DIE DSCHUNGEL FÜR SMARTPHONE- & SAFARINUTZER: Neue URL. (Anstelle eines Arbeitsjournals).

Liebe & weniger liebe Leserinnen und Leser,

seit einiger Zeit läßt sich Die Dschungel auf Smartphones nicht mehr oder nur kaum noch lesen. Einstweilen nutzen Sie deshalb für Ihre Mobiltelefone bitte den folgenden Link (und bookmarken ihn am besten):

https://t1p.de/Dschungel-Anderswelt

Von der sich dann öffnenden Dschungelsite läßt es sich auch auf den Smartphones bequem navigieren. (In irgendeinem der nun schon nach mehreren Tausend zählenden Beiträge steckt, wahrscheinlich in der Überschrift, ein Bug, der es für Smartphones nahezu unmöglich macht, die eigentliche Startsite aufzurufen (von Laptop und Standcomputer aus funktioniert es hingegen, braucht aber sehr lange, um zu laden); nur diese Startsite ist auch betroffen. Der Hintergrund ist, daß, wenn Sie die Startsite (dschungel-anderswelt.de) aufrufen, stets s ä m t l i c h e Beiträge, also diese vielen tausend, aufgerufen werden – was den Arbeitsspeicher eines Smartphones schlichtweg überfordert. Soviel wissen die Fiktionäre unterdessen, fanden aber eben den Fehler noch nicht, und ich selbst habe wegen der Triestbrief-Romanarbeit — ich könnte momentan von morgens bis abends einfach nur durchschreiben, so sehr sprießen die Ideen — nicht die Zeit, ihn tage-, möglicherweise wochenlang zu suchen, und schon gar nicht die Lust. Mein Masochismus hat auch ohne dies deutliche Grenzen.)

ANH, Berlin
7.46 Uhr

Daß er die Wahrheit sagt, doch wie. Fast am Schluß des Arbeitsjournal dieses Freitags, den 22. April 2022, zur Wahrhaftigkeit. Sowie zuvor zur Wiederaufnahme der Videoserie, immer weiter dennoch zum Krieg und etwas, nämlich, Erfreuliches zu Teodor Currentzis.

[Arbeitswohnung, 9.45 Uhr
Anton Arensky, Zweites Streichquatett a-moll op. 35 (1894)]

So sieht es hier jetzt also aus, nachdem ich → die Videoarbeiten wieder aufgenommen habe; mit alleine einem Raum verliert sich die Überschaubarkeit notwendigerweise; die Arbeitswohnung wird immer mehr Studio — was bei einem “rein” digitalen Tonstudio nicht ins Gewicht fällt, weil etwa die Lautsprechertürme ohnedies als Wohnungsausstattungsstücke wahrgenommen werden, noch dazu solch schlanke wie meine ProAcs. Muß ein Greenscreen verwendet und er also, hier zu sehen, aufgestellt werden, ändert sich alles, vor allem, will ich ihn nicht dauernd wieder ab- und wenig später erneut aufstellen, mag. Es ist ja immer auch Ausleuchtungsfriemelei, und wenn ich nur das grüne Tuch verwende, habe ich es dauernd, war es zuvor zusammengelegt, mit Falten zu tun, die dann die Aufnahme vor fiktivem Hintergrund stören. Das Ding im runden Rahmen freilich ist gespannt, aber die Rundung hat Nachteile für Bildausschnitte. Usw. Mit sowas gebe ich mich momentan ziemlich viel ab.
Was mich immerhin ablenkt, gut ablenkt, weil es in der Tat schwierig ist, sich parallel zu dem entsetztlichen Krieg irgendwie rückzunormalisieren; ich empfinde es sogar als moralisches Problem. Aber es tat mir gar nicht gut, fast ausschließlich noch auf die Ukraine und die russischen Massaker konzentriert zu sein; ich schrieb ja schon, daß die leise Befürchung wuchs, die dauernde – unumgehbar subdepressive – Beschäftigung mit dem Dauermeucheln werde → Liligeia aus dem Nichts wieder herrufen, in dem sie untot umherstreife, ganz abgesehen davon, daß fast jeglich sonstige Arbeit einfach liegenblieb.
Insofern war es gut, daß es ganz “plangemäß” mit nächsten Intermezzi weitergehen sollte, für die auf eine fast schon ferne Vergangenheit zurückgegriffen wird. Distanz war hier wichtig und — sie zu überschreiten, wieder möglichst nahe an das frühe Ich heranzukommen (das stets ein Wir war). Und an die frühen Gedichte. Denn abgesehen von den auf Tonbandcassetten bewahrten Tondokumenten, ist mir → nach Renate Wuchers Tod u.a. ein ganzes Manuskript dieser Texte wieder zugänglich, die ich alle verloren glaubte, ohne freilich dem nachgetrauert zu haben. Ich hatte sie ja nach Paulus Böhmers deftigem Spott sämtlichst der Müllabfuhr geschenkt, um mich fortan nur noch auf Prosa zu konzentrieren. Doch das geschah in den frühen Achtzigern; daß ich Renate viele Typoskripte geschenkt hatte, wußte ich zwar, aber schon längst nicht mehr, welche. Und jetzt sind die alten Gedichte wieder hier.
Ich durchblättere sie und bin erstaunt, wie viele tatsächlich halten, wenn auch nicht unbedingt formal. Jedenfalls sollte ich nochmal Hand an sie legen; ich spielte gestern sogar mit dem Gedanken eines neuen Buches, das ich “Frühe Gedichte” nennen würde, vielleicht sogar mit dem damals vorgesehenen Übertitel Straßennarben. Es sind immer wieder Fundstückchen drin, sowas zum Beispiel:

