Rothes Korruptionslieder’lchen.

 

Dschungelblätter No 1 Jg I,
Ventôse 1985

 

Frau Roth hat ein Gedicht geschrieben. Es stand in der FAZ, heißt “Durchatmen” und sollte wahrscheinlich, weil die Autorin kurzatmig ist, “Durchhalten” heißen. Sei’s nun, es habe Polyhymnius den eigentlichen Titel vergessen oder der Setzer ihn verdrängt — hier werde der Text ein zweites Mal kund:

Selten nur noch
aber dann eben doch

reimen die inmittelbaren Dichter(inn) wieder und holen tief

Atem hole ich wieder Atem

was an sich zu bedauern ist, nämlich zweifach

schminke mir
weiß der Himmel wofür

vielleicht für den Reim?

auf die Lippen

die Zeilen

ein Lächeln

nämlich den Reim auf den Stab (sic!)

und öffne wieder die Tür

schlage das Feuilleton auf:

Man

der Rezensent oder wer?

tanzt da

wo?

lacht und taumelt
leicht

sogar so

so leicht
über die Erde

Es ist eben alles unheimlich leicht, vor allem das Dichten

Ich werde

nun: was? weiß sie’s denn?

selten nur noch

das wäre schön

aber dann eben

eben?

doch

schade

mitgeschoben, eingewoben

Sie meint ihre Karriere seit Klagenfurt 1983

hergezogen und hin

Das hat sie wirklich geschrieben!

bis ich jetzt

(jetzt kommt‘s!):

nicht mehr weiß
wo ich bin

No more comment.

Unten ODER “Da sie wahrscheinlich gar nichts merken.” Vor diesem – dem einundzwanzigsten – Coronajournal. Freitag, den 24. April 2020.

 

(Vorweg, weil’s nicht ohne Witz ist: Daß, mögli-
cherweise, → Raucher geschützt vor Corona sind!)

[Arbeitswohnung, 7.10 Uhr
David Ramirer, → inversus REMIX]
Doch nicht nur das, sondern immerhin auch Ramirers neue Musik baute mich wieder etwas auf, die gestern nachmittag im Briefkasten lag, nicht sie selbst, klar, Freundin, aber die CD. Sowie eine persönliche Karte Gaga Nielsens. Denn vorabends hatte ich von einem meiner Verlage eine Nachricht erhalte, die mich komplett hilflos machte, auf die zu reagieren ich deshalb den Schlaf einer ganzen Nacht und das Gespräch mit einem anderen Verlag brauchte, wo mir geraten wurde; ebenso fragte ich bei meiner Lektorin, die überhaupt zu informieren ich allerdings zögerte, weil ich sie nicht belasten wollte.
Kurz: grauenhafte Verkaufszahlen. DIE DSCHUNGEL dagegen wächst und wächst, deutlich nehmen die Zugriffe wieder zu, haben noch nicht ganz, aber nähern sich ihm wieder, die außerordentlichen Zugriffszahlen, die ich aus twoday-Zeiten gewohnt war. Wie, frage ich mich, ist beides zu erklären? Alleine damit, daß für “reale” Bücher Geld ausgegeben werden muß? Vielleicht. Doch was kostet ein Gyros beim Griechen, ja ein Kinobesuch? Um von den astronomischen Summen zu schweigen, die für den Besuch eines einzigen Pop-Konzertes ausgegeben werden, ein-, manchmal zweihundert, ja dreihundert Euro, für ärmere Leute bis zu einem Drittel ihres Monatssalärs.
Wie auch immer, ich war, um’s im ekligen Neudeutsch zu sagen, down. Dabei hatte ich gerade wieder den richtigen Ton für → das vorletzte Béartgedicht gefunden, kam mit der Nabokovreihe weiter, und insgesamt zu meinen Gedichten schrieb mir die wunderbare Daniela Danz ein paar noch wunderbarere Zeilen, über deren unterliegende Botschaft sich’s freilich meditieren läßt:

Frauengedichte sind es sowieso nicht, das muss man sagen … Aber wer hätte das erwartet. Zum Beispiel dieses schöne schöne “Kokelndes Kind..” aus “Der Engel Ordnungen”, das ja nicht von einem Kind, sondern von einem Mann handelt und von dem für mich Erstaunlichen, das mit einem Jungen passiert, dass er all diese ihm zugetrauten Dinge tut, wohl nur, weil jemand sie ihm zutraut und er sie sich dann zutraut. Und dann gibt es diese Drehungen und Spiegelungen in den Gedichten, die so eine einfache, liedhafte Oberfläche haben und dann wie ein ganzes Spiegelkabinett sind, physikalische Gebilde quasi wie die “Ballade aus der Zukunft”. Die 2018er Bände sind dann schon wirklich ein wenig entrückt vom Wettrennen, aber das hat Dir ja schon immer gut gestanden, ein alter Mann zu sein, weshalb Du es jetzt vermutlich so wenig wie damals bist. Und auch die Unzeitgemäßheit ist darin noch stärker.

