Das melancholisch wohlgelaunte Arbeits- als Erledigungs(1)journal mit der Steuer sechstem, nunmehr abgehaktem Tag, nämlich geschrieben am Montag, den 9. November 2020, dessen Morgenfrüh, wie gestern in die Nacht schon der Abend, voll Goldberg ist, von Tepfer.

[Arbeitswohnung, 7.06 Uhr
Dan Tepfer, Bachs Goldbergvariationen, 2015 in Madrid]
Hinweis und Link verdanke ich Freund Faure; → Ramirer freilich war schon im Bilde, der mir am selben Tag, nur etwas früher, seine Transkription der Goldbergaria schickte, No 1, welcher nunmehr auch seine Improvisationen folgen werden oder seine, im Präsenz, eine durchgehende Improvisation. Das ist nun bei Tepfer auch so: Jeder bachschen Variation auf das berühmte Thema ließ er eine eigene folgen, hören, Freundin, Sie ihn etwa hier:

Welch, dachte ich sofort dazu, schöner Mann zumal! Mein Herz, als Frau,
wär ja schon jetzt gebrochen; schaun Sie beim Spielen nicht nur auf die Hände; sehn Sie, Geliebte, wie die Fasern unter seiner Haut in die Unterarme laufen und dort anders spielen; ein Tanzen seiner feinsten Physis; Panthermuskeln spielen so (musculus heißt “Mäuschen”). Aber nicht nur dies, vielmehr … Wenn Sie die anderthalb Stunden gelauscht und mitge-,im Mäuschensinn,spielt haben, schalten Sie nach London um, → in die Wigmore Hall, und danach dann → in Tepfers Privaträume noch, in denen er zu Covidzeiten nun allwöchentlich einen kompletten, nämlich langen Podcast produziert, den er bei Youtube ins Netz stellt. Und jetzt entfliegen uns die Ohren, wenn wir nämlich wahrnehmen, daß jede seiner, Tepfers, Improvationen auf Bach eine momentane ist, ganz wie der Jazz es will; nichts ist hier notiert, fest”geschrieben” freilich – durch die Bilder nämlich – schon, bewahrt für Dauer doch. (Wem fiele da, sofern gebildet, → Benjamin nicht ein?) Da Tepfer nun aber auch Musikpädagoge ist, füllt er seine Podcasts mit Erläuterungen, die selbst Massiaen berühren, ja die Modernsten kommen vor, etwa György Kurtàg. Und → hier

ab Minute 38’31
,

baut er ein Musikstück sogar in graphischen Fraktalen auf. Ich konnte vor Spannung nicht anders als zu- und zu- und zuzuhören, wobei die Schlichtheit zudem, in der er auch mit Versprechern vorträgt, ungemein sympathisch ist. Und wie er — Covidzeiten, ecco — zur Anerkennung seiner Arbeitsstreams um die Überweisung von 5 $ bittet (oder, wie er lächelt, mehr); ich werde dem nachkommen, finde es angemessen und gerecht, muß nur noch die Kontoverbindung herausbekommen. Und

wie gesagt, als Frau, ich

Doch zurück ins Goldbergohr. —

So sah’s dann abends auf dem Mitteltisch aus:

Erledigt also, alles (fast). Die Erklärungen, beide (ESt und Umsatzsteuer) gingen nachts noch per Elster hinaus. Wiederum die Pässe liegen da, weil ihre Gültigkeit im Januar ausläuft, ich also neue beantragen und dazu ins Bürgeramt muß, heute um 14.24, ja Sie lesen richtig, “24”. Da macht sich jemand schrecklich wichtig, aber es ist für Berlin ja bekannt, daß um Termine in den Bürgerämtern mittlerweile ein Vierteljahr voraus gebeten werden muß, und man bekommt durchaus keinen im eignen Kiez, mit Covid nun erst recht nicht. Und, nun ohnedies im Erledigungssurfen, eigentlich wollte ich den dringend anstehenden Waschsalonbesuch noch davor einziehen, aber schon gestern merkte ich, überhaupt kein Kleingeld hierzuhaben, und morgens um sieben wechselt einem niemand einen großen Schein, verständlicherweise.
Also mich um kleine Scheine heute kümmern (5er und 10er, am besten jeweils drei) und die “gewonnene” Zeit für die Dichtung nutzen, die doch arg brach bei mir grad liegt. Einfach nur ein Gedicht, dachte ich eben, bei dem ich Silben zählen muß. Und nach dem Bügeramtsbesuch das Krafttraining hier an den Slings; anders → als gestern lockt heut das Wetter alles andre als hinaus. Neblig, trübe, klamm. Da mag man das TRX-Band

