“Niemand soll mich mir nehmen”: Nabokov lesen, 30. Einladung zur Enthauptung ODER “Der letzte Mensch”.

 

                                                Dies ist das blinde Ende                                                                        dieses Lebens, und ich hätte                                                              Rettung nicht innerhalb                                                                       seiner Grenzen suchen sollen.
                                                   Nabokov, Einladung zur Enthauptung, S.195
                                                                     (Dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

Zuerst fiel mir — wie manchen Interpreten vor mir — Franz Kafka ein. Es war, als hätte Nabokov DER PROZEß und DAS SCHLOß zusammengelegt und teils travestiert, teils aber mit seinen sinnlichen Sätzen angereichert; schon aber mußte ich an Gogols surreale Groteske DIE NASE denken und ihrethalben wiederum an Pirandellos EINER, KEINER, HUNDERTTAUSEND, was aber auch nur ungefähr stimmt; auch will das Ende, also Nabokovs, dazu gar nicht mehr passen, das ich aber nicht verraten will, ein bißchen aber, → mit Shakespeare, andeuten muß:

Think but this, and all is mended,
That you have but slumbered here
While these visions did appear.

Bei Kafka hingegen gibt es keine Erlösung; sein Gelächter im Dunkel ist stetig. Auch kennt er kaum die Farbigkeit der Fantasien, die Nabokovs Helden durch die Finsternis helfen, der, für dessen russische Romane ungewöhnlich — dies ist, 1935 bis 1936 als Fortsetzungsroman erschienen, ihr letzter —, Cincinattus C. heißt. Auch die Abkürzung zwar des Nachnamens könnte auf Kafka verweisen, nur daß Cincinnatus sehr genau weiß, weshalb er angeklagt wurde und, auf die Hinrichtung wartend, in seiner Zelle sitzt. Außerdem hatte Nabokov, eigenem Bekunden und seinen Biographen zufolge, zu der Zeit Kafka noch gar nicht gelesen, und in

Kafkas grüblerischer, bedrückender Welt hallen die geschlossenen Türen um so unheilvoller, je lauter Joseph K. an sie klopft, [anders als in] Nabokovs viel hellerem Universum[, in dem] Cincinnatus (…) ein Loch in die Welt (reißt), um sich jenseits von ihr seinesgleichen anzuschließen.
Brian Boyd, Vladimir Nabokov — Die russischen Jahre 1899 – 1940
(Dtsch. v. Uli Aumüller, Sabine Baumann, Ursula Locke-Groß, Kurt Neff und Hans Wolf)

(Ich weiß, daß ich hier, abgesehen von Nabokovs eigenen Anmerkungen und Dieter E. Zimmers Kommentaren zum ersten Mal ein Werk der Sekundärliteratur herbeiziehe, aber ich war mir bezüglich Kafkas wirklich unsicher und vertraue Nabokovs Aussage nicht, er habe niemals Deutsch gekonnt; die auch zeitliche Parallelität zu Kafkas Prosa liegt zu nahe, um sie kurzerhand beiseite zu schieben; tatsächlich aber wurde dessen Werk in den Dreißigern erst allmählich bekannt, das Bewußtsein der Bedeutung dieses tschechischen Deutschen oder deutschen Tschechen setzte sich nur zäh durch.) 

Zumal gibt es in diesem Roman zwei grundlegend verschiedene Welten, die der vermeintliche Zellenrealität —

die Wände, die Arme um die Schultern gelegt wie ein Quartett, das unhörbar flüsternd ein quadratisches Geheimnis bespricht
Enthauptung, 32

mit ihren teils extrem absurden bis surrealen Personen und Geschehen:

Die schattenhaften Gestalten der Angestellten näherten sich [der Gefängniszelle, ANH] respektvoll im Gänsemarsch: hinter dem Direktor wartete schon eine ganze Schlange von Menschen darauf, auch einen Blick hineinzuwerfen; einige hatten ihre erstgeborenen Söhne mitgebracht
Enthauptung, 58

— und Cincinnatus’ von Erinnerungen, Farben und Gerüchen vibrierende Innenwelt, die sehr viel sinnlicher und deshalb glaubwürdiger als die scheinbare Realität wirkt:

In meinen Träumen war die Welt edler, geistiger; Menschen, vor denen mich im Wachzustand grauste, erschienen dort in schimmernder Brechung, ganz als wären sie von jener Lichtvibration durchtränkt und eingehüllt, die bei heißem Wetter selbst die Dinge mit Leben erfüllt; ihre Stimmen, ihr Gang, der Ausdruck ihrer Augen und sogar ihrer Kleidung — erhielten eine erregende Bedeutung; einfacher gesagt: in meinen Träumen wurde die Welt lebendig, wurde so einnehmend majestätisch und, frei und ätherisch, daß es später bedrückend war, wieder den Staub des gemalten Lebens zu atmen [Unterstr. v. mir, ANH].
Enthauptung, 88

Das ist nun wahrlich nicht Kafka. — Dazu die erinnerten Landschaften voller Licht, auch hier zehrt Nabokov von den eidetisch eingespeisten Bildern seiner Kindheit:

Weiter entfernt beschrieb die von Sonnenlicht überflutete Stadt einen geräumigen Halbkreis; manche der runden Häuser setzten sich in Begleitung runder Bäume in geraden Zeilen fort, während anderswo krumme Häuserreihen Hänge hinabkletterten und dabei auf die eigenen Schatten traten; man konnte den Verkehr auf dem Ersten Boulevard erkennen und an seinem Ende, dort, wo der berühmte Brunnen war, einen amethystfarbenen Schimmer; und noch weiter weg, in Richtung der dunstigen Hügelfalten, die den Horizont bildeten, sah man die dunklen Tüpfel von Eichenwaldungen mit hier und da einem wie ein Handspiegel glänzenden Teich, während sich helle Wasserovale, die durch den harten Dunst leuchteten, weiter drüben im Westen sammelten, wo die Quelle der sich durchs Land schlängelnden Strop war.
Enthauptung, 42

Oder eine Nachtszene:

An der Balustrade spähte Cincinnatus unbestimmt in die Dunkelheit, und wie auf Wunsch erbleichte sie in eben diesem Augenblick verlockend, als der Mond, klar jetzt und hoch oben, hinter einem schwarzen Wolkenvlies hervorglitt, die Sträucher firnißte und sein Licht im Teich tremolieren ließ.
Enthauptung, 178

Schmecken Sie, Freundin, der Dieter E. Zimmer zu verdankenden Binnen-Alliteration von “Vlies” und “Firnis” nach, beschlossen im Satz mit dem “ließ”, und überhaupt seinem Spiel mit den “i”s.  Wobei ich allerdings, siehe das Zitat darüber, nur am Rand vermerken möchte, daß grad in diesem Buch seine, also Zimmers, “wo”-Anschlüsse nicht immer optimal sind. Zwar letztlich ist’s Beckmesserei, doch auf der Seite 175 störte es mich schon recht gewaltig:

Indessen dieses wirklich nur als bescheidene Kritik eines Bewunderers dieses Übersetzers, aus dessen alleine Wortschatz ich, seit ich mein Nabokovlesen begann, unentwegt lerne; allein in der Enthauptung etwa

glabellarer Streifen (21)—  Thespianer (74)wammige Päonien (76)— ein gaurrierter Papierfächer (154)ein Karotte (176)Barsois (203)— krängen (204)
Enthauptung, 110

Ja, solche Wörter, während jeder Lektüre, notiere ich mir, um sie dann zu lernen. — Doch zurück in den Roman:

Nicht nur in der Zelle versteht man Cincinnatus nicht, nicht allein das Gefängnispersonal kann diesen Insassen nicht begreifen, der hier für den letzten wirklichen Menschen steht:

“Und Sie — möchten Sie nicht fliehen?” — “Was meinen Sie damit, ‘fliehen’?
Enthauptung, 110

Sondern es war auch früher, war schon immer so:

Die Abneigung der anderen Kinder gegen meine Beteiligung an ihren Spiel und die tödliche Verlegenheit, Scham und Niedergeschlagenheit, die ich selbst empfand, wenn ich mich zu ihnen gesellte, ließen mich jenen weißen Schlupfwinkel des Fensterbretts vorziehen, der durch den Schatten des halboffenen Fensterflügels scharf abgegrenzt war.
Enthauptung, 95

Genau deshalb ist er, Cincinnatus, angeklagt und verurteilt worden, seiner “gnostischen Verworfenheit” wegen, die so wenig zu den Bedürfnissen und Selbstverständnissen nahezu aller anderen paßt,

daß Umschreibungen wie “Undurchdringlichkeit”, “Opazität”, “Okklusion” benutzt werden mußten.
Enthauptung, 70

Was freilich auch ein Hieb des der Heimat verloren gegangenen Emigranten auf den Gleichheitswahn der jungen (und späteren) Sowjetunion ist, in deren Gebiet sowohl den meisten Namen nach als auch der beschriebenen Orte halber dieser Roman deutlich spielt; doch insgesamt wird hier das Leid eines sensiblen, die Welt phantastisch erhöhenden Außenseiters beschrieben, der sich “mit gesetzwidriger Klarheit ” (S. 87) an sich selbst erinnert:

Ich bin mein eigener Komplice gewesen, der zuviel weiß und darum gefährlich ist. Ich stamme aus so brennender Schwärze, ich drehe mich wie ein Kreisel und mit solchem Schwung und solchen Flammenzungen, daß ich bis auf den heutigen Tag gelegentlich (manchmal im Schlaf, manchmal, wenn ich in sehr heißes Wasser tauche) jene meine uranfängliche Zuckung spüre, diese erste prägende Berührung, die Triebfeder meines Ichs! Wie ich  mich hinauswand, glitschig, nackt! Ja, aus einem Reich, das anderen verboten und unzugänglich ist, ja. Ich weiß etwas, ja …
Enthauptung, 87

und

für dieses Verbrechen zum Tode durch Enthaupten verurteilt
Enthauptung, ebda.

wird.
N
och deutlicher fünf Seiten weiter:

Als ich noch ein Kind war und in einem kanariengelben, großen, kalten Haus lebte, wo sie mich und Hunderte anderer Kinder auf die sichere Nichtexistenz erwachsener Attrappen vorbereiteten, in die sich alle meine Altersgenossen mühe- und schmerzlos verwandeln ließen;
Enthauptung, 92

also in damals schon das, was derart viele Jahre später ich → Replikanten nenne;

schon in jenen verfluchten Tagen inmitten von Leinenbüchern und buntbemalten Unterrichtsmaterialien und Luftzügen, die die Seele erstarren ließen, wußte ich es, ohne zu wissen, wußte ich es, ohne zu staunen, wußte ich, so wie man von ich selber weiß, wußte ich, was sich nicht wissen läßt — und wußte es, möchte ich sagen, klarer als heute[,]
Enthauptung, ebda.

da es nunmehr an Cincinnatus’ mitunter panische Angst vor dem Tod gefesselt worden ist:

Aber wie krank bin ich vor Angst. Aber niemand soll mich mir nehmen. (…) Ich zittere über dem Papier, kaue den Stift bis aufs Blei, krümme mich nach vorn, um mich vor der Tür zu verbergen, durch die mich ein durchdringendes Auge in den Nacken sticht, und es scheint, ich bin im Begriff, alles zu zerknüllen und zu zerfetzen.
Enthauptung, 88

Denn fast noch tragischer ist, daß sich Cincinnatus’ frühe Erfahrungen bis selbst in die — noch immer gefühlte — Liebe zu seiner Ehefrau fortgesetzt haben, von der er genau weiß, daß auch sie eine Pappfigur, Replikantin nämlich, ist.
Freilich, als eine Art nahem Hoffnungsschimmer ist auch die Enthauptung von einem Nymphchen durchtrippelt und -geistert, denn

der Direktor hatte eine kleine Tochter
Enthauptung, 34

genau an der uns schon bekannten ungefähren Grenze zwischen noch Kind und beinah schon Teeny, die Cincinnatus anfangs ein bißchen “beängstigend” findet. Doch sie nähert sich ihm schließlich fast schon intim immer mehr an, in jedem Fall zärtlich:

Als letzte flog Emmi bleich, tränenüberströmt, mit geröteter Nase und zuckendem Mund auf ihn zu; sie sagte nichts, aber plötzlich reckte sie sich mit leisem Knacken auf die Zehen, schlang die heißen Arme um seinen Hals, flüsterte Unzusammenhängendes und seufzte laut.
Enthauptung, 1o2

Bis auch sie sich,  der so ersehnte wie unerlaubte Gegenentwurf zu seiner Frau, als eine Stellvertretin der Attrappenwelt erweist, und so kommt er von jener nicht los, die ihn über jedes Maß gequält hat, einfach weil sie ganz nicht versteht, was solch eine Liebe bedeutet. Dabei geht es gar nicht darum, daß Marthe untreu ist, nun jà, so etwas kommt vor, sondern daß das Gesetz der Transparenz verlangt, es ihrem Mann nach jedem neuen Mal zu erzählen: “Du weißt doch, wie ich bin.” Anstelle ihn gütig zu schonen.

Nun schreibt er ihr einen langen, fast ergebenen Brief. Und darauf sie?

Das war ein gräßlicher Brief, das war eine Art Fiebertraum, ich habe ihn sowieso nicht verstanden; man hätte denken können, daß du hier alleine mit einer Flasche gehockt und geschrieben hast. (…) Ich will nicht wissen von deinen Angelegenheiten, du hast kein Recht, mir solche Briefe zu schreiben, mich hineinzuziehen in deine kriminellen — (…) Ach. Cincinnatus, in was für eine Lage hast du mich gebracht — und die Kinder — denk an die Kinder … (…) bereue, bitte — auch wenn du deinen Kopf nicht rettest, denk an mich —”
Enthauptung, 190/191

Sein Verbrechen, wohlgemerkt, ist seine Phantasie und daß man ihn nicht verstehen kann, daß seine Wahrnehmung von Welt zu tief ist, zu vielschichtig und deshalb → nicht genügend plan. Und worinnen er jetzt gefangen ist, ist nicht einmal dies, sondern daß er bis fast ganz zum Ende des Buches hin seine Strafe, trotz der Angst, akzeptiert — anstelle allem (dem Gefängnisdirektor, der fliegend Zellenwärter wird und gleich schon wieder zurück; dem Anwalt; dem Cincinnatus als Mithäftling untergeschobenen Henker, der sich mit ihm befreunden soll, bevor er das Beil hebt; seiner Frau und ihrer Verwandtschaftsbagage) den Mittelfinger zu zeigen und darauf, daß sie stinken. Was eigentlich schon mehr ist, viel mehr, als sie’s tatsächlich können. Das Schlimme ist ja, sie haben nicht mal Geruch.
Wobei die Einladung zur Enthauptung, die noch während der Arbeit an Die Gabe begonnen wurde, der sie ihr Motto von Delalande verdankt (der in der Gabe erfunden wurde), auch der Verzweiflung etwas verdankt, nämlich den Umgang mit der dort so genannten “Dissoziation”, also einer Spaltung auch Cincinnatus’, die zu Anfang allerdings häufiger stattfindet, wenn sich “reale” und imaginierte Szenen nahezu unmittelbar ineinander verschränken und, von uns meist erst nachher erkannt, mit- und auseinander fließen:

Beim kulminierenden Ton schmetterte Rodion den Krug auf den Boden und glitt vom Tisch. Ein Chor setzte seinen Gesang fort, obwohl er allein war.
Enthauptung, 30

Sowie etwas später:

Hier begannen die Zellenwände[,] sich wie Spiegelungen in bewegtem Wasser zu wölben und zu wellen; der Direktor begann sich zu kräuseln, die Pritsche wurde ein Boot. Cincinnatus klammerte sich an der Seite fest, doch die Dolle löste sich unter seinem Griff, und bis zum Hals im Wasser begann er unter tausend gesprenkelten Blumen zu schwimmen, verhedderte sich, begann unterzugehen. Die Ärmel aufgerollt, machten sie sich daran, mit Stoßstangen und Enterhaken nach ihm zu stochern,
Enthauptung, 56,

alles in der Zelle!

um ihn zu fangen und an die Küste zu ziehen. Sie fischten ihn heraus
Enthauptung, ebda.

Und der Arzt des Gefängnisses, der sogleich wieder zu seinem Direktor, dann schon erneut der Wärter wird, sagt:

“Die Nerven, die Nerven, ein regelrechtes Frauchen (…). Frei atmen. Sie können alles essen. Schwitzen Sie nachts manchmal? Machen Sie nur so weiter, und wenn Sie sehr brav sind,
Enthauptung, ebda.

brav!

dann dürfen Sie vielleicht einen raschen Blick auf den neuen Jungen werfen…”
Enthauptung, ebda.

Allerdings werden solche Szenen mit der Zeit weniger oder sind doch nicht mehr ganz so enggeführt, insofern bald von dem “einen” Cincinnatus und dem “anderen” Cincinnatus gesprochen wird, weil eine Überraschung ohnedies nicht mehr eintreten würde, sondern es den Eindruck einer “Masche” machen könnte, etwas, das Nabokov strikt, schon aus Distinktion, vermeidet. Man muß Einfälle nicht totreiten, wenn man ihrer Tausende hat, sie sich dem Romancier quasi von selbst aus seinen beiden Ärmeln schütteln.
Und hier liegt gleich der nächste Unterschied zu Kafka, auf den ich nur deshalb doch noch einmal zurückkommen will.

Autoren wie Kafka (bedingt auch Bernhard und Beckett) sind in ihren Tonlagen und (Bild)Welten fast immer gleich; das zeichnet sie aus, läßt sie uns stets erkennen als sie, bläht aber auch ihren Einfluß bis zur Abhängigkeit, aus der fast ausschließlich Epigonen hervorgehn. Kurz gesagt, sie sind nicht schulfähig, poetologisch können von ihnen nicht lernen, imgrunde nicht mal stilistisch. Und doch sind fast alle von uns, meist in unsrer Jugend, beeinflußt von ihnen worden. Das ist auch gut so. Aber es muß der Tag kommen, an dem wir einen Schnitt machen und den symbolischen Vatermord begehen oder einen, je nachdem, Muttermord. Wer das nicht schafft, wird sich niemals lösen und niemals etwas Eigenes zuwege bringen, bleibt immer Magd oder Knecht. (Für Adorno, übrigens, gilt das genauso in der Philosophie). Und es gibt Autoren wie Nabokov, die derart reich an Einfällen, vor allem aber Form- und Stilmitteln sind, daß sich Buch von Buch extrem unterscheiden. Nabokocs Spanne reicht vom realistischen, nahezu naturalistisch entworfenen Roman bis zur Phantastik, ja Sciencefiction. Dennoch erkennen wir ihn nicht minder als die Kafkas wieder. Hier allerdings können wir lernen — und sollten es, müssen es sogar, nämlich genauso, wie eines seiner Bücher aus dem und all seinen vorigen lernte. Ähnlichkeiten finden sich dann lediglich in, ich sage einmal, “Phasen” der poetischen Entwicklung. Daß die frühen Emigrationsromane miteinander auf das engste verwandt sind, ist natürlich; aber auch daraus bricht der große Schriftsteller, die große Schriftstellerin irgendwann aus. Das Geheimnis liegt im Mord an den Eltern — ja, wie ich anderwärts schrieb, werden wir auch im alltäglichen Leben erwachsen erst dann, wenn sie nicht mehr sind. Wir verlassen das Vertraute, öffnen uns Neuem, auch auf die Gefahr hin, daß es erst einmal schief geht oder nicht ganz so perfekt wird, wie wir es von uns erwarten oder gewöhnt sind.

Es war genau dies, was mich beim → Gelächter im Dunkel so aufmerken ließ und dessenthalben ich bei der → Mutprobe kristallklar begriff, welch ein Abschied der Pfad war, der am Ende des Buches in den märchenvollen Wald, nämlich zurück ins Kinderbettchen führt. Da es ein solches Zurück real nun nicht gab, schon gar nicht für den russischen Emigranten, gab es nur noch Voran. Nabokov ist kein Samsa, niemals einer gewesen. Er ist Aristokrat-imWesen, das Gegengeschöpf jenes Krabbelinsekts, das sich schließlich selbstschuldhaft hinwegkehren läßt, und zwar auch und gerade dann, wenn der falsche Mitgefangene und in Wahrheit Henker ihn, Cincinnatus,

Freund meines Herzens, Küchenschabe unterm Herd
Enthauptung, 106

nennt und das sogar noch wiederholt. Weil er die Schabe eben nicht ist, nur darum kann das Ende der Einladung zur Enthauptung tatsächlich so sein, wie es ist, und darum nur ist Cincinnatus’ sinnliches Erinnerungsfeuer von so großer und gegenüber der Gefängniswelt alleiniger Wahrhaftigkeit.

Auf etwas dergleichen, wovon wir Romanschreiber lernen können, und meine Kolleginnen auch — etwas zugleich, das “nur”-Leserinnen und -Leser, wenn sie’s erkennen, entzückt — möchte ich zum Schluß noch zu sprechen kommen. Es ist ein Motiv, mit dem der Roman imgrunde beginnt, nämlich der Bleistift, mit dem Cincinnatus seine Gedanken und die kommenden Geschehen notiert. Das Motiv durchzieht die Enthauptung wie der gelbe Markierungspfahl die Verzweiflung. Anfangs noch unbenutzt, spitz und

lang wie das Leben jedes Menschen mit Ausnahme von Cincinnatus und mit einem ebenholzschwarzen Schimmer auf jeder seiner sechs Facetten[,]
Enthauptung, 14

ist er auf Seite 196, unmittelbar vor der beschließenden Hinrichtungsszene, nur noch ein Stummel und also dann doch ebenso lang gewesen, wie Cincinnatus’ Leben noch hätte gewährt, dem in der Zelle, hätte er nicht zu seinem Befreiungsschlag endlich, endlich ausgeholt:

und alles löste sich auf. Alles fiel. Ein Wirbelwind packte und ließ kreisen: Staub, Lumpen, Splitter ausgemaltem Holz, Stücke vergoldeten Stucks (…); und inmitten des Staubs, inmitten der fallenden Dinge (…) schritt Cincinnatus in jene Richtung, wo, nach den Stimmen zu urteilen, ihm verwandte Wesen standen.
Enthauptung, 216

Tatsächlich ist dieser Bleistift nicht nur, wie es der Markierungspfahl war, strukturierendes Leitmotiv, sondern lebt mitund stirbt (hat sich ausgeschrieben), als Cincinnatus ins wirkliche Leben erwacht.

