Mein Neapel: Parthenope in Zeiten der Corona- statt Arbeitsjournale, dem zweiten also heut. Am Sonntag, den 15. März 2020, somit sechs Tage vor kalendarischem Frühlingsbeginn. Dazu der Amselhahn mit Chlebnikov singt.

[Arbeitswohnung, 6.15 Uhr
Erster Latte Macchiato]

Erwacht aber schon, von selbst, um 5.30 Uhr, wobei “von selbst” den ausgesprochen stimmstarken Amselhahn meint, der mir in den letzten paar Tagen bereits mehrfach aufgefallen ist, ohne aber, daß ich ihn sah. Es muß indes ein kräftiges Kerlchen sein, und voller Wille zum Geschlecht. Jedesmal beglückt er mich. Mehr aber noch hat mich das da beglückt:

— nämlich “mein” Neapel:

 

→ Quelle:

Nennen Sie mich, Freundin, gerne sentimental, aber als ich das Video gestern abend sah (und bei Facebook bereits teilte, wenn auch nur als Link), traten mit die Tränen in die Augen. Übrigens bin ich mir nicht ganz sicher, ob, es herunterzuladen und hier jetzt einzustellen, urheberrechtlich in Ordnung ist; aber in diesem Fall übertrete ich die Vorschrift ohne Zögern, Herr Neumann, siehe Quelle, sehe es mir nach. Denn diese Lebensart, eine Not in Glück zu transformieren, ist das, was ich an Menschen liebe.
Zumal ich zugeben muß, schleichend ebenfalls in Bedenken zu geraten, die meinem Temperament eigentlich völlig unbekannt sind. Jedenfalls waren sie’s bisher. Zum Beispiel bekam ich, nachdem ich stundenlang über Covid-19 recherchierte, eine ziemlich laufende Nase, dann einen Druck auf dem Thorax, schon begann leichtes Gehüstel. An sich ist die Dynamik klar, ich habe eine ziemlich nachdrückliche Psyche. — Anrufen, mich checken lassen? Ja aber, rief Mephistofelchen aus — ein pieksendes Geisterl, das, seit ich denken kann, in mir Quartier nahm — wenn jede jetzt und jeder, die den Hauch eines Schnüpferchens spüren, sich bei den Notrufstellen melden, ja du meine Güte, dann müssen die doch überfordert sein! Selbst Leute in akuter Gefährdung (ein befreundeter Journalist, der direkt “in Kontakt” kam, versucht es seit zwei Tagen vergeblich) hängen über Stunden in den Warteschleifen, die auch nur eine solche sein kann. (Angeblich sind es sechs in Berlin.) Ui, und dann bekam ich auch noch leichte Gelenkschmerzen, die bei “Grippe” ebenfalls normal sind. Und hatte ich nicht arg gefröstelt, als ich vorhin unter die Dusche stieg? (— ein Verb, das hier, für die Arbeitswohnung, stimmt: erhöhtes Duschbecken.) Andererseits, na klar, ich habe diesen gesamten Winter über nicht geheizt, einfach, weil dieses Winter in Anführungszeichen gehört; die fünf Minuten nackicht-ins-Badezimmerl-huschen rechtfertigen den CO2-Ausstoß nicht. Aber Gänsehaut hatte ich schon. Daß man dann niest, geschenkt.
Ich werd das Mephistofelchen tun und da anrufen!
Zwei Stunden später war das Husten weg, und auch die Nase lief nicht mehr. Daß sie es erneut versuchte, nachdem ich mit dem Rad gefahren war, ist doch wohl ebenfalls normal. Auch wenn sie’s ziemlich nachdrücklich tat. — Und daß ich abends neuerdings so schnell müde werde? Haben die nicht von “Abgeschlagenheit” geschrieben?
Ich erinnerte mich an einen befreundeten Medizinstudenten im letzten Semester, Frankfurtmainer Zeit, lange, lange her: “Sei froh, daß du nicht weißt, was es alles an Krankheiten gibt! Du wärst dein Leblang nicht mehr ruhig.”
So auch die Gespräche mit Freunden, etwa gestern abend bei und mit Broßmann: “Eigentlich, weißt du, wenn’s mich erwischt, darf ausgerechnet ich mich nicht beklagen. Sechzig Jahre lang nie was Ernstliches gehabt, oder doch kaum, viel geliebt worden und viel geliebt, drei himmlisch-lebensvolle Kinder, dazu mein Werk — Nee, wenn’s mich hinfortnimmt, ist es eigentlich okay. Nur die Béarts hätte ich gerne noch fertig.” Genau das hatte ich nachmittags einem befreundeten Autorenkollegen geschrieben, der mir einen Essay zur Durchsicht geschickt hatte.
Wobei es mit dem “Fertigwerden”, ich erzählte es Ihnen schon neulich, so eine Sache ist. Ich brauche den hymnischen Ton, an dem mich bereits die im Coronalicht nun allerdings besonders lächerlich wirkenden Genderideologien hindern wollen, nun indes, mit obendrauf Corona, find ich erst recht nicht hinein. Also habe ich mich entschlossen, für “den Fall aller Fälle” die bislang einunddreißig, quasi lektoratsfähigen Gedichte schon einmal in eine eigene Datei zu kopieren und so auch auszudrucken, die keine Arbeitsanmerkungen mehr enthält, ein nahezu fertiges Typoskript ist. Na gut, hier und da muß an den Versmaßen noch gefeilt, da und hier noch ein Wort ausgetauscht werden usw., aber insgesamt wird es eine Vorlage werden, mit der meine Lektorin auch allein klarkommen würde. Die beiden noch fehlenden Gedichte (es ist ja auch eine Manie von mir, daß es unbedingt dreiunddreißig sein sollen) kann ich später einfügen, sie vielleicht lockerer schreiben, ohne den inneren Druck, der ein äußerer ist. (Bloch: “Lauschst du nach innen, hörst du das Draußen.” Soviel, übrigens, auch zum “Privaten” noch mal.)
Hübsch daran: Nachdem mein Entschluß so gediehen, hörte komplett mein Naselaufen auf, und auch Husten “tat” ich nicht mehr. Ebenso war von Gelenkschmerz gar nichts noch zu spüren, und frisch um halb fünf wachte ich zum Amselschmettern auf, ohne einen Wecker. ‘s ist ja nun auch schon früh hell, was zudem den Lebensgeistern guttut. Mein Mephistofelchen kichert.

Ganz allgemein auch der Gedanke, den am Telefon लक्ष्मी gestern sprach: “Es ist eine Lungenkrankheit. Die Lunge der Erde ist krank.” Und ohne daß ich’s ihm erzählt hatte, fügte Broßmann quasi bei, wir saßen drüben bei Wasser und Wein: “Der Virus befällt die Lungenbläschen. Am härtesten traf es Wuhan, woher ja alles ausging. Diese Provinz leidet unter schwerster Luftverschmutzung. Für die NASA-Satelliten war dort jahrzehntelang alles von einer Wolke Smogs verdeckt. Und jetzt? Plötzlich, nachdem die Produktion runtergefahren werden mußte — alles klar!” Hatte K.U. also tatsächlich recht, als er → dort kommentierte: “Eigentlich hat Trump ja recht: Das regelt der Globus ganz global selbst” – ? Natürlich tut er’s nicht mit Absicht, er ist ja kein denkend individuelles Geschöpf, gewissermaßen (mit langgesprochenem “a”) Pangott. Oder vielleicht doch? Muß er aber auch gar nicht sein, es genügen seine determinanten Prozesse. — Schrieb ich nicht auch das schon?
Wie auch immer … Eine Art Gerechtigkeit … So wird möglicherweise die Überalterungsproblematik gleich mit weggesäbelt. — Zynisch? Ich weiß nicht. Aber ich weiß, was Neapel bedeutet. Schon → Dr. Lipom rief einst aus:

” Die großen Gesten, junger Freund! Kennen Sie Chleb­nikov? Nein? Ah, ein Roman­tiker im strengen Sinn mag der nicht gewesen sein… durch­aus, da geb’ ich Ihnen recht… aber doch… – doch!” Und deklamierte prustend: “‘Wenn sie am Sterben sind, schnauben die Pferde./ Wenn sie am Sterben sind, welken die Gräser./ Wenn sie am Sterben sind, erlöschen die Sonnen./ WENN SIE AM STERBEN SIND, SINGEN DIE MEN­SCHEN!’ ”
Wolpertinger oder Das Blau, zit. n. dtv, S.95

Aber gewiß hat लक्ष्मी recht, wenn sie spöttisch zu dem Video bemerkte: “Na dann geh mal auf den Hof und singe. Was meinst du, wie schnell du abgeführt werden wirst …” Und ich habe leider keinen Balkon. Aber, Geliebte, diese Vorstellung ist zutiefst berührend, wie all die Menschen in Hausarrest, Tausende, auf ihre Balkone treten und singen. Eine Klangwolke, statt des Smogs, über der ganzen Stadt, und sie steigt höher und höher, als bräche nicht, was furchtbar überfällig längst, der Vulkan aus und immer weiter aus, sondern es ist der Gesang, was aus dem Innren strömt — den Tiefen der bedrohten Lungen, allen. Wir hören ihn bis hier, 1600 Kilometer entfernt, dank des bösen Kulturvernichters, für den das Internet so lange gegolten und manchen Leuten heute noch gilt.

Ihr ANH
8.20 Uhr | Und welche Sonne draußen!

P.S.:
Wir sprachen, Broßmann und ich, auch noch über die Folgen, die sich aus der neuen Situation ergeben werden, etwa die Verlagerung der Arbeitsstätten, den heute home office, zur Zeit von ANDERSWELT noch “new work” genannten Abschied von der “materiellen Sentimentalarchitektur” (BUENOS AIRES.ANDERSWELT) und darüber, wie sich die Welt auf die körperliche Isolation längst technisch vorbereitet habe — eine Technik der letztlich, nunmehr, Seele.

Nabokov lesen, 19. Die Erzählungen II,1 ((1935 – 1951).

 

 

Mit unerträglicher Heftigkeit erlebte ich noch einmal (so erscheint es mir wenigstens) alles, was, angefangen mit einem ähnlichen Kuß, je zwischen uns gewesen war; und ich sagte (an-stelle unseres billigen, förmlichen “Du” jenes seltsam volle und bedeutungsschwere “Sie”  verwend, zu dem der Weltumsegler in jeder Hinsicht bereichert zurückkehrt): “Schauen Sie — was wäre, wenn ich Sie lieb[t]e?”
Frühling in Fialta, 104

So, → mit diesem Sie, hat auch Die Dschungel einmal begonnen und es nicht nur bei →  Sola-Ngozi so strikt wie netzunüblich durchgehalten. Bis heute. Das war bereits damals auf einen poetischen Hof angelegt — als Corona um jede Aussage und doch leuchtend aus ihr auch heraus (oder sie dunkel beschattend), denn

bis man mich erschießt, werde ich darauf beharren, daß Kunst, sobald sie mit Politik in Berührung gebracht wird, unvermeidlich auf das Niveau beliebigen ideologischen Plunders herabsinkt,
Frühling in Fialta, 100,
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

was für die “Correctness” genauso gilt, die in vielen, wenn vielleicht auch nicht allen Bereichen des täglichen Leben notwendig ist, in aber der Kunst nichts zu suchen hat, und sucht sie dort dennoch, dann um sie zu bändigen, an die ideologischen Leinen zu nehmen oder gar völlig wegzusperren als etwas, das sich der funktionalen Moral, also dem Zugriff solcher entzieht, die sie nicht verstehen oder verstehen nicht wollen, oder sie ahnen etwas in ihr, das sich dem Untertanengeist ebenso entzieht wie Mose I, 1,28.
Wohin es geführt hat, dieses Sichunteranmachen (:ein bezeichnender Doppelsinn) und über die Fische und Vögel zu herrschen, das wissen wir ja nun.

Als die Götter noch irdische Gestalt anzunehmen pflegten, als sie, angetan mit veilchenfarbenen Gewändern, mit muskulösen Füßen in noch staubfreien Sandalen bescheidentlich, aber kraftvoll den Erdboden betraten und Feldarbeitern oder Berghirten erschienen, tat das ihrer Göttlichkeit nicht den mindesten Abbruch; im Gegenteil war der sie umwehende Charme der Menschlichkeit eine höchst sprechende Bestätigung ihrer himmlichen Natur. Doch wenn ein beschränkter, ungehobelter, ungebildeter Mann — auf den ersten Blick ein drittklassiger Fanatiker und in Wahrheit ein sturer, brutaler und finsterer Pavenü voller krankhaften Ehrgeizes —[,] wenn ein solcher Mann sich als Gott verkleidet, möchte man die Götter um Verzeihung bitten.
Tyrannenvernichtung, 123
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

Bereits Ernst Bloch wies darauf hin, wie viel Hitlers Wahn aus der Johannesapokalypse übernommen hatte — das monotheistische “Prinzip” sowieso, wie das der unbedingten Gefolgschaft überhaupt, das den Dissenz in Diktaturen mit dem Tod oder der Verbannung bestraft und in sogenannten Demokratien mit wenigstens sozialer Stigmatisierung. Nach wie vor ist schauderhaft, daß GOttes Verlangen – als Zeichen seiner, dieses böse Wort, „Treue“ –, Isaak habe seinen Sohn zu opfern, und daß er’s im Moment, da jener es tun will, ihm erläßt, als ein Zeichen besonderer Güte galt und gilt – anstelle dem brutalen Patriarchen so hart vors Schienbein zu treten, daß es ihm bricht.

Ich kann ruhig zugeben, daß ich selber einmal den flüchtigen Eindruck hatte, er sei fähig zum Mitleid; erst später wurde mir dessen wahre Schattierung klar. Leuten, die billige Paradoxa mögen, ist schon vor langem die Sentimentalität der Henker aufgefallen; und tatsächlich ist vor Fleischerläden der Bürgersteig immer feucht.
Tyrannenvernichtung, 135

Dies gleich zu Anfang meiner, nun jà, Besprechung des zweiten Bandes der Erzählungen Nabokovs, die mit den letzten noch auf Russisch geschriebenen beginnen und danach sämtliche folgenden englischsprachigen umfassen. Ganz wie in >>>> Wölfinnen finden sich darinnen diesmal auch entschieden längere Prosaarbeiten, die teils abgebrochene Romanprojekte sind. Wie >>>> dort will ich auch hier ich auf drei oder vier von ihnen gesondert eingehen; ebenfalls wie dort soll dieser erste Beitrag zu Band II der Erzählungen einen kommentierten Gesamteindruck der Schönheiten und der nabokovschen Raffinesse vermitteln, die sein Werk derart zeitlos heraushebt.

Mit Träger Rauch geht es 1935 schon los:

Der Lärm eines Wagens schraubte sich hoch wie eine dünne Säule, auf die sich als Kapitell ein Hupen an der Kreuzung legte; oder es kam umgekehrt das Hupen zuerst, dem ein näher kommendes Knattern folgre, an dem das Schaudern der Türflügel nach besten Kräften teilnahm,
Träger Rauch, 10
(Dtsch.v. Jochen Neuberger), 

was ebenso wie

die hellen Schlitze ihrer pelzigen Augen (Hervorh.v.mir, ANH)
Träger Rauch, 13

mehr als nur erwähnenswert ist. Die Erzählung ist aber auch poetologisch interessant, insofern Nabokov mit erneuten Selbstreferenzen arbeitet, etwa indem der Icherzähler dieser Jungpoetengeschichte die Bibliothek seines Vaters auch den Roman Защита Лужина eines gewissen Sirin enthalten läßt – jenes Pseudonyms „W. Sirin“, unter dem Nabokov in seiner Exilzeit meist publizierte (weshalb er es nicht mit Klarnamen tat, werde ich gewiß noch erfahren).

Allerdings, um solcherart Selbstrefenz von literaturwissenschaftlich falschen Bakterien oder der Naivetät zu desinfizieren, teilt Nabokov seinen Leserinnen und Lesern Jahrzehnte später mit, daß

Wer gerne biographischen Appetithappen nachjagt, gewarnt

sei und

mein Hauptvergnügen beim Abfassen neuer Sachen darin bestand, unbarmherzig Garnituren von Emigranten zu erfinden, die im Wesen, der Schichtzugehörigkeit, dem Aussehen und so weiter den Nabokovs absolut unähnlich waren. Die einzigen beiden Übereinstimmungen zwischen Autor und Held sind hier, daß beide russische Gedichte schrieben und daß ich irgendwann in einer ebenso tristen Berliner Wohnung wie er gewohnt hatte. Nur sehr schlechte Leser (oder vielleicht einige ungewöhnlich gute) werden mich dafür schelten, daß ich sie nicht in deren Wohnzimmer lasse.

Daß es sich bei solchen Aussagen zugleich abermals um ein poetisches Spiel handelt, habe ich → schon dort angedeutet, um eine Volte, die Fiktionales mit Realem amalgamiert – was übrigens nichts oder höchst wenig mit „alternativen Fakten“ zu tun hat, sondern erkenntnistheoretisch Schopenhauers Gedanken entspricht, wirklich sei, was wirke.

Aber muß ich denn eigens erklären, wie unentrinnbar mich Formulierungen wie

(…) ein kleiner Mückenschwarm war damit beschäftigt, über einer Mimose, die lustlos blühte und ihre Ärmel bis auf den Boden sinken ließ, die Luft zu stopfen [Hervorh.v. mir]
Frühling in Fialta, 79

becircen? Oder fünf Seiten vorher:

und mitten auf der Straße küßte sie mich dreimal mit mehr Mund als Gefühl,
ebda.,

um ganz von dem, im Irrealis wohlgemerkt, Vergleich zu schweigen

als wäre die Liebe einer Frau ein Quellwasser voll gesunder Salze, von dem sie jedermann auf den leisesten Wink bereitwilligst zu trinken gab.
ebda., 78

Achten Sie auf die “s”- und “st”-Folgen. Freilich hat auch

die vom Rhythmus hergestellte Verbindung zwischen Hymen und Tod
ebda., 78

an etwas Teil, für das ich selbst auf der ergebenste und liebevoll, wie unsere Zeit es kaum mehr zu (er)kennen scheint, nach wie vor schreibe – und umso beharrlicher, als irgend versucht werden muß, etwas von dieser alten, zugleich extrem präzisen Fülle in die pragmatische Moderne und ihr flaches Genderprimat hinüberzuretten: nicht gegen, sondern für „die“ Frauen, genauer: der erotischen Notwendigkeit einer Verklärung halber, die der nicht nur künstlerischen Projektion, die jede Liebe auch ist, die Hingabe bewahrt. Wobei sich mit umgetauschtem Possessivpronomen

ein Bleistift-X, das Symbol für das Analphabetentum seines Herzens
Tyrannenvernichtung, 135

im Nachhinein als prophetisch-böser Kommentar zum späten → #metoo lesen ließe. Nein, Scherz beiseite (es versteht ihn eh niemand) – doch lesen Sie, Freundin, wie Nabokov beschreibt, was nicht wenige wahrhaft Verliebte erleben dürften und wir auf jeden Fall erlebten (wobei es völlig wurscht ist, ob Mann und Frau, ob Frau und Frau, Mann und Mann, ja „Queer“ und „Queer“, selbst → Hirten könnte es mit ihren Lämmern so gehen):

Und was mir und ihr in der Zwischenzeit auch zustieß, es kam nie zu irgendwelchen Aussprachen zwischen uns, da wir in den Pausen unseres Schicksals niemals aneinander dachten, so daß sich bei jedem Wiedersehen das Tempo des Lebens auf der Stelle änderte, alle seine Atome neu kombiniert wurden und wir in ein anderes, leichteres Zeitmedium gerieten, dessen Maß nicht die langwierigen Trennungen, sondern die wenigen Begegnungen waren, aus denen auf diese Weise künstlich ein kurzes, vermeintlich leichtfertiges Leben entstand.
Ebda., 95

Dann wieder bringt dieser Prosadichter eine poetische Quadratur des Kreises fast aus dem Handgelenk, so scheint’s, zustande, eine bitterböse Satie , worin der

schlecht gebügelte Schatten des [Eisenbahn]Wagens (…) wie verrückt an der grasbewachsenen Böschung entlang[raste], wo Blumen zu Farbstreifen verschmolzen[,]
Wolke, Burg, See, 109
(Dtsch.v. Renate Gerhardt und Dieter E. Zimmer)

innig mit poetisch zarten, ja zärtlichen Momenten zu verbinden:

Eine ausgewachsene Wanze ist schauderhaft, aber es liegt eine gewisse Grazie in den Bewegungen eines seidigen Silberfischchens.
Ebda., 113

Enorm stark ist das auf die Tyrannenvernichtung folgende L i k, einerseits dessen Beginn auch der einer Erzählung des von Nabokov später sehr geschätzten → Borges sein könnte, aus der

angelnde Regisseure auch noch Jahre später etwas herausfischen können[,]
Lik, 162
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

und das andererseits in vergnüglichstem Blitzen des Autors boshaften Witz demonstriert:

(… ) es ist alles sehr zwingend und lebenswahr, jeder Dialog trägt das Warenzeichen einer respektablen Tradition, und es versteht sich von selbst, daß kein einziger Stoß von Talent den ordnungsgemäßen Gang der Handlung stört

zumal der

Apfel der Zwietracht (…) gewöhnlich eine frühe, saure Frucht [ist] und gekocht werden sollte.
Ebda., 163

Dabei wird abermals das Exilantenmilieu, doch ausnahmsweise nicht das Berliner, vielmehr das im seinerzeitigen Paris geradezu poetologisch in den Blick genommen:

Bei nicht mehr jungen Menschen, die nicht nur außerhalb ihrer Heimat, sondern auch außerhalb ihres eigenen Lebens gestrandet sind, entwickelt sich das Heimweh zu einem außerordentlich komplizierten Organ, das ununterbrochen in Tätigkeit ist und dessen Sekrete alles Verlorene kompensieren; oder aber es wird zu einem tödlichen Seelentumor, der das Atmen, das Schlafen und den Umgang mit unbekümmerten Ausländern schmerzhaft macht.
Ebda., 165/166

Wobei zwar der

Einsamkeit als einer Situation […] abgeholfen werden [kann], als Geistesverfassung jedoch […] eine unheilvolle Krankheit
Ebda., 170

sei, zumal

alle Verbesserungsmöglichkeiten, die Kunst und Eitelkeit ihm nahelegten (zwei Dinge, die oft zusammenfallen [Hervorh.v.mir]), bald gleichgültig wurden
Ebda., 170

und er, nämlich Lik, “mit unveränderter, geheimnisvoller Freude auf die Bühne” eilt. Schon spannt sich da über ein nächtliches Meer

eine straffe Membran aus Mondschein […], dem ebenso straff gespannten Gefäß seines klopfenden Herzens verwandt, als trennte nichts es vom Himmel, von dem Geschlurre menschlicher Füße und dem unerträglichen Andringen der Musik aus einer nahen Bar.
Ebda.,172/173

Da muß es uns nicht wundernehmen, wenn er

sich plötzlich unsicher auf den Beinen [fühlte] und zu vornehm angezogen.
Ebda., 181

Die teils bittere, auf die leicht bizarre Annäherung eines Herrn namens Koldunow, mit dem auf der Pier ein bei aller auch schurkischen Verstellung ein existentielles Gespräch geführt wird — in dessen Folge Liks Uhr

weiter[tickte] und […] taktvoll [versuchte], ihn nicht anzusehen,
Ebda., 196

— nein! …. Die diese Erzählung beschließende Pointe verrate ich nicht, nur noch Liks hilfloses “C e sont les miens.”

Der folgende Museumsbesuch ist nicht ganz unähnlich meinem eigenen Blick auf diese Art Kunstmausoleen, bzw. Kolumbarien wie dem unterirdischen auf Père Lachaise., nur daß die Geschichte hier leider etwas wegkippt, als hätte Nabokov die Lust dran verloren oder ein zündender Schluß ihm einfach nicht einfallen wollen. Kommt vor, Wassilij Schischkow entschädigt uns gleich – eine durchaus autobiografisch fundierte Prosa; Nabokov erzählt den Hintergrund später auch selbst:

Um Ende 1939 die Eintönigkeit meines Lebens in Paris aufzulockern […], beschloß ich, dem berühmten Exilkritiker Georgij Adamowitsch (der mein Zeug regelmäßig verriß […]) einen harmlosen Streich zu spielen, indem ich in einer der beiden führenden Literaturzeitschriften ein Gedicht unter einem neuen Pseudonym veröffentlichte, um herauszufinden, was er […] zu diesem unerwartet aufgetauchten Auto zu sagen hätte. […].
[Es] wurde von Adamowitsch […] mit außergewöhnlicher Begeisterung gefeiert. […] Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Scherz weiterzutreiben, und veröffentlichte kurz [nachher]
Zit.n. Dieter E. Zimmer, Nachwort zu diesem Band, 600-602

die eben jetzt von mir ins Auge genommene Erzählung “eines Dichters, der in einem anderen aufgeht”. Darin finden sich formulierte Feinheiten von

einem geräumigen, bequemen Handschlag

und daß Schischkow

Mit ernstem Gesichtsausdruck und einem ähnlichen Ernst in der Stemmbewegung seiner Schultern […] den rostigen Widerstand der Drehtür [überwand],
Schischkow, 216
(Dtsch.v. Jochen Neuberger)

oder daß jemand

rein physiologisch gesehen, wenn Sie mir diesen Ausdruck erlauben, über ein Geheimnis des Schreibens
Ebda., 219

verfüge, und derlei leise Grandiositäten ziemlich viel mehr.

Womit ich bereits bei einem der, noch in Russisch geschrieben, Zentralerzählungen dieses zweiten Bandes wäre, die erstens umfangreich genug, um auch → als gesondertes schmales Buch erschienen zu sein, und zweitens für Nabokows späteres, sogar sein berühmtestes, als früher, doch deutlicher Vorläufer gelten zu müssen, nämlich Der Bezauberer von 1939 (in manchen deutschsprachigen Ausgaben auch “Der Zauberer”).
Auf diesen aus verschiedenen Gründen — u.a. solchen, deren, sie zu gestalten, Wagnis ich → in Lolita vermißte — wesentlichen Text will ich im nächsten Teil meiner Betrachtungen dieses zweiten Erzählbandes genauso gesondert und ausführlich eingehen wie auf die letzten beiden auf Russisch verfaßten Erzählungen Utima Thule und Solus Rex in den darauf folgenden Betrachtungen. Hier sprengte es meinen ohnedies schon sehr langen Beitrag. Und da auf “sprengen” sich “springen” beinahe reimt (doch die Alliteration gleicht beinah das “beinahe” aus), tun wir’s also ———

——— und springen nunmehr in die englischgeschriebenen Geschichten, einer Sprache, deren einer der, wie ich gestern → bei Eigner las, größten Stilisten der bei Einschiffung gen USA vierzigjährige Nichtmuttersprachler werden sollte. (Auch auf Eigners in dem verlinkten Band enthaltene “Nachstellung” Lolita – Fleisch und Begriff möchte ich getrennt eingehen.)

 

E c c o :

Der Regieassistent blickt erst einmal zurück, auf Paris, deren rue Vaugirard gleich neben der Berliner Motzstraße, sozusagen, verläuft, was gar nicht seltsam ist, denn

das Unerwartete ist das Infrarot im Spektrum der Kunst.
Regieassistent, 401
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer) 

So durfte denn Nabokov noch schreiben, daß sich eine Frau — von einem zwar ziemlich verwundeten, doch nach wie vor feschen und furchtlosen Reiter mit auf sein galoppierendes Pferd gezogen — “wild und wonniglich wehrt”, weil ein mißachtetes Nein halt doch zur schon erahnten Beglückung führen kann – “k a n n”: Ich bitte, genau auf meine Formulierung zu achten, und zwar immer.
Und wir hören von Organisationen,

die lediglich ein Sonnenuntergang hinter einem Friedhof
Ebda., 405

sind und deren künftiger Präsident der General Golubkow werden will, sowie von der Sängerin Slavska, deren

künstlerischer Geschmack […] gleich null [war], ihre Technik reiner Zufall, ihr allgemeiner Stil ein Graus; doch jene Leute, für die Musik und Gefühl eins sind oder die Lieder als Vehikel jener Stimmungen betrachten, unter denen sie in individueller Vergangenheit zum ersten Mal gehört wurden,

was heutzutage einen Großteil des Erfolges der Popmusik erklärt,

fanden in der gewaltigen Klangfülle ihrer Stimme wehmütigen Trost wie vaterländische Ermutigung.
Ebda.,412

Allerdings (um auf Golubkow zurückzukommen):

Wir werden uns nicht über den Abgrund seiner Gefühle beugen.
Ebda., 420

und zwar erst recht nicht in Gegenwart eines anderen Generals-im-Exil, der

halb von einem jener Korridorstühle herabgeglitten [war], die dazu verdammt sind, immer nur Gegenstände aufzunehmen und niemals Menschen,

obwohl er, General L.

zu jenen Menschen gehörte, welche [1]“welchem” Wort ich das kürzere “die” hier vorziehen würde der Meinung sind, daß ein Satz, solange er nur ein Satz ist, auch irgendetwas bedeuten wird.
Ebda., 421

Hübsch ist auch die Bemerkung, es habe die

französische Polizei in ihrer Behandlung möglicher Indizien eine sonderbare Lustlosigkeit an den Tag [gelegt], als nähme sie an, daß das Verschwinden russischer Generäle eine Art wunderlicher ortsüblicher Sitte war, ein orientaliches Phönomen, ein Auflösungsprozeß, der möglicherweise nicht vorkommen sollte, aber nicht zu verhindern war.
Ebda., 422

“Möglicherweise”… also bitte, wer da nicht lacht!

Und dann der im Juni 1943 erschienene, derart großartige Text … daß in Aleppo einst …, daß ich nicht umhin kann, Ihnen, Freundin, meine Begeisterung schon durch folgendes gewissermaßen Faksimile zum Ausdruck zu bringen:

Nicht nur, daß für den Erzähler wie in meiner eigenen Jugend Sherlock Holmes so bedeutsam war, daß er hier indirekt sogar einen kurzen Auftritt bekommt (welch Jammer, daß Nabokov → Jeremy Brett noch nicht kannte – oder kannte er ihn, borges’sch gedacht, vielleicht doch? –), erinnert er sich zwar nicht an die Zeiten,

– oder daß ich es so ausdrücke, erinnert mich vielmehr daran – als wir unsere ersten euterwarmen schäumenden Verse schrieben […].
Aleppo, 426
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer),

sondern auch die folgende Erklärung fesselt unmittelbar unser Interesse:

Obschon ich urkundliche Zeugnisse meiner Eheschließung vorweisen kann, bin ich heute sicher, daß meine Frau nie existiert hat.
Ebda., 426

Welch eine im erzählschachtechnischen Sinn wie auch für einen “Plot” hinreißende Eröffnung! Deshalb muß ich wirklich einmal eine längere Passage zitieren:

So begannen wir unsere unglückseligen Flitterwochen. Zerdrückt und geschüttelt inmitten des apokalyptischen Exodus, warteten wir auf unfahrplanmäßige Züge, gingen wir durch die ausgedienten Kulissen abstrakter Städte, lebten wir in dem ständigen Zwielicht körperlicher Erschöpfung — solches war unsere Flucht: und je weiter sie uns führte, desto klarer wurde es, daß uns mehr als ein Schwachkopf mit Stiefeln und Koppelschloß und seiner Kollektion verschieden angetriebenen militärischen Trödelkrams vor sich her jagte – etwas, wofür er nur das Symbol war, etwas Ungeheuerliches und Unfaßbares, eine zeit- und gesichtslose Masse unvordenklichen Grauens, das selbst hier, im grünen Vakuum des Central Park[s], immer noch von hinten auf mich zukommt.
Ebda., 429

Welch ein phantastischer Ton ist da wieder!

Du mußt Dir die Szene vorstellen: den winzigen Garten mit seinen Kieswegen, der einsamen Zypresse und dem blauen Krug wie aus Tausendundeiner Nacht; die rissige Terrasse, wo der Vater der alten Dame mit einer Wolldecke auf den Knien vor sich hin döste, als er sein Gouverneursamt in Nowgorod aufgegeben hatte, um ein paar letzte Abende in Nizza zu verbringen; den blaßgrünen Himmel; einen Hauch von Vanille in der sinkenden Dämmerung; die Grillen, die ihren metallischen Triller hören ließen, der zwei Oktaven über dem eingestrichenen C liegt; und Anna Wladimirowna, deren hängende, faltige Wangen zuckten, als sie mir eine mütterliche, aber unverdiente Beleidigung an den Kopf warf.
Ebda., 429

Und dann, ein Jahr später bereits, Ein vergessener Dichter,

der nicht älter als achtzehn [war], als er seine bemerkenswerten Georgischen Nächte schrieb, ein lange, wildwucherndes “Traumepos”, das in einzelnen Passagen den Schleier seiner traditionellen orientalischen Szenerie zerreißt, um jenen himmlichen Luftzug zu erzeugen, der einen plötzlich genau zwischen den Schulterblättern die Wirkung wahrer Poesie spüren läßt.
Vergessener Dichter, 443
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

Dessen Ruhm allerdings erst einmal posthum ist, wobei wir einen objektiven Wahrheitsgehalt des notwendigerweise nur kurzen, von Nabokov erzählten Abrisses dieser Biographie alleine (wenn wir’s denn wollen) unter Bemühung literarischer Lexika, bzw. des Netzes vornehmen können und dann schnell auch darin bestätigt werden, ein Vorbild Perows (also für Nabokovs Figur) könne D’Annunzio gewesen sei, der nicht nur ebenfalls (wie fast auch Rainald Goetz → mit dem Stirnschnitt) seinen Ruhm auf die Finte eines zu frühen Todes stützte, sondern auch er hing dem Orientalismus an, den er als Japonismus in Rom einführte.
Bei Perow geht dieser “Tod” höchst witzig so:

Im Herbst 1849 stattete er seinem Vater einen Besuch ab, um Geld für eine Reise nach Spanien zu erbitten. Der Vater, ein Mann einfacher Reaktionen, gab ihm eine Ohrfeige; und ein paar Tage später ertrank der arme Junge beim Baden im benachbarten Fluß.

Wobei der Witz gerade in der unterschobenen Ursache-Wirkungskette wegen der Ohrfeige liegt.

Unter einer Birke entdecke man seine Kleidung und einen angebissenen Apfel; doch seine Leiche fand sich nie.
Vergessener Dichter, beides 445

Doch taucht dann, mit den Worten “Ich bin Perow” als alter Mann wieder auf, und zwar zu einer offiziellen Beratungsgelegenheit, in der die Einzelheiten der Aufstellung eines zu seinen Ehren zu errichtenden Dichterdenkmals erörtert und beschlossen werden sollen. Unversehens sitzt da der zu Bedenkmalende-selbst mit auf der Bühne. Die nunmehr ausgelösten Reaktionen verpetz ich Ihnen nicht, auch weil Rußland “irgendwie”, wie Nabokov es formuliert, “im Laufe der folgenden zwanzig Jahre”, also unter der frühen Sowjetdiktatur “jeden Kontakt mit Petrows Dichtung” verliert, indessen Zeit und Ebbe, danach, eine eigentümlich melancholische Geschichte ist und neuerlich, und diesmal dystopisch, Sciencefiction, worin aber nicht nur – vermittelt über die Großmutter des Erzählers – ein deutlicher Bezug zu Andersens Kleiner Meerjungfrau hergestellt wird, die Nabokov genau wie den von ihm beiläufig abgetanen Thomas Mann immer wieder beschäftigt hat — deutlich einer seiner, wahrscheinlich ihrer Nymphik wegen, Animae —, sondern es gibt auch stilistisch tolle Einfallsvolten wie etwa folgende:

(…) diese Muster und melodischen Figuren, für deren bewußte Analyse ganz allein die Zeit verantwortlich ist, brachten den drugstore irgendwie mit einer Welt in Beziehung, wo Menschen Metalle quälten und die Metalle sich revanchierten.
Zeit und Ebbe, 471
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

Von Musen frei allerdings ist die Abrechnung mit dem US-amerikanischen Antisemitismus, bzw. sogar einer Leugung oder Verniedlichung der Shoa in dem bezeichnenderweise Genrebild 1945 genannten, im selben Jahr erschienenen Stück, das (auch) von einer jungen Russin in New York erzählt,

die von der Möglichkeit, für das gehalten zu werden, was sie sich unter einer Jüdin vorstellte, so beunruhigt war, daß sie regelmäßig ein Kreuz um den Hals trug, obwohl sie so wenig Frömmigkeit wie Geist besaß.
Genrebild, 481
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

Daß Nabokov nebenbei seiner Abneigung gegen Deutsche zwar nicht die Peitsche, aber doch ein feines Gertchen in die Sprachhand nehmen läßt, ist nachvollziehbar und sogar, wenn man formulierend so wundervoll-fies damit zuzuschlagen versteht, geradezu erfreulich:

Ich habe mich oft gefragt, wie ein dünner Deutscher es immer fertigbringt, in einem Regenmantel so gesäßlastig auszusehen.
Genrebild, 481

Oder dieses “Alles ist Chiffre” in dem sanften Zeichen und Symbole, indessen ich auf Erste Liebe erst eingehen möchte, wenn ich Erinnerung sprich gelesen haben werde, die, wie Eigner sie in seinem Aufsatz nennt, “Autobiografie in Romanform”, in die der hier als Erzählung abgedruckte Text sehr viel später, und erweitert, eingeflochten worden ist. Dennoch möchte ich wenigstens eine Stelle daraus zitieren, einfach weil sie derart grandios ist und Entzücken keinen Aufschub mag:

Die Abteiltür stand offen, und ich konnte das Gangfenster sehen, wo die Drähte – sechs dünne schwarze Drähte – ihr Bestes taten, um anzusteigen, um sich himmelwärts zu schwingen, den blitzartigen Schlägen zum Trotz, die ihnen ein Telegraphenmast nach dem anderen versetzte; doch gerade wenn alle sechs in einem triumphalen Aufschwung rührender Begeisterung im Begriff standen, den oberen Rand des Fensters zu erreichen, holte ein besonders tückischer Schlag sie auf ihre vormalige Tiefe herunter, und sie mußten von vorn anfangen.
Erste Liebe, 510
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

Wer hätte dieses nicht schon einmal selbst gesehen, aber wer es jemals derart in Worte gefaßt? Selbst in die hypotaktische Bewegung dieses Satz scheint das Auf- und Wiedernieder(quasi)fließen dieser Drähte eingeströmt zu sein,
Wiederum Szenen aus dem Leben eines Doppelungeheuers ist der Beginn eines leider abgebrochenen Romans, der erst, nochmals “leider”, irgendwie abbricht, dennoch – aus der Sicht eines siamesischen Zwillingteils – poetische Perlenschnüre wie diese vom ranken Hals der Muse nimmt:

Er warf einen kurzen blauen Schatten auf den Boden, ich auch; doch zusätzlich zu diesem skizzenhaften, flachen und veränderlichen Begleiter, den er und ich der Sonne verdankten und der bei trübem Wetter verschwand, besaß ich noch einen anderen Schatten, eine handgreifliche Spiegelung meines körperlichen Ichs, die ich zu meiner Linken ständig bei mir führte, wohingegen mein Besucher die seine irgendwie verloren oder losgehakt oder zu Hause gelassen hatte. Lloyd und Floyd (das siamesische Zwillingspaar, Anm.ANH) waren vollständig und normal; er war weder das eine noch das andere.
Doppelungeheuer, 526
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

Und dann Die Schwestern Vane!
Nabokov war sich über deren Bedeutung vollkommen klar und spricht in seinen Anmerkungen von einem “Trick, den man nur einmal in tausend Jahren belletristischer Prosa versuchen kann.” (Wer denn behauptet zurecht, Dichter hätten bescheiden zu sein? Schon Holmes fand das Understatement unangemessen und eigentlich eine verklemmte Eitelkeit. Dennoch schränkt Nabokov selber ein, daß, ob der Trick auch funktioniere, eine ganz andere Frage sei.)
Der Erzählansatz, bzw. die Grundidee der Geschichte ist, wir ahnen es, verzwickt. Ich darf sie auch auf keinen Fall verraten, sondern habe Sie vielmehr, Geliebte, hier hineinzuverführen, wozu sich die dem wehen Sirenensang einer Erdgeistin ähnelnde Prosalockung um so mehr eignet,

als ich jenes sorgfältig gewellte dunkle Haar beobachtete, jenen kleinen, kleingeblümten Hut mit seinem hyalinen Schleier, wie er in jener Saison getragen wurde, und darunter ihr kleines Gesicht, das eine Hautkrankheit in ein kubistisches Narbenmuster aufgebrochen hatte; es war rührend von einem Höhensonnenteint verdeckt, welcher [“welcher”, hm: ANH] ihre Züge härter wirken ließ, deren Charme weiterhin darunter litt, daß sie alles angemalt hatte, was angemalt werden konnte, so daß das bleiche Zahnfleisch zwischen ihren kirschroten rissigen Lippen und die verdünnte blaue Tinte ihrer Augen unter schattierten Lidern die einzigen Öffnungen zu ihrer Schönheit waren.
Schwestern Vane, 543
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

So etwas benimmt uns ebenso total wie Dianas hochdiskrete, geradezu aristokratisch geschilderte Hinaufführung

in eine kühles kleines Schlafzimmer, nur um mir – als wäre ich die Polizei oder ein mitfühlender irischer Nachbar – zwei Tablettenfläschchen und das zerwühlte Bett zu zeigen, aus dem ein zarter, unwesentlicher Körper, den D. einschließlich seines letzten samtenen Details gekannt haben mußte, bereits entfernt worden war.
Ebda., 545

Des weiteren die Rede ist von den

fleischigen Voluten ihrer Nasenflügel

und davon, daß Diana “hübsch in ihrer Dunkelheit” war und

eine nicht zu geschmacklose Mischung einigermaßen schicker heterogener Kleidungsstücke [trug] und […] eine sogenannte gute Figur hatte; aber alles an ihr war seltsam liederlich, in einer Weise, die ich dunkel mit linken Begeisterungen in der Politik und “progressiven” Banalitäten in der Kunst in Zusammenhang brachte, obwohl sie in Wirklichkeit weder für das eine noch das andere etwas übrig hatte.
Ebda., beides 546

Dazu noch diese Frage!

Und was wäre [hier gehört, indirekte Rede, ein “sei” hin: ANH] mit Gott? War es so, oder war es nicht so, daß Leute, die einen allmächtigen Diktator auf Erden empört ablehnen würden, sich auf einen im Himmel freuten?
Ebda., 550

Um von dem

Lapsus, der wie ein Lapislazuli aussah
Ebda., 553

auf keinen Fall zu schweigen. — Und wir kennen aus Anlaß von Parties auch d a s, aber nicht die daraus hier gezogene Folge, jedenfalls ist sie uns kaum bewußt:

Einer barbarischen, unhygienischen und ehebrecherischen Sitte gemäß wurden die innen noch warmen Mäntel der Gäste vom ruhigen, ziemlich kahlen Bob Wheeler in das Heiligtum eines reinlichen Schlafzimmers getragen und auf das Ehebett gehäuft.
Ebda., 556

Keine Frage, hier schimmert erneut die hochgesellschaftskritische Prosakunst des von Nabokov zurecht verehrten Aldous Huxley durch. Und ein formtechnisch ganz besonders pfiffiges Kabinettstück ist der letzte Absatz dieser bemerkenswerten Erzählung. Nämlich als ein Akrostichon, das aufgelöst

“Eiszapfen von Diana
Parkuhr von mir, Sybil”

Ebda., 563

ergibt. Worauf sich diese – Ihnen (noch?) kryptische Nachricht bezieht, auch das verrate ich nicht. Obwohl ich es oben schon angedeutet habe.

Nun bleibt mir nur noch Nabokovs Lanzelot-Erzählung, seine letzte, Lance, vom Februar 1952, geschrieben 1951 im höchst auratisch “Ithaca” benannten Örtchen des Staates New York. Geradezu abenteuerlich beginnt sie so:

Der Name des Planeten, falls er schon einen erhalten hat, tut nichts zur Sache. In seiner günstigsten Opposition mag er von der Erde gerade so viele Meilen entfernt sein, wie Jahre zwischen dem letzten Freitag [also heute, dem 7. Februar 2020: ANH] und der Entstehung des Himalaya[s] liegen – ein Millionenfaches vom Durchschnittsalter der Lesers. Im teleskopischen Bereich der Phantasie, durch das Prisma der Tränen würden alle Besonderheiten […] nicht auffälliger erscheinen als jene tatsächlich existierender Planeten.
Schwestern Vane, 543
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

Dennoch, wiewohl immer wieder solche zumindest ansatzweise verfaßt, versichert der Erzähler “für die sogenannte ‘Science fiction’ nur Verachtung und Ablehnung” gehabt zu haben, weil sie

wie jene Keksmischungen [seien], deren Bestandteile nur in Form und Farbe verschieden sind; ihre raffinierten Hersteller verstricken damit den Konsumenten, dem das Wasser im Munde zusammenläuft, in eine verrückte Pawlow’che Welt, in der simple visuelle Variationen, die keine weiteren Kosten verursachen, den Geschmack beeinflussen und langsam ersetzen, so daß er alsbald den Weg aller Begabung und Wahrheit geht.
Lance, 543

Selbstverständlich ist dies nicht wirklich eine Kritik an der Sciencefiction, sondern an dem den meisten ihrer, sagen wir, Erzeugnisse zugrunde liegenden irrenden Realismus. In meinen → Heidelberger Vorlesungen habe ich dies eingehend ausgeführt. Deshalb sei es hier nur am Rand vermerkt. Viel wichtiger ist die mir bis dato unbekannte Tatsache, daß

In einem äußersten Zugeständnis an die Sittsamkeit der Zweifüßer […] Kentauren nicht einfach nur einen Lendenschurz [tragen]; sie tragen ihn nur um die Vorderbeine.
Lance, 567

Auch spielt Nabokov hier schon, acht Jahre vor Ada, mit

einer fernen Zeit (die zufällig in der Zukunft liegt)[,]
Lance, 567,

weil nämlich

Begriffe wie “unzeitgemäß”, “anachronistisch” und so weiter auf die Dauer die einzigen [sind], mit denen wir uns eine Fremdartigkeit vorstellen und ihr Ausruck verleihen können, die keine Forschung vorherzusehen vermag. Das Zukünftige ist nur die Umkehrung des Veralteten.[Hervorh.v.mir]
Lance, 571

Weiters:

Irdischer Raum liebt Verborgenheit. Das Äußerste, was er dem Auge bietet, ist ein Panorama. Der Horizont schließt sich vor dem sich entfernenden Reisenden wie eine in Zeitlupe bewegte Falltür. 
Lance, 573

Und als wir in den Nachthimmel sehen, glauben wir uns unvermittelt bei Arno Schmidt (ich meine den Umschlag der Begeisterungen in einen Dialog — und, ja, es geht um … aber er sagt es ja selbst):

Ritter, die in jungen Jahren das Harfenspiel, die Falkenbeize und die Jagd erlernen; der Wald der Gefahren und die Burg der Schmerzen; Aldebaran, Beteigeuze – der Donner sarazenischer Schlachtrufe. Wunderbare Waffentaten, wunderbare Krieger funkeln in den furchtbaren Sternbildern über dem Balkon der Bokes; Herr Percard, der Schwarze Ritter, und Herr Perimones, der Rote Ritter, und Herr Pertelope, der Grüne Ritter, und Herr Persant, der Blaue Ritter, und jener barsche alte Herr Grummore Grummursum, der nordische Flüche vor sich hin murmelt. Der Feldstecher nützt wenig, die Karte ist ganz zerknittert und feucht, und “du hältst die Taschenlampe nicht richtig” — dies zu Mrs. Boke.
Tief Luft holen. Noch einmal hinsehen.

Lance, 573

Weshalb dies alles? Weil

Tief im Geist des Menschen […] Sterben gleichbedeutend mit einem Verlassen der Erde [ist]. Ihrer Schwerkraft [zu] entrinnen heißt das Grab [zu] überwinden, und ein Mensch, der sich auf einem anderen Planeten wiederfindet, hat tatsächlich keine Möglichkeit, sich zu beweisen, daß er nicht tot ist — daß der naive alte Mythos sich nicht doch erfüllt hat.
Lance, 580

Welch ergreifenderes Ende könnte es geben für ein Buch – und welches, wie jetzt, um die poetische Besprechung eines Bandes erst einmal abzuschließen, der derartig viele denkerische wie stilistische, ja, Wunder enthält?

 

 


ANH
4. bis 7. Februar 2020
[Zuletzt bei Mozart, Così fan tutte
Philharmonia Orchestra, London
Herbert von Karajan
→ Aufn. v. 1954: in Mono, klar, aber derart hineißend “remastered”, daß einem schon beim ersten Klangdruck das Herz stillestehen will — und man denkt: So sterben, ja!]

 

 

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References

References
1 “welchem” Wort ich das kürzere “die” hier vorziehen würde

Alban Nikolai Herbst
| Die anthropologische Kehre |

[Erschienen in Navigationen, Zeitschrift für Medien-
und Kulturwissenschaften, Jg. 6 H. 1/2006]

 

1.

Ich spreche von Ich, weil Ich keine normative, also normbildende Größe ist, sondern seinerseits ein bedingter Zusammenhang. Auf diese Bedingtheit nimmt jeder Satz eines Textes Bezug, sagt aber auch, indem er Ich sagt, es sei da mindestens ein Du, das ihn nicht nur empfange, sondern auch aufnehmen, also verarbeiten und reflektieren, das heißt: zurückspiegeln könne. Daß dieses Du oder diese mehreren Dus genau die richtigen sind, um Ich aufzunehmen – daß sie insoweit Ich-Funktionen sind – ist ein Enthymem jeglichen vor allem künstlerischen Schreibens. Indem dieses Schreiben auf dem Weg des Internets nun in die Sozialsysteme eingreift und in ihnen neue Dynamiken in Gang setzt, werden die objektiven Subjekt/Objekt-Konstellationen in projektive (subjektive) Zusammenhänge überführt. Etwas, das bis dahin den Künsten und den spekulativen Wissenschaften vorbehalten war, materialisiert – realisiert – sich nunmehr gesellschaftlich. Neu daran ist, daß dies über eine technische Innovation geschieht; der Umbruch läßt sich allenfalls mit demjenigen vergleichen, den die Möglichkeit an die Hand gab, die Idee zu materialisieren: also mit dem Buchdruck. In ihm war Technik aber noch nur die Folie, das, auf was etwas gedruckt ist; die Technologie des Buchdrucks war nicht selber Teil des Gedruckten.1 Da monotheistisch-kanonisch besetzt, ist das kein Wunder. Die Technik des Lesens wurde jetzt eine unbedingt-nicht-materiale.2 Das ist mit der modernen, eben säkularen Kommunikationstechnik des Internets – wieder – anders geworden. Es wird zum Teil dessen, was es ausdrückt. Sozusagen gebiert sich das Technische, was also hinter dem Technischen steht, in die Realität selbst: Erst in die Psychen, dann, vermittelt durch sie, in die Fakten. Das ist ein Vorgang der Anthropologischen Kehre.

2.

Der Begriff Anthropologische Kehre meint nicht, daß sich der Mensch substantiell verändere, wohl aber, es verändere sich sein öffentliches Bewußtsein über sich selbst. Daß er sich dennoch objektiv verändert, steht wahrscheinlich außer Frage. Aber das beschreibt nicht dieser Begriff. Allerdings trägt er dazu, daß sich der Mensch verändert, bei, indem der Mensch ihn denkt. Auch wir, indem wir ihn denken, verändern uns. Denken wir ihn allerdings nicht, sondern verweigern wir uns ihm, verändern wir uns auch. Nur anders. Einen Begriff denken zu wollen (und zu können), nimmt ein Selbstbewußtsein in den Veränderungsprozeß mit hinein; ob jemand die Veränderung nur ungefähr spürt oder auch begreift und bewußt mitverfolgt, verändert nämlich die Veränderung, und zwar unabhängig davon, ob ein solches Begreifen – eine solche Reflektion, also Spiegelung – sich tatsächlich autonom vollzieht oder nicht. Als Spiegelung – das Wort ist verräterisch – kann sie gar nicht autonom sein. Allerdings spielt auch das keine Rolle; denn was fiktiv, ja materiell geradezu grundlos ist, kann dennoch wirken.
Diese Feststellung ist eine der grundsätzlichen Faktoren, die von der Anthropologischen Kehre als wirkend beschrieben werden. Heidegger würde den wirkenden Vorgang mit der klassischen Philosophie unter causa finalis befassen.

3.

„Anthropologie“ bedeutet Wissen(schaft) vom Menschen. Wenn sich das Wissen ändert, hat sich dann notwendigerweise auch der Mensch verändert oder nur die Hinsicht auf ihn?

4.

Das der Technik-an-sich eigene Moment, das von der technologischen Entwicklung jetzt bereitgestellt wird, ist das, was Heidegger im Auge hat, wenn er in seinem Aufsatz Die Technik und die Kehre davon schreibt, das Wesen des Menschen sei von dem Wesen des Seins dahin gebraucht, „das Wesen des Seins in seine Wahrheit zu wahren“3. In Heideggers Formulierung findet eine interessante perspektivische Verschiebung statt. Nämlich vertritt die Technik, bzw. sein Wesen, das Ich und das Ich als der Mensch steht an der Stelle des Dus. Wenn auf diese Umkehrung mit einer Äquivalenz beider Seiten reagiert wird, sie sich also annähern und wenigstens partiell decken, dann haben wir es mit einem weiteren Moment der Anthropologischen Kehre zu tun. Im Netz behandelt die Technik den Menschen als ein Du, worauf er sich der Technik als einem Ich nähert. Der instrumentale Character der Technik, also des Netzes, geht zugunsten eines phänomenologisch-projektiven, tatsächlich anthropologischen verloren.

5.

Die Anthropologische Kehre ist empirisch zu belegen.

6.

Zwar habe ich – hat Ich – den Begriff der Anthropologischen Kehre aus, dachte ich4, Eigenem gebildet, nämlich aus eigenem Erleben im Netz, und zwar im Rahmen der ersten pflanzenden Schritte meines Literarischen Weblogs Die Dschungel.Anderswelt. Doch tritt anderthalb Jahre hernach in Der Dschungel ein Kommentator namens glagolica ein, der den Begriff der Kehre an Heidegger zurückweist. Das bringt mich dazu, Heideggers Aufsatz, den ich nicht kannte, zu lesen und meinen Begriff mit Heidegger lesen zu lassen. Er, die “Anthropologische Kehre”, bleibt dabei meiner, ist aber von Heidegger nun mitbedingt. Ich ist von Heidegger mitbedingt. Heidegger – der jetzt gelesen wird – ist von Ich mitbedingt. Als historische Größe ist Heidegger vergangen. Das Vergangene wirkt nur, als es gegenwärtig ist. Heidegger wirkt. Hier trifft sich seine Wirkung mit dem kybernetischen Netz, das Gleichzeitigkeiten herstellt und nicht etwa Folgen. Der Anthropologischen Kehre haftet darum etwas Unhistorisches an. Das reflektiert die mythische Kraft des Netzes und also der daraus gewonnenen Menschenbilder. Auch der Mythos ist nicht historisch, sondern ging der chronologischen Geschichtsschreibung voraus. Diese Situation wird im Netz psychisch – nicht objektiv – wieder hergestellt. Die möglicherweise sich dann doch begebende objektive Wiederherstellung ist ein Ergebnis der von der Anthropologischen Kehre mit ausgelösten selbstreferenten Rezeptionsweise.

7.

Während aber Heideggers Kehre in die Zukunft zurückwill, will die Anhropologische Kehre in die Vergangenheit v o r a n.5

8.

Es gibt, um es mit → Borges zu sagen, vierzehn Heideggers; aus vielen Gründen kann man jedoch annehmen, daß diese Zahl im Munde des Borges’ „unendlich“ bedeutet.6 Es gibt vierzehn Ichs. Keines ist einzeln. Ich ist ein Zusammenhang.

9.

„Diese Sache mit dem → Menschenfresser … du weißt schon, der Typ, der freiwillig seinen Schwanz hat braten lassen und dann mit aufgegessen hat… das wäre ohne das Internet nicht möglich gewesen.“ Die rein quantitative (funktionale) Bestimmung dessen, was der Mensch sei, schlägt in eine qualitativ neue um. Denn zwar ist die Fantasie, die zu dem Akt der freiwilligen Kastrierung, partiellen Selbstverspeisung und schließlich zum Tod auf Verlangen führte, bereits vor der Existenz des Netzes dagewesen und zumindest der Ausdruck eines wahrscheinlich säkularisierten religiösen Verlangens, das seinen Reiz aus dem Tabu bezieht; daß dieses Tabu zu brechen aber nicht nur möglich, sondern auch praktisch wurde, bezeichnet eine neue anthropologische Situation. Dies betrifft den gesamten Bereich besonders der Sexualpathologie, wie er in gemilderter, bisweilen auch scharfer Form in den Alltag Einzug gehalten hat.

10.

Was tun Sie als Mann, wenn Sie mit einer Frau zusammenkommen, die masochistische oder devote Bedürfnsse hat? Versagen Sie sie ihr? Spielen Sie sich moralisch auf? Und was bei Männern, die solche Bedürfnisse treibt? Das Internet hat dazu geführt, daß sich die Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – von derartigen Anlagen besetzt und besessen sind, finden können, ohne gesellschaftlich tabuisiert und ausgegrenzt zu werden. Es sind übrigens signifikant viele Menschen, und zwar beiderlei Geschlechts; es handelt sich nicht um Randgruppen. Auch deshalb spreche ich von Kehre.

11.

Menschenbilder werden als erstes im Sexuellen deutlich – also im Umgang mit der Natur in ihnen. Deshalb waren → Eros & Erkenntnis immer miteinander verknüpft. Es kann das,wenn sie sich finden, ein Segen sein, für die beiden und für die Mitwelt. Es könnte nämlich fürchterlich werden, fänden sich die beiden nicht, und ihre oder eines’ Neigung liefe plötzlich, weil der Druck zu groß wird, Amok. In diesem Sinn ist es ganz sicher zu begrüßen, wenn einer den anderen, der es will, verspeist – jedenfalls bevor er es mit Menschen tut, die das nicht wollen. Dieser Gedanke wenigstens muß uns erlaubt sein.

12.

Ist dieser Gedanke aber erlaubt, dann bricht in uns und in andren ein Damm. Deshalb gibt es Tabus. Doch das Tabu entmündigt. Die Anthropologische Kehre hingegen ist im Zustand der Mündigkeit. Es zeichnet sie aus, daß sie tabulos ist. Durch sie erst müssen wir uns sehen.

13.

Es gibt kein anderes Universum, das so genau und so umfassend über den Menschen und seine Tabus berichtet wie dieses Netz, das eben dadurch die anthropologische Kehre vorantreibt. Das Netz macht eines völlig unmöglich: Unschuld. Man muß nur eintreten. Und sie fällt ab.

14.

Das Netz hat die Funktion eines die Sünde des Tabubruchs abtestierenden Beichtigers. Doch verhängt er Erfüllung statt Buße. Zynisch betrachtet, ist es das, was Heidegger unter Einkehr der Wahrheit des Wesens des Seins in das Seiende versteht.7

15.

Materialisierte Technologie beschleunigt evolutionäre Entwicklungen exponentiell, aber de facto und nicht im Weltbild. De facto finden Mutationen statt, indes der moralische Wahrnehmungsapparat, der sie, um sie zu verstehen, interpretieren muß, weiterhin evolutionär ‚getaktet‘ ist: wie beim Leistungssport die Sehnen, so wächst er mit der sich rasend schnell bildenden technischen Muskulatur nicht mit und ist darum ständig in Gefahr, sich zu zerren. Das ist ein allgemeiner und darum, jedenfalls vorerst, katastrophaler Befund. Um zu verdeutlichen, wie groß diese Ungleichzeitigkeit ist, stellen Sie sich bitte einen Vierzehnjährigen vor, der am Computerspiel, einem Trainingsprogramm der Moderne, jeden derjenigen Prüfer binnen Sekunden schlägt, die ihm ihrerseits das schlechte Pisa konstatieren. Nämlich leidet der Prüfer unter einer Sehnenzerrung, die der Geprüfte selbst nicht mehr kennt; zwar braucht er seine Sehnen ebenso wenig mehr wie der Prüfer: der aber hängt noch an ihnen. Sind sie drum bei andren entzündet, kriegt er’s mit der Angst und schreit er auf. Ob die Sehnen noch heil sind, ist für ihn insofern eine moralische Frage, bzw. eine des Menschenbildes. Es geht ihm, mit anderen Worten, um Ideologie.

16.

Indem Technologie und moralisches Befinden auseinandergrätschen, scheren die Generationen voneinander weg. Die Anthropologische Kehre zu betrachten, bedeutet, sich diesem Prozeß zu stellen und ihn nicht zu verleugnen. Je jünger wir sind, desto verliebter sind wir in die Maschinen. Einer bald kommenden Generation wird es möglich und normal sein, eine Maschine zu lieben. Es wird ebenso möglich werden, daß eine Maschine uns liebt. Daß uns die Avatare lieben.8 Wer diesen Gedanken nicht zuläßt, hat bereits den Anschluß verloren. Bitte verstehen Sie diese Fomulierung in seinem vollen Mehrfachsinn. Das autonome Ich unterliegt allerdings in jedem Fall. Denn wer diesen Gedanken zuläßt, der hat sich verloren. Die Anthropologische Kehre beschreibt, daß kein autonomes Ich mehr sei.

17.

Das Internet ist eine Kommunikationmaschine, deren Kommunikatoren sowohl Menschen als auch Avatare sind. Oft bilden sie gemeinsame communities. Das Sprachverhalten der Avatare – also im Internet ihr Handeln – kann insofern emphatisch verstanden werden, als daß der Avatar genau so wenig weiß, ob sein Gesprächspartner avatarisch oder organisch ist; er wird sich deshalb auch gegenüber einem anderen Maschinenrepräsentanten wie ein kommunizierender Mensch verhalten und dieser sich so gegenüber ihm. Zögen wir die Menschen als Gesprächspartner aus dem Netz insgesamt ab, kommunizierte es deshalb weiterhin menschlich. Der Avatar imitiert den Menschen, der aber auch die Maschine. Der in Chats übliche regredierte Code zeigt das deutlich an. Beide Seiten nähern sich einander. Sie suchen die Verständigung. Es will sich, könnte man meinen, etwas durch sie verwirklichen: werden oder zu sich kommen. „Vielleicht stehen wir bereits im vorausgeworfenen Schatten der Ankunft dieser Kehre“, schreibt Heidegger.

Aber wir verstehen nicht. Beide Seiten verstehen nicht.

18.

Das könnte der Grund für eine Katastrophe ähnlichen Ausmaßes werden, wie die andere, von Ernst Bloch am Beispiel Deutschlands diagnostizierte Ungleichzeitigkeit gewesen ist. Nationalismus und gesellschaftliche Emanzipation fielen ganz ebenso auseinander wie heutzutage das Bewußtsein des autonomen (privaten) Subjekts und der objektive technologische Stand der modernen, hybriden Sozialität nicht bewußt zusammengehen wollen. Tatsächlich decken sie sich aber doch. Dieser Widerspruch hat, nimmt man ihn ernst, Konsequenzen für unser gesamtes Lebenssystem: Schon daß aus dem System eine Matrix wurde, belegt das.

19.

Daß etwas wird, bedeutet hier: man erkennt es. Für die Matrix gilt also etwas Gleiches wie für die Anthropologische Kehre: beide sind nicht, was sie beschreiben. Es handelt sich um sprachliche Modelle, die Aussagen über etwas anderes treffen. Indem sie sie aber treffen, werden sie ein Teil dieses Anderen und bestimmen es mit. Die Bewußtwerdung schafft mit, was bewußt wird. Das ist in strengem Sinn eine kausallogisch unmögliche Wechselwirkung, die aber ist.

20.

Wie es eine Technologie der Dinge gibt, so gibt auch eine Technologie des Geistes; Heidegger nennt sie das Wesen der Technik und unterscheidet sie vom Technischen. Dieses nennt er instrumental oder, verräterischerweise, anthropologisch. Er unterstellt also einen außerhalb des Menschen waltenden Geist, einen, der vorgängig ist. Die Anthropologische Kehre erlaubt gerade das nicht. Sie trennt zwischen instrumental und anthropologisch. Deshalb bestreitet in ihrem Sinn Kehre, es sei Technik vorgängig objektiver Teil eines ohnedies wesenden Seins, wie sich Heidegger das vorzustellen scheint, – und der nun, der objektive Teil, finde durch uns zur Sprache (eine interessante nicht-religiöse Assonanz an Benjamin9 –, sondern die Anthropologische Kehre ist ein Resultat der wirkenden Oberfläche: nämlich der Darstellung. Es ist ihr nicht wichtig, ob etwas ‚tatsächlich‘ und ‚im Grunde‘ so und so sei; vielmehr wirkt auch dasjenige auf das Sein, das nicht ist; es reicht sogar seine pure Behauptung – sofern man sie denn glaubt.

21.

Jeglicher Versuch einer ontologischen Bestimmung geht an dieser Art Wirkung fehl. Gewissermaßen realisiert das Internet Gerüchte: Es objektiviert sie im selben Maß wie einstmals als abseitig geltende Fantasien. Darüber hinaus aber objektiviert es Wahrheit (macht Wahrheit materiell), indem sich, im Rahmen zumindest locker definierter Kulturkreise, zu verdrängende und verdrängte Inhalte, die ja vorhanden und eben nicht nicht-vorhanden sind, in der Öffentlichkeit präsentieren. Wodurch sie weitere Öffentlichkeit schaffen und weitere verdrängte Inhalte sich präsentieren. Sie sind von da an weder privatmoralisch noch gesellschaftsethisch mehr wegzuleugnen. Daß wir uns dem nun zuwenden müssen und zuwenden, daß wir in diese Gesichter schauen und nicht mehr sagen können: Alles-dies gibt es nicht, allesdies sind wir nicht – das nenne ich eine Kehre: das sich dahin Umwenden.

22.

Und dann hat Heidegger wieder recht: „In der Kehre lichtet sich jäh die Lichtung des Wesens des Seins. Es bringt sich selbst in die mit- und eingebrachte eigene Helle. Wenn in der Kehre der Gefahr die Wahrheit des Seins blitzt, lichtet sich das Wesen des Seins. Dann kehrt die Wahrheit des Wesens des Seins ein.“10 Dennoch ist nicht das Ontologische bestimmendes Merkmal der Anthropologischen Kehre, sondern ihr Gegenteil: die Oberfläche, das Scheinen, die Ästhetik. Heideggers Kehre in eine Zukunft11 zurück ist gnostischer Natur; wenn er schreibt Denn das Sein hat nicht seinesgleichen neben sich12– dann ist das eine deutliche Variante von 2. Mose 20. Die Anthropologische Kehre hiergegen glaubt nicht mehr an Transzendenz. Sie ist selbstreferentiell, also eine Spiegelung.

23.

Die Spiegelung ist in Tausende Fraktale gebrochen, das Spiegelglas wie kaputt. Daher der Narzissmus. Wer hineinsieht, sieht sich: Das gesplitterte Glas kann deshalb nicht heraussplittern, weil der Betrachter in den Rahmen mit hineingehört, der Matrix ist und ja eben nicht System. Der Spiegel des Netzes erinnert an Spinnengewebe, in denen bisweilen Tautropfen hängen: Sie hängen in Monaden, die ihrerseits zusammengesetzte Partikularinteressen – also Ichs – sind. Ob sie sich wenigstens zeitweise zu einem einzigen Interesse vereinen können oder ob sie das Andere – das GesamtNetz – bloß als rein numerische Mehrheit bilden, ist fraglich. Insofern beschreibt die Anthropologische Kehre zwar keinen unpolitischen Zustand, aber einen, der sich politisch nicht richten läßt. Aufgrund der globalisierten, einander antinomen Moralen, die doch ständig miteinander in Kontakt gebracht werden, sich voreinander nicht mehr verbergen und also weder schützen noch kultivieren können, kann keine von ihnen als bestimmende anders denn allenfalls mit Gewalt durchgesetzt werden. Dabei sind die Monaden nicht integrativ und nicht integrierbar. Ihr Erscheinungsbild ist radikal collagiert. Als solches entspricht das Kantsche einheitliche Subjekt der Apperzeption einer Montage: weder gibt es die Einheitlichkeit noch mehr das Subjekt.

24.

Ich versuche zu erklären, daß sich immer mehr Belege dafür finden, das Netz sei eben nicht bloß ein technisches Instrument, sondern etwas, das in die Köpfe und Seelen – und in die Geschlechter – eindringt und sie verändert. Ich weiß (und zwar genau, wie eine Romanfigur so etwas wüßte), daß ich eine Spur verfolge, die von enormer Bedeutung ist, gerade auch weil viele derer, die derzeit den poetischen Ton angeben, dort nicht hinschauen … nicht hinschauen wollen, d a s ist es, was mich so fuchst, diese Mischung aus Ignoranz und – ich versteh’s ja – Angst. Wieso ist es so schwer zu akzeptieren, daß eine oder zwei, vielleicht auch drei neue Generationen bereits Fähigkeiten entwickelt haben, die schon 40jährigen nicht mehr zugänglich sind, geschweige mir, geschweige Älteren? Bloß weil sie nicht mehr wissen, wie ein Aquadukt gebaut wird? Aus der Warte von BMW ist auch eine Postkutsche ein Aquadukt.

25.

Die anthropologische Kehre ist wie der fundamentale, meist religiös motivierte Widerstand gegen sie ein direktes Ergebnis der GlobalisierungsTechnologien. Bereits die grenzenlose Übertragung von Radioprogrammen richtet Menschenbilder z u, ob nun im „Guten“, ob nun in jenem „Schlechten“, das neuerdings wieder „das Böse“ genannt werden darf.

26.

In diesen Zusammenhang fügt sich der terroristische Islam als eine letzte wehrhafte Bastion eines traditionellen, vormedialen Menschenbildes. Er will die anthropologische Kehre rückgängig machen und bombt deshalb ganz konsequent die westliche Zivilisation, durch sie sich vollzieht, in sein ihm eigenes Mittelalter zurück. Der islamistische Terrorismus ist insofern zweifellos moralisch. Er will ein Menschenbild erhalten, das überdies gar so verschieden von dem des Westens nicht ist. Im Grunde bombt er für uns mit. Doch ist das vergeblich. Denn jeder Computer, der übrigbliebe, weil ihn der Terrorismus braucht, bewachte eine säkulare Glut. Und jedes erzählende Buch.

27.

Das gentechnische Ziel der nächsten Jahre, spätestens des nächsten Jahrzehnts wird es sein, mit der Technik stoffwechseln zu können. Interessant ist dabei, daß in einem Moment, der die Morphung anderer und seiner selbst zur Mode-Bewegung voranteibt, gesagt wird, es mache sich lächerlich, wer diesen Begriff noch verwende. Ähnlich wird mit dem Begriff des Kapitalismus umgegangen. In dem Moment, in dem sein Inhalt allgegenwärtig geworden ist, wird er, wie der siegreiche monotheistische Gott, unnennbar und verbietet es, sich ein Bild (den Begriff eben) von sich zu machen.

28.

Indem das Ich-als-Instanz sich auflöst, wird auch der Körper als sein Repräsentant disponibel. Jedes über längere Zeit akzeptierte, sich zunehmend in den Alltag ein-bettende und beständiger Teil dieses Alltags werdende, sich also realisierende Rollenspiel gehört in diesen Prozeß, etwa die großen Mittelalter- sowie Vampir-Fandoms, deren Anhänger sich von Zahnärzten „echte“ Vampirzähne implantieren lassen. Die Neigung zu körperlichen Mutilationen ist ihrerseits längst signifikant. Insgesamt drücken auch die biomechanoiden Tattoos und überhaupt die bleibende Andersgestaltung des eigenen Körpers der Kehre ihren Stempel auf. Der Körper als Plastik ist das vielleicht sichtbarste, weil in die Präsentation verkleidete Symptom der anthropologischen Kehre. Durch → von Hagen hat die Bewegung, sich völlig totalisierend, auf den Tod übergegriffen.

29.

Der in die industrialisierte Welt gelagerte Mensch ist bereits ein Hybrid, er besteht aus Organen und Technik. Er hat seine feinsten Sinnesorgane in Maschinen ausgelagert. Ichbeziehe mich hierfür sowohl auf Donna Haraway als auch auf andere meiner eigenen Arbeiten, die diese und ähnliche Zusammenhänge spekulativ untersuchen.13 Im Internet lagert der Mensch Funktionen seines Geistes aus und läßt sie unabhängig von sich wirken. Sie wirken nun wie etwas Fremdes zurück. Das ist der Grund, weshalb das Internet – wie insgesamt die Computertechnologie – einen derart unmittelbaren Zugriff aufs cerebrum hat.

30.

Da aber wird gefragt, ob nicht nicht ein empfindender, wahrnehmender, selbstbewußter Mensch sein müsse, um überhaupt festzustellen, daß er den Körper verliert?

31.

Er stellt das eben nicht fest. Und wo man ihn draufdrückt, da scheut er.

Doch jeder Netzbürger spürt es. Deshalb wird unbewußt agiert. Der Netzbürger paßt sich der Dynamik gleichsam instinktiv an. Wäre ihm dieser Vorgang hingegen bewußt, er erschreckte und schreckte wahrscheinlich zurück. Stattdessen schützt er sein Erleben in den monadischen Innenräumen, die mit anderen Innen-räumen – den als real empfundenen Avataren – kommunizieren. Eine Schnitt-menge solcher kommunizierenden Monaden nennt sich eine community. Es ist mir bewußt, daß sich community und Monade ausschließen, da die Monade als fensterlos vorgestellt ist. Die Monaden des Netzes haben aber Fenster; sie sind einseits verspiegelte und blicken nach innen. Kommunikation findet in sie hinein und in ihnen statt. Es handelt sich um eine mit humanoiden Programmen möblierte, ausgesprochen gesprächige Einsamkeit.

32.

Das Internet ist eine Erhebung über uns. Es ist ist ein Spiegel innerer Zustände… eines anthropologischen Allgemeinzustands nämlich, der gerade im Begriff ist, sich zu verdinglichen. Es beschreibt Körper, die sich so sehr verloren, daß sie sich nur noch in der Auflösung fassen. Das verursacht den Regreß, der so weit sinken lassen kann, daß man weinen möchte über diesen Befund einer entsetzlichen Sentimentalität.

33.

Im selben Maß mutiliert der Mensch seinen Körper. Im Grunde faßt er ihn wie im Barock als eine Maschine auf, die sich, postmodern formuliert, tunen läßt. Damit geht eine biomechanoide Entwicklung parallel, die den menschlichen Organismus mit anorganischem Material verschneidet; als Schmuck getragen, nennt man das Piercing. Anders als in der Prothetik wird das Metall nicht als Fremdes empfunden, sondern als lustgefülltes Accessoire: so materialisiert sich der Cyborg.14 Jedes Piercing bereitet den Bioport vor: eine Schnittstelle an unserem Körper für einen Chip.

Anthropologische Kehre bedeutet aber nicht so sehr dieses und weniger die Bereitschaft als das Fehlen eines Schreckens, wenn wir diese Bereitschaft betrachten. Dabei spielt das Internet die Schlüsselrolle. Denn alles, was wir hier erfahren, ist uns – weil wir im Netz monadologischen Characters sind – von uns selbst erzählt und deshalb vertraut. Das Internet zwingt niemandem etwas auf, auch keine Information. Insofern ist die Anthropologische Kehre eine über die Rezeptionsästhetik gelernte Gewohnheit. Sie bereitet die kommenden Mutationen nur vor.15

34.

„Es muß alles sauber sein“, sagte der Chirurg. „Blut kann ich nicht leiden, das ist der Feind.“

35.

Technologischer Fortschritt ist unaufhaltsam, zumal er im Wortsinn Fort-Schritt ist: nämlich fort von dem, was wir meinten zu sein. Wir müssen jetzt etwas anderes werden. Das prophezeit die Anthropologische Kehre.

36.

Bereits jetzt lernen nicht wenige, besonders junge Leute, ihre späteren Partner übers Netz kennen, das aufgrund seiner Anonymität ein so intimes Sprechen erlaubt, daß normalerweise verdrängte oder verschwiegene Sexualfantasien geradezu unmittelbar kommunikabel werden. Weil man sich vorher nicht traf und noch bevor man sich traf. Die Fantasie wird auf ein Du bezogen, das ein Ich ist.

37.

Zur Anthropologischen Kehre gehört insofern eine Bereitschaft zur Entblößung – ein sich EntStellen16. Da der nahezu unmittelbaren Intimität im Netz eben dadurch Vorschub geleistet wird, daß sich der Computer gleichsam direkt mit dem Gehirn verschaltet, denn es wird ja immer mit einer ausgelagerten Ich-Instanz kommuniziert, vor der es nicht nötig ist, ein Geheimnis zu wahren, hat man bei einem dann realen ersten Treffen bereits gegenseitig Informationen auch über privateste Neigungen. Selbstverständlich wirken die auf das Treffen und treiben – Sympathie sowie den nötigen Tanz der Pheromone vorausgesetzt – eine völlig andere Dynamik an, als es bei einem Kennenlernen etwa im Konzert, an einer Bar etc. möglich und denkbar wäre.

38.

Auch nahezu sämtliche meiner Beziehungen und Leidenschaften zu und mit Frauen während der verstrichenen drei Jahre sind oft direkt oder, seltener, indirekt aufgrund eines Internet-Kontaktes zustande gekommen; es gab nicht eine einzige rundweg nicht über das Netz hergestellte intime Berührung. Diese private Feststellung hat insoweit einen unbedingten öffentlichen Rang, als ein jeder – und deshalb auch ich selbst – davon ausgehen kann, nicht einzig, sondern eben Spiegel eines Allgemeinen zu sein. Es wären sonst auch höchst einseitige Beziehungen gewesen. Sie waren aber geradezu betont körperlich, wurden also physische Erfahrung. So schreibt sich der imaginäre moderne Raum, der medial ist, in die materielle Biologie. Das Imaginäre wird ein dingliches Geschehen. Hieran gemessen sind die Diskussionen über diskursive Kommunikationsformen und ihre Gestaltung im Netz reine Nebenschauplätze.

39.

Indem das Netz direkt in die Sozialen Verbände eingreift, etwa intime Verhältnisse schafft, werden andere als die gewohnten, tradierten Menschenbilder zu wirkenden Faktoren von Partnerschaft und eben auch Gründen neuen möglichen Lebens. Nicht daß etwas über Nichtanwesende erfahren wird, ist das Neue. So etwas kannte im Märchen auch der Prinz, der von der fernen Prinzessin hört und aufbricht, sie zu suchen. Sondern was erzählt wird, ist entscheidend. Die Mär von der fernen Prinzessin koinzidierte stets mit dem gesellschaftlichen und gelehrten (tradierten) Kodex; andernfalls hätte nicht, und schon gar nicht öffentlich, erzählt werden können. Das Netz aber stiftet Verbindungen gegen den Codex. Es bedient die ethisch einheitliche Gemeinschaft nicht mehr, sondern schafft eigene MoralBiotope.

40.

Die anthropologische Kehre beschreibt insgesamt eine sich unbewußt vollziehende seelische Mutation. Jede neue große Entwicklung, sagt Vilém Flusser, beginnt mit einem Regreß. Die Anthropologische Kehre trägt ihn als sich zersetzende Schriftkultur auf der Stirn, täuscht den Regreß vor, damit wir etwas zu jammern haben. Das Gejammer lenkt uns ab, und die Kehre vollzieht sich ganz unbemerkt oder doch ignoriert. Dabei ist sie die kraftvolle Gegenbewegung zu Freuds „Wo Es ist, soll Ich werden.“ Im Netz wird alles Es. Darin geht die Anthropologische Kehre, insoweit sie unbewußt bleibt, durchweg Hand in Hand mit der Entwicklung des sich kybernetisierenden Kapitalismus, den Menschen die intellektuelle (nicht materielle) Verfügung über ihre Produktionsmittel wieder zu entziehen, die zumindest rein technisch am Anfang des letzten Jahrhunderts von Notwendigkeit war. Heute bedeutet, das Arbeitsmittel zu durchschauen, bzw. es durchschauen zu wollen, eine Hemmung des Produktionsablaufs. Der Mensch bedient nicht mehr die Maschine, sondern er wird als begriffsloser Teil dieser Maschine designt. Ergonomie ist ein Spezialfach des Maschinenbaus.

41.

Es gibt ihn schon, den ersten Maschinenmenschen. „Chip im Hirn“ titelt Spiegel-Wissenschaft und faßt den Artikel folgendermaßen zusammen: „Ein querschnittgelähmter Mann kann allein mit seinen Gedanken Computer und Fernseher steuern. Mediziner hatten ihm einen Chip eingepflanzt, der Signale aus dem Gehirn an einen Computer schickt.“ Das weitet sich, der kapitalistischen Logik gemäß, auf den Unterhaltungs- und Mehrwertsektor aus: Es soll in Spanien eine Diskothek geben, in deren VIP-Bereich man mit einem unter die Haut gepflanzten Chip zahlen kann.

42.

Wir hybridisieren uns, auch das gehört zur Kehre, nicht nur, daß wir uns mit Maschinen oder Maschinenteilen verschneiden. Sondern das Netz, das so wenig zwischen Fake und Realperson scheidet, daß wir den Avatar als tatsächlichen Partner akzeptieren müssen (es werden nicht selten tiefreichende Liebesbeziehungen rein kybernetisch geführt), verwischt auch die Geschlechter. Politische Correctness will sexuelle Differenzen eindämmen; auch so lassen gender-Diskussionen sich lesen: daß sie sich der Tauschbarkeit zuspielen, ohne das doch wissen zu dürfen; es benähme ihnen andernfalls sowohl die politische Kraft wie das gute aufgeklärte

Gewissen. Tatsächlich repräsentieren sie zu Teilen das Interesse der Äquivalenzform. Denn wo das Rettende ist, wächst auch Gefahr.

43.
Globalisierung bedeutet Anschluß. Angeschlossen wird an das Marktsystem und seine darunter befaßte Moral, deren Anthropologie aber eine andere als die erzählte ist – und zwar ebenso anders, wie der Weltwirtschaft Wort und Begriff der Freiheit für Freiheit von Handelsgrenzen steht, nicht etwa für Freiheit des Individuums. Demokatische Freiheit als eine der Vielen gegenüber der Wenigen ist ebenfalls so gefaßt, daß das Viele eine Bestimmung des Umsatzes ist, nicht etwa der freien (=gleichen) Partizipierung der Vielen am Umsatz. Einvernimmt nun die Globalisierung die äußeren, so spiegelt die Anthropologische Kehre die Einvernahme der inneren Räume. Beide Prozesse sind wechselseitig aufeinander bezogen. Das Internet ist hierbei die Avant-Garde des Inneren Anschlusses.17

44.
Therefore, to understand the contemporary urban landscape it would be much more interesting to study the rise of the new communities and what they might have to offer, what is so appealing about them, and how they relate to new larger wholes, instead of constantly talking about public life and community in terms of a loss of something whose very nature has always remained unclear to us. The classical disciplines of architecture and urbanism are not enough to understand, plan, and control this urban landscape and the behaviour of its inhabitants any longer. We need to understand the influence of the new media, not only to be informed and so to be able to avoid traffic jams, but also to know where we are and where we want to go. Bart Lootsma, The New Landscape.

 

ANH, Oktober/Dezember 2005
Berlin

___________________________________________

1 Das war vielmehr vorher, bei den Kalligraphien der Handschrift der Fall.
2 Den Ausflug in den mit Aristoteles verschnittenen Monotheismus
erspare ich mir hier, so hübsch er auch wäre.
3 Heidegger, Martin: Die Technik und die Kehre [1962], Stuttgart 2002, S. 39.
4 Dachte e s, nämlich ‚mein‘ Ich.
5 Denken Sie an die Anm.1 zur Handschrift.
6 Borges, Jorge Luis: „Das Haus des Asterion“,
in:
Gesammelte Werke. Erzählungen 2, München 1982.
7 Heidegger (wie Anm. 3), S. 40.
8 Nach manchen wird sich schon heute gekleidet: Lara Croft.
9 Übrigens auch hier: „In der Kehre lichtet sich jäh die Lichtung des Wesens des Seins.
Es bringt sich selbst in die mit-und eingebrachte eigene Helle. Wenn
in der Kehre der Gefahr die Wahrheit des Seins blitzt,
lichtet sich das Wesen des Seins. Dann kehrt die Wahrheit
des Wesens des Seins ein.“ Heidegger (wie Anm. 3), S. 43.

10
Heidegger (wie Anm. 3), S. 43.
11 http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/1118586/, 12.02.2006.
12 Heidegger, Martin: Die Technik und die Kehre [1962],
Stuttgart
81991, S. 42.
13 Etwa „Das Flirren im Sprachraum“,
in:
Schreibheft, Nr. 54, Essen 2000 sowie → dort, Februar 2006.
14 Was in der Prothetik nach dem Ersten Weltkrieg Notbehelf war, beginnt, als seelischer Zusta
nd akzeptiert, ja gewünscht zu werden. Ich habe in diesem Zusammenhang
bereits einmal auf Cronenbergs Ballard-Verfilmung CRASH hingewiesen,
die mir für den Körper – wie Cronenbergs EXISTENCE für die Seele –
auf die anthropologische Kehre nicht nur den Finger, sondern
eine ganze Hand zu legen scheint. An der poetischen Theorie
zu dem Vorgang versuchen sich
Die Dschungel.
15 Bezogen auf den rasanten Fortschritt — auf die Sprünge, heißt das,
die jede einzelne NaturWissenschaft in den letzten 150 Jahren gemacht hat
und die exponentiell weiter werden — könnte unter
Mutation
unterdessen der evolutionäre Prozeß an sich zu befassen sein.
16 Heidegger w i r k t.
17 Avant-Garde, das sei nicht vergessen, ist ein militärischer Begiff,
und zwar auch in der Kunst. Er meint eine aggressive Vorhut.
In der Kunst geht die Moral in Ästhetik über.

IHR WOLLT EIN WORT VON MIR. EIN SCHICKSAL SOLLT IHR HABEN. Eine literarische Spekulation über Hans Henny Jahnn und Medea.

 

Hier wirken Triebe, die die Not und das falsche Bewußtsein von ihr nur freilegen, die aber nicht von heute sind. Sondern ein Stück fossiler Mond scheint, darunter ist ein Weg, an den man sich seltsam er­innert.
Ernst Bloch, Erbschaft dieser Zeit


I

Wenn ein Schriftsteller von einem anderen schreibt oder über einen anderen spricht, ist das stets ein Stückchen eigener Standortbestimmung. Und also eigene Literatur. Sie wird dem an­deren nicht gerecht, oder nur aus Zufall. Sie will ihm auch gar nicht gerecht werden, sondern sich selber ordnen anhand von Nähen und Fernen, Abstoßungen, ja bewußten Fehldeutungen. Das andere wird dem eigenen rücksichtslos einverleibt oder aus sich hinausgestülpt, je nach Richtung des Verfahrens, der Ideologie, der Neigung. Ist das fremde Werk aber tatsächlich fremd, wird man sich nicht darum kümmern. Ich gehe also von Nähe aus, einer negativen, einer positiven, einerlei: Nähe. Dieses bei allem, was ich sage, zu bedenken, bitte ich Sie. Es schränkt meine Spekulationen im selben Maß ein, wie es ihnen ihr Recht und möglicherweise ihre Wahrheit gibt.
Hans Henny Jahnn reizt mich. Das Wort “reizen” ist ambivalent und durchaus erotischer Terminus. Ich erinnere mich an eine verbissene und langweilige Lektüre meiner Nachpubertät. Pubertär auch der Text: Dunkel, morastig, vergoren, zerwühlt und von demselben Auserwähl­theitsalpdruck zusammengehalten, der mich zusammenhielt. Ich hatte keine masochistische Neigung und also das Verlangen, aus meinem Stallgeruch von verschwitztem Geschlecht und dumpfer Neurose mich hinaus- und zu mir selbst herauszuwühlen, indessen Jahnn mir vor­kommt wie einer, der immer weiter hineinwill in seinen Pfuhl aus Kot und geronnenem Eiweiß. Vermutlich war er wie ich früh traumatisiert, beide liebten wir Musik, Mozart und Bach, und beide strotzten wir vor Pathos und platzten vor fantasierter Gewalt. Ich selbst wurde dann eine Zeitlang tatsächlich kriminell. Ich sehnte mich nach Mädchen, die mich mieden. So fing ich zu schreiben an. Als mich das erste Mädel in den Arm nahm, legte ich Jahnn beiseite. Die Sache ging aber schnell an meinen Verklemmungen und also meinem Größenwahn schief. Ich watete im Selbstmitleid und las abermals Jahnn. Ich flog von der Schule, ich haute von Zuhause ab, wurde aufgegriffen, haute wiederum ab, vaterlos haßte ich meine Mutter und erging mich in brutalen Szenarien der Sehnsucht. Meine Mutter gab mich, den schwer Erziehbaren, weg, ich lernte meinen innerlich längst abgestorbenen Vater kennen, auf einem Bahnübergang zwischen Bassum und Syke schlugen wir uns, ich ging nach Bremen, begann eine Lehre und wurde, na ja, einigermaßen normal. Interessanterweise schrieb ich weiter. Und las auch weiterhin Jahnn. Doch plötzlich, ich war so um die einundzwanzig, hörte er auf, für mich von noch irgend einer Bedeutung zu sein. Ich legte ihn wenige Seiten vorm Epilog des Flusses ohne Ufer weg. Im selben Moment legte ich Kafka ab, Beckett ab und Artaud ab. Sie interessierten mich einfach nicht mehr. Punkt. Eine Häutung. Ich entdeckte den Spott. Ich glaubte an den freien Willen, an Entwicklung, an Fortschritt. Außerdem war ich ständig verliebt. Das schloß fatalistische Au­toren aus.
Etwa zwei Jahre später schickte mich mein Lehrer am Abendgymnasium in den Bremer Schlachthof. Das war passend. Frank Patrick Steckel hatte Jahnns Krönung Richards III. in­szeniert, auf allen Stockwerken, das Publikum war gebeten worden, in Kleidung zu erschei­nen, die man hinterher entsorgen konnte. Eine Orgie der Schreierei und roten Farbe und ex­pressionistischen Sprache. Rainald Götz und Einar Schleef heute verzehnfacht aufeinanderge­schichtet reichen an die orgiastische Entgrenzung nicht heran, nur ihr modernes Vorbild, Otto Mühl, und der Archetyp: die dionysischen Mysterien. Daher ist es nämlich genommen, aber invers. Die Menschenopfer, das Zerreißen der Muttertiere, das Verschlingen rohen Fleisches, die Selbstverstümmelungen. Dionysos ist der Sohn Semeles, der Mondgöttin, und als Stier ge­dacht. Darauf werden wir zurückkommen müssen. In ihm wurde der Phallus verehrt, und zwar nicht patriachal. Die dionysische Kraft ist nicht licht, Dionysos ein Gegenspieler Apolls bis in seine Banalisierung zum Bacchus hinein. Seit Nietzsche ist die Dualität dionysisch/apollinisch Zitat. Dionysos zugehört Demeter und Kore, jene wiederum ist aus der kleinasiatischen Kybe­le, bzw. Hekate herübergewandelt. Auch dies werden wir wieder aufnehmen müssen. DI-YO­NI-OS: Die zweifache göttliche Vulva. Die beiden Hörner des Stiers plus dem Phallus = den drei Phasen des Mondes, die Gezeiten und Menses regeln. Dionysos wird, wie Osiris vor dem Weltuntergang, zerstückelt.
Ich war völlig benommen und versuchte es mit Jahnns Prosa neu. Ich war angewidert und ent­setzt von soviel brütender, zugleich frigider Kraft. Bilder wie irisierendes, ionisiertes Blei. Al­les schwer. Eine Perspektive auf die Welt, als hätte man wen in einen Gulli gesperrt und der beginnt nun, in seinem Gefängnis unablässig zu onanieren, wie es Affen in Käfigen tun: Ma­nieristischer Hospitalismus, fieberndes Monologisieren. Ich wandte mich anderen Autoren zu.
Erst 1983 verfiel ich neuerlich auf Jahnn, diesmal indirekt. Martin R. Dean machte mich auf den Schweizer Dichter Guido Bachmann und seine Trilogie Zeit und Ewigkeit aufmerksam. Es ist für mich eines der wichtigsten Bücher geworden, die in den letzten Jahren erschienen sind. Über Bachmann lernte ich Gilgamesch und Enkidu kennen, Bachmann richtete meine Recher­chen auf die Mythologie und die führte mich nun abermals zu Jahnn und erlaubte mir, erst­mals zu trennen das, was ich schätzte, von dem, was mich störte, ja mit beinahe phylogeneti­schem Ekel erfüllte. Beides hing auf eine ungute Weise zusammen, eines verwies aufs andere. Ich begriff, daß Jahnns Prosa keine Personen hat, sondern immer nur sich selbst, aber so, als wäre er in lauter Archetypen, in ewige Monaden zerfallen, die sich, auf ein Rad genagelt, das sich dreht, um diesen Autor drehen. Ein permanenter Zirkel. Zirkularität gehört unabdingbar zu matriachalen Vorstellungswelten. Und dann erfaßte ich, was mich so anwiderte: Die Ideo­logisierung seiner vorgeblichen Homosexualität. Ich sage bewußt: nicht die Päderastie als Spielfigur einer im großen und ganzen reifen Sexualität, sondern ihre Ideologisierung. Die ist in manchen intellektuellen Kreisen in den letzten Jahren modern, nämlich Markt geworden, und ich mag insofern die derart vor sich hergetragene Homosexualität als hysterische Selbst­befreiung nicht glauben, nicht den Kreisen und schon gar nicht Jahnn. Ich erinnere an DI-YONI-OS und komme auch hierauf zurück.

SCHNITT. — Etwa acht Jahre lang keine Zeile Jahnn. Nur indirekt: Meine Studien übers Ma­triarchat, bis zurück in die Edda, den europäischen Sagen- und Märchenkreis abgeschritten. Das war der “Wolpertinger“.

SCHNITT. — Frühjahr 1994, Medea im Berliner Gorki-Theater. Eine sehr laute – zu laute – Aufführung. Im Theater muß ja immer geschrien werden, weil die Leute Hörschäden haben. Das ist, an Madonna und Prince zu denken, verständlich. Jahnn fügt sich, was die Phonstärke angeht, da ziemlich gut rein. Oder nicht? Inszeniert mit Oskar-Schlemmer– und Travestie-Zitaten. Der Transvestismus paßt, Schlemmer liegt irgendwie schief. Das läßt mich aufmerk­sam werden. Bauhaus und Jahnn. Seltsam. Warum wählte Jahnn diesen Stoff? Ausgerechnet ein grübelnder misogyner Schwuler macht sich über eine Kindsmörderin her. Was treibt ihn zu ergründen, was sie treibt? Das ist mir neu an Jahnn: Distanz. Identifiziert er sich mit Jason? Das wäre selbst für ihn zu billig. Aber mit Medea? Welche Söhne hat er umgebracht oder fan­tasiert er, umbringen zu müssen? Ist Jahnn eine Frau? Der Stoff ist zu weit von Norwegen und Deutschland entfernt, um seinem Blut der rechte Lehm zu sein. Der ausgetrocknete korinthi­sche Staub klebt schlecht an den Stiefeln, macht sie nicht schwer und zwingt sie schon gar nicht ständig in den Morast zurück. Der Anruf vom Literaturhaus Frankfurt am Main, Jahnn-Symposion, ob ich usw. Ich sage spontan zu, nenne Medea als Thema und beginne den 2. Teil meines Vortrags.

II

Ich sagte, Homosexualität sei modern geworden. Das ist nicht mehr aufgeklärte Freiheit, schon gar nicht Toleranz, sondern sowohl Regression wie ästhetische Doktrin. Ich spreche hier nicht vom Freund, der mit dem Freund schläft. Ich spreche von einer abstrakten Heroisierung, die aus der gleichgeschlechtlichen Liebe eine säkularisierte Religion abziehen will und ganz bewußt das andere, das Zweigeschlechtliche, ausgrenzt, also – mag sein: aus Notwehr – in die­selben restriktiven Mechanismen verfällt, von der der Heros bedroht war. Ausgrenzen heißt immer: Wegbringen, Umbringen. Der beglückte Heterosexuelle hackt ja auch nicht auf Schwulen und Lesben herum. Sie interessieren ihn einfach nicht genug, als daß er sich über sie aufregen könnte. Der gesellschaftliche Haß auf Homosexualität ist Homosexualität, nämlich eine verdrängte. Damit sind wir mitten im Thema. Haß auf Heterosexualität ist niemals homosexuellen Ursprungs. Und sein Auswurf, der Frauenhaß, entstammt einem schlechten, ich möchte sagen: bösen Gewissen. Indem alle drei – Homosexualität, Heterosexualität, Frau­enhaß – eine starke ideologische Komponente haben, stimmt etwas in ihrem Selbstbewußtsein nicht. Das heißt, ihre Entwicklung ist schiefgelaufen. Um es zu wiederholen: Die individuelle Homosexualität interessiert mich hier nicht. Ein junger Mann, der Liebeskummer hat und seiner Freundin ein trau­riges Gedicht darüber schreibt, interessiert mich ebenfalls nicht. Ich mache auch nicht aus einer Diarrhöe, die mich gelegentlich anfällt wie jede und jeden, Literatur. Mich interessiert genauso wenig, ob ein Autor lieber Hähnchen oder Schweinefleisch ißt, nudistische Vorlieben hat oder AIDS. Mein Interesse gilt der Diarrhöe als Ideologie und Literatur.

Frühes Trauma – Abwehr – Latenz – Ausbruch der neurotischen Erkrankung – teilweise Wie­derkehr des Ver­drängten: so lautete die Formel, die wir für die Entwicklung einer Neurose aufgestellt haben. Der Leser wird nun eingeladen, den Schritt zur Annahme zu machen, daß im Leben der Menschenart Ähnli­ches vorgefallen ist wie in dem der Indivi­duen,

schreibt Freud. Und weiter:

Also daß es auch hier Vorgänge gegeben hat sexuell-ag­gressiven Inhalts, die blei­bende Folgen hinterlassen ha­ben, aber zumeist abgewehrt, vergessen wurden, nach lan­ger La­tenz zur Wirkung gekommen sind und Phänomene, den Symptomen ähnlich in Aufbau und Tendenz, geschaffen ha­ben.

Jason soll für Pelias, Tyrann von Jolkos, von Aia, also Kolchis, das Goldene Vlies holen. Dann, so verspricht Pelias, wird er die Jasons Vater Aison weggerissene Herrschaft wieder abtreten. Jason macht sich auf den Weg nach Osten, und erreicht Aia, tritt vor Aietes und verlangt das Goldene Vlies, das in einem Eichenhain aufgehängt und von einem Drachen be­wacht ist. Aietes verweigert das nicht, will aber erst drei Aufgaben gelöst bekommen: Jason soll zwei feuerspeiende, erzhufige Stiere vor den Pflug spannen, dann Drachenzähne in die Furchen säen und schließlich den Wächterdrachen töten. Medea, eine Tochter Aietes’, hat sich in Jason verliebt. Sie ist zauberkundig und steht ihm bei. Mit ihrer Hilfe löst er die Aufgaben, allerdings, das ist mythisch-symbolisch wichtig, tötet er den Drachen nicht, sondern dieser wird in tiefen Schlaf versetzt, so daß man das Goldene Vlies unbehelligt stehlen kann. Das Drama zeigt, wie der Drache dann später in Medea erwacht. Aietes verfolgt die Fliehenden. Vor den Augen des Vaters zerstückelt Medea ihren kleinen Bruder Apsyrtos und wirft die Ka­daverteile ins Meer, wo sie der unglückliche Vater auffischen muß, so daß die Fliehenden ent­kommen. Nach Jolkos heimgekehrt, wird gefeiert. Jasons Vater ist zu gebrechlich, um dabei­sein zu können. Durch Zauber verjüngt ihn Medea. Nun legt Jason Pelias das Vlies vor. Der weigert sich, das Reich herauszugeben. Medea rächt das. Also müssen sie und Jason wieder­um fliehen. In Korinth finden sie Asyl. Sie bekommen zwei Kinder. Aber Jason verliebt sich in die Tochter König Kreons und will die Ehe mit Medea lösen. Die Vermählung mit Kreusa-Glauke wird bestimmt. Medea fügt sich scheinbar, schickt Kreon und Glauke je ein Gewand, sowie die beiden es anziehn, werden sie von Feuer verbrannt. Dann tötet Medea ihrer und Jasons Kinder und fährt auf einem Drachen-, resp Schlangenwagen davon.

Ich referiere nach Ernst Kroker, Katechismus der Mythologie. Im übrigen beziehe ich mich auf Euripides und Ovid.
Bei Jahnn geht die Geschichte etwas anders:
Nicht Jasons Vater verjüngt Medea, sondern ihrem Mann schenkt sie ewige Jugend, indessen sie selber altern muß. Das ist an sich schon seltsam und nicht sehr weiblich gedacht. Warum läßt Jahnn seine Medea dieses Eigentor schießen? Antwort: Es ist nötig, damit das Stück funktioniert. Symbolisch aus noch einem anderen Grund, den ich später erkläre. Zu Beginn des Stücks ist Medea schon alt, Jahnn verwendet viel Energie, sie sich als schwabblig und unan­sehnlich schildern zu lassen. Der Ehemann hingegen strotzt vor geiler Jugend. Er pflegt, sei­nem älteren Sohn beizuschlafen. Medea bettelt um eine Liebesnacht. Nach vielerlei Hin und Her verspricht Jason sie ihr. Der ältere Sohn hat sich in Kreons Tochter Glauke verliebt (ihr Name wird, das ist wichtig, bei Jahnn nicht genannt) und bittet den Vater, für ihn bei Kreon um ihre Hand anzuhalten. Gleichzeitig bittet der jüngere Bruder, der immer der Mutter zuge­schlagen wird, den älteren darum, ihn in die Mannbarkeit einzuführen, das heißt: mit ihm zu schlafen, wie der Vater es mit jenem tat. Der Bruder verspricht’s, aber dann kommt ihm eben das Mädel dazwischen. Der Vater geht zu Kreon, verguckt sich selbst in die Deern, verleugnet seine Ehe, seine Kinder, läßt Kreon Medea verstoßen. Dem Boten, der Medea die Nachricht bringt, läßt sie die Augen ausreißen. Danach geht die Geschichte, mit entsprechenden psycho­logischen Varianten, weiter wie oben, nur daß Jahnn den Drachenwagen durch einen Pferde­wagen ersetzt.
Ich komme auf Freud zurück und kolportiere ihn: “Der Leser wird nun eingeladen, den Schritt zur Annahme zu machen, daß in der Literatur Ähnli­ches vorgefallen ist wie im Leben der Menschenart.” Ich bitte Sie also, die Annahme zu machen, die Verdrehungen Jahnns seien nicht oder nicht nur auf seine persönlichen, sondern auf einen gesellschaftliche und ideenge­schichtliche Defekt zurückzuführen. Wobei gewiß auch Ovid und Euripides schon defizitär, bzw. bewußt ideologisch-politisch sind. Das wird sich, wenn wir meine Spur verfolgen, im ne­benhin zeigen. Dazu nochmals Freud:

Wenn wir den Fortbestand solcher Erinne­rungsspuren in der archaischen Erbschaft an­nehmen, haben wir die Kluft zwischen In­dividual- und Mas­sen­psychologie überbrückt, können die Völ­ker behandeln wie den ein­zelnen Neurotiker.

Al­lerdings schränkt er ein:

Zugege­ben, daß wir für die Erinnerungsspuren in der ar­chaischen Erbschaft der­zeit keinen stärkeren Beweis haben als jene Resterscheinungen der analyti­schen Arbeit, die eine Ableitung aus der Phylogenese erfordern, so erscheint uns dieser Beweis doch stark ge­nug, um einen solchen Sachver­halt zu postulieren.

Jason zieht nach Osten, zum sagenhaften Kolchis. Die Tatsache, daß Pelion den ihm gefährli­chen Jason ausgerechnet dahin schickt, zeigt schon, daß er nicht glaubt, jemand komme von dort heil wieder zurück. Zwei verfeindete Völker? Das reicht nicht: Ganz Griechenland liegt miteinander im Krieg. Hier geht es um zwei Prinzipien. Bei Jahnn wird das durch weiß und schwarz symbolisiert. Die Griechen halten sich viel auf ihre weiße Haut zugute, und Medea und ihre Kinder, die Mischlinge sind, werden als dunkelfarbige Ausländer, geradezu als Un­termenschen, verachtet. Zu diesem Mechanismus Bloch:

Die tieferen Motive des Judenhasses wurzeln in längst vergangenen Zeiten, sie wirken aus dem Unbe­wußten der Völker (…). Ich wage die Behauptung, daß die Eifersucht auf das Volk, wel­ches sich für das erstgebo­rene, be­vorzugte Kind Gottvaters ausgab, bei den anderen noch nicht überwunden ist, so als ob sie dem An­spruch Glauben geschenkt hät­ten. (…) Und endlich das späteste Motiv dieser Reihe, man sollte nicht vergessen, daß alle diese Völker, die sich heute im Judenhaß hervortun, erst in späthistori­schen Zeiten Christen geworden sind, oft durch blu­tigen Zwang dazu getrieben. Man könnte sagen, sie sind alle ‘schlecht getauft’, unter einer dünnen Tünche von Christen­tum sind sie ge­blieben, was ihre Ahnen waren, die einem barbari­schen Polytheismus huldigten. (…) Ihr Judenhaß ist im Grunde Chris­tenhaß (…).

Jahnns Helden sind so schlechte Homose­xuelle wie Antisemiten gute Christen, ihr Frauenhaß ist im Grunde heterosexuell. Sie sind ge­schlechtsindifferent. Ich bitte Sie, hier wieder an die Ideologisierung zu denken; sie erklärt sich jetzt.
Jahnns Medea ist wie viele seiner Frauenfiguren Negerin. Negersein hat offenbar Symbolwert für Jahnn. Der Neger ist das Frühere, Archaische und Gebärfähige. Neger sind schwarz, die Griechen haben eine weiße Haut. In Griechenland herrschen Männer, Frauen spielen eine eher untergeordnete Rolle. Auch in Kolchis regiert ein Mann, doch dort, bei den Negern, scheint die Tochter stärker zu sein als er. Man vergleiche das ganz andere Frauenbild in Kreons Tochter: Erst hat sie sich in den Sohn verliebt, aber kaum sagt ihr Vater, sie solle Jason nehmen, fügt sie sich ganz ohne Widerstand. Medea hingegen tut, was sie will. Sie ist Priesterin der Hekate, der großen Göttin, die im Himmel, auf der Erde und in der Unterwelt wirkt. Ihr Gestirn ist der Mond. Und hier denken Sie bitte daran, daß Dionysos Mondsohn ist. Das ist nötig, um die Blutorgien bei Jahnn zu verstehen. “Nur drei Nächte noch fehlten, bis gänzlich die Hörner des Mondes/ Schließend zum Kreise sich fügen”, heißt es bei Ovid in einer von Medea veranstalte­ten Zauberszene. Sowohl bei Ovid als auch bei Euripides taucht in Kolchis geradezu geknüllt matriachales Symbolgut auf: Die Farben weiß/rot/schwarz, die Trinitäten (später vom Chri­stentum abstrakt pervertiert), der Stier, die Mondallegorik. Alles da. Jahnn scheint das gewußt zu haben. ME ist sumerisch und bedeutet die 100 göttlichen Kräfte, um die ständig gestritten wird. ME+DEA heißt “Göttin der Me”. Sumer ist das Sinear der Bibel. Das Wort “Schumer” bedeutet “Kulturland”, die Schumerer sind Kulturbringer, und zwar cultura im Sinne von Ac­ker. Bis nach Rom hinein waren es Göttinnen, die den Ackerbau und die Handwerke, also das Überleben lehrten. Die Sumerer nannten sich selbst “Schwarzköpfe”. Da ist es zur Negerin Medea nicht mehr weit. Sie sehen, das geht bei Jahnn alles prima zusammen. Und er hat es gewußt. Medea nämlich ruft:

In meiner Brust bleibt nur der Anunnaki
höhnendes Gelächter.

Und als das Unheil überm Haus hereinbricht, ruft auch der Sohn:

Sind die Götter
geflohen vor den Anunnaki?

Die Anunnaki sind die Engel der Erde, die beim Weltuntergang den gro­ßen Brand auslösen. Es sind fünfzug, wie die Besatzung der Argo! 50 wie­derum ist der dynastische Stellenwert des babylonischen Marduk, des Sohnes der assyrischen Tiamat. Als Babel später Gegenspieler des Einzigen Gottes, also des Monotheismus, ergo des Wortes gegen die chthoni­schen Müttergöttinnen, die im Heidentum immer wieder durchbrachen, ja in der Jungfrau Ma­ria bis heute weiterwirken. Der Ältere sieht das über ihn hereinbrechende Unheil also als Nie­derlage des Patriachats. Die Anu selbst sind ein Negerstamm, der Altägypten gründe­te. Osiris war ein Anu. Die Deutschen nannten sich einst “Volk der Göttin Anu”, nämlich Tuatha de Danwn (Tuatha=Volk; altir. Tu-Ath; altfrs. Thi-Ude; altsächs. Thi-Oda; altnie­derfränkisch Thi-At, woraus 920 regnum teutonicum). Diese vielleicht auf ersten Blick abseitige Ableitung ist wichtig um zu verstehen, weshalb Jahnn so hartnäckig darauf pocht, ein Deutscher zu sein. Wenn nun noch meine These stimmt, derzufolge Jahnns Helden keine eindeutige Geschlechts­zugehörigkeit haben, dann wird hinreichend klar, weshalb dieser Autor sich aufs patriachale, aber heidnische, nämlich päderastische Griechenland bezieht und in seinen sodomitischen Fan­tasien immer wieder zitiert und das entwickelte Patriachat des Monotheismus ablehnen, ja als Gefahr und Unheil bannen muß. Stellte er sich ihm, müßte er erwachsen werden. Medea ver­bietet Jason, erwachsen zu werden, indem sie ihm ewige Jugend schenkt. Bei Jahnn ist das nicht-erwachsen-werden-Können die Geschlechtsindifferenz. Diesem zirkulären Widerspruch liegt sein schwelender Antisemitismus zugrunde, der ihn noch 1946, als Auschwitz längst be­kannt ist, einen ungeheuerlichen Brief schreiben läßt:

Wenn erst Presse, Rundfunk, Palästina, Theater und Atombomben gänzlich in jüdischen Hän­den sein werden, wird jeder Fabrikarbei­ter und Bauer wissen, daß er für die beste Sache der Welt arbeitet. Dann brauchen wir nur noch den Numerus clausus, daß alle Gojjm von den in­tellektuellen und geistigen Berufen aus­geschlossen werden, um Idealstaaten zu schaffen.

Ebenfalls hierher rühren seine Erwählt­heitsfantasien, die um so morastiger werden, als er sie sich ja im selben Atemzug vernich­ten muß. Wir werden des öfteren sehen, warum. “Wenn man der erklärte Liebling des gefürchteten Vaters ist,” heißt es zynisch im Drehbuch von Syberbergs >>>> Hitlerfilm, “braucht man sich über die Eifer­sucht der Geschwister nicht zu verwundern.”

Keine Frage also mehr: Kolchis steht für das alte Matriachat. Noch hat es Macht und wird erst mit Troja und dann Kreta niedergezwungen werden. Was aber will ausgerechnet Jahnn mit dem Matriachat? Warum macht er Medea zur Heldin? Antwort: Aus Ambivalenz. Er lei­det unter Wiederholungszwang. Diesen grundiert ja gerade ein zirkulärer und darum unlösba­rer innerer Widerspruch. Er wiederholt die Niederwerfung der Mütter. Und zwar eben als Homosexueller, der eigentlich keiner ist. Ich definiere nach Laplanche:

Wiederholungszwang ist ein auf der Ebene der praktischen Psychopathologie nicht bezwingbarer Prozeß unbewußter Herkunft, wodurch das Subjekt sich aktiv in unangenehme Situationen bringt und so alte Er­fahrungen wiederholt, ohne sich des Vorbilds zu erinnern, im Gegenteil den sehr lebhaften Endruck hat, daß es sich um etwas ausschließlich durch das Gegenwärtige Motivierte han­delt.

Wiederholungszwang gilt als nicht heilbar, seine Ursache läßt sich nicht außer Kraft setzen. Interessanterweise befaßt Freud den Wiederholungstrieb als Teil des Todestriebes. Das geht in Jahnn geradezu lehrbuchartig zusammen. Denken Sie an die unzähligen Stellen seines Werkes, in denen er Frauenkörper zerfleischen läßt. Immer wieder. Persönlich gesehen sind diese Zerstückelungsorgien Perversion, gehören vielleicht auf die Couch, haben aber die Öf­fentlichkeit nicht zu interessieren. Ich schnüffle nicht gern in der Unterwäsche von Kollegen herum, will sagen: das Privatleben von Dichterinnen und Dichtern ist tabu. Aber vergessen Sie Dionysos nicht und nicht die Zirkularität. Mit ihnen ist der Wiederholungszwang durch Jahnn Literatur geworden: er beschreibt sozusagen ein pervertiertes Matriachat. Wie nämlich schil­dert der ältere Sohn seine erste Begegnung mit Kreons Tochter?

Milchweißer Hengst, wie meine Stute weiß

immer wieder weiß, die Farbe der Reinheit und des Todes! –

…wie meine Stute weiß;
auf seinem Rücken trug er, der fast unregierte,
ein Amazonenkind voll Lachen.

Die Amazonen schlugen sich auf Seiten Trojas gegen das pa­triachalisch-militaristische Griechenland, und zwar durch Kopieren des Militärs. Der Sohn sieht also als erstes eine als Mann verkleidete Frau. Nur eben, daß sie als Mann verkleidet ist, erlaubt ihm, sie zu sehen. Der ältere Sohn ist Jason zugeordnet. Symbolisch: Er vernichtet die Frau. Der Wiederholungszwang schlägt durch. Es darf jetzt nicht übersehen werden, daß sich die Homosexualität als staatskonform institutionalisierte und eben ideologisierte, als man die Mütter gewaltsam niedergeworfen hatte. Die waren auszuschließen von der Regierungsgewalt. Wie dürften sie also, und sei es über die Sinne, den Mann denn beherrschen? Nur ein Mann darf’s oder, die Amazone nämlich, ein fast-Mann. Noch Cato sagt von den Frauen: “Wären Sie uns gleichgestellt, so wären sie uns überlegen.” Hochinteressant also, daß Jahnn beim ersten Anblick auch Kreons Tochter geschlechtsindifferent macht und das sich anbahnende Verhält­nis erst einmal homosexuell faßt. Insofern folgt Jahnn Ovid und Euripides. Die Entstellung reicht bis zu Freud und findet dort ihre geschickteste Ausprägung: “Ein Held ist, wer sich mu­tig gegen seinen Vater erhoben und ihn am Ende siegreich überwun­den hat.” Sowie: “Nach diesen Erörterungen trage ich kein Bedenken auszusprechen, die Menschen haben es – in jener beson­deren Weise – immer gewußt, daß sie einmal einen Urvater besessen und erschlagen ha­ben.” Was, wenn es denn eine Urmutter war? Das nähme der Methode nicht ihr Recht, der Akzent gibt aber einen kulturhistorisch völlig anderen Klang. Jahnn weiß das. “Die Vater­schaft ist eine Erfindung der Zivilisation”, schreibt er in “Gesund und Angenehm”, “die Mut­terschaft ist uranfänglich.”
Die Liebesszene zwischen dem älteren Sohn und der Amazone gibt insgesamt viel her. Nicht nur reitet der Sohn die Stute und die Tochter den Hengst, sondern der Koitus wird erstmal auf die Tiere geschoben. Der Hengst besteigt die Stute, die Reiter bleiben aber in den Sätteln da­bei. Der ältere Sohn wird von dem Hengst fast erdrückt: Jahnn gelingt hier eine ganz große Gestaltung einer sexuellen Angstfantasie. “Gefesselt, mehr: gewürgt, bedroht am Leben/ mußt ich ertragen den erregten Pferdeleib”. Er wird hier sogar im Bild ver–klemmt. Die Tochter aber jubelt und treibt den Hengst noch an. Das Männlein fällt nach dem Tierorgasmus pa­rasympathikoton vom Pferd. Das Mädel springt ihm bei, beugt sich über den Knaben und “Leidenschaft brach aus”.
Wiederholungszwang ist in “Jenseits des Lustprinzips als “Widerstand gegens Erinnern” ge­faßt. Literatur aber, so glaube ich, erinnert sich auch gegen ihren Autor, und zwar aufgrund einer ästhetischen Notwendigkeit, die sich durch sämtliche Entstellungen hindurch behauptet. “Es ist besonderer Hervorhebung wert, daß jedes aus der Vergessenheit wiederkehrende Stück sich mit besonderer Macht durchsetzt, einen unvergleichlich starken Einfluß auf die Schrift­steller ausübt und einen unwiderstehlichen Anspruch auf Wahrheit erhebt, gegen den logischer Einspruch machtlos bleibt,” sagt Freud. Ich habe mir lediglich erlaubt, das Wort “Schriftsteller” hineinzuschummeln. – Wessen also erinnert sich Jahnns Text? Von Euripides bis Ovid sind die Verfälschungen leicht zu entschlüsseln: Jason fordert das Vlies, doch wel­chen Grund soll Aietes haben, es dem neuen Prinzip zu überlassen, sprich: dem aggressiven Militär? Soll es doch erst mal zeigen, ob es überhaupt lebensfähig ist, also den Boden bestellen kann. Er läßt Jason die Stiere – ureigene matriachale Symbole – vor den Pflug spannen. Sym­bolisch: Soll er zeigen, ob er den Müttern denn über ist, oder ob nicht vielmehr sie ihn einfach niedertrampeln. Wenn er’s geschafft hat, soll er in die Ackerfurchen Drachenzähne säen. Dra­chenzähne stehen symbolisch immer für Krieger. Also: Kämpfen von einem bestellten, nicht verheerten Boden aus. Beide Aufgaben löst Jason nur, weil Medea ihm hilft. Und hier die Frage: Warum tut sie es? Ovid weicht aus und beantwortet sie mit Cupidos Pfeil. Medea habe sich also in ihr Gegenprinzip verliebt. Dumm das. Sie hat in den Metamorphosen ziemliche Gewissensbisse deshalb und auch düstere Vorahnungen. Aber sie gibt dem Gefühl nach; Ovid charakterisiert sie ziemlich so, wie noch das heutige Vorurteil Frauen gern sieht.
Grundsätzlich liegt die Sache nämlich anders. Ich nehme auf den Göttin-und-ihr-Heros-My­thos bezug und referiere dazu die Frauenforscherin Göttner-Abendroth. Hieros Gamos, näm­lich die Heilige Hochzeit, vollzieht sich so: Der sakrale König oder Heros (Jason) ist Vertreter der Menschen, mit dem sich die Göttin in Gestalt ihrer Priesterin (Medea) verbindet. Dies ist die tatsächliche, von Euripides und Ovid patriachal entstellte Folie. Von hieraus wird ver­ständlich, weshalb Medea sich gegen ihren Vater auflehnt. Wahrscheinlich wird er ihr geraten haben, von Jason die Hände zu lassen. Er hat indessen keine Macht. Medea hat Jason als ihren Heros ausgewählt (zunehmender Mond), sie wird sich mit ihm in der Heiligen Hochzeit ver­binden (Vollmond), und er wird dann sterben (abnehmender Mond), verschwinden (Neumond) und als sein eigener Sohn wiedergeboren werden (zunehmender Mond). Diese Zirkularität fin­den wir in dem jüngeren Sohn bestätigt, der der Mutter Medea zugeschlagen ist. “Vielleicht erkennt der Vater sich in dir”, sagt ihm der Knabenführer bei Jahnn. Der jüngere nun muß es sein, denn im Matriachat obwaltet Ultimogenitur, das heißt die jüngere Tochter erbt. Noch bei den Griechen war die Erbfolge lange Zeit hindurch matrilinear; Land vererbte sich durch Töchter, Königreiche auch. Das macht so viele Hochzeitskriege erklärlich. Daß im Patriachat dann der älteste Sohn erbt, ist eine geradezu banale Umkehrung und eben in dieser Banalität so verräterisch. Doch führte es zu weit, hier Ovid oder Euripides auf die Finger zu hauen. Jahnn allerdings hat die Hände schon allzu bereitwillig ausgestreckt. Denn bei ihm erkennt Medea im älteren Sohn plötzlich Apsyrtos, den von ihr zerstückelten Bruder. Sie ruft sogar:

Auf ihn schaut! Meines Bruders Leib!
Ihm gleicht mein Kind. In meinem Schoß
wuchs er, ihm gleich, mein Sohn. Kaum weiß ich, ob
von Jason ich empfangen hab den Erstgebornen.

Das schlingt die Bande nur noch fester um Mutter und Sohn. Der Brudermord Medeas war nämlich zugleich Gattenmord. Dem Bruder war Medea versprochen. Geschwisterbeziehungen galten höher als die zwischen Gatten. Insofern hat Jason Medea seinen Vater erschlagen lassen. Medea dazu:

Unfaßbarer Zwiespalt:
Mein Sohn und mein Bruder. Jasons Blut.

Vermutlich unbewußt gießt Jahnn hier den Ödipus-Komplex in den Text. Umso schlimmer, als der ältere, Jason zugeordnete, Sohn ja das Patriachat vertreten soll und der jüngere mutterrechtlich verstrickt ist. An diesem Zwiespalt zwischen Vater/Bruder und Mutter kann sich auch seine Pubertät nicht vollen­den. Auch er geschlechtsindifferent.

Halb hat dein Blut, das wildverstockte, wehschreiend rot und überrot
dein Herz bedrängend, dich belehrt,
daß deines eignen Wesens zweite Hälfte
in einem andern Leib verborgen liegt

So sagt der Knabenführer. Und indessen es plötzlich den älteren Bruder zur Frau drängt, drängt es, aufgrund dieses inneren Wider­spruchs, den jüngeren Bruder zum Bruder. “Mit meinen Händen hab ich seinen Körper beta­stet”, schreibt Jahnn über seine Liebesbeziehung zu Gottlieb Harms. “Tat Friedel seiner Henny nicht dasselbe?” Um diese Indifferenz zu kaschieren, fügt er der alten patriachalen Entstellung eine neue, scheinbar homosexuell motivierte, bei, als könnte ein nächster Irrtum den vorherigen berichtigen. Einer Frau verdankt Jason sein Leben: symbolisch wie real, und real sogar mehrfach. “Das Leben Jasons war fünffach verwirkt”, sagt Medea. Nun dreht es Jahnn so hin, daß Medea Jason die ewige Jugend schenkt. Er macht sie, symbolisch gesehen, dadurch zu seiner Mutter, die sie als Priestergöttin ja auch ist. Mehr noch: Die Mutter-Medea erlaubt dem Gatten-Sohn nicht, erwachsen zu werden. Dadurch verstößt sie gegen die eigene Doktrin. Nicht daß sie ihm die tödlichen Aufgaben bestehen half, ist ihr Vergehen, sondern sie hätte ihn nach der Heiligen Hochzeit töten müssen wie Artemis den Hirsch, damit er wiederge­boren werden kann. Statt dessen schenkt sie ihm ewige Jugend, jedenfalls solange sie selber lebt.

Sie altert, damit sich am Ende erfülle,
an uns auch das Schicksal der Menschen,

be­richtet der jüngere Sohn. Beide Söhne und Jason bleiben also permanent abhängig von Medea. Es kann sich kein Abnabelungsprozeß und keine Reifung erfüllen. Insofern verdoppelt sich Jason, anstatt erwachsen zu werden, ganz so wie sich Gustav Horn in Alfred Tutein verdop­pelt. Die Verdoppelung wird zur narzißtischen Identifikation, und wenn dann, das ist völlig logisch, Jason anstelle seines Sohnes Kreons Tochter erst begehrt, dann ihm wegnimmt, ist das für ihn eigentlich kein Unterschied. Er kann die Differenz nicht sehen. Bei Jahnn ist Aison, Jasons Vater, ausgespart, Jason gewissermaßen vaterlos. Symbolisch gesprochen: Er hat von seiner Mutter zwei Kinder. Ödipus ruft hier nicht, sondern schreit. Aber nicht habe Jason aus Tumbheit mit der Mutter geschlafen, sondern weil ihm die Mutter erst als Frau erschien und dann sich zu seiner Mutter demaskierte. Als hätte Jason nicht genau gewußt, welches Land Kolchis ist! Das wirft ihm Medea denn auch vor, womit sie recht hat. Insofern ist schon Jasons ewige Jugend Medeas Rache, und zwar an sich selbst. Das Patriachat bleibt jung, und das Matriachat ist alt und unansehnlich geworden. Letztlich ist jenes aber ohne dieses nicht le­bensfähig. Also trägt Jason das Schuldgefühl jedes Knaben aus, der sich von seiner Mutter lö­sen möchte. Zwar kommt ihm Kreons Töchterlein gerade zurecht, Jason will bei Jahnn ja nicht einmal mehr heim, und erst, als Medea ihn lächerlich macht, stellt er sich ihr. An dieser Stelle des Dramas ist bei Jahnn anstelle einer Ehezerrüttung ganz offensichtlich ein Abnabelungsver­such dargestellt, das Verhältnis einer Mutter und ihres adoleszierenden Sohnes. Das alles geht fürchterlich schief, die Mutter ermordet ihm die Frau. Sehr früh im Drama klagt Medea schon:

Ich bin den Toten fast gleich in meinen verdumpften Gemächern

und weiter unten:

Zersägt in zwei Hälften ist dieses Haus,
geschieden in Traurig und Lichtes, in Altes und Neues,
(…)
Gesellig und Einsames. Was wirfst du mir vor?
Bin ich verbrannt denn und blutlos,
nur Asche und tot? Fließt in meinen Adern
rollend kein Blut mehr? Ist schwarz meine Leber
durch Alter geworden? Ist dir zuwider
mein Kuß, der Hauch meines Leibes?

Deutlich. Eine Mutter klagt, daß ihr Sohn sie verläßt. Und Jason antwortet als Sohn:

Ich bin nicht schuld an deinen Leiden,
lieb ich dich doch ganz nach dem Maß
der fortgeschrittnen Jahre.

Wenn die Mutter ihn nicht gehen läßt, wird daraus Haß. – Einzigartig an der Medea nun ist – und deshalb habe ich für meinen Vortrag dieses Stück ausgewählt -, daß die Mutter dem Sohn nicht mal mehr das Schlachtfest erlaubt, ihm jeglichen Dionysmus entzieht und sprichwörtlich leer zurückläßt. Jahnn wäre zu weit gegangen, hätte er in seiner Version der Medea nun Medea hinschlachten lassen. Er hätte dann auch nicht mehr den Urvorwurf des Sohnes vorbringen können: Du läßt mich nicht gehen, denn hier wäre dann endlich der Sohn gegangen und also erwachsen geworden.
Die Medea beschreibt, wofür sich alle anderen Texte Jahnns rächen. Das von der Parthenogenese träumende Patriachat kann sich nicht aus sich selbst erhalten, geschweige selbst erzeugen kann. “Ich konnte mir denken”, schreibt Jahnn, “daß ich ein Kindlein trüge und es gebäre und tränkte. Ich deuchte mir ernst und schwer genug für solches Amt; aber ich war ein Mann.” Deshalb müssen die Frauen zwar hingenommen, aber erniedrigt und ständig aufs neue niedergeworfen werden. Damit man sie auch glauben kann, muß man die Zerschlagung des Matriachats stets neu inszenieren. Wiederholungszwang. Im Epilog des Flusses ohne Ufer heißt es von den Frauen, sie seien “Etwas mechanisch Erwärmtes, das man nach dem Ge­brauch vergessen darf.” Und weiter vorne: “Sie alle haben Brüste. Sie alle haben die Gleit­bahn, auf der wir ausrutschen.”

Ecco.

ANH, Oktober 1994
Frankfurt am Main

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