Medikamentenprotokoll: Lyrica (Pregabalin Zentiva 75mg). Erster Tag. [Krebsfolge-Tagebuch].

(Verschrieben wegen der als Chemofolge eingetretenen Polyneuropathie in den Füßen.
Statt des verschriebenen LYRICA bekam ich in der Gethsemane-Apotheke das gleichwertige PREGABALIN.)

Meinerseits nach Lektüre des → Beipackzettels Bedenken wegen der möglichen, aus meiner Sicht → extremen Nebenwirkungen des Medikaments, insbesondere in Verbindung mit Alkohol. Deshalb Absprache mit der Ärztin: Testlauf mit Beginn des alkoholfreien Monats[1]Vor Corona habe ich jährlich einen solchen eingelegt; seit Corona leider nicht mehr. Das war zu ändern und wurde mit dem Sonntag, 20.11., geändert. ANH eine Woche lang je eine Hartkapsel abends, danach für eine Woche zwei Kapseln, nämlich je morgens und abends. Daraufhin in der Praxis das auch insofern ausgesprochen wichtige Ergebnisgespräch, als LYRICA nicht, gegebenenfalls, einfach abgesetzt werden kann, sondern “ausgeschlichen” werden muß.)

 

Erster Abend und der Morgen (Eine Kapsel abends)
Es sind sehr kleine, aus zwei Hüllensegmente bestehende Kapseln, die ich auseinander-, quasi, -schrauben muß, weil sich diese Hüllen ohne Magen, also fehlender Magensäfte halber, nicht auflösen könnnen. Innen sehr wenig eines weißgrauen Pulvers, das ich mir auf die Zunge, nun jà, “schütte”; von “stäuben” zu sprechen, träfe eher zu, nur daß dieses Pulvor so fein denn auch nicht ist, also kein Staub. Die Einnahme ist gegen 22 Uhr, rund zwei Stunden vor dem Schlafengehen, erfolgt.

Bis zum Einschlafen selbst keinerlei Wirkung zu verzeichnen, nur, daß ich etwas genervt von dem seit Mittags seitlich rechts am Hals aufgetretenen und bleibenden Juckreiz bin, der eine Folge der → erweiterten Tätowierung und insofern natürlich ein gutes Zeichen ist, nämlich von Heilung der offenen Stechwunde. Ich will immer wieder kratzen, beherrsche mich aber und drücke nur manchmal leicht dagegen. Was auch hilft, vermutlich eingebildeterweise.
Als ich aufwache, ist dieses Jucken nahezu komplett weg und allenfalls noch, selbst dann nur sehr leicht, spürbar, wenn ich den Kopf sehr drehe, so daß sich die die Wunde schützenden → Transparentpflaster, sich dehnend, verziehen. Interessanterweise aber muß ich nicht wie sonst, wenn ich aufstehe, sofort an meine Füße denken, vergesse sie fast. Bis mir das LYRICA wieder einfällt. Tatsächlich ist auch dieser, ein über alle Tage währender Juckreiz deutlich zurückgegangen. Das Medikament hat “angeschlagen”. Irritierend alledings, daß ich den Eindruck habe, es sei noch, upps, Alkohol in meinem Blut. Genauso fühl ich mich an, als hätte ich gestern abend einen Wein zuviel gehabt. Dabei habe ich seit drei Tagen tatsächlich auch nicht einen Tropfen “versteckten” Alkohols zu mir genommen (was mir übrigens, erleichternderweise, nicht im geringsten schwerfällt).
Jetzt, länger als zwei Stunden nach dem Aufstehen, ist es immer noch so. Selbst nach dem Latte macchiato und meinem allmorgendlichen Müsli; hinzugekommen ist außerdem eine leichte Wahrnehmungsvibration, als hätte ich gekifft oder drei Tropfen vom Dronabinol genommen. Hab ich aber nicht. Auch von Letztrem will ich ohnedies die Hände besser lassen, so lange die LYRICA-Testphase läuft.

Jedenfalls fängt dieser, ich schreibe mal, “Selbstversuchslauf” nicht sehr öde an, sondern hat dort eine Neugier geweckt, wo ich vorher skeptisch, nein, ängstlich sogar war, ja geradezu ablehnend. Autofahren allerdings würde ich in diesem Zustand nicht; der Beipackzettel warnt auch davor.

ANH
[David Ramirer, Etüden (2017)]
 

[16 Uhr
Ramirer, The Endles Dance, Variationen auf BWV 848]
Die seltsam dronabinolähnliche Begleitwirkung hält an, ist allenfalls eine Spur abgeflaut. Eben, beim Einkaufen, war denn leicht auch wieder dieses neuropathenische Kribbeln zu spüren, aber tatsächlich deutlich weniger als seit einem Jahr (oder länger). Dennoch weiterhin das Gefühl, ich hätte gekifft, allerdings ohne die halluzinogenen Ausflüge, die mich, wenn ich tatsächlich kiffe (also THC einatme), unterdessen fast regelmäßig ereilen; die habe ich aber auch bei Dronabinol nicht.  – Dieser ganze Komplex ist ohnedies abenteuerlich, wenn Sie sich, Freundin, vor Augen führen, daß ich, bevor ich erstmals Dronabinol nahm, seit meiner Jugend weder auf Grass, Marihuana, “Shit”, was auch immer, reagiert habe. “Deine körpereigenen THC-Rezeptoren haben sich geöffnet”, erklärte es mir vor dreivier Monaten mein Sohn. Aber das schrieb ich Ihnen wohl schon. Doch wie DRONABINOL erzeugt bei mir auch LYRICA/PREGABALIN einen enormen Appetit. Was für mich selbstverständlich gut ist; ich habe bereits enorm was in mich reingefuttert. (Entsprechend listet der Begleitzettel bei den Nebenwirkungen auch Gewichtszunahme auf.)

_______________
Zweiter Tag

***

Diese Bachvariationen David Ramirers sind einfach hinreißend! Wie andere vor mir bezüglich Schuberts Neunter möchte ich von “himmlischen Längen” sprechen: BWV 849 braucht zwischen 6,26 (András Schiff) und 9.34 Minuten (Svjatoslav Richter), Ramirers computergenerierte Improviation rauschhafte 1h34min36sec.

References

References
1 Vor Corona habe ich jährlich einen solchen eingelegt; seit Corona leider nicht mehr. Das war zu ändern und wurde mit dem Sonntag, 20.11., geändert. ANH

Ein Hodengnom, leider nicht von ANH, im Arbeitsjournal des Sonntags, den 23. Januar 2022. Denn über das glückhafte Lehren.

[Arbeitswohnung, 7.06 Uhr
РазумóвскийIII C-Dur mit dem hinreißend fugierten Prestofinale]
Um zehn nach sechs hoch, nachdem ich gestern im Anschluß an das online-Ganztagsseminar lange noch, doch nicht vom Schreibtisch aus, Musik gehört habe, sondern konzentriert im breiten Musiksessel, der mit den Boxen jeweils die Spitze eines beinahe gleichseitigen Dreiecks bildet, bilden auch muß, damit sich Stereophonie perfekt entfalten kann – nur “nahezu” perfekt, weil die Klangwege der von den Boxen ausgesandten Tonwellen
nicht unabgelenkt sind:

