCHUNGEL, da steht alles, was wichtig ist, drin und mehr darüber hinaus, das ich anders gar nicht vermitteln könnte— sogar, wie ich mit Lilly spreche, Dir, den Blumen, meinen, auf dem Feld. Sie hat sie mir gebunden. Du hast sie mir gebunden, sie sind so furchtbar weiß.
Und was Sie auch noch wissen sollten – Liligeia bekommt es gerade ziemlich deftig mit: Ich bin auf Nikotinentzug, hab’s oben schon gesagt, wie diesmal sehr viel heftiger denn je er ist. Schon vorgestern  → wacht’ ich von ihm auf, und gestern legte ich mich tags drei Mal nacheinander in Abständen hin, fand aber nie in Schlaf, stand nach zwanzig, dreißig Minuten jeweils wieder auf, getrieben, nur um es eine Stunde später, erneut erschöpft, aufs nächste zu versuchen. Und neuerlich erfolglos. Ich habe das Gefühl, daß mich dieser Entzug momentan mehr Kraft als Du in Deinem Kokon kostet, Li, darf ich so sagen für die Puppe Deines Tumors? — aus dem wir vielleicht, wenn die Verwandlungszeit vorüber, unsrer beider Flügelpaare weit entfalten, nachdem sie an der freien Luft getrocknet …

und dann sehen die Augen, in einer Flut von Sonnenlicht sieht die Schmetterlingin

zu der wir beide wurden

die Welt
Nabokov,
Metamorphosen (dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

und heben, Ich-Animus in Anima-Du, in eine bereits nächste, oh Lillyliebste, ab.

Gut allerdings – erinnerst Dich, wie beruhigt auch Du warst? –  die Ergebnisse bei meiner Kardio- und Angiologin. Gefäße sämtlichst in Ordnung, auch da unten am Bein. Und trotz der Stiche, die Du mir (obwohl ich Dich nun wirklich nicht mißachte) immer wieder heftig sendest, auch das Herz ganz prima in Funktion. Blutdruck 110:70, “bekomme ich selten zu sehen”, sagte die Ärztin, und trotz meiner langen Laufpause der Ruhepuls immer noch zwischen 50 oder 55. “So heftig Ihre Diagnose ist – Sie sind in jedem Fall gewappnet. Gegen welche Therapie auch immer gibt es bei Ihnen aus meiner Sicht nicht eine einzige Kontraindikation.”
So gehn wir denn gewappnet, Du und ich. Verzeih, wenn ich mich wiederhole: doch mein Tod wär auch Deiner. Drum laß uns eine neue Art erfinden, in der Du Dich weiter in mir repräsentierst, ohne daß wir uns – auch ich nicht Dich – in unsrer Existenz gefährden. Besser wär’s doch, beide Wirs brächten mein Werk zu einem guten poetischen Ende. In das wir beide jubelnd liefen.

A.
[Schoeck, Nachhall op. 70]

P.S.:
Allerdings habe ich deutlich abgenommen, 71,3 kg jetzt, ergo, wenn Hemd, TShirt, Hose abgerechnet, unter 71. Freilich kein Wunder, so wenig, wie ich derzeit esse … essen kann, trotz meines nach wie vor ziemlich vitalen Appetits.

| Der Sommer auf Ardis ODER Dein Afrika hinauf |
Nabokov lesen, 39: Ada oder Das Verlangen, 1
Teil I, Kapitel 1 – 26

 

 

“Wir waren schändlich verdorben, nicht wahr?” [die erwachsene Ada, ANH]
“Alle klugen Kinder sind verdorben.” [der erwachsene Van, ANH]
Ada oder Das Verlangen, S. 142
(Dtsch v. Uwe Friesel und Marianne Therstappen)

Sie betrachtete ihn. Ein feuriges Tröpfchen im Winkel ihres Mundes betrachtete ihn. Ein dreifarbiges, samtenes Veilchen, das sie am Abend aquarelliert hatte, betrachtete ihn aus einer kannelierten Kristallvase. Sie sagte nichts. Sie leckte an ihren gespreizten Fingern, noch immer ihn ansehend.
Van, da er keine Antwort erhielt, verließ den Balkon. Sanft zerbröckelte ihr Turm in der süßen, schweigenden Sonne.
Ada, 99

 

Was wir, geliebte Frau, zuerst verstehen sollten und es – sofern wir uns eingelassen haben – spätestens auf der Seite 77 verstehen auch werden, geht aus folgender, dort so kurzen Klammerbemerkung hervor, daß sie durchaus überlesen werden kann:

Mit zehn oder früher hatte das Kind – genau wie Van – Les Malheurs de Swann gelesen (…)
Ada, S. 99

Mit zehn, Proust! Und mehr noch: als kleine Russin auf Französisch … Sofort, wer sich da nicht wehrt, hat das Bild eines besonderen – begnadeten nämlich – Kindes vor Augen. Begnadet von Herkunft und Erziehung, was für Ivan Veen, Adas sofortig-innigstem Freund, ebenso gilt wie für beider (ich meine die Landschaft, die sie umgibt) märchenhaft heilem Daheim. Was alles Folgende, grad auch das Erotische, zutiefst bestimmt und glaubhaft macht.

Wir befinden uns jetzt auf einer Weideninsel mitten im ruhigsten Flußarm des blauen Lador, feuchte Felder auf der einen Seite und auf den anderen eine Ansicht von Bryants Château, fern und romantisch schwarz auf seinem Eichen-Hügel (…)
Ada, 260

So denn auch Ardis Hall selbst,

ein prächtiges Landhaus, drei Stockwerke hoch, gebaut aus fahlen Ziegeln und violetisch schimmernden Steinen, deren Farbschattierungen und Substanz sich bei bestimmten Beleuchtungen auszutauschen schienen. Der Vielzahl, Fülle und Lebhaftigkeit großer Bäume zum Trotz, die längst die zwei ausgerichteten Reihen stilisierter Schößlinge ersetzt hatten, (lag) das Herrenhaus (…) auf einer Erhebung (…)
Ada, 53

Wer Nabokovs bisherige Bücher kennt, die ich in dieser Reihe besprach, wird sofort spüren, was der Autor hier schildert, daß er seine eigene Kindheitslandschaft, die verlorne und lebenslang vermißte, schildert, doch sie uns nun zur Gegenwart macht: zu einer gewesenen Zukunft. Und wir begreifen unmittelbar, weshalb er dafür eine Gegenwelt schafft, bezeichnenderweise Anti-Terra genannt, worin zwar die Geographien mit unserem Heimatplaneten identisch sind, nicht aber ist es — um Zukunft zu sein, kann sie’s nicht sein — ihre politische Wirklichkeit (Nationalgrenzen verlaufen dort völlig anders, und die imperialen Gewalten liegen in anderen Händen). Ebenso die Technologien; auch sie stimmen nicht überein. Alleine dafür, dieses klarzumachen, dienen die ersten beiden Kapitel, die deshalb so komplex sind und für verwirrend gelten, weil es dem Dichter tief mißhagt, den Sachverhalt pur zu referieren, also die Gebote eleganten Erzählens zu mißachten. Weshalb er einsteigt, als wüßten wir alles bereits. Denn ihm – Ivan Veen, der als alter Mann seine Erinnerungen schreibt – ist seit Kindheit ja alles bekannt, und seiner ersten Leserin, der geliebte Ada, nicht anders. Da hilft uns der dem Buch vorangestellte Stammbaum erst einmal wenig:

Wir werden später dazu übergehen, ihn zu “dechiffrieren”; ein einundsiebziger Mann, der mit seiner fünfundzwanzigjährigen Frau zwei Kinder zeugt, die quasi Ahnen aller jetzt lebenden Hauptpersonen des Romans sind, ist auch als Fürst nicht common sense. Wichtig ist erst einmal nur zu verstehen, daß Ada und Van, die von mir in der Abbildung türkis markierten Helden der Geschichte, miteinander verwandt sind — dem Stammbaum nach Cousine und Cousin, nämlich die Kinder des Zwillingspärchens Aqua und Marina. Die Wahrheit allerdings finden diese Kinder selber heraus; sie wird ihr Leben ebenso überschatten, wie es ihre Leidenschaft bis zum Tod hell befeuert – keinem schnellen, einem späten. Van ist in den Neunzigern, als seine nur zwei Jahe jüngere Geliebte das Manuskript liest (und gelegentlich kommentiert), das unterdessen wir vor uns als Buch liegen haben.
Nein, wir müssen uns nicht kirremachen lassen. Sehen Sie es, Freundin so: Wenn wir zum ersten Mal ein fremdes Land betreten, ja noch über Monate, wofern wir so viel Zeit dort verbringen, kennen wir auch nicht den andren kulturellen Code. Sondern erfassen ihn allmählich. Nicht anders in diesem Buch. Indem wir indessen erlernen, statt schon immer gleich zu wissen, werden wir sehr reich. Um uns zumindest geographisch zurechtzufinden, genügt die folgende Karte vollauf:

(©: Dieter E. Zimmer)

Wir sind also, nach unsrer Welt, im westlichsten Kanada, oberhalb des Staates (“unseres”) New York — ganz nahe nämlich dort, wo James Fenimore Coopers erste LEDERSTRUMPF-Erzählung spielt, eines andren großen Buches. Wäre das Land nicht derart kultiviert, wir spürten noch Nat Bumppos Atem — ja, selbst der See ist noch da, auf dem Tom Hutters, des Pelzjägers, und seiner beiden Töchter, Judiths und Hettys, Holzhütte schwamm.  Das liegt allerdings an die einhundertfünfzig Jahre zurück.

Zeichnung: Zdnek Burian

Und wir sind nicht weit von Alaska entfernt, auf der anderen Seite nur, das von Rußland an die USA erst 1867 verkauft worden ist — ein für Nabokovs Konstruktion entscheidender Umstand: bloß siebzehn Jahre, bevor Van zum ersten Mal nach Ardis kommt. Seelisch ist Rußland also ganz nah, was es dem Dichter eben erlaubt, Ardis nahezu ganz mit der eigenen Kindheit zu füllen. Daß er das dortige Klima subtropisch sein läßt, geht poetisch mit dem Thema des Romans, der erotischen Liebe, zusammen, die immer geistig auch sein muß, sonst wär sie nicht erotisch, sondern nichts als grob sexuell. Außerdem liegt Ardis ein bißchen nördlich Bostons auf dem, was wir schnell vergessen, Breitengrad von Rom. Schon verstehen wir Nabokovs geographische Wahl, zudem er selbst viele Jahre in ungefähr einer ähnlichen Gegend verbracht hat, etwa in Wellesley — sehr weit weg vom westlichen, bei Nabokov (russisch-)französischen Kanada nicht.
Doch muß uns selbst das noch nicht scheren. Es zeigt nur, wie komprimiert die vierundddreißig Seiten der ersten drei Kapitel sind, die wir Peter Urban zufolge → “besser auslassen” sollen.

(Nur noch nebenbei bemerkt, war die französische Sprache im späten zaristischen Rußland ein Abgrenzungsmerkmal der Oberschicht. In Ada kann Nabokov sie und sein Russisch mit dem Englischen vereinen, in dem das Buch geschrieben ist — in Europa, übrigens, wieder, nämlich in Montreux und also der Französischen Schweiz.)

Ivan “Van” Veen ist also vierzehn, als er in Ardis den Sommer verbringt und Ada, die vermeintliche Cousine, die zwölf ist, kennenlernt. Dabei ist es kein Zufall, daß er, nachdem er

mit seinen zwei Koffern (…) in den sonnigen Frieden des kleinen, ländlichen Bahnhofs
Ada, 53

ausgestiegen war,

von wo eine gewundene Straße hinauführte nach Ardis Hall,
Ada, 51,

die “zufällige Gelegenheit eines Transportmittels” wählt, denn Automobile gibt’ schon sehr wohl,

das ihm ein zufälliger Knick im Gewebe der Zeit zur Verfügung gestellt hatte,
Ada, 53,

nämlich eine Kalesche. Und nachdem er in ihr angekommen ist und erstmal, auf Vorschlag des Butlers, eine tour du jardin unternommen hat, auf der er irrtümlich die noch ganz kleine Cousine für die etwas ältere hält, fährt nahe der Terasse eine Viktoria vor:

Eine Dame, die Vans Mutter ähnelte, und ein dunkelhaariges Mädchen von elf oder zwölf, vorweg ein herabfließender Dackel, stiegen aus. Ada hielt einen unordentlichen Strauß wilder Blumen. Sie trug einen weißen Rock mit einer schwarzen Jacke, und in ihrem langen Haar war eine Schleife. Er sah diese Kleidung nie wieder an ihr, und wenn er sie bei rückblickender Betrachtung erwähnte, beharrte Ada darauf, daß er geträumt haben mußte, sie hatte nie so etwas besessen, konnte niemals an einem so heißen Tag einen dunklen Blazer getragen haben, aber er hielt an seinem allerersten Blick von ihr bis zum Schluß fest.
Ada, 55

Also bis er in den Neunzigern war, mithin um 1960, als Nabokov diesen Roman zu scheiben begann. Es ist dies eine wichtige Bestimmung. Und nur drei Seiten weiter fangen Schlüsselsätze an, die das gesamte Zentrum der Erzählung umspannen:

“Du kannst den ‘See’ vom Bibliothekszimmer sehen,” sagte Marina [Adas Mutter, ANH]. Ada wird dir jetzt alle Räume des Hauses zeigen. Ada?” (Sie sprach es auf die russische Weise aus, so daß es fast wie “Ardor” klang.
Ada, 57/58

“Ardor” ist Englisch für “Glut”, “Leidenschaft” (so daß ich am deutschen Mittitel DAS VERLANGEN durchaus bißchen Zweifel habe — ein D’Annunzios IL PIACERE nicht unähnliches, als Übersetzung, Benennungsproblem).
Ein wenig später wird das Motiv noch verstärkt, und zwar überaus typisch für die schwindelerregend gebildeten Dialoge der beiden Fastnoch- und doch Schonlangenichtmehr-Kinder:

“Unsere Leselisten stimmen nicht überein”, erwiderte Ada. “Jenes Palace in Wonderland gehörte für mich zu der Art Buch, von der jedermann so oft behauptete, ich würde [es] innig lieben, daß ich eine unüberwindbare Abneigung dagegen entwickelte. Hast du irgendeine von Mlle Larivières [ihrer Gouvernante, ANH] Erzählungen gelesen? Nun, du wirst es noch müssen. Sie glaubt, daß sie in irgendeinem früheren Hindu-Stadium ein ‘Boulevardier’ in Paris war, und schreibt entsprechend. Wir können uns von hier aus durch einen Geheimgang in die Eingangshalle winden, aber ich glaube, wir sollten uns noch die grande chêne ansehen, die in Wahrheit eine Ulme ist.” Mochte er Ulmen? Kannte er das Gedicht von Joyce über die beiden Wäscherinnen?
Ada, 74.