Ich habe Nägel
in die Nächte geschlagen
und meine Tage daran
aufgehängt

Entstanden ist das Ding um die Mitte der Siebziger. Heute bedürfte es hier eines Einfalls, auch in die dritte Zeile den ä-Laut zu bekommen. Ich fände Eingriffe dieser Art ästhetisch legitim. Aber das sind alles so Feinheiten, für die es im Moment gar keinen geschichtlichen Raum gibt, jedenfalls absolut keine Relevanz. Eben, dies zu wissen, macht alles schwierig. Und zu spüren, auch zu lesen, wie stark mit dem Gedanken gespielt wird, selber Kriegspartei zu werden, etwa → bei Bersarin, den ich ansonsten so sehr schätze, dessen Vergleich aber mit der Situation Hitlerdeutschlands 1939 an einer extrem wichtigen Stelle furchtbar hinkt, abgesehen von dem Konjunktivfehler — eine, denke ich, → Fehlleistung — gleich zu Anfang:

Gäbe es 1939 bereits die UN und hätte man bspw. in der UN Japan, Italien, Ungarn und Rumänien abstimmen lassen, so wäre das Ergebnis ebenfalls zugunsten eines Zusehens ausgefallen. Europa wurde von Hitlers Angriffskrieg nicht durchs Zusehen befreit. Und ähnlich ist es auch im Umgang mit Putin.

Bersarin hat sich offenbar in ein – von ihm ohne Zweifel als Müssen gefühltes –  in-den-Krieg-mit-eintreten-wollen wie unumkehrbar hineingeschrieben. Wobei ich seine Position grundlegend teile. Nur hinkt sein Vergleich, weil ein miliärisches Eingreifen damals nicht unter der Drohung nuklearer Waffen erfolgt wäre, die einzusetzen wiederum Putin, ich bin mir völlig sicher, nicht eine Sekunde zögern würde. Denn sein Ende stünde dann so oder so bevor, und wenn er selbst die eigenen Soldaten als Kriegsmaterial betrachtet, das um des “Erfolges” willen egal wie verschleißt werden könne, werden ihn andere Menschen, zumal anderer Völker, erst recht nicht interessieren. Vor allem wird er Den Haag abwenden wollen, die Schande nicht ertragen können, erst recht nicht als → Muschik, irgendwem Rede zu stehen und dann sehr wahrscheinlicherweise lebenslang hinter Gittern zu sitzen, noch werden seine Mitmafiosi es wollen. Dann besser “ehrenvoll” → als Märtyrer gehn.
Imgrunde unterscheiden sich Besarins und meine Positionen gar nicht sehr, doch in dem einen, nämlich entscheidenden Punkt. Er glaubt, daß Putin den Einsatz atomar bestückter Marschflugköper nicht befehlen würde, ich glaube, doch, er täte es. Und hat es längst im Kalkül.

