” … das Versprechen, verloren geglaubte Intensitäten in sich zu bergen.” (Samuel Hamen) | Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 8. Februar 2020.

[Arbeitswohnung, 12.18 Uhr
Mozart, Mithridates]

So sehr ich diesen Tag auch vorausgefürchtet hatte, dieses “Gestern” also, so teils beseelend wurde er dann doch. Zwar haute die (vorhersehbare – es ist überhaupt nicht schön, immer recht zu haben) Absage Rainer Moritzens mir erstmal einen vor den Latz, daß er im Literaturhaus Hamburg für eine Vorstellung meiner Erzählbände keinen zeitlichen, sozusagen, Raum habe (meine Freundin Nora Gomringer lädt er hingegen bis zu dreimal im Jahr ein, was ich ihr von Herzen gönne, aber einiges über, sagen wir, Vorlieben sagt). Doch da ich auf sein Nein ja gefaßt war, blieb der Schlag vom zähen Leder meines Latzes recht gut abgefangen. Zumal fast noch in derselben Minute die Nachricht von der Lindenoper kam, es liege nun tatsächlich eine Pressekarte zur Premiere → des neuen, von André Heller inszenierten Rosenkavaliers für mich bereit, so daß mir das Haus, ohne es zu wissen, das wohl beseelendste Geburtstagsgeschenk des Tages gab – neben einem Geschenk लक्ष्मीs, über das ich Ihnen, Freundin, öffentlich aber nichts schreiben möchte. (Gewiß indes werd ich es Ihnen entre nous erzählen).
Ja und d a n n! nachmittags: Samuel Hamens Rezension (der entgegen ich ebenfalls bangte) meiner beiden → Septime-Erzählbände. Doch → hören Sie (Podcast) selbst. (Als Text ist die Kritik → dort zu lesen). Besser (und gerechter) konnte es eigentlich nicht laufen. Und daß ich für meine “Gender”-Position ein paar Klöpferchen auf den Hinterkopf abbekommen würde, damit war nun eh zu rechnen. Wobei mich diesbezüglich eigentlich nur Hamens Wort “schwerfällig” etwas nervt:

Es verhindert aber nicht, dass diese Weise des Schauens, Genießens und Schreibens mehr und mehr aus der Zeit fällt. Sie wirkt schwerfällig, verteidigt zugleich voller Stolz eben diese Schwerfälligkeit als exquisiten Zugang zum Sinnlichen. Aber im Diskurs rund um sexuelle Repräsentation und die Symbolisierung von Geschlechterverhältnissen hat sich nun einmal ein Atmosphärenwechsel ereignet.

Ich hätte statt dessen “kompromißlos”, sogar “halsstarrig” vorgezogen, meinethalben auch “uneinsichtig”. Aber daß sich ein “Atmosphärenwechsel” vollzogen habe, ist zwar auch meinerseits unstrittig, sagt aber noch nicht, daß man sich ihm unterordnen müsse oder gar mitzulaufen habe. Bekanntlich halte ich an ihm vieles für grundsätzlich falsch und auch politisch gefährlich. Weshalb, habe ich in meinem Aufsatz zur “anthrologischen Kehre” schon vor Jahren ausgeführt. Und daß ich in meinen Erzählungen Frauengestalten sexualisiere — ja, tu ich —, liegt schlichtweg daran, daß sie als Frauen sexuelle Geschöpf sind — wie, ob es uns gefällt oder nicht, wir alle. Daß nicht jede Person auf jede andere eine erotische Ausstrahlung hat, mag allenfalls, nun jà, zu bedauern sein oder auch ein Glück; aber diese → “Ungerechtigkeit” gehört zu den pheromonal gesteuerten Phänomenen unserer Existenz. Darüber zu schweigen oder es gar zu verleugnen (beziehungsweise nicht mehr drüber sprechen, geschweige denn zeigen und also eingestehen zu dürfen), führt in jedem Fall nicht nur zu doppelter, nämlich in sich selbst widersprüchlicher “Moral”, sondern ins Unglück.
Doch sei es drum, Hamens literarische Kritik konnte für die beiden Bücher besser nicht aussehn, und ich bin froh, daß er so genau gelesen und eben auch formuliert hat, wie intensiv und, formal, auf welche Weise die Umwälzungen in meine Arbeiten eingegangen sind, die die technische Revolution seit über dreißig Jahren für unsere Anthropologie bedeutet — und daß ich im deutschen Sprachraum eben, Stichwort “Pionier”, zu den allerersten Romanciers gehör(t)e, die dies begriffen und künstlerisch gestaltet haben. Ebenso freue ich mich darüber, wie genau er meine Angriffe auf Uneigentlichkeit nachvollzogen hat und darstellt.
Kritiken wie diese sind de facto selten. Deshalb wirklich großen Dank, lieber Samuel Hamen.