Die Zwölfjährige spricht hier von FINNEGAN’S WAKE!

Er kannte es tatsächlich. Mochte er es? Ja. In der Tat begann er arbors und ardors und Adas sehr gern zu mögen. Sie reimten sich. Sollte er’s erwähnen?
Ada, ebda.

“Arbors” sind Lauben, aber auch Wellen. Doch zur vorigen Stelle nochmal zurück, die fast schon alles verrät — noch bevor es die “Kinder” ganz selber entdecken:

“Warum müssen Treppenstufen nur so entsetzlich knarren, wenn zwei Kinder hinaufsteigen”, dachte sie [also Marina: Adas “High-Society”-Mutter, ANH], während sie zum Geländer emporblickte, auf dem sich zwei linke Hände mit verblüffend gleichen Griffen und Zügen fortbewegten, wie zwei Geschwister bei ihrer ersten Tanzstunde.
Ada, 58.

Wie sie wirklich mieinander verwandt sind, entdecken die zwei auf Ardis Hall‘s Dachstuhl:

Der Boden. Dies ist der Boden. Willkommen auf dem Boden. Er beherbergte eine große Anzahl von Truhen und Kartons und zwei braune Couches, eine über der anderen wie kopulierende Käfer, und Mengen von Bildern, die mit den Gesichtern zur Wand in Ecken und auf Borten standen wie gedemütigte Kinder. (…) Dank einer Mischung sich überlappender Stile und Ziegel (…), als auch eines gewissermaßen zufälligen Kontinuums von Ausbesserungen, bot das Dach von Schloß Ardis ein unbescheibliches Gewirr von Winkeln und Flächen, von blech-grünen und blatt-grauen Oberflächen, von ausblickenden Firsten und windgeschüzten Ecken.
Ada, 64

Dort nun finden sie — übrigens gleich in Kapitel 1, das wir ja Kritikern zuliebe “auslassen” müssen (sei milde mit ihnen, oh Göttin!) —

in einem anderen Karton in einer tieferen Schicht der Vergangenheit: ein kleines grünes Album mit säuberlich eingeklebten Blumen, die Marina [Adas Mutter, ANH] in Ex, einem Gebirgskurort (…), wo sie vor ihrer Ehe in einem gemieteten Chalet weilte, selber gepflückt oder sonstwie erworben hatte. (…) Diese einleitenden Seiten enthielten weder botanisch noch psychologisch Interessantes (…); aber der mittlere Teil (…) erwies sich als regelrechtes kleines Monodram,
Ada, 18

aus dem die beiden Kinder, längst schon, vorsichtig gesagt, “innig” miteinander, treffend erschließen (und denken Sie jetzt wieder an den von Nabokov gern angespielten Sherlock Holmes):

“Ich deduziere,” sagte der Knabe, “vor allem drei Tatsachen: daß die noch nicht verheiratete Marina und ihre verheiratete Schwester [nämlich seine, vorgebliche, Mutter, ANH] an meinem lieu de naissance überwinterten (…) und daß die Orchideen von Demon [seinem Vater, ANH] kamen, der es vorzog, an der See, seiner dunkelblauen Urgroßmutter zu bleiben.”
“Ich kann hinzufügen,” sagte das Mädchen, “daß das Blütenblatt zu der gemeinen Schmetterlingsorchidee gehört; daß meine Mutter noch verrückter als ihre Schwester war; und daß die Papierblume, die so beiläufig bezeichnet worden war, eine durchaus erkennbare Nachahmung der Frühjahrs-Sanikel ist, die ich im verganenen Frühjahr an Kaliformiens Küsten sah. (…)
(…)
“Gut gemacht, Pompeianella (die du aus den Bilderbüchern von Onkel Dan [Adas vermeintlichem Vater, ANH] kennst, wie sie ihre Blumen ausstreut, aber die ich im letzten Sommer in einem neapolitanischen Museum bewunderte). Nun sollten wir aber doch unsere Hemdchen und Höschen wieder anlegen und hinuntergehen und dieses Album sogleich vergraben oder verbrennen, Mädchen. Stimmt’s?”
Ada, 19/20

Zweierlei zeigt, wie raffiniert Nabokovs Konstruktion ist. Zum einen: Um diese zwei Stellen wiederzufinden, brauchte ich, obwohl ich sie angestrichen hatte, lange. Denn ich wähnte sie viel, viel weiter hinten. Sie hatten sich meinem Gedächtnis also chronologisch eingeschrieben, komplett anders, als sie im Buch stehn. Zum zweiten hat Nabokov schon hier den, so würden dumme Erwachsene sagen, “frühreifen” Charakter seiner Liebeskinder vorgeführt, die auf den eigentlichen Skandal, der sie vielleicht erschüttern hätte müssen, komplett pragmatisch reagieren. Wir lieben uns und lassen es uns nicht zerstören, auch von keiner Moral. Besser deshalb, wir vernichten den Beweis — daß sie Geschwister sind.
Übrigens wird auch schon ganz zu Anfang erzählt, in höchster Dezenz nebenbei, wie und weshalb Marinas Erstgeborene der Zwillingsschwester Aqua (daß beide zusammen einen Aquamarin ergeben, ist eine poetenhimmlische Zutat) unterschoben wurde, die am selben Tage niederkam, doch mit einer Fehlgeburt. Was die psychisch da schon schwerkranke Frau nicht ertragen hätte. – Daß sie fortan immer mal wieder von Zweifeln geplagt wird, ob Van ihr Sohn tatsächlich sei, sei nur am Rand erzählt – ebenso, wie tief Nabokovs Erzählraffinesse im Erdreich der Geschichte wurzelt: “Pompeianella” (weibliches Pompeji’chen) bezieht sich auf Pompejis Untergang 79 a.C. durch den Vesuvausbruch, der zur Zeit Kaiser Titus’ stattfand, an den wiederum Shakespeares Titus Andronicus anklingt. Andrej aber lautet der Vorname desjenigen Mannes, der 1893 Ada heiraten wird — ein Glück, das ihr und Van versagt bleiben muß. (Alexey Sklyarenkos interpretierende Spekulation fand ich soeben → dort.)

Daß erotische Geschwisterliebe ein mythisches, geradezu Urthema ist (etwa Tethys/Okeanos, Theia/Hyperion, Rhea/Kronos; selbst der Stammvater Israels, Abraham, war mit Sarah, seiner Halbschwester, verheiratet) muß ich Ihnen, Freundin, nicht schreiben; wahrscheinlich auch nicht, wie weit das Motiv in unsere literarische Gegenwart reicht. Ich nenne nur Thomas Mann mit Der Erwählte und Robert Musil im Mann ohne Eigenschaften. Davon abgesehen waren solche Ehen in der feudalen Oberschicht aus Machtinteressen durchaus üblich; vergesse wir nicht, daß Nabokovs Roman in der Oberschicht von Estotiland spielt. Aber schon Kleopatra war die Gattin ihrer Brüder.
Doch geht es darum gar nicht so sehr. Nabokov erreicht mit seinem Setting etwas ganz anderes, Bedeutsames. Wir müssen uns nur vor Augen halten, daß Ada eine Nymphe ist; mehrfach wird sie “Nymphette” genannt und so auch beschrieben,

(…) einem keuschen Kinde gegenüber (…), dessen Reiz zu unwiderstehlich war, um nicht insgeheim gekostet, und zu heilig, um offen verletzt zu werden (…).
Ada, 124

Nabokovs ureigenstes Motiv kehrt zurück; das des Inzensts, mit dem er Ada auch sprachspielen läßt, verschleiert dies nur – hier in einem Anagrammspiel (Nabokov liebte und nutzte Anagramme immer wieder und ausführlichst):

Auf dem Bauch liegend, die Wange in die Hand gestützt, betrachtete Van den geneigten Hals seiner Geliebten, während sie englische Anagramme mit Grace spielte, die voller Ungeduld insect vorgegeben hatte.
“Scient”, sagte Ada und schrieb es nieder.
“Oh, nein!” protestierte Grace.
“Oh, ja! Ich bin sicher, das gibt es. Es ist ein großer ‘Sciet’. Dr. Ensic was scient in insects.
Grace dachte nach, wobei sie sich mit dem Radiergummi-Ende des Bleistifts an die gerunzelte Stirn klopfte, und brachte hervor:
“Nicest!”
“Incest”, sagte Ada sofort,
Ada, 110/111

Die Stelle ist entscheidend, insofern sich die erwachsene Ada – 212 Seiten später! (an so etwas erkennen wir wahre Romankunst)– an genau diese Szene erinnert:

“Als Heldin in einem alten Roman sprechend, scheint es mir so, so lange her zu sein, davnym davno, daß ich hier mit Grace und zwei anderen entzückenden Mädchen englische Wortspiele gespielt habe. Insect, incest, nicest.”
Ada, 323

Wobei durch die Vertauschung der Reihenfolge letztbeider Wörter der Inzest nun sogar zum nicest, dem Allerschönsten, wird, wenn auch ein bißchen ironisch. Bitte vergessen Sie nie, daß nichts bei Nabokov zufällig ist, sondern alles, alles ist Komposition.

Was also erreicht seine Nymphophilie durch die Geschwisterkonstruktion eigentlich?
Es ist sehr einfach. Er legitimiert sie, und zwar beides. Zum einen ist so jungen Menschen, die fast noch Kinder sind, ein Inzest kaum zu verübeln, zumal dann, wenn sie nach Wesen und Bildung einander so sehr ähneln, daß überhaupt kein anderer Mensch ähnlich vertraut infrage käme. Zum zweiten darf der vierzehnjährige Van das kaum jüngere Mädchen so wahrnehmen, wie es der viel ältere Nabokov oder irgendein anderer erwachsener Mann eben nicht dürfte, und darf auch ohne Rechtsfolgen mit ihr, ich sag’s mal ernüchternd, “verkehren”. Ja, mehr noch. Indem er dabei alle Emphase aufbringt, derer verliebte Jugendliche überhaupt fähig sind, kommen seine Beschreibungen und Schilderungen dem Wesen der Liebe auf manchmal vor Schönheit geradezu schmerzende Weise nahe. Genau deshalb → sprach der sogenannte Kritiker Gresser , und andre taten’s mit ihm, von Kitsch und führten ihn auf “Altmännergeilheit” zurück. Indem Nabokov sich erlaubt, mit aller entzündeten Klarheit durch die Augen eines Jungen zu sehen, legt er bloß, was den meisten von uns verloren ist oder sogar: ihnen ganz entging. Die Gressers konnten nicht lieben, es blieb ihnen bitter versagt. Sie konnten und können so nicht einmal sehen:

Dieser russische Routine-Schmaus bestand im Ardis-Haushalt aus prostokascha ( (…) “Dickmilch”), deren düne, rahmglatte Oberschicht die kleine Miss Ada behutsam aber gierig (Ada, diese Adverbien kennzeichneten viele deiner Taten!) mit ihrem besondern ∀-Monogramm-Silberlöffel abschöpfte und aufschlecke, ehe sie die amorpheren Quark-Tiefen in Angriff nahm (66) — Ihr schwarzes Haar fiel in Kaskaden über ihr Schlüsselbein herab, und die Bewegung, mit der sie es nun zurückwarf, und das Grübchen auf ihrer blassen Wange waren Enthüllungen, die ein Element unittelbarer Kenntnis offenbarten (79/80) — Ihre Gesichtszüge wurden von der dicklichen Form ihrer trocknen Lippen vor elfenhafter Hübschheit bewahrt (80)

Oder diese Beobachtung:

Am nächsten Morgen erspähte er Ada zufällig, als sie Gesicht und Arme über einem altmodischen Becken auf einem Rokoko-Ständer wusch, das Haar oben zusammengeknotet, ihr Nachthemd um die Hüfte geschlungen wie eine unordentliche Blumenkrone, aus der ihr schlanker Rücken emporwuchs, die nahe Seite rippenbeschattet. Eine fette Porzellanschlange ringelte sich um das Becken, und da beide, das Reptil und er, innehielten, um Eva und das weiche Schwappen ihrer Knospenbrüste im Profil zu beobachten, schlüpfte ein großes Stück maulbeerfarbener Seife aus ihrer Hand, und ihr schwarzbestrumpfter Fuß hakte die Tür zu mit einem Päng, das eher das Echo zum Aufprall der Seife auf dem Marmorbecken als ein Zeichen schamhaften Mißfallens zu sein schien. (82)

Und auch folgendes gehört zu dem, für was sich der profanen Welt Gressers so rächen (→ Richard Kämmerlings kluge Rezension nehme ich selbstverständlich davon aus):

Sehr sanft ließ er die trockenen Lippen über ihr warmes Haar und ihren heißen Nacken wandern. (…) Er hätte für immer auf dem kleinen Mittelknopf abgerundeter Wonne auf dem Rücken ihres Halses verweilt, wenn sie ihn für immer geneigt hätte – und wenn der unglückliche Knabe fähig gewesen wäre, den Rausch dieser Berührung unter seinem wachs-starren Mund sehr viel länger zu ertragen. (126)