Bei der linken steht der große Mitteltisch im Weg, bei der rechten ein vollgetürmtes Ablagetischchen; außerdem befindet sich nach links Richtung Ofen einigermaßen freier Raum, nach rechts hingegen gleich die Flurtür, die für zwar nicht wirklich starke Klangreflektionen sorgt, aber sie sind zweifellos da. Es ist halt, akustisch, kein trockener, sondern ein Lebens- und Arbeitsraum; klug hat auf diese Art Umstand BOSE seine Technologie gegründet und ausgerichtet; für unterwegs sind diese Lautsprecher deshalb meine Wahl. Hier freilich bleiben ihnen, und andren Marken sowieso, meine ProAcs gebirgshoch überlegen. Will ich indes den “reinen” Klang, nehme ich die STAXes, was ich, aus Rücksichtnahme auf meine Nachbarn, nach 20 Uhr meist ohnedies tue. Gestern allerdings nicht; da hörte ich laut bis zehn – und setze heute morgen fort, wo ich nachts aufgehört habe. Denn eigentlich geht es um op. 132 und speziell, darin, den “Heiligen Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit”, dessen lydische Tonart, wie Sie, Freundin, wissen, eine ganz besondere Rolle auch in den leider weiterhin unabgeschlossenen Triestbriefen spielt. Jedenfalls höre ich mich von Beethovens Rasumowski I ff über op. 132 nach 135 nun durch; es wird mich diesen ganzen Sonntag  weiterbegleiten.
Doch seinetwegen, des Briefromanes halber, n i c h t kam ich auf ihn, den Dankgesang. Sondern als ich gestern einer “meiner” Studentinnen zuhörte, die ihren Text von schwerer Genesung und dem schließlichen Glück erzählen ließ, endlich, endlich wieder gehen zu können, fiel mir sofort Beethovens Quartettsatz ein, und ich sagte es auch, ja lud das Stück für alle herunterladbar ins Padlet hoch, in das für alle lesbar die Aufgaben und Übungsarbeiten eingestellt werden – übrigens eine von mir blöderweise nur zögerlich angenommene Empfehlung Phyllis Kiehls; hätte ich auf die kluge Frau vorher gehört, wäre einige Arbeit leichter gewesen. Wie nun auch immer. Bin halt ein Sturkopf. Aber die Erzählung dieser Studentin verströmte geradezu dieselbe Aura wie Beethovens ergeifender Tritus authenticus. Es war frappierend, gleichermaßen beklemmend wie erlösend. Ob nun diese jungen Menschen a u c h mit der Musik nun werden etwas anfangen können, weiß ich freilich nicht. Doch wenn ich lehre, tu ich es immer synkretistisch, beziehe also soviel wie möglich andere “Disziplinen” mit ein und verstreue – was, wenn wir alle Glück haben, ein Säen ist – dauernd Leuchtkapseln innerster Bildungsbeglückung.
Allerdings habe ich bei diesem → Bamberger Lehrauftrag das Privileg nicht nur hinreißend leidenschaftlich engagierter, sondern ebenso talentierter Zuhörerinnen und Zuhörer … – nein, Seminarmitgestalterinnen und -gestalter. Imgrunde muß ich kaum etwas anderes tun, als ihnen Augaben zu stellen, deren einige übrigens nicht unfies sind, aber tatsächlich extrem trainieren. Über die Lösungen, auf die die jungen Leute kommen, kann ich bislang nur staunen. Ich meine, ich lasse sie ihre je schönste Lebenserinnerung auf sozusagen Papier (“in Datei”) bringen, also etwas ihnen wirklich Nahes – das Seminar beschäftigt sich mit autobiografischem Schreiben -, und dann besitze ich die Unverfrorenheit, sie genau dieses Nahe extrem von sich fernzurücken, indem sie es noch einmal erzählen sollen, nun aber als Krimi, als Märchen, dialogisch oder gar im Dialekt sowie mit entweder vulgärem oder sentimentalem Vokabular. Für den poetischen Prozeß ist dergleichen selbstverständlich wichtig, ja unumgehbar, um zu kapieren, daß auch unser Nahstes, wenn wir schreiben und eben auch veröffentlichen wollen, ein pures Material ist, das wir zu behauen, zu feilen, zu schmieden und zu schmirgeln, zu formen also, haben. Was wir hinausgeben, ist nicht mehr unsres, löst sich von uns ab, bis es fremdkristallen dasteht. Sie wissen, Freundin, ich nenne dies den perversen Prozeß, weil in der Kunst eben auch unser Schmerz, selbst der tiefste, nichts als ein Material ist, das, gelingt die Formung, unversehens s c h ö n wird. Und, als aber eben Fremdes, b l e i b t.
Man kann dies lehren, ja. Aber worauf es ankommt, ist, es erleben zu lassen und dies als “Lehrer” schützend zu begleiten, und auch, die Studentinnen und Studenten, wo es Not tut, aufzufangen. Was Paglia über Sexualität schrieb, sie sei kein Spaziergang im Grünen (Wehe, wehe, “Wokeness[1]Nie vergessen! Die andere Seite der Reinheit ist immer — D r e c k.“!), gilt eben auch für die Kunst. Für sie sogar besonders. Nicht nur deshalb hängt beides derart eng aneinander wie, um mit Adorno zu sprechen, Eros und Erkenntnis. Es sind Paare.
(Zur Wokeness noch: Ein Student, der die “vulgäre” Variation sich ausgesucht und hinreißend uncorrect hat Erzählung werden lassen – es war, was wir alle fanden, wie eine Befreiung für ihn, einen Modus zu durchschwimmen, der heutzutage weniger erlaubt ist als er’s jemals gewesen, und insofern jetzt schon Lebenserfahrung; entsprechend lebendig geriet der Text … – also dieser Student brachte unfaßbare Schimpfwörter in die Welt, rundweg Neologismen, allerdings solche, die “schon bei ihrer Erfindung Zitat[2](Günter Steffens)” sind, darunter den, siehe meinen heutigen Titel, Hodengnom. Sowie “Arschkrampen”, “Rollbrettuntermenschen” (für Skateboarder), “Flachpfeifen” sowie “unterentwickelte Lärmdämonen”. Uns liefen die Tränen vor Lachen. Nicht zu fassen, wie sprühend lebendig online-Unterricht sein kann. Ich schrieb es Ihnen → dort schon und werde nun laufend bestätigt.)

[Von Rasumowski III zu op. 74 gewechselt.]

Jedenfalls. Es ist glückhaft, dieses Seminar zu geben. Daß es das ist, habe ich den Studentinnen und Studenten zu danken, denen es nicht einmal etwas ausmacht, wenn wir über eine Stunde überziehen. Was sich in den beiden bisherigen Ganztags-“Sitzungen” geradezu organisch ergab, wollten wir allen entstandenen Texten die Gerechtigkeit und vor allem Sorgfalt widerfahren lassen, die ihnen gebühren. Doch selbstverständlich wären nach den vier Sitzungen Vertiefungen nötig, besonders in Hinsicht auf Stilistik und, folgend, Konstruktion. Mehr als nur ein, und zwar g a n z e s Semester ließe sich damit füllen. — Und ich, ich selber lerne auch. Dafür das beste Indiz, zumal nicht ohne Witz, ist, daß mich der eine Texte dieser Studentin nun auf den Beethovenstreichquartett-Trip gesetzt hat, den ich mir, damit ich bei der weiteren Überarbeitung der Verwirrung nicht zu essen vergesse, soeben mit sechs Dronabinoltropfen angewürzt habe. Deshalb wird irgendwann, erfahrungsgemäß in etwa zwei drei Stunden, meine Zeit ihre abgegrenzten Konturen verlieren und zu einem musikpulsierenden Kontinuum werden, das meine Sätze als Karawanen durchziehen:

Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist die Karawanserei,
Wir sind die Pilger drin[3]Gottfried Keller.
Die Zeit geht nicht

Ihr
ANH

References

References
1 Nie vergessen! Die andere Seite der Reinheit ist immer — D r e c k.
2 (Günter Steffens
3 Gottfried Keller

Vor Aqaba, 5: Das Krebstagebuch des fünfundneunzigsten Krebstages. Sonntag, der 2. August 2020.