Klug dafür das Schweizer Netzmagazin REPUBLIK, das mir heute früh per Facebook über eine mir von Markus Becker zugesandte private Nachricht bekannt wurde, die den Link auf → diesen bemerkenswerten Artikel Constantin Seibts enthielt.
Da mir auch weitere Berichte und Essays gefallen, die ich darin las[1]Etwa hat mich → Daniel Strassbergs Text zur “Wokeness” in meiner eigenen Haltung tatsächlich schwanken lassen., habe ich das Magazin erst einmal kostenfrei probeabonniert, wobei ich momentlang die aber schnell wieder verworfene Idee hatte, es hänge der Magazinname mit Uwe Nettelbecks berühmtem Periodikum zusammen; aber dessen an Karl Kraus angelehntes, vor allem auch dingliches Publikationsorgan war eine Herausgeber-Zeitschrift; REPUBLIK hingegen wird von einen Team genährt.

Erfreulich auch der mir heute früh von Schelmenzunft zugemailte → Artikel von Christine Lemke-Matwey in DIE ZEIT zu, im letzten Abschnitt, wieder mal → Currentzis, dem nach wie vor, ich schreibe es gerne, Genie:

Im Gegensatz zu Gergiev hat Currentzis nie auch nur im Ansatz für Putin Partei ergriffen. Seine letzte regimekritische Wortmeldung datiert von 2019, als er gegen den Hausarrest des russischen Theaterregisseurs Kirill Serebrennikow protestierte. Das ist schon länger her. Die Zeichen aber, die er seit dem 24. Februar (seinem 50. Geburtstag!) sendet, sind mindestens so unüberhörbar und unübersehbar. Er, der in Röhrenjeans und Springerstiefeln aufzutreten pflegte, trägt neuerdings Anzug. Im Orchester sitzen neben russischen auch ukrainische, georgische, belarussische, türkische, spanische, italienische und deutsche Instrumentalisten. Und statt Beethovens ursprünglich vorgesehener Neunter Symphonie, die mit “Alle Menschen werden Brüder” ein Hohn wäre, erklingen in Wien, Hamburg und Paris Strauss’ Metamorphosen von 1945 und Tschaikowskys Pathétique.
Vielleicht muss man Currentzis’ schwarzglühende Tschaikowsky-Interpretation live erlebt haben, den fulminanten Hexensabbat des dritten Satzes, das fahl ins Nichts sich aushauchende Finale und wie alles Melodische darin versteinert, um zu begreifen, was Musik gerade jetzt vermag: im Augenblick die Wahrheit sagen. Härter und konkreter als alle Worte. Und viel glaubwürdiger.

Soweit für heute, liebste Freundin, mit einem Arbeitsjournal, das, wie Sie sicher merkten, gänzlich ohne Aufregung auskam. Die wieder aufgenommene Videoarbeit tut mir also gut, ebenso, daß ich jeden Tag ein nächstes → Béartgedicht erst aufschneide, dann mindestens einzweimal lese, mindestens einmal auch laut. Gerade in der Differenz zu den frühen Gedichten ist das ausgesprochen reizvoll. (Die – fertigen – Einladungen zur Berliner Buchpräsentation am 8. Mai werde ich anfang der kommenden Woche verschicken. Und morgen beginnen hier die Videointerpretationen der Gedichte aus “Das Ungeheuer Muse“.)

Ihr
ANH

References

References
1 Etwa hat mich → Daniel Strassbergs Text zur “Wokeness” in meiner eigenen Haltung tatsächlich schwanken lassen.

“Ist Neutralität die beste Option für die Ukraine?” Von Yanis Varoufakis /DiEM25.

Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine tobt weiter und es gibt wenige Anzeichen für eine Annäherung. Um diese Situation zu beenden, wird unter anderem der Gedanke diskutiert, die Ukraine zu einem neutralen Staat zu machen. Der Mitbegründer von DiEM25, Yanis Varoufakis, hat von den Vorteilen einer „Finnlandisierung“ des Landes gesprochen, auch wenn dies alles andere als einfach wäre.
Es würde bedeuten, dass die Ukraine sowohl dem Westen als auch Russland gegenüber neutral wird und eine Entmilitarisierung einschließen. Der Begriff „Finnlandisierung“ bezieht sich auf den Friedensvertrag mit Finnland von 1947 und das finnisch-sowjetische Abkommen über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand von 1948.
In seiner Antwort auf Fragen, die in unserer jüngsten Diskussion zum Thema „Wie kann der Krieg in der Ukraine beendet werden“ gestellt wurden, erklärte Varoufakis, warum dies ein fruchtbares Ergebnis sein könnte:

„Die erste Frage lautet: ‚War die Finnlandisierung nicht eine schreckliche Sache für Finnland, die ihm aufgezwungen wurde?‘ Nun, sie wurde Finnland als Ergebnis eines Krieges mit Russland aufgezwungen, aber war sie schrecklich? – Finnland war ein vollwertiges demokratisches Land. Ja, sie mussten sich während des Kalten Krieges mit ihrer Kritik an der Sowjetunion ein wenig zurückhalten. Wenn sie die Wahl zwischen einer Finnlandisierung und einer Nicht-Finnlandisierung gehabt hätten, hätten sie sich ohne Zweifel für Letzteres entschieden, wenn alle anderen Gegebenheiten gleich gewesen wären. Mit anderen Worten: nicht von Russland verschlungen zu werden. Lass mich euch sagen, dass ich schon ein paar Jahre gelebt habe, und alt genug bin, um mich daran zu erinnern, dass ich in einem NATO-Land gelebt habe, in dem gleichzeitig eine faschistische rechte Diktatur herrschte, hier in Griechenland. Und ich kann euch versichern, dass wir damals davon träumten, Finnland zu sein. Wir sahen Finnland oder Österreich – Länder, die weder in der NATO, noch in der Europäischen Union waren – als wahr gewordene Träume für ihre Bevölkerung. Und wir hatten Recht, denn Österreich und Finnland haben in einem Zustand der Finnlandisierung, der Neutralität, bemerkenswerte Errungenschaften erzielt. Es sind bemerkenswerte Ergebnisse – politisch, technologisch, im Bildungswesen, im Gesundheitswesen, in der Sozialdemokratie, und das wäre für die Ukraine heute nicht schlecht.“

Einige sind der Meinung, dass Wladimir Putin, selbst wenn ein solches Abkommen für die Ukraine zustande käme, seine Meinung schnell ändern könnte, und es damit bedeutungslos machen würde.

„Nun, das ist nicht mein Vorschlag. Es ist nicht unser Vorschlag“, sagte Varoufakis. „Unser Vorschlag wäre, dass dies das Ergebnis eines Gipfeltreffens zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und Russland sein sollte, das Ergebnis eines Abkommens, eines verbindlichen Abkommens, einschließlich der Entmilitarisierung der Grenzgebiete des Donbass, das von beiden Seiten garantiert werden würde. Und Putin würde das sogar begrüßen, weil er seinem eigenen Volk, seinem Regime, seiner Partei zeigen könnte, dass er von Washington DC ernst genommen wird.“

Varoufakis besteht darauf, dass dies nur durch den Willen des ukrainischen Volkes zustande kommen sollte und nicht als etwas, das ihnen aufgezwungen wird.

„Wir sind Demokrat:innen, aber damit die Ukrainer:innen sich entscheiden können, gibt es zwei Voraussetzungen“, betont Varoufakis. Die erste bestehe darin, dass der Westen, die Europäische Union, ihnen die Wahrheit sagt und sie nicht an der Nase herumführt, denn das ist es, was die Europäische Union tue – sie verspreche ihnen Dinge, die sie nicht bereit ist zu halten. „Die Sache mit dem Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union – sie können es versprechen, bis sie schwarz werden. Aber sie meinen es nicht ernst. Berlin wird die Ukraine auf keinen Fall als Mitglied der Europäischen Union akzeptieren, selbst wenn sie das sagen, nicht für eine sehr lange Zeit. Und schon gar nicht, solange der Donbass besetzt ist, und nicht, solange die Wirtschaft in Scherben liegt. Die Ukraine muss also erst wieder aufgebaut werden, bevor es eine Chance auf einen Beitritt zur Europäischen Union gibt.“

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DiEM25 Communications

7. 3 .2022

***

Fürchterlichkeiten. Friedrich Nietzsches Unentbehrlichkeit des Krieges. Mit einer Aufrüstungsspekulation, für deren Gültigkeit sogar Dreadlocks ein Indiz sind.

 

 

 

Der Krieg unentbehrlich.
Es ist eitel Schwärmerei und Schönseelentum, von der Menschheit noch viel (oder gar: erst recht viel) zu erwarten, wenn sie verlernt hat, Kriege zu führen. Einstweilen kennen wir keine anderen Mittel, wodurch mattwerdenden Völkern jene rauhe Energie des Feldlagers, jener tiefe unpersönliche Hass, jene Mörder-Kaltblütigkeit mit gutem Gewissen, jene gemeinsame organisierende Glut in der Vernichtung des Feindes, jene stolze Gleichgültigkeit gegen große Verluste, gegen das eigene Dasein und das der Befreundeten, jenes dumpfe erdbebenhafte Erschüttern der Seele ebenso stark und sicher mitgeteilt werden könnte, wie dies jeder große Krieg tut: von den hier hervorbrechenden Bächen und Strömen, welche freilich Steine und Unrat aller Art mit sich wälzen und die Wiesen zarter Kulturen zu Grunde richten, werden nachher unter günstigen Umständen die Räderwerke in den Werkstätten des Geistes mit neuer Kraft umgedreht. Die Kultur kann die Leidenschaften, Laster und Bosheiten durchaus nicht entbehren. — Als die kaiserlich gewordenen Römer der Kriege etwas müde wurden, versuchten sie aus Tierhetzen, Gladiatorenkämpfen und Christenverfolgungen sich neue Kraft zu gewinnen. Die jetzigen Engländer, welche im Ganzen auch dem Kriege abgesagt zu haben scheinen, ergreifen ein anderes Mittel, um jene entschwindenden Kräfte neu zu erzeugen: jene gefährlichen Entdeckungsreisen, Durchschiffungen, Erkletterungen, zu wissenschaftlichen Zwecken, wie es heißt, unternommen, in Wahrheit, um überschüssige Kraft aus Abenteuern und Gefahren aller Art mit nach Hause zu bringen. Man wird noch vielerlei solche Surrogate des Krieges ausfindig machen, aber vielleicht durch sie immer mehr einsehen, dass eine solche hoch kultivierte und daher notwendig matte Menschheit, wie die der jetzigen Europäer, nicht nur der Kriege, sondern der größten und furchtbarsten Kriege — also zeitweiliger Rückfälle in die Barbarei — bedarf, um nicht an den Mitteln der Kultur ihre Kultur und ihr Dasein selber einzubüßen.

Man könnte aber auch von einem selbstregulativen Prozeß der Natur sprechen – dort, wo der Mensch sich überhebt. Er, der Krieg, bringt dann b e i d e Seiten um, uns — darin die Ukraine, wie sie es verlangt, als, ja, europäischen Staat selbstverständlich enthalten — u n d die russische Nation, die zu einem kulturell wichtigen Teil ebenfalls Europa ist. Hier wird nicht mehr geschieden, Tsunamis differenzieren so wenig wie Erdbeben und Sandstürme. Auch Hoffnungsträger, etwa mein Sohn und seine Generation, werden darin zerrieben, zumal sogar Bewegungen wie Fridays for Future, diese etwa vermittels → des Ausschlusses Ronja Maltzahns, kräftig daran mitwirkt. Der humanistische Fortschritt frißt seine Kinder, wenn die Barbarei an ganz anderer Stelle, als wir sie vermuten und analysieren, also außerhalb unsres rationalen Vermögens, der Wirkgrund eines Krieges ist, jenseits nämlich menschlicher Schuldkategorien. So daß auch das Wort “Barbarei” nicht verfängt. Anders als er selbst und als wir es glauben, ist der schuldige Putinist dann gar nicht bewußter Akteur, sondern exekutierendes Mittel, das, hat es den matrisch bewirkten Naturzweck erfüllt, m i t hinweggerissen wird. Wobei sich dieser Gedanke darüber klarsein muß, daß hinter dem Prozeß kein gestaltender Wille, sondern eine – eben matrische – Struktur steht. “Matrisch”, nicht deterministisch, weil die überdies nicht distinkten Determinanten nicht zeitlich-kausel wirken, sondern in – ecco überzeitlichen – Rückkopplungsschleifen, Rückkopplungszyklen und Rück-kopplungspiralen.
Deshalb wäre, Nietzsches Unentbehrlichkeit des Krieges zu erkennen, die Voraussetzung, ihn entbehrlich werden zu lassen und endlich aus der Welt zu schaffen, und dann tatsächlich für immer — hingegen der jetzt wieder aus dem fast schon Vergessen gehobene Abschreckungswille ihn als jederzeit denkbar in der Gegenwart hält. Wir müßten diese Dialektik überschreiten, um das, was wir als Tragik fühlen, zu neutralisieren. Denn was gedacht wird, das geschieht. — Das Grundprinzp begreifen. Dazu gehört nicht der konkrete einzelne Schreckensfall, sondern etwas weit darüber hinaus. Ein gewissermaßen kosmologisches, wirkendes dynamisches Prinzip, das unter anderm nötig machte, etwa die Pandemie mit dem Ukrainekrieg zusammenzudenken.

Putin und die Omertà ODER Dr. Exkanzlerbergers Badereise. Viertes Bändchen, “Die Waschung”.

 

Cu è surdu, orbu e taci,
campa cent’ anni ’mpaci.
[1]Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden.

Proverbio siciliano
Ich kann alles verzeihen außer Verrat.
Vladimir Putin[2]In einem Fernsehinterview im März 2018

I s t sie das, die “Sache” — also schiefgelaufen? Wenn ja, für wen (und für wen n  i c h t)? Dr. Exkanzlerbergers so langes Schweigen zu Putins Aggressionskrieg und nach wie vor an seinen russischen Posten festzuhalten galt der Erhaltung seines Reichtums? Weshalb betete seine fünfte Frau? Um was? Auch sie um ihren Wohlstand? Das Ehepaar hat genug auf der Kante. Darum konnt’ es also nicht gehen.

Putin, dessen Machtergreifung Schritt um Schritt → den Strategien Mussolinis folgte, hat eines aber anders gemacht, nämlich nicht die Mafia zum Erzfeind erklärt – der “Duce” wohl anfangs → aus eitlen Gründen, die dem Pragmatiker Putin egal warn – und unerbittlich sie verfolgt sowie sie schließlich zerschlagen (erst die USA setzten nach dem Einmarsch ins faschistische Italien die Repäsentanten der Mafia – in Kampanien der Camorra – wieder ein – aus vor allem adminstrativen Gründen[3]Es kann aber sein, daß → Lucky Luciano da mitgewirkt hat.), sondern sich nicht nur ihr verbündet, in diesem Fall der russischen Mafia, vielmehr sich zu ihrem Paten gemacht, vor dem jeder Gefolgsmensch ein Gelübde ablegen muß, quasi den Treue- und Schweigeschwur leisten, den der Begriff der Omertà konzentriert.

Der Initiationsritus der Cosa Nostra folgt, etwas verkürzt, → diesem Muster:

Der Adept “geht auf seinen Putin zu, der ihm ein Kärtchen mit einem Bild der Verkündigung in die Hand drückt, deren Festtag der 25. März ist, aber auch der Festtag der Cosa Nostra. Mit einer entschlossenen Geste schneidet er die Fingerspitze des ihm dargebotenen Fingers ab und lässt das Blut auf das heilige Bild tropfen, bevor er es in den Händen des Anwärters belässt. Dann sagt er: “Du darfst niemals unsere Geheimnisse verraten. Man betritt die Cosa Nostra mit Blut und man verlässt sie nur durch Blut”.[4]“Non dovrete mai tradire i nostri segreti. Si entra in Cosa Nostra con il sangue”
Dann zündet der Putin das heilige Bild an, und der Eingeweihte, der den durch die Flamme verursachten Schmerz beherrscht, wiederholt: “Ich schwöre, niemals die Gebote der Cosa Nostra zu verraten. Sollte ich sie jemals verraten, so möge mein Fleisch brennen wie dieses heilige Bild. Wir sind ein und dieselbe Sache. Unser Ding. Cosa Nostra”.[5]”Giuro di non tradire mai i comandamenti di Cosa Nostra. Se mai dovessi tradirli , che le mie carni brucino come quest’ immagine santa. Noi siamo una sola e medesima cosa . La nostra cosa. Cosa … Continue reading

Bei der Camorra wiederum sitzen alle Anhänger

“im Schein einer Kerze um einen Tisch, auf dem ein Dolch, eine geladene Pistole und ein Glas mit vergiftetem Wein liegen. Der Camorrist-Kandidat wird mit dem Dolch in den Arm getroffen. Dann schwört er Gehorsam, Loyalität und Diskretion, während er seinen blutigen Arm hält. Nunmehr nimmt er die Pistole und richtet sie auf seine Schläfe, während er mit der anderen Hand das vergiftete Glas an seine Lippen führt. Nachdem er ihn auf die Knie gezwungen hat, legt der Putin ihm die Hand auf den Kopf und reicht ihm den Dolch.[6]Es ist bezeichnend und erinnert deutlich an des Diktators Nähe zur russisch-orthodoxen Kirche, wie sehr diese Szene der durch JHWE abgebrochenen Opferung Isaaks ähnelt (Genesis 22, → 1-19 Dann wendet er sich an die Anwesenden und ruft: “Erkennt den Mann! So werden Putinisten geboren.”[7]“Riconoscete l’ uomo! Così nascono i putinisti.”

Schwieg Dr. Exkanzlerberger, weil er um die Tötungen[8]Igor Domnikow, Iskander Chatloni,Sergej Juschenkow, Jurij Schtschechotschichin, Paul Klebnikow, Anna Politkowskaja, Alexander Litwinenko, Stanislaw Markelow, Natalia Estemirowa, Sergej Magnizki, … Continue reading wußte, die ein Bruch der Omertà zweifelsfrei zur Folge hat, und reiste nach Rußland, um – nach seiner Kommunion vor Jahren – den Treueschwur zu firmen? Dann wäre Melnyks von der Frankfurter Rundschau zitierte und anderer Medien Ansicht falsch, die “ganze Sache” sei schiefgelaufen. Denn Dr. Exkanzlerberger, zurückgekehrt, lebt. So hat denn seiner Frau Gebet am Ende doch geholfen.

Freilich etwas ganz anderes wär’ es gewesen, wenn ich im Punkte des Ekels den zarten Wieland zum Muster genommen hätte und, wie er (…) auf einer Vignette, statt unseres Exkanzlerbergers, dem über nichts übel wird, einen Leser hätte aufgestellt, der sich über den Doktor und das Gelesene öffentlich erbricht. Aber zum Glücke ist im ganzen Werke von allen Lesern kein einziger in Kupfer gestochen und kann also die andern auf dem Stuhle seßhaften nicht anstecken.

Dr. Exkanzlerbergers Badereise, Vorrede zur zweiten Auflage
Jean Paul Fr. Richter, Baireuth, den 16. Oktober 1822

References

References
1 Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden.
2 In einem Fernsehinterview im März 2018
3 Es kann aber sein, daß → Lucky Luciano da mitgewirkt hat.
4 “Non dovrete mai tradire i nostri segreti. Si entra in Cosa Nostra con il sangue”
5 ”Giuro di non tradire mai i comandamenti di Cosa Nostra. Se mai dovessi tradirli , che le mie carni brucino come quest’ immagine santa. Noi siamo una sola e medesima cosa . La nostra cosa. Cosa Nostra!.”
6 Es ist bezeichnend und erinnert deutlich an des Diktators Nähe zur russisch-orthodoxen Kirche, wie sehr diese Szene der durch JHWE abgebrochenen Opferung Isaaks ähnelt (Genesis 22, → 1-19
7 “Riconoscete l’ uomo! Così nascono i putinisti.”
8 Igor Domnikow, Iskander Chatloni,Sergej Juschenkow, Jurij Schtschechotschichin, Paul Klebnikow, Anna Politkowskaja, Alexander Litwinenko, Stanislaw Markelow, Natalia Estemirowa, Sergej Magnizki, Boris Beresowski, Boris Nemzow, Selimchan Changoschwili. Nach Attentaten noch am Leben sind Wladimir Kara-Mursa und Sergei Skripal.

Die Presseerklärung des Deutschen PENs. Ein Mitergebnis des Offenen Briefes an Deniz Yücel der Ukraine-Dialoge V.

[→ Ukraine-Dialoge V:
Offener Brief an Deniz Yücel]

Der Feind heißt Putin, nicht Puschkin
Pressemitteilung[1]Dort als PDF, Darmstadt, 6. März 2022
Es herrscht Krieg in Europa. Der russische Autokrat Wladimir Putin lässt seine Truppen die Ukraine überfallen. Alle, die in diesem verbrecherischen Angriffskrieg zu Tode kommen, sind Putins Opfer: sowohl die ukrainischen Zivilist:innen, als auch die ukrainischen Soldat:innen, die die Freiheit ihres Landes gegen Totalitarismus und Willkür verteidigen. Und auch die oft getäuschten und stets schlecht ausgerüsteten russischen Soldat:innen, die im Kampf für Putins Machtphantasien und Bedrohungsparanoia sterben, sind Opfer dieses Völkerrechtsbruchs.Darum begrüßt das deutsche PEN-Zentrum Maßnahmen, die geeignet sind, die russische Kriegswirtschaft zu schwächen und das Putin-Regime international zu ächten. Doch wenn vom Ausschluss aus dem SWIFT-System bestimmte Banken ausgenommen werden, um Gaslieferungen aus Russland nicht zu gefährden oder die Verluste deutscher Banken zu mindern, lautet die fatale wie falsche Botschaft: Europa ist solidarisch, solange es uns nicht zu viel kostet. Angesichts solch inkonsequenter Maßnahmen – oder der lange Zeit insbesondere von der Bundesregierung verweigerten praktischen Hilfe an die Ukraine – wirken Forderungen, Bücher russischer Autor:innen zu boykottieren oder ihre Stücke nicht mehr aufzuführen, erst recht nach symbolischen Ersatzhandlungen. Ein pauschaler Boykott beträfe zudem die mutigen Kolleginnen und Kollegen in Russland, die Putins skrupelloser Gewaltherrschaft und diesem Krieg widersprechen.[2]Hervorhebung von mir, ANH Wenn wir uns zu solchen Reflexen, zu Pauschalisierungen und Anfeindungen gegen Russinnen und Russen hinreißen lassen, hat der Wahnsinn gesiegt, [und] die Vernunft und die Menschlichkeit [haben] verloren. PEN-Präsident Deniz Yücel erklärte: „Der Feind heißt Putin, nicht Puschkin, Tolstoi oder Achmatowa. Der PEN steht an der Seite aller Menschen in allen Ländern, die in Frieden, Freiheit und Würde leben wollen.”
Pressekontakt:
Felix Hille, PEN-Zentrum Deutschland e.V.,
Fiedlerweg 20, 64287 Darmstadt
Tel.: 06151/627 08 23 Mobil: 0157/31382637
Fax.: 06151/293414 f.hille@pen-deutschland.de
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[→ Ukraine-Dialoge V:
Offener Brief an Deniz Yücel]

References

References
1 Dort als PDF
2 Hervorhebung von mir, ANH

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Erste Serie, neunter Tag:
Dem nahsten Orient

|| “Ach deine Wunden bluten” ||

 

 

Alban Nikolai Herbst
Dem nahsten Orient
Liebesgedichte
mit den Übersetzungen
von
Raymond Prunier
Très proche Orient
ISBN-10 : 3933974720
ISBN-13 : 978-3933974723

 

 

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