Über “das Wettrennen” muß ich nachdenken und drüber, daß es mir um so eins gar nicht geht, ich auch nicht weiß, was es eigentlich meint. Ebenso die Unzeitgemäßheit. Was denn soll ihr Gegenstück, “Zeitgemäßheit”, sein? Zu schreiben, wie es ‘in’ ist? Es gibt eine innere Logik der poetischen Geschehen, die nicht den breiten Rhein meint, auch nicht den Mississippi — und alles wälzt sich ins versumpfende Delta?
Das von Daniela Danz speziell gemeinte, sehr kurze Gedicht setze ich hier noch einmal für Sie hin:

KOKELNDES KIND AUF DER KIESTERRASSE

Im Nieseln hockt er konzentriert
den kleinen Rücken gewölbt
und brennt die Welt an

Ein kleiner Gott
probiert an ihren Mächten Gegenmacht:
was ein Mann ist unter dem Himmel

 

Ich muß ihr unbedingt zurückschreiben. Zuerst aber war auf das Verlagsschreiben zu reagieren:

Deine Nachricht macht mich in mehrfacher Hinsicht hilflos und mir – was Du gewiß nicht beabsichtigt hast – ein starkes Schuldgefühl, mit dem ich nicht wirklich umzugehen weiß. Die Zahlen freilich sind niederschmetternd – doch auch deshalb, weil ich so etwas vorausgeahnt und Dir ja auch mehrmals gesagt hatte, wie schwierig mein Stand im deutschen, bzw. deutschsprachigen Literaturbetrieb ist und lange schon war: daß ich ihm durchweg eine persona non grata bin. Selbst das Traumschiff (…) ging letztlich daran unter. (…) Auch hier war es so, daß sich die Feuilletons – bis auf wenige – weigerten, das Buch überhaupt wahrzunehmen. Und wo dann doch Kritiken erschienen, in nicht mehr als drei Zeitungen, erschienen sie sowohl (…) viel zu spät als auch vor allem zu weit voneinander jeweils entfernt, um eine Wirkung zu entfalten. 
Das war nicht zufällig so, sondern hatte Methode. (….) Die poetische Kraft in meinen Büchern ging den auf einen banalen “Realismus” gebügelten Literaturbetrieblern, die anderes nur bei Autorinnen und Autoren des Auslands erlauben, von Anfang an gegen den Strich.
(…) Als ich anfing zu schreiben, beherrschte die Linke den Betrieb, und ich schoß gegen sie, ebenso wie ich’s gegen rechts tat. Sehr früh, geprägt von Adorno, griff ich den Pop an, nannte ihn später “die Ästhetik des Kapitalismus”, wies seine Banalität nach, den Verlust an Formen usw., und überdies lehnte ich – und tue es noch – die hochkapitalistischen Panem-et-circensis-Shows des Fußballs entschieden, ganz entschieden ab, schon weil es seinen Grund hat, daß es so Widerliches wie Hooligans gibt (von denen, nach Spielen hier im Schmeling-Stadion, लक्ष्मी tätlich angegriffen wurde, mehrfach, was dazu führte, daß sie zu solchen Zeiten das Haus nicht mehr verließ) . 
Was nun, Fußball wie Pop, einer ganzen Generation zur quasi Ersatzheimat wurde, weil es nicht mit der Hitlervergangenheit belastet war, klagte ich der Affirmation und des Formverrats an – nicht anders, als es Nabokov lebenslang mit dem Kommunismus getan hat. (…) Das wurde und wird mir nicht verziehen; ich bin ein Nostalgie-Nestbeschmutzer.
Es ist egal, (…) ob jemand gut schreibt oder gar bedeutend; ein Autor, oder eine Autorin soll sich, wenn sie oder er aus Deutschland stammt, dem Mainstream unterstellen. Unterdessen bin ich noch verschärft zur persona non grata geworden, weil ich die Gender-Ideologie nicht mitmache, sondern für nicht nur falsch, sondern schwer verlogen halte: Sie existiert alleine aus Gründen des Machtinteresses und eines diktatatorischen Willens (zur) Deutungshoheit (…).
Es ging aber schon früher los, wegen meines (…) vitalistischen und zugleich erhöhenden Verhältnisses zur Sexualität, meiner Ablehnung der ideologischen Monogamie (der meine Ablehnung des Monotheismus entspricht); kurz wegen meiner als unzulässig empfundenen Darstellungsfreiheiten erotischer Vorgänge, die ich eben nicht moralisiere. Schon bei Erscheinen meines ersten Romans, 1983, weigerten sich sämtliche bayerischen Buchhandlungen (das Buch erschien bei List in München), mein Buch öffentlich auszulegen – weil ich auf der ersten Textseite eine Szene aus Tinto Brass’ 1979 herausgekommenem Spielfilm “Caligula” (mit Peter O’Toole) nacherzähle, die mit der – gezeigten – Kastration einer der Figuren endet – eine Szene, die mir, nachdem ich den Film sah, entsetzlich nachgegangen ist und verarbeitet werden mußte. Seither stand auch in den Kritiken folgender Bücher immer wieder der Hinweis auf meine in sexueller Hinsicht Amoral – was den Gipfel erst fünfundzwanzig Jahre später erklomm, als “Meere” erschienen war und der Prozeß um das Buch lief. Da verlor ich sogar meine Verlage und brauchte fünf Jahre, um zurück auf die Beine zu kraxeln. In denen aber ich DIE DSCHUNGEL gründete, quasi aus Notwehr, um nicht stummgemacht zu bleiben. Die Wut darüber, daß man mich nicht wegbekam, einfach nicht töten konnte, nicht einmal erwürgen, wo man mich doch am liebsten mit dem Beil zerhackt hätte, muß grenzenlos gewesen sein – zumal ich mir jetzt noch, eben mit der Netzpräsenz, viele der wenigen, die noch auf meiner Seite standen, ebenfalls zu Gegnern machte (etwa Gerd-Peter Eigner und Paulus Böhmer), weil ich angeblich “die Literatur verriet”.
Es folgte die Phase, in der, was immer ich poetisch unternahm, verschwiegen wurde. Es brauchte über zehn Jahre, nämlich bis zum Traumschiff, bis wieder über irgendeines meiner Bücher eine Kritik in einer überregionalen Zeitung erschien. Nur einige wenige Getreue ließen sich zu ihnen noch ein, entweder aber im Netz-selbst oder im Rundfunk. Im klassischen Feuilleton niemand.
Die Buchhandlungen sperrten sich weiter und sperren sich noch. Als skandalös gilt, daß ich gehypte Achteltalente wie Juli Zeh öffentlich so auch nenne, nämlich Achteltalente – was aber noch euphemistisch ist. Du kannst Dir sicher sein, daß die Buchhandlungen auch Thomas Pynchon nicht führten, wäre er nicht US-Amerikaner, schon gar nicht nach Gravity’s Rainbow, worin u.a. die Liebesgeschichte eines jüdischen Jungen zu einem NS-Offizier geschildert wird, dem sich der Bub dann auch noch freiwillig zum Opfer darbringt. Ein Vertreter (…), der meine Bücher nicht unterbrachte, erzählte, die Buchhändler hätten “sowas wie Angst vor Herbst”. Du kannst Dir denken, wie sie da bereit sein werden, eines meiner Bücher ihrer Kundschaft auch noch zu empfehlen.
Ich bin kein Einzelfall. Es gibt noch andere, vielleicht nicht viele, aber doch einige, die nicht vorkommen sollen. Der grandiose Kieler Romancier Christopher Ecker etwa, aber auch bei Böhmer war es über Jahrzehnte so. Wie in Deutschland und wohl auch in Österreich mit nichtkonformen Künstlerinnen und Künstlern umgegangen wird, läßt sich am Beispiel Hans-Jürgen Syberbergs besonders deutlich zeigen, dem es nicht einmal half, längst eine internationale Größe zu sein. Man kickte ihn schlichtweg raus, nachdem in seinem Hitlerfilm eine Wandtafel gezeigt wurde, auf der auf der einen Seite die Klarnamen korrupter Künstler und Kritiker standen, u.a. Bernhard Wickis, und auf der anderen zum Beispiel, als nichtkorrumpierbar, Helmut Käutner.
Ich glaube also an (die) These von dem zu hohen Buchpreis nicht. Vor der Währungsreform, also der Einführung des Euros, wurden Buchpreise mit 10 Pfennig pro Seite kalkuliert; nach der Währungsreform entsprach das 5 Cent pro Seite – womit wir bei 30 Euro pro 600 Seiten absolut korrekt liegen — aber wohlgemerkt nach dem Stand von vor 2000; da ist keineswegs die Inflationsrate und also die Kostenerhöhung nahezu sämtlicher Lebens- und Konsumbereiche mit eingerechnet. Demzufolge sind wir sogar zu billig.
Allenfalls wäre zu überlegen gewesen – oder könnte nach wie vor überlegt werden -, ob man nicht einen besonderen Preis für die Kundinnen und Kundin nimmt, die beide Bücher zugleich kaufen, sozusagen einen Paketpreis, sagen wir: 49,80. Das könnte sich rechnen, aus preispsychologischen Gründen. Hilft aber über das Grundproblem nicht hinweg.
Wie stark der Widerstand gar nicht so sehr, wahrscheinlich, gegen meine Ästhetik, vielmehr gegen mich als Person ist, zeigt der Umstand, daß wir (…) weder in Wien (…) noch in Berlin (…) einen Präsentationsort bekommen haben. 
(…)
Ich weiß keinen Ausweg. Eine geringe Hoffnung bleibt, daß sich die Angelegenheit nach meinem Tod dreht, wenn ich den Betrieb nicht mehr stören, sondern man mich – “Ich hab es ja immer gewußt!” – fröhlich vereinnahmen kann. Dann allerdings käme auch DIE DSCHUNGEL ins Rampenlicht, und darin stehen zu viele Namen, und zu viele Betriebshudeleien sind offenbart, die dann in die Literaturgeschichten eingingen. Also, nein, auch nach meinem Tod wird sich vermutlich nichts ändern. Der einzige Ausweg, den ich noch sehe, ist der übers Ausland – wenn es Übersetzungen gäbe, die dort Aufmerksamkeit erregten (…).
Also was soll ich Dir jetzt sagen, erwidern, wie kann ich mich entschuldigen? Und wie halten wir es in Zukunft (…)
(…)

Ich bin (…) ein nicht durchsetzbarer Autor, und zwar, mag sein, ein, wie Du mehrfach sagtest, “internationaler ohne Übersetzungskosten”, halt aber auch ohne Internationalität. Und gänzlich ohne Lobby.
(…)

Ich habe, Geliebte, den Brief dort gekürzt, wo er für die Öffentlichkeit zu sehr ins Private geht und/oder noch einmal illustrierend zu sehr ausholt. Es gibt ja weit mehr zu erzählen, und aber jedes weitere Detail erhöht meine Verzweiflung. Ein Satz meiner Mutter echot im Ohr: “Finde dich ab!” Was ich aber so wenig vermag, daß gestern abend, als ich mit meiner nahsten Freundin sprach, sie vor Hilflosigkeit zu weinen begann und das Gespräch abbrechen mußte. So daß ich, meinerseits nur noch niedergedrückter, dachte: Ich muß den Kontakt zu allen mir Lieben meinerseits, und zwar insgesamt, abbrechen, darf nicht mehr mit ihnen sprechen, weil sich meine Situation auf sie, sie schwer belastend, überträgt — weil Depressionen tatsächlich ansteckend sind. Eine andere, aber nicht unähnlich, Form von Corona. Möglichst immer einen Mundschutz tragen, nicht um mich selbst, sondern um meine Liebsten zu schützen. Sich komplett zurückziehen und kommunizieren alleine noch über DIE DSCHUNGEL. Fast kommt mir Corona nun wie ein Spiegel nach draußen meines Inneren vor. Einsamkeit als nunmehr status quo.
Aber das ist privatistisch. Allerdings Briefe einzustellen, sie zu dokumentieren, wie hier jetzt getan (was mir verübelt werden wird, auch von Freunden, wie ich weiß), bedeutet, mir nicht auch noch meine Wehrfähigkeit nehmen zu lassen, eben nicht einzuknicken, sondern zu bezeugen und zu zeigen — nicht zu klagen, sondern anzuklagen. Und zu beharren, auf einer Poetik zu beharren, die da ist, auch wenn man sie nicht will. Bedeutet weiterhin, Haltung zu zeigen, anstelle daß man sich beugt. Solange ich so etwas tue, resigniere ich nicht, egal wie groß die Depression ist. Denn diese ist allein persönlich, nicht aber der Kampf um Ästhetik. Denn der ist allgemein.

So ist meine Stimmung heute vormittag wieder besser, auch wenn ich gestern abend noch ein Gedicht schrieb, das etwas anderes aussagt. Gegen Mittag wohl werde ich’s, ein nur kleines, ziemlich simples Ding, hier einstellen. Und auffällig, als ich gestern die ersten Pfingstrosen kaufte, die derart schnell aufgingen, daß eine von ihnen jetzt schon verblüht ist — auffällig also die fast durchgehende Freundlichkeit der Menschen, auch und gerade von Verkäuferinnen, in den Zeiten der Corona.

 

Ihr ANH

P.S.:
Was ich abends noch dachte? Daß mir besonders verübelt wird, wie gerne ich lebe, wie gerne gelebt jedenfalls habe. Während ich jetzt immer wieder spüre, es sei vorbei. Daß ich zu leben gefeiert habe, es mir ein Bedürfnis in meiner Literatur war und eigentlich immer noch ist (nur daß ich derzeit den Ton kaum mehr finde). Vielleicht ging den Menschen diese Art Optimismus auf den Keks, diese Begeisterung, die immer auch Begeisterungsfähigkeit war. Die unentwegte Kraft von Hoffnung, die ich hatte, seltsam durchwirkt vom Trotz — diesem meinem nach wie vor DENNOCH! Die Hitze, die mich trieb und trug. Und meine unbändige Lust an der Bildung. Sie wurde mir nicht geschenkt, ganz sicher nicht vom Elternhaus, das eher gedrückt und verbissen war. Ich wollte sie einfach, nahm sie mir —  heraus. Nein, nicht ohne das Unrecht zu sehen, im Gegenteil. Ich sah es sehr scharf und zeigte es auch; doch mein Grundton ist immer Begeisterung gewesen, nicht Skepsis. Schon damit stand ich völlig quer in der Welt, die sich am mea culpa rieb und, wie ich schon sehr früh formulierte, einem “negativen Selbstheroismus”, der vor allem deshalb ekelhaft war, weil er feige ist, im allerinnersten feige. Und deshalb tief korrupt.

“Wenigstens”, sagte die weinende, mir so sehr vertraute Freundin, “kannst du dich im Spiegel ansehen, ohne dich schämen zu müssen.” Was ich da in mir dachte, verschwieg ich ihr besser, sie war schon viel zu erschöpft: “Das können die anderen auch. Da sie wahrscheinlich gar nichts merken.”

[Giuseppe Sinopoli, Lou-Salomé-Suite No 1]

KOGNITION UND WÜRDE. Oliver Jungen in der FAZ über Wanderer und Wölfinnen, Erzählungen I & II.

  1. Februar 2020, FAZ S. 10. Und mit meinem geliebten Max Ernst als “Aufmacher”-Bild — das vielleicht schönste Geschenk dieser Rezension:

 

 

Von heideggerhafter Seinsschwere ist hier nämlich nichts, kein Ding und keine Erinnerung. Obwohl die atmosphärischen und dystopischen Szenerien es oft vergessen lassen, befinden wir uns durchweg im Dschungel des Virtuellen. So nah waren sich Literatur und die Autopoeisis des Internets selten. Herbsts Poetologie läßt sich wohl am ehesten als bildgebendes Verfahren beschreiben, als Versuch, Innerlichkeit in faßliche Formen zu übersetzen, wobei er an den Realsubstraten, “dem sogenannten Plot”, darüber hinaus nicht weiter interessiert ist: “Alle Kunst ist Form; die ‘Botschaft’ untersteht ihr.” (…)
Auftragsbuch, idisches Visionserlebnis, erotischer Fiebertraum? (…) Viele der Erzählungen machen sich überhaupt für das Zwitterhafte stark, auch in moralischer Hinsicht. (…) Die Tiraden gegen die politische Korrektheit hätte ein Freigeist wie Alban Nikolai Herbst kaum nötig gehabt. Ansonsten aber sind seine kompromißlosen, sich immer wieder radikal selbst den Boden entziehenden Erzählungen, die nicht zuletzt Klangkompositionen darstellen (…), eine wertvolle, kämpferische Bereicherung der Gegenwartsliteratur (…), die sich (…) gegen jenen rührend naiven Neorealismus, der nur noch Fakten und “Fakes” zu kennen scheint, mit Phantasie zur Wehr zu setzen hat.
Oliver Jungen

 

 

→ Bestellen

(Daß Jungen das “Kämpferische” herausstellt, empfinde ich als einen ganz besonderen, ja, Ritterschlag für diese meine Poetik.)

Ach, o ach, das Kritikerelend! DSCHUNGELBLÄTTER I, Ventôse 1985 ff

 

DSCHUNGELBLÄTTER 1985 – 1989,
Nr. I/1,
Ventôse (Februar/März) 1985

 

Doch nicht nur die Satiriker, nein, vor allem die Kritiker haben es schwer — wobei einzuräumen ist, daß diese sich von jenen nur dadurch unterscheiden, daß diese Jenen es noch zotiger meinen als jene Diese, – will sagen: Sie warten auf den literarischen Erlöser, der sie, vermutlich ein reiner Tor, von der Literatur und ihrem diagonallesenden Tagesjoch befreien soll sowie von der geistigen Raum- und Zeitnot, den das tägliche Unterhaltungsgeschäft in Form von Feuilletons zu produzieren sich genötigt fühlt, um rezensierelnd wie je weiterleben zu können. Der schlegelsche, geschweige benjaminsche Kunstbegriff wirkt hier ja vergleichsweise obszön. So überbrücken die Statthalter des deutschen guten Geschmacks – eine contradictio in adiecto – ihre salzlose Leere mit der Erinnerung an die Bücher, die sie verstanden. Meist ist es unvordenklich lange her, daß sie sie lasen; nun sind sie sämtlichst kleine Gurnemanze, die Klingsor des Kastratentums zeihen, weil sie ihm und Syberberg die Blumenmädchen neiden. Ihnen scheint er noch zu können, denn er hat ihnen den Griffelhalter weggenommen, die Feder, aus der die Tinte fließt, um ein Werk zu gebären. Und wenn’s der ihren (wie geschehen) einer wagte, aus der Hab-Acht-Stellung zu hoppeln, in der er seine Kollegen beläßt — und also nicht länger mehr wartet, sondern selbst Belletristisches schreibt, so ist dies erstens entsprechend, und zweitens fällt umgehend die gesamt Meute über ihn her. Die sei flüchtig, zur allerdings peinlichen Ehre eines Mannes gesagt, der, wie Nettelbeck schreibt, weder lesen noch schreiben kann.
Also sie warten, unsere Freunde, und sie wissen, worauf sie warten, denn niemand kennt so gut wie sie den Geruch der poetischen Erlösungsspur. Sie geben seit einigen Jahren sogar zu, es könne sich um eine Erlöserin handeln — ja, jede Frau, deren berechtigter Ausbruchsversuch sie zur unberechtigten Annahme nötigt, jener müsse sich in Literatur niederschlagen – wobei er sie meist niederschlägt –, kommt ihnen gelegen. Möglichst kurze Gedichtchen sollen es sein, denn man muß sie schließlich durchlesen können. Haben sie das getan und, was für die Gedichte in keinem Fall spricht, sie auch verstanden, dann wird nicht lange gesäumt, gewisse Rosen zu überreichen, die freilich schnelle welken. Vorher jedoch stoßen sie das geile, weil hilflose Jauchzen abgealterter Männer aus, schreiben einen langen bunten Artikel – fantastisches “Die”, interessantes “Das”, tiefsinniges “Der” – und vergessen ihn sofort, weil der Markt es so braucht. Der Gedanke jedoch, Godot könne der mögliche Erlöser sein oder ein solcher sei schon längst erschienen, man habe ihn nur en passant verbrannt (denn man verstand ihn nicht oder zu gut) — dieser Gedanke kommt ihnen nicht und darf auch nicht kommen. Denn wäre er, der Erlöser, erschienen, man hätte ihn schließlich gemacht; in guter Kritiker schafft wenn schon nicht Literatur, so doch Literaten. Alle sind sie kleine belletristische Richelieus.
Natürlich, der Erlöser war immer schon da, und es gehört zu seinem Wesen, morgen vergessen zu sein, damit Platz werde für den nächsten, der dann der eigentliche ist, dem der eigentlich Eigentliche folgt. All die Eigentlichen wird wie seit je der Mangel an literarischer Reflektion auszeichnen müssen und die Bereitschaft, Leser und Kritiker – vor allem Kritiker freilich, den für diese wird er schreiben – in großer Seelenruhe projezieren zu lassen. Wagt nämlich ein Autor zu erklären, weshalb er etwas so und nicht anders schrieb – und tut er es gar explizit, womöglich als Bedingung der Konstruktion –, dann schreien die Rezensenten auf — verdächtig laut, als fühlten sie sich ertappt. Die Klügeren schweigen. Die Trennung von Belletristik und Wissenschaft soll unter allen Umständen aufrecht erhalten bleiben, sonst könnte ja niemand mehr sagen, jene eröffne mehr als diese (nämlich das, was der Leser, vor allem aber der Rezensent vorher schon wußte), und es gerieten die letzten Normen in eben die Gefahr, in der sie schon schweben, wovon man aber des guten Tons wegen schweigt. Den Wissenschaftlern, namentlich Philosophen, mußte das diskreditierte Verfahren leider zugestanden werden. Umso gefährdeter  ist die poetologische Bastion. Beginnt ein Schöngeist zu denken, und zwar diskursiv – was seine Aufgabe nicht sein kann, denn er soll, wie zu zeigen sein wird, ‘unterhalten’ –, müßten die Kritiker womöglich sich wehren. Vielleicht – was weit gefährlicher ist – machte das belletristische Denken noch Schule, und das breite Publikum folgte. Wer würde dann noch Feuilletons lesen?
Aber nur keine Angst! Das breite Publikum besteht ja aus den Rezensenten; zudem hat der Zeitgeist seine Gefühligkeit entdeckt und lamentiert seit langem in schlechten friedschen Versen. Die Frage nach dem “Bauch” ist längst so gegenwärtig, daß kaum noch gefragt werden kann, wer sie denn frage. — 

Die Kampfansage
D s c h u n g e l  l o s!
Das erste Editorial, Ventôse 1985

[Siehe hierzu auch dort.]

 

 

DSCHUNGELBLÄTTER 1985 – 1989,
Nr. I/1,
Ventôse (Februar/März) 1985

 

 

 

Sie lag darnieder, die Satire, einige kurze Jährchen lang, – nun platzte sie auf zu neuer nicht roter, aber rötlicher Blüte: die Zeit – dies mindestens sei den neuen Mächtigen zugestanden, deren Odium ist, eigentlich wie das der alten zu sein; jene nannten das Parfüm nur anders —, diese Zeit also reibt den als solchen deklarierten Brüdern Tucholskys, freilich anders als diesem, die runden, meist gut gefüllten Bäuche, und nicht nur Lerryn atmet auf: Es ist doch schön, zwar in der Opposition, aber wieder vereint zu sein. Und ließen sich die Kameraden Lambsdorff, Geißler & Co. nicht bereits von andren prächtig bezahlen, unsere Satiriker würden schon arg in die Tasche greifen müssen (CDU–Regierungs–Erhaltungs–Fonds), um nur jenen Zustand wiederherzustellen, der ihnen allen bis 69 Brot und Obdach und Anhänger gab. Nirgends nämlich läßt es sich für den kritischen Feuilletonisten und Künstler so gut aushalten wie in der schlechtest regierten Welt mit dem Regenschirm der nicht ganz so schlechtesten Verfassung überm Kopf — aber doch wissen sie nicht recht, ob diese nun ist fish or meat. Welch ein Schlag war’s für die undogmatischen Freunde, das Berufsverbot, von dem nur DKPisten noch sprechen – und ausnahmsweise haben sie recht –, ausgerechnet von ihren Sympathisanten serviert bekommen zu haben. Aber nein, das war marginal, denn nun geht’s wieder aufwärts; die Bonner Wende machte mit der Arbeitsbeschaffung für Satiriker Ernst. Jetzt darf man sich getrost öffentlich mit den Genossen wieder duzen (privat tat man es eh). Werden die Zeiten schlecht, atmet die künstlerische Linke auf. Die öffentlich favorisierte Nabelbeschau der Literaturschickeria kippt in den politischen sentiment alternativer Gemüter, und nur der dünnblütige Grübler· – wie eine personifizierte literarische Bulle den Charakter bezeichnet –, Handke etwa, kann noch ernstgenommen werden. Und weil den niemand ernstnimmt, braucht keiner mehr zu differenzieren, denn die Zeiten, in denen das kleinere vom mittleren und dieses vom größeren Übel unterschieden werden mußte, die sind gottlob vorbei. Nun schlagen den kritischen Publizisten freudige Giftbläschen aus unterm Gaumen.

Ausgerechnet in einem solchen Augenblick satirischer Hochkonjunktur unternimmt es der Herausgeber, ein Blättchen zu kreieren, das nicht nur nicht nur satirisch, sondern auch ohne Bilder ist, also auf den bei weitem größten Teil der bundesdeutschen nicht Leser, aber doch Käufer verzichtet, – zudem sich noch dem Anzeigenmarkt, dem freien, sozialen, verweigert, weil er der zwar ehrenvollen, doch sicher anachronistischen Ansicht frönt, es sei ein Hochseilakt ohne Seil, zugleich die Werbung der Volksverdummung zu zeihen und sie trotzdem abzudrucken – unterm kaufmännischen Verweis auf gewisse Notwendigkeiten, etwa das freisoziale Netz, über welchem die Gedankenartisten ihre zynische Witzhoppserei ja schon deshalb nicht vorführen können, weil, wie gesagt, das Seil fehlt und sie also längst hinein- und hereingefallen sind – ins Netz nämlich und auf das System. Gleichwohl sind sie wendig, die Genossen, und die Kameraden raffiniert, wenn ihnen die Not das Säckel füllt. Sie schreien sehr moralisch, machen sich gleichzeitig lustig und ihren Zuhörern Freude. Der Rezipient genießt’s und geht befriedet nach Haus, der Kavalier schweigt – nämlich Wolfgang Hildesheimer. So legt sich über den Zustand Entspannung. Was ist, soll zwar nicht sein, aber man kann es goutieren. Von List der Geschichte bei allem kein Wort; zwar haßt man den Zustand, mit dem man paktiert, doch gilt es, konstruktiv zu sein: Man sucht Ausgleich, – und nur aus Pietät werden, wenn überhaupt, die Lustbarkeiten gemieden, die das abgelehnte, gleichwohl – unterm Gesichtspunkt der käuflichen Kunst – notwendige. deshalb auch akzeptierte und, wenn die Genossen ehrlich sind, auch ganz akzeptable, vielleicht sogar gute, es könnte sein treffliche, weil treffbare System von Zeit zu Zeit veranstalten muß. (Wobei es ein Diktat ist des Stils, die CDU des weiteren nicht zu erwähnen.)
Hier nun mögen die DSCHUNGELBLÄTTER ein wenig krude wirken: kein Hochglanz, sehr einfache Broschur, viel Inhalt und noch dazu überteuert. Kein Zweifel, Auflage und Chancen sind gering, denn es wird kritische Nestbeschmutzung betrieben. Das manus manum lavat beherrscht wie den Markt so die Literatur, die jenen geradezu signifikant signiert. ln den DSCHUNGELn weiß man’s und gibt es auch zu: Die Rede von Ästhetik ist Mystifikation. Hahn gilt gleichviel wie Roth (woran etwas ist), Roth gleichviel wie Weiss. Weiss wie Eco, der wie Ende usf. in gediegener Sublimation der Äquivalenz: Der Autor, aber vor allem die Autorin sollten gut vögeln können, dann sind ihm und ihr lebhafte Rezensionen sicher.
Nicht aber, der Herausgeber dieser Blätter hätte sich bislang dem Vorgang völlig verweigert; zwar hat er sich einige Male – und ist den Kollegen unangenehm aufgefallen dabei – aufzulehnen versucht, allein, es zog ihn denn auch um der Ästhetik willen in die contrainte par corps der Kulturindustrie, wo er zwar selbstbewußt kurbettierte, aber damit doch die Hohe Schule genoß. Nun bleibt ihm wie seinen Mitarbeitern wenig andres, als nach Lust und Willkür aus jener zu plaudern.

Der dies schreibt, ist – wird unserer aller Titanic gefolgt, namentlich dem dort nicht aus Gründen der Ehre, sondern des autoritären Charakters „Professor“ genannten Kähler – ein “stadtbekannter Sonderling, der nicht nur Schwierigkeiten hat, sein eigenes Leben auf die Reihe zu kriegen“, sondern auch das aller anderen, weil er’s nämlich erstens nicht vorhat und zweitens es weder für Perlen noch Perlzwiebeln hält. Denn macht sich einer im Auge des andren zum Affen, so darum oft, weil grüne Kontaktlinsen mitnichten Rot sehen lassen oder doch nur in sehr metaphorischem Sinn.
Es ist schon ein Jammer, Tanszendenz und Immanenz verwechseln sich leicht. Zudem möchte unsere wie jede andere Zeit auf historische Kompromisse drängen, wenn nicht gar auf „globale“. Der Herausgeber hingegen bleibt stur beim konservativen NEIN, anstatt zum Papagei zu werden, der den Esel äfft. Erschüttert nun mußte er feststellen – zumal Adorno aus historischen wie persönlichen Motiven nicht mehr zur Gelegenheit finden konnte, sich beim Kollegen Kähler für dessen Vertraulichkeiten zu bedanken (zudem er auch unter geweihten Professoren mehr Schüler hat, als er sich erinnern würde) –, – mußte der Herausgeber also feststellen, daß um ihn herum zwar keine Wahrheit, umso mehr aber Klarheit in den Köpfen seiner Mitmenschen herrscht (in ihren Herzen geht beides, aber nur physiologisch), so daß er – und hart erarbeitet ist’s – sowohl die als auch nahe an der Verwirrung baute. Demzufolge leistet er hier wie in seinen anderen Publikationen auf einen herzeigbaren Sinn Verzicht, ist also keiner von denen, die mit ausgestrecktem Zeigefinger Da!Da! rufen und die Gehaltsabrechnung meinen. Es hat ja nicht nur Apel mit den Normen seine Not; doch sieht er das Problem schon recht, wenn er sich um die Grundlagendiskussion der Satire nicht drücken mag. Wie soll diese denn selbstbewußt leben, kann sie sich nicht – freilich nur negativ, weil’s erstens modern ist, und zweitens findet man hier stets einen sicheren rhetorischen Boden (das zumindest hat sie mit den DSCHUNGELn gemein, anders als diese mag sie aber die Frage nicht stellen) – auf irgendeinen wahren Wert, einen Warenwert oder das Dingsbums des Lebens beziehen? In den DSCHUNGELn hingegen trennt sich das Bums schnell vom Dings; insofern findet Literatur hier nicht statt. Und es ist eine Frage des „Es“, das „s“ noch zu kappen, um dem Leben unter die Soutane zu greifen, die sich modisch „Ökologie“ nennen läßt und also bereits im Begriff sich auf die rechte Seite des Kalküls geschlagen hat.
Weil nun Purismus sich allemal auf Normen bettet, die ihrerseits mehr Kumpanei finden, als zuträglich ist und deren späteste und stets verspätete Manifestation die Dudengrammatik schreibt, werden sich die DSCHUNGELBLÄTTER weniger puristisch denn elitär benehmen, – das ist noch ein KampfWort, wenn Kohl Haydn und Heino liebt und die Linke Biermann und Bots, vermutlich wegen des Stabreims. So wird hier sicher des öfteren die Meinung kund, die Natur – ob nun eine erste, zweite oder Ente — sei ein Greuel. Sterben die Bäume, macht dem Herausgeber das wenig Bedenken, und zwar aus kaltem Grund: Wer hinauszieht aufs Land, das es als Land nicht mehr gibt (man tut halt nur so), und sich zudem Sitting Bulls Portrait an die Rigipswände nagelt, denn neue Marterpfähle braucht das Land, ist unglaubwürdiger als ein Teilnehmer der Camel Tours. Der Herausgeber läßt lieber die Wüste wachsen und überprüft seine Naturneigung dann. Nur die Zweideutigkeit der gemäßigten Klima– und Geisteszonen setzt sich die Maske auf und singt „eiapopeia, was wackelt im Stroh?“ – derweil sie gleichzeitig denkt: “‘s ist das liebe Gänschen, das schlachten wir heut’“: Die Dschungel wächst, weh dem, der Dschungel birgt, – welch eine herrliche Ödnis also, welche Vielfalt der Gestalten. polymorph pervers, wenngleich –und weil! – das indische Wort ursprünglich die lichten Wälder meinte. Licht freilich ist, physikalisch gesehen, ambivalent: soviel zur Wahrheit.
Nein, die Vernunft wird nicht gefangen wie ein Zickzack laufender Hase, will sagen: Wer gefühliges Salz verstreut, verstreut zwar nicht seine Leser, aber die Wahrheit. Vergessen wurde. daß die Aufklärung ausgeträumt hat, und nur darum fällt sie in das zurück, woraus Marat, Babeuf und anfangs Robespierre sie herauszuschrauben hofften: ins für Reflektionsbemühungen tabuisierte Gefühl, das heutzutage – „Du, ich mag dich, du ...« – fröhliche Urständ’ feiert, ein Teil der bewegten Frauen immer munter voran.
Es ist zum Verzweifeln, und wer verzweifeln nicht mag, genießt es zynisch oder spottet verzweifelt: Das Selbstbewußtsein kann sich nicht fassen noch leiden. Da ist’s nur konsequent. wenn die Mensch–du–ich–find’–dich–echt–gut–du–Verfassung auch humoreske Humoreskisten, und zwar, wenn auch verschwiegenerweise, seit je, bei der Hand nimmt, damit Beethoven und Kleist in bedenkenloser Leichtigkeit zum Kumpel von nebenan stilisiert werden können, weil ja. daß Küsse und Bisse sich oft blutig bedingen, zuviel über den Zustand verrät. So geht die Satire Hand in Hand mit der empirischen Wissenschaft, die das Werk zum Produkt reduziert, einem gewissermaßen pawlowschen Reflex der Kultur.

Schlechtes Elternhaus
+ Narzißmusproblem
+ historisch/soziologisches Umfeld
= Neunte Sinfonie (abzügl. Skonto: Tátata–tá)

Zur Marschmusik der Bots nebst Ringelpiez mit Anfassen und einigen Friedenstauben ist’s dann, weil sowieso alles gleich ist, nicht mehr sehr weit. Die bewußten Tierchen kann man, wenn sie grau sind, übrigens nicht ausstehn, weil sie mit ihrer Kacke alles versauen: Vorsicht!, Mendel schlägt zu und schleppt ja nicht von ungefähr nationales Erbgut mit. Wie weiland gestalten sich Demonstrationen als Fackelzüge oder kippen doch in Volksfeste. Widerstand wird Nötigung und Stammheim zur Pension, in der die aus der DDR herüber– wie sehr wahrscheinlich auch heruntergekommene Schriftstellerin Julika Oldenburg gerne 15 Jahre absitzen würde. Anstatt ihrem Wunsch zu entsprechen – denn nicht darum, daß sie in Bautzen saß, geht es, sondern daß sie fröhlich den Teufel mit dem ßeelzebuben austreiben will, so daß die juristischen Extremisten aufheulen dürfen –, anstatt sie also, und sei’s nur studienhalber, endlich dort auch hinzuschicken, druckt die Presse es ab. Gleichzeitig affirmieren die protestierenden Linken, so sie nicht vom Opern– sondern Operettenbetrieb abhängig sind, den Todesschlag gegen die Kunst mit Rock–Pop–Gedudel. Unterm Stampfen der Rhythmen – funktional dem bayerischen Humptata verwandt – wird wienerisch klassische und klassisch wienerische Nekrophilie betrieben, zu Protestsongs in harmonischem Gefüge das Tanzbein geschüttelt und der Kopf nur, sofern er nicht denkt, – was bei dem Lärmen auch völlig unmöglich ist. Weil das Wahre also nicht und nicht gut ist und das Gute nicht und nicht wahr, soll füglich das Schöne zwar nicht nicht, mindestens aber gehörschädigend sein. Und weil in all dem Krawall und der Abart des Schunkelns, dem gemeinsamen Händeklatschen, überhaupt keiner mehr klarsieht, wirft sich die ganze marode Truppe auf das Gefühl und feiert ebendas Nabelsausen, das sie – literarisch – zu verabscheuen vorgibt oder zumindest vorgegeben hat.„Sauber“ bleibt nur die Satire – oder scheint es zu bleiben, denn die Situation läßt vermuten, es hätten all die Spötter heimlich selber die Wende gewählt. DIE DSCHUNGEL hingegen sind schmutzig, doch geben sie’s zu und lassen deshalb die Blätter fallen, die ihre Leser in jeder Hinsicht ent|täuschen werden müssen. Der Rücksicht, auch der auf „sich selbst“, bleibt ohnehin nichts, als sich zwischen den Zeilen zu verkriechen und auf bessere Leser zu hoffen.

Nun bringt der Weih die dunkle Nacht,
Und Mang, die Fledermaus erwacht.
Der Stall birgt alles Herdentier,
Denn bis zum Morgen herrschen wir!

Die Stunde stolzer Kraft hebt an
Für Prankenhieb und scharfen Zahn.
Jagdheil! und kühn gehetzt, gerafft:
Das Dschungelrecht ist jetzt in Kraft!

Kipling, Nachtgesang in der Dschungel

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