Nabokovs ungemeines Kunststück – eines der Wunder dieses Buches – besteht darin, die Liebenden zwar sehr junge Menschen sein zu lassen, aber solche mit dem Geist und der Kenntnis höchst kultivierter, erwachsener Personen — ja sie sind denen über, durchschauen sie. Genau dafür, dieses glaubhaft zu machen, war die Erfindung Anti-Terras nötig, ADA OR ARDORs traumpoetische Gegenwelt, indessen deren Realität in der höchst konkreten Erinnerung an eine in jeder Hinsicht privilegierte Herkunft wurzelt.
Was auch Schattenseiten hat, deutliche, auf die ich im nächsten, ADA gewidmeten Beitrag zu sprechen kommen werde – auf beider, vor allem bei dem späten Van, der ja als Autor dieses Buches fungiert, mitunter schwer erträglichen Arroganz. Doch möchte ich darüber später erst sprechen, weil es uns hier den Blick verstellen würde, den auf die Utopie eines liebenden Zueinander- und genau deshalb, nicht aus  vermeintlich pornographisch-“altersgeilen” Gründen immer wieder explizit geschilderten, obsessiven Ineinandergehörens:

Endlos, beharrlich, zart fuhren Vans Lippen über ihren Mund und schürten dessen brennende Blume, vor und rück, recht, links, Leben, Nichts, schwebend in Spannung zwischen der luftigen Zärtlichkeit eines offenen Idylls und dem groben Blutandrang des verborgenen Fleisches.
Es kamen andere Küssse. “Ich möchte gern”, sagte er, “das Innere deines Mundes schmecken. Gott, wie gern wär ich ein koboldkleiner Gulliver und erforschte diese Höhle.”
“Ich kann die meine Zunge leihen”, sagte sie und tat’s.
Eine große, gekochte Erdbeere, noch sehr heiß. Er saugte ein, soweit er konnte. Er preßte sie an sich und leckte ihren Gaumen. Ihrer beider Kinn wurde völlig naß.
Ada, 129

Ist solches noch uns allen, hoffentlich, bekannt (wurden wir damit gesegnet), enfaltet sich die, wie ich es eben nannte, Utopie dieser Liebe in ihrer fast gänzlichen Unvoreingenommenheit gegenüber den Körpern und ihren Begehren. Es waltet bei beiden, wenn sie Leibliches anschauen, eine Art einfühlsamster Ästhetizismus, der – bei beiden, eben! – nicht das mindeste Verklemmtsein kennt. Sie bangen nicht, sie haben keine Scheu zu “versagen”, sind voller Grundvertrauen in ihre Lust. Vor allem an dem Mädchen fällt dies auf, indessen Van schon mit dreizehn seine ersten paar Abenteuer hinter sich hat – was spannenderweise bewirkt, daß er Ada gegenüber anfangs dann doch, in beider ersten Begegnungen, von einer gewissen Scheu ist:

War sie wirklich hübsch, mit zwölf? Begehrte er – würde er je begehren, sie zu liebkosen, richtig zu liebkosen? (79)Und in der jähen Sonne wurde ihm klar, daß er, der kleine Van, bis dahin eine blinde Jungfrau gewesen war (82) – Ihren ersten offenen und ungestümen Liebkosungen war eine kurze Zeitspanne seltamer Täuschung, kriecherischer Heimlichkeit vorausgegangen. Der maskierte Angreifer war Van, der arme Junge, aber ihre passive Hinnahme seines Benehmens schien stillschweigend zu bestätigen, wie verrufen und geradezu ungeheuerlich es war. Ein paar Wochen später sollten beide diese Phase seiner Werbung mit amüsierter Herablassung betrachten; im Augenblick jedoch verwirrte die implizierte Feigheit sie und quälte ihn (122)

Dieses aber, in der Tat, währt kurz, allenfalls paar Tage, für die indes bezeichnend ist – als weiterer Lichtwurf in die Wesensfalten Adas  –, daß Vans Feigheit das zwölfjährige Mädchen verwirrt: als wär ihr längst bewußt, was sie noch gar nicht kennen kann,

weil sie mit elf (…) sich immer noch recht unklar darüber war, wie Menschen sich paarten. Sie war natürlich sehr aufmerksam und hatte ganz aus der Nähe verschiedene Insekten [die sie in Terrariern aufzieht, ANH] in copula beobachtet, aber in dem besagten Zeitraum hatte sie klare Beispiele säugetierhafter Männlichkeit kaum zu Gesicht bekommen und war von jeglicher Vorstellung oder Möglichkeit sexueller Funktion unberührt geblieben (…).
Ada, 138

Dies ändert sich nun unmittelbar, und zwar in einer der ganz großen Szenen der ersten 250 Seiten.  Es ist von erotisch bezwingender Innenlogik, daß ihr Rahmen der eines Brandes ist: Auf Ardis Hall hat die “herrschaftlich” genannte Scheune Feuer gefangen, brennt schon, gewaltig lodernd, lichterloh, und alles, alles rennt aufgeregt hin.
Nur die beiden Kinder nicht.

Die Schotten-Toga um sich geschlungen [darunter ist er nackt, weil er so zu schlafen pflegt, ANH], begleitete Van seinen schwarzen Doppelgänger [also seinen Schatten, ANH] die Zusatz-Wendeltreppe hinab, die zur Bibliothek führte. Er stützte ein bloßes Knie auf den zottigen Divan unterhalb des Fensters und zog die schweren roten Vorhänge zurück.
Ada, 143

Als wenig später auch Ada dort erscheint,

in ihrem langen Nachthemd mit einer brennenden Kerze in einer Hand und einem Schuh in der anderen (…), als ob sie den verspäteten Ignicolisten [i.e. den Helfern und Gaffern, ANH] nachschlich. Doch es war nur ihre Spiegelung in der Scheibe. Sie ließ den aufgelesenen Schuh in den Papierkorb fallen und kniete sich neben Van auf den Divan.
“Kann man irgend etwas sehen, oh, kann man`s sehen?” wiederholte das dunkelhaarige Kind dauernd, und hundert Scheunen loderten auf in ihren bernstein-schwarzen Augen (…).
Ada, 145

Irgendwann hat er eine Hand zwischen ihr Gesäß und ihre Fersen gschoben, auf denen sie sitzt, jedenfalls saß; jetzt nämlich tut sie’s zu Teilen auf ihr. Als sie — draußen der Brand scheint gelöscht zu sein, hat sich in diesen beiden Kindern versteckt — die Wölbung seiner Erregung bemerkt:

Oh, Van,

kommentiert sehr viel später die schon alte Frau ihres Geliebten Manuskript,

in jener Nach, in jenem Augenblick, da wir Seite an Seite im Kerzenlicht knieten wie Betende Kinder auf einem sehr üblen Bild,

typischer Nabokov: Er beschwört herauf, was er als Dichter als zu Banales vewirft

und zwei Paar weichfaltige, einstmals Baumtier-Sohlen zeigten (…), wollte ich dich (…) unbedingt um eine kleine, rein wissenschaftliche Auskunft bitten, weil mein heimlicher Blick —
Nicht jetzt, jetzt ist es kein schöner Anblick, und es wird gleich noch schlimmer werden (oder Worte in dieser Richtung).
Van konnte nicht entscheiden, ob sie wirklich äuerst unwissend und so rein war wie der – nun seiner Feuerfarbe beraubte – Nachthimmel, oder ob völlige Erfahrenheit ihr riet, sich ein kaltes Spiel zu erlauben (…).
Sie bestand darauf: möchtgernfragen, möchtgernwissen —
(…)
“Möchtgernwissen”, widerholte sie, als er gierig sein heißes, blasses Ziel erreicht.
“Ich möchte dich gern fragen”, sagte sie ganz deutlich, aber auch ganz außer sich, denn seine aufwärtswühlende Hand hatte sich unter der Achelhöhle hindurch einen Weg gebahnt, und sein Daumen auf einem Brustwärzchen ließ ihren Gaumen prickeln (…).
Ada, 147/148

So daß er sich ihr endlich öffnet, die Toga also öffnet.

“Ach je”, sagte sie wie ein Kind zum anderen. “Es ist ganz gehäutet und roh. Tut es weh? Tut es schrecklich weh?”
“Faß an, schnell”, flehte er.
“Van, armer Van”, sprach sie weiter mit jenem kleinen Stimmchen, mit dem das süße Mädchen zu Katzen, Raupen, sich verpuppenden Welpen sprach, “ja, ich bin sicher, daß es schmerzt, würde es helfen, wenn ich anfaßte, bist du sicher?
“Und ob!” sagte Van. “On n’est pas bêtes à ce point.”
Ada, 149

Und nun wird es so schön, daß das Märchenhafte an allem zur pursten Konkretion wird, und achten Sie, Geliebte darauf, wie die gleich zu lesende ironische Benennung Adas die Intensität des Geschehens noch auflädt:

“Relief-Karte”, sagte die Primel-Pedantin, “die Flüsse Afrikas.” Ihr Zeigerfinger folgte dem blauen Nil hinab in seinen Dschungel und wanderte wieder nach oben. “Und was ist das hier? Der Hut vom Roten Boletus ist nicht halb so samtig. Wirklich (regelrecht daherplappernd), ich fühle  ich an die Geranien- oder eher an die Pelargonienknospe erinnert.”
“Gott, wer wohl nicht”, sagte Van.
“Oh, ich mag diese Textur, Van, ich mag sie! Ganz bestimmt!”
Ada, ebda.

Fortan kommen die zwei zueinander, wann immer es geht. Und obwohl, wie der alte Diener Boutteillan bemerkt, die Winde der Wildnis indiskret seien, gibt es nur eine einzige Person, die diese Liebe wirklich bemerkt, sie jedenfalls spürt: Lucette, Adas kleine Schwester. Doch dazu dann im nächsten Teil. Hier alleine noch — denn der Sommer auf Ardis geht nun zuende —, weil der Dialog erneut die Charaktere unseres Paares aus dem Rauch der, selbst wenn gebildet, allgemeinen (smalltalkenden, sich an glittrigen Oberflächen und Luxus delektierenden) Tumbheit aufflammen läßt … allein also noch, mit welchen Worten Ada ihren längst nicht mehr Knabengeliebten aus beider sinnlichem Bullerbü auf seine Frage hin entläßt, ob sie ihm auch treu bleiben werde:

“Ich weiß es nicht. Ich bete dich an. Ich werde nie im Leben wieder jemanden so lieben, wie ich dich anbete, niemals und nirgendwo, weder in Ewigkeit noch auf Erdigkeit, weder in Ladore noch auf Terra, wohin angeblich unsere Seelen wandern. Aber! Aber, mein Liebster, mein Van, ich bin körperlich, furchtbar körperlich, ich weiß nicht, ich bin offen, qu’y puis je? O Lieber, frag mich nicht, in einer Schule ist ein Mädchen, das in mich verliebt ist, ich weiß nicht, was ich rede —”
Ada, 196

Die Antwort darauf:

“Die Mädchen zählen nicht”, sagte Van, “die Knaben sind’s, die ich umbringe, falls sie in deine Nähe kommen. Gestern abend habe ich versucht, ein Gedicht für dich zu machen, aber ich kann keine Verse schreeiben; es fängt an, fängt nur an: Ada, our ardors and arbors — aber der Rest ist völliger Nebel, versuch, dir den Rest auszudenken.”
Ada, ebda.

Und ohne sich umzusehen, geht er fort — floh er, wie Nabokov schreibt.

 

Ihr ANH

P.S.: Er wird zurückkommen, ja. Das, Geliebte, verspreche ich Ihnen.

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Als vierundzwanzigstes Coronajournal eine bedenkliche Beobachtung. Am Montagmorgen, den 27. April 2020. Und quasi zur — er- und gelebten — Theorie des Literarischen Weblogs, ff.

[Arbeitswohnung, 7.04 Uhr]
Über dem neununddreißigsten Nabokovlesen saß ich intensiv schon paar Stunden, kam, nach anfänglicher Weile, die es brauchte, Geliebte, einen guten Einstieg zu finden (die “Materie” und meine poetische Vorgehensweise sind hier recht komplex), auch gut voran. Zugleich war mir klar, daß ich am selben Tag nicht fertig würde. Und dennoch. Zwar, als der Freund anrief, um zu fragen, ob ich “nachher” auf einen Absacker zu ihm hinüberkommen möge, was mich erst sehr freut, sagte ich ihm spontan zu. Doch dann, da der Zeitpunkt gekommen war, wieder ab. Wobei ich mich für dies mein unentschlossenes Hin und her selbstverständlich entschuldigte: “Bitte hab Verständnis”.
Mit einem Mal nämlich war mir drückend bewußt geworden, wie unser Treffen ausgehen würde. Ich würde erneut zu klagen beginnen, wie neulich im Gespräch mit der Freundin (ja, es geht mir nach und nach): über die nun schon seit Jahrzehnten nichtrücknehmbar-verfahrene Situation meines nicht akzeptierten Stands, über die schlechten Buchverkäufe, die absichtsvolle Ignoranz der Betriebler, die Gegnerschaften, die schon Feindschaften sind, die lebenslange Randständigkeit, den zunehmend, fast körperlich spürbar, enge gewordenen  Zeithorizont, der meinem Werk und mir noch verbleibt; daß ich niemals auch nur gefragt worden bin, ob ich Mitglied einer der Akademien werden wolle, ob in Darmstadt, ob in Berlin – was sehr viel geringeren, als ich es bin, doch angepaßten Autorinnen und Autoren, solchen mit Stallgeruch, nahezu zwangsläufig angetragen wird – , ja nicht einmal, ob ich in dieser und/oder jener Jury mein poetisches Wissen mit einbringen wolle; daß ich auch zu größeren literarischen Symposien nicht eingeladen werde, selbst oder erst recht dann nicht, wenn solche Gastmähler sich mit den meiner Poetik “ureigenen” Themen beschäftigen werden (Literatur und Internet, poetische Kybernetik, “Realismus” und und und); daß ich schon gar nicht mehr öffentlich wirksame Anerkennung für meine Bücher bekommen und irgendwann, vielleicht schon bald, sterben werde, ohne daß irgendetwas von dem bleibt, was ich in vierzig Jahren vorgelegt habe und weiter noch vorlegen will. Abermals hörte wieder die Vertraute weinen, vor lauter Hilflosigkeit, weil ja auch sie nichts drehen kann, und erlebte erneut, wie sie das Gespräch, eben vor Hilflosigkeit, abbrach, abbrechen mußte, weil sie meine Depression mit nach unten zog. Und daß es schließlich allen so ergehen wird, die mir zu nah sind.
Ich würde mich, wußte ich, wenn ich denn drüben zu sprechen begänne, in diese Verzweiflung wieder erst richtig hineinreden und ihr einen Raum zugestehen, der niemandem und erst recht nicht meiner Arbeit hilft, die mir indes, wenn ich in ihr bin, große, große Ruhe gibt — wenn ich für mich allein, alleine mit ihr, bin. Wenn ich Nabokovs Sätzen folge, ihnen nachlausche, ihren Umfang begreife, so, wie seinen ausgefeilten, auf die gesamte Poetik eines Romans bezogene Harmonie, das Lächeln, immer wieder, in ihr, und ihr Einverständiges, darin Gutes, dabei gleichzeitiger Klarheit über was minder und was hoch. Inklusive der Irrtümer, die auch er, Nabokov, beging. Wie wir es halt alle hier und dort tun. Und die Schönheit! — Und wenn ich müde werde in der Arbeit, die Konzentration nach acht, zehn, zwölf Stunden nachläßt und wieder  das Persönliche hochsteigt, so daß sein Graues nicht mehr von dieser Schönheit überstrahlt wird, einfach weil halt am Ende eines Tages die Sonne untergeht und die Nacht kommt, aus der doch die Schönheit der Morgensonne immer wieder aufsteigt — wenn also die Erschöpfung sich meldet, in der auch der Seele Immunsystem sich erschöpft hat, so daß man vielleicht zu trinken begönne, dann schaue ich halt einen Film, bis mich rein physiologisch die Müdigkeit zu Bett bringt. Ich ziehe mich aus, putz dann nicht einmal mehr meine Zähne, kann ich morgen früh dann tun und noch drei-/viermal über den Tag, sondern ziehe die Decken vom Lager, entkleide auch es, bis auf das Bettzeug, und mit einem inneren Jubel, der nicht einmal nur gedacht, sondern tatsächlich ausgerufen wird: “Ins Traumreich, ins Traumreich!” leg ich mich hin und schlüpfe in meinen Kokon. Drin bett’ ich den Kopf in das Kissen, doch an der Luft, möglichst kühler, muß er bleiben, und strecke die Füße lang, lang aus, weil ich nicht mag, wenn die Zehen irgendetwas dann noch berühren, vielmehr da nur noch Freiheit sein soll, und ich falle binnen wahrscheinlich Sekunden hinab ins Andere Reich: Ich bin so schnell im Schlaf, daß ich’s nicht merke, also erst dann, wenn ich wieder erwache, meist momentan gegen sechs, spätestens halb sieben. Einen Wecker stelle ich schon lange nicht mehr.
Jemand hat bei mir geschlafen. Noch wenn ich mich aufgerichtet habe — was immer sehr schnell geht, weil’s mich an den Schreibtisch zieht —, spüre ich den Abdruck Ihres edlen Haupts auf der Brust.

So bin ich mit Ihnen, der Imaginären, allein, deren Wirklichkeit aus der Distanz meiner Ansprache, aus diesem “Sie”, klingt, das, hier geschrieben, Sie anspricht und mich beruhigt, mich sanft hält, ja unverzweifelt einverstanden, beinah, Geliebte, mit allem. Zeilen wie diese hier sind mein Vademecum. (Dennoch müßte ich dringend zu rauchen aufhören, wenn ich, was ich noch vorhabe, auch fertigbringen will.) — Aber, was mir nicht  nur gestern halbnachts, als ich dem Freund absagte, auffiel, sondern jetzt wieder und erneut auffällt, während ich nun schreibe: – daß ich mich, um bei mir zu bleiben und dem Unglück nicht die Hand noch von mir selbst aus zu reichen, von meinen Nahsten nun fernhalten muß. (Bei ferneren Bekannten ist es anders; mit denen spreche ich aber auch nicht über das, was mir eigentlich wichtig; den Smalltalk beherrsche ich souverän nach wie vor. Deshalb kann mit Ferneren ich ohne jede Depressionsnot parlieren. Und auch mit meinen Kommentatorinnen und Kommentatoren läßt sich’s gut, auch über Inneres, “sprechen”, indem sie in DER DSCHUNGEL ganz wie Figuren sind aus Romanen, also wie selber wie Literatur.)

Da hatte ich diesen Gedanken: Ist dieser eigenwillige Umstand vielleicht eine Verarbeitungsform, mit der mein Unbewußtes auf Corona zumindest mitreagiert, indem es die, ob nun vermeintlich oder tatsächlich, “hygienische” Notwendigkeit (Schutzmasken tragen, keine Berührung, ja die räumliche Anderthalb- bis Zweimeterdistanz, möglichst wenig die Wohnung verlassen) ins seelisch innere im Wortsinn verkehrt? Das wäre ziemlich infam. Aus der gleichzeitig erzwungenen wie als angemessen eingesehenen Entkörperung würde ein gewollter Prozeß. Dieser Befund, in der Tat, alarmierte.

Selbstverständlich kann ich mich irren. Es steht ja auch objektiv Ungutes an, das mich nervös macht. Heute mittag Vorbesprechung wegen der anstehenden erst Magen-, dann Darmspiegelung. Mein Bauch ist noch durchaus nicht in Ordnung. Und nächste Woche erst die Vorbesprechung zum Nachlasern der Augen, dann Kontrolltermin bei der Angiologin, um die Gefäße der Beine zu checken und auch das Herz, das seit einzwei Wochen ebenfalls muckt. Immer mal wieder ein nicht schöner Stich. Der mögliche Befund ist ganz offen. – Dazu die Magen- und Darmspiegelungen selbst, die in diesen nächsten zwei Wochen dann folgen, alles dicht aufeinander, wovor ich mich schon deshalb fürchte, weil ich zum einen Hilflosigkeit nicht aushalte und mich deshalb zum anderen Betäubungen zu verweigern pflege und lieber den Schmerz aushalte, als mich wehrlos darzubieten – was ich aber ja sowieso tun muß. Dagegen, wenn ich bewußt bleibe und alles mitverfolgen kann, habe ich zumindest die Illusion der Kontrolle. Immerhin kenne ich, diesbezüglich, keine Probleme der Scham; dazu bin ich zu körperlich. (Sie glauben nicht, wie sehr’s mich jetzt, hier, zu schreiben beruhigt!)

Ach, in diese helle, wie sie aus dem Horizont steigt, Morgenröte des Romanes und also zu ADA zurück!

Nachdem auch sie ihr Frühstück beendete hatte, lauerte er er ihr, vollgestopft mit süßer Butter, am Treppenabsatz auf. Sie hatten einen einzigen Augenblick, um die Dinge zu planen, alles lag, historisch gesprochen, in der Morgenröte des Romans, der immer noch in den Händen von Pfarrhausdamen und französischen Akademiemitgliedern lag, daher waren solche Augenblicke kostbar. Sie stand und kratzte ihr erhobenes Knie. Sie kamen überein, vor dem Lunch spazierenzugehen und ein abgeschiedenes Plätzchen zu suchen. Sie mußte eine Übersetzung für Mlle Larivière zu Ende bringen. Sie zeigte ihm ihre Kladde. François Coppée? Ja.

Ihr Sturz ist langsam. Der Holzfäller
Weiß vor dem Aufschlag in der Flut
Die Eiche an dem Kupferblattwerk,
Den Ahorn an dem Blatt aus Blut.

Leur chute est lente“, sagte Van, “on peut les suivre du regard en reconnaussant – der umschreibende Gestus von ‘-fäller’ und ‘Flut’ ist selbstverständlich reiner Lowden (zweitrangiger Dichter und Übersetzer, 1815 – 1895). Die erste Hälfte der Strophe zu verraten, um die zweite zu retten, das sieht jenem russischen Edelmann gleich, der seinen Kutscher den Wölfen zum Fraße vorwarf und dann selber vom Schlitten fiel.”
“Ich finde dich grausam und dumm,” sagt Ada.
Nabokov, Ada oder Das Verlangen, 158
(Dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

Ihr ANH

Coronas Alltag I. Mit Nabokov im Waschsalon: Metamorphosen. Das zweiundzwanzigste Corona-, mehr allerdings ein Lesejournal, nämlich des Sonnabends, den 25. April 2020. Nabokov lesen, 38.

[Arbeitswohnung, 7.28 Uhr]
Waschtag und zuhaus Mme LaPutz.

Um sechs bereits auf, es sind viele Maschinen, allein für die Bettwäsche, die ich vorziehe, vier. So früh los, damit auch genügend Waschgeräte noch frei sind; ich hab ja keine Ahnung, wie voll oder leer es drüben sein wird. Und nachher, wenn Mme LaPutz hiersein wird, die zweite Fuhre mit der übrigen Wäsche, ebenfalls. schätze ich, vier Maschinen.
Halbes Glas Latte macchiato getrunken, muß gleich wieder los. (Im Briefkasten zwei wunderbare Sendungen gefunden. Erzähl ich, wenn ich mit der Bettwäsche zurück bin, die aber erst mal in die Trockner muß.)

(…………….)

[9.18 Uhr
David Ramirer, inversus REMIX]
So, Bettwäsche eingeordnet, Bettzeug neu bezogen, den Rucksack mit den anderen Schmutzklamotten gefüllt (proppevoll — die Wascharie ist genauso dringend wie daß Mme LaPutz nachher kommt; und kommt sie, breche ich erneut zum Waschsalon auf; vielleicht steht dieses Journal dann bereits in DER DSCHUNGEL). Sowas also um Viertel nach elf das Zeug in die nächsten Maschinen, nochmal heim für eine Dreiviertelstunde – und wieder zurück, um die Wäsche zu trocknen und vor allem, was einigen Zeitaufwand bedeutet, alles schon mal gut zusammenlegen. Insgesamt geht bei einem Waschtag mindestens ein halber Arbeitstag verloren. Andererseits: All dies nur einmal alle zwei, gelegentlich anderthalb Monate, kein Vergleich damit, wenn ich hier wüsche (wo allerdings überhaupt mit einer Waschmaschine hin —und wo das Zeug dann trocknen? Ja, wenn ich einen Garten hätte …). Is’ schon ganz gut so. Witzig formuliert, rhythmisiert der Waschsalon seit mindestens vierzig Jahre mein Leben. Selbst in den Zeiten, in denen ich nicht allein gelebt habe, nutzte ich ihn. Frauen, schon gar geliebte, sind nicht dazu da, einem den Schmutz wegzumachen; ich will schon nicht, daß sie mir einen Knopf annähen, wollte sie niemals “praktisch”. Nein, ich wollt’ sie strahlend (wozu Geist, Bildung und Beruf gehören) und betört sein. Eher näht’ die Knöpfe ich.
Sei’s drum.
Also die beiden Sendungen, deren eine gleich mit in den Waschsalon kam:

Mein alter Lektor, der große Delf Schmidt, hat mir das vergriffene Rowohlt-Literaturmagazin Nr. 45 nicht nur geschickt, nein, wie es ihm entspricht, es in ein feines braunes Papier eingeschlagen und dann erst eingetütet. Denn in dem Magazin findet sich eine bis dato auf Deutsch unveröffentlichte kleine Erzählung Nabokovs, darin er die Metamorphose einer Raupe zum Schmetterling erzählt — so nahe gerückt, daß wir meinen, sie selbst erzähle es. Wobei er, worauf Dieter E. Zimmer, von dem die Übertragung wieder stammt, in seinem mitabgedruckten Nachwort hinweist, selbstverständlich Kafkas “Die Verwandlung” im Kopf hat, sie aber in ein Wundervolles hinwegdreht. Nämlich. Als die Raupe endlich den mühsamen Prozeß des sich Verpuppens und die Phase der Verwandlung hinter sich hat und aus der Puppe schlüpft, rauscht ihr zwar

Panik in den Kopf, gibt es die Erregung der Atemlosigkeit

— derweil sich die Trommeln der Trocknermaschinen rauschend drehen—

und einer seltsamen Empfindung, doch dann sehen die Augen, in einer Flut von Sonnenlicht sieht die Schmetterlingin

— denn “die Raupe ist männlich, die Puppe sächlich und der Falter weiblich” … —sieht also die Schmetterlingin

die Welt, das große und schreckliche Gesicht des Entomologen.
Nabokov, Metamorphosen, in: Rowohlt Literaturmagazin 45
(Dtsch. v. Dieter. E. Zimmer)

“Doch jetzt”. so beschließt der Dichter seinen liebevollen poetischen Text

wollen wir uns aber der Verwandlung von Jekyll in Hyde zuwenden.
Nabokov,
Metamorphosen, ebda.

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*

Die zweite Sendung kam erneut von Gaga Nielsen, die → dort darüber schreibt, über André Hellers, der mich ja früh beeinflußt und als Chansonier lange, sehr lange begleitet hat und sowohl für sie selbst als auch für Ricarda Junge von prägender Bedeutung ist … — über seine vor anderthalb Jahren erschienenen → GESPRÄCHE MIT MEINER MUTTER IN IHREM 102. LEBENSJAHR geschickt, was mir hübsch zu unsrer, Freundin, → Omisätze genannten Reihe zu passen scheint, von der ich leise hoffe, es mögen noch weitere Leserinnen und Leser ihren Großmüttern darin ein sanftes Denkmal setzen. Die nächste Folge, bereits die Nr. 7, ist für morgen oder übermorgen vorgesehen und tatsächlich hat sich eine weitere alte Damen den andren Damen zugesellt. Bisweilen stelle ich mir vor, sie säßen nun zu Kaffee und Kuchen beisammen an einem Tisch und erzählten, die sich gar nie kannten, einander ihre Geschichten. Und wir, wir alles lauschten.

Ich muß und will nachher ans Nabokov lesen 38, der, für ADA. eigentlichen Nr. 1, in der ich vom “Sommer auf Ardis” erzähle (erzählen werde), also von etwa einem Drittel des wundersamen (und höchst pikant modernen) Buches, ohne da noch besonders auf vor(her)gegangene Kritiken, fast alle Müll, einzugehen. Allerdings dürfen Sie sich, Freundin, darauf vorbereiten, daß ich in ADA Nr. 2 dann doch einen leisen Vorbehalt vorbringen werde, der allerdings zugleich – nämlich selbst – den fast üblichen unguten Blick hat, aufgrund dessen die tatsächliche Größe eines Werks nur allzu oft unter die schwarzen Wolken eines unentwegten kalten Regens gerät, der dann auch hereinbricht. Aber das will erst da diskutieren, dieses von – egal, was ihre Hirnschalen fassen – allzu kleinen Gemütern befolgten durchweg kunstfernen Moralisierens. Die Nr. 1 indes soll alleine jenen (so kommentiert es Ada selbst)

berühmten Fingerreisen dein Afrika hinauf
Nabokov, Ada oder Das Verlangen, 149/159
(Dtsch. v. Uwe Friesel und Marianne Therstappen)

gewidmet sein. Und so, genau so — Dein Afrika hinauf! — , werde ich den Beitrag auch betiteln, vielleicht aber das Ausrufezeichen uns doch ersparen. — Sie erinnern sich? Gewiß! Die Adern, Anadyomene, nicht wahr? auf den männlichen Unterarmen.

