Mit einem dringenden Nachtrag am Tag darauf: Ich habe, nach so vielen Jahren

Brittens Violinkonzert begriffen! Sucht! Hilfe, — S u c h t [1]Kurzes “u”.!

(Und nach dreimaligen Hören — einmal auch mit Hadelich, einer noch nicht veröffentlichten Aufnahme, über die ich vielleicht schreiben werde — hört es mit der Sucht immer noch nicht auf. Schnell also andre Interpreten hören, so viele, wie nur geht. Über Larssohn allerdings, → Triestbriefe, schrieb ich soeben den, ich weiß nicht, ob noch ironischen Satz: “Weit aber wohnt er nicht weg, mit seinem ehemals stärksten Konkurrenten in der cis-Mannschaft der zwölften Klasse, erste Liga des gesamten Gymnasiums.”)

Aber das ist noch g a r nichts —

[Sonnabend, den 6. August 2022
8.11 Uhr
Digitale Konzerthalle, 17. Oktober 2009:
Britten, Violinkonzert, Berliner Philharmoniker, Jansen & Harding]

— gegen den Mitschnitt, den ich gestern nacht noch in der Digitalen Konzerthalle der Berliner Philharmoniker gefunden habe, mit derselben, deshalb seltsam deutlich gealteren Janine Jansen, weil die Aufnahme vier Jahre vor dem oben eingebetteten Youtube-Mitschnitt entstand, nämlich 2009 — die große Frau scheint rückwärts wie Merlin zu leben —, und einem von mir bislang komplett unterschätzten, weil quasi ignorierten Dirigenten, dem ich jetzt unbedingt mein “Verzeihung” aussprechen muß. Ich habe ihn immer, allein über Äußerlichkeiten, für einen Hugh Grant des Konzertbetriebes gehalten, und nun stellt sich heraus, daß er wie kein anderer an die Seite Teodor Currentzis‘ gehört und wie dieser auf den Dirigierstab verzichtet:

Daniel Harding

Was die beiden mit den Berliner Philharmonikern aus diesem vergleichsweise frühen Brittenstück herausholen, ist atemberaubend. Ich höre die Aufnahme nun zum bestimmt achten Mal, nachts, nach sechs- oder siebenmaligem Hören, brach ich, schwer betrunken offenbar, ab, vom sehr zuvielen Wein, gewiß, doch mehr von dieser Musik, und fing heute früh gleich wieder mit ihr an, nachdem mir in der Nacht noch ein halluzinarisch bewirktes arges Malheur passiert war (ich hatte gestern zwei!mal von den THC-Tropfen genommen, damit ich genügend aß), das ich, wie beim Aufwachen gehofft, eben nicht geträumt hatte. Der kleine Flur vor Toilette und Bad lag voll klitschnasser Handtücher, aber auch der Arbeitsplatz war ein einziges Chaos: die Verlängerungsschnur des STAX-Hörers lose hingeworfen oder heruntergefallen und nicht mehr verbunden mit ihm, der entfernt ebenfalls am Boden lag; außerdem lief noch einer der beiden Computer. Wie bin ich bloß ins Bett gekommen? Ein Filmriß, dessen fehlendes Zelluloid durch diese Musik ersetzt ist, von der ich nicht mehr lassen kann, immer und immer noch nicht.

Ich kann mich nur wiederholen, Freundin. Ein → Abonnement der Digitalen Konzerthalle ist quasi obligatorisch, wenn Sie leben wie ich, um zu hören. (Bis zum 26. August gibt es für Neueinsteigerinnen und -einsteiger sogar noch 10 % Rabatt, wie ich soeben las.)

 

References

References
1 Kurzes “u”.

Ukraine-Dialoge, INTERMEZZO oder FRIEDEN ÜBERM KOLLWITZPLATZ. Der Brief einer inneren, quasi, Waffenruhe als Arbeitsjournal des Sonntags, den 13. März 2022, über das Tagvor geschrieben und ganz früh morgens rausgeschickt.

[Verdis Requiem, Berliner Philhamoniker,
mit Susanne Bernhard unter Daniel Barenboim
wird heute um 12 Uhr w i e d e r h o l t !]