Wahnsinn! Tepfers Prestissimo-Improvisation direkt nach Bachs im Presto,
oberster Link, Madrid, 1h10’19” — hier fliegen uns die Ohren weg!

nicht um Draußenäste schlingen …

Ach so, es sieht so aus, als hätte Trump nun doch verloren, auch wenn sein Sohn zum — ist’s zu fassen? — “totalen Krieg” gerufen habe. Und in der Tat, gewonnen haben die Republikaner ja nun irgendwie doch. Vielleicht aber läßt sich die tiefe Spaltung der Vereinigten Lande europäisch beheben: Wir nehmen einfach die Küsten dort zu uns, im Osten runter — weil’s sich so reimt bis runter, sagen wir, Boston —, vom Westen Kalifornien insgesamt, so haben wir mehr Meer, und Emmanuel Macron heißt unser Präsident. Zum Ausgleich bekommen drüben die das merryalte Brexit-England, wobei noch nicht klar ist, wie es sich rein geologisch von Schottland trennen läßt, aber da könnten wir plattentektonisch den Staat New York gut an- und also einnähen. Die Trumper blieben so für sich; allerdings wären noch die Indianer vor den Rednecks des mittleren Westens zu retten, deren – jener! – Reservate sich aber gut auf den Balkan umpflanzen ließen; es ist ja zutiefste Weisheit gewesen, die bundesdeutschen Karl-May-Verfilmungen der Sechzigerjahre im untergegangenen Jugoslawien zu drehen, also die mit Winnetou und seiner süßen Schwester Versini. Nun wird die Weisheit Prophetie — und wir, wir könnten uns endlich um unser Altes Europa kümmern, anstelle dauernd auf die USA zu starren. Ums nämlich mare nostrum, ohne daß es gar nicht wäre. Geboren wurde der in New York City lebende Dan Tepfer in übrigens — Paris.

Ihr melancholisch wohlgelaunter
ANH

 

 

Einunddreißigstes Coronojournal, nämlich des Mittwochs, den 14. Oktober 2020. (Nachkrebstagebuch). Mit Deutschem Buch- und Monika-Rinck-Preis 2020.

[Arbeitswohnung, 8.08 Uhr
France musique contemporaine:
Berio, Folks songs (1964), Dawn Upshaw]

Über Jahre war ich, es mehr oder minder wegdrückend, verletzt, niemals für den Deutschen Buchpreis nominiert worden zu sein, um von Benennung auf der Shortlist zu schweigen, jetzt aber, so schrieb ich’s gestern meiner Lektorin, bin ich mir nicht sicher, was schlimmer ist: dies oder – wie Thomas Hettche – es viermal “geschafft” und dann doch den Preis verfehlt zu haben. Nun bin ich mit ihm gewiß nicht mehr befreundet, seit zwei Jahrzehnten schon nicht mehr, aber seinen Schmerz imaginiere ich, als spürte ich ihn selbst. Wobei mir zu Ohren kam, ich weiß gar nicht mehr, woher, daß mir – ausgerechnet für den → Béartzyklus und pionierhaft schon vor dem, bei diaphanes, Erscheinen – der Monika-Rinck-Preis für moderne Lürik verliehen werden solle, was ich erstens nicht nur nicht fassen kann, sondern zweitens schon deshalb bezweifle, weil es meinen Recherchen in keiner Weise gelungen ist, auch nur irgendwas über die Auslobung solch eines Preises herauszufinden und es ihn ergo gar nicht zu geben scheint. Was freilich ein geradezu widernatürliches Versäumnis wäre. Wie aber auch immer dennoch, ist da jemand offenbar einer gewaltigen Ente aufgesessen, einer Dino-Ente sozusagen, manche der Dinger hatten ja Federn; andererseits hätte die mir so verdächtige Entscheidung aus Spielbergs Film immerhin einen echten Jurassic Parc gemacht, in dem viel real verfolgt und auch wohl viel gerissen worden wäre. Statt dessen hat nun Hettche berechtigt ungute Laune, nicht minder als — über die “tatsächliche” Entscheidung der Jury — die → von mir hoch verehrte Dorothea Dieckmann, die mir folgendes schrieb:

Selten hat mich ein Buch derart (ja: sogar moralisch) entsetzt, und das Blasorchester befeuert meine Empörung über eine unverschämte Aneignung und Geschichtsklitterung, die nun von sämtlichen Betriebszweigen widerspruchslos sanktioniert wird …

Ich selbst kann es nicht beurteilen, aber schätze die Kollegin für ihre klaren, nicht korrumpierbaren Haltungen sehr – und entsprechend ihre Bücher, zumal stilistisch ebenso. Hier deshalb der Link auf den, vom 23. Juni, → Podcast ihrer nun offenbar völlig weggeschwappten Rezension:

 

Und wer Dieckmanns ungekürzte Rezension kennenlernen möchte, → voilà!

