Der Künstler sagt: “Auch das ist Material.” Privatestes zum Ukrainekrieg. Und zu Händel im Theater an der Wien. Ja, es i s t obszön. Und muß – nach sechs Stunden Musik – genau deshalb gewagt sein. Weil es Verletzlichkeit zugibt, wo fast allewelt sich zu Helden mutiert. (Was interessieren da noch meine Bücher?) | Als das fast schon Wiederarbeitenkönnenjournal des Montags, den 4. April 2022.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich habe – nach über sechs Stunden unentwegt Musik, erst mit den Bildern des → 3sat-Mitschnitts, danach ohne sie – … habe s e l b s t gezögert, ob ich dieses Bild nicht nur einstellen, nein überhaupt aufnehmen dürfe. Sofort fiel mir das Wort “obszön” ein, und ich schrieb es, weiter- und weiterweinend, meiner Lektorin, nannte, was über mich gekommen, “flennen”, denn das war es. Und weiß nun ebensowenig, nachdem ich mich dafür entschied, ob ich es erklären darf. Ich habe in ihr ja ein außengelagertes literarisches ÜberIch, das es mir strikt verbieten würde, wahscheinlich. Deshalb wollte ich alles, und ob überhaupt, erst heute früh entscheiden und nicht, wie seit dem 24. Februar sonst, als erstes die neuen Nachrichten über den Krieg und die Artikel zu ihm lesen, war in dem Kampf quasi ja selbst, einem publizistischen freilich, nicht im Gewehrfeuer, um von den Raketen zu schweigen, daß solche hier schon einschlagen würden, aber allenthalben dennoch Krieg, selbst in den getippten Wortwechseln, derer es gestern erneut viele waren, die sich geradezu anboten, aus ihnen je einen neuen → Ukraine-Dialog zu formen.
Es war eine Entscheidung gewesen, gestern mittag, F r i e d e n zu haben. “Du mußt von dem Krieg wegkommen”, schrieb die Lektorin. “Du darfst dich nicht aufsaugen lassen”, schrieb die Wölfin. “Sie müssen auf Distanz gehen”, schrieb eine Brief- und Seelenfreundin.

An Sonnabend hatte um 21.57 Uhr लक्ष्मी in Whatsapp getippt:

 

Ich war in anderem drin, wußte, ich würde mich nicht konzentrieren können, aber ließ den Mitschnitt mittels des JDownloaders im Hintergrund herunterladen, ging irgendwann schlafen, ohne überhaupt zu kontrollieren, ob es geklappt hatte.
Der Sonntag brach an, die  längst schon “Kriegsroutine” ging wieder los, lesen, lesen, lesen und bereits, auf FB, die ersten Wortwechsel. Vor mir lag aber immer noch die wieder und wieder aufgeschobene Nachwort-Aufgabe für Eigners nachgelassenen Roman; ich stehe dem Verleger im dringendsten Wort. Ging nicht, ging abermals nicht, der Krieg hielt mich fest. Die Brieffreundin schrieb: “Ich habe heute Mittag wie immer den Presseclub gesehen, da kommt Einiges auf uns zu, was wir noch gar nicht übersehen können, mit der jetzigen Embargo-Diskussion werden Zusammenhänge klar, die mich beunruhigen.” Ich antwortete, die dräuenden Zeichen ebenfalls zu sehen und, vor allem, zu spüren. Dann öffnete ich die Eignerdatei. Und sagte Stop. – Hatte gestern der Download geklappt?

Hatte er.

Ich ging in die Küche, um mir vom gestern zubereiteten Dal zu nehmen, wärmte auf, streute gehackten Koriander darüber, tat an den Tellerrand drei Klatscher Joghurts hinzu, nahm einen Fladen Chapatti, Inder essen mit den Fingern, es paßte zu meiner लक्ष्मी Link.
Und sah mir die Aufführung an, von Anfang an und dann zunehmend fasziniert:

Mein Fasziniertsein nahm ständig zu, auch weil keine der Sängerinnen meinen erotischen Vorlieben entsprach, sie alle waren zu drall. Aber. Wenn. sie. s a n g e n ! Die Musik mächtig, zugleich filigran, in den ProAcs, mein Zimmer bebte, nebenan die Wohnungen taten’s wohl auch. Doch niemand kam, um um Ruhe zu klopfen. Alle, alle ließen mich.
Welch grandiose Inszenierung Keith Warners, wie feinsinnig und kraftvoll! Doch vor allem, wann hatte ich zuletzt einen Counter gehört, der wie Michael Chance singen konnte? Und dieser Ausdruck, die Schauspielkunst des gesamten Ensembles, besonders aber Bejun Mehtas, allein die filigranen Bewegungen der Lippen, des Kehlkopfs … Ich konnte es nicht fassen. Wie hin- und hergerissen Louise Alders Cleopatra, welch Überhebung, dann Sturz, dann Klage und Erlösung, Klage aber besonders der Cornelia Patricia Bardons – und wie Mehta vor allem Jake Ardittis Counter mitzog, der besser, ständig besser wurde. Dazu der Concentus Musicus Wien, von dem ungeschlacht wirkenden, so enorm präzisen und derart warmherzigen Ivor Bolton geleitet, daß mir kein anderes Wort als “in strömender Hitze” dazu einfällt.
Ich wiederhole, ich war fasziniert, ja berauscht. Und aber doch noch nicht ergriffen, sah mir noch den Applaus an, freute mich, erinnerte mich.

 

In diesem kleinen Opernhaus war ich einmal gewesen, vergangenes Jahr mit Elvira M. Gross, meiner, Sie wissen, Lektorin, die dieses Theater an der Wien so sehr liebt. Weshalb, verstand ich da noch nicht ganz. W a s ich aber jetzt verstand, war, ich müsse sofort noch einmal hören, doch n u r noch hören. Keine Bilder mehr. Ich hatte eine gute Inszenierung gesehen, gesehen aber doch zu v i e l.

In die Küche wieder, den Eiweißshake bereiten, den ich täglich des Krebses wegen trinke, also um nicht weiter abzunehmen ohne einen Magen; → Liligeia selbst ist ja still, die schlafende Vulkanin. Auch das indes kommt zu meiner Not der vergangenen Wochen hinzu, daß ich zu fürchten begann, der Kriegslärm werde sie wieder aufwecken: zu groß meine ständige Angst, manchmal Panik, zu verhärtet mein kämpfendes Argumentieren und immer wieder kurz vor Abstürzen in Depression, wenn ich abermals merke, nicht mehr arbeiten zu können, was “dichten” meint, arbeiten selbst kann ich schon – aber immer nur im Blick diesen Krieg, wieder und wieder den Krieg und daß ich gegen ihn anschreiben müsse, weil andres mir nicht bleibt. Deshalb nun auch das Bromazepam (Lexotanil gibt es nicht mehr), aber vorsichtig, ich weiß um die Gefahr, die erste halbe Tablette, vor fünf Tagen, war schon überdosiert, ich schlief ab mittags fünf Stunden. Also eine Viertel Tablette alle zwei Tage. Ich werde dann ruhig, kann auch mal wegdenken. Höre auf, mich zu verkrampfen, und die Angst weicht. Ich habe den Krebs bislang so gut überstanden, weil ich keine hatte und mich nicht hilflos fühlte. Seit dem 24. Februar ist es anders. Mit dem Krieg stieg die Gefahr, daß Liligeia meine Schwäche nutzt. Wenn sie nur schläft und nicht fort ist. Was niemand wissen kann. Als geheilt gilt man erst nach fünf Jahren, die OP liegt erst eindreiviertel Jahre zurück. Und, wie ich gestern Elvira schrieb, es ist ein extremes Merkmal meiner Arbeit, daß ich immer hingucke, nie weggucke, schon gar nicht verdränge.

Doch gestern hatte ich nichts eingenommen, ganz bewußt pausiert.

Zwei Bananen in den Eiweißshake schneiden, zwei Zitronen auspressen, den Saft hinzugeben und alles schnell vermixen, damit die Milch nicht gerinnt. Etwa ein Liter Flüssigkeitsmus. Damit an den Schreibtisch zurück und jetzt die Staxhörer nehmen.

Nur die Musik.

Es brauchte keine zehn Minuten, und die Tränen flossen. Was hatte ich vorhin alles nicht gehört! Jetzt, die Bilder nur im Sinn, faltete sich eine Klangwelt in mir auf, die mich geradezu verflüssigte, jede, spürte ich, innre Verstarrung wurde erst gelockert, Erstarrung a u c h, nach zwei Stunden Musik war ich komplett naß, denn auch die Haut, schien es, weinte. Elvira meldete sich wieder, ich tippte es und sang wahrscheinlich dabei mit, also graunzte, und dann begann ich zu heulen, immer wieder in Anfällen, zwischen denen ich erneut der Freundin tippte, auch der Brieffreundin, die sich ebenfalls meldete, weil ich beiden meinen Mitschnitt zukommen ließ, während ich hörte, lauschte, abermals mitsang, abermals krampfartig heulte. So daß ich begriff, um wie vieles ich heulte, nicht wegen der Operngeschehen, nicht, weil Cornelia so leidet, Sesto derart wütend ist und Cäsar unvergleichbar zart, wie oft er sich auch in die Brust wirft als Herr. Sondern es war die Not-an-sich, die aus dieser Musik trat, hervortrat, alle Not in sich umfangend und ihr Klang gebend, ja überhaupt Stimme. Ich heulte, begriff ich, wegen dieses Krieges, heulte wegen meiner Hilflosigkeit, die zu Angst gefroren war, was nun schmolz, heulte meines Alleinseins wegen, eines am Grunde, ich bin ja geliebt, das ist es nicht, aber dennoch ohne jemals wieder, empfand ich, gestreichelte Haut. Ich heulte, weil ich mich auf → den Gedichtband, endlich die Béarts, die nächste Woche heraussein werden, nicht mehr freuen kann und weil mir die Dichtung grad insgesamt egal ist. Ich heulte, weil ich derart in Sorge, daß dieser Krieg auch meinen Sohn erreicht, und die Zwillinge. लक्ष्मी, Elvira, Do und die Löwin sowie alle Freunde. Und zum ersten Mal heulte ich wahrscheinlich auch wegen des Krebses, dessentwegen ich in den seit der Diagnose nun schon zwei Jahren nicht wenigstens mal geweint habe. Nicht eine einzige Träne ist mir gekommen. Nicht mal mehr darum, daß mir die Chemo die Fruchtbarkeit zerstört hat. Seit der Diagnose stehe ich in permanentem Kampf, ohne es gewußt zu haben und hätt es wissen auch nicht dürfen, wenn ich da durchkommen wollte. Was mir gelang. Weil ich etwas tun konnte, mich verhalten konnte. Nun heulte ich und heulte, weil ich gegen diesen Krieg nichts tun, ja nicht einmal sicher sein kann, welche von all den Informationen stimmen, welche nicht. Welche nur halbwahr sind. Welche auch gar nicht laut werden dürfen, weil auch der Aggressor sie läse. Das ganze Chaos floß aus mir raus. — Und da, fast am Ende der Musik, kam der kalte Gedanke zurück – den künstlerischen meine ich. Daß alles, was mir und andren geschieht, für die Kunst Material ist und also ich selbst Material bin. Daß ich es fassen muß, es einfassend niederschreiben, um es überhaupt gestalten zu können. Daß diese Gestaltung, Formgebung also, das Substrat meiner Kunst ist. Und ich schoß, um es sichtbar zu machen, diese drei Fotos. Ja, ich schoß. “Wie obszön,” dachte ich, “wie furchtbar obszön! Und aber doch: wie nötig.” Und tippte es für Elvira in Signal ein. Weil ich gegenwärtig bleiben wollte:

Als ich vorhin um kurz nach sechs aufstand, war mein Gesicht noch verklebt. Aber da ich, nachts noch, diesen Beitrag vorbereitet hatte, noch keinen Text geschrieben, nein, außer einem Teil der Überschrift, doch eines der Bilder ausgewählt – das dort ganz oben – und eingesetzt, tat ich jetzt nicht wie sonst, las nichts, sah keine Mails an, erst recht nicht in den → Ukraine-liveBlog der ZEIT, sondern, nachdem der Latte macchiato bereitet, setzte mich gleich an den Schreibtisch und, nachdem auch die erste Pfeife gestopft, b e g a n n. Sowie er fertig ist, werde ich unter die Dusche springen, um mich danach zu kleiden. Denn es wird Zeit für neue Form. Mag sein, daß ich dann auch den Eignertext schreibe – ihn zu schreiben nun endlich vermag.

Ihr ANH
9.01 Uhr

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P.S.: Die oben schon → verlinkte Aufführung
kann noch bis zum 9 April abgerufen werden.


(17.19 Uhr
Ich vermochte es n i c h t.)

Verschwörung der Gesichter. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 6

 

Buchfassung 1983:

(…)

Mit welchem Satz Laupeyßer von Schulze empfangen worden war, am 16., abends, es war dunkel gewesen bereits und die Räumung der Wohnung vollzogen. Kaum hatte Laupeyßer ge­klingelt – was heißt, er klingelte sicherlich an die fünf Mal, wähnte sich schon umsonst hergekommen, graute sich vor der Rückkehr in seine Wohnung, deren Leere noch keinen Reiz be­saß, weil Laupeyßer, wie zugegeben, feststellte, daß er innerlich sehr gehangen hatte an den nun veräußerten Dingen –, hatte kaum geklingelt also, ich bleibe dabei, beim kaum, – hatte kaum geklingelt, da wurde die Eingangstür schon brüsk aufgerissen, wie jemand die Tür öffnet, der hinausstürzen will, weil er verfolgt wird. Stand Schulze im Eingang, süßlicher Biergeruch entwich ihm und schlug Laupeyßer an. Schulze schien keinen Moment verwirrt, Laupeyßer zu gewahren, erkannte ihn auch sofort wieder.»Die Zeitmine ist geplatzt«, sagte er hastig. »Kommen Sie bloß rein! Nun machen Sie schon, schnell!« Zerrte mich an der Schul­terwölbung des Jacketts mit sich in den Treppenflur, zog mich ein Stockwerk hinauf in seine Wohnung, knallte mit großer Heftigkeit die Tür ins Schloß. Dann wankte er mir voran durch den Flur in eines der Zimmer.
»Sie sind also gekommen«, sagte er mit beruhigterer Stimme. »Hören Sie, es ist schrecklich. Wir müssen ganz still sein, dürfen nicht auffallen. Ich weiß sonst nicht mehr, was … Ich garantiere für nichts.« Wobei er sich mißtrauisch umsah, hinter sich und sogar unter seinen Korbstuhl blickte.
»Aber was … Was ist denn geschehen?«
»Heute nacht, wie … Aber bloß still!« Er legte einen Finger auf die Lippen, lauschte. »Ich bin nicht mehr sicher hier. Sie sind sehr stark geworden plötzlich. Dabei … Dabei hatte ich ge­dacht, ich hätte sie nun fest, sie könnten mir nichts mehr …«
»Aber was denn, Schulze?!«
»Die Gesichter, Herr Falbin, die Gesichter! Sie sind … Es stimmt nicht mehr … Das heißt, jetzt stimmt es schon wieder, aber … aber heute morgen …« Den Rest des Satzes verschluckte oder murmelte er; schluckte wirklich einmal, zwei­mal.
»Was stimmte nicht mehr? Also erzählen müssen Sie’s mir schon, sonst kann ich ja gleich wieder gehn.«
»O Verzeihung, wirklich. Verzeihen Sie mir … – Sie mögen etwas trinken? Einen Kaffee? Ich habe so selten Gäste. Ich bin darin nicht mehr geübt …«
Ich hatte bei Agnes schon die ganze Zeit Kaffee getrunken, war aufgekratzt, auch fiebrig, aber ich nickte trotzdem. Schulze stand auf, fuhrwerkte in der Küche herum, was ich freilich nicht sehen konnte, nur hörte: ein polternder dicklicher Mensch, den der Alkohol vermutlich bereits in der Motorik behinderte. Wäh­rend seiner Abwesenheit blieb mir Zeit, mich genau umzusehen, bemerkte erstmalig die Ziffern, Zahlen, Kritzeleien, die überall in welligen Linien quer über die Wände gingen. Es roch sehr wider­wärtig. Kaum war ich in die Wohnung gezerrt worden, war es mich käsig und fleischig angeplatzt, wie Verwesendes röche in einem sehr engen Raum. Dabei, höchst eigenartig!: Nirgendwo Staub, kein Spinnengewebe unter der Decke, das Zimmer gesaugt, nicht ein einziger Flusen darauf. Eine pedantische, fast verbissene Hygiene obwaltete.
»Was stimmt denn nun nicht mehr? Sagen Sie schon«, fragte ich, als Schulze zurückgekommen war, der wie ein Störfaktor wirkte, wie ein Fremdkörper, ein Schmutzpartikel inmitten des Scheuerpulverzimmers, das obendrein noch mit weißen Küchenmöbeln und ebenfalls weißen Korbstühlen eingerichtet worden war und gewissermaßen ausgeblichen wirkte. Ich assoziierte sofort alte Knochen, die über Jahre dem Sonnen­schein ausgesetzt sind. »Was stimmt nicht mehr?«
»Es ist schrecklich«, antwortete Schulze, schwieg darauf, biß sich in die Unterlippe, nagte daran, als sammelte er sich, schenkte, aufgeschreckt, den Kaffee in die Tassen, langte nach einer Bierflasche, die mit anderen in einem der geweißten Schleiflackschränke lag: Wie zu hundertfach schienen die Flaschen aufgestapelt darin. »Sie auch’n Bier?« fragte Schulze.
»Nein. Danke … Das heißt, doch, bitte, danke.«
»Es ist schrecklich«, wiederholte Schulze, »Weil nämlich, wie ich heut … heut früh … heute morgen, als ich aufgewacht … Ir­gendwie mußte es aber schon Mittag sein, weil: die Sonne stand hoch, auch … Ich merkte sofort, daß irgendwas sich verändert hatte. Das können Sie mir glauben. Und dann … Ja, die Gesich­ter, hier, sehen Sie? Die Gesichter, die … Und dann wußte ich so­fort, was es war. Sie können sich meinen Schrecken nicht …«
»Was denn?«
»Sie hatten sich bewegt, Herr Falbin, bewegt, hatten ihre Posi­tion verändert, alles durcheinandergebracht, alle Ziffern, al­les …«
»Wie?!«
»Sie hingen plötzlich falsch, Herr Falbin. Sie mußten, während ich schlief, von den Wänden geklettert sein. Wahrscheinlich haben sie getanzt. Und vermutlich müssen sie, ja müssen sie sogar … über meine Bettdecke … Müssen ja drübergekrabbelt sein! Und alles weg, die ganze Ordnung zunichte, alle Auf­zeichnungen vergeblich, an denen ich mich immer orientiert habe. Wissen Sie doch noch? Was ich erzählte? – Nun, das merkte ich doch. Ich kenne meine Ordnung, können Sie mir abnehmen, wirklich. – Ich also hoch, hab mich angezogen, war auch … verwirrt. Ist schließlich verständlich, oder? Dann hab ich gesehen, daß nichts zu essen mehr da war und bin einkaufen. Und stellen Sie sich vor … als ich zurückkam, da …«
»… hing alles wieder richtig«, konstatierte ich.
»Ja!« Schulze sah mich sinnierend an. »Woher wissen Sie das?«
»Dachte ich mir. Ist doch nicht schwer zu erraten, finden Sie nicht?« Ich fand die Situation kurios.
Schulze sah sich zaghaft um, flüsterte: »Sie verspotten mich, Herr Falbin. Warum verspotten Sie mich?«
»Aber dann ist doch alles wieder in bester Ordnung«, wich ich aus. »Was beunruhigt Sie denn jetzt noch?«
»Das fragen Sie?! Ja, mein Gott, verstehen Sie denn nicht?! Die Gesichter, die … die haben sich außerhalb meines Einflußbe­reichs begeben, die … die sind selbständig geworden, Herr Falbin! Selbständig! Wer weiß, was die noch alles tun werden …!«
»Aber Herr Schulze, das ist doch dumm! Was sollten denn …? – Und Sie haben alles überprüft? Alles wie vorher, nicht mehr die geringste Veränderung?«
Schulze schüttelte den fetten Kopf, strich sich über das vollgraue schmierige Haar.
»Dann haben Sie wahrscheinlich nur geträumt, haben sich ge­täuscht. Mehr nicht.«
»Ja«, sagte Schulze leise. »Das … das habe ich auch erst geglaubt, als ich vom Einkaufen zurückgekommen bin. Aber … aber dann …« Er legte den Zeigefinger erneut an die Lippen, machte »Psst!«, streckte mir die Handfläche der Linken entge­gen. »Seien Sie mal still für einen Augenblick, mal ganz still …« Wir schwiegen, ich lauschte. Von der Küche her sang das be­ständige Surren eines Kühlschranks, es klang wie Schnurren, als schnurrte die Maschine.
»Hören Sie nichts?« fragte Schulze, beließ den Zeigefinger vor den Lippen dabei. »Sie sprechen miteinander. Es ist schrecklich. Seit heute morgen, seit ich wiedergekommen bin, sprechen sie miteinander, plappern durcheinander, lauter haarfeine Stimmen. Gehässige Stimmen. Machen sich lustig. Hecken etwas aus. Sie haben miteinander zu kommunizieren begonnen, haben Kon­takt hergestellt. Ich weiß nicht, was ich tun soll dagegen. Ich bin so hilflos, Herr Falbin. Vielleicht wollen sie ausbrechen. Wenn sie sich jetzt schon bewegen können, dann wäre es doch mög­lich, daß sie ausbrächen? Nachts. Oder wenn ich mal die Tür nicht richtig geschlossen habe. Sie handeln im Moment ihren Fluchtplan aus. Sie wollen mich allein lassen. Ich weiß nicht.« Er führte die Bierflasche zum Mund, sein Kehlkopf zuckte beim Schlucken. »Und dann … dann bliebe ich doch wieder allein, wieder … und … und hätte gar keinen Kontakt mehr, gar keinen Kon…«
»… wenn ich Ihnen helfen kann?« sagte ich hilflos und ebenso leise.
»Ach Herr Falbin, das ist doch ein Witz«, antwortete Schulze.

(…)

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)
Kaum hatte Laupeyßer, allerdings insistierend langgezogen, geklingelt, ward auch schon die Tür aufgerissen, die Wohnungstüre, denn unten die des ganzen Hauses hatte, innen den Sturmhaken in die Stahlöse der Gegenplatte eingehängt, offengestanden; vielleicht, daß jemand schnell was wegbringen war und keine Lust auf gleich den Schlüssel hatte. Jedenfalls öffnete André Schulze derart brüsk, daß er mehr wie jemand wirkte, der panisch herausstürzt und nicht nur schauen will, was jemand von ihm will. Zumal er schlimm nach Bier roch. Dennoch schien er keinen Moment lang erstaunt zu sein, Laupeyßer zu sehen, faßte ihn statt dessen am Jackettärmel und zog ihn herein, wozu er ohne Punkt und Komma ausrief: »Die Zeitmine ist hochgegangen! kommen Sie bloß rein! Nun machen Sie schon schnell!« Hinter sich und dem unversehenen Gast knallte die Tür heftig in das Schloß zurück; Schulze schien ihr rückwärts einen Tritt versetzt zu haben.
Er drückte sich an mir vorbei und
wankte durch den Flur ins Wohnzimmer voran. Drin erst beruhigte er sich, sackte in seinen Korbstuhl, neben dem auf dem Boden eine geöffnete Bierflasche stand. Nach der er sofort griff, um sie an den Mund zu setzen.
Er nahm er einen langen, langen
glucksenden Schluck, wischte sich mit dem Unterarm über den Mund und sagte: »Sie sind also gekommen.« Dann sah er sich wie mißtrauisch um, hinter sich sogar, ja lugte unter seinen Sitz. Was durchaus Komik hatte, Laypeyßer auch so wahrnahm, aber nicht wirklich spürte. Statt dessen stieg ein ungefähres Schrecklich in ihm auf, nicht maßlos, nein, doch pochend unbehaglich. Schulze sprach genau das auch wieder aus: »Es ist schrecklich. – Hören Sie! Wir müssen ganz still sein, dürfen nicht auffallen. Sonst weiß ich nicht mehr, was … Ich garantiere für nichts.«
»Was ist denn geschehen?«
»Heute nacht, da … – Still, bloß still!« Er legte einen Finger auf die Lippen, lauschte. »Wir sind hier nicht mehr sicher. Sie haben plötzlich solch ein Leben bekommen! Dabei dachte ich doch, ich hätte sie so festgesetzt, gebannt, daß sie niemandem mehr etwas antun können, sondern für mich da sind.« »Wer hat Leben bekommen?!«
»Die Gesichter, Herr Falbin, die Gesichter doch! Sie sind … Es stimmt nicht mehr, sie stimmen nicht mehr! Das heißt, jetzt ja wieder, aber … aber heute morgen …« Den Rest des Satzes vermurmelte er und schluckte einmal, zweimal.
»Was stimmte nicht an ihnen? Erzählen müssen Sie’s nun schon.«
»O Verzeihung, wirklich. Verzeihen Sie mir … – Sie mögen etwas trinken? Einen Kaffee? Ich habe so selten Gäste. Ich bin in Gästen nicht mehr geübt …«
Ich hatte schon bei Agnes die ganze Zeit Kaffee getrunken, war aufgekratzt, auch fiebrig, nickte aber trotzdem. Schulze stand auf und fuhrwerkte poltrig in der, konnte ich annehmen, Küche herum. So war mir Zeit, mich umzusehen, und entdeckte erstmals all die in welligen Linien auf die Wände geschriebenen Ziffern, Zahlen, Kritzeleien. Der Zusammenhang ist mir unklar, aber sie hoben mir diese widerwärtige Mischung aus Kareishus und Domestos ins Bewußtsein; der Geruch hatte etwas von, unter gelöschtem Kalk, Verwesung. Als hätte ihn Schulze verzweifelt wegzuputzen versucht, doch vergeblich. Dieses Käsige war nicht wegzubekommen. Doch zugleich, das hatte etwas Erschütterndes, war nirgendwo auch nur Staub zu erkennen, geschweige Staubmäuse, weder unter der Zimmerdecke Altweibersommerfäden von Spinnen noch sonstiges Insenktengewirk an den Wänden. Wie auch? Sondern alles war von pedantischer, fast verbissener Hygiene beherrscht.»Was denn stimmte nun nicht mehr? Sagen Sie schon!« hakte ich nach, als Schulze zurückgekommen war und vor allem angesichts des deplazierten ausgeblichen-weißen Küchenschrankes wie eine Kloake wirkte, die Mensch geworden ist. Vor ausgeblichenem Knochenfurnier. »… was war es, das nicht mehr stimmte?«
»Es ist schrecklich.« Er benagte seine Unterlippe, biß sogar sichtlich hinein, aber um sich zu sammeln wohl. Dann, sich aufgeschreckt erinnernd, schenkte er vom Kaffee in die Tassen ein und langte aber nach einer nächsten Bierflasche, die mit vielen anderen in dem Küchenschrank lag, alle aufeinandergestapelt. »Sie auch eins?«
»Nein danke … Das heißt, doch, bitte … – Danke.«
»Es ist schrecklich«, fing er nun endlich zu berichten an. »Weil nämlich, wie ich heute früh aufwache … aber es muß da schon Mittag gewesen sein, die Sonne stand so hoch. Ich war mir aber nicht sicher, merkte eben nur, daß irgendwas nicht stimmt. Etwas war anders. Und dann …« Schwer holte er Luft. Und setzte ächzend fort: „Die Gesichter, hier, sehen Sie? Die Gesichter, die hatten sich – Sie können sich meinen Schrecken nicht vorstellen.«
»Was hatten sie?«
»Bewegt! Fortbewegt, Herr Falbin, hatten sie sich, einfach die Plätze getauscht und alles durcheinandergebracht, mein ganzes Ordnungssystem! Das war jetzt nur noch umsonst.«
»Wie? Ich verstehe nicht ganz.«
»Sie hingen falsch, Herr Falbin, falsch! Als ich geschlafen hatte, mußten sie von den Wänden geklettert sein, zum Beispiel, und haben vielleicht nicht mehr gewußt, wo sie hingehörten. Ich kann mir vorstellen, sie haben vorher getanzt, die ganze Nacht vermutlich durch, bis zur Erschöpfung. Da warn sie wahrscheinlich benommen. Wenn ich mir dann noch vorstelle, wie sie sogar über mein Bett getappt sein könnten oder über mein eines Bein, das ich oft draußen über der Decke lasse, weil mir immer so schnell so warm wird, – wenn ich mir das vorstelle … Aber das darf ich eben nicht, mir sowas vorstellen. Es war so schon schlimm genug, die ganze Ordnung zunichte, alle Aufzeichnungen umsonst, wo ich mich orientieren konnte, wissen Sie ja, hab ich doch bestimmt erzählt. Ich brauche meine Ordnung, können Sie mir abnehmen, wirklich. – Ich also hoch, hab mich angezogen, war derart verwirrt. Ist das nicht verständlich? Weil ich doch gesehen habe, daß zu essen nichts mehr da war, und bin also erst mal zum Einkaufen weg. Aber stellen Sie sich vor, als ich zurückkam, da …«
»… hing alles wieder richtig.«
»Ja! – Woher wissen Sie das?«
»Ist nicht schwer zu erraten, finden Sie nicht?«
Kuriose Situation.
Schulze sah sich zaghaft wieder um, doch flüsterte dabei: »Sie verspotten mich, Herr Falbin. Warum verspotten Sie mich?«
»Ach was! Und sehen Sie, ist doch in allerbester Ordnung nun wieder. Was beunruhigt Sie denn jetzt noch?«
»Das fragen Sie?! Ja, mein Gott, verstehn Sie denn nicht?! Daß sich die Gesichter von den Wänden lösen konnten, heißt doch, sie sind selbständig geworden, selbständig, Herr Falbin! Woher soll ich wissen, was sie als nächstes unternehmen werden?!«
»Sie haben alles überprüft? Alles wie vorher, nicht die geringste Veränderung mehr?«
Er schüttelte den schweren Kopf, strich sich über sein vollgraues wie mit Pomade festgeklebtes Haar. Es war aber Talg.
»Dann haben Sie wahrscheinlich nur geträumt, haben sich ge­täuscht. Mehr nicht.
»Das habe ich auch erst geglaubt, als ich zurück vom Einkaufen war. Aber … aber dann …« Noch einmal legte er den Zeigefinger an die Lippen, machte »Psst!«, streckte mir die Handfläche der Linken entge­gen. »Seien Sie mal still für einen Augenblick, sein Sie mal ganz, ganz still …«
Wir schwiegen, ich lauschte.
Aus der Küche her sang das be­ständige Surren des Kühlschranks herüber. Es klang wie helles Schnurren. Die Maschine hätte nur noch Miau machen müssen.
»Hören Sie denn nichts?« Schulze ließ den Finger an den Lippen dabei. »Sie sprechen miteinander“, flüsterte er. „Es ist schrecklich. Seit heute morgen, seit ich wiedergekommen bin, sprechen sie sich ab, ein andauernd plapperndes, haarfeines Stimmengeschwirr, das ich so durcheinander natürlich nicht verstehen kann, wohl aber, wie gehässig es ist. Sie machen sich über mich lustig, hecken werweißwas aus. Sie haben Kontakt hergestellt. Obwohl es doch gar keinen gibt, keinen geben kann! Was soll ich dagegen denn tun? Ich bin, Herr Falbin, derart hilflos! Sie brechen vielleicht sogar aus! Wenn sie sich jetzt schon bewegen können, dann wäre das doch mög­lich … Nachts. Oder wenn ich mal die Wohnungstür nicht ordentlich zugemacht habe. Davon bin ich nämlich schon fast überzeugt, daß sie grad an ihrem Fluchtplan tüfteln. Direkt vor meinen Ohren, was für ein Hohn!« Er führte die Bierflasche zum Mund, spülte den Schmerz mit hinunter. Wenigstens ein bißchen. Sein Kehlkopf zuckte beim Schlucken. »Und dann … dann werde ich wieder allein sein. Und hätte wirklich keinen Kontakt mehr, zu niemandem, zu niemandem…«
Bevor er auch noch anfinge zu weinen, legte ich alle Wärme, über die ich noch verfügte, in meine Stimme: »Aber ich bin doch da.« Und merkte selber, wie hilflos es klang.
»Ach Herr Falbin«, sagte er, sah mich indessen nicht an, »Sie sind doch nur ein Witz.«
Bis jetzt weiß ich nicht, warum ich da nicht ging.