So war ich dann doch, wo ein nächster grauer Schub hätte vorausbefürchtet werden müssen, plötzlich in lebhaftem Schwung. Dazu kam ein herrlicher Strauß aus Rosen, Mohn und Strilitzien meiner Contessa,

den ein Bote schon frühnachmittags brachte. Und wiewohl ich ja eigentlich abhauen wollte, nach Neapel – wo mich ein Freund erwartet hätte – oder Sizilien, was ich indes dann nicht, ja, durfte (aber momentan auch finanziell nicht gekonnt hätte), und mir nach allem anderen denn nach Feiern war, rollte abends die Familie ein. Was seit dem Vortag klar war. Nur hatte लक्ष्मी ohne mein Wissen herumtelefoniert und neben ihrer besten Freundin und einem Freund auch → Schlinkert “überredet”, abends bei mir einzulaufen. Ich war komplett überrascht, aber, da der Tag so nett zu mir gewesen, auf eine beglückte Weise, den ich im übrigen fast vollständig mit einer Musik verbracht hatte, die schon mein → neunzehntes Nabokovlesen abschloß: ausgerechnet ich mit Mozart, mit seiner, ich muß sagen, einfach hinreißenden Così fan tutte, die jetzt abermals in der atemberaubend remasterten Karajan-Aufnahme von 1954 läuft und deren nicht nur Mastering überwältigend ist.
James Levines von mir “zwischendurch” angehörte, technisch perfekte Stereo,na sowieso,-Studioeinspielung mit der mich eigentlich alle Distanz verlieren lassenden Kiri te Kanawa sowie mit auch noch Thomas Hampson fällt gegen die nicht nur klangliche, sondern auch interpretierende Energie Karajans und seiner Sängerinnen (Elisabeth Schwarzkopf!) und Sänger schmerzhaft spürbar ab, und auch meine anderen Aufnahmen halten in keiner Weise  mit. Dabei kann ich Karajan eigentlich gar nicht leiden, er ist mir überdies politisch suspekt. Dennoch, immer wieder, obwohl ich sein Vorgehen (etwa im Falle der blutjungen Hildegard Behrens — bezeichnend, daß mir → ihr Tod entging —, die er kalt sich da ihre Stimme für eine allerdings nie wieder, meiner Kenntnis nach, eingeholte Salome ruinieren ließ) oft nicht gutheiße, gibt es immer und immer wieder Einspielungen von ihm, die mich komplett umwerfen, auch wenn jemand wie er und ich einander im Leben höchstwahrscheinlich spinnefeind gewesen wären.

Wie auch immer, die Familie war hier und wir aßen, plauderten und tranken vom herrlichen, mir von → Le Vi Arte hergesandten 2012-er Nobile de Montepulciano, in Flaschen in der dortigen Fattoria Talosa gefüllt, den, wie mir Simone Langer schrieb, ich erzählte es schon, “die Menschen so wenig verstehen wie Deine Bücher”; dazu liefen erst → Ramirers Ricercar-a-tre-Variationen, dann die vorher zusammengestellte Playlist aus Jarretts der letzten dreißig Jahre, was wiederum, als sein Concerto a Napoli von 1996 erklang, mich dazu brachte, das zu diesem und für meinen Vater entstandene Gedicht vorzulesen. लक्ष्मीs Freundin Sarah hat es aufgenommen; ich werde den kleinen Clip in den nächsten Tagen gesondert einstellen. Als alle dann kurz vor Mitternacht aufgebrochen waren, saßen mein Sohn und ich – er einen Joint, ich meine Cigarillos rauchend – noch anderthalb Stunden hier und sprachen. Als auch er ging, um sich seinen nachtschwärmenden Freunden zu treffen, warf ich mich, ohne für irgendeine Ordnung zu sorgen, geschweige denn den Abwasch zu erledigen, auf mein Lager und wachte heute früh erst um halb neun auf. Da war vor dem ersten Latte macchiato dann doch erst mal tüchtig was zu wirbeln. Und so “richtig” zu arbeiten, dazu kam ich auch bislang noch nicht. In jedem Fall sollte ich mich mal, das ist noch immer nicht geschehen, aus den Morgenarbeitsklamotten schälen und angemessen — kleiden.