Um mich abwer nicht so sehr davon, doch von der Mißlichkeit abzulenken, daß ich selbst derzeit kaum etwas zustande bekomme, und um wenigstens anderweitig kreativ zu sein, habe ich gestern wieder einmal ein Brot vorbereitet, den Teig angesetzt und gut geknetet sowie über Nacht im Kühlschrank fermentieren lassen und heute früh bereits auf der gemehlten Holzplatte zweimal, je in in Länge und Höhe gezogen, gefaltet, was in den kommenden drei Stunden noch dreimal wiederholt werden, bevor in vieren der dann tüchtig, so hoff ich, gegangene Laib in den Ofen kommen wird.

Der Literaturbetrieb also, aber mehr noch Corona und aberaber kein Ende. Vor drei Tagen, in einer Videokonferenz, konnte ich nicht anders als dieses Jahr eine Coronahysterie mit heiterem Krebs-Intermezzo zu nennen. Dabei läßt sich zurecht mitnichten behaupten, es herrsche in den Krankenhäuser auch nur Andrang; es stehen im Gegenteil enorm viele Intensivbetten leer, und Patienten, die Anspruch auf ein Einzelzimmer hätten, das sie auch dringend brauchten, bekommen es aus selben Gründen nicht. Imgrunde wäre alleine schon dieses ein Skandal zu nennen. Und natürlich wissen wir die nächtliche Ansteckungsgefahr des Gemüsekaufens beim Späti endlich derart richtig einzuschätzen, daß es dem Vorcorona-Berlin zwar mitnichten gelang, die alten Ladenschlußzeiten neu zu etablieren; doch nun ist es anders, und wir bekommen sie wieder. Erinnern Sie sich, Freundin, an eine Steuer, die nach ihrer Einführung wieder aufgehoben wurde … irgendeine? … ah, pecunia nun olet, stimmt! Aber die liegt an die zweitausend Jahre zurück, indes die jetzt verhängten Sperrstunden schon deshalb sinnvoll sind, weil namentlich junge Menschen bekanntlich nicht über genügend Intelligenz verfügen, sich den zur Feier der Nächte benötigten Alkohol tags im Supermarkt zu kaufen, zumal er da billiger ist, in Kästen Bieres zum Beispiel. Darauf kommt ein Jugendlicher nicht. Indessen, daß Tankstellen nicht nach 23 Uhr schließen müssen, selbstverständlich mit Donald Trumps Empfehlungen zusammenhängt, wie man sich gegen Covid-19 sicher schütze: denn wo die Desinfektionsmittel versagten, richtet’s wahrscheinlich das Autobenzin. Ebenso bekannt ist, daß die meisten Ansteckungsgeschehnisse in den Betten von Hotels geschehen, weshalb es völlig richtig ist, Geschäftsreisende aus sogenannten Hotspots allabends wieder auszuweisen. Das ist auch in feministischem Interesse richtig, das Prostitution nicht zulassen kann. Und sowieso nehmen Infektionen einfach bei Dunkelheit zu; auch deshalb die Sperrstunden, klar. Wobei wir auf keinen Fall die Konsonanten vergessen dürfen, wie der folgende Beitrag erhellt:

Nicht uninteressant war auch die Information, es seien nicht wenige der neu grassierenden Pneumonien (ein schlimmer Fall sogar in लक्ष्मीs Familie: anderthalb Liter Wasser wurden aus den Lungen gesaugt) selbstverständlich nicht auf das dauernde Tragen des Mund- und Nasenschutzes zurückzuführen, sondern, auch wenn kein Covid-19 diagnostiziert werden konnte, auf Covid-19, nämlich weil ein solches Tuch bekanntlich jegliche Bakterien abweist und schon gar nicht dazu führt, daß wir mehrfachgenutzte Luft wieder zurück in die Lungen befördern, ein Umstand, der erst recht nicht dadurch verschlimmert werden wird, wenn erst einmal die Maskenpflicht auch im Freien durchgesetzt worden ist — was kommen soll und kommen auch muß: dringend, dringendst, allerdringendst. Krebsoperationen, dagegen, sind wirklich marginal, erst recht die albernen Klagen wegen scheinbarer Einschränkungen der Bürgerrechte. Hirngespinste allenthalben. Als käme es auf Freiheit denn an – einen ohnedies zu überschätzten, ja … kann man Wert noch überhaupt dazu sagen? –, da die coronare Auslöschung wenn nicht ganz, so doch halb der Welt befürchtet werden muß. Und hat nicht Covid dem Europa die Erlösung vor den Migrantenströmen gebracht? Wie sollten die Schmarotzer auch kommen, wenn unre Grenzen zu sind? — wobei natürlich auch die Asylanten in Quarantäne mußten, nur daß sie da anders genannt war: Auffanglager nämlich. In denen war niemand jemals allein, anders als wir in unseren Isolationen. Welch ein Luxus also! Dazu noch die Sonne Griechenlands, die Sonne der Türkei … Aber davon spricht ja eh keiner mehr, ebenso wenig wie wie von der sogenannten Klimakatastrophe, die dankenswerterweise in die Schubläden ihrer allenfalls Achtelbedeutung zurückbefördert worden ist.

Ach, meine Freundin, welch böse Zeiten sind’s!

Ihr ANH
[Peter Eötvös, Ima für gemischten Chor & Orchester (2001/02)]

[16.10 Uhr
France musique contemporaine:
Jean Barraque, → Sonate pour piano (1999)]

Wie es duftet!

“Ich löse mich in tönen · kreisend · webend”: Das Arbeitsjournal und Krebstagebuch des fünfundsechzigsten Tags (darin der Vierten Chemo vierter): Freitag, den 3. Juli 2020.

 

 

[Arbeitswohnung, 7.41 Uhr. 72,5 kg
Finzi, Introit for solo violin & small orchstra, op.6]

Ich löse mich in tönen · kreisend · webend ·
Ungründigen danks und unbenamten lobes
Dem grossen atem wunschlos mich ergebend.
Mich überfährt ein ungestümes wehen

Im rausch der weihe wo inbrünstige schreie
In staub geworfner beterinnen flehen.
George, → Entrückung

Gestern war dann wieder so ein bekiffter Tag, dessen weitgehende Beschwerdefreiheit mich → aus der Nefud an meinen Schreibtisch setzen ließ, um dringende Arbeiten, zu denen auch der gestrige – an dem ich vorgestern → so kraftlos hängengeblieben war –  Eintrag gehörte, fertigzustellen und/oder voranzutreiben. Für meine Lektorin gleich vier der → Béartentwürfe eingesprochen und geschnitten; bei einem mußte auch montiert werden, da es darin eine parallel zu sprechende Passage gibt, die sich von einem Sprecher allein nicht gleichzeitig realisieren läßt. Damit da dann aber nicht nur ein nicht mehr trennbares Durcheinander erklingt, mußte ich überdies die eine Tonspur mit einzwei Effekten anreichern, die die Sprache musikähnlicher wirkten lassen.
Das hat dann schon mal zwei Stunden gebraucht.

Weiterhin waren auszufüllen und hinauszuschicken die Formulare für den Bamberger Lehrauftrag, der doch zugleich ein, sagen wir, Wechsel auf meine nicht gewisse Zukunft, nämlich eventuell mit meinem Leben gar nicht mehr gedeckt ist. Dennoch plant Bamberg weiter, anders als es, wegen Corona, sonstige Veranstalterinnen und Veranstalter tun. Das beruhigt. Es wird ja, wenn, ein Leben nach der OP geben, und das will finanziert sein. Meine süße Krebsin läßt mich das derzeit immer wieder vergessen. Ich durchreite die Nefud nicht nur imaginär, sondern lebe in ihr wie in einer parallelen, mit der Berliner Gegenwart allein durch die Abendspaziergänge verbundenen Welt … – nein, stimmt nicht, nicht nur durch die Spaziergänge, sondern selbstverständlich auch durch die Nähe meiner Lieben, durch die vielen Freundinnen und Freunde, durch Leserinnen und Leser. Ich hatte selten das Gefühl solch einer Nähe, solch Aufgehobenseins in einem Netz sympathisierender Bezüge. Dafür einmal danke. Daß es im Literaturbetrieb, von meinen Verlagen selbstverständlich abgesehen, bei der Ablehnung bleibt, ist da fast egal. Für ihn gilt, was ich vor einer halben Stunde dort geantwortet habe: Macht und Freiheit sind und bleiben Gegner, nein: Feinde. Ob eine Macht “auf der richtigen Seite steht”, spielt dabei keine Rolle, zumal die Zeitläufte permanent umdefinieren, was richtig sei, was nicht. Und wenn dann noch Menschen “erzogen” werden sollen …
Wobei mir jetzt erst, da ich die Béarts nach und nach einspreche, wirklich bewußt wird, welche Provokationen in dem Gedichtzyklus stecken, solche, die als Provokation gar nie gemeint waren, es aber über die Entwicklung der scheinbaren, wohl auch scheinheiligen “Moral” während der Jahre geworden sind, in denen diese tatsächlich sehr männlich positionierte Poesie entstand – von überdies einem “weißen”, nicht mehr jungen und schlimmer noch abendländisch-elitär gebildeten Menschen geschrieben, was unterdessen ja schon ein Ausschlußkriterium-für-sich ist, zumal dann, wenn man(n) nicht wenigstens ein bißchen häßlich ist; körperliche Unansehnlichkeit hat im vor allem deutschsprachigen Literaturbetrieb schon immer Vorteile gebracht, Eleganz, Schick, Wohlgeformtheit sind eher nicht gesellschaftsfähig (: auch oder erst recht nicht, wenn man sich um sie trainierend bemühte; sowas gilt als “eitel”); ja selbst als Stil stehen sie unter Verdacht, sowie er sich aus dem Realismusbrei erhebt oder sich sogar weigert, von dem faden Zeug zu essen. Ich meine, ich schaffe es ja nicht einmal jetzt, auch nach jemandem auszusehen, der in der vierten Chemo steckt. Daß mir kein Bart mehr wächst, merke ja nur ich, und die Augenbrauen sind noch immer da, wenn auch deutlich ausgedünnt. Die Glatze zudem habe ich seit 1986. Kurz, man kann meinen Krebs nicht sehen (schon gar nicht, daß er weiblich ist, und daß wir uns Liebesbriefe schreiben, dürfte dem Pop, zu dem als Untersparte der sog. Realismus mittlerweile gehört, ausgesprochen mißfallen: incorrect bereits, eine Frau aus dem Tumor zu machen und dann mit ihr, die OP, noch schlafen zu wollen). Nichts, was ich tue, entspricht dem, was der Zeitgeist will, der insofern stets sein Fehlen ist, als er sich im Zeitgeschmack erfüllt — als Ideologie der Macht oder des Machtwillens, der Machtgier, des Machthungers und eines, klar, ausgeglichenen Bankkontos.
Doch mag ich gar nicht schimpfen, hab ja schließlich Krebs — ein insofern guter Umstand, als er die Verhältnisse deutlich zurechtrückt. Was wichtig ist, was eitel ist, was purer Betrieb und eben auch, was Dummheit ist. Wie gut die mit Macht zusammengeht, sehen wir an Donald-nicht-Duck; der trägt sein Bürzel als eklig gelbe Tolle.

Noch mal zu den bekifften Tagen zurück: Es gibt, so bestätigt’s sich nun, eine Neigung der Chemo, mir die Wirklichkeitsgrenzen aufzuweichen – vielleicht aber, weil dies ohnedies meiner jedenfalls peotischen Wahrnehmungsweise entspricht. Bei der dritten Chemo war es allerdings unangenehm – anders als bei der zweiten, während der ich noch einen Zusammenhang mit meinem Dronabinol, bzw. Cagliostros THC-Tropfen vermutete (beides habe ich nachbestellt); ich kam mir zeitweise hilflos, ja behindert vor. Dieses Mal ist’s indes wieder lustvoll und ergab sich auch ganz ohne die Cannabisemulsionen, woraufhin ich sie allerdings dazu verwende, den Effekt noch zu verstärken. Auf diese Weise brauche ich zur Eindämmung  der Chemo-Nebenwirkungen kaum noch andere Medikamente; daß ich zuletzt ein Schmerzmittel nahm, liegt schon über eine Woche, vielleicht sogar länger zurück. Gegen die morgendliche Übelkeit nehme ich eh schon lange nichts mehr; nach einer Stunde hab ich sie vergessen. Die Schwellung der Füße hat tatsächlich nachgelassen, seit gestern sehr, sehr deutlich, und das Kribbeln in den Fingerspitzen ist zwar spürbar, aber gut erträglich. Außerdem hat die Nasenbluterei und die der  Mundschleimhäute komplett aufgehört, und seit heute früh scheint sich auch der Darm wieder eingependelt zu haben. Dabei sollte man, genau wie frau, doch annehmen, daß die vierte, in meinem Fall eben letzte präoperative Chemophase die schwerste sein werde; tatsächlich war die schwerste aber die dritte. Bislang. Was noch kommen wird, ich weiß es selbstverständlich nicht, nur, daß sich bislang alles mit einer sehr einfachen klaren Haltung aushalten ließ, die überdies den Vorteil in sich trägt, daß sie die Todesangst ausschließt, ja nicht mal eine kennt. Woran die Erotisierung, ja selbst schon die Sexualisierung der, nun jà, “Krankheit” als Vorstellung einigen Anteil trägt, Lis und meine körperliche Umschlingung während der uns trennenden Operation werde im ungünstigsten Fall einen Orgasmus bewirken, in dem wir explodierend (ekstaseisch!) sterben: Tod und Wollust werden eines, und diese, die Wollust, zur religiösen Übergangserfahrung. Abendländisch-poetischer Sufismus. Und kommt es zu diesem Orgasmus nicht, nun jà, dann hab ich überlebt und leb noch lang, womöglich, weiter,

um meine anderen, noch offenen Arbeiten abzuschließen. Nach den Béarts, die in jedem Fall fertig werden, Destrudo, die Briefe nach Triest, Melusine Walser, einige nur als noch Entwürfe hier liegende Erzählungen. Und dann vielleicht doch den Friedrich(.Anderswelt) noch angehen. Und mal wieder, was mir sehr fehlt, ein Hörstück zu schreiben und zu Klang zu bringen. Falls mir wer den Auftrag gibt.  Übrigens wird vom Deutschlandfunk → in knapp zwei Wochen mein Tokyo-Hörstück wiederholt; → am 25. Juli folgen rbb und MDR. Für den Herbst erlaubt mir das, finanziell ein wenig auf- und Luft von anderem Planeten einzuatmen. Was mich jetzt dazu bringt (bevor ich weiter an Béart XXXIII arbeite), endlich die Finzi-Anhörerei einzustellen (keine Ahnung mehr, was mich nun schon zwei Tage lang an englisch-traditioneller Kunstmusik festhielt) und mich auf wirklich gute Musik zurückzukonzentrieren: erst Schönbergs Zweites, dann des Komponistenfreundes Robert HP Platzens Viertes Streichquartett. Und dabei, tja, werde ich irgendwann in die Nefud zurückkehren; durch irgendeine, für mich grad nicht sichtbare Lappenschleuse kann ich Röhrerich schon nach mir rufen hören. “Aqaba!” ruft er, “!العقبة قريبة

 

 

 

 

 

 

 

[Schönberg, Streichquartett Nr. 2 op. 10, LaSalle]

(Wobei’s denn doch a bisserl irritiert, daß Google Aqaba/العقبة
mit “Hindernis” übersetzen läßt. Es könnte sich lohnen,dem
nachzugehen. (Ich sollte beginnen, Arabisch zu lernen;
für den Friedrich brauchte ich’s eh.)

Das dritte, nun wieder zweifelnde Coronajournal: glauben müssen. Montag, der 16. März 2020. Mit unter anderem Wolfgang Wodarg.

 

[Arbeitswohnung, 5.34 Uhr
Bereits der Amselhahn wieder.]
Wir leben jetzt in einem Netzwerk
aus Imaginationen,
täglich herge-
stellt von Zeitungen Werbung Fern-
sehen.
Wir glauben, was uns gezeigt
wird. Wir haben den Golf
krieg ge-
glaubt, wir haben den Aufbau des
Zellkerns ge
glaubt. „Gesehen“ hat
beides von uns keiner, jedenfalls 

nicht im vom bürgerlichen Roman
gemeinten körperlich-
autonomen
Sinn.

ANH, → Das Flirren im Sprachraum (2000)

Was aber? — fangen wir jetzt damit an:

 

Wir können, müssenglauben. Nur aber: Wem? → Wodarg ist kein Irgendwer; indessen → Drosten auch nicht. Hier läßt sich’s mit dem in unserer Zeit bequemsten – weil rhetorischen – Abwehrwort, → Verschwörungtheorie, nicht recht handhaben. An Wodargs Argumenten ist etwas, so mein Eindruck. Oder tut er sich nur wichtig? Überprüfen können wir es nicht, ebensowenig allerdings die offiziellen Bekanntmachungen. Und dann steht da — erschütternd — auch noch → das:

 

Ich habe nicht gut schlafen können, das Hin und Her zog durch meine Halbschlafträume.  Seit erstem Schlagen des Amselhahnes, bereits um 4. 30 Uhr, lag ich wach. — Wie akut sich meine damaligen, da noch nur poetologischen Überlegungen nunmehr realisieren!
— daß wir glauben müssen und ebendies ein signifikantes Kennzeichen schon der jungen, geschweige späteren Moderne war und zunehmend, immer mehr, wird, macht mir schwer zu schaffen. Wir bricolieren Wirklichkeit, also ihr für wahr erachtetes Sosein. Das nähert die erfahrene Realitität der Dichtung immens an, und/oder umgekehrt, ganz wie ich’s → vor zwanzig Jahren beschrieb. Nur ist es jetzt kein, sagen wir, poetologisches Spiel mehr.
Was wir indessen glauben, hängt von unseren Prägungen ab, von unserm “Programm” — und zunehmend mehr von dem, was die meisten glauben und am lautesten kommuniziert wird. Nur daß sich über Wahrheit nicht abstimmen läßt. Sie ist keine demokratische Kategorie.

Ich bin also verunsichert, sehr. Hatte mein → unverhohlender Hohn nun vielleicht doch recht? (In Sachen Dekadenz hat er es — so oder so — ohnedies.) Und mein, ich sage mal, Instinkt lag richtig (wie er’s in meinem Leben doch meistens tat)? Denkbar ist, daß Hintergrund all der nunmehrigen, für eine freiheitliche Gesellschaft eigentlich unfaßbaren Einschränkungen der Persönlichkeitsrechte — mittlerweile läuft es auf eine praktizierte Notstandsgesetzgebung hinaus — auch ein Feldversuch in Massenlenkung sein kann, auf dem, wovor ich seit langem warne, längst schon ausgetretenen Weg ins Replikantentum.  Denn das ist Gesetz:

Was gedacht werden kann, das geschieht.

Zugleich nun der Fall einer bereits schweren Erkrankung direkt in meiner nahsten Umgebung. Im Freundeskreis. Und aus Österreich die Nachricht von Freunden, auch bei ihnen seien Kinder “positiv”. — Was aber heißt das? Wodarg bestreitet ja nicht den Virus, ebenso wenig wie seine rasende Ausbreitung. Er sagt “nur”, die tatsächlichen Folgen, etwa Letalität, wären für die meisten von uns gar nicht spürbar, darin dann tatsächlich vergleichbar mit den “Normal”grippetoten. Er zöge, der Virus, einfach durch uns hindurch, verursachte in aller Regel nicht mehr als Schnupfen, Husten, auch Fieber, man heile aus, und vorbei wär’s. Er werde sich halt als ein weiterer Krankheitserreger weltweit etablieren. Sowas sei seit alters bekannt. Schon bei der Schweinegrippe, dann bei der Vogelgrippe  hatte er sich entschieden gegen jede Panikmache gestellt — zurecht, wie sich nachher herausgestellt hat.
Und aber … — wenn er diesmal unrecht hat?
Wem also glauben? Wir sind in eine Verantwortung, und Verantwortlichkeit, gezwungen, deren Gründe wir nicht nachprüfen können. Wir sind abhängig. Das eigene Dafürhalten, die eigene Haltung wird entmachtet.
Dazu der wirklich nicht fernliegende Gedanke, den Wodarg auch schon bei den früheren Epidemien lautwerden ließ: Im Hintergrund stehe eigentlich, und fast nur, Geschäft, hier der Pharmamindustrie. Um von direkt-Politischem zu schweigen: Keine Proteste möglich auf den Straßen gegen Defender Europe 20. Die USA voll dabei, sozusagen NATO-Fête (für die es halt einen Club gar nicht braucht, schon gar nicht den TRESOR, um vom, als Raum, grandiosen BERGHAIN und den kleinen Orten, feinen – BEATE UWE etwa–, ganz zu schweigen). Mehr als fünf Leute dürfen in Österreich nicht mehr zusammenkommen, bei Defender sind’s über 35.000. Europa ist nach wie vor ein Brückenkopf der USA, mit einem üblen, gemütslosen Macho an der Spitze, der bekanntermaßen “America great again” machen will. Corona erlaubt’s ihm, und sein richtig feines Grinsen. Und auch um die Fliehendenkatastrophe, derzeit im alleingelassenen Griechenland, schert sich eigentlich kaum jemand mehr. So betrachtet, ist Covid-19 ziemlich praktisch.