*

Von Corona war im Waschsalon nichts zu merken, nicht heute früh, vielleicht nachher. Da, heute früh, kam nur eine alte, leicht gebeugte Frau herein, das dürre Haar noch voll des ungekämmten Schlafs, der feucht gewesen sein muß und nun klebte.
Ich wollte ihr helfen, die beiden gefüllten Taschen die paar Stufen hochzutragen, doch mochte sie sich entmachten nicht lassen. Aber sagte: “Das ist gut, nicht wahr, wenn man früh kommt? Dann ist alles hier noch sauber.”
Ich lächelte.
“Und”, setzte sie fort, nachdem sie zwei Maschinen gefüllt, “man hat Zeit für die Zeitung”, wozu sie nun die ihre, die sie mitgebracht hatte, entfaltete und auf drei Maschinen ausbreitete.
meine vier Trommeln drehten sich bereits, also war ich schon im Aufbruch.
“Bis gleich”, sagte ich. “Bis gleich”, sagte sie.

Und also, Freundin, stelle ich dieses nun ein und sag Bis gleich auch Ihnen:

Ihr ANH

“Daß heute Sonntag ist!” Und daß wir Weltgeschichte erleben!
Im zwanzigsten Coronajournal des nämlich 19. Aprils, darinnen Vorarbeiten für Ada: “Ada”, 0.3, nämlich Nakokov lesen, 36. Mit einer Bemerkung zur “Geilheit” alter Männer.

[Arbeitswohnung, 10.01 Uhr]

In der Tat, liebste Freundin, mit diesem inneren Ausruf über etwas, das mich seit gestern überhaupt nicht verwundern sollte, dennoch solchem Staunen saß ich, vor anderthalb Stunden um halb neun, am Schreibtisch: “Daß heute Sonntag ist!” Das darin gespürte Ineinderfließen des sonst von streng definierten Modulen getakteten Zeitstroms → hat gestern auch Bruno Lampe formuliert, und es wird vielen von uns ganz ähnlich ergehen. Nur hätte mich dieser Sonntagsumstand schon deshalb nicht verwundern können, weil es mir schon gestern genauso erging, als ich noch damit beschäftigt war, was im Titel dieses heutigen Arbeitsjournals “Vorarbeit für Ada” heißt — die wiederum dazu führte, daß ich dreivier schon publizierte Einträge der Nabokovlesen-Reihe, und zwar ihre Numerik betreffend, revidieren mußte: aus “1” wurde “o.1”, aus “2” “0.2”, nämlich sowohl für ERINNERUNG, SPRICH als auch für ADA. Dazu dann weiter unten. Die eigentlichen Ordnungszahlen werden jeweils folgen, wenn direkt-das-Buch besprochen werden wird. Deshalb hierüber nun “Ada, 0.3”. Doch hatte dies logischerweise zur Folge, daß ich auch noch einmal die Binnenverlinkungen revidieren mußte. Sie werden sich, Geliebte, vielleicht eine Vorstellung des kleinen Aufwandes, auch an Zeit, vorstellen können, den sowas bedeutet.
Und dann dies, daß wir Weltgeschichte erleben, unmittelbar miterleben, indem wir spürbar, alle, zu auch politisch wirkenden Faktoren werden, sich, so gesehen, unsere eigentliche und tatsächliche politische Hilflosigkeit als eine Aktivität erweist, die unser Verhalten, ob Furcht oder Einsicht, bestimmt und an das sich Fragen knüpfen, deren Beantwortung Zukunft gestaltet. Es ist ausgesprochen erhellend, dieser Tage eine Presse zu verfolgen, die jedenfalls ich – spezialisiert auf literatur- und musikästhetische Belange – normalerweise nicht auf dem Schirm habe. Die der Wirtschaft nämlich. Und da findet sich dann so etwas, im MANAGER-MAGAZIN!, wie → das. Entsprechend geriet gestern meine Antwort → dort.
Teils erschütternd wiederum, in nicht selbem, aber verbundenem Zusammenhang, Frau von Stieglitz’ sehr persönliche Einlassungen → da, unter einem, wohlgemerkt, Text von 1995, den zu (sozusagen) reaktivieren zwar eines kleinen Tricks bedurfte (ihn nämlich für einzwei Tage auf die aktuelle Hauptsite zu stellen, bevor er unter seinem eigentlichen Datum abgelegt wurde); dennoch wurde und wird nun zu etwas weitergesprochen, das fünfundzwanzig Jahre alt ist. So etwas gelingt in den Gefilden der Literatur eigentlich nur kanonisierten Büchern und Texten, höchst selten hingegen so wider- wie randständigen Autoren wie mir. — Aber was mich dabei besonders bestätigt, ist, daß diese besondere Sicht einer, sagen wir, älteren Frau – ihre Beklemmung dürfte einiges Stellvertretende haben – Sprache im Umfeld eines Mannes bekommt, nein, sie mit allem Recht fordert, der gemeinhin für einen Macho gilt, weil er sich weigert, sich den Gender-Ideologemen zu beugen. Daß das, banal gesprochen, “Problem” körperlicher Vereinsamung auch eines älterer Männer ist, habe ich in einer meiner Antworten angedeutet; ich weiß es nur zu “gut” von mir selbst.

Womit ich zu ADA schon überleiten kann und es will.

Anders als für alle anderen Bücher der Serie — die ich nicht schon von fremden Einlassungen präformiert, sondern allein aus der Sicht meiner eigenen ästhetischen Überzeugungen schreiben will und schreibe — bereite ich mich diesmal vor; Sie haben’s, Freundin, schon gelesen. Der Grund ist, daß ich das Buch, wie ebenfalls bereits erzählt, längst kenne, auch wenn meine Lektüre zwanzig Jahre zurückliegt. So ist ADA für mich sozusagen ein Abschluß, auch dann, wenn danach noch ERINNERUNG, SPRICH, aber auch das posthume MODELL FÜR LAURA (die Sendung kam gestern an) vor mir liegen sowie Nabokovs Gedichte. Aber um diese wird es insgesamt kompliziert bestellt sein: Es gibt keine nennenswerten Übersetzungen ins Deutsche und außerdem extrem wenige. Dieser Umstand wird möglicherweise zu etwas führen, zu dem ich auch aus strategischen Gründen noch nichts hier schreiben will; außerdem sind starke poetologische Probleme in Sicht. So möchte ich erst einmal den Eingang der bestellten COLLECTED POEMS abwarten und in sie hineingelesen haben. Danach, Geliebte, erst werden wir diesbezüglich weitersehen können. Für LAURA allerdings gilt etwas, das in den meisten Kritiken, die ich las, auch schon die Übersetzung ADAs begleitet hat; eine Ausnahme hier war meines Wissens allein die, fand ich, → einfühlsame Besprechung des viel zu früh verstorbenen Oleg Jurjews, dem Lebenspartner der Bachmannpreisträgerin Olga Martynova, mit denen beiden ich locker befreundet bin, bzw. – ach Oleg! – war. — Alle mir bekannt gewordenen anderen Besprechungen von Nabokovs nachgelassenem Fragment waren und sind in einem Ton geschrieben, der sogar mich Anstand davon nehmen ließ, mich mit dem Buch zu beschäftigen. Erst als ich nun auch Kritiken zu ADA las — weshalb, das erzähle ich gleich —, deren Ton beinah noch schlimmer war, wurde mir klar, den Feuilletonisten unbewußt auf die Schippe gesprungen und ihrem manipulativ-, ja, -Gehässigen selbst zum Opfer gefallen gewesen zu sein. Wir bilden uns unsere Meinung nicht, wenn wir die anderer übernehmen, und seien sie noch so sehr “ausgewiesene” “Experten”. Sie alle nämlich haben — Angst, und zwar um so mehr, wenn sie es nicht wissen. Und da auch wir sie haben, sind wir durch deren im eignen Entscheiden verletzbar.
Worum es sowohl bei ADA als auch LAURA immer wieder geht, in den Kritiken also, ist die eben nicht-beifällig so genannte “Altmännergeilheit”. Es gibt viele Beispiele, wo sie als “Argument” gegen etwas laut wird. von Günter Grass bis zu noch in diesem Jahr wahrscheinlich mir selbst, wenn die Béartgedichte erscheinen werden (so ich die fehlenden anderthalb Stücke bis Ende Mai denn noch fertigbringe). Ja, auch mir wird man(n) dann diese “Geilheit” vorwerfen, wobei es hoch interessant ist, daß es ihr weibliches Pendant nicht zu geben scheint, “Altfrauengeilheit”. Nennte man sie einfühlsam in das um, was sie ist und, so sie nicht zugegeben wird, wäre, nämlich eine Sehnsucht, die ihren Abschied mitträgt, kommen wir dem tatsächlich wirkenden Zusammenhang nahe; auch hier wieder Angst, nämlich entweder vor der eigenen unabwendbaren Zukunft oder davor, eine, mit Alexander Mitscherlich gesprochen, Trauerarbeit zu leisten, die, in jedem Fall als poetische, Trauerbearbeitung ist. Genau sie soll nicht stattfinden, weil man(n) sie dann ja selbst leisten müßte, anstelle zu verdrängen. Weil wir klarwerden müßten, wo wir lieber den Schleier des Nichtnennens drüberziehen wollen, das empfängnisbehinderndste und damit lebensfeindlichste Kondom, das es gibt.
Zum Beispiel lesen wir in ausgerechnet Peter Urbans für den Deutschlandfunk 2011 geschriebener Besprechung den kompletten Unfug, man lasse besser die ersten drei Kapitel zu lesen ganz aus, denn sie

klären nichts, sie sind vielmehr verwirrend und abschreckend – nicht wegen „exotischer, russischer Namen“ (wie Nabokov insinuierte), sondern weil sie angestrengt, schwülstig und überladen [sind].

Ich zitiere Ihnen einmal Beispiel, die man besser nicht zur Kenntnis nehme, weil sie eben in diesen ersten drei Kapiteln stehen:

In späteren Jahren mochte er Proust nicht mehr lesen (wie er auch das parfümierte Gummi türkischer Paste nicht mehr genießen mochte), ohne eine Woge des Überdrusses und das Raspeln griesigen Sodbrennens zu verspüren (S. 21) — Ihr Zusammentreffen mit Baron O., der aus einer Seitenallee herausgeschlendert kam, mit Sporen und grünen Schwalbenschwänzen, entging gewissermaßen Demons Aufmerksamkeit, so betroffen war er von dem Wunder jenes jähen Abgrunds absoluter Wirklichkeit zwischen den zwei fingierten Blitzlichtern vorgetäuschten Lebens (S. 24) — der Baron wählte [für ein Duell, ANH] Degen; und nachdem eine gewisse Menge guten Blutes (…) zwei behaarte Oberkörper, die geweißte Terrasse, die Freitreppe, die in einem ergötzlichen d’Artagnant-Arrangement in den ummauerten Garten führte, die Schürze eines rein zufällig anwesenden Milchmädchens und die Hemdsärmel beider Sekundanten (…) bespritzt hatte, trennten die beiden zuletzt genannten Herren die Duellanten, und Skonky starb, nicht “an seinen Wunden” (…), sondern an einer schwärenden Erinnerung auf seiten des Geringsten unter ihnen, nämlich sich möglicherweise selber zugefügt ein Stich in der Leistengegend, der Kreislaufstörungen verursachte, während zweier oder dreier Jahre mit langwierigen Aufenthalten im Aardvark-Hospital in Boston (…). (S. 28)
(Dtsch v. Uwe Friesel und Marianne Therstappen)

Allein die Hypotaxe des letztzitierten Satzes hat es an brillanter erzählerischer Infamie in sich, was wir aber eben, wie empfohlen, nicht zur Kenntnis nehmen sollen. Doch auch die das dritte, ziemlich beklemmende Kapitel bestimmende Schilderung der schweren psychischen Krankheit von Adas, der Heldin, Schwester, sollen wir nicht wahrnehmen, obwohl sich darin geradezu ein Schlüssel für das gesamte Werk findet, indem er nämlich seine Namensgebung aufschließt, und zwar in der Signatur dieser Schwester, die sie unter ihre auf der Buchseite 47 wiedergegebene letzte handschriftliche Notiz setzt:

Meiner Schwester Schwester, die jetzt iz ada (“aus der Hölle”) ist

Ada und Hölle — wen schaudert’s da nicht? Aber insgesamt wird schon bei Urban die eigentliche Zielrichtung deutlich: vorgebliche “Schwülstigkeit” — der Altmännergeilheit (ecco!) “Ausfluß”. Allerdings direkter, weil tatsächlich diffamierend, → Markus Gresser in der FAZ, 2010 (die Titelwahl bereits ist widerlich: Einladung zur Peepshow auf dem Planeten Antiterra):

Er [Nabokov, ANH] scheiterte (….), erfand sich Figuren (…), die nie zum Leben erwachen, affektierte Erotikmarionetten eines Gepetto, der offenbar letztmalig die ganz große Sau rauslassen wollte – aber nicht grob lüstern natürlich, sondern fein ziselierend wie ein Hieronymus Bosch. (…) Nach der Pädophilie in „Lolita“, auf die Nabokov in „Ada“ mehrfach paradiesvogelstolz verweist, stand nur noch ein Tabu zur Verletzung an: das des fröhlichen Geschwisterinzests. Doch konnte Nabokov kaum weiter gehen als in „Lolita“ mit der Masturbationsszene Humberts angesichts seiner wie toten Stieftochter in spe (…). Die im lasziv klebrigen Nebel verirrte Handlung dieses als Autobiographie des Privatgelehrten Van Veen getarnten Romans überhaupt wiedergeben zu müssen, kommt der Zumutung gleich, Veens Lieblingsbordell „Villa-Venus-Club“ beitreten zu müssen.

