“Nie ein Teil davon zu sein”: Zurück. ||| Das trauernde Arbeitsjournal des Montags, den 19. September 2022. Auch als Briefe nach Triest, 62.

[Arbeitswohnung, 9.07 Uhr
Hans Werner Henze, Ode an den Westwind (1953)]
Es war einer der für mich schlimmsten, schmerzhaftesten Vormittage, derer ich mich entsinnen kann. Gestern, am Sonntag, den 18. September 2022, einen Tag vor dem, der mir wäre ein  Jubeltag gewesen. Weshalb es gestern so schmerzhaft war, möchte ich nicht erzählen, nur, daß ich vor fast panischer Nervosität nur noch auf- und ablief, hospitalisiert gleichsam hinter den tausenden Stäben, doch die Welt eben wenn nicht im Blick, so doch in meinem gradezu grellen Bewußtsein; sie war noch da, dahinter, aber ließ mich nicht mehr in sie hinein. Dann mußte ich wirklich aufbrechen zur SBahn, mit der dann weiter nach Meidling zum Zug. Besser, noch einmal auf die Toilette. In meiner panischen Hektik drehte ich mich einmal ungelenk herum, es war eng, und schlug mit dem linken Arm derart heftig gegen ich-weiß-nicht-was, daß meine geliebte wunderschöne Girard-Perregaux zersprang — was ich aber erst in dem Örtchen merkte, als ich das Schutzglas zu berühren meinte, es tatsächlich aber das Ziffernblatt war. Und der feine goldene Sekundenzeiger fehlte. Dennoch, der andre Schmerz war größer, dieser, der zweite, jetzt eigentlich nur noch seine nicht mehr symbolische  Materialisierung. Wir krochen nachher, mein Verleger und ich, am Boden herum und suchten. Das Schutzglas lag da, auch die goldene Innenblende. Es ist sehr wahrscheinlich, daß ich den Zeiger mit allem, was hinuntergespült werden auch sollte, hinuntergespült habe. So ist die Uhr nun in Wien verblieben, um zu meinem Uhrmacher gebracht zu werden, den ich zwei Tage vorher längst aufgesucht hatte, weil eine Geringfügigkeit zu justieren war, und der die Uhr ganz nebenbei so sehr auf neuen Hochglanz gebracht hatte, daß ich sie dauernd anschauen mußte. Ohne zu wissen, daß es ein quasi Abschied war, wenn auch da noch eben nur symbolisch. Und noch am SBahnhof Mitte ging ich minutenlang wartend auf und auf, bis ich mich endlich zusammenriß und eine frühere Bahn als geplant nahm. Schließlich im ICE – ein Segen, daß ich reserviert hatte – brachte ich es zwar fertig, meine noch nicht in die Datei überführten Triestnotate in sie zu übertragen, aber alles dieses mechanisch. Denn ich fing an, das gesamte Romanprojekt zu bezweifeln. Dabei war selbst meine Lektorin wie aufgerührt von dem gewesen, was ich ihr in unseren drei Tagen daraus vorgelesen hatte. Nahezu alle, denen ich vorlas, sind es, mein Verleger auch. Aber mit einem Mal war das Buch sinnlos geworden. So geht es mir noch jetzt. Wie ich nun die letzten beiden zu verfassenden Briefe noch schreiben soll, weiß ich nicht. Momentan ist es mir nicht möglich. Was ich könnte, wäre, aber auch das eher mechanisch, die bisher stehende Erste Fassung bereits zur Zweiten insofern ergänzen, als ich die Notate nun nach und nach einbaue, neue Übergänge schaffe, die Orte mit meinen Erlebnissen abgleiche usw., dieses alles ja. Und später dann, wenn damit fertig, die beiden noch fehlenden Briefe ergänzen. Nur daß ich gerade nicht mehr weiß, wozu.
Das Geschehen, das ich Ihnen, Freundin, nicht erzählen möchte – oder soviel vielleicht  doch, daß ich es als einen tiefen Vertrauensbruch empfinde, ja als menschlichen Verrat -, war um so schlimmer, als insgesamt wundervolle Tage vorhergegangen waren, pralle, lebensfrohe, ja begeisterte voller Ideen, in denen auch die Triester Erfahrungen nachschwangen. Nun war es, als würde ich bestraft für sie werden. Wie in büßender Trance trat ich an die zwölf Stunden später in meine Arbeitswohnung ein. Was mir half, war allein, daß als Rezensionsexemplar im Briefkasten diese CD lag, die ich gerade höre, nämlich Henzes Musiken für Violoncello und Orchester. Und ich w e r d e sie besprechen, vielleicht noch heute, wenn ich doch sowieso an den Roman nicht gehen mag, nicht gehen kann. – Lieferbar wird sie ab dem 14. Oktober sein; sie ist noch nicht einmal auf Berlin Classics Website annonciert.

Sie werden, Freundin, verstehen, wenn ich jetzt noch nicht, obwohl ich es vorhatte, von meiner Triestreise erzählen kann, nicht nur nicht mag. Da muß erst dieser Schatten weg, der seit gestern morgen drüberliegt. Aber vielleicht kann ich zumindest ein Notat zitieren, das ich als quasi Briefentwurf für meine Lektorin in der kleinen, mir vom Arco-Verleger empfohlenen “Degusteria” km 0 in mein Notizbücherl geschrieben habe, wobei ich – weil es, hätte ich ihn abgesendet, ein Privatbrief gewesen wäre – Klarnamen hier umerfinde. Und merke unvermittelt wieder, wie gut es mir tut, die Trauer auszu… — nein, mir m e i n e Trauer auszuschreiben:

(Settembre 9, sera)
[1]Nur zur Erläuterung. Wenn im Notizbücherl Seiten durchgestrichen sind, bedeutet das, die Texte seien bereits in die zugehörige Datei übertragen worden. Erst danach, in aller Regel, erfolgt die … Continue reading