(…)

Mahesh & Tussaud’s. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 5

 

Buchfassung 1983:

Fast kommt er sich wie einer dieser Krishnajünger vor,

die hier ja auch noch ihr Fett abkriegen müssen mit ihren wal­lenden Jesusbärten und dem schalen Geäug nach irgendwo Jen­seits. Oder die no-future-Typen.

Im Café findet er manchmal noch Ruhe, von den Nachbarsge­sprächen abgesehen. Natürlich, all die Geschwätzigkeit, mit der sie mich einlullen wollen. Aber Laupeyßer hat sich mittlerweile im Weghören geübt. Notgedrungen, sonst platzte mir noch der Kopf. Und auf keinen Fall die Augen schließen: Dann nämlich höre ich’s erst richtig. Nein. Am besten versetze ich mich in die Krümmung des weißlackierten Heizungsrohres neben dem Gußeisengitter links. Oder in die geweißte Oberfläche der Kakao-Kanne, die man ebensogut als Kaffeekanne bezeichnen könnte, weil dieselben Gefäße zur Aufnahme verschiedener Ge­tränke dienen. Kaffao. So ungefähr. – Wie eigenartig war es doch, daß er bei Tag noch ausgehen konnte. Auch mit welcher Arglosigkeit er die Bedienung wahrzunehmen gelernt hatte, als ginge sie ihn nichts an, als atmeten sie nicht einmal dieselbe Luft, und als gehörte sie nicht längst schon hinein, in seine Näherun­gen. Freilich, die Frage nach der Narbe bliebe eben deswegen dringlich. Zur Versicherung der Realität oder was so … na ja, bekannt: Pappkarton. Zumal er sich sicher war. Und doch. Wo Männer Zärtlichkeiten. Ach ja. Ja. Der Hinterkopf. Mein Hinterkopf, der sich vorgestülpt hat, der am Vorstülpen ist. Den Hinterkopf zum Auge machen, zu einem einzigen, weit geöff­neten Auge. Dreiäugigkeit. Und das Hören. Lauschen. Das Füllfederhalterkrabbeln auf dem Marmortischchen. Papierge­kritz. – Saß Laupeyßer also dort vor dem Gußeisengitter der Fenster klotzig wie ein Pappkarton. Und das Jucken am Kinn. Am Vormittag habe ich mir ein Papageienjackett gekauft. Und Socken; grellgelbe und giftgrüne Frotteesocken. Schals wollte ich aber nicht, weil es dazu nun wirklich zu heiß ist. Man muß nicht gleich alles übertreiben. Habe wirklich das Gefühl, zu zer­fließen. Ich bin offenbar ein Madame-Toussaud-Mensch. Und mit jedem der Schweißtropfen, derer mir bereits zahllose im Hemd backen und es dunkel färben, löst sich ein Geruchsparti­kel, platzt im Rollen, verströmt sich zu dicklichem Belag wie Luftfilz, hockt mittlerweile allem auf, was ich berühre und darauf in Nasennähe bringe.

Unten warfen sie Laupeyßer schwungvoll auf den Wellblech­boden des hinten geöffneten Lieferwagens, der war grün wie Laupeyßers neu erstandene Socken. Die Friseurin, jene fette Frau mit dem sprödweiß auftoupierten Haar, beinahe sah sie aus wie Frau Schneider, die sie war, schaute mit in die Blaukittel­taschen gestopften Feistfäustchen interessiert zu. Dieser leben­digen Schwammigkeit einmal untern braungestreiften Rock und dann schnuppern in einer Aufwärtsbewegung des Kopfes neben den Titanenschenkeln! Um des Ekels sich zu vergewissern und daß man noch etwas merkt. Seiner leibhaftig werden, er werden, Ekel sein. Der bröselig scharfe Uringeruch an dieser sauren Sphäre, Schlupfort des Widerlichen an sich. Agnes schmeckte anders,

denke ich mir, schmeckte wie B., an der ebendort sich festzusau­gen voll cremiger Lust ist oder – mit ihrem saloppen Begriff – Spaß. – Doch davon weiß Laupeyßer nichts, noch nichts, wird er niemals was wissen, ist für Falbin vorgesehen, wenn Agnes das noch hätte hören können! Vorgesehen von Laupeyßer für Falbin. Nein, für mich! – Die Befreiung also, die über eine selbstgewählte Paranoia läuft? Absurd? Zugegeben. Gebe ich natürlich nicht zu. Interessiert mich nicht. Interessiert ihn schon gar nicht,

(…)

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)

Maharishi Mahesh Yogi. Fast wie einer der Krishnajünger selbst kommt sich Laupyßer vor,

die hier auch ihr Fett noch abkriegen müssen, schon ihrer wallenden Jesusbärte halber und des schalen Geäugs in Richtung auf ein Diesseits als Jenseits, umgestülpte no-future-Typen,

die, diese nicht, noch jene, ins Wallcafé nicht gehen, so daß er, Laupeyßer, hier manchmal noch zur Ruhe kommt. Nerven tut ihn nur die, aufsteigend von den Nachbartischen, schwirrig den Raum durchflatternden Plapperge­spräche. Wenn er sie, wie er früher getan, als ungefähres Hintergrundrauschen nimmt, wird ihm sofort klar, daß eben das ihn einlullen soll. Genau der Zustand, den er ablehnen muß. Deshalb versucht er, sich in einem Weghören zu üben, das sich auf die Störung konzentriert. Auf keinen Fall jedoch die Augen dazu schließen. Sonst platzt mir noch der Kopf. Statt dessen versetz ich mich am besten in die Krümmung des weißlackierten Heizungsrohres neben dem Gußeisengitter. Die ebenfalls geweißte Oberfläche des Kakaokännchens, das sich auch Kaffeekännchen nennen läßt, weil es der Aufnahme beider Getränkarten dient, eignet sich genauso. Kaffaokännchen.

Wobei schon auffällig ist, daß er überhaupt bei Tag noch ausgehen kann. Auch mit welcher Arglosigkeit er die Bedienung wahrzunehmen gelernt hat, ist Erwähnung wert. Sie scheint ihn nichts mehr anzugehen, ja kaum die gleiche Luft zu atmen, kurz, gar nicht mehr ein Teil seinee Näherungen zun sein. Dennoch bleibt die Frage nach der Narbe dringlich, vielleicht umso mehr. Zur Versicherung der Realität oder was so … – Pappkarton.

Er ist sich aber sicher. Und doch. Wo Männer Zärtlichkeiten.

Liegt immer noch da, die Zeitung. Ach ja, jaja, mein vorgestülpter Hinterkopf. Der ist mir wie Gesicht geworden. Jetzt ihn noch ganz Auge machen, आज्ञाचक्र[1]ARBEITS/LEKTORATSNOTAT: Ajna Chakra, Drittes Auge.. Dreiäugig werden, da ich schon ganz Ohr bin. Das Krabbeln der Feder des Füllfederhalters auf dem Papier meines ringgebundnen Notizbuchs. Sogar sein leises Wischen auf dem runden Marmor meines Cafétischs wird laut, eine flache Böenvariante, wenn ich’s ein wenig verschiebe, um bequem wie vorher weiterzuschreiben. So klotzig ist Laupeyßer vor dem Gußeisengitter des Fensters über die Seiten gebeugt. Ein Pappkarton schon selbst. Ich darf nicht dauernd mein Kinn kratzen, hab untern Fingernägeln schon von den Stipschen Bluts die Trauer. Doch gegen die habe ich mir vormittags ein Papageienjackett gekauft. Und Socken; grellgelbe und giftgrüne Frotteesocken. Schals wie Falbin wollt’ ich aber nicht, weil’s für sowas nun wirklich viel zu heiß ist. Man muß nicht alles übertreiben. Ich zerfließe ja schon jetzt. Bin ich ein Mensch Madame Tussauds? Mit jedem Schweißtropfen, derer mir bereits zahllose im Oberhemd backen, wovon es dunkle Flecken kriegt, löst sich eine Zelle, die im Hinabrollen platzt und den Geruch verströmen läßt, einen massiven Filz aus Luft, der mittlerweile als Belag auf allem klebt, was ich berühre und drauf in Nasennähe bringe.