Ihr, Ersehnte,
ANH

 

Zur “wokeness”: Simon M. Ingold in der NZZ. “Moralisches” Diktat der Anonymen. Mit einem Kommentar zur “neuen” Rechten.

 

 

Die geballte anonyme Mehrheit, angeführt von Influencern und der Twitterati-Klasse, hat das erste und letzte Wort und verschiebt laufend den Rahmen dessen, was in ihre binäre Weltsicht passt. Wer es wagt, dem moralischen Konsens zu widersprechen, wird zum Paria erklärt. Die etablierten Medien tragen diesen Zustand im Wesentlichen mit, indem sie die Denkschablonen übernehmen. In diesem verhärteten Umfeld, das keine Zwischentöne und keine Ironie kennt, regiert die Willkür.
→ dort.

Allerdings steht zu fürchten, daß die wohlgemeinte Aufforderung zu Umsicht, klarem Argumentatieren, Unaufgeregtheit usw. den nachvollziehbaren Wunsch einer Wendung zur Vernunft verfehlt — wie immer dann, wenn Ideologien und “Meinungen” als verbindliche durchgesetzt werden sollen und für dieses Ziel Denunziation, üble Nachrede, Sprechverbote verhängt und Andersdenkende – besonders Andersfühlende – bis zur Existenzgefährdung ausgegrenzt werden, wobei es gleichgültig ist, ob von “Betroffenen”, objektiv Geschädigten und/oder sich selbst als moralisch unantastbar gebenden scheinbaren Autoritäten, zumal in der Deckung tatsächlicher oder ebenfalls scheinbarer “Mehrheiten”. Die vorgeblich demokratische Meinungsdiktatur der vermeintlich Vielen, ist, was der Begriff bezeichnet: Diktatur, wenn auch bislang bloß der Meinung (mit allerdings deutlichen Folgen im alltäglichen Leben). Daß die “AfD” und die Rechte europaweit sich gegen Meinungsdiktatur → auf Toleranz berufen, spricht nicht dagegen, sondern zeigt vielmehr, wie stark in großen Teilen der Bevölkerung ein Unbehagen um sich gegriffen hat (mitbewirkt auch von ökonomischen Sorgen, teils objektiven Nöten), das diese “Parteien” so mächtig überhaupt erst werden ließ, wie sie es – erschreckenderweise kaum noch erschreckenderweise – unterdessen sind. Die Linke und andere der Aufklärung und den Menschenrechten verpflichtete politische Richtungen höhlen sich → wieder einmal selbst aus und spielen den autoritären, in ihrer Zielrichtung nichtdemokratischen, sogar unmenschlichen Gegnern in die Hand, indem sie nun selbst unmenschlich werden. Denn wo zugehört werden müßte, wird desavouiert.