Was ich gerade erlebe, habe ich erst ein­mal zuvor erlebt – als ich damals „Meere‟ schrieb. Ich bin völlig allein, es schnürt mir die Luft weg; zugleich bin ich in rasender Gesellschaft meiner „Figuren‟. Sie sprechen zu mir, wider­sprechen oder geben mir recht – doch alles ganz von oben herab. Indessen begründet. Ich darf nicht einmal ihre Wohn­orte aussuchen, alles tun sie selbst, einfach, weil ich genau sein will und muß. Die Sídhe wohnt jetzt dort (→ Bild) schon we­gen des Caffès San Marco gleich unten nebenan ( Bilder). Für mich selbst heißt das, ganze schon fertig gewesene Strukturen noch ein­mal (fast) völlig umzuwerfen. Und aber wer mir hel­fen könnte, hält sich – aus nachvoll­ziehbaren Gründen – zu mir in Distanz. Mit sowas muß man(n) leben können. Unterm Strich bleibt eine insofern eigenartige, aber schwere Einsamkeit, als ich ja ständig in Ge­sprächen bin – aber eben mit Figuren. Wenn die bei einem schlafen, ist da keine Wärme und kein Pulsen der Haut. Dies ist wohl das einsamste, den Rest eines Lebens allei­ne zu schlafen und allein aufwachen zu müssen. Was ich tu und arbeite weiter an dem Ro­man. Der nicht tut, was ich will, sondern mir vor­schreibt, was sein Interesse ist. Für mich ein ziemlich wilder Spagat. Bislang habe ich aber al­les „gepackt‟. – Helmut gestern in Skype: Er habe meine Pläne gesehen und nur gedacht, “unmög­lich, sowas zu schaffen. Niemals!” Ihm mache das eine ‚riesen‛ Angst. – Mir auch. Nur daß er auf die Angst hört und es nicht angeht, indes ich es da erst recht tu. (Das ist meine Verbindung zu Jessir, dem Kriegsberichtfotografen. Wir sind uns nah. Nur deshalb darf ich – ethisch Mariannes Geschichte verwenden und die ihres einstigen Partners. Wie Corinnas davor.) | Ich sitze hier und denke: Gleich breche ich zusam­men. Aber das werde ich nicht, sondern erfüllen, was ich mir vorge­nommen habe. Es gibt in mei­nem Leben für Schwächen keinen Platz; ich könnte denn meine Arbeit nicht zuendebringen.
Kopfhaut (wenn Haar darüber) ist
nie braun, sondern immer hell. (Bei Wei­ßen).
Immer noch in diesem „Risto­rante‟:
Die Menschen sind ein Zusammen­hang. Was aber, wenn jemand in keinen ge­hört? Ich gucke es mir an und finde es so toll – doch kann daran nicht teilnehmen. (Ich fühle keinen Neid, nur Zunei­gung, aber auch, nie ein Teil davon zu sein.)

***

Daß die russische Übersetzung des Traumschiffs, Корабль-грёза, jetzt erschienen ist, wissen Sie → seit vorgestern und ahnen, denke ich, meine Ambivalenz, die vor allem darin besteht, mich freuen zu wollen, es aber angesichts des Krieges nicht zu können. Was gegenüber Tatiana Baskakova ein fast schreiendes Unrecht ist, zumal sie von allem Anfang an eine entschiedene Gegnerin Putins war und es nach wie vor ist. Ich kann wirklich nur Abbitte leisten und innig auf Zeiten hoffen, die es wieder möglich machen, stolz darauf zu sein, in Vladimir Nabokovs bis zu seinem Tod geliebte Muttersprache übersetzt worden zu sein — und mit welcher poetischen Akribie! Allein die fast einhundert zusätzlichen Seiten Kommentar sind eine Ehrung. Und dennoch, dennoch, dennoch. Dagegen an will ich aber doch wenigstens die Würde zeigen, das Buch auch zu annoncieren, selbst wenn ein befreundeter Kollege mich schon vor Wochen gewarnt hat: “Wenn du das tust, warte nur, wie schnell sie dich einen Putinfreund nennen werden.” Habe ich je aus egoistischen “Karriere”gründen besser mal den Mund gehalten? Nein. Es soll sich auch nicht ändern:


Ihr ANH

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Briefe nach Triest 61 <<<<

References

References
1 Nur zur Erläuterung. Wenn im Notizbücherl Seiten durchgestrichen sind, bedeutet das, die Texte seien bereits in die zugehörige Datei übertragen worden. Erst danach, in aller Regel, erfolgt die Einbettung in das Typoskript. Wobei ich während der Übertragung aus der Handschrift meist schon umformuliere und/oder aus der Erinnerung ergänze, die von der Wiedervergegenwärtigung aktiviert wird.

Wien 2: “Ein alter Mann geworden zu sein”: ungut ein ‘Encounter’. Im Wiener Arbeitsjournal zum 22. und 23., geschrieben am Sonntag, den 24. Juli 2022. Darinnen zudem der Abschluß des Lektorates der Verwirrung des Gemüths, ein Podcast zu literarischen Helden, hier zu einem dunklen, sowie der Arbeit im Sommer an sich.

[Im Verlag, Gästezimmer
7.12 Uhr]

Pünktlich auf um sechs. Zur ersten Pfeife, wie überhaupt um zu rauchen, immer in den Hausflur, da mein Verleger empfindlich. Also den Kaffee bereitet, eine Pfeife schon mal gestopft und mit ihr sowie Aschenbecher, Feuerzeug, dem Laptop für die morgendliche Presselektüre an eines der hohen Fenster im Gang, es geöffnet, den Tabak entzündet, den Laptop aufgeklappt und so den Tag schon mal fortgesetzt, auch die Arbeit von gestern gesichtet, ich übertrug die (vielen) Korrekturen des vierten Durchgangs, dem auf dem Papier, der Triestbriefe bis nachts um eins. Immer wieder dem Freund auch vorgelesen, dabei ständig neue Ideen und aber auch Lösungen für Probleme gefunden, die dieser Roman für mich noch bereithält. Es wird nun, bevor ich mich werde an die letzten sieben Briefe setzen können, die ihn abschließen werden, noch einen fünften Korrekturgang geben müssen. Aber mir ist sehr klar geworden, wie der Anschluß der neuen Briefe an die “alten” aussehen wird – und fast auch schon das Ende des Romans. — Nachdem die halbe Pfeife geraucht, den Ort gewechselt, nämlich an den kleinen Arbeitsplatz zurück, den ich in meinem Gästezimmer habe, einen sehr angenehmen, an dem halt nur nicht geraucht werden darf.

Der nicht nur angenehme, sondern himmlische – und nicht nur, weil ich unter dem weiten Himmel dort rauchen konnte – breitete sich in Bad Fischau aus. Und tatsächlich, Elvira M. Gross und ich haben das Lektorat zuende bekommen, also der “Verwirrung des Gemüths”, deren satzfertiges Typoskript nunmehr pünktlich im Verlag liegen wird. Die Abgabe des lektorierten Textes nimmt stets meine Lektorin vor, damit es mit den vielen Fassungen nicht zu unnötigen Verwechslungen kommt. In dieser Hinsicht, wurde es anders gehalten, sind schon mehrmals unnötige Irrnisse entstanden; seit wir es so tun, nicht mehr.
Die Arbeit selbst war sehr gelöst, wir haben zudem viel gelacht. Elvira versteht oft den Witz, der weniger Schnellen erklärt werden muß. Ihrerseits sie kommt immer wieder auf hinreißende Ideen, wenn mal was stockt, und manches, das ich noch vorsichtig formuliert habe, spitzt sie gewaltig zu; dann kann eine ironische Abfälligkeit plötzlich schon ziemlich scharf sein und aus “Blödmänner, blöde Frauen” wird “Blödfrauen, blöde Männer”. Oder es wurde bei mir viel gestarrt, angestarrt usw., was sich oft auch mit “erstarren” mischte, was ihr nach einiger Zeit ziemlich auf den Keks ging – also gegangen war, als sie es las. Nun waren dauernd Alternativen zu finden, oder es hieß einfach streichen, streichen, streichen. Manchmal müssen dann, aus rhythmischen Gründen, die Satzteilstellungen geändert werden, oder es ist insgesamt umzuformulieren.
Und so lief es denn, anderthalb Stunden Arbeit, eine Stunde schwimmen (bei ihr ein zügiges, nicht unterbrochenes Durchkraulen; ihre Eleganz dabei ist berauschend), die nächsten anderthalb Stunden arbeiten, dann abermals schwimmen – und so bis kurz vor sechs Uhr abends, weil der 18.18er Zug genommen werden will, der uns bis kurz vor halb acht zurück nach Wien bringt.

Gestern sah ich sie nicht, mal sehen, ob sie sich heute meldet. Allerdings liegt hier Arbeit genug an – allein, meine Korrekturen, Ergänzungen, Änderungen usf. in die Triestbriefdatei zu übertragen, dürfte nicht unter acht Stunden zu schaffen sein. Bevor ich mit dem dann halt fünften Durchgang beginne. Wichtig ist nämlich, ein ganz bestimmtes Übergangsmotiv, das mir seit vorgestern klar ist, für dessen Einbau ich aber gestern erst die zündende Idee fand, schon ganz an den Anfang zu stellen, etwa auf S. 2 — und erst auf Seite 302 wieder aufzunehmen – eine, also, s e h r weite Klammer. (Die hier abgebildete Seite enthält das Motiv also “wieder noch nicht” .)

***

Bevor ich aber nun zur Erzählung dieses in der Überschrift angekündigten  “Encounter”s komme, etwas noch Erfreuliches, nämlich → Gutenbergs Welt von gestern, in Manuela Reicharts Redaktion und Moderation. Mit meinem kleinen Text zum vampirischen Helden:

Schön dabei auch, daß, und vor allem “wie”, Manuela im Nachsatz über die → Béarts spricht, für die so etwas wie der folgende “Encounter” ebenfalls zu befürchten wäre gewesen, hätte nicht Carsten Otte dem → den Riegel vorgeschoben, und nunmehr Reichart auch: “… und diese Anrufung von Lust und Liebe ist eigentlich immer eine Heldentat.”

***

Doch nun zum alten Mann:

Wie immer mittwochs gab es im → 777 ein Essen – einen ganz wunderbaren Sugo aus frischen, nicht verkochten Paradeisern zu, tatsächlich (bei Dieter Würch selbstverständlich) al dente, Spaghetti als Vorgang, danach beinah noch transparent gebackene Forellenfilets auf Mischgemüse. Danach saßen wir Wein trinkend auf der Domgasse, die ich immer “mein Wiener Neapel” nenne und so auch empfinde. Das kleine, höchst lebhafte Hündchen einer Hausbewohnerin, nennen wir sie Lady Amanda, tollte mit einem Quietscheball herum und wollte ihn ständig apportieren müssen, so daß er ums Werfen bettelte (“klein” und “chen” ist hier völlig korrekt, sprachlich muß man das Tierle zwiefach diminuieren, damit Sie die korrekte Vorstellung haben) … — wie auch immer, die anderen waren irgendwie kurz drinnen, und ich saß allein — als sich die Haustür öffnete und eine sportliche junge Dame heraustrat, was das von mir danach “Bluthund” benannte Tierlein mit einer kläffenden Attacke auf sie quittierte. Die junge Dame schrie auf, ich sprang herbei, aber ungeschickt, weil ich so lachen mußte, was ich mir indes schnell verkniff, um diese aus dem quasi Nichts aufgetauchte tatsächliche Schönheit wieder zu beruhigen. Jedenfalls: “Setzen Sie sich zu uns, ich bring Ihnen schnell einen Wein.” Und bald war sie von uns Männern eher gerahmt als umgeben; mein Verleger, in flirtenden Belangen stets auf dem Quivive, hatte sofort einen Stuhl gebracht, damit diese Fee auch sitzen bliebe. Was sie tat, bis spät in der Nacht. Wir trennten uns mit einer losen Verabredung für den Freitag eben hier — was, wie ich erst tagsdrauf kapierte, ein reichlicher Unfug war; denn Freitag abends hat die Buchhandlung, na logo, geschlossen.
Auch hier war mein Verleger pfiffig. Es traf sich, daß Paul-Henri Campbell seit neuestem in Wien lebt; wir hatten uns verabredet, er und ich, ohne schon etwas fest auszumachen. So daß Haacker, dem ich — weil ich doch in Bad Fischau fest im Lektorat mich sonnte und Elviras sprachelegantes Beimirsein genoß — die Angelegenheit sozusagen übertrug; und da er von der Verabredung mit der, denn das ist sie, Jordanerin wußte, verstand es nun so einzurichten, daß das Treffen mit Campbell und seiner Gefährtin eben im 777 stattfinden würde, also die meiste Zeit draußen auf der Gasse; er selbst wollte – und tat es auch – eine Suppe zubereiten, die wir, er und ich nach meiner Rückkehr aus Bad Fischau hinübertragen würden. Es ist vom Verlag zum Dom nicht sehr weit (und auch das schon eine Übertreibung). — Ja, da waren wir aber gespannt, ob die Jordanerin käme. Und da wippte sie schon herbei, sah mich, gab ihren Schritten Tempo, fiel mir quasi um den Hals, rief “bis nachher” und verschwand für ihr Training im Haus (sie hängt dazu in Seilen). Campbell, aufs erfreuteste irritiert, zu mir: “Was war denn das?” Ich, leise: “Herbst und die Frauen”. Da wurde aber schon zum Essen gerufen. Alle also hinein an den Tisch.
Mit dabei die schon genannte Amandamadame, die seit runden zehn Jahren in Wien lebt, aber kaum ein Wort Deutsch spricht. Dabei ist sie sonst ausgesprochen polyglott, Italienisch, Spanisch, Englisch, Hebräisch sogar; durchaus nicht dumm, im Gegenteil, nur etwas laut. Jedenfalls gab es nun ein Vorspiel zu dem, was dann peinlicherweise kommen sollte – ich trage nach wie vor eine Art Schock davon. “Das Deutsche”, fing sie tumb zu dozieren an, “eignet sich als Sprache nur für sehr junge Wissenschaftler und ein bißchen für Philosophie, in keinem Fall aber für die Dichtung.” Dieses alles auf stark akzentetem Englisch. – Mir blieb ein Stücken der spannenderweise nach weißem Spargel schmeckenden Zucchini unterm Gaumen kleben, somit das Erlebnis vorbei. Das sei doch kompletter Unfug, erwiderte ich, worauf sie einen, nur einen Vers eines, nun jà, ganz netten Keithgedichtes vortrug, der als Beweis dienen solle. Ich konterte mit Duino, einem Orpheussonett und Goethes Harzreise im Winter. Da diese Gedichte auf Deutsch sind, das diese Frau, wie gesagt, nicht versteht, konnte sie meine Rezitation nicht einmal als einen Gegenbeleg akzeptieren, sondern versteifte sich nur noch mehr in ihrer Bizarrerie, wurde noch lauter, vor allem sehr aggressiv, so daß ich einfach gar nichts mehr sagte, sondern aufstand, um draußen eine Pfeife zu rauchen.
Nach und nach kamen die andern hinzu, wieder wurde der Wein gereicht, die Madamanda nahm quasi zu Füßen des Buchhändlers Platz, das Bluthundchen ließ sich den Quietscheball werfen, die Haustür ging auf. Und die Jordanierin re-erschien. umarmte mich kurz, nahm neben mir Platz mit Blicken der lustvollsten Willkür. Es war ein herrlicher Mutwill. Wir begannen zu plaudern; sie sei in der und der Tanzgruppe gewesen, professionell, großes Theater dort und dort, leider dann ein Knöchelbruch, ich stellte Fragen um Fragen, weil ich ja auch nie weiß, was ich irgendwann einmal für eine Erzählung brauchen werde. Kurz ging ich hinein, um neuen Wein zu besorgen. Zurückkehrend gewahrte ich, wie Ladamanda der Jordanierin zuraunte, sie solle sich doch besser um Männer ihrer, der Jordanierin, Generation bemühen, nicht um einen so alten Mann wie mich. Woraufhin die junge Dame ausgesprochen  elegant parierte, die Amandanerin sozusagen abgleiten ließ, die nun aber immer wütender wurde. Was in mehrmaligem Ausrufen, wirklich lautem, mündete, sie müsse in einem fort kotzen, wenn sie uns sehe. “Seeing you, I only can vomit!” Da wurde dann auch ich sauer. Ein Wort gab das andere, es peitschte sich auf – vielleicht war die üble Dynamik davon in Gang gebracht, daß diese Frau für mich von nicht dem mindesten Interesse war. Übrigens hatte ich sie auf um die fünfzig geschätzt, was mein Verleger auf um die vierzig herunterkorrigierte. Die Jordanerin ist etwas über dreißig Jahre alt. – Solch ein Altersunterschied sei ekelhaft, einfach nur ekelhaft, ekel-, ekel-, ekelhaft! schimpfte die Keife erneut. Und wieder das Wort, she could only vomit, vomit, vomit. Und obwohl ich nun wirklich nichts anderes vorhatte, das aber sehr genoß, als mit dieser jordanischen Schönheit einfach nur zu plaudern und Blicke zu tauschen, die imaginieren, was doch niemals mehr sein wird — ich weiß doch sehr wohl, was eine durchgestandene Chemo bedeutet, welche irreversibelen Folgen sie hinterläßt, mit denen wir uns dann irgendwie arrangieren müssen, ohne den Stolz zu verlieren —, also obwohl ich nur das Spiel spielen, es wiederspielen wollte, Frau Amanda hatte es restlos zerstört.
Gewiß, all dies wäre aufzufangen gewesen, lebte ich in Wien, doch reise ja übermorgen abend bereits wieder ab. So nützt es denn auch nichts, daß diese Frau sich bei dem Buchhändler und, über den an dessen Mobilnummer gelangt, bei meinem Verleger und über ihn indirekt auch bei mir, per Whatsapp entschuldigt hat. Denn was mir bleibt, ist ein schwerer Zweifel an meiner Selbstwahrnehmung. Im Spiel glaubte ich mich weiterhin; es vergeht selbst in Berlin kein Tag, an dem ich nicht angeflirtet werde – ganz wie ich es mein Leben lang gewohnt war, also ab etwa meinem dreißigsten Lebensjahr; davor war es anders. Jetzt aber habe ich das Gefühl, den “alten Mann” schon im Aussehn zu tragen und mich also, flirte ich mit jungen Frauen, lächerlich zu machen. Wie ich davon wieder wegkommen soll, weiß ich noch nicht, zumal ich zwar gut im Verzeihen, im Vergessen aber schlecht bin und unbegabt im Verdrängen, diesem zumal abgeneigt.
Geatmet hatte ich Frühlingsluft, die in meiner Lunge aber als scharfe Frostklümpchen ankam. Und in ihr immer noch nachklirrt. Es ist ja auch nicht ungefährlich in solchem durch mein Rauchen sowieso schon beanspruchtem Gewebe.