(…)

References

References
1 ARBEITS/LEKTORATSNOTAT: Ajna Chakra, Drittes Auge.

Verrasend zähe Zeit. Das Arbeitsjournal des Donnerstags, den 27. Januar 2022. Befeuert von Frank Martins Sturm vom Nachmittag bis in den frühen Abend geschrieben.

[Arbeitswohnung, 16.07 Uhr
Martin, → Der Sturm]
Während ich, bevor ich mich wieder einmal zum Mittagsschlafen legte – etwas, das ich erst kürzlich als Erholungsakt wieder aufgenommen habe -, also während ich mein Essen zubereitete, kam mir, Freundin, der Gedanke, daß ich für → diese Überarbeitung der Verwirrung des Gemüt(h)s ganz ebenso ein Vorwort schreiben sollte, wie es in solchen Fällen Jean Paul gerne getan hat, und zwar, weil in meinem die Eingriffe wirklich eklatant sind; die Bearbeitung des Stils geht weit über bloßes Lektorat hinaus, und ganze Szenen entstehen, ich sage mal, ‘leibhaftig’, die vorher nur Denkfiguren waren. Eben das ist es auch, was so anstrengt und mich nur dermaßen langsam – ‘langsam’ mit mehr als nur acht ‘a’s – vorankommen läßt. Das ist nicht bloß mangelnder Inspiration geschuldet (Inspiration ist fast durchweg nichts als handwerkliche Routine); nein, die ist durchaus da. Nur daß ich eben keinen ganz neuen Roman schreiben will und darf, sondern der alte soll ja dennoch erhalten bleiben. Veränderte Stilvolten wollen aber, und verlangen fast, auch veränderte Geschehen, bzw. Abläufe. Ich kämpfe also gleichzeitig für und gegen diesen Text, der sich meinen Eingriffe sozusagen entgegenstemmt. Dennoch, weil gerade d i e s e r Roman grundlegend für die folgende Serie ist, was ich bei Entstehen aber nicht wissen konnte, nimmt die Überarbeitung genau das mit in den Blick und verschränkt nun die späteren Bücher mit ihm, und zwar in ihm selbst. Das geschieht über kleine, möglichst unauffällige Zusätze, vor allem Anspielungen oder eben die Wortwahl und Rhythmik. Wenn etwa in der Verwirrung von einer parallelen Welt gesprochen wird, steht jetzt das Wort “Anderswelt” da, aber eben nur ein- oder zweimal. Wobei ich selbstverständlich auf Die Dschungel nicht Bezug nehmen kann, weil es sie damals noch nicht gab; noch nicht einmal die DSCHUNGELBLÄTTER gab es schon. Aber die Pflanzen, die Laupeyßers leergeräumte Wohnung zu überwuchern begonnen haben, lassen sich einen “Urwald” jetzt wohl nennen. Will sagen, die Ideen sind tatsächlich alle in der Verwirrung schon drin, doch ohne daß ich schon gewußt hätte, was sie einmal werden würden. So biege ich, wie es im → Wolpertinger heißt, das Futur ins Präteritum zurück, so daß das gesamte Projekt schließlich einem Erzählkontinuum ähneln wird, das sich gleichwohl, auf einer Spiralbahn freilich, weiter in der Zeit bewegt und erst zum Stillstand kommen wird, wenn ich gestorben sein werde. (Es sei denn, jemand anderes setzte es fort wie Verne es mit dem Pym tat oder ich selbst, wenn auch nur in einer kleinen Episode, eben im Wolpertinger mit Martin R. Deans → “Die verborgenen Gärten” – eine Hommage an seine Romanfigur Leo Brosamer,)
Jedenfalls sollte dergleichen erzählt und eben auch klargestellt werden, daß mit dem Buch ein völlig neuer Roman vorliegt, der aber der alte ist. Genau darauf ziele ich ab. Etwa für den → Dolfinger” (den eigentlich “Die Erschießung des Ministers” genannten Roman), für den ebenfalls eine Neuausgabe vorgesehen ist, ist eine so weitgehende Bearbeitung ganz abgesehen davon nicht nötig, daß ich ihn sowieso schon, nämlich 1999, überarbeitet habe; an d e m Text wird es vermutlich nur kleine und eben Korrekturen geben; ganz ähnlich die phantastische Sizilienerzählung. Die Verwirrung dagegen nimmt eine extreme Sonderrolle ein. Denn allerdings erinnre ich mich, damals, um 1980/81, da war ich vierundzwanzig / fünfundzwanzig, tatsächlich einen, wie ich es nach Aragon nannte, Zyklus im Kopf gehabt zu haben, die “Die Konstruktion der Widersinns” heißen sollte. Woraus halt etwas völlig anderes wurde. Daran trägt → Frau v. Hüon die Schuld. – Tatsächlich ist die Verwirrung auch mein zweiter, eigentlich sogar dritter Roman, der aber als erster veröffentlicht wurde — und ein nullter[1]Tatsächlich gibt es noch einen “vornullten”, “Judex” genannt, an die fünfhundert Seiten, die ich mit fünfzehn schrieb. Aber der fällt in die Kategorie Räuberpistole und … Continue reading also ging voran, “Destrudo”, der tatsächlich ebenfalls in die Reihe Verwirrung-Wolpertinger-Anderswelt gehörte, insofern sein Personal zumindest teilweise in Verwirrung und Wolpertinger erneut in Erscheinung treten, wenn auch nur indirekt. Und selbst das stimmt nicht ganz. Denn etwa Karl Polst tritt im Wolpertinger auch als Person direkt wieder auf. Bloß gibt es “Destrudo” nach wie vor nur als mit der Schreibmaschine getipptes Typoskript:

Ich habe das Buch niemals wem angeboten und würde es auch heute nicht tun, sondern es – freilich auf der Grundlage des, lassen Sie es mich, jugendlichen Textes nennen – völlig neu schreiben.

Was mir, Freundin, n o c h heute auffiel, war, daß ich nunmehr von Laupeyßers Ichverlust und Einsamkeit schreibe (“wenn’s ihn fröstelte vor Ichverlust und Einsamkeit”), was ich damals offenbar vermeiden wollte; im ersten Text steht lediglich, daß man sich notfalls (!) unter der Bettdecke —  aus der ich jetzt eine “Steppdecke” gemacht habe, weil mein Antiheld auf dem Wohnzimmerboden unter ihr liegt –  verkriechen könne. Wahrscheinlich wäre mir schon das Wort “Einsamkeit” damals zu offen autobiografisch gewesen, nämlich kitschig vorgekommen, eine Scheu, die ich bekanntlich schon deshalb verloren habe, weil meine Auffassung der Wirklichkeit nicht mehr naiv ist, sondern um die Realitätskraft der Fiktionen weiß, die uns derenthalber ständig mitformen. Was ich in der Verwirrung damals entwickelt habe, nämlich das Konzept (ecco! es war Konzept und nicht gelungen Roman) einer komplexen Realität, die sowohl physisch als auch durchsetzt von wirkenden Ideen ist, etwa von Allegorien, hat mich selber, den Autor, so sehr verändert, daß ich das, w a s mich verändert hat, nun in angemessene Form bringen muß. Es kann, mit anderen Worten, jetzt erst werden, was es damals sein noch nicht konnte: ein Kunstwerk, dem die eigene Wirkung eingeschrieben wird. Und so nehmen wir wechselnde Zeitzustände ein.
Genau das möchte ich in dem Vorwort erzählen. Dies hier ist ein Vorentwurf.

Zu dem ich, nachdem ich’s vormittags mal wieder mit Frederick Delius versuchte – ein Zugang zu seiner Musik bleibt mir indessen versagt; ich hör da nur Geplätscher -, Frank Martins enorm tiefem → “Der Sturm” lausche, deutsch nach Shakespeare/Schlegel, eine Oper, die so unbekannt ist, daß es nicht einmal einen deutschsprachigen Wikipediaeintrag gibt. Ich sah das Stück bis heute auch nur auf einem einzigen Spielplan; in → Konstanze Führlbecks Kritik wird es “spröde” und, seltsame Formulierung, “etwas distanziert” genannt. Dabei hätte sie nur Fischer-Dieskaus Interpretation allein der drei Monologe Properos sich anhören müssen, um zu begreifen, daß Sprödheit und Distanz eher wohl ihr selbst eigen sind, als daß sie Eigenschaften dieser Musik wärn:

Aber nein! Statt einfach mal, um sich angemessen intensiv vorzubereiten, hinzuzuhören, hört sie sich mit den folgenden Worten hinweg: “… doch die großen Impulse finden sich weder in der Musik noch in der Regie.” So daß dieser Sturm “doch eher ein Sturm im Wasserglas” bleibe. — — —  Was eine d…. N..! (Ergänzen Sie selbst).

Ihr
ANH

References

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1 Tatsächlich gibt es noch einen “vornullten”, “Judex” genannt, an die fünfhundert Seiten, die ich mit fünfzehn schrieb. Aber der fällt in die Kategorie Räuberpistole und Mantel & Degen. Aufbewahrt habe ich ihn dennoch:https://dschungel-anderswelt.de/wp-content/uploads/Judex-S.1-600x800.jpg 600w, https://dschungel-anderswelt.de/wp-content/uploads/Judex-S.1-768x1024.jpg 768w, https://dschungel-anderswelt.de/wp-content/uploads/Judex-S.1.jpg 960w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" />

EXKURS I
Nabokovs Eichhörnchen
Von Andreas Steffens

Zu den Folgen ihrer Zivilisierung durch den Menschen gehört, daß die Welt den Tieren immer weniger bietet, dessen sie als Natur für ihr Dasein in ihr benötigen. Das zwingt den Menschen dazu, ihnen zu geben, was sie in seiner Welt nicht mehr umstandslos auf die ihnen angestammte Weise finden.

Unvermutet – denn menschliche Verzweiflung mündet selten in große Wahrheiten – schien er im Begriff, eine höchst einfache Erklärung des Weltalls zu finden, als er von einer dringenden Bitte unterbrochen wurde. Ein Eichhörnchen unter einem Baum hatte ihn kommen sehen. Mit einem einzigen geschmeidigen Satz erklomm das kluge Tierchen den Rand des Trinkbrunnens und streckte dem näherkommenden Pnin sein ovales Köpfchen mit geblähten Backen und einem reichlich derben Rachengeräusch entgegen. Pnin begriff und nach einigem Fummeln fand er einen Knopf, auf den man drücken mußte. Ihn verächtlich beäugend, begann das durstige Nagetier den kurzen, schäumenden Wasserstrahl zu kosten und labte sich ausgiebig. „Vielleicht hat es Fieber“, dachte Pnin und weinte still und ausgiebig, während er die Verrichtung betätigte und den unfreundlich musternden Blick zu meiden suchte. Nachdem sein Durst gelöscht war, machte sich das Eichhörnchen ohne die geringste Dankesbezeugung davon. Der Wasservater setzte seinen Weg fort, bis der Pfad zu Ende war, und bog in eine Seitenstraße ein, wo er eine kleine Bar im Blockhausstil mit granatroten Fensterscheiben betrat
Vladimir Nabakov, Pnin, S. 63

Die grandios beiläufige Szene markiert den Wendepunkt der Kulturgeschichte, an dem die zivilisatorische Selbst- und Weltverfehlung des Menschlichen in ihre anthropogene Ausgangslage zurückschlägt.
Der Mensch verringert die Natürlichkeit des Tieres, indem er seine eigene hemmungslos auslebt. Nun muß er dem Tier mit den Mitteln seiner Zivilisation verschaffen, was die von ihr zerstörte Natur ihm nicht mehr gewährleistet. Wenn es eine Pflicht zur Rettung der Welt als Natur gibt, dann ist sie darin begründet. Indem der Mensch lebt, bedroht und vernichtet er mit dem anderen Leben, das er vertreibt, was sein eigenes trägt.
Im Zuge dieser Reduktion der Natur auf die menschlichen Bedürfnisse nimmt das Tier menschliche Züge an: Verachtung, Bosheit, Herrschsucht. Die eigene Entnatürlichung des Menschen im Prozeß der Zivilisation zwingt das Tier zur Menschwerdung. Nachdem der Mensch sich damit abgefunden hat, auch nur ein anderes Tier zu sein, beginnt das inmitten seiner künstlichen Weltordnung lebende Tier, zu einem anderen Menschen zu werden. Das Wuchern der Städte zu Megalopolen zwingt es, aus seinen verschwindenden Lebensräumen in die Zentren des Menschenlebens einzuwandern, und seine Nahrung als Abfall seiner Lebensführung zu suchen: Füchse streifen durch die Grünzonen der Siedlungen, Bären schauen über durchwühlte Mülltonnen in Küchenfenster.

Kafka hat diese Tendenz in seiner doppelten Umkehrung der Evolutionsbewegung um ein Jahrhundert vorausbezeichnet. Wenn es eine Menschwerdung des Tieres gab – Rotpeter im »Bericht an eine Akademie« – dann muß es auch eine Tierwerdung des Menschen geben – Gregor Samsa in der »Verwandlung« –, und umgekehrt. Das menschlich gewordene Tier zwingt das Tier gebliebene Tier, sich menschlich zu verhalten: als Herr seiner Bedürfnisse. Die Evolution kehrt in der Phase der selbstgesteuerten zivilisatorischen Fortentwicklung ihres Produktes ›Mensch‹ durch Umkehrung ihrer Bewegung an ihren Anfang zurück. Indem er sich alles auf Erden untertan macht, macht der Mensch sich überflüssig, indem er sich beeilt, den durch die Folgen seiner Weltveränderungen entgleisenden Weltprozeß auf den Nullpunkt vor seinem Erscheinen in ihm zurückzusetzen.

In seinen Tier-Novellen hat Kafka beide Bewegungen jeweils auf der Hälfte ihres Umschlags beschrieben: ein Tier, das menschlich wird, und doch Tier bleibt; ein Mensch, der tierisch wird, und doch Mensch bleibt. In seinem großen Kommentar zur »Verwandlung« stellt Vladimir Nabokov die Verkehrung des Animalischen ins Menschliche als das eigentliche Geschehen heraus, das Gregor Samsa als Verwandlung ins Tier erlebt. Kafkas Kunst besteht darin, auf der einen Seite in Gregors Äußerem als Insekt alle traurigen Details seiner Gestalt zusammenzutragen und zugleich auf der anderen Seite Gregors fürsorgliche, einfühlsame Menschennatur dem Leser klar und lebhaft vor Augen treten zu lassen.
Wesentlich an jedem Ereignis ist nicht, was sich in ihm zuträgt, sondern wie es erfahren wird. Fühllosigkeit kann eine Katastrophe zur Beiläufigkeit herabsetzen, Überempfindlichkeit eine Kleinigkeit zur Katastrophe steigern. Weshalb kollektive Erinnerungen desselben nie dieselben sind. Die Pointe des Fabelhaften der kafkaschen Imagination besteht in ihrem nüchternen Realismus, die Verwandlung eines Zustandes zu beschreiben, der alles ändert, und den Veränderten doch läßt, was und wie er ist, während diejenigen, deren Veränderung ihn seiner Wandlung unterwarf, tatsächlich zu anderen wurden. Die animalische Selbstwahrnehmung des Verwandelten verweist auf die Verwandlung seiner unmittelbaren menschlichen Umgebung, die sie ihm als einem, der darin seinen Platz nicht mehr hat, aufzwang.

Am folgenden Morgen entdeckt die Bedienerin Gregors ausgetrocknete Leiche, woraufhin in der Insektenwelt seiner abscheulichen Familie behagliche Erleichterung eintritt. Hier ist ein aufmerksam und gründlich zu überdenkender Punkt: Gregor wird als Mensch in Insektengestalt gezeigt, und seine Angehörigen sind Insekten in Menschengestalt. Sein Tod weckt in ihren Insektenseelen plötzlich das Bewußtsein, daß sie sich nunmehr ungehindert freuen dürfen.
Nabokov, »Kommentar«, in: Franz Kafka, Die Verwandlung, Frankfurt/M 1986, 88; 103

Wie ganz anders die emotionale Reaktion der Nabokovschen Romanfigur auf die Bedürftigkeit des Eichhörnchens, das ihn voller Verachtung souverän zur Hilfsleistung zwingt. Pnins Tränenfluß ist als Regung kreatürlicher Empathie von zivilisatorischer Sentimentalität für das verhätschelte Haustier so weit entfernt wie die Tierliebe des Unmenschen, der seinesgleichen in Vernichtungslagern behandelt, als wären sie Ungeziefer, vom evolutionären Restbestand eines Verwandtschaftsempfindens zwischen Lebewesen.
Das Tier, das er mißachtet, zeigt dem Menschen, was er nicht ist, indem er im Übermaß ist, was er ist, und nur sein läßt, was ihm entspricht.

Steffens, Januar 2020
Wuppertal

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Zwei kleine Geschichten oder Projektionen 1 & 2. Aus dem freecity-Altblog, November 2003

[Erstellt am: Donnerstag,
27. November 2003, 12: 24]

 

 

Projektion 1

Eine junge Frau schreibt in einem höchst zweideutigen Chat einen über fünfundzwanzig Jahre älteren Mann an, den sie damit sogleich aus dem Chat herauszieht, erst einmal in die briefliche Korrespondenz, auf die er mit enormem Fantasietanz reagiert. Die beiden telefonieren und schreiben sich fortan nahezu täglich SMS’e. Reagiert einer(r) von beiden nicht sofort, wird die/der andere unruhig. Dabei wollten es beide so weit gar nicht kommen lassen. Doch nun bleibt ihnen nichts anderes übrig: Sie verwachsen ineinander, ihre Projektionen, ihre Fantasien. Sie sehen sich real aber immer noch nicht, ein halbes, ein ganzes Jahr lang. Dann kommt es zum ersten Streit: Wo das Aufgebot bestellen? In Hamburg (da lebt sie) oder in Karlsruhe (da lebt er). Die Eltern und Freunde der „Parteien“ werden um Rat gefragt, aber die halten die Sache rundweg für furchtbar:

1) Altersunterschied („Mädchen, überleg Dir, was Du da tust! Das ist doch ein alter Mann!“)
2) der imaginäre Charakter („Du spinnst total! Wie kann man eine heiraten, die man nie sah? Mach, was du willst, aber sicher nicht mit unserer Hilfe.“)

Dennoch, es sind die zwei entschieden, auch wenn es beidseitig sowas wie Enterbungen hagelt und sich im Freundeskreis auch kein Trauzeuge für solch eine Verrücktheit finden mag. Um wegen des noch immer strittigen Trauortes einen Kompromiß zu finden, reisen sie und er – unabhängig voneinander – nach Frankfurt am Main, suchen sich dort jeder eine Wohnung und lassen sich dort – weiterhin unabhängig voneinander – polizeilich melden. Dann bestellen sie in Frankfurt das Aufgebot. Beide – zu verschiedenen Zeiten, damit sie einander nicht zufällig begegnen – spazieren durch die Stadt und sprechen Passanten an: „Entschuldigen Sie bitte, ich brauche Trauzeugen…“ Deretwegen ist zwischen den – man muß sie längst so nennen: – Liebenden eine einzige Bedingung gestellt: Es dürfen nur schöne Menschen sein, Männlein wie Weiblein. (Ich meine schön, nicht „hübsch“: Schönheit setzt Geist voraus.)

Und wie die Braut den Bräutigam – sowie umgekehrt, logischerweise – nicht vor der Hochzeit sehen darf, so die Braut auch nicht die Trauzeugin und der Bräutigam den Trauzeugen nicht: Sie nämlich hat den männlichen Zeugen, er die Zeugin auszuwählen. Das gelingt.

Im Juni 2004 finden die Liebenden dann “wirklich” zueinander. Sprachlos standen sie vorm Standesamt… absolut sprachlos, als sie sich in die Augen sahen. Sehr langsam, fast ein wenig wankend, schritten sie – jeder gefolgt von Zeugin und von Zeuge – aufeinander zu. Nein, sie begrüßten sich nicht, sprachen kein einziges Wort. Beugten sich einander bloß  zu, sich ihre Münder zu … und um den Kitsch, aber um mindestens ebenso dringend zu vermeiden, daß sie einander wieder verlieren, also der/die andere sich mit einem traurigen Plop in die Imaginationen unversehens auflöst, die sie bis zu diesem Tage füreinander gewesen, küßten sie sich mit offenen Augen; überhaupt schlossen sie sie nicht mehr — fast wollt’ ich schreiben: nie. Bis zum späten Abend, als sie dann doch zufallen wollten, machte ihnen jedes Zwinkern Angst. Und so weiter.

Kurz vor Mitternacht setzen sie sich ins Flugzeug. Wohin sie reisen, wissen wir nicht. Auch nicht, ob sie zurückkehren werden. Die Schlüssel ihrer Frankfurter Wohnungen haben sie, und zwar überkreuz, bei den ihnen im übrigen gänzlich unbekannt gebliebenen Trauzeugen gelassen.

Nota 1:
Man kann dies auch o h n e Happyend erzählen, doch wozu? Es wäre nach den trockenen Lippen des Realismus geredet und obendrein zu wahrscheinlich; Novellen sind indes „unerhörte Begebenheiten“. Nein! D i e s e s Happyend stünde ich durch.

Nota 2:
Man sage nicht, dergleichen finde nicht statt. Man sage nicht, das Internet schaffe nicht neue Realitäten, die die alten zumindest modifizieren.

 

Projektion 2

Mich erreicht die SMS einer mir unbekannten Frau, die meinen Fernsehauftritt gesehen hat: „Lieber Herr Herbst, Sie sind einfach geil. Weiter so!“
Sie wolle sofort in den nächsten Buchladen stürmen, um sich Meere zu besorgen. Und wolle mich – obwohl ich ihr zurücktippte, ich glühte für eine andere Frau, nach meiner Rückkehr treffen. Ganz lakonisch schreibt sie: „Ich bekomme, was ich will. Sie kennen mich nicht.“

Das ist nun genau der Ton, auf den ich unweigerlich anspringe: der projektive. Derjenige, der Romane schreibt, die Quellen des Nils suchen läßt, Leute zum Mond bringt oder zum Mittelpunkt der Erde, – Sinfonien schafft er, prägt Stadtteile, setzt Pyramiden wie Naturkonstanten in die Wüsten oder baut Opernhäuser in den Dschungeln; ein Ton, der sich um die vermeintliche Realität nicht schert. Mit ihm beginnen nahezu alle französischen Liebesfilme, die ja die besten sind, weil sie von vornherein nicht ohne Geist auskommen wollen. Um etwas draus entstehen zu lassen – ganz gewiß nun Literatur –, spielt es nicht einmal eine Rolle, ob ich auf den Arm genommen worden bin: sondern es geht um den Reflex in mir. Ob ich sofort „Blödsinn“ rufe oder zulasse, es könne etwas daran sein. Selbstverständlich macht auch mich die Mischung aus „geil“ und „Sie“ stutzig; doch es ist ein reizvoller Widerspruch, weil er Jugendslang mit Distanzierungswille mixt.

Und ist es hier denn anders, in Catania* jetzt, wenn ich durch die Straßen gehe und beobachte, wenn ich in die kleinen, verschachtelten Werkstätten schaue? Was sehe ich? Jeder mir zugeworfene Blick wird zu einer Geschichte, einer mir selbst erzählten Imagination von Geschehen, die in mir immer zu Kunststücken führen und manchmal zu Wendungen in meinem „realen“ Leben. Nein, das ist nicht privat, sondern ich schreibe es auf, weil sich so Realität konstituiert, a u c h so konstituiert. Auch Gedanken sind physiologische, mithin „reale“ Vorgänge, auch sie unterliegen chemophysischen Konditionen. Das gilt genauso für ihre Übertragung: sei es auf akustischem oder optischem Weg (der Begriff als Klang und als Zeichen).

Nota 3:
Ist das Fernsehen nicht ebenso irreal wie das Internet? Was sehen wir, wenn wir schauen? Nicht immer auch uns selbst, also den Tanz unserer Selbst- und Fremdideale? Und SMS’e wären nicht gleichfalls I d e e n?

[Poetologie}

*) NACHTRAG, 7. März 2020
Auf der Recherchereise → für das 2004 ausgestrahlte Poetische Hörstück.

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