Zum Persönlichen und seiner Verletzbarkeit. (Aus dem freecity-Altblog, 2003)

Bedenklich ist, daß das Intimste, das alle Menschen gemeinsam haben, nämlich Sexualität, genau dasjenige sein soll, was ihre Privatheit fundiert. Über Sexuelles zu schreiben – das geht nur aus Erfahrung-, gilt nach wie vor als Tabubruch, weil es sich um den Bruch – die Verletzung – eines sanktionierten Abstrakten handelt. Man schaut ein Tabu nicht an, man senkt vor ihm den Blick. Wenn einige dem nicht gehorchen, offenbart sich den Menschen die Gewalt, die ihnen angetan wurde und die sie sich selber angetan haben. Es ist dies, wovon nicht gesprochen werden soll. „So wie H. vögelt man nicht, das ist nicht erlaubt!“ Man hat es sich nämlich selbst nie erlaubt oder kam erst gar nicht in Versuchung: Wer in sie kam und der Lockung folgte und davon erzählt, schert aus dem gemeinsamen Einverständnis aus. Er offenbart das verhüllte Ungenügen und die Lustleere der anderen. Die dann aufschreien. Genau dies macht die gegenwärtige Wellen- und Schlammschlacht so überaus deutlich. Man ist je selber be- und getroffen, weil man ja selbst Anteil am Sexuellen hat, ihn aber nicht oder nur ungenügend realisiert. So funktioniert Moral.

Schon Arno Schmidt nannte es skandalös, daß Ausscheidungs- und Geschlechtsorgane derart nahe beieinanderlägen. Eine Leidenschaft hingegen, die sich mit Fug so nennt, nimmt gerne das eine fürs andere. Die Antike, etwa, ist davon durchglüht. Weil sie dachte, es sei Urin, was schwängere, kommt Zeus über Danae als „goldener Regen“. Damit läßt es sich leben, auch als Literatur. Doch wenn man das sagt, verziehen die Schüttes die Lippen. Dabei: Keine Spur von „Schmutz“ bei Ovid; selbst die Zoopholie findet ihren Respekt. Heut wär sie justiziabel.
Es war das repressive Christentum, das die Lotterbetten hinwegexerzierte, dann inquisitierte und später, nach Barock und Rokoko, als sich die Nationalstaaten bildeten, „autonom“ vergesellschaftete, indem es – Hand in Hand mit dem puritanischen Protestantismus – das Allgemeinste als Persönlichstes definiert und zugleich auf die Fortpflanzungsfunktion reduziert hat, ganz uneingedenk, daß „die Natur“ es ausgesprochen liebt zu würfeln. Wer Sexualität als Tanzfläche nahm, war plötzlich, und zwar persönlich, sündig. Daher rührt der Schutz des allerallgemeinsten Persönlichen: Er ist nämlich nicht Schutz, sondern Repressalie. Und zwar, weil es so vergesellschaftet ist. Sexualmoral wird für eine allgemeine und eben nicht subjektive Kondition gehalten und prägt das Rechtssystem bis heute. Nur weil dem so ist, kann aus ihrer vorgeblichen Verletzung eine des Persönlichen destilliert werden. Das Verfahren ist hochgradig perfide; es ist der Tabucharakter, der es prägt, ist eine Art inverser double-bind: Wenn ich das Allgemeine offenbare, das man gerade als Allgemeines verschweigen möchte, verletze ich das Persönliche; genau so ist das Verbot strukturiert. Es ist eine Falle.

Dahinter verbirgt sich letztlich die alte Pornografie-Debatte.

Der eigentliche Skandal → an dem Buch ist wohl, daß der Allgemeincharakter einer Liebesgeschichte so überaus deutlich gemacht wird, daß sie nämlich gerade nicht persönlich ist. Darauf wird nun mit diesem bisweilen hämischen Abscheu eingeschlagen; jeder sagt imgrunde: Der spricht ja von mir. Jeder erkennt sich wieder. Genau deshalb wird die eben skizzierte Abwehrdynamik bemüht: Indem man der Inkrimination des Buches beispringt – sei es aus „Ritterlichkeit“, sei es aus moralischer Überzeugung -, lenkt man doch letztlich von sich selbst und den irrationalen eigenen Innentabus ab, ja man richtet den allgemeinen Blick zentralperspektivisch auf den Gegner des Buches und entblößt ihn dadurch völlig. Es ist bezeichnend, daß es vor allem alte Männer sind, die dies tun; sie atmen noch immer die miasmische Luft der vor dreißig Jahren so genannten „Doppelmoral“. Frauen, selbstverständlich, reagieren ebenfalls allergisch, denn ihre Geschlechtsidentität – wiederum etwas höchst allgemeines – bekommt eine Beleuchtung, die dem praktikablen (patriarchalen) Zusammenhang nicht gefällt, in welchem sie sich mehr oder minder pfiffig, manche auch beachtlich klug, eingerichtet haben. Dazu gehört besonders die „Offenbarung“ gewisser Sexualpraktiken, und zwar nicht, weil sie sich so oder anders (nicht oder doch) abgespielt hätten – der vorgeblich reale Untergrund tut imgrunde überhaupt nichts zu Sache -, sondern weil am alten Tabu auch diejenige hängt, die es heimlich übertritt. Es ist genau dieses Tabu, das den Menschen ihre „Persönlichkeit“ noch dann garantiert, wenn diese sich längst aufgelöst hat. Es muß sogar noch schärfer formuliert werden: weil sie sich aufgelöst hat.

Das Private ist über industrielle und marketingdynamische Prozesse längst über die Warengesellschaft determiniert. Paradoxerweise war das etwa im Mittelalter, als es den Begriff des autonom Persönlichen noch gar nicht gab, geradezu umgekehrt: Die Einbettung in die unter Gottes und seiner Statthalter verwaltete Welt eröffnete tatsächlich Freiräume – des Geschmacks, der Lebensweise -, deren „Veröffentlichung“ nun wirklich einer Verletzung des Persönlichen gleichgekommen wäre. Im übrigen hatte das Subjekt noch die Möglichkeit einer dauernden Flucht, bzw. des Rückzugs aus dem Allgemeinen. Für „vogelfrei“ erklärt werden zu können, war ja eine – schon der Begriff sagt es – höchst ambivalente Angelegenheit, insofern sie eben auch bedeutete, daß ein anderes Leben möglich war – ein sicher nicht bedrohteres als das in den groben Überwachungssystemen dörflicher oder kleinstädtischer Gemeinschaften. Das hat spätestens mit der behördlichen Erfassung der Individuen, mit Wohnsitzpflicht und dergleichen aufgehört und ist heute, da die technische, besonders → kybernetische Revolution in nahezu jeden Haushalt langt, eine geradezu utopische Welt. (Deshalb greift Fantasy-Literatur so gern aufs Mittelalter zurück). Das nicht nur prinzipiell, sondern auch dann noch abhörbare Handy, wenn man den Akku zieht, ist ein von den „persönlichen“ Individuen auf dem Weg der Mode nur allzu gern selbstinstalliertes, gesellschaftliches Instrument der Kontrolle; zumindest kann es von undurchsichtigen Instanzen dazu genutzt werden. Das ist auch jedermann bekannt, aber „was hab ich schon zu verbergen?“ Eben. Nachdrücklicher läßt sich der Allgemeincharakter des Persönlichen kaum ausdrücken.

Das gilt nicht nur für den Sockeneinkauf, sondern auch für Intimstes. Ich wies schon darauf hin, daß Sexualität zum tragenden Pfeiler des Warenumsatzes geworden ist, natürlich wegen ihrer Allgemeinheit. Da es hier um das Ausspielen einer Psychologie der Reize geht, die sich durch Überflutung abschwächen, unterliegt der Prozeß einer perversen Dynamik: Was „gezeigt“ wird, muß, um überhaupt noch zu wirken, sich weiter und weiter ausziehen. Man kann das ganz gut daran beobachten, daß auf die gezeigten Knien und Waden (ja, sowas war einmal Skandal) zunehmend weitere anatomische Partien, schließlich vor allem sekundäre Geschlechtsmerkmale in die industrielle Darstellung gelangten; das primäre Geschlecht blieb für zweidrei Jahrzehnte „verschont“. Unter anderem die Theater brachen auch damit, und heute ist man nicht einmal mehr sonderlich erregt, wird eine Möse gezeigt. Sogar über lange Jahrzehnte patriarchal tabuisierte Männerkörper hat längst Einzug in die Schaufenster gehalten. Wir kennen die – Volksbelustigungen ähnlichen – Männerstrip-Veranstaltungen. Auf Bühnen und vor Kameras wird gepinkelt.
Es wäre eigentlich schwierig gewesen, die Entblößungs-Eskalation, die durchaus etwas vom Wettrüsten des Kalten Krieges hat, noch weiterzutreiben, wäre nicht gesellschaftlich, eben über die technische Kybernetisierung von Welt, dem Markt eine Art übrigens berechtigter Selbstangst beigesprungen: Die Darstellung des „heilen, schönen Körpers“ ersetzt sich durch die Verwundung. Tattoo und Piercing sind ja anatomische Eingriffe, deren movens der Schmerz ist. Was der Seele angetan wurde, wird hinausgestülpt und zum Schmuck: Äußerstes Sympom dafür, daß sich ein Schmerz seelisch nicht verarbeiten läßt. Das ist jenen Kranken nicht unähnlich, die sich ständig in die Unterarme schneiden. Daß so etwas unter Gesunden Mode wurde, verweist wiederum auf die Allgemeinheit des Befunds. Hierzu gehört auch der partymäßig betriebene Sadomasochismus.
Nichts ist daran, was ehrenrührig, und nichts, was „privat“ wäre. Aber es schreckt einen auf und soll deshalb nicht sein. Kopf in den Sand. Das Geschehen ist geradezu allegorischer Natur. Darauf weisen moderne Poetologien ständig hin, etwa die Elfriede Jelineks. Aber die „Zerstörung“ und der „Zerfall“ der Persönlichkeit sind Themen bereits der frühen Moderne; erst die ästhetische Restauration, die der Realismus gebracht hat, hat den Sachverhalt wieder verschleiert. Auf ihn bezieht sich jede Berufung auf eine Persönlichkeitsrechtsverletzung.

Nun ist in dem gegenwärtigen Verfahren nicht skandalös, daß eine Frau meint, ihr Sexualleben gehöre nicht in die Öffentlichkeit; ein Irrtum insofern, als es sich ja nicht um ihr Sexualleben handelt, sondern um das einer ganzen Gesellschaft. Und es ist sowieso ein Roman und der Einspruch also höchst naiv. Man kann fast Mitleid mit solcher Verblendung haben. – Auch nicht skandalös ist das sozusagen Urteil in dieser ersten Instanz. Man hat damit rechnen können, weil es dieselbe Kammer fällte, die die Einstweiligen Verfügungen erließ. Wenn die Kammer dem Gegner riet, den unterbreiteten Vergleichsvorschlag anzunehmen, so zeigt das allerdings deutlich, in welche Zweifel die Richter gerieten. – Sondern daß Leitfiguren des öffentlichen Lebens sich aufgerufen fühlen, trotz ihrer Kenntnis der Literatur nicht nur deren Verbot zu befördern, sondern qua publizitärer Machtausübung zu beklatschen. Dahinter steht selbstverständlich Angst. Dahinter steht vor allem die Unfähigkeit, eine neue Realität zu erkennen. Das liegt an dem begriffslos gefühlten Unbehagen, das der Allgemeinheitscharakter auch ihres Privaten diesen alten Männern macht. Er muß abgewehrt werden. Der in seiner Irrationalität ausgesprochen hämische Ton, in dem besonders Wolfram Schüttes Text daherkommt, zeigt sehr genau, welch einer Anstrengung diese Abwehr bedarf.
Ich habe offenbar – mir war das nicht im Geringsten klar – mit dem Buch eine Grenze überschritten, aber nicht die eines Vertrauensmißbrauches, wie Ulrich Greiner interpretiert, sondern ich habe den Schleier gelüftet, mit dem die Priester gesellschaftliche Tabus verhüllen. Darüber wird nun so ungesagt diskutiert. Deshalb soll auch nicht über die ästhetische Güte meines Textes gesprochen, bzw. gestritten werden; statt dessen wird nur der vorgeblich „private“ Charakter, den das Buch habe, negativ bekanntgemacht, ja unterstellt, ich hätte es auf Kosten eine Privatperson abgesehen auf diesen Skandal. Man lenkt den öffentlichen Blick auf das Persönliche – auf „private“ Schuld und „privaten“ Mißbrauch -, damit das Allgemeine sich wieder verdeckt.

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