Und dennoch, es läßt uns unsre Verletzbarkeit spüren, wieder spüren, nach sehr, sehr vielen Jahrzehnten. Dafür ist es egal, ob ein realer, tatsächlich katastrophal wirkender Grund vorliegt. Selbst wenn er nichts wäre als ein medialer Budenzauber, läßt er → die Menschen zusammenrücken, uns. Vieles, was vorher noch ein Problem war — ein dekadentes, wie ich betone (ein erwachsener Mann, der in der Bibliothek einen kleinen Jungen auf einen Kakao einlädt, ist bereits ein Kinderschänder, in jedem Fall verdächtig, böse pädophil zu sein —, relativiert sich. Wir proben die Ausnahmesituation und ob wir miteinander noch umgehen können.
Meine Generation ist quasi die erste deutsche, die niemals einen Krieg erlebte, nicht die Einschränkungen, die Nöte. Unsere Ängste waren sämtlichst vorgestellt, auch die vorm Atomkrieg in den Sechzigern (was etwa mich sehr geprägt hat). Sogar die Umweltnöte sind für uns nie mit konkreten Einschränkungen oder gar Existenzbedrohung verbunden gewesen. Und für die allermeisten Deutschen sind selbst die Jahre der RAF eine Art Tatortlive gewesen.
Wir können Covid-19 auch als unsre Truppenübung ansehn, ein anderes Defender Europe 20, ohne Waffen, rein zivil. Aber müssen vor Augen behalten, was zugleich auf dem Spiel steht, derzeit bedroht ist, an ziviler Freizügigkeit. An Freiheit mithin, das bißchen, das noch in uns liegt, jenseits jeglichen Mainstreams allein in uns selbst. Was sich persönliche Haltung nennt — individuelle jenseits der marktkonformen Herden- und Hordenmentalität des → Pops. — Geist, mithin.

Wir wissen nicht nichts, aber wenig.

***

Dazu mein eignes Persönliches, das ich freilich, jedenfalls bin ich mir sicher, mit vielen anderen Künstlern teile. Mir knallen feste Aufträge weg, andere sind noch “nur” gefährdet. Es betrifft fast alle Selbständigen, soweit sie in Feldern tätig sind, die konkret an eine öffentliche Präsenz gebunden sind. Ich habe keinerlei finanzielle Rücklagen, hatte sie nie. Im Dezember zwang mich das, zum Jobcenter zu gehen. Nun bekomme ich eine geringe Hilfe (tatsächlich insgesamt 720 Euro monatlich; hinzuverdienen, ohne sie abführen zu müssen, darf ich noch 100; ohne finanzielle Hilfe von Freunden, Leserinnen und Lesern geht es da nicht). Bis zum Coronaausbruch sah es aber so aus, als käme ich von dieser — für mein Verständnis von persönlicher Würde auch psychisch höchst unangenehmer — Klemme ab Juni, spätestens Juli wieder los. Doch jetzt ist alles, was bereits vereinbart und in trockenen Tüchern war, fraglich geworden, die Tücher sind wieder klitschenaß, ob nun die Hochzeitsreden (eine davon in Italien), ob die Seminare; ja selbst der mir in Aussicht gestellte Lehrauftrag dürfte längst schon wackeln, weil nicht klar ist, inwieweit und ab wann der universitäre Betrieb überhaupt wieder aufgenommen werden kann. Zumal ich hin- und herreisen müßte.

Und dann, für mein abendländisches Bewußtsein, das eben eines der gemeinsamen Kultur ist (für mich viel stärker, ja grundlegend, verbunden mit Nahost als mit den USA), geradezu mitverheerend (“Der große Marsch in den Osten”, → SÜDDEUTSCHE ZEITUNG): Die innereuropäischen Grenzen werden geschlossen. Ein Vereintes Europa? War einmal. Offenbar liebt Corona den Nationalismus. (Macht Wisconsin die Grenzen zu Illinois zu, Texas zu Oklahoma, New York zu Pennsylvania?) Hiergegen steht einzig noch das Internet — wie gegen die Isolation der Einzelnen. Als Netzbürger bleiben wir frei.

Ihr ANH
8.35 Uhr

Was jetzt hilft? Das Apfelbäumchen Weiterdichten.

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