Der Mann, igittigitt, geht ins Bordell! — und so weiter immer fort. Von solchem Zeug — ekelhafter waren auch “meine” schlimmsten Kritiken nicht — findet sich im Netz sehr, sehr sehr viel mehr. —Übrigens, Gresser. Wer ist denn Markus Gresser, der gleich zu Anfang süffisant darauf hinweisen muß, daß Nabokov siebzig Jahre alt war, als ADA erschien? Und ach, kein bißchen altersweise … (Ich meinerseits habe bis dahin immerhin noch fünfe Jahre der Gnade.)
Nein, Geliebte, suchen Sie selbst! Ich werd den Beelzebuben tun, den Schreiberling durch einen Link noch zu ehren. (“Tintenfingel” nannte den Typos Dr. Lipom).

Aber wirklich, so fragen Sie mich nun, weshalb tut ANH sich’s an, solch einen Müll zu lesen? — Deshalb, liebste Freundin, weil ich im Netz auf der Suche nach einem Personenverzeichnis war. Das ich bislang nicht fand und werde nun wohl selbst anlegen müssen. Doch geriet ich in den Genuß mancher Trouvaille, etwa einer Karte der auf dem nordamerikanischen Kontinent handelnden Spielorte, die über die seinerzeitige Realität (etwa gab es noch die Sowjetunion) eine poetische, sagen wir, Durchpause legt. Wir haben es ja mit einem phantastischen Raum zu tun.
Ich habe sie mir ausgedruckt und hinten in das Buch geklebt; außerdem haftet nun eine etwas größere Kopie links an der laufenden Projekten dienlichen Pinnwand:

Weiterhin fand ich sämtliche Spielorte auf “Antiterra”, von Dieter E. Zimmer auf Englisch gesammelt und erklärt und gleich von mir selbst, leichterer Handhabung wegen, ins Deutsche übersetzt, siebeneinhalb enggedruckte DIN-A4-Seiten. Sowie eine, ebenfalls von Dieter E. Zimmer, “Timeline of Ada”, erarbeitet von August 2009 bis Februar 2010.
Und weiteres und weiteres ist → da und → dort zu finden; außerdem gibt es noch → ZEMBLA — wobei ich “natürlich” mit dem Gedanken herumgespielt habe, meinerseits um Mitgliedschaft bei den → Nabokovians zu ersuchen, dies aber flugs verwarf, sowohl meines Autoren-Selbstbewußtseins halber (“Ich habe ein eigenes Werk!”) als auch, weil mein gesprochenes und geschriebenes Englisch zu erbärmlich ist, um dort von irgendeinem anderen Nutzen zu sein, als mich indirekt mit fremden Federn zu schmücken, was dann wieder mein Selbstbewußtsein störte.
Um es deutlich zu sagen, bin ich kein Interpret des originalen Nabokov-Werkes, sondern ein poetischer seiner deutschen Übersetzungen, und auch das nur, insoweit es die belletristischen Bücher betrifft. Darüber werde ich kaum jemals mehr hinausgelangen. Wesentliche Privilegien, die Nabokovs Dichtung bis ins hohe Alter nährten, sind mir nicht zuteil geworden, worüber ich nicht klage; statt dessen fand ich meine eigenen Wege. Sehen aber tu ich’s klar. Und bin auf seltsame Weise froh, mit diesem Mann, abgesehen von ADA, niemals früher in lesenden Kontakt gekommen zu sein. Und auch sie schon, diese mit Van Veen untrennbar verbundene Frau, trat in mein Leben erst, als meine eigene Ästhetik längst “stand”; wäre Ada früher erschienen, ich weiß nicht, woher ich den Mut, ja die Hybris genommen hätte, selbst noch etwas in die Regnitz zu tun. Hingegen diejenigen Autorinnen und Autoren, die mich prägten, etwa Aragon, mir auf eine Weise nahe waren, die immer zugleich unsere Fremdheit unterstrich; so konnte ich nicht einmal Epigone werden. Sie fast alle hatten etwas, das ich verabscheute, Aragon die miese Autoritätsgläubigkeit, sei es anfangs gegenüber Breton, später im klebrigen Verhältnis zum Sowjetkommunismus; Pound und, gelinder, D’Annunzio wie Pirandello beider Faschismusnähe wegen; Dostojewski wegen der kriecherischen Glaubenstümelei; Nietzsche aufgrund des “Übermenschen”; Christa Reinig wegen ihres hardliner-Feminismus und Marianne Fritz wegen der psychotischen Schreiberinstruktur; ebenso Kafka, nur muß da das geschlechtskorrekte “in” weg; Beckett wegen seines existentialistisch-grotesken Nihilismus; Bernhard wegen seiner von dem elastischen, rhythmischen Stil nur allzu kläglich kaschierten Larmoyanz; Benn und Niebelschütz wegen der Nähe zum Nationalsozialismus. Und so weiter. Doch alle sie waren und sind für meine Arbeit und ihrer Entwicklung von enormer Bedeutung; ich schulde ihnen einen Riesendank. Ah, Thomas Mann vergaß ich, dessen sich selbst erhöhenden Sätze mitunter unerträglich gelockt sind, und doch unersetzlich. Indessen Nabokovs kristallene Prosa mich hätte zumindest als jungen Mann eine Nähe imaginieren lassen, unter deren Last ich poetisch verstummt wäre: “Daran ist nie zu gelangen für einen wie dich!” — so daß ich heute vielleicht ein passabler Jurist oder begüterter Mensch wär’ im Börsengewerbe. Vielleicht hätte ich nach dem DOLFINGER (also der “Erschießung des Ministers”) noch EINE SIZILISCHE REISE geschrieben, aber weder der WOLPERTINGER noch eines der späteren Bücher, auch nicht die BAMBERGER ELEGIEN und TRAUMSCHIFF, hätten entstehen können, um von MEERE vollends zu schweigen; und meine poetologische Arbeiten sowieso nicht.

Ihr ANH,
den Sie Sie erfinden ließen.

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Ada 0.2 <<<<

 

“Berstend vor kelterreifem Verlangen.” Nabokov lesen, 35: Das Bastardzeichen. Dazu zwei kleine – von García Márquez und Kubin – Endspielstücke.

 

(…) vom ersten Treppenabsatz warf sie einen Blick zurück; dann enteilte sie aufwärts, ihren Schal mit allen seinen Sternbildern hinter sich herschleifend — Kepheus und Kassiopeia in ihrem immerwährenden Glück und die hellglänzende Träne Kapella und Polaris die Schneeflocke und das grauschimmernde Fell des Großen Bären und die ohnmächtigen Spiralnebel — diese Spiegel der Unendlichkeit qui m’effrayent, Blaise, genau wie dich, und wo Olga nicht ist, aber die Mythologie starke Zirkusnetze spannt, auf daß der Gedanke in seinem schlechtsitzenden Trikot sich nicht den alten Hals breche, statt mit Heidi und Hopsa auf- und abzuschnellen — und dann hinunterzuspringen in das urindurchnäßte Sägemehl, den kurzen Weg zu durchmessen, in der Mitte die halbe Pirouette zu vollführen und mit amphiphorischem Akrobatengruß darzulegen, wie äußerst einfach der Himmel letztlich sei, mit den freimütig geöffneten Händen, die einen knappen Beifallsschauer hervorrufen, indes er zurückgeht, sich wieder in seine Männlichkeit findet und das kleine blaue Taschentuch auffängt, das seine muskulös fliegende Gefährtin nach der eigenen Anstrengung aus ihrem erhitzten wogenden Busen gezogen hat — und ihm zuwirft, damit er seine schmerzenden erschlaffenden Handflächen trockne.
Das Bastardzeichen, S. 73/74
(Dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

Hier, in diesem rhythmisch hochgradig hypotaktischen, die Treppe hinaufsteigenden Fluß, ist Nabokov stilistisch ganz bei sich selbst, das heißt: in seiner Figur, dem ohnedies unangepaßten Philosophen Adam Krug, dessen gerade verstorbene Frau Olga im Hinaufschreiten einer fremden jungen Dame kurz in ihm aufsteigt, die, nachdem sie sich aus der Umarmung ihres jungen Freundes gelöst, um dem älteren Mann den Durchgang zu ermöglichen, hinter sich diesen Schal herschleift, einem momenthaft zur Ewigkeit werdenden, in die die Gattin verschwunden. Krugs Schmerz darob wird zu verheißender Mythologie — einer innenleuchtenden Realität neben der äußeren nicht nur profanen, sondern politisch mehr als beklemmenden. Doch findet diese Beklemmung erst ganz zum Schluß des Buches Einlaß in den Mann, der sich der bösen Wirklichkeit gemäß dem ihm eigenen Trotz verweigert hat, dafür nun den gequälten Tod seines kleinen, jetzt mutterlos hinterbliebenen Sohnes hinnehmen muß, was ihn mit Wahnsinn und schließlich dem eigenen Ende bestraft:

In jähen, kräftigen Sprüngen stürzte Krug auf die Mauer zu, wo Paduk, das Gesicht in Angstschweiß gebadet, von seinem Stuhl rutschte und zu verschwinden suchte. Im Hof tobte wilder Tumult. Krug wich der Umarmung eines Gardeoffiziers aus. Dann schien die linke Seite seines Kopfes in Flammen aufzugehen (diese erste Kugel hatte ihm einen Teil des Ohrs weggerissen), doch frohgemut stolperte er weiter (…). Er sah die Kröte [Paduks Spitzname, ANH] am Fuß der Mauer kauern, zittern, zerfließen, schrille Beschwörungen ausstoßen, sein verschwimmendes Gesicht mit einem Arm bedecken, und Krug stürzte auf ihn zu — und den Bruchteil einer Sekunde, bevor eine zweite und besser gezielte Kugel ihn traf, rief er noch einmal: du, du — und die Mauer verschwand wie ein schnell zur Seite geschobenes Diapositiv,

und jetzt kommt eine der für diesen Roman typischen Perspektivwechsel mitten in der Sequenz, ein Sprung ins Innere des Autors-selbst,

und ich reckte mich und erhob mich aus dem Chaos beschriebener und umgearbeiteter Seiten, um nachzusehen, was da plötzlich gegen die Drahtgaze vor meinem Fenster geklirrt war.
Bastardzeichen, S. 272

Es ist ein Nachtfalter, der ungewissermaßen die innere Balance des vom Geschehen beklemmten Schreibenden wiederherstellt, das unbedingte klassizistische Müssen des Ausgewogenseins poetischen Anschauns, um das Barbarische wenigstens in der Erzählung bannen zu können:

Die verschiedenen Bestandteile meiner vergleichsweise paradiesischen Umgebung – die Nachttischlampe, die Schlaftablette, das Glas Milch – blicken mir völlig unterwürfig in die Augen. Ich wußte, daß die Unsterblichkeit, die ich dem armen Kerl [i. e. Adam Krug, ANH] verliehen hatte, ein schlüpfriger Sophismus war, ein Spiel mit Worten. Doch diese letzte Runde seines Lebens war glücklich gewesen, und es war ihm bewiesen worden, daß der Tod lediglich eine Frage des Stils war
Bastardzeichen, S. 273

sowie

eine Frage des Rhythmus.
Bastardzeichen, ebda.

Selten zuvor wurde der Charakter der nabokovschen Poetik so deutlich wie in dieser Passage.

Aber was wird erzählt? — Die U4 meiner rororo-Taschenbuchausgabe vom Februar 1987 stellt es so dar:

Eine blutige Revolution hat die “Kröte” an die Macht gebracht,

blöder, weil den Textern schlichtweg unterlaufender Reim in dieser Zusammenfassungs”prosa”,

wie der Volksmund den Diktator Paduk nennt, und mit ihm die ‘Partei des Durchschnittsmenschen’,

über die Enzensberger sich wahrscheinlich → billig freute,

ein ebenso banales wie brutales Gelichter. Mit aller Präzision seines Stils zeigt Nabokov die totalitäre Welt als das, was sie ist: eine ‘bestialische Farce’, ein Gemisch aus Lächerlichkeit und Grauen. Auch in diesem seinem düstersten Buch erweist sich Nabokov als ein Meister des Grotesken.

In “diesem seinen” Geplapper ist der Klappentext ein Graus und grotesk im Roman leider gar nichts, vielmehr bitter in gleich mehrfacher Hinsicht, sei’s wegen der tatsächlichen Realität des Nabokov sich zur Vorlage geradezu angeschmissenen Sowjetkommunismus, sei’s wegen des auf hochgebildet-intellektuelle Weise verqueren Trotzes Adam Krugs selbst, der sich der neuen Situation zu stellen sogar gedanklich weigert und meint, vermittels eines deftigen Hohns das Grauen von sich fernhalten zu können. Diese Haltung wird am Ende tragisch, wenn sogar das eigene Kind ihr zum Opfer gebracht wird — nein, nicht willentlich, doch als kollaterale Folge. Was dem Helden erst klar wird, als es zu spät ist.
Die Dynamik ist aber noch komplexer. Denn die “Kröte”, zur Schulzeit, wurde nach Kräften von Krug und seinen Kumpels gequält. Ihre Erhebung über den schwächlichen Jungen, der später zum Diktator aufsteigt (und da immer noch, letztlich, den Zuspruch seines Schulquälers sucht), ist wirklich derart bodenlos, daß der Gedanke sich nicht ganz von der Hand weisen läßt, an Paduks späterer Grausamkeit trage Krug durchaus nicht wenig Mitschuld. Seine, Krugs, gesamte Konstitution ist sogar psychisch die der Überhebung — besonders über geistig, aber auch körperlich Schwächere.
Der Paduk als noch Schulbub galt ihr als hochwillkommenes Futter:

(…) ich pflegte ihm ein Bein zu stellen und mich dann auf sein Gesicht zu setzen — eine Art Sitzkur”(,)
Bastardzeichen, 61,

erklärt er seinen Kollegen, die ihn bedrängen, das Rektorat der neu zu organisierenden, vom Regime noch geschlossenen Universität zu übernehmen, was er erstens keineswegs vorhat und weshalb er zweitens beharrt:

“Fünf Schuljahre lang habe ich Tag für Tag auf seinem Gesicht gesessen (…), das dürfte zusammen ungefähr tausend Sitzungen machen.”
Bastardzeichen, ebda.