 

Ihr ANH

 

 

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Von Essenmann und Tod. Das achte Coronajournal, geschrieben am Mittwoch, den 25 März 2020.

 

“Phantasie”, erwiderte Cincinnatus. “Und Sie
— möchten Sie nicht fliehen?”

“Was meinen Sie damit, fliehen?” fragte M’sieur
Pierre erstaunt.

Vladimir Nabokov, Einladung zur Enthauptung
(Dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

[Arbeitswohnung, 8.20 Uhr]

Abends seh ich von dem meinen in die anderen, meist hell erleuchteten Fenster wie in künstlich vergrößerte, von Halos gleich erschimmernden Heiligenscheinen, die Erlösung versprechen, umgebene Galaxien hinaus und werde mir dennoch oder gerade deshalb unsrer Entfernung bewußt, einer, die aber erst noch folgt, die wir gerade erst spüren, und sie rückt näher und näher heran. Wir sind es ja nicht gewohnt, von Balkon zu Balkon wie Neapolitaner zu schwätzen, zu rufen, gar zu singen; und viele haben gar keinen Balkon und wenn, dann nicht nah genug dem gegenüber. Sondern es läßt uns Corona zu zwar nicht, nach Leibniz, fensterlosen → Monaden werden, zu solchen aber doch, jedenfalls die unter uns, die alleine leben. Selbst unsere Lieben zu besuchen, unsere Kinder und ihre Mama, der wir verbunden blieben, Freunde zu sehen, Freundinnen, Kollegen — wir überlegen täglich hin und her. Der Zweifel ist aktiver Teil unsres Alltags geworden — weniger oder gar nicht um unsrer Selbste willen, sondern um nicht ungewollt und fahrlässig zu Überträgern auf Schwächere zu werden. Wir erleben den seltenen Fall einer ausgerufenen Notstandsgesetzgebung, die auf sozialer Rücksichtnahme beruht und deshalb von Anfang an internalisiert ist. Hier wirkt nicht oder nur bei arg Uneinsichtigen eine Bedrohung durch Macht. Wobei, wie bei nahezu sämtlichen Ordnungsstrafen, die “Gleichheit vor dem Gesetz” Illusion ist: 500 Euro Bußgeld sind für Jahreseinkommen ab 70.000 aufwärts etwas komplett anderes als für Hartz-IV-Empfänger; für diese bedeutet es künftige Not, für die anderen ein allenfalls Taschengeld, das weniger hereinkommt. Anders ist es mit Freiheitsstrafen, aber nur dann, wenn sie nicht durch ersatzweise Geldzahlung ausgesetzt werden.
So sinnvoll die Ausgangssperren aber sind, so problematisch sind sie politisch. Ich schrieb es bereits, wie sehr mir die plötzlich neuen Nationalismen auch auf den “linken Flügeln” der Demokratie sind, und ich finde es unheimlich, wie widerspruchslos dies alles vonstatten geht. Die Erklärung dafür habe ich eben gegeben: Das Gewissen ruft den Notstand mit, in uns selber, aus. Eine mir tief vertraute Freundin überlegt sich, ob sie ihren innigen Freund noch sehen kann, der getrennt von ihr wohnt und dessen Umgang sie nicht überschaut; sie will aber ihre betagte, physisch ein wenig wacklige Mama sehen und also besuchen und muß achthaben, ihr nicht den Virus mitzubringen, die ansonsten für sich selbst inmitten eines Zaubergartens lebt, von dem sonstig Gefahr ihr nicht droht. Und genau dieser Mechanismus, als wie vorübergehend auch immer deklariert, ist sinnvoll zugleich und gefährlich. Wenn sich also → in der NZZ Hans Ulrich Gumbrecht über das Schweigen der Intellektuellen wundert, so kennt er wohl zum einen nicht Die Dschungel oder (was nichts Neues wäre für den Betrieb) will sie nicht kennen; ihr Einspruch kommt vielleicht von der falschen Seite, nämlich dem unappetitlichen Mir, oder ist → mit Überlegungen verbunden, die ihm noch weniger als das Schweigen schmecken — wozu wahrscheinlich diejenigen gehören, die sich um die — ein in unsren Zeitläuften mit dem Pop geradezu perfekt gefettetes Getriebe — programmierhafte Führung in repräsentativ-demokratischen Massengesellschaften und den Umbau der Widerspruchs- in einer Konsensgesellschaft drehen; Biogemüse, zum Beispiel, als quasireligiöses Schmieröl der Gemeinschaft, l’opium du people.  — Nun gut, der meisten Sorgen sind die Gemüse jetzt nicht, sondern ‘s ist das Toilettenpapier, ganz egal ob aus Recycling oder nicht. Und sie schleppen’s in ihre Monaden.

Ich schaue aus dem Fenster in der anderen Fenster. Es ist kalt; anders als im Süden lockt mit Einbruch der Dunkelheit nichts mehr, sie zu öffnen. Zwischen den andren und mir Glasscheiben. “Natürlich”, wir könnten telefonieren … Ein junger Mann fragte bei der Feuerwehr an, ob er Tinderdates wahrnehmen dürfe. Wir können das für naiv halten, aber vielleicht auch erkennen, daß er was Richtiges sieht und daß er voraussieht, wie quasi rührend es uns auch anmuten mag.
Haut.
Ich dachte, weiterhin in die erleuchteten Fenster schauend, hinter deren zweien ein dünnes Lamellenrollo heruntergelassen wurde, als wäre um die Schädigung des Privaten nun noch zu fürchten; jetzt schimmerte das Wohnungslicht wie durch eine Spanische Wand — so, wie wenn wir uns im Wald verirrt, opak ein Knusperhäuschen durch das dichte Tannenholz   lockt — … dachte also Entfernung und mußte an eine Erzählung denken, ich wußte nicht mehr, ob Ballards, ob Dicks, in der die Personen auf einem andren Planeten jede für sich allein in kleinen Stationen wohnen, die nur Kuppel sind, und allein über die technischen Apparaturen kommunizieren sowie täglich mit einem Mann, der die Lebensmittel und dazu die Neuigkeiten aus den andern Kuppeln bringt — solche, die er persönlich gesehen, nicht per Facetime, Skype und Whatsapp (was es zu der Zeit, da die Erzählung entstand, noch gar nicht gegeben hat).
Wegen der erinnerten Intensität der kleinen Prosa — schon daß ich hier “Prosa” schreibe, nicht etwa “Story”, sagt einiges — tippte ich auf Ballard und sah heute früh zuerst in seinen Büchern nach, wollte es jedenfalls tun. Doch meine Ausgabe seiner sämtlichen Erzählungen ist nicht mehr da, wenngleich ich sogar noch genau den Umschlag vor Augen habe und weiß, daß das Buch, ein Taschenbuch, bei Heyne erschien. Nein, weg. Irgendwann wahrscheinlich verliehen und vergessen, den, wie ich es für gewöhnlich halte, Merkzettel in den nun leeren Zwischenraum zu schieben, oder er ist irgendwann, weil es ein dickes Buch war, herausgeweht worden, ohne daß ich’s bemerkte. Jetzt werde ich es mir neu besorgen müssen. Doch egal, gucken wir bei Dick nach! Auch ein ziemlicher Schmöker. Der immerhin noch da war.
Dann wolln wir ihn mal durchschaun. Und — voilà: Ätherfesseln, Luftgespinste (“Chains Of Air, Web of Aether”, 1979).

Und er war erwartungsvoll, weil heute der Essenmann vorbeikommen sollte, er würde also jemanden zum Reden haben. Es war ein guter Tag.
Der unmögliche Planet, 772
(Dtsch. v. Clara Drechsler)

McVane heißt der Held, der anfangs, die Zeitung lesend, Kunstkaffee trinkt. In seiner Nachbarschaft, eine nahen oder nächsten Kuppel, lebt eine krebskranke Frau. Sie kommunizieren über, wie es damals noch hieß, Bildtelefon. Er erlebt ihr Sterben mit. Der Essenmann legt ihm nahe:

“Sie sollten sie anrufen und mit ihr reden. Als ich meine Lieferung bei ihr abgab, weinte sie.”
Der unmögliche Planet, 774

McVane aber denkt:

Du wirst sterben. Er wußte es, und sie wußte es. Darüber mußten sie nicht sprechen. Es bestand eine Komplizenschaft des Schweigens, eine Übereinkunft. Ein sterbendes Mädchen will mir ein Abendessen kochen, dachte er. Ein Abendessen, auf das ich keinen Appetit habe. Ich muß sie abweisen. Ich muß sie aus meiner Kuppel raushalten [,]
Der unmögliche Planet, 774,

wie heute unsre Nächsten aus unseren Wohnungen wir. — Er geht dann aber doch hinüber, da

saß sie im Bett, hatte ihre dunkle Brille auf und sah sich in ihrem Fernseher eine Soap-Opera an. Nichts hatte sich geändert (….), außer daß die verwesenden Lebensmittelreste auf dem Geschirr und die Flüssigkeiten in den Tassen und Gläsern noch abstoßender geworden waren.
Der unmögliche Planet, 791

Und vier Seite später:

In den folgenden Wochen unternahm er immer seltener Abstecher von seiner Kuppel zu ihrer. Er hörte nicht zu, was sie sagte; er sah sich nicht an, was sie tat; er verschloß seinen Blick vor dem Chaos, das sie umgab, dem heruntergekommenen Zustand ihrer Kuppel. Ich sehe eine Projektion ihres Hirns, dachte er einmal, als er für einen kurzen Moment den Müll betrachtete, der sich überall türmte; sie stellte sogar Säcke draußen vor die Kuppel, damit sie fort für alle Ewigkeit einfroren.
Der unmögliche Planet, 795

Genau dieses Gefühl von einfrierender Ewigkeit, eine, in der Zeit nicht mehr fließt, hatte ich gestern abend, als ich zu den anderen Fenstern hinübersah, eine fast körperliche und darum Empfindung von stehendem Kontinuum, dessen vielleicht doch noch leichte Bewegung ein nur noch Ausrinnen ist, weit hinab in eine endlos-hohle Welt ohne Boden. Sie hat auch keine Wände, denn die — jede, die es gibt  — wird von unseren Wohnungen, unsrer Behausung gebraucht, um uns darüber zu täuschen, daß sie Monadenkuppeln sind.

Geliebte Frau, Sie werden es gemerkt haben: Philip K. Dick ist kein Stilist, seine Sprache sogar ärmlich. Doch die Visionen, die ihn trieben, leuchten ständig durch. Deshalb läßt er mich nicht los. Man müßte ihn umschreiben, dieses Glühen in die Sätze bringen, in jedes einzelne Wort. Und in die Rhythmik. Die Erzählungen sind, was sie sein könnten, aber nie wurden, nie anders als in unsrer eigenen Vorstellung selbst. Daher ihre Einsamkeit. Die ich gestern abend spürte, als ich hinübersah zu den Fenstern. Hinter denen Menschen leben.
Und heute früh? Wie seltsam! Als ich erwachte, sang kein Vogel. Der Amselhahn schweigt noch bis jetzt. Nur ein paar Tauben gurren. Obwohl die Sonne scheint, obwohl das Hinterhaus ganz aufs neue glüht in Gelb. — Doch! jetzt ein kleines Tschilpen. Stille sonst. Und blaue, leuchtende Kälte.

Wie lange wird sie währen? “Wir müssen uns auf Einschränkungen auch nach Ostern vorbereiten,” sagt der Berliner Oberbürgermeister und verteilt die Pillen in homöopathischen Dosen, sozusagen D4: ein Tropfen Wirkstoff auf den ganzen Bodensee. Zu Pfingsten wird es heißen: nur noch den Sommer über, danach: nur noch diesen Herbst.
Wir haben Kuppelwochen, wenn nicht -monate vor uns. In den Hospitälern werden Menschen sterben unbegleitet von den Liebsten. Das ist vielleicht das schlimmste. Ob man hernach auf die Beerdigungen gehen darf, Trauergäste nicht mehr als zehn — geschenkt.
In den Kuppeln dahingehn. — Bei Dick allerdings, die junge kranke Frau, wird zwar noch jahrelang, zur Nachsorge, Medikamente nehmen müssen, aber geheilt. Und sagt, als McVane dann doch noch mal zu Besuch ist:

“Wir haben uns eine kleine Belohnung gottverdammt verdient. Wir beide.”
“Unsere Belohnung ist”, sagte er, “daß Sie wieder gesund sind.”
Sie schien ihm nicht zuzuhören; ihr Blick war auf den Fernseher geheftet. Dann sah er, daß sie noch ihre dunkle Brille aufhatte. Deshalb mußte er an den Song denken, den die Füchsin am Weihnachtstag gesungen hatte, für alle Planeten, den sanftesten, den sehnsuchtsvollsten Song, den sie nach John Dowlands Lautenbüchern bearbeitet hatte:

When the poor cripple by the pool did lie
Full many years in misery and pain,
No sooner he on Christ had set his eye,
But he was well, and comfort came again.

Der unmögliche Planet, 801

Und da |singen draußen die Vögel jetzt auch wieder. Oder um es mit Spielbergs Ian Malcolm zu sagen: Das Leben findet einen Weg.

 

Ihr ANH
12.29 Uhr

 

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