13.3.2022
7.19 Uhr

Lieber Schelmenzunft,

Ihnen heute früh mein erstes Getipptes, nachdem ich bislang nur ein wenig hie und da herumgelesen habe, weil eigentlich in mir ein Text reift, den schreiben zu m ü s s e n mir bereits gestern, d i r e k t nach Verdis Ukraine-Aufschrei, im Wortsinn not|wendig zu sein schien, der eine Anklage, verklagt wurden Gott und Erlöser, gewesen, nachhallend noch immer, weil die beiden nicht helfen, wo wir es nicht dürfen noch können, auch als Bild → dieser Sopranistin, ihres dauernd vor meinen Augen wie aus einem Nebel, der Gedanke ist, sich formenden Gesichts, schon wieder zerfallend, erneut sich formend … aber ich möchte diesen wahrscheinlich ersten tatsächlich poetischen Text zu dem Krieg als einen Ukraine-Dialog schreiben, zwischen Giuseppe Verdi, der freilich nur schweigt, und mir. Und habe dafür zwar den Ansatz, aber noch nicht, wie es sinnvoll und sinnlich weitergehn kann …
Im Lauf des Tages wird er entstehen. Obwohl ich eigentlich dringend in den Waschsalon müßte, was ich nun auf morgen verschiebe, fünf oder sechs Maschinen, nach wieder mal zwei oder zweieinhalb Monaten werden es sein, was immer einen halben Tag bedeutet – wenig, selbstverständlich, auf je solch lange Zeiten gerechnet. Doch dieser Text muß frisch sein im Sinne einer guten Unmittelbarkeit, nicht jener schlechten bei Hegel.

Uwe Dick. Nein, ich habe keinen Kontakt mehr, schon seit damals nicht mehr, seit seiner fulminanten → Grimmelshausenrede zum Wolpertinger, dafür aber manches gelesen von ihm. Einiges fand ich nicht bemerkenswert, anderes grandios, und ich werde mir → das neue Buch unbedingt bestellen, auf das Sie mich hingewiesen haben, tu es jetzt gleich, sowie dieser Brief geschrieben. Und vielleicht, nach dann der Lektüre, werd ich drüber schreiben. Ihre Worte sind dringlich, eindringlich genug. Ich gehör ja zu denen, die hören.

Gestern der Nachmittag war wie Waffenruhe-hier, schon die Sonne rief hinaus. लक्ष्मी, deren beste Freundin שרה zurück aus Südamerika ist, für zwei Monate, fragte, ob wir uns zu dritt nicht auf dem Kollwitzplatz treffen wollten, am Weinstand neben dem Käsestand (Käse aus dem Ticino), und die Sonne schien derart begeistert, daß ich dachte, im Himmel zu sein. Aus dem einen Wein wurden schließlich vier, zu Sarah, der Freundin, kamen an unserem Stehtisch unversehens neue Freundinnen, Freunde hinzu, weil zu dem, worüber wir sprachen, dem Ukrainekrieg, niemand wirklich schweigen kann. Die furchtbare Russophobie wurde Thema, tagsvor hatte es in Marzahn diesen Brandanschlag auf die russische Schule gegeben, und alle am Tisch waren einig und blickten zugleich dankbar in den blauen Himmel, wozu sie jeweils die Sonnenbrillen abnahmen und dann zwinkern mußten vor Licht, und eine große Dankbarkeit für diesen Tag lag auf uns, lag um uns herum, hüllte uns ein.

Auch ein Pfeifchen reichte sich über den Stehtisch; ich selbst war vorsichtig genug, bei meiner Tabakpfeife zu bleiben. Das andrere, “Gras”, wirkt immer noch halluzinativ auf mich, oft reicht ein einziger Zug. All die Jahrzehnte zuvor, bis zur → Magenresektion, hatte es nie eine Wirkung. (Niemals wieder werd ich vergessen, wie ich aber nun – keine zwei Monate liegt das zurück – nach nur zwei inhalierten Zügen auf dem Fahrrad vier parallele Wirklichkeiten durchfuhr, deren eine ein intensiv philosophisches Gespräch war, das ich führte, und in den anderen drei verschob sich ständig das Straßenbild, so daß ich auf dem mir bekannten doch nur einen Kilometer Heimweg, ich glaube, viermal glaubte, falsch zu fahren, und wendete, weil plötzlich der Schneider rechts statt links und die Gethsemanekirche auf einem gänzlich falschen Platz. Abermals mußte ich wenden. Absteigen aber und das Fahrrad schieben, wollte ich auf keinen Fall, sondern diese Odyssee stur überstehen, und stolz, nicht ergeben – um schließlich, die heimatliche Insel erreicht, glückvoll anzulanden.)