Und – noch nachtretend – schränkt er böse ein:

Ich habe doch wirklich nichts Schlimmes gesagt, oder? Ich habe zum Beispiel nicht behauptet, daß heute, nach fünfundzwanzig Jahren, das Gesicht der Kröte immer noch die unverwischbaren Spuren meines Gewichts trägt. Damals war ich zwar schmächtiger als jetzt —”
Bastardzeichen, 61

Daß sich die Machtverhältnisse nun gegen ihn, den gleichsam Gewinner von Geburt (auch im Sport war er ein As) verkehrt haben sollen, da Paduk und seine Kretins den Staat erbarmungslos an Zügeln halten, will ihm nicht in den Kopf. Zugleich allerdings ist er, Krug, mit dem ständigen seelischen Aufwand beschäftigt, den Verlust seiner geliebten Frau sich erträglich zu machen. Das geht mit seinem durchaus begründeten, tatsächlich extremen Selbstwertgefühl die schließlich tragisch endende Allianz ein, das ihn nahezu allen andren Menschen gegenüber so überlegen sein läßt. Zu unrecht mit Recht, muß ich schreiben.
Aber hören Sie, Geliebte, wie der Paduk-als-Junge uns Leserinnen und Lesern vorgestellt wird, körperlich vorgestellt. Es ist dies nicht ohne Infamie, insofern es Paduks infame Idee seiner “Diktatur der Gleichen” geradezu biologisch, ja physiologisch begründet, als ein gleichsam angeborenes Böses — das sich schon darin habe gezeigt, daß er, Paduk, zu den

saftpupen (Muttersöhnchen) [gehörte], die auf den breiten Fensterbänken hinter dem Garderobenständer dösten, und Paduk (…) aß etwas Süßes und Klebriges, das ihm ein Hausmeister (…) zugesteckt hatte. Wenn es klingelte, wartete Paduk, bis sich der Aufruhr gelegt hatte und die geröteten, schmutzigen Jungen zurück ins Klassenzimmer gestürmt waren, ehe er, eine seiner klebrigen Handflächen tätschelnd auf das Geländer gelegt, verstohlen die Treppe hinaufschlich. Krug, der aufgehalten worden war (…), überholte ihn und zwickte im Vorbeigehen sein  fettes Hinterteil.
Bastardzeichen, S. 80/81

Hören Sie sich jetzt noch die Herkunft des kleinen Jungen an:

(…) Paduks Mutter, eine schlappe, tranige Frau aus der Marsch, war im Kindbett gestorben, und bald darauf hatte der Witwer ein körperbehindertes Mädchen geehelicht (…).
Bastardzeichen, ebda.

Und weiter in des Jungen Beschreibung:

Als Kind hatte Paduk ein teigiges Gesicht und einen grauen, beuligen Schädel (…); außerdem hatte er einen leicht watschelnden Gang und trug Sandalen, die eine Menge bissiger Bemerkungen auf sich zogen. (…) Seine Hände waren ständig klamm. Er sprach seltsam ölig durch die Nase, hatte einen starken nordwestlichen Akzent und die aufreizende Angewohnheit, aus den Namen seiner Klassenkameraden Anagramme zu bilden (…), weil man unablässig im Sinn behalten sollte (…), daß alle Menschen aus den gleichen, nur verschieden gemischten fünfundzwanzig Buchstaben bestehen.
Bastardzeichen, ebda.

Was später die Grundlage seines quasikommunistischen Regimes des “Volkes” als eines der Immergleichen werden wird. Auch dessen, des Regimes, Gemeinheit sei aber schon im Kind angelegt:

Paduk jedoch war trotz all seiner Verschrobenheiten langweilig, platt und unerträglich gemein. Wenn man es sich jetzt vor Augen führt, kommt man zu dem unerwarteten Schluß, daß er auf dem Gebiet der Gemeinheit geradezu ein Held war

nicht etwa Krug, der den Jungen quälende Mitschüler,

denn jedesmal, wenn er sich etwas Derartiges leistete, muß er gewußt haben, daß er sich wieder auf dem besten Wege zu jenem höllischen physischen Schmerz befand, den seine rachsüchtigen Klassenkameraden ihm unweigerlich zufügten.
Bastardzeichen, S. 80/81

Wobei Nabokov pluralmajestätisch noch hinzufügt, daß “wir uns” seltsamerweise

eines bestimmten Beispiels seiner Gemeinheit (…) nicht entsinnen können, obwohl wir uns lebhaft daran erinnern, was Paduk als Vergeltung für seine abstrusen Verbrechen auszuhalten hatte.
Bastardzeichen, ebda.

Wenn der ängstliche Bub also “gemein” war, dann ziemlich sicher aus Notwehr. In jedem Fall war er ein gequältes, gestoßenes Kind, dem, daß er es war, die anderen Kinder nicht nur obendrein zum Vorwurf machten, sondern sie “bestraften” ihn dafür — der “beethovensche” (“nur daß er intelligenter war”, S. 56) Adam Krug allen voran, dessen tief sitzende Abneigung gegen Schwächere uns Nabokov als seinerseits, krugseitens, Unrecht durchaus bemerken läßt und es uns ganz so leicht nicht macht, uns affirmativ mit dem Mann zu identifizieren. Wir müssen nur genau lesen:

“Das reicht mir jetzt!” sagte Krug, der plötzlich einen seltsamen Schuß Vulgarität, ja Grausamkeit an den Tag legte, denn nichts in dem harmlosen und wohlmeinenden Geschwätz des jungen Forschers (den ganz offensichtlich jene Schüchternheit so redselig gemacht hatte, die für überreizte und vielleicht unterernährte junge Leute, Opfer des Kapitalismus, Kommunismus und der Onanie, so charakteristisch ist (…)), rechtfertigte die Grobheit des Einwurfs (…).
Bastardzeichen, S. 71/72

Allein diese Trinität nachzuschmecken, Kapitalismus, Kommunismus und Onanie ..! Wer nämlich spricht hier? Adam Krug durch den auktorialen Erzähler oder dieser selbst? Erinnern Sie sich aber des schon erwähnten Stilmittels, aus der Er-Erzählung geradezu unmittelbar ins Ich zu wechseln, das ganz genauso bisweilen Adam Krugs, dann aber wieder, siehe oben, der Erzählers selbst ist. Diese unauflösbare, weil ineinandergewachsene Ambivalenz prägt den gesamten Roman.
Doch zu Krug-direkt zurück: Als Sohn eines “angesehenen Biologen” (S. 80) ist er nicht nur von Herkunft und Bildung, sondern eben auch körperlich derart privilegiert, daß selbst der von ihm einst gequälte, nunmehr zum Diktator aufgestiegene teigige Paduk nach wie vor um ihn, es ist nicht anders zu nennen, buhlt. Krugs ihm freilich in keiner Weise gewachsenen Freidenkerfreunde sind dagegen alle längst verhaftet oder haben ihr Heil in der Emigration gesucht. Alleine der Querkopf hält stand, will nicht. Noch jetzt, zu Beginn der Erzählung, ist er

ein großer, schwerer Mann, früh in den Vierzigern, mit unordentlichen, staubigen oder leicht angegrauten Locken und einem grob gehauenen Gesicht, das an den ungeschlachten Schachmeister oder den mürrischen Komponisten [gemeint ist eben Beethoven, ANH] erinnerte, nur daß er intelligenter war. Die kräftige, gedrungene, düstere Stirn hatte das eigentümlich hermetische Aussehen (…) von Denkerstirnen. (…) Was sonst noch? Ach ja — daß sein Zeigefinger unablässig geistesabwesend auf der Stuhllehne trommelte.
Bastardzeichen, S. 56/57

Selbstverständlich ist er nicht leidfrei, schon gar nicht nun, da seine geliebte Frau verstorben, die ihm immer und immer wieder in seinen Gedanken aufsteigt, nicht selten mit fast realer Präsenz — was diesem Roman eine mitunter geradezu mythische Klangfarbe gibt, die zur von der neuen Diktatur verschuldeten Beklemmung im Wortsinn ebenso unheimlich paßt, wie die aus Metapher, Beobachtung und Rhythmus gewobene Dichte des Stils, die sich häufenden Hypotaxen eingeschlossen, derart enggeführt ist, daß wir die Enge der neuen Gesellschaftsform quasi aus jeder Seite spüren. Und es ist allein der trotzige Witz Krugs, der daraus bisweilen erlöst, etwa schon am Anfang des Buches, da eine Brücke überschritten werden muß, an deren beiden Seiten Soldaten zur Überprüfung der Ausweise stehen. Pikanterweise ist die eine Flußuferseite mit Analphabeten besetzt, was dazu führt, bzw. führen könnte, daß ein Passant nun lebenslang zwischen den Posten immer hin- und hergehen muß, weil die drübige Seite einen Passagevermerk verlangt, den die hiesige mangels Schreibfähigkeit zeichnen gar nicht kann. Halten wir uns vor Augen, daß die analphabeten Soldaten für ihre Bildungsschwäche sicherlich nicht verantwortlich sind – für Dummheit könnten sie schon gar nichts  –, wird uns fast schmerzhaft klar, wie ätzend Adam Krugs Spott ist, zudem er zu Formulierungen greift, die sich dem Verständnis der Soldaten schon terminologisch komplett entziehen:

“Nein, nein”, sagte Krug. “Ich nicht aus Kahn klettern. 

Ich nicht aus Kahn klettern: Schon diese Reduktion eines einfachsten Satzes auf die unvollkommene Grammatik des Achtelgebildeten ist hämisch. Unszulande wurden so, und werden teils noch, Migranten der  sogenannten Unterschicht sprachlich persifliert. Aber jetzt kommt’s!

Ihr kapiert es immer noch nicht. Ich will es so einfach wie möglich ausdrücken. Die vom solaren Ende [also der gegenüberliegenden Brückenseite, ANH] sehen heliozentrisch, was ihr Tellurier geozentrisch saht, und wenn diese beiden Aspekte nicht irgendwie kombiniert werden, muß ich, das ins Auge gefaßte Objekt, in der universalen Nacht für alle Ewigkeit hin- und herpendeln.”
Bastardzeichen, S. 24

Allerdings geht er, also Krug, mit sämtlichen Menschen so um, die, ob tatsächlich oder eingebildet, an seinen Verstand nicht reichen, darin seinem Autor nicht völlig unähnlich, der etwa ein Parlamentsmitglied einen “Mann von mildem Stumpfsinn” (S. 44) nennt oder die ohnedies schon scharfen Nägelkanten seiner ironisch gezügelten Misogynie noch zufeilt und dann den Hornstaub von den Fingerkuppen bläst, damit das kristallne Glitzern dieses Satzes von gar nichts, gar nichts getrübt sei:

Sie war eins jener dünnblütigen helläugigen reizenden schlimmen schleimigen Schlangenmädchen, die zugleich hysterisch begehrlich und hoffnungslos frigide sind.
Bastardzeichen, S. 135/136

Imgrunde ist Krug — wo der aus gequälter Kinderseele zur unbegrenzten, sich fortan schadlos haltenden Macht gelangte Paduk ein zugleich tief feiger wie so sadistischer Mann wurde, daß er auch nicht davor zurückschreckt, Kinder foltern lassen, woran er möglicherweise sogar eine Art umgekehrter Stockholm-Genugtuung hat — ein mit genossenen Privilegien und Geist ausgestatteter Unhold, jedenfalls nur für diejenigen ein Sympathieträger, denen, ihrerseits hämisch, seine Rücksichtslosigkeiten gefallen. Und doch sind wir notwendigerweise näher bei ihm und leiden mit ihm mit, weil eben sein Leid auch vermittelt wird, vor allem der verlorenen, eher unbewußt als zugelassen betrauerten Gattin wegen, und weil uns seine Widerständigkeit gefällt. Und wir, ganz wie er selbst, übersehen das Risiko, dem er sein eigenes Kind damit aussetzt, übersehen sie auch, weil Krugs im Geiste schlichten Freunde sie nicht übersehen und wir uns einfach nicht vorstellen können, ein Mann von, Nabokov legt den Vergleich nicht nur einmal nahe, beethovenschem Format gerate auch nur in Gefahr, anders als sie sich zu irren. Dabei warnen sie ihn und warnen —
Dieses ist für mich eines der absolut meisterhaften Konstruktionsprinzipien des Romans, der nach dem beinah leichtfüßigen Sebastian Knight mit der ganzen atmosphärischen Dichte der russischen Gabe, zugleich einer bedingungslosen Schwere und doch auch auf das sanfteste eingewobenen Meditationen über Erinnerung daherkommt:

Und später dann, als du zwanzig warst und ich dreiundzwanzig [war], lernten wir uns auf einer Weihnachtsfeier kennen und entdeckten, daß wir jenen Sommer vor fünf Jahren Nachbarn gewesen waren — fünf verlorene Jahre! Und genau in dem Augenblick, da du in erschrecktem Staunen (erschreckt von der Stümperei des Schicksals) deine Hand an den Mund legtest, mich mit runden Augen ansahst und leise sagtest: Aber dort habe auch ich gewohnt! — da durchfuhr mich wie ein Blitz die Erinnerung an einen grünen Pfad in der Nähe eines Obstgartens und an ein kräftiges junges Mädchen, das behutsam einen verirrten flaumigen Nestling trug, aber ob du es wirklich warst, konnte alles Forschen und Fahnden weder bestätigen noch widerlegen.

