Palmen und Farne. (Aus dem freecity-Altblog, 2003).

Furchtbar, → nicht sprechen zu dürfen, nicht schreiben zu dürfen, wie man will. Furchtbar, sich ständig umzusehen, wer zuhören könnte. Furchtbar auch die Allianzen, die sich aus den Seilschaften des Literaturbetriebes ergeben. Furchtbar die familiären Allianzen: Wiederholungen, abermals, von Mustern, als vererbten die sich auch auf Hinzugekommene. Furchtbar die Gefühllosigkeit, die erwartet wird, damit man einen juristischen Streit gewinnt. Furchtbar, nicht zu wissen, gegen wen man eigentlich antritt, sondern es immer nur zu ahnen, und zwar je Verschiedenes.
Ich bin einer, der ständig Geschichten im Kopf trägt; nun ist es meine eigene, bin ich es selbst, der zum Gegenstand einer Geschichte wird, eines romanhaft enggekoppelten Systems: als realisierte sich, was ich immer zusammenspann. Literatur wird zu Wirklichkeit und wird zu Wirklichkeit gemacht, ohne daß ich sie formal noch ordnen könnte, wie in den früheren Büchern geschehen. Da ist auch kein Deters, auf den sich die Bedrohung vorübergehend und wie in einem Experiment, das zu beobachten wäre, verschieben läßt.
In mir ist alles dramatisch, war es immer, und also nehme ich den Prozeß dramatisch wahr; das ist wie ein Reflex. Daß ein Liebesbuch als Abrechnung, gar Beleidigung hingestellt werden soll, ist von einer solchen Perfidie, daß mir nicht einmal der Ausweg in Verachtung bleibt. Persönlich ja sowieso nicht. Nur verständnislose Trauer. Und Angst, selbstverständlich. Und manchmal – das ist dann erlösend, hält aber nicht vor – Wut. Dazu die stete Frage: Wie weit werde ich gehen? Wenn ich mich beugte, verriete ich, woran ich glaube und was ich bin: Kunst.
Schon habe ich die Geschichte eines Mannes im Kopf, der sich an einstweilige Verfügungen, weil ihr Grund unrecht ist, nicht hält, mit Strafen überzogen wird, sie nicht bezahlen kann und also in Beugehaft kommt, und kaum ist er aus dem Gefängnis heraus, kämpft er weiter. Abermals Ordnungsgeldstrafe, abermals kann er sie nicht bezahlen, er kommt abermals ins Gefängnis. Und so fort. Bis man ihn bricht. Dazu die Erzählungen, die ich aus Haftanstalten kenne: Vergewaltigung, Schläge, irgendwann bricht er zusammen. Eine Kohlhaasiade, gewiß; das hat auch etwas Komisches. Beugte der Mann sich aber, kniffe er, es wäre so lächerlich wie eklig. Denn natürlich hat der Mann einen Sohn, und wenn der Vater sich nicht mehr ins Gesicht schauen kann, woran sollte der Sohn sich später orientieren? An der Feigheit? An der Lüge? Am pfiffigen, sich anbiedernden Opportunismus?

Alle Bücher, die ich → bislang geschrieben habe, sind Bücher über Widerstand. Das hat vielen nicht gefallen, und jetzt wittern sie ihre Chance. Soweit meine Arbeit gewürdigt wurde, waren es immer Außenseitergestalten; die Mitschwimmer – es sind die meisten – waren grundsätzlich dagegen, die Namensliste ist lang. Bisher wußte ich damit umzugehen, denn die Gegnerschaft war logisch. Das ist nun anders, der Grund ist anders. Aber ihm laufen die Mitläufer z u. Das meine ich mit „Allianzen“, und es spielt keine Rolle, ob der Grund das eigentlich will: Das Opportune – die Gelegenheit, nun endlich einmal zutreten zu können und auch zu treffen – gruppiert sich um ihn, er kann sich davor gar nicht mehr retten. Man umarmt diesen Grund, aber wenn er nicht mehr genügt oder das Ziel erreicht ist, wird man den Grund zur Seite schubsen. Und sich nicht scheren, wenn schließlich er zugrundegeht. Er sollte den Brennstoff liefern, der Brennstoff sein. Die ausgebrannte Stufe wird abgekoppelt und verglüht.
Wie gesagt, ein neuer Roman. Oder ein Film, wie mir Jan Röhnert heute schrieb, der einen anderen las. Überhaupt kommen dauernd mutmachende Leserbriefe, aber sie erreichen mich nicht. Was mich aufrecht hält, das ist, daß der Junge des Mannes, von dem ich oben schrieb, eines Tages diese Protokolle lesen wird. Das wird leidvoll für ihn werden, aber ihm eine Chance eröffnen, die Söhne meist nicht haben: zu verstehen.

Michael, der Freund, vorhin: Wenn Mütter existentiell bedroht sind oder sich existentiell bedroht fühlen, lassen sie ihre Kinder im Stich, da sie sich ja anderweitig reproduzieren können. Auch darüber muß ich dauernd nachdenken. Es ist ein äußerst bio–logischer Satz. – Ich hielt sofort dagegen: Das täten Väter niemals. Aber bin mir jetzt nicht mehr sicher. Mein Vater jedenfalls hat um seine Kinder nicht gekämpft. Er hat ja sowieso nie gekämpft. Und meine Mutter – eine ausgesprochen starke Frau – kämpfte, indem sie sich um Seele nicht scherte, nicht um die eigene, nicht um die ihrer Kinder; Wohlverhalten und Anpassung gingen ihr vor – heute sagte man mainstream dazu oder Pop, der in der bürgerlichen Gesellschaft auch Beethoven meinen kann, jedenfalls den sinfonischen. Als sie nach der Geburt meines Sohnes seine Mama und mich zum ersten Mal besuchte, sagte sie zu ihr: „Du bist also die Frau, die mich unsterblich macht.“ Merken Sie’s? Schon wieder ein Roman. Dessen Protagonistin heißt Elfriede Kurzek und lebt derzeit in Bad Münstereifel; irgendwann in den frühen Dreißigern wurde sie geboren, ihr Vater war Koch und diente später bei den US-Amerikanern als Spitzel. Er war ein ausgeprägter Pflanzennarr, ich erinner mich: Bei uns standen überall Palmen und tropische Farne. Im Wohnzimmer, das man mit einer Machete betreten mußte, wenn man zum Eßtisch vordringen wollte. Im Schlafzimmer. In der Küche. Palmen und Farne…

Wellen (ff): I) Verfügungen, einstweils, II) Kritiken. | (Aus dem freecity-Altblog, 2003).

I
Zweite e.V.

Also jetzt noch das: Ich soll tatsächlich nicht mehr „aus dem Kopf rezitieren“. Formulier ich also: „Blablablablablblabla“ – womit ich meine, daß mir kalt ist -, dann ist mir dies fortan untersagt. Jedenfalls so. Immerhin meint „rezitieren“ ein belegbares Zitat. Von „Paraphrase“ ist in dem Beschluß keine Rede, was Varianten auf Alltagssätze, zum Beispiel „brrrr, kalt isses“, in meinem aktiven Wortschatz am Leben hält. Eigentlich finde ich das eine gute Sache. Man spricht nun nicht mehr „aus dem Bauch“, sondern schult sich selbst im Alltag in Anti-Schludrigkeit. Die Poetisierung jedes Einkaufs bei NETTO steht in die Welt. Mein gesamtes sprachliches Leben wird Poesie, und zwar scharf geränderte, sonetten sozusagen. Das kommt meiner Ästhetik in der Tat entgegen, verpflichtet mich sogar auf sie. Ich liebe ja auch in der Umgangssprache den Konjunktiv, der das “würde” vermeidet. Hegelsch gesprochen, komm ich zu mir. Ich sollte dankbar sein. Allerdings wird man mich nun für einen Manieristen halten… na gut, einige tun das seit langem, doch daß sich das bei den Vietnamesen herumspricht, von denen → Hans Deters seine Schmuggelzigaretten bezieht, ist neu. – Hans Deters? Ei, merken Sie, wie vorsichtig ich bin?
Aber, andererseits, dieses Weblogbuch findet sich ja aus guten Gründen unter „Dichtungen“, weshalb Sie – unvergleichbar mit anderen, sehr viel berühmteren Tagebüchern – nicht befürchten müssen, daß ich Sie über den Aggregatzustand meiner Stoffwechselabfälle unterrichten werde. Versprochen. Wen sowas interessiert, findet bei Powys’ auf Jahre Befriedigungsmaterial. Nur so als Lesetip für anal Interessierte.
Was ich bereits im vorvorherigen Weblocheintrag träumte und worauf ich mit dem „Schwarzen Buch“ präventiv reagierte, hat sich also realisiert. Das ist wie bei meinen Büchern: Ich schreibe was, und es tritt ein. Sogar die Zerstörung der World Trade Towers nahm ich im Apokalyptischen Kapitel von THETIS vorweg. Ob eigentlich ich der terroristische Kopf bin… ich meine: versehentlich und aus geheimen poetischen Gründen?
Der juristische Angriff geht diesmal gegen die fiktionäre Website, insoweit sie für MEERE wirbt. Wir haben deshalb die Links rechtssauber modifiziert. Immerhin ist der Gegner nicht damit durchgekommen, mir den Mund verbieten zu lassen: Sprechen darf ich noch über das Buch, auch den Fall MEERE reflektieren, öffentlich, etwa hier. Nur werblich aufs Buch hinzuweisen, würde teuer. Dreht also jemand, zum Beispiel morgen der RBB, mit mir einen Film, dann darf ich das – z. B. unter „Termine“ – nicht mehr bekanntmachen, weil das als Werbung auslegbar wäre. Es sei denn, es geht um sagen wir ANDERSWELT. Über die Zusammenhänge öffentlich nachdenken darf ich aber. “Im übrigen wird der Antrag abgewiesen”, schreibt das Gericht. Und genau das – abweisen und nachdenken – tu ich hier.

Wer sich fortan über XXXX (selbstzensiert) informieren will, möchte, so bitt ich, die Suchmaschinen bemühen. Das ist an sich ja wohl kein Problem. Zu ANDERSWELT finden sich bei google → enorm viele Links.

II
Kritiken

Bin gespannt, wo XXXXX (selbstzensiert), wenn man das Buch überhaupt noch behandelt, verrissen werden wird. Ich tippe auf mindestens zwei wichtige Zeitungen, ja bin mir bei DIE ZEIT und SÜDDEUTSCHE ZEITUNG geradezu sicher, weshalb mich eine Lust auf Wetten angeflirtet hat. Meeresquoten erfinden. Welch hübsche Idee! Ich würde das Wort gern urheberrechtlich schützen. Man macht es sich ja für gewöhnlich nicht klar, aber in Rezensionen werden auch Feindschaften ausgetragen. Womit ich nicht persönliche, sondern ästhetische meine. Ein Blick in meine Pressemappe (laden Sie sie sich unter „Presse“ herunter) genügt, um vieles zu erhellen. Auch ohne die einstweiligen Verfügungen wäre das mit XXXXX abermals geschehen. Nur diesmal besonders. Denn es geht um deutsche Geschichte und Folgen, die diese ganz bestimmte Form von Verarbeitung auf eine ganze Generation gehabt haben. Auch dies ist eines der wichtigen Themen von XXXXX. Das Buch nimmt die „Walser-Diskussion“ wieder auf, allerdings inniger, ja verletzlich und als Frage. Der Zusammenhang ist in der Tat so heikel, daß es einer Liebesgeschichte bedurfte, um ihre Valenz jenseits aller vorgeblichen Philo- und Antisemistismen plastisch und sinnlich erkennbar zu machen. Es muß von Gefühlen gesprochen werden, Normen und moralische Verdikte nützen da wenig. Sie sind im Gegenteil kontraproduktiv, denn sie halten die Erinnerung ans Unheil als Verdrängung aufrecht. Verdikte wollen nämlich nicht verarbeiten und bewältigen lassen. Auch das wird in dem Buch geschildert, das fortan WELLEN heißen wird, daß die Erkenntnisprozesse ihren Grund also in einer sinnlichen, wenn auch ästhetischen Erfahrung haben und genau deshalb so wirkungsvoll sind. Es handelt sich nicht – oder selten – um Rationalisierungsprozesse. Ihre Valenz wird deshalb größer als eine analytisch hergestellte empfunden. Deshalb wird auch eher ein Prozeß gegen einen Dichter geführt als einer gegen einen Wissenschaftler. Dieser bewegt sich im determinierten Raum – auch dann, wenn er moralisch fragwürdige Experimente durchführt -, jener hält sich im ungefähren Raum auf. Dieses Ungefähre ist, was weg soll. Die Äquivalenzform, so schrieb ich einmal, wird total.

 

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