Vor Aqaba, 4: Abendessen im Zeitlabyrinth ff. Das Krebstagebuch des 25. Julis 2020 (Catania.Zwischenwelt, ff | Die Brüste der Béart, 57).

 

 

Schein her-, Schöpfrin, -nieder …

 

 

 

 

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Béart 56 <<<<

Vor Aqaba, 3: Catania.Zwischenwelt. Das Krebstagebuch des 24. Julis 2020, nämlich sechsundachtzigsten Krebstages. Darinnen Die Brüste der Béart, 56.

[صحراء النفود, Anderswelt.
Via vittorio emanuele, 460. 6.40 Uhr]

Es ist doch mehr Nefud unter dem Vulkan, als der erste, ja noch zweite Tag ahnen ließen, die beide, wie ich spürte, auch für Lilly glückselig waren. Sie ließ mich da völlig in Ruhe, und wie flanierten, genossen, atmeten die Luft des Meeres, die süß war und voll eines Salzes, das sich beim Zubettgehen von der eigenen Haut lecken ließ. Es war auch nicht sie, Liligeia, die nächstmorgens protestierte, sondern eine Folge der Chemos, Strahlenfolge der Nefud, was nicht einiges, aber doch manches kippen ließ. Denn nach der ziemlich anstrengenden Tour die Hänge La Timpas hinauf und hinab und abermals hinauf, als ich da am Mittwoch erwachte (war es der Mittwoch?), konnte ich kaum auftreten, schon gar nicht zügig gehen. Beide Füße voller Blasen, deren eine so aussah:

Von der deutlichen Schwellung will ich gar nicht erst schreiben, die bis jetzt nicht zurückgegangen ist, Also setzte die Neuropathie meinen gerade hier enormen Bewegungsdrang radikal auf Null. Ich geb ihm dennoch nach, aber es geht nur in gepolsterten Flipflops. Die ich mir erst besorgen mußte. Mein seit Jahren, Unfug: Jahrzehnten bewährtes Schuhwerk nützt mir nichts mehr. Und nun, meiner Lust zu flanieren derart beraubt, sie jedenfalls deutlich, ich schreibe einmal, unter Beschuß genommen, fing auch Liligeia wieder an, sich deutlich, sehr deutlich zu melden. Zudem verging mir komplett die Lust zu schreiben, weil in meiner ansonsten nahezu idealen Unterkunft (nur daß man von hier aus das Meer nicht sieht) auch der Internetzugang schwierig wurde, teils gar nicht ging, so daß ich schon gar nicht Fotos hätte hochladen können, bzw. das alleine schon, mit einiger Geduld, aber nicht sie im Netz collagieren, was eh immer viel Zeit braucht.
Gegen Unlust und Schmerz anzugehen, ist mir selbst auf Sizilien nicht leicht, das mir ansonsten aber sehr, sehr gut tut, jedenfalls tat, die Hitze, das Zerlaufen im Schweiß, die Düfte, der Fischmarkt. Nein, ich bin froh, hier zu sein, teils durchaus glücklich, dann aber schlägt die genervte Krebsin wieder zu, die doch eigentlich auch nur genießen, sich entspannen, Kräfte sammeln für Aqaba wollte.
Wenn es anstrengend ist, Schritt vor Schritt zu setzen, wird plötzlich auch Luft zu holen schwer, einfach weil … nun jà, “einfach” … weil der Tumorschmerz aufs Atemzentrum drückt. Als ich noch gehen, ja ausschreiten konnte, war davon nichts zu merken. Da war die Zwischenwelt das pure, pure Glück:

Ich wollte nächsten Tages wieder hin, allein, wie erzählt, es ging nicht mehr, ich wäre wie auf Messern gelaufen (laufe wie auf Messern). Doch Lilly eben nicht selbst trägt die Schuld, sondern die Neuropathie, die mich nicht hat merken lassen, daß ich die Füße überanstrengte; tatsächlich, bis zum späten Abend, spürte ich keinerlei Beeinträchtigung, war nach der Tour lediglich auf, ich schreib mal, “rechtschaffne” Weise erledigt, lag dann auch schon um halb zehn Uhr abends im Bett – und erwachte nächstmorgens mit diesen Läsionen. Was bedeutet, daß ich wohl auch heute wieder vorwiegend sitzen, mir einen Ort am Wasser suchen und zu schreiben versuchen werde … allerdings am letzten der → Béartgedichtes, da wirklich fertig werden muß, bevor ich am 3. ins Krankenhaus wechsle.
Doch seit der Beeinträchtigung ist nicht nur die Lust dahin, Catania in die Nefud zu betten, um beide miteinander so zu verwirken wie Lilly und mich, ja überhaupt zu erzählen, sondern auch die Leidenschaft, die die Béarts trägt. Ich finde nicht den Ton, bin zu dunkel, möchte sagen: zu grämlich, die Klage hat die Überhand (Gendercorrectness, neue, konsense “Moral” usw.), wo gejubelt werden, begeistert angerufen werden müßte. Das klingt dann so, womit ich gar nicht zufrieden bin:

(…)
fließt Du mir mit dem Leben aus,

das ich am Meer noch habe und unter dem Vulkan,
wohin, zum Feuerend’, ich kam, vielleicht,
dem Wellengang zu lauschen und Blicke auszutauschen,
die nicht mehr ganz erlaubt sind – nichts,
was sich noch niederreißen ließe, außer, Béart, mit selbst
und meiner unpompejisch, allein pragmatisch
ohne der Sturm, ohn’ Erregungslust verschütteten Welt,
die ohne Schutt doch sei, ohn’ Frage und Zweifel,
ein Nein ist ein Nein, unverbindlich das fiat der Ih-aas:
ein jeder Mensch Esel, der zustimmt und faßt
nichts mehr an, das zurückschlagen könnte und wartet –
voraussetzt, daß wir es nehmen, und höhnt uns im stillen,
wenn wir’s nicht wagen,
da es auf Kraft nimmer ankommt,
seit wir die Gene auf Nachfrage mischen.

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Béart 55 <<<<

Gut (das heißt nicht gut): Ausflüge entfallen. Ich werde mir einen Ort zu suchen, nur zu sitzen, zu denken und, wenn es geht, zu schreiben — was aber, Freundin, nicht bedeutet, daß ich nicht doch noch eine feine Erzählung aus dem Zeitlabyrinth hinbekommen werde; wahrscheinlich nur nicht mehr hier in Catania direkt. Es würde auch zuviel Zeitaufwand kosten, denn übermorgen bereits flieg ich schon wieder zurück. Da mag ich meine letzten zwei hiesigen Tage nicht im Zimmer verbringen unter Ausschluß sozusagen der Welt. Ich bin ja doch, trotz allem, sehr sehr gerne hier, gehöre hier, spüre ich wieder, quasi hin — und die Tumorschmerzen – abgesehen von den komplett zerblasten Fußsohlen, die wohl eher nicht –hätte ich in Berlin genauso.

Ihr ANH,
der jetzt die Tage bis zur OP zu zählen anfangen kann: Tag 12 vor der Enteinigung.

P.S.:
Sehr froh aber, selbstverständlich, bin ich darüber.

“Mir steht ein Meer vor Augen”: Aus der Nefud ins Labyrinth der Zeit, nämlich “Vor Aqaba”, 1. Am Sonntag, den 19. Juli 2020.

[Arbeitswohnung.Anderswelt: حراء النفود    | 8.06 Uhr. 75,5 kg.
Sibelius, Zweite Sinfonie (Berglund)]

Er ist, der riesige Bogen über dem Einritt, nicht weiblich, sondern – ohne das Samt der glans penis – männlich-hart, ja eckig erstarrt wie das auf Äquivalenzform geglättete Bauhaus unserer architektonischen postfaschistischen Ära, die mir dieses ungute Gefühl schürt, wenn ich durch die sanierten Straßen Berlins flaniere: sogenannte Klarheit der Oberfläche mit verschwindendem Geheimen, Geheimnis als transparentem Verschwinden, Durchschaubarkeit als Fetisch des homo calculans, verstecklos selbst für die Vögel; Flur”bereinigung” als Ideal durchmarschierbarer Viertel, wogegen Berlin sich, ach meine tapfer Stadt, immer noch sperrt. Doch Corona machte den Widerstand der Guten, mit leider guten Gründen, still. Deshalb erschrak ich denn doch ein wenig, als ich Röhrerich vorsichtig dem Bogen nähertrieb, der es, Bogen, eben nicht war, vielmehr, und zwar ausgesprochen, an japanische Tori erinnerte, deren Kasagi nicht von ungefähr an das 軍刀 erinnert, was ich hier viel weniger deshalb schreibe, um an → mein Hörstück zu Japan zu erinnern, als weil dies im übertragenen Sinn für das Skalpell des Chirurgen steht, das Lilly und mich nach der Durchquerung des Zeitlabyrinthes in Aqaba unweigerlich erwarten wird. Sogar der Termin steht ja nun fest, 4. August, und es haben sich nun schon Freundinnen und Freunde angemeldet, die zwar auf anderem Wege dort hinreisen werden, als ich es tat, aber halt vor Ort sein wollen, wenn ich wieder erwache. Da, erklärte mir Faisal, auch hierzulande Corona leider einer Rolle spiele, sei immer nur eine Besucherin, ein Besucher auf einmal erlaubt. So telefonieren die mir Nahen nun miteinander und teilen sich Besuchszeiten zu, während ich mich dem Tor weiter nähere, vorsichtig, sehr vorsichtig. aber Röhrerich ist beruhigend ruhig und läßt sich auch vom Meeresrauschen nicht irritieren, das, wie ich vermeine, durch den Bogen zu uns herweht. Und ich rieche Thymian, rieche Lorbeer, rieche Lavendel, rieche Myrte – ach mein Herz geht, Heimat, auf. “In aller Regel”, hat mir die Durimeh gesagt, “gelangen die sich hindurchtrauen an ihre Sehnsuchtsorte. Doch seien Sie vorsichtig: Sehnsucht und Schrecken sind bisweilen dasselbe. Sehnsuchtsorte Schreckensorte – oder der Sehnsuchtsort kann, nicht unähnlich einem Höllentrip im Drogenrausch, von einer Sekunde auf die andere in den Horror umkippen — wie jede  Heimat eben selbst.” “Wahlheimaten auch.”
Ich erinnerte mich an eine nun über dreißig Jahre zurückliegende Nacht bei Ribera, wo ich, weil die Eisenbahnstrecke unterbrochen war, auf einer brachliegenden Hausbaustelle am Straßenrand. Und diese Nacht, in der schneeweiß oder, wie ich irgendwann spürte, leichenblaß der Vollmond lichthell fror, zu einer wachster Albträume wurde. Ich hörte sogar die Werwölfe unter dem achtelsfertigen Balkon herumstreifen, auf den ich meinen Schlafsack gebreitet hatte. Nein, an Schlaf war nicht zu denken, weil eben nur zu denken gewesen. Kein Auge tat ich zu. Andererseits kennten, so weiter Durimeh, die Zeitlabyrinthe der Nefud nicht ihre Strahlungen — was bedeutet, daß sich, so lange ich darin verweile, die Zytostatica allmählich ausschwemmen werden, die während und nach der Operation eben nicht mehr wirken dürfen, also aus dem Körper spätestens in Aqaba hinaussein müssen. Und aber: – daß es mein Sizilien zu sein scheint, das sich hinter dem Tor mir öffnet! Ach und wo sonst sollte ich das letzte der Béartgedichte fertigschreiben können als eben dort? Und ob ich Catania wiedersehen werde, um Austern auf dem grandiosen Fischmarkt dort zu essen und Seeigelhälften auszulöffeln? Sollte das Zeitlabyrinth solche Erholung bedeuten?

Und noch ein paar Trampelschritte meines Rihs näher
an das Tor. Seltsam, daß das Tier grad gar nicht schaukelt,
mehr Wüstenkorvette denn eine Kogge.

Andererseits kann ich nicht vorhersagen, wie sich → Liligeia verhalten wird. Sie meldet sich jetzt ziemlich nachdrücklich immer wieder: zwei Tage habe ich Ruhe, dann geht der Tumorschmerz wieder los, währt einen halben, in ungünstigem Fall sogar einen ganzen Tag, den weder Novamin noch Cagliostros THC-Präparat mir erleichtert, klingt dann unmerklich ab, und ich habe wieder Ruhe. Leicht übel ist mir ohnedies nur immer direkt nach dem Aufwachen. Wobei ich derzeit extrem viel Schlaf brauche, die für mich höchst ungewöhnlichen sieben bis acht Stunden sind momentan gewöhnlich geworden. Etwas nervig ist nach wie vor die (leichte) Neuropathie, weniger in den Fingerspitzen, dort scheint sie sich zurückzubilden, als in den nun bereits morgens schon, beim Aufwachen, geschwollenen Füßen. Keine Frage eine Strahlungsfolge, von der ich nur hoffen kann, daß sie sich mit der Zeit wieder verliert. Eine Sicherheit dafür gibt es allerdings nicht. Nun gut, erst einmal wird eh → die Große Enteinigung zu überleben sein, die meiner Lillys Protest offenbar so provoziert. Doch könnte da nicht auch die Nähe des Meeres mildernd wirken? Und vor allem, denke ich, werden ihr die Nereïden zurufen, ihre indirekten Schwestern also; das wird sie vielleicht ablenken. Und es mag Sirenen geben, denen ich als Opfer ebenfalls schmeckte, so daß sie zu meiner Krebsin in für sie bislang unversehene Konkurrenz treten; und Lilli ist, so ahne ich, höchst eifersüchtig. Vielleicht aber hat sie sogar Freude an dem, sag ich incorrecterweise mal, Stutenkampf, da sie eben weiß, wie wenig ich als Opfer tauge. Da könnte sie sehen wollen, wie die Schwestern damit umgehn – mit also einem Mann, der weder Frauen mißachtet, gar erniedrigt, sie im Gegenteil wertschätzt und nicht wenige verehrt, noch sein eigenes Geschlecht erniedrigen läßt, schon gar als ein “Sozialkonstrukt“. An dieser zutiefst kapitalistischen Pest sterbe ich jedenfalls nicht. Lieber doch an Liligeia, und eben mit ihr, insgesamt vereint. Woran mich letztlich einzig stört, daß es meine Lieben dann mit der Auflösung der Arbeitswohnung zu tun bekommen werden, eine Zumutung, die ich nicht einmal mir Egalen aufbürden wollte. Aber vielleicht gelingt es ihnen, meinen Nachlaß zu verkaufen, an Marbach etwa, und so für das Schlimmste professionelle Entrümpler finanzieren zu können.

Nur noch zehn Meter. Oder zwanzig? Das Tor wird
immer größer, ich muß schon den Kopf
in den Nacken legen.

 

Sinnbetörend rauscht das Meer heraus.

 

Fasse, Dichter, Dir |Dein’s Herbstes immer noch junges Hochsommerherz.

Schnalzen: “Vorwärts, einfach vorwärts, Rih.”
Nein, ich seh nach den Reisefreunden mich nicht um.
Noch einen Schritt, nur noch einen. Das Tor ist nun Hunderte Meter hoch, und vor mir, ist man hindurch, geht es an der Lavaküste Hunderte Meter hinab. Für Dromedare ist dies kein Land: “Leg dich, mein Rih.”
Nochmaliges Schnalzen, “‘k-‘k-‘k”, leichter Druck mit den Fersen unterhalb des Sattels, und Röhrerich knickt erst die Vorderbeine ein, der Hinterleib senkt sich hernach, und als das Tier am Boden ruht, rutsche ich seitlich aus dem Sattel hinab, klopfe dem treuen Gefährten ein letztes Mal kosend den Hals. Die Freunde werden ihn finden und zu den anderen Kamelen führen. Ich indessen strecke mich, entschließe mich

und bin,

nun endlich,

hindurch:

 

 

 

 

 

ANH

“Noch einmal, eh mein Herze bricht”: ANH an Liligeia, elfter Brief. Donnerstag, den achtundsiebzigsten Krebstag 2020.

 


[Arbeitswohnung/Nefud
16. Juli 2020,, 7.20 Uhr. 73.5 kg.

Malipiero, Cellokonzert]

Ich weiß,

ach meine Lilly,

nicht, was Dich bewogen hat, so sehr in mir zu wüten, daß ich vorgestern und vorvorgestern quasi bewegungslos verharren mußte, jeweils ein paar Stunden auf dem Lager, und des verehrt-geliebten Henri Heines Matratzengruft fiel mir da ein:

Und ist man tot, so muß man lang
Im Grabe liegen; ich bin bang,
Ja, ich bin bang, das Auferstehen
Wird nicht so schnell von Statten gehen.

Noch einmal, eh mein Lebenslicht
Erlöschet, eh mein Herze bricht –
Noch einmal möcht ich vor dem Sterben
Um Frauenhuld beseligt werben.

Heine, Matratzengruft: → Der Abgekühlte

Und das, wie wirklich Dich beschreibend, ist mir ohnedies dauernd gewärtig:

Sie küsste mich lahm, sie küsste mich krank,
Sie küsste mir blind die Augen;
Das Mark aus meinem Rückgrad trank
Ihr Mund mit wildem Saugen.

Heine, → Es hatte mein Haupt die schwarze Frau

Nicht einmal das Novamin wirkte, jedenfalls brauchte es Stunden, um diesen quer überm Sonnengeflecht stehenden Schmerz wenigstens zu beruhigen; völlig gelang es erst in der Nacht mit zusätzlichen THC-Gaben und obendrauf noch einer, damit ich durchschlief, Zolpidem. Eine für mich völlig neue Massierung von Medikamenten.
Also sag mir, was es war, das Dich so wütend machte. Schier von Sinnen bissest Du herum und bohrtest Deine Spaltbeinspitzen ins Organ. Ist es das Gespräch mit Professor Heise gewesen sowie meine Entscheidung für das Sana-Klinikum und daß nun Aqaba derart konkret wird, sogar schon das genaue Datum festgelegt zu haben? Oder daß ich die OP ein Fest nenne, zumal unserer → “Enteinigung”! Aber wie liegen da beide im Risiko, ich nehm mich gar nicht aus. Immerhin das könntest Du doch achten, indem Du Dich mir milde zeigst. Und daß seit gestern morgen der Schmerz vorüber, beinah völlig, auch wenn ich “sicherheitshalber” alles noch mit weitrem Novamin gedämpft habe, — liegt dies daran, daß Du Dich ausgetobt hattest und einfach nur derart erschöpft warst, von Dir selber, daß ich tatsächlich wenigstens das eine → Auge lasern lassen konnte (das rechte)? Beim linken sah die junge Augenchirurgin keinen Handlungsbedarf. Tatsächlich war der meine Sicht trübende und sowohl Arbeit wie Lektüre deshalb zunehmend behindernde Milchschleier rechts sehr viel stärker. Nun  ist er dort völlig weg, ich sehe wieder messerscharf – nur aber eben rechts ist die vermilchte Irritation noch da. Um zwölf bin ich zur Nachuntersuchung bei der Augenärztin, dann werde ich’s ansprechen und will eben auch drauf beharren, daß der im übrigen wirklich nur kleine und kaum fünf Minuten währende Eingriff auch rechts noch durchgeführt werden wird. Zumal es überhaupt keine Probleme wegen der Nefud gab, weder ihretwegen noch wegen des Clopodigrels, das eine Woche vor der Großen Enteinigung aber abgesetzt und durch Heparin ersetzt werden muß. Und wenn Du mich nicht wieder quälst, ist alles – und aber mit welchem Erfolg! – im Nu zum besten.
Wir werden sehen.
Oder haben Dir, als Du tobtest, die Zytostatica gefehlt? Nein, ich meine das nicht zynisch. Es war doch immer so, daß Du gegen Ende einer Chemophase böse sozusagen auflebtest, bis die neuen Infusionen Dich wieder, ich schreibe mal, gelassener machten, und es wäre Zeit für die fünfte Chemo gewesen oder dem Einritt in der Nefud fünften Kreis der erlösenden, bzw. zur Erlösung führenden, sie zumindest in Aussicht stellenden Hölle. Irgendetwas war es jedenfalls, Dich derart häßlich zu machen, daß ich ganz auf meine Liebe vergaß und  nur dachte: Ach, wär sie endlich fort!
Doch kann’s eben sein, daß wir beide in enger Umschlingung unsere Enteinigung nicht überleben werden. Ich bin mir des Risikos völlig bewußt. Und wie gerne wäre ich also noch mal ans Meer gefahren, mare nostrum aber — nur daß mir meine Contessa gestern absagen mußte. Meine Entscheidung fiel einfach zu spät, auch wenn sie früher fallen nicht konnte, weil die ärztlichen Ergebnisse abzuwarten waren. Ach, und ich hatte dabei einen derart günstigen Flug gefunden, hätte nur gleich buchen müssen. Was ich eben nicht konnte. Ich  möge bitte nicht böse sein … Bin ich auch nicht, nicht im geringsten. Traurig aber ist es schon. — Ah, war es das? Erwisch ich Dich bei einer (ich weiß, Du wirst es nicht gern hören) … — Menschlichkeit? Du hattest wohl wie ich selbst die Absage vorhergeahnt, als ich tags zuvor mit der Contessa telefonierte und ihrem Tonfall entnahm, daß es mit dem Besuch auf der Insel nichts mehr werden würde. Da stelltest Du Deine Angriffe ein. Ist doch zumindest auffällig, dieser Gleichzeitigkeit. Dachtest Du: Nun ist er wirklich genug gestraft? Oder ließest Du von Deinem quälenden Toben, damit ich von der Traurigkeit nicht abgelenkt würde, sondern sie auch zur Gänze durchlebe? Das wär dann Infamität noch auf den Schmerz oben drauf.
Ah, das gefällt Dir? Wir küssen uns, wir schlagen uns. Gemeinsam ist uns immerhin das, aus tiefster Seele, beide, incorrect zu sein.

Klar, ich habe nach Alternativen geschaut, Neapel, Catania, Palermo. Doch die Flüge sind teuer geworden dort hin, zumal ich dann auch noch die Unterkünfte zahlen müßte. So viel Geld ist nicht da; auch sollten die Kosten im Verhältnis stehen. Zu zelten hingegen, die kostengünstige und mir ohnedies nahe Alternative, scheint mir derzeit nicht angebracht zu sein. Und ich muß Risiken abwägen, coronahalber, nicht weil ich furchtsam wäre oder glaubte, eine Infektion nicht durchstehen zu können, sondern weil dergleichen den OP-Termin unserer, Lilly, Enteinigung gefährden würde. Besser also, ich folge die verbleibenden ja nur noch achtzehn Tage den Zeitlabyrinthen, → von denen Marah Durimeh erzählt hat, und suche mir darinnen mein Meer. Oder ich finde spontan einen Restplatz im Flieger, am besten einen Tag vor dem Flug – die für dreivier Tage Abwesenheit gepackte Tasche kann ja gepackt schon bereitstehn. Ich denke nicht einmal, daß Faisal mich im Labyrinth, das doch eben der Zeit ist, vermissen, ja mein, ich sag mal, Fehlen überhaupt bemerken würde – schon weil ich Schlaf-, bzw. Traumzeiten nutzen könnte. Und falls es denn doch nichts werden sollte, es ist ja alles ziemlich knapp und wegen Corona auch nicht unkompliziert, fahr ich vielleicht zumindest an einen der Berlin-mecklenburgschen Seen, und unterhalte mich mit Najaden, deren Eifersucht der Deinen bekanntlich nicht nachsteht; vielleicht, daß ich den Fokus Deiner Konzentration dann auf sie umlenken werde. Du wirst Dich dagegen kaum wehren können. Doch, wie auch immer, eines gib zu: Wenn wir nachts tatsächlich schlafen, an- und beieinander, ist es nicht auch für Dich dann erholsam? O Liligeia, kleine Erde, laß uns doch miteinander diese letzten Tage wenn schon nicht voller Liebe, so doch barmherzig verbringen. Ich jedenfalls habe auf Kampf nicht große Lust; heftig genug wird Aqaba werden.

A.

P.S.:
Es geht nicht darum zu gewinnen. Gewönnest nämlich Du, verlören wir beide; gewönne aber ich, verlörest Du allein. Bedenke dies.

Klarheit im August ODER Das Große Fest der Enteinigung. Im Tagebuch des fünfundsiebzigsten Krebstags 2020.

[Arbeitswohnung, 15.31 Uhr. 74,8 kg.
Malipiero, → Le sette canzoni]

Auch dies, nach Maxwell Davies, eine unvermutete Entdeckung., deren Klangwelten mich noch einige Zeit beschäftigen werden — Gian Francesco Malipieros und Alfredo Casellas, mit einem soeben, da ich nun seinen Orchesterliedern lausche, aufglühenden Mentalitätsakzent auf erstrem. Aber auch Malipieros höchst seltsam gezählten, durchweg recht kurz Sinfonien kann ich mich nicht entziehen, auch wenn ich ihre Verschiedenheiten noch nicht sofort mitfühlen, mitverstehen kann. Das aber eben sind die “Aufgaben”, wann immer wir es mit einer bislang fremden, doch spürbar vibrierenden, hier sogar nachdrücklich pochenden Musik zu tun bekommen. Selbstverständlich fangen wir dann nachzulesen an, machen uns auch über das Leben der Künstlerin, des Künstlers kundig und ärgern uns, wenn wir finden, es habe sich jemand zumindest unprotestierend mit Mussolini vielleicht nicht gerade handgemein gemacht, aber doch sich eingefügt. Malipieros Faszinosum wird für mich vor allem in der deutlichen Manier seiner Chromatik liegen, auf die ich in Kompositionen fast so direkt (“unmittelbar”) reagiere wie auf Chaconnes und Variationssätze.

Der Termin der großen Operation steht fest; mithin habe ich mich auch die für die Klinik entscheiden, nachdem ich heute früh um 9 das Beratungs- und Vorgespräch mit Professor Heise im Sana Klinikum hatte. लक्ष्मी radelte mit mir hin, saß dann auch dabei.
Im Prinzip entsprechen die Einschätzungen denen Prof. Biebls von der Charité, wobei Heise mit großem Schnitt arbeiten will und nicht ausschließlich minimal invasiv; allerdings keinem Schnitt als Brustöffnung, sondern dieses nur dann, wenn sich während der Operation zeigen sollte, daß meine Lilly nun doch höher in die Speiseröhre vorgedrungen ist, als es derzeit aussieht. Dann allerdings müßte direkt in die Rippentruhe gegriffen, sie also doch geöffnet werden.
Zu postoperativen Problemen könnte es vor allem an den Nähten kommen, die nach der Magenentfernung (Gastrektonomie) für die Verbindung von Speiseröhre und Darm sorgen; bisweilen bleiben sie nicht dicht, was, weil dann Säfte fehllaufen, schwer unangenehm sein soll. Das Problem sei zu beheben, bedürfe aber weiterer Eingriffe, auf die erstmal vier schwierige Tage folgten, weil man nicht schlucken in ihnen könne.
Dies nur zur warnenden Vorbereitung. Was mir wichtig ist und angenehm.

[ → Bildquelle (©]

Schon auf der Hinfahrt meldete sich Lilly leider deutlich; eine Erfahrung, die ich mit ihr während er Chemos nun schon mehrfach gemacht habe. Begebe ich schon morgens ohne irgendein Medikament hinaus und setze den Körper einer Anstrengung aus, beginnt die Tumorin zu rumorinnen; dann drückt der Schmerz aufs Atemzentrum, was am unangenehmsten ist. Mittlerweile weiß ich auch, in diesen Fällen helfen die Novamintropfen tatsächlich sehr gut und vergleichsweise schnell. Doch ich hatte keine bei mir, mußte bis zur Rückkehr warten und halt a bisserl die Zähne a bisserl zusammenkneifen.
Um etwas vor elf war ich dann zurück, nahm die Tropfen und hatte nun eine Stunde ruhender Wartezeit, die ich still auf meinem Lager verbrachte; für Musik tat der Bauch noch zu weg. Also vor sich hin dämmern, Lilly vielleicht ins Öhrchen Koseworte flüstern … — wenngleich … damit kann sie ja nun erst recht nichts anfangen (oder gibt das vor).

Jetzt war noch die Laser-OP meiner Augen anzugehen; den Termin im Mai, auf den ich über zwei Monate zu warten hatte, hatte ich wegen des Stagings absagen müssen. Aber ich hätte gerne vor der großen OP meine Sehkraft zurück, um gleich danach und eben noch in der Klinik, wieder gut arbeiten zu können und nicht so eingeschränkt wie jetzt zu sein, da ich immer wieder durch diesen Schleier dringen muß, der mir mehr und mehr vor den Augen liegt. Und war komplett überrascht, daß ich für bereits übermorgen einen Termin bekam … allerdings für nur ein Auge; mit der OP des anderen müsse hernach an die zwei Wochen gewartet werden. Was Unfug ist; ich habe meine künstlichen Linsen an zwei direkt aufeinanderfolgenden Tagen eingesetzt bekommen; weshalb sollte es so nicht auch bei der Behandlung dieses  → “Nachstars” gehalten werden? — Das müsse ich dann am Mittwoch direkt mit dem Arzt klären.

Es ist mir wichtig, weil ich so sehr gerne der Contessa Angebot annähme, noch vor der Großen Enteinigung, wie ich Liligeias OP von nun an nennen werde, für vierfünf Tage auf die Insel zu kommen. Um einfach nur ins Meer zu schauen, friedvoll mit den Nereïden, die in ungewissem Sinne Liligeias Schwestern sind, voll tödlicher Sirenenlust auch sie. Aber die kleine Reise birgt nun logistische Probleme, wenn Auge 2 nicht gleich nach 1 operiert werden kann. Doch sowieso werde ich am Mittwoch mit dem Arzt noch klären müssen, ob nicht überhaupt die in mir noch wirkenden Zytostatica das Lasern ausschließen. Und dann erst, mithin frühestens am Donnerstag, werde ich buchen können. Oder eben nicht.

Jetzt muß ich eben noch mal zur Augenärztin los: mit einen neuen Überweisungsschein ausstellen lassen, da der, den ich von ihr bekam, sagt man das? abgelaufen ist?

Gut, nun wissen Sie, Freundin, Bescheid.

Ihr ANH

Kreise der Chemie ODER Die verschlungenen Grenzen der Zeit: Aus der Nefud, Phase 4 (Tag 13).

 

 

 

[Arbeitswohnung/صحراء النفود
14.30 Uhr. 73,8 kg
Malipiero, Sinfonia No 4]

 

Da hat sie jetzt →  gut höhnen … Ich will das aber gar nicht kommentieren, sondern “einfach”, Freundin, erzählen, wie eindringlich die Durimeh uns warnte: – daß wir auf keinen Fall durchreiten dürften. – Noch gestern abend war sie auf einer blitzschwarzen, hochnervösen Araberstute in unser Lager geprescht, um mit Faisal eine ziemlich heftige Auseinandersetzung zu führen, von der ich aber nicht nur des arabischen Dialektes wegen wenig mitbekam, sondern weil ich diese klanglich schöne Sprache doch insgesamt nicht mal stümperhaft, also schon gar nicht be”herrsche” (“befrouwe”); und die beiden sprachen zu schnell, um den akustischen Übersetzer meines Ifönchens mitlaufen zu lassen. Worum es ging, erfuhr ich deshalb erst später, da hatte sich die Durimeh bereits zur Nacht zurückgezogen.
Vorausgegangen war der leider fälschlicherweise erleichternde Befund, es sei von Liligeia gar nichts mehr zu sehen; ich →schrieb es Ihnen vorgestern. “Sie können doch diesen Unfug nicht geglaubt haben!” so nehme ich an, daß es die Durimeh meinem Arztfreund vorgehalten hat. Ja, sie verstehe schon, daß man sich in unserer Situation auch an Strohhalme klammert, die verstopft sind – also daß womöglich ich es tue, so wie Patienten in innerer Not sogar zu Heilerinnen und andren Scharlatanen, die freilich ihre -Innen wie alle andren Sparten hätten, pilgerten, um sich Hoffnung zu holen und dann nach Strich und Faden ausgenommen zu werden; Todesgewinnlerinnen seien das, mit ihren Bachblüten und handauflegendem den-Krebs-aus-dem-Leib-ziehen. Nur daß ich mich in Not gar nicht fühle, schon gar nicht einer inneren, sondern nach wie vor zuversichtlich bin. Doch gebe ich zu, der irrende Befund der Radiologin hat mir ein Gefühl des Triumphes verschafft, das fast alle meine Freundinnen und Freunde teilten, die davon erfuhren. Nur लक्ष्मी ist von Anfang an skeptisch gewesen. Und wie sich gestern nacht herausstellte, war es eben sie, die Marah Durimeh informierte. Keine Ahnung, woher sie ihre Adresse hat. Als ich sie anrief und fragte, gab sie fast achselzuckend zur Antwort, ‘man kenne sich halt’. Und die Durimeh reagierte quasi sofort, warf der Stute nur eine Decke über, schwang sich selbst darauf und galoppierte also los.
Wir konnten Li dann alle gut erkennen. “Hier”, so Matthias Biebl, “diese dreieckige Fläche, das ist sie.” In ihrem Billet hat sie, Li also selbst, genau dorthin dieses fiese Emoji geklebt:

Wir saßen, लक्ष्मी und ich, im Besprechungszimmer des Virchowklinikums der Charité.
Ja, der Tumor sei kleiner geworden. Jetzt aber müßten wir eine dreiwöchige Pause einlegen, um die Zytostatica sich abbauen zu lassen, also, ganz wie es mir auch von anderen Seiten schon gesagt worden war, den Körper wieder zu entgiften. Was ich nicht verstanden hatte: “Dann kann sich die Krebsin doch wieder erholen und doch noch zu streuen anfangen …” — “Nein, eher nicht. Sehen Sie, die Chemo bleibt ungefähr vier/fünf Wochen lang im Körper, verliert sich dann erst. Operieren wir früher, gefährden wir den Heilungsprozeß, weil er genau das braucht, was die Zytostatica attackieren: schnell wachsende Zellen.”
Das nun war einsehbar. Wäre es nach Marah Durimeh gegangen, hätten wir die Nefud jetzt sogar ganz zu verlassen. Doch wie dann wieder nach Aqaba kommen? Zumal bei der jetzigen Grenzsituation, in der es zwar theoretisch möglich wäre, nach Ägypten hinüberzugelangen, um dort nach eine Tauchzentrum zu suchen und vor der OP ein paar unterseeische Exkursionen zu unternehmen. Mir ist doch das Rote Meer ein noch gänzlich neuer Tauchgrund. Aber wir müßten ein Boot nehmen, da der Weg über Eilat aus nahostpolitischen Gründen völlig unpassierbar ist. Zum anderen, ich erzähle es, glaube ich, schon, kann ich mir nicht vorstellen, daß mir Faisal die wieder nötige medizinische Tauchbefähigungsbescheinigung ausstellen würde, selbst wenn ich ihn anbettelte – was sich aus Gründen des Stolzes ohnedies verbietet. Also was tun? Drei Wochen Wüste ohne Wüste … oder Durch die abnehmende Wüste reiten …  (wie der Mond abnimmt) … — “Die Zeitgrenzen nutzen”, sagte Marah Durimeh. – “Zeitgrenze?” – “Es gibt nicht nur Mauern des Raums. Es gibt auch Labyrinthe aus Zeit. Ich kann Euch eines weisen. Haltet Euch darin auf, bis es soweit ist, daß Ihr weiterziehen könnt. Aber Ihr müßt genau achtgeben, wo Ihr dann jeweils seid. Verirrt Ihr Euch, gibt’s niemals wieder ein Hinaus. Aber Ihr könnt an ein Meer Eurer Wahl, Ihr könnt ins Gebirge, könnt sogar, wenn Euch danach ist, auf den Mond, auf den Jupiter. Selbst andere Planetensysteme stünden Euch offen. Entfernungen spielen in Zeitlabyrinthen keine Rolle, weil sie ja selbst aus nichts denn Zeit erschaffen sind. Genau darin verbirgt sich aber eben auch Gefahr: Bleibt Ihr zu lange drin, sind draußen tausend Jahre vergangen, doch für Euch selbst warn es vielleicht paar Wochen.”
Sie habe ihm, also die Durimeh, eine Karte aufgezeichnet, der wir morgen folgen sollten. Sie selbst, meine Akupunkturen wegen, werde einmal wöchentlich vorbeischauen; sie habe eine — ja, genauso drückte sie sich aus — “Dauerkarte” für das Labyrinth. Bei Zauberinnen ihrer Gilde sei das normal, ungefähr vergleichbar unseren Saisonkarten fürs Freibad. Sie seien, ihre Profession, auch nicht ungefähr so gefährdet wie wir. — Ein weiterer Vorteil seien die Zeitlabyrinthen eigenen Bioports zur jeweils (sie benutze das folgende Wort aber nur unter Vorbehalt) Realität; wenn wir uns heute beeilten, bestünde nahezu Gewißheit, daß ich morgen meinen Termin im Sana-Klinikum wahrnehmen könne, um mit Michael Heise, gegebenenfalls meinem dortigen Chirurgen, das Zweitgespräch wegen der Operation zu führen – noch ist ja nicht heraus, wo in Aqaba ich mich operieren lassen werde. Zwar, ich hab bei Googlemaps schon ein wenig geguckt, aber schwanke doch noch sehr. Wobei ich für Lis und meine Vereinigung eine Moschee höchst angebracht fände. Sexualität ist Religion, lebendig; ein Beischlaf Gottes-, präziser: Göttinnendienst, die Körper selbst sind Tempel:

Alleine so nun magst Du Göttin
von einem Gott den Sohn empfangen –
im Tempel, der, gebenedeit, Béart,
Dein Leib seit je uns – Amen – war.
Die Brüste der Béart, → XXVIII (Entwurf)

Vielleicht nicht Faisal, der zu patriarchal geprägt ist, aber Marah Durimeh versteht das; immerhin habe ich den Instinkt, daß Faisal es ahnt. Deshalb widersprach er nicht und akzeptiert, wie es aussieht, sogar das Zeitlabyrinth, das allerdings schon seinem Wüstenwesen nicht unvertraut sein dürfte:

Von glaubwürdigen Menschen wird erzählt (doch Allah weiß mehr), daß es in den frühesten Tagen einen König der Inseln von Babylon gab, der seine Baumeister und Magier um sich versammelte und ihnen auftrug, ein so verzwicktes und ausgetüfteltes Labyrinth zu bauen, daß die klügsten Menschen nicht wagen sollten hineinzugehen und die hineingehen würden, sich verirren sollten. Dieses Werk war ein Ärgernis, denn die Verwirrung und das Wunder sind GOtt vorbehaltene Handlungen, nicht aber den Menschen.
Als die Zeit verging, kam an seinem Hof ein König der Araber, und der König von Babylon (um der Einfalt des Gastes zu spotten) ließ ihn in das Labyrinth hineingehen, wo er erschreckt und verwirrt bis zum sinkenden Abend umherschweifte. Da erflehte er GOttes Beistand und fand die Türe. Von seinen Lippen fiel keine Klage, doch sagte er zu dem König von Babylon, in Arabien habe er ein anderes Labyrinth, und wenn GOttes Wille geschehe, wolle er ihn eines Tages damit bekannt machen. Dann kehrte er nach Arabien zurück, sammelte seine Hauptleute und Gemeindeobersten und verwüstete die Ländereien Babylons unter einem derart günstigen Stern, daß er ihre Festungen schleifte, ihre Leute aufrieb und selbigen König gefangennahm. Er schnallte ihn auf ein schnelles Kamel und brachte ihn in die Wüste. Sie ritten drei Tage, da sprach er zu ihm: “O König der Zeit und der Beständigkeit, du Inbegriff des Jahrhunderts! In Babylon wolltest du mich in einem Labyrinth aus Bronze verderben, mit vielen Treppen, Türen und Mauern; jetzt hat es dem Allmächtigen gefallen, daß ich dir meines zeige, wo keine Treppen zu ersteigen, keine Türen aufzustoßen, auch keine ermüdenden Gänge zu durchwandern sind und wo keine Mauern dir den Weg verlegen.”
Jorge Luis Borges, Die zwei Könige und die zwei Labyrinthe
(Dtsch. v. Karl August Horst)

So rasten wir denn heute, bevor wir in das andere, das Labyrinth der Zeit aufbrechen werden, das uns die verbleibenden drei Wochen aus- und bitte erfüllen möge, ohne daß ich etwa auf meine Abendspaziergänge und anderes mir Wichtiges verzichten muß, das mir guttut und Liligeia vielleicht ein wenig mildert. Der ich im übrigen → ihre Schadenfreude von ganzem Herzen gönne. Soll sie sie genießen. Sie täuscht nämlich ganz genau so, wie meine Lilly meinte, daß ich getäuscht worden sei. Tatsächlich haben die Zytostatica aber bewirkt, was sie bewirken sollten. Da kann mich ein ohnedies Wunder, weil es halt ausblieb, wirklich nicht enttäuschen.

Ihr ANH
[Malipiero, Drittes Klavierkonzert]

P.S.:
Höchst unklar allerdings wird der mir soeben vergegenwärtigte Umstand bleiben, daß sehr betonten Katholiken mein Ribbentrop höchst wichtig ist, und wie. So jedenfalls in José Garcías Artikel zu Yul Brunner → in der katholischen DIE TAGESPOST. Das versteigt sich bis in die Formulierung, das “postmoderne Pasticcio sei laut Herbst/von Ribbentrop nicht nur ein locker eingestreuter Scherz für Cineasten”.

(…) no sign of remaining pathology”: Krebstagebuch. Freitag, den 10. Juli 2020, am Morgen vor der, abends, Charité. Zweiundsiebzigster Krebstag, Chemo IV/Tag 10. Sowie zum Büchnerpreis für Elke Erb.

[Arbeitswohnung, 7.45 Uhr. 74 kg.
Alfredo Casella, Violinkonzert op. 48]

Diese Nachricht nachts, um 2.50 Uhr, von einer befreundeten Ärztin, die eine wiederum ihr befreundete Radiologin hinzuzog, indem sie ihr den Link auf das Iso-Image schickte, das ich von der CD der → Computertomographie des Mittwochs angefertigt und in meiner HidriveCloud archiviert habe:

I have seen the CT scans of dear Mr. Alban Nicolai Herbst. I saw no sign of remaining pathology. Stomach wall is very irregular, but there is no prominent thickening resembling cancer and no pathological lymph nodes apparent in the scan. There is a small pulmonary nodule in the apical segment of left lower lobe, it seems benign in origin but it must be carefully observed in the follow-up (size control is essential). PET/CT scan can be more useful in the follow-up. I could not see no other macroscopic pathology in the body parts scanned.

Schweigt, mußte ich mich unmittelbar fragen, Liligeia deshalb? Oder sind ihre Nachrichten nur unsichtbar — so wie jetzt sie selbst es offenbar ist? So sehr sich unter der Chemo geduckt … Und Faisal, gestern zu Abend in der Nefud, zitierte ausgerechnet Biermann: “Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.” Aber es regnet gerade zu stark (“junge und alte Hunde”, schrieb ich eben meiner Lektorin, “komplett wahllos durcheinander”), um die Wüstenbilder glaubhaft hervorzulocken; ich hänge besser den Trenchcoat heraus und wechsel den Anzug von hell auf cardingrau. Außerdem, Freundin, ich erzählte es, glaube ich schon, rasiere ich mich allmorgendlich strikt gegen den verlorenen Bartwuchs an; auch dies ein Gebot meiner Haltung. Wobei mir die Chemo einiges Haar nun doch gelassen hat; der Körper ist weiterhin, wenn auch leicht durchschüttert, befellt, ebenso sind noch die Augenbrauen zu erkennen. Übern Daumen gesprochen: Was sich bewährt hat, hält sich querköpfig fest, läßt nicht los. Indessen, was wegrasiert wurde, wächst nicht mehr nach. Vorerst. Bis die Zytostatica aus den Gefäßen wieder raus sind.

Und was, wenn Lilly — weg ist? Seltsam, es wäre, als ob mich was betröge. Ich bin jetzt so sehr in diesem Abenteuer drin und auch libidinös mit der Krebsin verwachsen, daß mir “ein Leben nach dem Krebs” geradezu entleert vorkäme … ein bißchen entleert, bene, lassen wir mal, Herr Schröder, die Merkel im Dorf. Und außerdem werde ich schnell etwas finden, um die vermeintliche Leere zu füllen. Doch Li soll irgendwie dabei sein. Auch wenn  sie wirklich fort ist. Wobei sich das erst in den kommenden fünf Jahren erwiese. Meine spezielle Tumorin länger als diese fünf zu überleben, gelingt bislang nur 20 Prozent ihrer Wirte.  Doch fünf Jahre sind fünf neue Bücher; ich könnte also selbst in diesem Fall noch einige mir wichtige Projekte zuende bringen.

Ah propos, das will ich auf keinen Fall vergessen: Der diesjährige Büchnerpreis geht an Elke Erb. Welch großartige Entscheidung! Hier stimmt nun einmal alles: Kunst, politisches Engagement und feinstes Können. Denken Sie dagegen mal an das horrende Mißverhältnis (und wohl auch -verständnis) des Büchnerpreises seinerzeit an Martin Mosebach. Ungünstiger konnte ein Pflugschar nicht wieder zum Schwert gemacht werden.
Ach, ich gönne es Elke Erb so sehr, die ich verehre, seit ich ihrer Dichtung zum ersten Mal begegnet bin – übrigens in ihrer Nachdichtung (aus dem Georgischen) des persischen Epos Wīs und Rāmīn. Die Dschungel gratuliert also aufs herzlichst hochachtungsvollste.

***

Da nun nicht mehr wir uns Aqaba nähern, sondern dieses selbst uns entgegen- gleichsam –galoppiert, muß ich zusehen, vor unserm Aufeinanderprall mit den → Béarts tatsächlich fertig zu sein, was für heute erstmal bedeutet: für die Lektorin alle noch nicht eingesprochenen Entwürfe, zehn sind es noch, aufzunehmen, zu schneiden und zu ihrer Verfügung in die Cloud hochzuladen. Damit werde ich wohl bis zum Abend zu tun haben, bzw. bis zum Aufbruch ins Virchow/Charité. Sollte ich früher fertig werden, setze ich mich weiter an die finale Béart-Nr. XXXIII. Bis spätestens Montag muß endlich auch sie lektoratsfertig sein. Also. Ein bißchen Ruhe meinem → Röhrerich, genannt voll Achtung Rih.

 

ANH

 

 

(Siehe auch → dort.)

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