Fragment eines Briefes an eine Tote im Himmel von ihrem Gatten im Rausch.
Bastardzeichen, S. 158/159

Oder wenn der hierüber noch berauschte Krug beinahe nüchtern über seinen kleinen Sohn sinnt:

Und welche Qual, dachte Krug der Denker, ein kleines Geschöpf so wahnsinnig zu lieben, das auf geheimnisvolle Weise ( uns heute geheimnisvoller noch als den ersten Denkern in ihren bläßlichen Olivenhainen) aus der Verschmelzung zweier Geheimnisse entstanden sind, oder vielmehr aus zweimal einer Trillion Geheimnissen; aus einer Verschmelzung, die zugleich eine Sache des Willens, eine Sache des Zufalls und eine Sache reinen Zaubers ist; ein Geschöpf, das solchermaßen entstanden und dann frei ist, Trillionen eigener Geheimnisse anzuhäufen; das Ganze durchströmt von Bewußtsein, welches das einzig Wirkliche auf der Welt ist und das größte Geheimnis von allen.
Bastardzeichen, S. 213/214

Auch das ist eben Adam Krug, inwendig zart, dieser “bäurische Bär” (S. 242), wenn er liebt. Wäre indessen nicht denkbar, daß Paduk auch, wenigstens als er noch Kind war, ähnliche Empfindungen hatte, die sich aus seiner Qual heraus schließlich pervertierten? Diese Perspektive nimmt weder Nabokov noch Adam Krug jemals ein, wir können Sie aber von uns aus mitbringen. Das Buch, wenn wir genau lesen, läßt uns diesen Raum, auch wenn unsre Sympathien —selbstverständlich, möchte ich fast schreiben — alleine deshalb auf der Seite “Beethovens” stehen, weil der Mut seines Trotzes so beeindruckend ist, und wir, Hand aufs Herz, gerne eigentlich ebenso wären, nicht kompromittierbar nämlich und niemandem sonst, als unserem eigenen, mit vielen Gründen, Dafürhalten verpflichtet. Es ist diese Geste, mit der der tatsächliche Beethoven die Widmung an Bonaparte durchstrich, wütend sie löschte.

[Detaillierter zu Nabokovs Beethovenmotiv
siehe meine Anmerkung → dort
.]

Es gibt im Bastardzeichen aber auch menschliche Einsichten, die Nabokov/Krugs überheblichen Gestus komplett unterlaufen, und zwar so sehr, daß sie — eine bei Nabokov mindestens ebenso wirkende “Meinungs”strategie — gegen die schlechte Realität eine quasi phantastische des inneren Raums setzen, den in der hiesigen Erzählung vorwiegend die Erinnerungssequenzen an die geliebte verstorbene Ehefrau beleuchten, aber nahezu unvermutet in einer längeren Passage ausgeführt werden, die sich um den vermeintlichen “Spießbürger” dreht — hier durch eine in-der-Fiktion-fiktive Person namens Etermon vertreten:

Allerdings war Skotoma das Opfer eines weit verbreiteten Irrtums geworden: Den “Spießbürger” gab es nämlich nur als Etikett auf einem leeren Karteikasten (der Bilderstürmer [nämlich Skotoma, ANH] verließ sich wie alle Leute seines Schlages ganz und gar auf Verallgemeinerungen und war völlig unfähig, etwa von der Tapete in einem zufälligen Raum Notiz zu nehmen oder intelligent mit einem Kind zu sprechen). In Wahrheit hätte man mit ein wenig Umsicht manches Merkwürdige über die Etermons erfahren können, manches, [d]as sie so sehr voneinander unterschied, daß Etermon höchstens als die vergängliche Ausgeburt eines Karikaturisten existieren konnte. Plötzlich verwandelt, schließt sich Etermon (den wir doch eben noch harmlos im Haus herumtrotten sahen) mit seiner Beute im Badezimmer ein — einer Beute, die wir lieber nicht beim Namen nennen; ein anderer Etermon stiehlt sich aus dem armseligen Büro geradewegs in eine Bibliothek, um sich an gewissen alten Landkarten zu erbauen, über die er zu Hause kein Wort verlieren wird; ein dritter Etermon berät mit der Frau eines vierten besorgt die Zukunft eines Kindes, das sie ihm heimlich geboren hat, dieweil ihr Mann (jetzt wieder daheim in seinem Lehnstuhl) in einem entlegenen Dschungelland kämpfte, wo er seinerseits Nachtfalter von der Größe eines geöffneten Fächers und des Nachts rhythmisch pulsierende Bäume voller Leuchtkäfer gesehen hatte. Nein, die durchschnittlichen Gefäße sind gar nicht so einfach, wie sie [zu sein] scheinen: Sie gehören einem Zauberer, und niemand, nicht einmal der Magier selbst, weiß, was und wieviel sie fassen.
Bastardzeichen, S. 93/94

Selbstverständlich wird hier der Irrsinn der Annahme (und der politischen Doktrin) einer Gleichheit aller Menschen demontiert, damit der Kommunismus, dessen unerbittlicher Feind Nabokov zeitlebens blieb. Allein dann die Beschreibung der – auch weiblichen – Schergen des Machtapparates lassen einen schauern. In der Tat, nach Lektüre dieses Romans kann sich nur bodenlos schämen, wer jemals auch nur entfernte Sympathien für die marxistisch-leninistische Praxis gehegt hat. Denn was der Klappentext meines Taschenbuches “Groteske” nennt, ist in derartigen “Systemen” eben scheußlichste Realität — bis hin zu dem “Irrtum”, in dessen Folge Krugs kleiner, nun wirklich schuldloser Sohn zerbrochen wird, was folgendermaßen vonstatten geht:

Nun ja, das Gehege, in dem die ‘kathartischen Spiele’ stattfanden, war so gelegen, daß der Direktor aus seinem Fenster und die anderen Ärzte und wissenschaftlichen Kräfte, Männer und Frauen (Frau Doktor Amalia von Wytwyl zum Beispiel, eine des faszinierendsten Persönlichkeiten, die man sich denken kann (…)), von anderen gemütlichen Warten aus den Verlauf beobachten und sich Notizen dazu machen konnten. Eine Krankenschwester führte die ‘Waise’ die Marmortreppen hinab. Da Gehege war eine wunderschöne Rasenfläche (…) und erinnerte an jene Freilichttheater, die den alten Griechen so teuer waren. (…) Nach einer Weile wurden die Patienten oder ‘Insassen’ (acht im ganzen) in das Gehege geführt. Zunächst hielten sie sich in einiger Entfernung und beobachteten den ‘Kleinen’. Es war interessant zu sehen, wie sich allmählich er Gruppengeist geltend machte. Waren es bislang rohe, gesetzesscheue, unorganisierte Individuen gewesen, so verband sie jetzt etwas, der Gemeinschaftsgeist (positiv) gewann die Oberhand über die privaten Grillen (negativ); zum ersten Mal in ihren Leben waren sie organisiert. Frau Doktor von Wytwyl pflegte zu sagen, daß die ein wundervoller Augenblick sei. (…) Und dann begann der Spaß. Einer der Patienten (…) ging zum ‘Kleinen’ hinüber, setzte sich neben ihn auf den Rasen und sagte: “Mach mal den Mund auf.” Der ‘Kleine’ tat wie geheißen, und mit unfehlbarer Sicherheit spuckte der Jüngling einen Kieselstein in den geöffneten Mund des Kindes. (…) Manchmal begann das ‘Kneifspiel’ gleich nach dem ‘Spuckspiel’, doch in anderen Fällen nahm die Entwicklung von harmlosem Knuffen und Puffen oder gelinden sexuellen Investigationen zum Gliederverrenken, Knochenbrechen, Augenausstechen und so weiter geraume Zeit in Anspruch. Todesfälle waren natürlich unvermeidlich, häufig jedoch wurde der ‘Kleine’ noch einmal zusammengeflickt und munter ein zweites Mal auf die Walstatt geschickt. Nächsten Sonntag darfst du wieder mit den großen Jungs spielen, Liebling. Ein zusammengeflickter ‘Kleiner’ stellte ein besonders befriedigendes ‘kathartisches Werkzeug’ dar.
Bastardzeichen, S. 248/249

Wohlgemerkt dies alles zur Stärkung des Gemeinschaftsgeists. Auf wen dieses das Organisationsbewußtsein des Volkes stärkende ‘Verfahren’ abzielt, wird vier Seiten später klar, als im selben Zusammenhang das Wort Jarowisierung fällt, im Stalinismus zeitweise Wissenschaftsdoktrin — auf Menschen bezogen eine deutliche Parallele zu den nationalsozialistischen Kälteversuchen.

Nun gehört zwar nicht Ästhetisierung des Grauens unbedingt zum Charakter der Kunst, wohl aber seine Einbettung in ästhetisch geformte Erscheinungsfelder, ästhetische quasi Magnetfelder, weshalb bei allem Entsetzlichen auch und gerade das Bastardzeichen voller Schönheiten, nämlich sprachlich oft hinreißend schöner Gestaltungen ist. In anderem Zusammenhang habe ich mehrmals schon von der perversen Bewegung der Künste gesprochen, die eben die Wahrnehmung und Wahrnehmungsnotwendigkeiten ihrer Rezipienten mit einschließt. Es gehört zu den Eigenheiten aller Kunst, daß sie das Unerträgliche insofern erträglich macht, als seine Darstellung zu Genuß führt — freilich einem, dessen Empfinden abhängig von Vorbildung sowohl des Wissens und Mehrwissenwollens als auch der Bereitschaft, sich auszusetzen, ist. Deshalb ist es kein Wunder, daß wir durch das Bastardzeichen wie berauscht hindurchziehn, ja von diesem Roman, der wirklich kein Wohlfühlbuch ist, gar nicht mehr lassen können. Mehrmals während meiner Lektüre war mein poetischer Instinkt versucht, sowohl Vergleiche mit García Márquez’ hierzulande kaum bekanntem → Herbst des Patriarchen und Alfred Kubins → Die andere Seite herzustellen, bin dem aber noch nicht wirklich nachgegangen. Zwei Zitate mögen erstmal genügen:

García Márquez:
Während des Wochenendes fielen die Aasgeier über die Balkone des Präsidentenpalastes her, zerrissen mit Schnabelhieben in innen erstarrte Zeit auf, und im Morgengrauen des Montags erwachte die Stadt aus ihrer Lethargie von Jahrhunderten in der lauen, sanften Brise eines großen Toten und einer vermoderten Größe. (…) Es war, als traumwand[e]l[t]e man durch den Bereich einer anderen Zeit, den die Luft war dünner in den Trümmergruben der weiten Höhle der Macht, und die Stille war älter, und die Dinge wurden nur mühsam sichtbar in dem altersschwachen Licht. In dem weiten ersten Innenhof, dessen Fliesen dem unterirdischen Druck des Unkrauts nachgegeben hatten, sahen wir die verwüstete Wachstube der geflüchteten Wachposten, die in den Waffenschränken zurückgelassenen Waffen, den langen Plankentisch mit den halbgefüllten Tellern des von panischem Schrecken unterbrochenen Sonntagmittagessens (…) und die Berline aus den Zeiten des Aufruhrs, den Pestkarren, die Staatskarosse aus dem Jahr des Kometen (…,) und alle bemalt mit den Farben der Landesflagge.
S. 5/5 (Dtsch. v. Curt Meyer-Clason)

Sowie Kubin:
Am Bahnhof fraß der Sumpf. Das Gebäude hatte sich geneigt, der Perron war mir Schlamm und Schilf überdeckt, durch die verfaulten Türen kroch der Morast in die Wartesäle, von den Bänken und Polstern ertönten Wehmutslieder der Unken. Über die Büffets krabbelten Molche und kleine Käferlarven. Die unzähligen Geschöpfe, welche Perle durchwandert, die Gärten verwüstet und die Menschen geängstigt hatten, alle stammten sie aus dem Sumpfe, der sich viele Meilen ins Dunkel erstreckte.
S. 168/169

Klingen nicht beide Textstellen nach mächtigen historischen Endbeben dessen, was der längst entflohene Nabokov erzählt und Krug, noch mitten darin, es zu fliehen leider nur gedankenspielt? —nämlich so:

Gab man zu, daß Raum und Zeit eins waren, so wurden Flucht und Rückkehr. vertauschbar. Es hatte den Anschein, als könn[t]e ein Land, in dem sein Kind in Sicherheit, Freiheit und Frieden aufwachen durfte (ein langer langer Stand, übersät mit Körpern, Sonne und Wonne und ihr latin satin– die Reklame für irgendwelchen amerikanischen Ramsch, irgendwo gesehen, irgendwie behalten), die Vergangenheit in all ihrer Eigentümlichkeit (ein Glück, an dem er damals achtlos vorübergegangen war, ihr feuriges Haar, ihre Stimme, die dem Kind von kleinen, vermenschlichten Tieren vorlas) ersetzen oder zumindest nachahmen. Mein Gott, dachte er, que j’ai été veule, vor Monaten schon wäre es vonnöten gewesen, er hatte ganz recht, der Ärmste: Die Straßen schienen voll von Buchhandlungen und trüben kleinen Kneipen [zu sein]. Da wären wir. Bilder mit Vögeln und Blumen, alte Bücher, eine polkagesprenkelte Porzellankatze. Er trat ein.
Bastardzeichen, S. 205

Und versucht endlich, eine Fluchtpassage aus dem gepeinigten Land zu bekommen, aber zu spät.

 

NACHSPIEL, NÄMLICH PFÜTZENSPIEGEL

“Jede Pfütze Ozean” heißt es in THETIS.ANDERSWELTs Vorspiel. Hier ist die Pfütze ein Spiegel, in dessen – sic! – andere Seite wir schauen. Denn so beginnt das Buch:

Eine längliche Pfütze, in den groben Asphalt gedrückt; wie ein phantastischer Fußstapfen, der bis zum Rand mit Quecksilber gefüllt ist; wie ein spatelförmiges Loch, durch das man den unteren Himmel sieht. Umgeben, bemerke ich, von den Fühlern einer diffusen schwarzen Feuchtigkeit, in der ein paar stumpfe schwärzliche Blätter kleben. Vermutlich ersäuft, ehe die Pfütze auf ihre jetziger Größe zusammenschrumpfte.
Bastardzeichen, S. 7

Und es endet:

Auch den Glanz einer Pfütze vermochte ich zu erkennen (derselben, die Krug irgendwie durch die Schicht seines Lebens wahrgenommen hatte), eine länglichen Pfütze, die der unveränderlichen spatelförmigen Form einer Bodenvertiefung wegen nach jedem Regenguß unfehlbar die gleiche Gestalt annahm. Möglicherweise darf etwas Ähnliches in Bezug auf den Abdruck gesagt werden, den wir in der inneren Textur des Raumes hinterlassen. Peng. Eine gute Nachricht für die Nachtfalterjagd.
Bastardzeichen, S. 273

 

Ihr, Geliebte,
ANH

 


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