Ihr ANH

Wien 1: Schlußlektorat in Bad Fischau. Die ersten beiden Tage. (Als Arbeitsjournal des Donnerstags, den 21. Juli 2022.)

 

 

 

 

 

Anderthalb Stunden Besprechung und ggbf. Veränderung, eine dreiviertel Stunden schwimmen, anderthalb Stunden Besprechung und ggbf. Veränderung, anderthalb Stunden schwimmen, anderthalb … — Vom morgens ab etwa 10 Uhr (Hinfahrt ab Wien Mitte 8.43 Uhr) bis etwa 18 Uhr; rückgekehrt gegen halb acht abends.
Temperatur der Luft bis 38°, die des Wassers 18.

Nach Wien! Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 19. Juli 2022. Mit Sommers Hitzewellenchaos bei der DB.

[Arbeitswohnung, 8.56 Uhr]
Chaos offenbar bei der Bahn. An sich habe ich einen Supersparpreiszug gebucht, der heute erst um 22.19 Uhr ab Gesundbrunnen geht und aber einige kleine Tortur bedeuten dürfte, da er bis Wien an die dreizehn Stunden braucht; Flüge waren unerschwinglich und sowieso die meisten Züge als hochfrequentiert bezeichnet. Jetzt gab es aber folgende Meldung vorhin:

So daß ich dachte, in Ordnung, dann nehme ich vielleicht doch einen Tageszug, der dann spätabends/frühnachts ankommen werde – praktisch, weil ich die Zeit ohnedies dafür verwenden will, das Triesttyposkript weiter auf Papier durchzusehen (bis S. 100 kam ich gestern; das ist auch schon ausgedruckt). Nur, als ich nach möglichen Zügen schaue, bekomme ich immer nur das:

Nachdem ich’s einige Male erneut versucht hatte, immer mit diesem Ergebnis, schaute ich bei Netzwelt nach. Und voilà:


Diese Störungen betreffen logischerweise auch den DB-Navigator. Wahrscheinlich bricht bei der Bahn gerade alles unter dem Ansturm anderer wie ich zusammen, die alle nach Alternativen zu ihren gebuchgten Zügen suchen, bzw. suchen nur wollen.
Ich werde jetzt einfach früher packen, als ich vorgehabt hatte, und immer mal wieder nachsehen, ob’s wieder funzt, und wenn ja dann spontan das Haus verlassen, um den Wahlzug zu nehmen. Deshalb wird dieser Tag wahrscheinlich etwas konfus geraten, da eine präzise Konzentration nicht so recht möglich sein dürfte. Vor allem muß ich auch an Proviant denken, da es mit meiner Abnehmerei heut leider noch mal weiterging; die Waage heute morgen zeigte nur noch 66 kg, unter will ich nicht. Das wissen, Freundin, Sie ja. Elvira M. Gross wird eh erschrecken, wenn Sie mich in Badehose sehen wird, erstmals seit der OP. Wir werden wieder, wie oft im Sommer, → dort in Bad Fischau lektorieren. Wie schon geschrieben muß das satzfertige Typoskript am Morgen des 27. im Verlag liegen.

Übrigens hat es sich w i e d e r bestätigt: Bei einem Korrekturdurchgang auf Papier finde ich immer andere, und zwar von ihrer Art, Fehler oder sonstige Mängel, als wenn ich am Bildschirm arbeite. Umgekehrt aber auch, so daß, auch wenn’s etwas mühsam ist, beide Korrekturweisen nötig sind.

[9. 32 Uhr]
Grad eben noch mal versucht — und … – na bitte:

Dann heißt es jetzt, mich zu sputen. Einen der Mittagszüge werde ich nehmen.

ANH

[15.37 Uhr
ICE 1711]


Korrigieren des ausgedruckten Typoskripts am Tisch im ICE, hier der Seite 101.

(Hat tatsächlich gut geklappt mit der Hitzeaufhebung der Zugbindung; allerdings wisse er, der Kontrolleur, nicht, ob auch die östereichischen Kollegen es akzeptierten. Nun, ich bin da ganz ruhig; umgekehrt wär ich’s eher nicht.)

Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 10. Juli 2022. “Verwirrung des Gemüths”, ein neues Musiktheater vielleicht (Musiktheaterinstallations-Performance), die Triestbriefe, text+kritik sowie АНХс “Корабль-греза”, darinnen die furchtbare Ambivalenz. Sowie ein bißchen Einsamkeit.

 

Heute ab 17.05, swr2 lesenswert:
Carsten Otte über ANH, Die Brüste
der Béart. Dort anhören.

[Arbeitswohnung, 7.19 Uhr
Wind, Kühle]

Gestern die von meiner Lektorin bearbeitete, mit vielen, bisweilen hinreißenden Anmerkungen und Vorschlägen versehene und hergemailte zweite Tranche der Neuausgabe des in nunmehr erster Fassung 1983 ersterschienenen Romans Die Verwirrung des Gemüths bis in den späten Abend in quasi einem Rutsch durchgesehen und korrigiert, 215 von insgesamt 396 Typoskriptseiten, es war wie eine Art Rausch. Die 181 Seiten davor hatte ich ja bereits vor drei Wochen fertigbekommen. Heute vormittag nun noch einmal ein “Kontroll-Scoll”, um zu sehen, ob ich etwas übersehen habe; danach geht die Datei an Elvira zurück, und am 19. werde ich für fünfsechs Tage nach Wien fahren, um mit ihr das Schlußlektorat persönlich durchzuführen. Am 27. muß das satzfertige Typoskript im Verlag liegen, um rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse als Buch dazusein.

Verwirrung, Lektoratsbeispiel
Elvira M. Gross

Parallel lief in den vergangenen Tagen ein anderes umfangreiches Projekt an, um dessen Zuschlag sich – es handelt sich um die Ausschreibung dreier deutscher Bühnenhäuser – mein Komponistenfreund Robert HP Platz, die Bildende Künstlerin Sandra Schlipkoeter, der Videokünstler Christoph Brech, der Regisseur Oliver Kloeter und ich unter, grad jetzt in der Antragsphase, als quasi Controllerin enorm stützender Mitwirkung Sabine Krasemanns als Team bewerben. Im weitesten Sinn handelt es sich um Musiktheater, wobei es eine Mischform aus Performance und Installation werden dürfte, die allerdings steng gebaut sind, doch auch weiten Raum für Improvisation bieten. Nachdem sich unsere, vor allem Platz’ und meine, Anfangspläne mit den Konditionen der Ausschreibung nicht  decken ließen, was Krasemann schnell herausfand, mußten wir quasi alles umwerfen, und in einer Spontanaktion schrieb ich ein völlig neues Konzept, war dann nervös, wie es ankäme, aber es lief – für mich eine erstaunliche neue Erfahrung – bestens. Jetzt mußte festgeklopft werden, mußten einzelne Szenenentwürfe her usw. Und gestern abend hat Krasemann das gesamte Ding hinausgeschickt. All das lief über Zoom und eine von ihr eingerichtete Whatsappgruppe, in der wir auch jetzt immer noch mal plaudern. Jedenfalls müssen wir nun warten; im September soll entschieden werden. Bekommen wir den Zuschlag, geht es gleich in die Vollen; ich selbst muß ans Libretto – präzise die Libretti -, Platz quasi parallel komponieren (wir werden für Komposition und Dichtung enger zusammenarbeiten als je); dann werden die Treffen des Teams stattfinden, noch in diesem Jahr, wir müssen vor allem die Häuser sehen, die Bühnen, die sonstigen Räume. Uraufführung haben wir für den Sommerbeginn 2024 avisiert. Insgesamt, wenn es klappt, wird das, schöne Frau, ein “riesen Ding”.
Also jedenfalls das kostete ebenfalls Zeit, einige. Jetzt steht für mich ein kleiner Radiotext an, der nicht nur angegeben, sondern auch eingesprochen sein muß, bevor ich in den Zug nach Wien steige. So richtig einen Einfall habe ich noch nicht, zwar schon anderthalb Seiten halt auch eher hingeworfen als geschrieben, aber sie sind mir zu trocken, zu theoretisch, um Leben im Klang entfalten zu können und dann noch eine “Botschaft” zu enthalten und zu vermitteln, die wiederum selbst mir allerdings klar. Wieder einmal wird es um Ambivalenzen gehen, allerdings diesmal der Verschlingung von Leben und Tod.

Und der Triest-Briefroman ist nun zum zweiten Mal soweit durchgesehen und korrigiert, umgeschrieben, ergänzt, wie er bereits als Text vorliegt; wie ich Ihnen, Freundin, schon erzählte, sind noch sieben Briefe zu schreiben. Wobei ich leider gegen Ende des zweiten Durchgang eine – n i c h t “leider” – ziemlich wichtige Idee hatte, die nun noch einen dritten Durchgang erforderlich macht, um nämlich die “Hauptperson”, von der erzählt wird, noch deutlicher konturiert von dem Ich-Erzähler abzusetzen, der mir mit dem anderen manchmal noch z u sehr verschmilzt. So daß mir klar wurde, beide müßten verschiedene Berufe haben; der des Erzählers ist klar, indes es sich zwar bei der Hauptperson angeboten hätte, auch sie wieder zu einem Bildenden Künstler zu machen, doch in der Tat, das wäre nun entschieden zu nahe an → Meere. Was also nun? Die Lösung war die naheliegendste aller. Aber gerade sie braucht Fleisch und Klang. Das ist ihr im dritten Durchgang zu geben, mit dem ich vielleicht heute schon anfangen kann, wenn die Verwirrungs-Fahnen fertig und hinaussein werden und ich vielleicht auch schon einen annehmbaren Entwurf für den Rundfunkbeitrag habe.

Ach ja, außerdem waren die Fahnen meiner eigenen – allerdings nicht langen – Textbeiträge durchzusehen, für die ich von der Redaktion des im September zu meinem bisherigen Gesamtwerk erscheinenden text+kritik-Bands gebeten worden bin; ist ja schon einiges her, weil Corona das Erscheinen um ein ganzes Jahr verschoben hat.  Nun wird es aber definitiv herauskommen, und zwar bereits im September. Ich mußte und wollte deshalb auch unbedingt noch etwas hinzusetzen, bzw. einmontieren und hoffe nun, daß meine “Lösung” funktioniert. Was es ist, dazu schreib ich hier nicht. — U n d: Es sind böse Zeiten dafür, leider, aber meine großartige russische Übersetzerin, Tatiana Baskakova, hat mir die Umschlagentwürfe der russischen Ausgabe des Traumschiffs geschickt, die noch im August da sein soll, gebundenes Hardcover, sehr schön gesetzt (ich habe eine PDF der Druckfahnen, die ich allerdings nicht lesen kann, klar), mit einem ausgesprochen langen Nachwort Baskakovas, tatsächlich einem Anmerkungsapparat und sogar Auszügen aus den Seereiseberichten Der Dschungel, die teils Grundlage des Romantextes wurden. Von den Umschlagentwürfen gefallen mir zwei, diese:

K e i n schönes Gefühl, sich einerseits rasend darüber zu freuen, und zum anderen, sich freuen gar nicht mehr zu können, weil dieser entsetzliche Krieg währt und, wie es aussieht, in absehbarer Zeit auch nicht zuende sein, sondern sogar zu befürchten ist, daß er sich ausweiten wird, auch zu uns und über ganz Europa. Da erscheint solch Übersetzung als derart marginal – was sie aber bei der Hingabe nicht ist, mit der Baskakova übertragen hat, und ihrer Genauigkeit. Und aber das Thema selbst des Romans bleibt ja, wird Menschheitsthema immer sein, völlig gleichgültig, welcher Nation jemand angehört. Ich hatte Tania auch geschrieben, wie ambivalent dies alles nun für mich sei und daß die Menschen sowohl in der Ukraine als auch in Rußland doch ganz andere Sorgen hätten, und schwere Nöte, um an einem übersetzten deutschen Buch Interesse haben zu können. Sie indes schrieb mir zurück, gerade jetzt, in diesen Zeiten, sei Literatur für manche Menschen wesentlich, sie halte sie am Leben. Es wäre für mich, oder sollte es prinzpiell sein, einfach, diese Sicht zu übernehmen, die ich auch für begründet halte. Nur b i n ich kein einfacher Mensch.

Ihr
ANH

P.S.:
Immer mal wieder leichte Anfälle von, nein, liebste Freundin, nicht Einsamkeit, aber einem Gefühl von Alleinsein, innerer, quasi, Emigration. Ich hab es im Griff, doch ein bißchen tut es schon weh.

***

[20.49 Uhr]
Ich fasse es selbst nicht: den Rundfunktext für Gutenbergs Welt in einem Rutsch geschrieben, dann durchgearbeitet und bereits die Erste Fassung erstellt, die soeben an Manuela Reichart hinaus ist. Morgens hatte ich noch Zweifel, ob mir die zündende Idee käme, die zwar, als Idee, aber nur schmauchend, gestern schon da war, aber halt ohne jeden Zug. Unversehens wurde es anders — was eine über Jahre erlebte Erfahrung bestätigt, die aber nicht mehr in meinem Körpergedächtnis war, — daß nämlich, wenn man einfach stur weiterarbeitet, irgendwann der Punkt kommt, an dem das Gehirn geradezu automatisch loslegt und mir die Finger führt. Dann braucht es später nur noch den dramaturgisch strukturierende Konstruktionsblick, schon ist das Ding fertig, und zwar mit Ideen und Thesen, die s i c h  e r s c h r i e b e n. Das Selbst als autonomes Subjekt ist gar nicht gefragt.
Die sonderbare Ambivalenz heißt nun mein Text, von dem ich selbstverständlich nicht verrate, wer mein literarischer “Held” ist. Das sollten Sie, Freundin, dann hören.

Das Arbeitsjournal des Donnerstags, den 30. Juni 2022. Zu den Triestbriefen, ff.

[Arbeitswohnung, 9.17 Uhr]

In der Dichtung besteht solch eine Gußform aus Lebensmaterial, hier jetzt dem Euren. Allerdings muß, was tatsächlich geschah, den poetischen Notwendigkeiten angepaßt werden. Kein Roman, auch keiner aus Briefen, gibt die Realität eins zu eins wieder. Da kann aus ihr noch so abgeschrieben worden sein: Ceci n‘est pas une pipe. Erzählungen folgen anderen Gesetzen als die konkrete Wirklichkeit; schon die Zeiten differieren. Im Alltag hat außerdem der Satz vom ausgeschlossenen Dritten Geltung; die Dichtung hebt ihn auf.

(Aus dem ersten Brief nach Triest)

Gestern den ersten Korrekturdurchgang der bislang bereits geschriebenen Triestbriefe abgeschlossen; einiges war zu präzisieren, weniges grundlegend neu zu formulieren, ein bißchen auch was zu streichen – wobei ich wahrscheinlich noch weitere Striche anbringen werde, aber wohl erst, wenn die sieben nun noch zu verfassenden Briefe fertig sein werden. Das kann und wird sich wahrscheinlich über den Sommer hinziehen, zumal noch eine Unterbrechung ansteht, wenn nämlich die von Elvira M. Gross lektorierte zweite Tranche hier eintreffen wird, an die ich dann sofort rangehen muß. Dazu sieht meine Planung seit gestern vor, am 13. Juli nach Wien zu reisen, um das Endlektorat – also Zweifelsfälle durchzusprechen und letzte Entscheidungen zu treffen – im persönlichen Bei- und Miteinander abzustimmen. Zum 20. muß das satzfertige Typoskript im Verlag liegen, damit das Buch zur Frankfurtmainer Buchmesse auch da sein kann. Außerdem habe ich noch einen kleinen Rundfunkbeitrag zu schreiben, der am 18. abgegeben sein und am 19. hier in Berlin eingesprochen werden muß. Wobei ich das möglicherweise auch im Wiener ORF tun könnte.
Doch zu den Triestbriefen noch. Was mir auffiel, ist, daß je weiter die Briefe gediehen, sie sich unvermerkt immer näher an mich selbst heranschrieben, also quasi autobiografisch wurden. Was nicht sein soll. So gibt es also nicht nur die konstruierende Frage, wie ich viereinhalb (!) Jahre später mit neuen Briefen an die alten “poetoorganisch” anschließen kann (hier habe ich bereits den Ansatz; es wäre völlig bizarr, schriebe ich in einer sozusagen Blase weiter, ohne die Geschehnisse der Zwischenzeit sowie der jetzigen Gegenwart mit einfließen zu lassen, also Pandemie, Krebs, Krieg), sondern auch, auf welche Weise ich die nötige Distanz in den Text einziehe. Auch hierfür kam mir gestern die Idee, sie ist, glaube ich, klasse, weil sie dem Text einen höchst reizvollen Dreh gibt, einen poetischen sozusagen Effet; ich habe schon herumprobiert gestern abend und dann sogar schon auf anderthalb Seiten des Anfangs ausgeführt. Dabei wird der eigentliche Erzähler – der, die Briefe schreibt – zur abstraktesten Figur aller (aber nur die sagt “Ich”!), indes die fiktiven Personen zu den konkreten werden. Eine feine Volte, wenn es so klappt, wie ich’s mir vorstelle. Nur ist dazu nun noch einmal ein kompletter Durchgang nötig, bevor ich mit den neuen Briefe beginne – und sogar ein dritter noch, der aber mit mit einem ausgedruckten Typoskript, p h y s i s c h, damit mir sämtliche Motive und Motivarianten so verinnerlicht sind, daß ich beim Weiterschreiben nicht dauernd nachschlagen oder gar -suchen muß. Bei dem heurigen Sommerwetter wird d e r Durchgang genußvoll sein, denn ich werde ihm draußen im herrlichsten Sonnenschein nachgehen können – was mit einem Laptop schwierig ist, von dessen Screen sich in auf ihn fallendem hellen Licht kaum etwas ablesen läßt.

Jedenfalls werde ich nachher gleich mit dem Wiener Verlegerfreund whatsappen, um meinen Aufenthalt abzusprechen und dann auch sofort die Fahrt buchen (mit der Bahn, Flüge sind derzeit extrem teuer). (Italien fällt in diesem Sommer aus; es ließ sich familiär kein funktionables Übereinkommen finden; statt dessen will ich ab November in den Süden, sicherlich nach Sizilien, möglcherweise auf Stromboli, um für die Videoinszenierung der Aeolia zu filmen und auch vor Ort schon Text einzusprechen. Wobei ich allerdings auch nach Triest muß, des Briefromans wegen; wahrscheinlich eine Woche zu E}nde August. Ich muß meine Spielorte stets konkret sehen {hören, riechen, schmecken) – es jedenfalls versuchen.)

So. Rasieren, duschen, kleiden (heute erst seit halb sieben am Schreibtisch). Dann der nächste Durchgang Triest.

ANH

Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 26 Juni 2022. Krawattenknoten & Triest.

[Arbeitswohnung, 8.56 Uhr
France Musique, Le Baroque:
Antonio Draghi, El Prometeo, Y a tus plantas]

Für Instagram mal wieder g e s p i e l t . Dieses Mal der Rosenknospen-Krawattenknoten. Meine Beschreibung, liebste Freundin, lesen Sie einfach direkt → dort. Hingegen waren die drei vergangenen Tage einer sommerlichen Anzug-mit-TShirt-Lässigkeit gewidmet, also in Sachen Haute Couture. Das TShirt muß selbstverständlich “uni” sein, also bitte keine Grafiken oder sonstigen Bilder drauf, erst recht kein Markenname, sondern am besten ist es schon knapp vorm Entsorgen. Dafür der Anzug makellos; Armani und Lagerfeld bieten sich an. Die Differenz macht das Bild. Es geht aber auch hier um Formung, also bewußte Entscheidung.
So forme ich derzeit auch →  die Triestbriefe um; sechseinhalb liegen noch vor mir. Danach darf ich neu weiterzuschreiben beginnen; es müssen noch sieben weitere sein. Wobei ich erst das Problem hatte, viereinhalb Arbeitsjahre an diesem Roman ausgesetzt zu haben und nun einen organischen Übergang zu finden. Unterdessen ist er mir klar. Es ist dies poetologisch umso wichtiger, als ich selbstverständlich nicht schreiben kann, ohne den Ukrainekrieg zumindest Spuren in das Buch einprägen zu lassen, wahrscheinlich auch Liligeia. Es gehört bekanntlich zu meinen Grundüberzeugungen, daß jeder Roman auch eine Mitschrift der Zeit sein muß, in der und wie er entsteht. Lenz wird dann also schon nahezu fünf Jahre in seinem Grenzhäuschen leben, oben auf dem Karst, also durch und durch Bauer geworden sein; die Lydierin dürfte er in all der Zeit nicht gesehen, nicht einmal etwas von ihr gehört haben. Schon gar nicht hat er ihr weitere Briefe geschrieben. Umso erstaunlicher, daß er damit jetzt wieder anfängt. Da ist der Krebs übrigens ein schwereres Problem als der Krieg, der ein durchaus angemessener Grund ist, indessen die nach wie vor geliebte Frau auf keinen Fall das Gefühl bekommen darf, Liligeia sei eine Folge ihres, der Lydierin, Rückzugs — mithin eine physische, sagen wir: psychosomatische Trennungsfolge. Also wird Lenz, daß die Tumorin sich in ihm eingenistet hat, anderswie begründen, und meinerseits ich werde achthaben müssen, den Triestroman nicht versehentlich ins → Krebstagebuch übergehen zu lassen oder gar beide Projekte miteinander zu verschmelzen — ganz abgesehen davon, daß mir das Buch sonst zu umfangreich würde. Dreihundert bis vierhundert Seiten genügen eh vollauf; besser wären weniger.
Zudem läuft die Bearbeitung der frühen Gedichte weiter, momentan nicht mehr jeden Tag eines, aber doch alle drei vier Tage, und ich denke immer mal wieder an das neue Gedichtprojekt, Sapho, doch will mich nicht verzetteln, sondern warte vor allem auf die zweite Lektoratstranche der Verwirrung des Gemüths, damit wir, Elvira und ich, bis Mitte Juli rechtzeitig abgeben können, um zur Frankfurtmainer Buchmesse tatsächlich den Roman auch vorliegen zu haben. Wenn die lektorierte Fassung gesetzt sein wird, stehen ja noch die Fahnenkorrekturen an.

Gut war gestern, frühabends bis nachts, auf Uwe Schüttes jährlichem Sommerfest gewesen zu sein, auch wenn ich einmal wieder merkte, wie randständig ich im Betrieb positioniert; mittlerweile macht mir das meistens nichts mehr aus, manchmal sogar im Gegenteil, doch hin und wieder nehme ich es dann doch leicht schmerzhaft wahr. Zumal ich schlichtweg aus Altersgründen nicht mehr annehmen kann, es werde sich daran noch etwas ändern — nicht, weil es de facto noch an mir liegen würde, meiner Erscheinung, meiner Widerständigkeit, meiner, nun jà, Arroganz, sondern einfach, weil neue Generationen nachgewachsen sind, die jetzt zurecht im Mittelpunkt stehen; der Wechsel hat ja nicht nur bei den Autorinnen und Autoren, sondern auch den Vermittlerinnen und Vermittlern stattgefunden, denen ihre Generation nachvollziehbarerweise näher ist. Hier wird erst die Zeit ausgleichen, ich meine historische Zeit, wenn die rückwärtsgewandte Perspektive die Lebenszeitgeschichten engführt. Zu ihrer Zeit lagen zwischen, sagen wir, Beethoven und Mozart W e l t e n, heute fassen wir beide in die gleiche kulturgeschichtliche Ära. Man muß eine Art vorangeschrittener Lebensreife haben, um dies nicht nur zu verstehen, sondern auch zu fühlen. — Auch dort, übrigens, Gespräche zum Ukrainekrieg, in denen sich die verschiedenen Einschätzungen aneinander rieben. Unterm Strich sind wir, da hatte in der Büchner Buchhandlung vor vier Tagen Stephan Wackwitz — mit dem ich mich bereits auf der Frankfurtmainer PEN-Tagung im Oktober angefreundet habe  — recht, ratlos. Aber jeder spürt, und sagt es, die akute Gefahr. Nur unsere Reaktionen auf sie sind verschieden.
Nach der Veranstaltung lud der Verlag, S. Fischer, zum Essen; die junge Dame, die ihn vertrat, wollte partout nicht warten, bis draußen für uns etwa elfzwölf Leute genügend Tische frei waren, um sie aneinanderzurücken, und hieß also die Gäste, sich drinnen zu setzen. Ich empfand das als eine, der wunderbaren Sommernacht gegenüber, Blasphemie – und vondannte. Wofür ich mit einem herrlichen, von süßem Lindenduft gesalbtem Schlendern belohnt wurde. Selig darob nahm ich daheim noch einen letzten Wein.

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