[Arbeitswohnung, 78.23 Uhr
Händel, The Triumph of Truth and Time}

Es sei im Zeitlabyrinth, schrieb ich schon → dort, doch mehr Nefud, als ich ahnen sollte oder konnte. Daß sie sich aber so bemerkbar machen würde, hätte ich nicht einmal geglaubt. Und da ich nun zu kämpfen hatte, war ich des abends, wenn ich von meinen Ausflügen zurück in meine gute Bleibe kam, zu erschöpft, um nach dem Essen noch zu schreiben – zumal ich noch nie Nachtarbeiter war, sondern meine Poetik braucht das Tageslicht — auch dieses etwas, das mich von vielen Kolleginnen und Kollegen, auch den klassisch berühmten, unterscheidet. Wobei das Wort “Kollege” für Dichterinnen und Dichter etwas unangemessen Pragmatisches hat; es ist fast so, als wär von einer Art, wer in derselben Straße wohnt: Das stimmt schon nicht mal in demselben Haus. Doch dann, also wenn es dämmerte des sizilischen Morgens, wollte ich schon immer gleich hinaus, es sind doch womöglich meine letzten zwei Wochen, sind heute und morgen vielleicht die beiden letzten Tage meines Lebens. So sicher meine Lieben sich sind und auch imgrunde ich mir bin, daß ich aus Aqaba heil wieder herauskommen werde, freilich ohne noch meinen Magen, so ungewiß ist es de facto. Anders wären all die Vorbereitungen nicht nötig, die ich nah meiner Rückkehr aus Catania sofort entweder erst angehen oder beschließen mußte: etwa Verfügungen treffen für den Fall aller Fälle, vor allem auch den Zurückbleibenden, soweit es sie betrifft, sämtliche Paßworte zusammenstellen, die sich im digitalen Zeitalter für nicht nur die täglichen Abläufe (etwa Bankkonten, Kreditkarten usw.) ansammeln, sondern sie auch alle überprüfen; ebenso, beinah noch wichtiger, für meine Lektorin und die Verlage die Der Dschungel, der Computer, der Clouds. Damit hatte ich tatsächlich bis gestern, also in Berlin, zu tun. Es wirft Schatten aufs Gemüt, macht das Ende, an das man nicht glaubt, vor allem dem Romancier sehr faßbar, dessen Fähigkeit, doch auch Schicksal es ist, sich Imaginationen eben nicht nur “vorzustellen”, sondern sie im selben Moment als Realitäten zu erleben. Anders wären seine Bücher  nur Papier. — Doch. Nein. Wenn ich erwachte in dem alten großen Zimmer, dessen Wände über vier. vielleicht sogar fünf Meter zur freskenbemalten Decke hochreichten, und die ganze Nacht über hatte die Hitze darunter gestanden, als läge sie schwer auf der Haut, eine Decke aus Hitze, die mich die ganze Nacht in ihrem Schutz verbarg, — wenn da hinein nun das Dämmern zu leuchten begann, ein Licht, dessen Schatten bereits um sechs hart und scharf sind vor Kontrast, und in die Sonne läßt sich’s da schon nicht blicken, dann wollte ich stets sofort in die Gerüche, Laute, Geschmäcker Catanias hinein und vor allem “meinem” Meer so nah sein wie dem Alten, den Sie, liebe Freundin, hierneben rauchen sehen können.

 

 

 

 

Er zeigte sich mir so bei Aci Trezza, wo vor Jahrhundeten der von Odysseus geblendete Polifemo dem Listenreichen, da er floh, die Lavafelsen nachwarf. Sie ragen da noch heute aus der See, so daß wir zwischen ihnen schwimmen können. Was ich dort auch tat,

wenngleich es in den teils nun offenen Blasen schmerzte, des Mittelmeeres Salz, die meine Fußsohlen nach wie vor über- also unterzogen; immerhin desinfi|zierte es die Wunden. Dagegen fand ich weder die Muße, noch spürte ich irgendeinen, außer dem des schlechten Arbeitsgewissens, Impuls, “mein” Sizilien mit der Nefud zu amalgamieren, die durchquert ja fast nun war und von der ich mich im Zeitlabyrinth erholen sollte und wollte und dies eben auch tat. Nur daß der Arbeitsimpuls auch in Berlin nun nicht mehr zurückkam. Im Gegenteil. Dabei ist genau dieses eine geradezu → paradoxe … nein, nicht “Intervention”, aber Reaktion. Denn ich hätte allen Grund zu großer Freude und also poetischer Zuversicht gehabt. Unbedingt wollte mich mein Elfenbeinverleger sehen, und wir trafen uns → im März, wo er mir einen Umschlagentwurf übergab, der mich zugleich glücklich machte und erst einmal sprachlos

 

 

doch später führte er zu einer fies heraufkriechenden Depression, weil ich spürte, wie vergeblich auch das wieder sein würde – daß sich mein Verlag mit der schon für den November, was ich kaum glauben konnte, geplanten Neuausgabe des → Wolpertingerromans, ökonomisch schwer belasten würde, weil Betrieb und Buchhandel und also Leserinnen wie Leser das Buch ebenso weitgehend ignorieren würden, wie sie die anderen Bücher ignoriert oder, sofern sie sie überhaupt erwähnten, als Marginalien abgetan haben. Von wenigen Stimmen abgesehn, die es — ja! — → gibt, sogar deutlich und hervorgehoben, die aber nicht genug Marktstrahlkraft haben, um in der allgemeinen Wahrnehmung etwas zu verändern, oder die sogar genauso abgetan werden wie meine Arbeit, weil sie so wenig wie ich selbst in den Gemeinschaftsstall gehören und also anders riechen. Später bekam ich sogar ein schlechtes Gewissen, meinem Verleger das Projekt nicht ausgeredet zu haben. Denn für kleine Verlage kann so etwas an die Existenz gehen.
Auch Arco, übrigens, bringt eines meiner Bücher neu heraus, im kommenden Frühling, aber den sehr viel schmaleren New-York-Roman aus dem Jahr 200ß, so ist da auch dann weniger Gefahr, wenn meine Lektorin, Elvira M. Gross, und ich den Text, anders als den der Wolpertingers, noch einmal neu durcharbeiten wollen, etwas, das freilich erst nach erfolgreicher OP und meiner Wiederherstellung angegangen werden kann. – Sie sehen, Freundin, Pläne gibt es nach wie vor. Was wäre geeigneter, die Weichen fürs Überleben zu stellen? Und dennoch erwischte mich die Depression, dieses zehnmal verdammte “Wozu denn noch?” Dabei waren mein Verleger Držečnik und ich längst dabei, den ersten Umschlagentwurf zu revidieren. Mir war der erste Vorschlag zu nah an Anderswelt — zu dem der Wolpertinger allerdings auch gehört, nämlich als der Roman, der in sie hineinführt —, doch zu weit von dem entfernt, was er vor allem auch ist: ein Elfenroman. So daß der Umschlag nun so aussieht, und alle, die ihn jetzt sahen, waren davon mehr als nur angetan:

Und aber dennoch. Ich hatte die Nefudwanderung nicht mehr fortgeführt und kam auf Sizilien auch mit dem noch fehlenden letzten → Béartgedicht nicht zum Abschluß, war imgrunde komplett uninspiriert. Was daran Krebsfolge ist, oder Folge der Chemo, kann ich gar nicht sagen. Liligeia selbst verhielt sich auf Sizilien weitgehend still, aber die Füße kamen aus der enormen Schwellung nicht mehr heraus, die Blasen taten ihr eigenes, meine Bewegungslust wurde mit Kraft heruntergefahren, und auch flirten mochte ich  nicht mehr, schon der häßlichen Füße wegen, derer ich mich geradezu schämte, männlich schämte, ich bin ein ästhetisches, kein moralisches Wesen. Dennoch, Moral: Wozu denn noch die Béarts, wenn das, woraus sie leben, verboten worden ist und zum Unhold nun erst recht wird, wer es wagt, noch das Geschlecht zu besingen? die Frauen zu besingen, ohne die das Leben arm gewesen wäre, und armselig. Nun gilt schon das als Übergriff, wenn nicht gar als sexual harressment. Ich sehe die Schlagzeilen, wenn’s denn welche geben sollte und nicht wie gewohnt ignoriert werden wird, schon vor mir: Altmännergeilheit, übergriffige Lyrik, moralisch zweifelhaft usw usf. Genau daß es sich um Hymnen handelt, wird man mir zum Strick drehen. Wozu also? Warum mir das noch antun? Zweimal bereits wurden mir Literaturpreise, bzw. Förderungen versagt, weil ich immer noch an Geschlechtsunterschieden festhielte und so jemand öffentlicher Förderung nicht würdig sei. Ich hätte das Geld dringend, sehr dringend nötig gehabt. Und ich denke mir sogar, den Betrieblern wäre es nicht einmal ein nur leises Fest, nähme die Krebsin mich endgültig fort aus der Welt — doch eben dieser Gedanke war es, der mich – zusammen mit der Bemerkung Phyllis Kiehls, ihrer Beobachtung fiele ich in solche Verstimmungen jedes Mal, wenn ich aus dem Süden in den Norden habe zurückkehren müssen – … der mich aus der Depression wieder herausholte, und zwar geradezu schlagartig. Ich werde nicht zulassen, daß der Literaturbetrieb und seiner Mobberinnen und Mobber auch noch mein Leben und Sterben bestimmen – so wenig wie die moralischen, zum Kotzen eineindeutig-“sauberen” Gender-Ideologinnen und -ideologen. Im Gegenteil. Nun erst recht, dachte ich heute früh. Und wenn ich den letzten Béart-Hymnos im Krankenhaus schreibe, jedenfalls zuendeschreiben muß. Dann tue ich es halt.

Ich muß nicht erzählen wahrscheinlich, daß Liligeia meine graue Stimmung wieder genutzt hat, sich zu melden; doch mit dem Dronabinol, Cagliostros THX-Tropfen und gelegentlichen Gaben Novamin war der Schmerz recht gut in Schach zu halten. Nur vorgestern war er etwas komplizierter, weil er erst auftrat, als ich auf dem Fahrrad saß, um zum Sana-Klinikum und dem dortigen Coronatest zu fahren. Der übrigens, soeben kam der Anruf, negativ ausgefallen ist, so daß meiner morgigen Aufnahme nichts mehr im Weg steht und also auch nicht der → Großen Enteinigung übermorgen. Ich muß jetzt nur noch einen Dschungelhinweis auf Aqaba formen*), bevor ich mich unter die Messer lege.

Ihr ANH

*): Kurz hatte ich überlegt, ob ich für den Fall, daß die OP nicht gut ausgeht, einen Eintrag jenseits meines Lebens vorformuliere, aus dem Jenseits quasi, der von Lillys und meiner Vereinigung und unserer, sagen wir, Himmel-  bzw. Höllenfahrt erzählt. Aber dann überkam mich eine Art Aberglaube, der mich schließlich von diesem Vorhaben Abstand nehmen ließ. Es wäre des Blasphemischen sogar von dem Unhold, einem nämlich wie mir, zuviel gewesen. Da hätte ich meine Gegnerinnen und Gegner nun endlich einmal verstanden.

“Mir steht ein Meer vor Augen”: Aus der Nefud ins Labyrinth der Zeit, nämlich “Vor Aqaba”, 1. Am Sonntag, den 19. Juli 2020.

[Arbeitswohnung.Anderswelt: حراء النفود    | 8.06 Uhr. 75,5 kg.
Sibelius, Zweite Sinfonie (Berglund)]

Er ist, der riesige Bogen über dem Einritt, nicht weiblich, sondern – ohne das Samt der glans penis – männlich-hart, ja eckig erstarrt wie das auf Äquivalenzform geglättete Bauhaus unserer architektonischen postfaschistischen Ära, die mir dieses ungute Gefühl schürt, wenn ich durch die sanierten Straßen Berlins flaniere: sogenannte Klarheit der Oberfläche mit verschwindendem Geheimen, Geheimnis als transparentem Verschwinden, Durchschaubarkeit als Fetisch des homo calculans, verstecklos selbst für die Vögel; Flur”bereinigung” als Ideal durchmarschierbarer Viertel, wogegen Berlin sich, ach meine tapfer Stadt, immer noch sperrt. Doch Corona machte den Widerstand der Guten, mit leider guten Gründen, still. Deshalb erschrak ich denn doch ein wenig, als ich Röhrerich vorsichtig dem Bogen nähertrieb, der es, Bogen, eben nicht war, vielmehr, und zwar ausgesprochen, an japanische Tori erinnerte, deren Kasagi nicht von ungefähr an das 軍刀 erinnert, was ich hier viel weniger deshalb schreibe, um an → mein Hörstück zu Japan zu erinnern, als weil dies im übertragenen Sinn für das Skalpell des Chirurgen steht, das Lilly und mich nach der Durchquerung des Zeitlabyrinthes in Aqaba unweigerlich erwarten wird. Sogar der Termin steht ja nun fest, 4. August, und es haben sich nun schon Freundinnen und Freunde angemeldet, die zwar auf anderem Wege dort hinreisen werden, als ich es tat, aber halt vor Ort sein wollen, wenn ich wieder erwache. Da, erklärte mir Faisal, auch hierzulande Corona leider einer Rolle spiele, sei immer nur eine Besucherin, ein Besucher auf einmal erlaubt. So telefonieren die mir Nahen nun miteinander und teilen sich Besuchszeiten zu, während ich mich dem Tor weiter nähere, vorsichtig, sehr vorsichtig. aber Röhrerich ist beruhigend ruhig und läßt sich auch vom Meeresrauschen nicht irritieren, das, wie ich vermeine, durch den Bogen zu uns herweht. Und ich rieche Thymian, rieche Lorbeer, rieche Lavendel, rieche Myrte – ach mein Herz geht, Heimat, auf. “In aller Regel”, hat mir die Durimeh gesagt, “gelangen die sich hindurchtrauen an ihre Sehnsuchtsorte. Doch seien Sie vorsichtig: Sehnsucht und Schrecken sind bisweilen dasselbe. Sehnsuchtsorte Schreckensorte – oder der Sehnsuchtsort kann, nicht unähnlich einem Höllentrip im Drogenrausch, von einer Sekunde auf die andere in den Horror umkippen — wie jede  Heimat eben selbst.” “Wahlheimaten auch.”
Ich erinnerte mich an eine nun über dreißig Jahre zurückliegende Nacht bei Ribera, wo ich, weil die Eisenbahnstrecke unterbrochen war, auf einer brachliegenden Hausbaustelle am Straßenrand. Und diese Nacht, in der schneeweiß oder, wie ich irgendwann spürte, leichenblaß der Vollmond lichthell fror, zu einer wachster Albträume wurde. Ich hörte sogar die Werwölfe unter dem achtelsfertigen Balkon herumstreifen, auf den ich meinen Schlafsack gebreitet hatte. Nein, an Schlaf war nicht zu denken, weil eben nur zu denken gewesen. Kein Auge tat ich zu. Andererseits kennten, so weiter Durimeh, die Zeitlabyrinthe der Nefud nicht ihre Strahlungen — was bedeutet, daß sich, so lange ich darin verweile, die Zytostatica allmählich ausschwemmen werden, die während und nach der Operation eben nicht mehr wirken dürfen, also aus dem Körper spätestens in Aqaba hinaussein müssen. Und aber: – daß es mein Sizilien zu sein scheint, das sich hinter dem Tor mir öffnet! Ach und wo sonst sollte ich das letzte der Béartgedichte fertigschreiben können als eben dort? Und ob ich Catania wiedersehen werde, um Austern auf dem grandiosen Fischmarkt dort zu essen und Seeigelhälften auszulöffeln? Sollte das Zeitlabyrinth solche Erholung bedeuten?

Und noch ein paar Trampelschritte meines Rihs näher
an das Tor. Seltsam, daß das Tier grad gar nicht schaukelt,
mehr Wüstenkorvette denn eine Kogge.

Andererseits kann ich nicht vorhersagen, wie sich → Liligeia verhalten wird. Sie meldet sich jetzt ziemlich nachdrücklich immer wieder: zwei Tage habe ich Ruhe, dann geht der Tumorschmerz wieder los, währt einen halben, in ungünstigem Fall sogar einen ganzen Tag, den weder Novamin noch Cagliostros THC-Präparat mir erleichtert, klingt dann unmerklich ab, und ich habe wieder Ruhe. Leicht übel ist mir ohnedies nur immer direkt nach dem Aufwachen. Wobei ich derzeit extrem viel Schlaf brauche, die für mich höchst ungewöhnlichen sieben bis acht Stunden sind momentan gewöhnlich geworden. Etwas nervig ist nach wie vor die (leichte) Neuropathie, weniger in den Fingerspitzen, dort scheint sie sich zurückzubilden, als in den nun bereits morgens schon, beim Aufwachen, geschwollenen Füßen. Keine Frage eine Strahlungsfolge, von der ich nur hoffen kann, daß sie sich mit der Zeit wieder verliert. Eine Sicherheit dafür gibt es allerdings nicht. Nun gut, erst einmal wird eh → die Große Enteinigung zu überleben sein, die meiner Lillys Protest offenbar so provoziert. Doch könnte da nicht auch die Nähe des Meeres mildernd wirken? Und vor allem, denke ich, werden ihr die Nereïden zurufen, ihre indirekten Schwestern also; das wird sie vielleicht ablenken. Und es mag Sirenen geben, denen ich als Opfer ebenfalls schmeckte, so daß sie zu meiner Krebsin in für sie bislang unversehene Konkurrenz treten; und Lilli ist, so ahne ich, höchst eifersüchtig. Vielleicht aber hat sie sogar Freude an dem, sag ich incorrecterweise mal, Stutenkampf, da sie eben weiß, wie wenig ich als Opfer tauge. Da könnte sie sehen wollen, wie die Schwestern damit umgehn – mit also einem Mann, der weder Frauen mißachtet, gar erniedrigt, sie im Gegenteil wertschätzt und nicht wenige verehrt, noch sein eigenes Geschlecht erniedrigen läßt, schon gar als ein “Sozialkonstrukt“. An dieser zutiefst kapitalistischen Pest sterbe ich jedenfalls nicht. Lieber doch an Liligeia, und eben mit ihr, insgesamt vereint. Woran mich letztlich einzig stört, daß es meine Lieben dann mit der Auflösung der Arbeitswohnung zu tun bekommen werden, eine Zumutung, die ich nicht einmal mir Egalen aufbürden wollte. Aber vielleicht gelingt es ihnen, meinen Nachlaß zu verkaufen, an Marbach etwa, und so für das Schlimmste professionelle Entrümpler finanzieren zu können.

Nur noch zehn Meter. Oder zwanzig? Das Tor wird
immer größer, ich muß schon den Kopf
in den Nacken legen.

 

Sinnbetörend rauscht das Meer heraus.

 

Fasse, Dichter, Dir |Dein’s Herbstes immer noch junges Hochsommerherz.

Schnalzen: “Vorwärts, einfach vorwärts, Rih.”
Nein, ich seh nach den Reisefreunden mich nicht um.
Noch einen Schritt, nur noch einen. Das Tor ist nun Hunderte Meter hoch, und vor mir, ist man hindurch, geht es an der Lavaküste Hunderte Meter hinab. Für Dromedare ist dies kein Land: “Leg dich, mein Rih.”
Nochmaliges Schnalzen, “‘k-‘k-‘k”, leichter Druck mit den Fersen unterhalb des Sattels, und Röhrerich knickt erst die Vorderbeine ein, der Hinterleib senkt sich hernach, und als das Tier am Boden ruht, rutsche ich seitlich aus dem Sattel hinab, klopfe dem treuen Gefährten ein letztes Mal kosend den Hals. Die Freunde werden ihn finden und zu den anderen Kamelen führen. Ich indessen strecke mich, entschließe mich

und bin,

nun endlich,

hindurch:

 

 

 

 

 

ANH

“Noch einmal, eh mein Herze bricht”: ANH an Liligeia, elfter Brief. Donnerstag, den achtundsiebzigsten Krebstag 2020.

 


[Arbeitswohnung/Nefud
16. Juli 2020,, 7.20 Uhr. 73.5 kg.

Malipiero, Cellokonzert]

Ich weiß,

ach meine Lilly,

nicht, was Dich bewogen hat, so sehr in mir zu wüten, daß ich vorgestern und vorvorgestern quasi bewegungslos verharren mußte, jeweils ein paar Stunden auf dem Lager, und des verehrt-geliebten Henri Heines Matratzengruft fiel mir da ein:

Und ist man tot, so muß man lang
Im Grabe liegen; ich bin bang,
Ja, ich bin bang, das Auferstehen
Wird nicht so schnell von Statten gehen.

Noch einmal, eh mein Lebenslicht
Erlöschet, eh mein Herze bricht –
Noch einmal möcht ich vor dem Sterben
Um Frauenhuld beseligt werben.

Heine, Matratzengruft: → Der Abgekühlte

Und das, wie wirklich Dich beschreibend, ist mir ohnedies dauernd gewärtig:

Sie küsste mich lahm, sie küsste mich krank,
Sie küsste mir blind die Augen;
Das Mark aus meinem Rückgrad trank
Ihr Mund mit wildem Saugen.

Heine, → Es hatte mein Haupt die schwarze Frau

Nicht einmal das Novamin wirkte, jedenfalls brauchte es Stunden, um diesen quer überm Sonnengeflecht stehenden Schmerz wenigstens zu beruhigen; völlig gelang es erst in der Nacht mit zusätzlichen THC-Gaben und obendrauf noch einer, damit ich durchschlief, Zolpidem. Eine für mich völlig neue Massierung von Medikamenten.
Also sag mir, was es war, das Dich so wütend machte. Schier von Sinnen bissest Du herum und bohrtest Deine Spaltbeinspitzen ins Organ. Ist es das Gespräch mit Professor Heise gewesen sowie meine Entscheidung für das Sana-Klinikum und daß nun Aqaba derart konkret wird, sogar schon das genaue Datum festgelegt zu haben? Oder daß ich die OP ein Fest nenne, zumal unserer → “Enteinigung”! Aber wie liegen da beide im Risiko, ich nehm mich gar nicht aus. Immerhin das könntest Du doch achten, indem Du Dich mir milde zeigst. Und daß seit gestern morgen der Schmerz vorüber, beinah völlig, auch wenn ich “sicherheitshalber” alles noch mit weitrem Novamin gedämpft habe, — liegt dies daran, daß Du Dich ausgetobt hattest und einfach nur derart erschöpft warst, von Dir selber, daß ich tatsächlich wenigstens das eine → Auge lasern lassen konnte (das rechte)? Beim linken sah die junge Augenchirurgin keinen Handlungsbedarf. Tatsächlich war der meine Sicht trübende und sowohl Arbeit wie Lektüre deshalb zunehmend behindernde Milchschleier rechts sehr viel stärker. Nun  ist er dort völlig weg, ich sehe wieder messerscharf – nur aber eben rechts ist die vermilchte Irritation noch da. Um zwölf bin ich zur Nachuntersuchung bei der Augenärztin, dann werde ich’s ansprechen und will eben auch drauf beharren, daß der im übrigen wirklich nur kleine und kaum fünf Minuten währende Eingriff auch rechts noch durchgeführt werden wird. Zumal es überhaupt keine Probleme wegen der Nefud gab, weder ihretwegen noch wegen des Clopodigrels, das eine Woche vor der Großen Enteinigung aber abgesetzt und durch Heparin ersetzt werden muß. Und wenn Du mich nicht wieder quälst, ist alles – und aber mit welchem Erfolg! – im Nu zum besten.
Wir werden sehen.
Oder haben Dir, als Du tobtest, die Zytostatica gefehlt? Nein, ich meine das nicht zynisch. Es war doch immer so, daß Du gegen Ende einer Chemophase böse sozusagen auflebtest, bis die neuen Infusionen Dich wieder, ich schreibe mal, gelassener machten, und es wäre Zeit für die fünfte Chemo gewesen oder dem Einritt in der Nefud fünften Kreis der erlösenden, bzw. zur Erlösung führenden, sie zumindest in Aussicht stellenden Hölle. Irgendetwas war es jedenfalls, Dich derart häßlich zu machen, daß ich ganz auf meine Liebe vergaß und  nur dachte: Ach, wär sie endlich fort!
Doch kann’s eben sein, daß wir beide in enger Umschlingung unsere Enteinigung nicht überleben werden. Ich bin mir des Risikos völlig bewußt. Und wie gerne wäre ich also noch mal ans Meer gefahren, mare nostrum aber — nur daß mir meine Contessa gestern absagen mußte. Meine Entscheidung fiel einfach zu spät, auch wenn sie früher fallen nicht konnte, weil die ärztlichen Ergebnisse abzuwarten waren. Ach, und ich hatte dabei einen derart günstigen Flug gefunden, hätte nur gleich buchen müssen. Was ich eben nicht konnte. Ich  möge bitte nicht böse sein … Bin ich auch nicht, nicht im geringsten. Traurig aber ist es schon. — Ah, war es das? Erwisch ich Dich bei einer (ich weiß, Du wirst es nicht gern hören) … — Menschlichkeit? Du hattest wohl wie ich selbst die Absage vorhergeahnt, als ich tags zuvor mit der Contessa telefonierte und ihrem Tonfall entnahm, daß es mit dem Besuch auf der Insel nichts mehr werden würde. Da stelltest Du Deine Angriffe ein. Ist doch zumindest auffällig, dieser Gleichzeitigkeit. Dachtest Du: Nun ist er wirklich genug gestraft? Oder ließest Du von Deinem quälenden Toben, damit ich von der Traurigkeit nicht abgelenkt würde, sondern sie auch zur Gänze durchlebe? Das wär dann Infamität noch auf den Schmerz oben drauf.
Ah, das gefällt Dir? Wir küssen uns, wir schlagen uns. Gemeinsam ist uns immerhin das, aus tiefster Seele, beide, incorrect zu sein.

Klar, ich habe nach Alternativen geschaut, Neapel, Catania, Palermo. Doch die Flüge sind teuer geworden dort hin, zumal ich dann auch noch die Unterkünfte zahlen müßte. So viel Geld ist nicht da; auch sollten die Kosten im Verhältnis stehen. Zu zelten hingegen, die kostengünstige und mir ohnedies nahe Alternative, scheint mir derzeit nicht angebracht zu sein. Und ich muß Risiken abwägen, coronahalber, nicht weil ich furchtsam wäre oder glaubte, eine Infektion nicht durchstehen zu können, sondern weil dergleichen den OP-Termin unserer, Lilly, Enteinigung gefährden würde. Besser also, ich folge die verbleibenden ja nur noch achtzehn Tage den Zeitlabyrinthen, → von denen Marah Durimeh erzählt hat, und suche mir darinnen mein Meer. Oder ich finde spontan einen Restplatz im Flieger, am besten einen Tag vor dem Flug – die für dreivier Tage Abwesenheit gepackte Tasche kann ja gepackt schon bereitstehn. Ich denke nicht einmal, daß Faisal mich im Labyrinth, das doch eben der Zeit ist, vermissen, ja mein, ich sag mal, Fehlen überhaupt bemerken würde – schon weil ich Schlaf-, bzw. Traumzeiten nutzen könnte. Und falls es denn doch nichts werden sollte, es ist ja alles ziemlich knapp und wegen Corona auch nicht unkompliziert, fahr ich vielleicht zumindest an einen der Berlin-mecklenburgschen Seen, und unterhalte mich mit Najaden, deren Eifersucht der Deinen bekanntlich nicht nachsteht; vielleicht, daß ich den Fokus Deiner Konzentration dann auf sie umlenken werde. Du wirst Dich dagegen kaum wehren können. Doch, wie auch immer, eines gib zu: Wenn wir nachts tatsächlich schlafen, an- und beieinander, ist es nicht auch für Dich dann erholsam? O Liligeia, kleine Erde, laß uns doch miteinander diese letzten Tage wenn schon nicht voller Liebe, so doch barmherzig verbringen. Ich jedenfalls habe auf Kampf nicht große Lust; heftig genug wird Aqaba werden.

A.

P.S.:
Es geht nicht darum zu gewinnen. Gewönnest nämlich Du, verlören wir beide; gewönne aber ich, verlörest Du allein. Bedenke dies.

Nervös: ANH an Liligeia, zehnter Brief. Aus der Nefud, Phase IV (Tag 7): Montag, den achtundsechzigsten Krebstag 2020. Darinnen auch wieder Die Brüste der Béart, nunmehr 54.

[Arbeitswohnung. صحراء النفود
Montag, den 6. Juli 2020m 6.57 Uhr. 72,2 kg]
[Vaughan Williams, “On the Beach at Night Alone”
(Symphony No 1)]

Ich werde,

Liligeia,

nervös. Und Du aber schweigst. Dabei weißt Du, so eng in mir drin, von meinen Träumen gewiß. – Ja, es stimmt, die Chemo IV war anfangs kaum zu merken, und einige Nebenwirkungen gingen deutlich zurück, darunter die – indessen, als Symptom der zytostatisch bedingten Neuropathie, seit gestern abend rückgekehrte – Schwellung der Füße, und es ist auch richtig, daß ich Dich, Dich selbst, so gut wir gar nicht mehr spürte. Auch dadurch hast aber Du jetzt wieder einen Strich gemacht – wobei ich gar nicht weiß, ob Du, ob nicht vielmehr der Automatismus einer Traumverarbeitung. Damit nämlich ging es vorgestern los.
Ich habe, Lilli, meine Operation geträumt. Es waren zwei OPs sogar, die eine in der Charité, die andere im Sana Klinikum ausgeführt, und beide Male erwachte ich ohne Magen und Erinnerungen. Alles schien bestens verlaufen zu sein, sofern sich denn “bestens” auf einen Eingriff anwenden läßt, der uns ein wichtiges Organ nimmt. Es ist ja nicht ganz ohne Absurdität: Wie viele Menschen mir jetzt schon von anderen Menschen erzählt, um mich zu beruhigen, haben, die ohne Magen jahre-, ja jahrzehntelang sehr gut gelebt! Wer fragt sich da nicht, wozu wir solch ein Ding dann überhaupt haben? (Beim fälschlicherweise “Blinddarm” genannten Wurmfortsatz habe ich mich das auch immer gefragt.)
Auslöser war allerdings wohl, daß mir bewußt wurde, wie nah nun “die Stunde der Wahrheit” rückt — nämlich übermorgen die abschließende CT, die über den Hergang der Operation entscheiden und eben zeigen wird, welche Auswirkung – und ob überhaupt eine – meine vier Chemos gehabt haben werden, Termin Mittwoch, 8. 7., 11 Uhr; wir können auch sagen, ob Du Dich, schöne Krebsin, während wir durch die Nefud geritten, klein genug gemacht, um in Aqaba bereit für uns zu sein, oder ob Du nicht vielmehr, eine meiner derzeit perfidesten Phantasien, die Zeit genutzt, um nun doch noch → Sils um Sils zu streuen, die kleinen Töchter Deiner Art, die dann doch alle zu schnell wachsen, um uns noch lange im Leben zu halten. Daß Du, meine Li, suizidal bist, und Deine Mädchen sind es auch, daran gibt’s ja keinen Zweifel. Schießt Dir einfach so das Gesicht weg … wobei … “einfach so”? …. einfach ?
Was taten wir uns an?
Gut, vorgestern war ich noch, wie man so sagt, “gut drauf”. Zu gleichsam menschlich paktierte wieder die Chemo mit dem THC, bzw. Dronabinol — da Cagliostros Tropfen sich dem Ende nähern, ward ich vorsichtig damit; doch beides, wie erzählt, ist nachbestellt und kann nachher auch abgeholt werden. Dann war es mir aber zuviel des Bekifftseins, ich kam aus diesem Zustand gar nicht mehr raus, wollte eine Zäsur. Womit aber wieder, gestern, die Schmerzen begannen, diese queren durch die Brust, die jeweils schnell nach unten in das Bauchfell sacken. So, daß man allem Appetit verliert und ergo wieder abnimmt (meine 74 kg habe ich einfach nicht halten können). — Nein, ich wollte nicht zum THC greifen, wollte den klaren Kopf behalten, auch wenn er teuer war und mich nach beinahe zwei Wochen wieder zwang, zum Novamin zu greifen, über den Tag verteilt drei Mal dreißig Tropfen. Sie genügten immerhin, mich auch durchschlafen zu lassen, heute fast sieben ununterbrochene Stunden von 22 Uhr bis morgens um fünf, dann noch, weil alles schmerzfrei fein, Geschlummre bis um sechs. Und nur ganz leichte Übelkeit, wie morgens längst gewöhnt. — Von Dir indes kein Wort.
Mag es wohl sein, daß Du nervös bist ganz wie ich? Und was ist mit den Spuren, die sie neben dem Kardiatumor → beim Staging in der Lunge fanden, doch klassifizieren nicht konnten? Hast Du jetzt, im Schutze der Nefud, doch noch Metastasen draus gemacht? Ich brauche, wie es gestern die vertraute Freundin formulierte, dringend wieder eine klare Aussage: Wie sieht’s nun wirklich aus? Ungewißheit hat mir noch niemals gutgetan.

Seltsam. Es ist das erste Mal seit meiner Diagnose, daß ich so etwas wie Angst fühle. Bislang war ich voll Zuversicht, auch einer, die den Tod als Möglichkeit umfaßt und nicht mal daran denkt zu klagen. Und klagen werde ich auch weiterhin nicht, es gibt keinen Grund. Doch wissen möchte ich. Muß ich. Auch und grade, weil quasi plötzlich die Zeit so knapp wird. Man denkt immer, ach, is’ noch so lange hin … und dann hat man bereits die Klinke in der Hand, dahinter die Seele schon ins Feuer geht. Ich wollte doch noch → die Béartgedichte fertig bekommen! Und bastle immer noch am → Finalenwurf herum.
Darauf war sich dann gestern entschieden zu konzentrieren. Ohne nach rechts oder links zu schauen, selbst die Wüste ließ ich unbeachtet liegen. Denn an sich hatte ich Dir, meine Li, diesen Brief schon gestern schreiben wollen. Statt dessen dann knapp zehn Stunden an neunzehn Versen geschliffen und geschleift, zwischendurch etwas spazieren gegangen, dann mich wieder, wegen der Schmerzen, hingelegt, zwei-/dreimal, jeweils mit Kopfhörern, und in die Musik hinweggedämmert, zu mir gekommen, aufgestanden, Espresso, erneut an die Verse, für die mir immerhin die poetische Zusammendampfung einer allzu esoterischen Anrufung Isis’ und ihre Destillation ins Ave stella maris gelang, worum’s im letzten Béarttext – kontrastierend zum Veni creator spiritus – ja eben geht:

Ave Isis, stella maris
auf dem Meerschaum unterm Mond
Durchströme uns, Béart, mit Licht

Das Luftgezeiten-Silber flicht
Dir Deinen Namen in das Haar
aus, arabesk, dem filigranen Feuer

das in der Erd noch immer wohnt:
Noch steigt der Glimmer neuer
Bläue nimbisch in den Geist

und hält ihn weiblich nieder,
der in den leeren Himmel
zur ewigen Entleibung will 

_____________
>>>> Béart 55 (folgt)
Béart 53 <<<<

Ein kleiner Erfolg immerhin, an dem ich jetzt gerne weiterarbeitete. Allein, ich habe heute vormittag Termine, unter anderem mittags die nächste Akupunktur, für die ich wieder ganz in den Westen radeln muß; und bei der Familie ist die Wohnung zu versorgen; लक्ष्मी und die Zwillinge sind auf vierfünf Tage für Mutter- und Omibesuch verreist. Dennoch wollen die beiden Meerschweinderln und gestreichelt werden, was mein Sohn und ich zu tun uns teilen, einer morgens, einer abends. Ich bin heute morgens dran. So daß ich denn erst nachmittags wieder an den Gedichtzyklus kommen und auch morgen noch hochnervös durch den Tag leben werde, um mich am Mittwoch dann | Dir zu stellen — unsrer, o Lilli, organischen Wahrheit:

 

 

Ach, melde Dich doch bitte mal.

A.
[Vaughan Williams, Vierte Sinfonie (Norrington)]

P.S.:
Interessant allerdings, wie alles dauernd im Fluß: — daß ich heute, abgesehen von der üblichen leichten Morgenübelkeit und der kleinen Fingerkribbelei, wieder so gut wie keine Chemo”neben”wirkungen spüre; dennoch, sicherheitshalber werde ich mir die Novamins mit auf die Radtour nehmen. Für die ich mich jetzt bereitmache.
10.12 Uhr

“Ich löse mich in tönen · kreisend · webend”: Das Arbeitsjournal und Krebstagebuch des fünfundsechzigsten Tags (darin der Vierten Chemo vierter): Freitag, den 3. Juli 2020.

 

 

[Arbeitswohnung, 7.41 Uhr. 72,5 kg
Finzi, Introit for solo violin & small orchstra, op.6]

Ich löse mich in tönen · kreisend · webend ·
Ungründigen danks und unbenamten lobes
Dem grossen atem wunschlos mich ergebend.
Mich überfährt ein ungestümes wehen

Im rausch der weihe wo inbrünstige schreie
In staub geworfner beterinnen flehen.
George, → Entrückung

Gestern war dann wieder so ein bekiffter Tag, dessen weitgehende Beschwerdefreiheit mich → aus der Nefud an meinen Schreibtisch setzen ließ, um dringende Arbeiten, zu denen auch der gestrige – an dem ich vorgestern → so kraftlos hängengeblieben war –  Eintrag gehörte, fertigzustellen und/oder voranzutreiben. Für meine Lektorin gleich vier der → Béartentwürfe eingesprochen und geschnitten; bei einem mußte auch montiert werden, da es darin eine parallel zu sprechende Passage gibt, die sich von einem Sprecher allein nicht gleichzeitig realisieren läßt. Damit da dann aber nicht nur ein nicht mehr trennbares Durcheinander erklingt, mußte ich überdies die eine Tonspur mit einzwei Effekten anreichern, die die Sprache musikähnlicher wirkten lassen.
Das hat dann schon mal zwei Stunden gebraucht.

Weiterhin waren auszufüllen und hinauszuschicken die Formulare für den Bamberger Lehrauftrag, der doch zugleich ein, sagen wir, Wechsel auf meine nicht gewisse Zukunft, nämlich eventuell mit meinem Leben gar nicht mehr gedeckt ist. Dennoch plant Bamberg weiter, anders als es, wegen Corona, sonstige Veranstalterinnen und Veranstalter tun. Das beruhigt. Es wird ja, wenn, ein Leben nach der OP geben, und das will finanziert sein. Meine süße Krebsin läßt mich das derzeit immer wieder vergessen. Ich durchreite die Nefud nicht nur imaginär, sondern lebe in ihr wie in einer parallelen, mit der Berliner Gegenwart allein durch die Abendspaziergänge verbundenen Welt … – nein, stimmt nicht, nicht nur durch die Spaziergänge, sondern selbstverständlich auch durch die Nähe meiner Lieben, durch die vielen Freundinnen und Freunde, durch Leserinnen und Leser. Ich hatte selten das Gefühl solch einer Nähe, solch Aufgehobenseins in einem Netz sympathisierender Bezüge. Dafür einmal danke. Daß es im Literaturbetrieb, von meinen Verlagen selbstverständlich abgesehen, bei der Ablehnung bleibt, ist da fast egal. Für ihn gilt, was ich vor einer halben Stunde dort geantwortet habe: Macht und Freiheit sind und bleiben Gegner, nein: Feinde. Ob eine Macht “auf der richtigen Seite steht”, spielt dabei keine Rolle, zumal die Zeitläufte permanent umdefinieren, was richtig sei, was nicht. Und wenn dann noch Menschen “erzogen” werden sollen …
Wobei mir jetzt erst, da ich die Béarts nach und nach einspreche, wirklich bewußt wird, welche Provokationen in dem Gedichtzyklus stecken, solche, die als Provokation gar nie gemeint waren, es aber über die Entwicklung der scheinbaren, wohl auch scheinheiligen “Moral” während der Jahre geworden sind, in denen diese tatsächlich sehr männlich positionierte Poesie entstand – von überdies einem “weißen”, nicht mehr jungen und schlimmer noch abendländisch-elitär gebildeten Menschen geschrieben, was unterdessen ja schon ein Ausschlußkriterium-für-sich ist, zumal dann, wenn man(n) nicht wenigstens ein bißchen häßlich ist; körperliche Unansehnlichkeit hat im vor allem deutschsprachigen Literaturbetrieb schon immer Vorteile gebracht, Eleganz, Schick, Wohlgeformtheit sind eher nicht gesellschaftsfähig (: auch oder erst recht nicht, wenn man sich um sie trainierend bemühte; sowas gilt als “eitel”); ja selbst als Stil stehen sie unter Verdacht, sowie er sich aus dem Realismusbrei erhebt oder sich sogar weigert, von dem faden Zeug zu essen. Ich meine, ich schaffe es ja nicht einmal jetzt, auch nach jemandem auszusehen, der in der vierten Chemo steckt. Daß mir kein Bart mehr wächst, merke ja nur ich, und die Augenbrauen sind noch immer da, wenn auch deutlich ausgedünnt. Die Glatze zudem habe ich seit 1986. Kurz, man kann meinen Krebs nicht sehen (schon gar nicht, daß er weiblich ist, und daß wir uns Liebesbriefe schreiben, dürfte dem Pop, zu dem als Untersparte der sog. Realismus mittlerweile gehört, ausgesprochen mißfallen: incorrect bereits, eine Frau aus dem Tumor zu machen und dann mit ihr, die OP, noch schlafen zu wollen). Nichts, was ich tue, entspricht dem, was der Zeitgeist will, der insofern stets sein Fehlen ist, als er sich im Zeitgeschmack erfüllt — als Ideologie der Macht oder des Machtwillens, der Machtgier, des Machthungers und eines, klar, ausgeglichenen Bankkontos.
Doch mag ich gar nicht schimpfen, hab ja schließlich Krebs — ein insofern guter Umstand, als er die Verhältnisse deutlich zurechtrückt. Was wichtig ist, was eitel ist, was purer Betrieb und eben auch, was Dummheit ist. Wie gut die mit Macht zusammengeht, sehen wir an Donald-nicht-Duck; der trägt sein Bürzel als eklig gelbe Tolle.

Noch mal zu den bekifften Tagen zurück: Es gibt, so bestätigt’s sich nun, eine Neigung der Chemo, mir die Wirklichkeitsgrenzen aufzuweichen – vielleicht aber, weil dies ohnedies meiner jedenfalls peotischen Wahrnehmungsweise entspricht. Bei der dritten Chemo war es allerdings unangenehm – anders als bei der zweiten, während der ich noch einen Zusammenhang mit meinem Dronabinol, bzw. Cagliostros THC-Tropfen vermutete (beides habe ich nachbestellt); ich kam mir zeitweise hilflos, ja behindert vor. Dieses Mal ist’s indes wieder lustvoll und ergab sich auch ganz ohne die Cannabisemulsionen, woraufhin ich sie allerdings dazu verwende, den Effekt noch zu verstärken. Auf diese Weise brauche ich zur Eindämmung  der Chemo-Nebenwirkungen kaum noch andere Medikamente; daß ich zuletzt ein Schmerzmittel nahm, liegt schon über eine Woche, vielleicht sogar länger zurück. Gegen die morgendliche Übelkeit nehme ich eh schon lange nichts mehr; nach einer Stunde hab ich sie vergessen. Die Schwellung der Füße hat tatsächlich nachgelassen, seit gestern sehr, sehr deutlich, und das Kribbeln in den Fingerspitzen ist zwar spürbar, aber gut erträglich. Außerdem hat die Nasenbluterei und die der  Mundschleimhäute komplett aufgehört, und seit heute früh scheint sich auch der Darm wieder eingependelt zu haben. Dabei sollte man, genau wie frau, doch annehmen, daß die vierte, in meinem Fall eben letzte präoperative Chemophase die schwerste sein werde; tatsächlich war die schwerste aber die dritte. Bislang. Was noch kommen wird, ich weiß es selbstverständlich nicht, nur, daß sich bislang alles mit einer sehr einfachen klaren Haltung aushalten ließ, die überdies den Vorteil in sich trägt, daß sie die Todesangst ausschließt, ja nicht mal eine kennt. Woran die Erotisierung, ja selbst schon die Sexualisierung der, nun jà, “Krankheit” als Vorstellung einigen Anteil trägt, Lis und meine körperliche Umschlingung während der uns trennenden Operation werde im ungünstigsten Fall einen Orgasmus bewirken, in dem wir explodierend (ekstaseisch!) sterben: Tod und Wollust werden eines, und diese, die Wollust, zur religiösen Übergangserfahrung. Abendländisch-poetischer Sufismus. Und kommt es zu diesem Orgasmus nicht, nun jà, dann hab ich überlebt und leb noch lang, womöglich, weiter,

um meine anderen, noch offenen Arbeiten abzuschließen. Nach den Béarts, die in jedem Fall fertig werden, Destrudo, die Briefe nach Triest, Melusine Walser, einige nur als noch Entwürfe hier liegende Erzählungen. Und dann vielleicht doch den Friedrich(.Anderswelt) noch angehen. Und mal wieder, was mir sehr fehlt, ein Hörstück zu schreiben und zu Klang zu bringen. Falls mir wer den Auftrag gibt.  Übrigens wird vom Deutschlandfunk → in knapp zwei Wochen mein Tokyo-Hörstück wiederholt; → am 25. Juli folgen rbb und MDR. Für den Herbst erlaubt mir das, finanziell ein wenig auf- und Luft von anderem Planeten einzuatmen. Was mich jetzt dazu bringt (bevor ich weiter an Béart XXXIII arbeite), endlich die Finzi-Anhörerei einzustellen (keine Ahnung mehr, was mich nun schon zwei Tage lang an englisch-traditioneller Kunstmusik festhielt) und mich auf wirklich gute Musik zurückzukonzentrieren: erst Schönbergs Zweites, dann des Komponistenfreundes Robert HP Platzens Viertes Streichquartett. Und dabei, tja, werde ich irgendwann in die Nefud zurückkehren; durch irgendeine, für mich grad nicht sichtbare Lappenschleuse kann ich Röhrerich schon nach mir rufen hören. “Aqaba!” ruft er, “!العقبة قريبة

 

 

 

 

 

 

 

[Schönberg, Streichquartett Nr. 2 op. 10, LaSalle]

(Wobei’s denn doch a bisserl irritiert, daß Google Aqaba/العقبة
mit “Hindernis” übersetzen läßt. Es könnte sich lohnen,dem
nachzugehen. (Ich sollte beginnen, Arabisch zu lernen;
für den Friedrich brauchte ich’s eh.)

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