Wir zogen, als die Sonne sank und Wolken sich zu türmen begannen, noch in ein Café, weil’s nun plötzlich doch scharf kalt ward und der Weinstand ohnedies endlich, endlich schließen wollte – unsertwegen hatte er fast eine Stunde, vielleicht sogar neunzig Minuten “überzogen”. Sarah orderte für den gesamten Tisch Kuchen und Torten, die wir in bißgerechte Stücke zerteilten, oh, ich habe einige Enzyme mehr, zur Fettverdauung, schlucken müssen und tat es auch klug. Dann brachen wir auf, ich brachte लक्ष्मी noch nachhaus, sie hatte vor Kälte ganz blaue Lippen. Die Freundin kam mit, begleitete sie auch in die Wohnung hinauf, und ich denke, sie, लक्ष्मी, wird sich, wie sie ankündigte, wirklich auf ihrem Bett ausgestreckt und die Freundin sich da an die Kante gesetzt haben, um weiter mit ihr zu plaudern, und wenn sie nicht beide eingeschlafen sind, plaudern sie wahrscheinlich jetzt noch. Ist ja Sonntag. Derweil ich zurück über den “Helmi” zur Arbeitswohnung spazierte, die ich genau eine Viertelstunde vor dem Requiem erreichte. Sofort, noch im Mantel, die Anlage geschärft, die digitale Konzerthalle geöffnet, dann erst den Mantel abgelegt, in den Schuhen aber geblieben, weil man in eine Kirche nicht in Schlappen darf, nur barfuß ist noch erlaubt, doch mir, im Anzug, war noch nach Schuhen. Weil ich etwas ahnte. Doch das dann, so, ahnt’ ich nicht.

Und → es brach los.

Ihr ANH

(Oh, das ist jetzt ein schönes Arbeitsjournal. Aber ich schicke es, als diesen Brief, erst Ihnen. Doch so, ihn verwendend, gewinne ich für das Requiem, nämlich darüber zu schreiben, Zeit.)

Krebstagebuch, Tag 57, Kontrolle: Donnerstag, den 25. Juni 2020.

 

[Arbeitswohnung, 14.45 Uhr
71,7 kg]
[Dvořák, Streicherserenade E-Dur
Digitale Konzerthalle, Berliner, Petrenko]
Die Wahl Petrenkos ist ein Abenteuer. Im besten Falle
sorgt sie dafür, dass der Neue das Orchester wieder auf jenes Feld zurückführt, das es in den letzten Jahren
unter Rattle bei allen außermusikalischen
Projekten vernachlässigt hat: die konzentrierte Arbeit am eige-
nen Sound. Und das wäre dann wirklich
nicht die schlechteste aller Lösungen.
Cicero, → 23. Juni 2015 

Also früh um 9.15 Uhr der dritte Kontrolltermin beim Onkologen, Blutcheck, Firmung des Termins der nächsten, nämlich vierten Phase für den kommenden Dienstag.
Keine nennenswerten Nebenwirkungen heute; Kribbeln in den Fingern und Füßen, die aber nur leicht geschwollen; leichtes, beim Schnauben, Nase- sowie, beim Zähneputzen, Zahnfleischbluten, Gejucke an Berlichingens Götzenschnauze; nur direkt nach dem Aufstehen (um fünf) leichtes Übelsein. Die dritte Chemo läuft deutlich, deutlich aus. Dennoch noch keine Schmerzen wie am Ende der ersten und zweiten.
Blutwerte in Ordnung, aber an der Dosierung des Oxaliplatins will Dr. Fais… — ähm, Josting etwas schrauben, weil ihm die neuropathischen Nebenwirkungen nicht ganz geheuer sind; es bestehe die Gefahr, daß sie auch nach der Chemo bleiben. Deshalb sind die, so → Wikipedia, “häufig dosislimitierend”; dies nun also auch in meinem Fall – immerhin erst für den, mit dem Wort der Nefud ausgedrückt, vierten Höllenkreis (was insofern erleichternd ist, als Oxaliplatin nachweisbar hoch wirksam ist).

Ich habe Medizinerinnen und Mediziner unter meinen Leserinnen und Lesern; deshalb hier die spezifizierten heutigen Werte:

 

 

 

Die sich ergebende Planung, terminlich bereits festgeklopft: Gegen Mitte der Chemo ein abschließendes CT im Sana-Klinikum am 8. Juli; am selben Tag dort Tumorkonferenz und am 13. das Beratungsgespräch mit meinem, möglicherweise, Operateur Michael Heise. Ich meinerseits will auch noch, am besten für den 12., das bereits locker avisierte zweite Gespräch mit Matthias Biebl terminieren, der mir → bei unserem ersten Treffen überaus sympathisch war, indessen ich mit Heise bis heute nicht gesprochen, ihn während meines “Staging“s nur ein paar Mal auf dem Gang gesehen habe.  Ich möchte einfach ein gutes Grundgefühl haben, wenn ich jemandem mein Leben in die geradezu wörtlich zu nehmenden Hände lege, also dem Kenntnisreichtum und der Geschicklichkeit ihrer Finger anvertraue. Wobei ich unter “Gefühl” meinen Instinkt verstehe, dem zu vertrauen mich immer wieder, wenn überhaupt etwas, mein Leben gelehrt hat.
Die OP selbst wird dann ungefähr in der letzte Juliwoche stattfinden, was bedeutet, daß ich → Aqaba nun doch etwas später erreichen werde, als vom Onkologen → bei der letzten Kontrolle angekündigt, was wiederum zeigt, daß meine eigene anfängliche Schätzung mit Anfang August ziemlich korrekt war. Wenn alles gut geht, dürfte das Rohste Mitte August ausgestanden sein und ich, wenn mein Zustand es zuläßt, wieder auf Reisen gehen – wahrscheinlich erst mal nach Wien zum Lektorat der → Béarts, dann aber, nachdem ich in dem der nefudschen Anderswelt gewesen, für fünfsechs Tage zum “realen” Aqaba, um später nachzutragen, was ich kaum – zumindest nicht in den ersten Kliniktagen – werde direkt erzählt haben können; wie ich die Tage der OP und der sich anschließenden Intensivstation für Die Dschungel regeln werde, steht völlig in den Sternen. Auf jeden Fall wird es eine daraufhin zu füllende Leerstelle geben, und wie immer täte ich gerne irdische Gerüche, Tastsensationen, tatsächliche Blicke hinein.

Bis dahin wird meiner Gefährten und meine Durchquerung der Nefud also noch währen. Zwar sind wir der Stadt schon sehr nahe, aber noch läßt uns Liligeia nicht zu sich herein, geschweig’ daß sie uns bäte.

ANH
[Schönberg, Violinkonzert
Digitale Konzerthalle, Berliner, Kopatschinskaja, Petrenko]

Großartige Hörbuch-Aktion bei Septime
Und die Digitale Konzerthalle kostenlos für alle

Septime teilt mit:Zu bestellen über Thalia, amazon – apple store usw.
Und die Digitale Konzerthalle der Berliner Philharmoniker frei für alle:

 

Apfelbäume. Im Coronajournal des Freitags, den 13. März 2020.

[Arbeitswohnung, 11 Uhr]

Jetzt ist mir fast ein bißchen, Geliebte, als müßte ich für meine → Dekadenzpolemik vom 4. März eine Art Abbitte leisten, da nun die Zahlen so über mich und uns alle hinweggehn — Broßmann hatte mit seinem → Einwand völlig recht — und ich zudem Christian Drostens kluge und umso bedenkenswertere → NDR-Poscasts aufmerksam verfolge. Ich möchte jedem gerne raten, es ebenfalls zu tun. Dennoch halte ich an meiner Grundspekulation fest, füge indessen weitere Wägungen hinzu, etwa K. U.’s vielleicht nur auf den ersten Blick zynische Bemerkung, Trump habe ja eigentlich recht: “Die Natur” löse die Probleme schon selbst … Nicht ohne etwas zu schaudern, erinnere ich mich an einen Standardsatz meiner Mutter, demzufolge Naturkatastrophen ganz so wie Kriege “das Gleichgewicht wiederherstellen”; dies bei Corona nun, insofern vor allem alte und gesundheitlich angeschlagene Menschen die Krankheit nicht überleben oder doch geringere Chancen haben, sie schadlos zu bewältigen. Da wäre dann das Überalterungsproblem der westlichen Gesellschaften unversehens vom Tisch. — Ja, ich bin mir bewußt, selbst ein Teil davon zu sein. Und selbstverständlich habe ich gestern abend und heute früh darüber ein bißchen gegrübelt, ob ich nachher wirklich zu einer mir nahen Kollegin und ihren Kindern fahren sollte, für die ich neuerdings einmal wöchentlich koche, was ihnen – in beiderlei Sinn – gefällt, zumal in der Schule eines der beiden ein Coronafall aufgetreten ist, woraufhin sie nun auch geschossen wurde. Ja, ich werde fahren und kochen, hier ist Isolation gegen notwendige Nähe unbedingt aufzuwiegen.
Dennoch, selbst ich, der Risikobecircte, fange nun damit an, mir zu überlegen, ob die Gründe gut genug sind, die Arbeitswohnung zu verlassen, wohl wissend zugleich, welche auch politischen Folgen, um von den sozialen zu schweigen, solche Gedankengänge haben oder haben doch könnten. Ich erwische mich jetzt sogar mit ihnen, wobei es mir gar nicht so sehr um mich selbst geht als mehr darum, nicht meinerseits Gefahrenherd für andere zu werden. Beginnt man damit aber einmal, kann gar nicht mehr ermessen werden, worauf es schließlich hinausläuft. Es widerstrebt mir also zutiefst. Denn ich habe mir einzugestehen, nicht nur wehrlos zu sein, sondern akzeptieren zu müssen, daß Widerstand gegen einen Virus etwas durchweg Abstruses, ja Lächerliches hat. Es wäre so, wie wenn ich einen Tsunami beschimpfte — als hätte der einen Willen und wäre von Absicht geleitet. Tatsächlich hat Sabine Scho mit ihrer Bemerkung recht, wir seien der Natur egal, und zwar schlechterdings deshalb, weil sie kein denkendes, geschweige fühlendes Geschöpf ist, sondern nichts als determinierter Prozeß. Hingegen meinen Gegnern bin ich nicht egal, sie verfolgen ein Ziel, und gegen das kann ich mich stemmen. Der Virus aber “will” nichts anderes, als sich so umfassend wie möglich zu reproduzieren. Survival of the fittest. Und um dies zu tun, steckt er uns an, eine nach dem anderen, exponentiell. Viele, wahrscheinlich die meisten von uns, werden es überleben, viele andre aber nicht. Insofern sind die Isolationsmaßnahmen mehr als nur sinnvoll, ebenso wie es die radikale Einschränkung der sozialen Kontaktmöglichkeiten ist.
Auf der anderen Seite wächst das Rettende auch. Wie furchtbar wäre es, liebste Freundin, hätten wir nun das Internet nicht? Es sind die sozialen Netzwerke, die nun das Soziale wirklich bewahren. Kommunikation wird nicht erliegen — völlig anders, als es noch vor dreißig, ja zwanzig Jahren der Fall gewesen wäre, als auf die neuen Medien wütend eingeschlagen und ihrethalben Belsazars Flammenschrift, des Unterganges unserer Kultur nämlich, allenthalben loderte. Und auch dieses, ein Hinüberschwappen der menscheigenen, unserer also, Bedürfnisse vom “Realen” ins Netz sah bereits THETIS voraus und beschrieb es ebenso wie, daß “Neue Krankheiten entstanden und alte, urvordenkliche, aus dem Vergessen” stiegen (S. 35). Nein, Freundin, ich hätte sehr gerne unrecht gehabt …
Ja, das Rettende wächst mit, wir sind sozial nicht unvorbereitet. Etwa wenn gestern abend Simon Rattle die Berliner Philharmoniker vor leerem Saal dirigierte und dieses Konzert in der → Digitalen Konzerthalle unentgeltlich zu sehen war. Ähnlich hält es die →Lindenoper und halten es andere Häuser anderwärts. (Ich habe das Glück, mit meinem kleinen Tonstudio hier über einen kleinen eigenen imaginären Konzertsaal zu verfügen, der mich fast in originaler Qualität hören läßt.) Oder wenn mir vorhin die Damen des Literaturhauses Fasanenstraße schrieben, die → Hölderlin-Veranstaltung werde stattfinden, allerdings in Form eines wahrscheinlich live-Streams, den wir dort dann aufnehmen würden; jede und jeder, die und der weiterhin mitmachen wollten, würden begrüßt.

Aber es fällt mir derzeit nun noch schwerer, als wegen der “Gender”debatten sowieso schon, in den hymnischen, bewußt verklärenden Ton der → Béartgedichte zurückzufinden, ihn in mir flammen und sei’s nur aufflammen zu lassen; es ist, um es so zu sagen, eine elende Aufgabe, Wort für Wort, und manchmal brauche ich zwei Tage für einen einzigen Vers. Also nehme ich den Ausweg ins “Archiv”, stelle, wie neulich schon erzählt, einen Artikel nach dem anderen aus dem alten Weblogbuch ein, der noch nicht in Der Dschungel erfaßt ist, und manchmal, → wie heute, gehört solch ein Text erstmal wieder ganz nach vorn auf die Hauptseite, weil etwas in ihm gesagt ist, das nach wie vor stimmt, vielleicht sogar jetzt erst vollen Umfangs. Indessen frage ich mich quasi im selben Moment, wen eine zeitgemäße Ästhetik derzeit eigentlich noch interessiert. Ist sie nicht wirklich nur noch L’art pour ‘art? wovon ich seit jeher, grad als Formalist, ein Gegner gewesen? Sind nicht andere “Probleme” ins Auge zu nehmen? Mal abgesehen davon, daß Literatur – als Dichtung – ohnedies kaum mehr von Bedeutung ist.

Und doch. Es ist meine Bedeutung. Sie hat ein ganzes Leben geprägt, also mein bisheriges, das ohne sie kaum denkbar wäre, es jedenfalls jetzt nicht mehr ist. Und wenn ich in Nabokov falle, dann glüht sie. (Wobei dies auch unangenehme Aspekte hat: Wenn ich ihn lese — wie oft habe ich mich da nun schon gefragt, woher ich eigentlich die Chuzpe nehme, auch nur einen einzigen Satz jemals selbst geschrieben zu haben? Welch eine Hybris angesichts → solcher Vollkommenheiten! So ist es mir bislang noch bei keinem anderen Autor, keiner anderen Autorin ergangen, daß ich nicht etwa herausgefordert worden wäre, mit dem Gelesenen zumindest probehalber gleichzuziehen, sei es stilistisch, sei es im Grandiosen eines Entwurfs. Bei Nabokov aber denke ich ständig: Das wirst du niemals schaffen, das ist dir — versagt. | Nun, ich schreibe dennoch, aber halt Silbe nur tastend um Silbe.)
“Schreiben gegen Corona”: Lächerlich, gewiß. Und dennoch gibt’s das Apfelbäumchen, übrigens nicht von Luther. Den hätte Corona gefreut, der Virus wie, na sowieso, das Bier.

Die Nachrichten aus Italien, gerade auch von Freunden, sind beklemmend. Würde es in Berlin ebenso werden, wäre es ein realisierter Albtraum, weil diese Stadt nicht museal ist, imgrunde nicht mal historisch, sondern aus dem Gären des Augenblicks lebt, aus den Szenen, von den Hinzugezogenen, aus dem Gedrängten, auch ihrem Widerständigen, ihrem durchaus amoralischen Elan vital, der zugleich vitalistisch ist und süchtig, diesem Hedonistischen, ob nun Spaß oder gierige Leidenschaft, in jedem Fall Wollen. Berlin hat das Erbe des Paris der Bohème- und Chansonzeit und in der Folge des unterdessen disneyficateten New Yorks der erst 20er, dann 60er Jahre angetreten, nirgendwo sonst treibt der kulturelle Humus solch neue Gewächse wie hier. Das ginge, fürcht’ ich, zugrunde. Daß aus der Dekadenz, ja, die ich weiterhin sehe, sich eine neue Bewegung erhebt wie im Wien zum Ende des 19. Jahrhunderts — eine Bewegung, die aber nicht “deutsch” ist, sondern aus dem Amalgam von Kulturen und Religionen entsteht, für das wesentlich Migration ist, und Vermischung. Was aber auch, zugleich, Tradition meint, abendländischer wie “fremder”, also Strenge, formal, sowohl wie das Spiel — der einen indes wie aller der andren.

Ihr ANH
13.10 Uhr

P.S.:
Was mich allerdings beruhigt, ist, daß Kinder und jungerwachsene Menschen den neuen Virus fast durchweg gut überstehen. Darin liegt, fühle ich, eine wundervolle Hoffnung.

%d Bloggern gefällt das: