Das (Nach)Krebs- & Arbeitsjournal des Dienstags, den 15. September 2020. Mit den zwei viszeralen Sonden sowie Phryne und Béart (59).

[Arbeitswohnung, 7.30 Uhr
Korngold, Sinfonietta op. 5]
Ein Stück, das besonders Do immer sehr geliebt hat und das ich einige Zeit lang ganz wie Elgars Caractacus gern als Morgen-, nämlich Aufwachmusik hab erklingen lassen. Frankfurtmainer Zeit. Wolpertinger und noch an Dielmann geglaubt. Dafür voll im Herbstsaft stehend, ein untreuer Treuer wie sein Körper ihm, auf den er sich verlassen konnte. Solch Fremder irgendwie. Und hat nun keinen Magen mehr. Er soll mehr auf sich hören. So gestern abend im PratergartenRalf Schnell. “Schmal bist du geworden.” Was aber nur zwei Kilos meint. Mehr hat er seit der großen OP nicht abgenommen, hält bei 70 das Gewicht, trotz der schlechten Fettverdauung. Würd nur gerne Sport wieder … sagt man wirklich “treiben”? Was er nun wieder treibt! Nur wüßt ich nicht, so sagte ich’s Ralf Schnell, wie auch noch diese Kalorien in mich dann hineinzufuttern. Die acht täglichen Mahlzeiten schon sind eine echte Aufgabe, nämlich rein logistisch, wenn zwischendurch – doch nicht dazu – auch noch getrunken werden soll. Doch was mir mehr Sorgen, offenbar, bereitet, ist, wovon ich → da schon schrieb. Und heute nacht hab ich’s verträumt, —

daß nämlich diese beiden sich derart nach Fremdkörpern anfühlenden Stränge solche Körper auch seien, nämlich implantierte Sonden, die sämtliche Nahrung protokollierten, sowie sie sie durchliefen; mir zur Kontrolle meiner Heilung eingepflanzt von jüdisch-israelischen Ärzten, die es mir aber verschwiegen, damit die Implantationen nicht überhaupt bekannt würden, denn die Eingriffe in den menschlichen Körper seien verboten von GOtt und also blasphemischer Vorgang. Was mein Unbewußtes aber verwechselte, denn dieses Verbot existierte zwar, im Mittelalter bis in die Renaissance, war aber christlich und nicht jüdisch (→ de sepulturis, 1299). Dieses Verbotes wegen durften z.B. keine Kaiserschnitte vorgenommen werden, auch wenn sie Kind und Mutter die Chance zu überleben gegeben hätten.
Wie auch immer, meine Ärzten setzten sich über das Verbot hinweg. Nur daß ich eben davon nichts erfuhr, auch wenn alle Empfehlungen, die nunmehr zur Verdauungsumstellung bekam, imgrunde unnötig waren: z.B.: Protokolle über jede Nahrungsaufnahme und ihre körperliche  Folgen zu führen — was zu tun ich mich allerdings sowieso weigere. Im Traum aber stellte sich heraus, daß die beiden mir implantierten Sonden solche Protokolle ganz von, sozusagen, selbst erstellten und an die entsprechenden Labore sandten, wo sie ausgewertet wurden. Wovon aber ich erneut nichts erfuhr.
Jetzt, da es herausgekommen, schlug ich tüchtig Krach

— wovon ich denn erwachte.

So sehr also beschäftigt es mich, der ich eigentlich nichts davon mehr wissen will. Wi(e)derkehr des Verdrängten, noch bevor ich’s verdränge.
Was eh nicht ganz geht. Denn ich mußte ein Angebot Frau v. Mecks ablehnen, gleich nach Wien für einzwei Wochen nach Apulien zu reisen, um mich auf Friedrichs Spuren zu begeben; hätt ich gern getan, aber meine physische Verfaßtheit ist mir noch zu unsicher, und nach Wien steht eine medizinische Untersuchung an, die ich nicht verschieben will und auch nicht sollte. Ebenso könnte ich meinen Arco-Verleger nach Piemont begleiten, wohin er während meiner Wiener Zeit einzweimal fahren muß; es würde mich reizen. Aber achtzehnstündige Autofahrten sind wegen meiner Nahrungsumstellung erst recht problematisch, um von plötzlichen Toiletten., sagen wir, –zwängen ganz zu schweigen. Also schwierigere Reisen insgesamt aufs nächste Jahr verschieben, je weiter nach hinten, desto, wahrscheinlich, besser.
Gedanken, die ich mir nie zuvor in meinem Leben gemacht habe. Sie finde es problematisch, sprach mahnend meine Fußpflegerin gestern zu mir, daß sich in meinem Leben offensichtlich nichts verändert habe, “doch der Krebs … er kam aus dir!” Ich solle endlich auf meinen Körper hören, legte auch Ralf Schnell mir nahe. Als hätt ich das nicht mein Lebtag und viel mehr als andere getan. Den Menschen ist nicht klarzumachen, daß die heftige Beanspruchung des Körpers ganz wie des Geistes genau das eben ist: auf den Körper zu hören. Es kommt nun viel mehr darauf an, auf den Geist zu hören und mein Werk fortzusetzen: daran wird der Körper gesunden. Hingegen wird eine sich durchhängen lassende Psyche, eine, die der Ermüdung nachgibt, ihm schaden über allen jetzigen Schaden weit noch hinaus. Allerdings beginn erstmals in meinem Leben, Meditation mich zu interessieren, nämlich als Frage, ob ich vermittels meines Willens nicht direkt auf die Bauchspeicheldrüse einwirken kann, um sie zur Ausschüttung der für die Fettverdauung nötigen Enzyme zu bewegen. Man müßt dazu allerdings genau die Gehirnwellen treffen, aufgrund derer Signale diese Drüse reagiert. (Tatsächlich kommt das Signal vom Magenpförtner, den ich ohne Magen aber nicht mehr habe; doch gesteuert wird auch dies vom Gehirn; also müßte sich da – völlig unesoterisch – eingreifen lassen. Es ist keine Frage der Religion, sondern alleine einer der Physik, bzw. Hirnchemie.)

Bin wieder – endlich! – in den Béarts und habe die mir wichtigen Zeilen Lukrez’ bereits markiert, um sie den Hymnen einzuflechten. Allerdings bin ich mit Hermann Diels’ Übersetzungen des lateinischen Textes nicht sonderlich glücklich; will statt dessen versuchen, eigene Nachdichtungen zu formen. Etwa:

Aeneadum genetrix, hominum divomque voluptas
`Mutter der `Äne`aden, du `Wonne der `Menschen und `Götter (Diels)

Hier hakt’s bereits im zweiten Versfuß. Besser deshalb (auch das altertümelnde Wonne besser ersetzen):

`Mutter der `Aëne`aden, du `Freude der `Menschen und ‘Götter (ANH)

wobei sogar zu überlegen ist, ob in diesem Fall, also der Liebesgöttin wegen, “hominum” nicht sogar als “Männer” interpretiert werden sollte:

`Mutter der `Aëne`aden, du `Freude der `Männer und `Götter.

Und auch

Denn sobald sich erschlossen des Frühlings strahlende Pforte (Diels)

wartet schon gleich zu Anfang statt mit einem Daktylus fehlerhaft mit einem Trochäus auf.

Außerdem muß ich in den Gedichten sämtliche italienische Stellen markieren, um sie den amerinischen Freund, Parallalie, kontrollieren zu lassen. Zurecht hat er in den vorhergegangenen Gedichtbänden hier und da italienische Fehler moniert; dem möchte ich nunmehr unbedingt einen Riegel vorschieben.

Den Friedrich schiebe ich jetzt erst mal, bis nach Wien, wieder beiseite, bzw. bis das satzfertige Béart-Typoskript an diaphanes hinaus ist (das überdies noch einen Anmerkungsteil braucht, damit in den Gedichten selbst nicht mit Fußnoten herumgebastelt werden muß). Übrigens bin ich mir wegen des Umschlagentwurfs wieder unsicher. Vielleicht doch eine “reine” Schriftlösung? Oder die Abbildung einer tatsächlichen Venus wie dieser römischen aus dem 1. bis 2. Jahrhundert n.C.:

 

 

 

 

Vielleicht aber auch ein Rückgriff auf Klinger oder die Präraffaeliten? Oder Ferdinand Lepckes wunderschöne Phrynefigur von 1907/08 in Coburgs Hofgarten:

 

 

Oder nur ein Ausschnitt daraus, der allerdings das grandiose, zutiefst berührende Profil dieser Frau bewahren muß:

 

 

 

 

 

 

___________
>>>> Béart 60
Béart 58 <<<<

Ich bin mir wirklich unsicher. Aber werde auch das mit → meiner Lektorin besprechen, die vor dem Aeropag ganz ebenso bestünde.

Ihr ANH
[Korngold, Klaviertrio op. 1 (1910)]

Das Karzinom als Geschöpf. Krebstagebuch, Tag 3. Sonnabend, den 2. Mai 2020.

Gestern zum ersten Mal seit der Diagnose hatte ich denn doch unversehens Angst, was die seltsame Hochstimmung, die mich bestimmte, deutlich dämpfte. Allerdings nicht des Karzinomes selber wegen und wegen der objektiv schlechten Aussichten auch dann, sollte das Ding operabel sein und tatsächlich schnell entfernt werden können, sondern als Folge meiner Vorbereitungen — die pragmatisch aber sein müssen. Also: Bestimmen “für den Fall, daß”, wie dann zu verfahren sei. Dazu gehört selbstverständlich, meine Liebsten davor zu schützen, daß plötzlich finanzielle Kosten auf sie zukommen, die sie nicht tragen können, und ich selbst habe ja überhaupt keine Rücklagen. Etwa

(da ich auf keinen Fall verbrannt werden, sondern, wie es in ihrer
wundervollen Klarheit meine Hausärztin formulierte, “meine Energien
dem natürlichen Kreislauf zurückerstatten” möchte — “zurückerstatten”
trifft es präzise, gerade in den Ober- und Untertönen des Wortes:
Dankbarkeit nämlich)

der für leibliche Beerdigungen deutlich höhere als bei der Urnenbestattung finanzielle Aufwand. Doch es ist mir existentiell wichtig:

– verbrennt mich nicht: Sand wieder werden, ein Einzeller, Wurm, Pflanze, ein Tier, das den Kopf witternd hebt, Schwein oder Ratte, vielleicht eine Schwalbe, vielleicht Mensch sogar wieder, und spürt etwas, das aus dem Früher rührt: kaum schon Empfindung, ein sprachloses Ahnen, unversehen erinnerungslos, doch die Toten atmen durch es hindurch: déja-vu’s, die bewahren
Das bleibende Thier, Neunte Elegie

Ich habe, Freundin, gemeint, was ich vor fünfzehn Jahren schrieb.

Aber das war es nicht, was meine Stimmung unversehens drückte. Sondern die Formulierung der → Vorsorgevollmacht, in der bestimmt wird, der entscheiden soll, wenn bei der OP etwas dergestalt schiefgeht, daß ich in einer Verfassung erwache oder eben nicht erwache, in der ich im juristischen Sinn nicht mehr selbst urteilsfähig bin. “Machen Sie sich klar,”, hatte meine Ärztin gesagt, “daß so etwas auch bei ganz banalen Operationen vorkommen kann. Irgendetwas mit der Anästhesie, das schiefgeht. Da muß es keine Schuldigen geben, wir können Risiken niemals ausschließen. Und dann ist es wichtig, daß jemand da ist, die Entscheidungen für Sie und in Ihrem Sinn zu treffen.” Außerdem sollte gegenüber von mir benannten Personen die ärztliche Schweigepflicht aufgehoben sein, was umso wichtiger ist, wenn ich selbst halt nicht in der Verfassung bin, etwas zu entscheiden. All dies muß ich vor der Operation festgelegt haben. Ansonsten, im Fall der nicht mehr Geschäftsfähigkeit, bestimmt ein Gericht.
Und da eben bekam ich Angst. Weil ich eben auf keinen Fall würdelos gehen will, sondern, wie ich gestern schrieb, als stolzer Mann, nicht als sabberndes, nur noch komatöses Ding, von dem im übrigen niemand weiß, ob es – und wenn es, was dann spürt. (Daß ich den Einsatz mein Leben künstlich verlängernder Maschinen ablehne, habe ich in der Patientenverfügung juristisch geregelt). — Wie unheilvoll, dachte ich, wenn ich tatsächlich nicht klar aus der OP wieder aufwache und dann eben nicht mehr den Weg gehen kann, den ich im Zweifelsfall, bei klarem Verstand, gehen würde? Einfach, weil ich dann ans Bett und auf der Station festgebunden bliebe. Das nämlich können meine Lieben dann nicht mehr bestimmen, daß ich den Freitod wählen darf (am innigsten in ihrem Beisein, mit ihrem Einverständnis, sie sind um mich herum, wir verabschieden uns, jemand hält noch meine Hand, dann nehm ich die Tablette …).
Diese Vorstellung, daß meine seelenutopische Idee in solchem Fall auch objektiv nicht mehr möglich wäre, drückte mich wirklich nieder, und ich brauchte etwas Zeit, das starke Unbehagen wieder von mir zu schieben. Wobei es um den Tod-selbst, also mein mögliches Sterben, gar nicht ging. Dem sehe ich nach wie vor mit Ruhe entgegen. Aber es schlossen sich weitere “Fragen” an.
Zum einen hörte ich von mehreren Freundesseiten, ich solle mich nicht mit dem Sterben beschäftigen, sondern all meine Kräfte auf die mögliche Heilung konzentrieren, um die inneren Selbstheilungskräfte zu aktivieren — etwa nach dem Ratschlag eines Freundesvaters, der mich, mit der nüchternen Bemerkung “hilfreich”, → auf Simonton hinwies. Nun müssen die Fälle aber geregelt sein, ansonsten ich meine mögliche Hilflosigkeit schon vorverlegen würde; außerdem tut es mir gut, etwas und Klares zu tun. Es erhält meine Selbstbestimmung. Nochmals, wie ich es sehr oft schon schrieb: Ich will ein freier Mann sein und so dann halt auch gehen.
Aber ich dachte weiter. Bei Simenton steht, man solle darauf meditieren, die innere Ruhe zu finden und sich mit dem aussöhnen, was einen gequält. Man solle, mit anderen Worten, einverstanden werden. Dazu die nicht ganz von der Hand zu weisende Einschätzung, daß der Krebs ein Zeichen sei, “etwas sagen”, den Betroffenen mitteilen wolle. Man sei mit etwas zutiefst uneinig, das behoben werden müsse. Und da fragte ich mich, ja du meine Güte, wie soll ich es denn beheben? Was mich in den letzten fünf Jahren immer wieder in die Depression geschickt, war nicht zu ändern, es ist zu spät. Nicht also, daß ich nicht gern lebte! Ich lebe nach wie vor rasend gerne. Aber es bedeutet eben auch weitere Qual, weitere Verletzung, Mißachtung, Mobbing – in Hinsicht auf das, was das Zentrum und die Bahn meines Lebens war, also: in Hinsicht auf meine Dichtung. Das Bewußtsein, daß die Anerkennung ihrer Bedeutung verweigert bleiben wird, und zwar massiert und absichtsvoll, machte es mir plötzlich schwer, mir freudvoll vorzustellen, in was ich zurückkehren würde, wär denn der Krebs “besiegt”. Hatte ich nicht ohnedies schon mehrfach mit dem Gedanken an den Freitod ge,nun jà,”spielt”? Und Abstand von ihm letztlich nur genommen, weil ich meine Lieben seelisch nicht schädigen wollte, und, klar, weil ich keine Ahnung hatte (und habe),wie zu gehen, und zwar rein praktisch. War es nun nicht sogar so, daß mir der Krebs diese Verantwortung abnahm und von sich aus, für mich, was nötig ist, in die Wege leitet? War vielleicht dies der Grund für die seltsame Erleichterung, die ich seit der Diagnose gespürt habe — wie da von Nun auf Gleich alle Depression von mir abgefallen war? Und mehr noch. Wenn geheilt, wohin außerdem kehrte ich zurück? Meine Rente wird um fünfhundert Euro betragen, meine Bücher bringen, wenn sich nicht (was extrem unwahrscheinlich ist) entscheidend etwas ändert, so gut wie keine Tantiemen ein, und erst recht ist auf andere Art, etwa Verfilmungen, aus ihnen keinerlei Einkunft zu erwarten; vom Rundfunk – über Jahrzehnte meine ökonomische Grundlage – kommen schon seit fünf Jahren keine Aufträge mehr; Literaturpreise wird man mir nicht verleihen und Stipendien mir verweigern (wobei für einen Fünfundsechzigjährigen mit einem solchen Werk ein “Stipendium”-schon-selbst imgrunde eine Kränkung ist); kurz — es ist die Altersarmut, was mich erwartet. Lebte ich auf dem Land, dann ginge das wohl hin. Doch in der Stadt? Und, genauso schlimm, die körperliche Vereinsamung: nie wieder erotische Liebe erfahren. (Hier gilt erneut: Mit Geld im Hintergrund ließe sich dem begegnen, ohne aber nicht.) — Woher und wozu die Selbstheilungskräfte also beziehen?

Sofort indessen regte sich der Widerspruch, und zwar abermals: mein Werk. Immer und immer wieder das Werk. Wenn die BÉARTs jetzt auf nicht nur US-amerikanisch, sondern auch Französisch erscheinen, was ja so geplant und in die Wege schon geleitet ist, dann komme ich endlich, endlich aus dem kleinen, kleingeistigen, kleinseelischen, zutiefst provinziellen deutschen Literaturbetrieb heraus, dann eröffnen sich tatsächlich Möglichkeiten, einfach weil meine Art zu schreiben nach Deutschland gar nicht paßt, weil sie in sehr vielem mehr romanisch als deutsch ist, südlich ist, wo man mir weder meine Haltungen noch meine Liebe zur Eleganz noch meinen angeblichen Machismo auf diese verklemmte Weise übelnimmt. Dann, ja dann ist vielleicht vieles, vieles offen, neu. So neu sogar, daß von “jugendlich” gesprochen werden könnte. Und wenn die BÉARTs im Ausland Aufmerksamkeit erzielen sollten, vielleicht sogar weiten Zuspruch, dann könnten die anderen Bücher, die im deutschen Sumpf verschlammten und nach wie vor keine Luft darin kriegen, nachziehen … Noch sind sie nicht erstickt —
Und genauso unversehens, wie mein seit der Diagnose, das genau ist das Wort, aufgestiegenes Hochgefühl in sich zusammengefallen war gestern, kam es abends da zurück. Alleine deshalb, alleine wegen der Chance. Und daß ich dann aber doch noch die offenen Projekt abschließen, vollenden könnte, die Triestbriefe, mir im Wortsinn ein Herzensbuch, und den alten Destrudo-Roman, die Neapelerzählung, ja vielleicht sogar den Friedrich zumindest angehen … ! Dafür, ja, lohnte es sich. Also kommt her, ihr Selbstheilungskräfte!

Gespräche mit zwei meiner Verlage schlossen sich an. Elfenbein sicherte mir zu und schrieb’s mir dann noch mal, sowohl den WOLPERTINGER als auch DIE VERWIRRUNG DES GEMÜTS, von 1983, ins Programm aufzunehmen, also neu aufzulegen —unsicher zwar, aus Finanzierungsgründen, wann, aber doch auf jeden Fall, und ebenso, daß meine Lektorin dafür beigezogen würde (es sollte besonders an der Verwirrung stilistisch einiges bearbeitet werden). Und Arco will den New-York-Roman ins Programm nehmen, wahrscheinlich auch die SIZILISCHE REISE. Was noch allerdings mit einem möglicherweise Rechteproblem verbunden ist. Sei’s drum. Doch wie auch immer, kämpfen, kämpfen!

Und dann, ja dann … schon morgens war es mir aufgefallen, daß ich mit meinem Karzinom sprach.  Nicht nur in लक्ष्मीs , mit der und dem Zwillingsbuben ich nachmittags einen Spaziergang durch den vor lauter leuchtendem Mai herrlichen Park unternahm, ein bißchen esoterischem Sinn, den Finger aufzulegen und “heile” zu sprechen, sondern ich fing an, es in ein richtiges Gespräch zu verwickeln. “Hör zu, du mußt jetzt schrumpfen.” Und die ganze Zeit überlege ich, welchen Namen ich ihm gebe. Seltsam sowieso, daß ich, anders als es meinem Stil entspricht, das, nun jà, “Ding” einfach duze. Es wäre angemessener, dachte ich erst, es zu siezen, um unsere Distanz klarzustellen. Aber ich spürte, daß “das Ding” zu mir gehört und ein Ding keineswegs ist, sondern ein Geschöpf, das vielleicht selbst nur leben will, sich dabei aber den eigenen Humus weggräbt — auch darin nicht so verschieden von mir selbst: mit nämlich ganz derselben Radikalität.
Auch kann ich’s, vor allem morgens nach dem Aufstehen, deutlich fühlen. Ich fasse hin, taste, spüre es, merke, wie es lebt. Vor allem, weil es sein Verhalten geändert hat, seit es, so meine Innenstimme, gemerkt hat, daß es nicht mehr unbeobachtet ist. Nämlich kann ich wieder schlucken, ohne daß die Bissen an der Enge hängenbleiben. Aber statt dessen tut, habe ich geschluckt, diese Enge weh und auch der Magen gleich darunter. Als würde “das Ding” protestieren, weil ich weiteresse. Sein Protest ist dieser Schmerz, der aber durchaus aushaltbar ist, fast eine Lappalie. Und über den Tag breitet sich das Ding (ich brauche wirklich einen Namen, vielleicht “Otto”, nein, das ist der Mops; oder … weshalb denn nicht weiblich? Hm —) als etwas ermüdendes Völlegefühl aus und strahlt sowohl hinunter als auch nebenan gen Herz, an dem die Speiseröhre anliegt. Es will mich, merke ich, erschöpfen, einfach den Widerstand ermüden. Der nunmehr grad zurückkam. Mein Trotz war immer eine meiner Stärken.

ANH

P.S.: Ja, auch dieses ist ein Arbeitsjournal. Nur will ich’s so nicht nennen.

%d Bloggern gefällt das: