Das Arbeits&Journal-vor-der-(Nach)OP — nämlich des Donnerstags, den 12. November 2020. Darin bereits einige Worte vorweg zu Marius Felix Langes Carmen von Bizet sowie zu Kjærstads Femina erecta.

Das habe ich mir gestern nicht nehmen lassen, nach den OP-Vorgesprächen im Sana, nun doch → noch einmal zu laufen, bevor ich nach der OP erneut in eine Warteschleife geschickt sein werde, die der junge Anästhesist ungefähr sechs Wochen dauern lassen würde, wobei die Klinik selbst zwei Monate empfehle, “doch was Sie privat tun, kann Ihnen ja niemand vorschreiben”. Und habe mir nicht nehmen lassen, zum ersten Mal wieder volle zehn Kilometer durchzulaufen, ohne vor den beiden letzten eine Gehrunde einzulegen; ich lief sogar ein wenig mehr, begab mich dann in die Gehrunde und, schon um nicht in der Streckenlänge zurückzufallen, lief noch einmal eine aber nur kleine Runde — was letztres 1,3 Kilometer und auf der runden Laufstrecke dieses Volksparks eigentlich “genau eine Runde” bedeutet . Meine “großen” Runden betragen deshalb ziemlich genau 2 Kilometer, weil ich eine ganze Menge Umwege, Umschlupfungen usw. mitlaufe, manchmal mitten auf eine Wiese um einen bestimmten Baum, dann ein Stück ganz anderen Weges und dieses wieder bis zu meinem eigentlichen Parcours zurück. Auf der Karte, die meine Laufapp stets mitzeichnet, können Sie’s, o Freundin, recht gut erkennen:

Wie auch immer, es war fast gar keine Anstrengung mehr, die Beine liefen wie von selbst, auch wenn meine Barfußlaufschuhe nun schon sehr heruntergerubbt sind, an den Seiten bereits aufreißen und spätestens zum Frühjahr hin ersetzt werden müssen. Leider. Ich hänge an solch treuen Gefährten.

Und nun aber — heute noch ein- und ebenfalls zum vorerst letzten Mal Sling- nämlich Muskeltraining — wieder pausieren mit dem Sport; das ist als OP-Begleitung wohl das eigentliche, sogar einzige Elend; alles andere wird sich auf einer Achtel Arschbacke aussitzen, bzw., im Sana, -liegen. Trotzdem ist’s selbstverständlich blöd. Heiter indes, daß es gestern, als des Krankenhauses Computer abstürzten, offenbar alle zugleich desjenigen Hauses, in dem ich wartend saß … – daß es da also hieß, nun könnten auch erstmal die Arztgespräche nicht geführt werden, denn man müsse sie ja dokumentieren. Woraufhin ich: “Na, dann dokumentieren sie halt erstmal auf Papier und übertragen das dann später in den Computer.” Die verständnislosen Blicke, Freundin, hätten Sie da sehen sollen! Papier? Welch eine Zumutung! So daß ich mir rein instinktiv ersparte, die Bemerkung nachzulegen, es hätte ja sonst vor vierzig Jahren Arztgespräche überhaupt nicht geben können. Doch so heiter blieb ich eben auch und blieben dann beim Laufen meine Beine. Nachdem ich schließlich geduscht hatte, war ich nicht einmal sonderlich erschöpft. Sondern setzte mich an den Entwurf meiner Kritik zu  Marius Felix Langes → famoser Carmen-Bearbeitung, auf die ich Sie → eingehend ja schon hingewiesen habe. Ob ich diese Rezension allerdings vor der OP noch fertig bekommen werde, steht in den Sternen, die wir halt nicht sehen am Tag.

[Arbeitswohnung, 7.55 Uhr
Bizet, Carmen]
Ich habe diese Oper nie gemocht, sie immer für einen Schmock gehalten; in mir zünden auch die angebliche zündenden Melodien nicht, ich empfinde sie als schweren, geradezu folkloristischen Kitsch — und die Aufführung der Pariser Bastille-Oper, in die ich schon gestern abend hineinhörte und die jetzt parallelläuft, bestätigt es mir. Dabei wird immer wieder gesagt, “Carmen” sei die Oper schlechthin. Find’ ich nicht. Doch bei Lange dreht sich alles, das Stück gewinnt an gewaltigem Ausdruck und wird im allerbesten Sinn – modern. Zum ersten Mal begreife ich, was Nietzsche meinte, als er in bewußtem polemischen Irrtum Bizets Stück über Wagner stellte, ja, nun, → einhundertzweiunddreißig Jahre später verhilft Lange dem Philosophen zu endgültigem Recht. Es ist wirklich frappierend. Wenn ich von den zwei großen Schlagern des Stücks absehe, der Habanera und dem Torerogegröhle, die beide “natürlich” dennoch nicht fehlen dürfen, ist jetzt die gesamte Faktur dieser Oper sowohl feinsinniger als auch raffinierter und vor allem – radikal.
Ah, nun schreibe ich doch schon zu dem Stück, muß mich beherrschen, nicht weiterzumachen, denn will ja die Kritik bei Faustkultur sehen, wo sie eine deutlich größere Reichweite haben wird als ihr Die Dschungel geben können.

Also laß ich’s hierbei erstmal bewenden und schließe auch das Arbeitsjournal. Für heute.

Nein, noch nicht ganz. Noch ein Wort zu Kjærstads FEMINA ERECTA, die ich im Krankenhaus sicherlich werde zuendelesen können. Es wird mich auch niemand besuchen, wie ich gestern hörte, und also kann mich keiner dabei stören, und keine.
Ich tu mich immer wieder schwer mit diesem Buch, zum ersten Mal bei diesem von mir doch so bewunderten Romancier. Nur einmal war es ähnlich, aber da lag es an der Übersetzung. Die ist es hier mit Sicherheit nicht. Sondern über weite Strecken wirkt das Buch referiert, nicht erzählt. Liegt es daran, daß Kjærstad ganz offenbar dem Zeitläuften folgen und eben, nach den großen Portraits seiner Männerfiguren, auch eines einer großen Frau schreiben wollte, die ihrerseits dafür kämpft, daß Frauen sich aufrichten (daher “erecta”) im und gegen das Patriarchat? Und nu’ merk ich die Absicht und bin verstimmt, weil der Bewunderte derart arg mit der Bananenseite nach den Affen wirft? Doch des Referierens ist einfach kein Ende, auch schon der Grundkonstruktion wegen, die ich schon anderweitig, da aber noch verheißungsvoll, angedeutet habe. Doch dann ward es richtiggehend elend, “altfränkisch”, wie Delf Schmidt immer sagte — Einschübe wie “haben wir uns dafür entschieden, an dieser Stelle einen Teil ihrer fiktionalisierten Geschichte einzufügen” (186) und “Zu dieser Zeit, möchten wir der Ordnung halber hinzufügen, war das Radio ein sehr beliebtes Medium” (261) sind leider leider Legion. Es geht schon ganz am Anfang, etwa auf der Seite 9, mit der für eine Erzählung extrem ungelenken Wendung “oder anders ausgedrückt” los und setzt sich in so dauernden Nachstellungen fort, daß es irgendwann nur noch nervt: “die sich mit Architektur auskannte zu einer Zeit”. Wieso wird das Prädikat vorgestellt? Auf diese Weise macht man aus möglichen poetischen Sätzen Module, das Satzteil wird zum Baustein, bzw. Container und also, ja, marktwirtschaftlich. Oder geht diesem Romandichter, weil er müde wird, die Gestaltungskraft verloren?
Und doch muß ich weiterlesen, denn immer wieder leuchtet unversehens der mir bekannte Kjærstad durch, gewinnt seine Größe zurück, erzählt dann wirklich — und erwischte mich nun ausgerechnet mit einer Liebeserklärung an den Pop. Mich! Nicht zu fassen. Das ist dann wirklich Kunst. (Daß er die auch von mir sehr geliebte Joni Mitchell zum Pop zählt, lasse ich mal dahingestellt.) – Ein bißchen aus dieser Erzählung habe ich Ihnen, Freundin, bereits gestern abend → zitiert.

Doch nun. Tatsächlich. In den Tag!

ANH

“Daß heute Sonntag ist!” Und daß wir Weltgeschichte erleben!
Im zwanzigsten Coronajournal des nämlich 19. Aprils, darinnen Vorarbeiten für Ada: “Ada”, 0.3, nämlich Nakokov lesen, 36. Mit einer Bemerkung zur “Geilheit” alter Männer.

[Arbeitswohnung, 10.01 Uhr]

In der Tat, liebste Freundin, mit diesem inneren Ausruf über etwas, das mich seit gestern überhaupt nicht verwundern sollte, dennoch solchem Staunen saß ich, vor anderthalb Stunden um halb neun, am Schreibtisch: “Daß heute Sonntag ist!” Das darin gespürte Ineinderfließen des sonst von streng definierten Modulen getakteten Zeitstroms → hat gestern auch Bruno Lampe formuliert, und es wird vielen von uns ganz ähnlich ergehen. Nur hätte mich dieser Sonntagsumstand schon deshalb nicht verwundern können, weil es mir schon gestern genauso erging, als ich noch damit beschäftigt war, was im Titel dieses heutigen Arbeitsjournals “Vorarbeit für Ada” heißt — die wiederum dazu führte, daß ich dreivier schon publizierte Einträge der Nabokovlesen-Reihe, und zwar ihre Numerik betreffend, revidieren mußte: aus “1” wurde “o.1”, aus “2” “0.2”, nämlich sowohl für ERINNERUNG, SPRICH als auch für ADA. Dazu dann weiter unten. Die eigentlichen Ordnungszahlen werden jeweils folgen, wenn direkt-das-Buch besprochen werden wird. Deshalb hierüber nun “Ada, 0.3”. Doch hatte dies logischerweise zur Folge, daß ich auch noch einmal die Binnenverlinkungen revidieren mußte. Sie werden sich, Geliebte, vielleicht eine Vorstellung des kleinen Aufwandes, auch an Zeit, vorstellen können, den sowas bedeutet.
Und dann dies, daß wir Weltgeschichte erleben, unmittelbar miterleben, indem wir spürbar, alle, zu auch politisch wirkenden Faktoren werden, sich, so gesehen, unsere eigentliche und tatsächliche politische Hilflosigkeit als eine Aktivität erweist, die unser Verhalten, ob Furcht oder Einsicht, bestimmt und an das sich Fragen knüpfen, deren Beantwortung Zukunft gestaltet. Es ist ausgesprochen erhellend, dieser Tage eine Presse zu verfolgen, die jedenfalls ich – spezialisiert auf literatur- und musikästhetische Belange – normalerweise nicht auf dem Schirm habe. Die der Wirtschaft nämlich. Und da findet sich dann so etwas, im MANAGER-MAGAZIN!, wie → das. Entsprechend geriet gestern meine Antwort → dort.
Teils erschütternd wiederum, in nicht selbem, aber verbundenem Zusammenhang, Frau von Stieglitz’ sehr persönliche Einlassungen → da, unter einem, wohlgemerkt, Text von 1995, den zu (sozusagen) reaktivieren zwar eines kleinen Tricks bedurfte (ihn nämlich für einzwei Tage auf die aktuelle Hauptsite zu stellen, bevor er unter seinem eigentlichen Datum abgelegt wurde); dennoch wurde und wird nun zu etwas weitergesprochen, das fünfundzwanzig Jahre alt ist. So etwas gelingt in den Gefilden der Literatur eigentlich nur kanonisierten Büchern und Texten, höchst selten hingegen so wider- wie randständigen Autoren wie mir. — Aber was mich dabei besonders bestätigt, ist, daß diese besondere Sicht einer, sagen wir, älteren Frau – ihre Beklemmung dürfte einiges Stellvertretende haben – Sprache im Umfeld eines Mannes bekommt, nein, sie mit allem Recht fordert, der gemeinhin für einen Macho gilt, weil er sich weigert, sich den Gender-Ideologemen zu beugen. Daß das, banal gesprochen, “Problem” körperlicher Vereinsamung auch eines älterer Männer ist, habe ich in einer meiner Antworten angedeutet; ich weiß es nur zu “gut” von mir selbst.

Womit ich zu ADA schon überleiten kann und es will.

Anders als für alle anderen Bücher der Serie — die ich nicht schon von fremden Einlassungen präformiert, sondern allein aus der Sicht meiner eigenen ästhetischen Überzeugungen schreiben will und schreibe — bereite ich mich diesmal vor; Sie haben’s, Freundin, schon gelesen. Der Grund ist, daß ich das Buch, wie ebenfalls bereits erzählt, längst kenne, auch wenn meine Lektüre zwanzig Jahre zurückliegt. So ist ADA für mich sozusagen ein Abschluß, auch dann, wenn danach noch ERINNERUNG, SPRICH, aber auch das posthume MODELL FÜR LAURA (die Sendung kam gestern an) vor mir liegen sowie Nabokovs Gedichte. Aber um diese wird es insgesamt kompliziert bestellt sein: Es gibt keine nennenswerten Übersetzungen ins Deutsche und außerdem extrem wenige. Dieser Umstand wird möglicherweise zu etwas führen, zu dem ich auch aus strategischen Gründen noch nichts hier schreiben will; außerdem sind starke poetologische Probleme in Sicht. So möchte ich erst einmal den Eingang der bestellten COLLECTED POEMS abwarten und in sie hineingelesen haben. Danach, Geliebte, erst werden wir diesbezüglich weitersehen können. Für LAURA allerdings gilt etwas, das in den meisten Kritiken, die ich las, auch schon die Übersetzung ADAs begleitet hat; eine Ausnahme hier war meines Wissens allein die, fand ich, → einfühlsame Besprechung des viel zu früh verstorbenen Oleg Jurjews, dem Lebenspartner der Bachmannpreisträgerin Olga Martynova, mit denen beiden ich locker befreundet bin, bzw. – ach Oleg! – war. — Alle mir bekannt gewordenen anderen Besprechungen von Nabokovs nachgelassenem Fragment waren und sind in einem Ton geschrieben, der sogar mich Anstand davon nehmen ließ, mich mit dem Buch zu beschäftigen. Erst als ich nun auch Kritiken zu ADA las — weshalb, das erzähle ich gleich —, deren Ton beinah noch schlimmer war, wurde mir klar, den Feuilletonisten unbewußt auf die Schippe gesprungen und ihrem manipulativ-, ja, -Gehässigen selbst zum Opfer gefallen gewesen zu sein. Wir bilden uns unsere Meinung nicht, wenn wir die anderer übernehmen, und seien sie noch so sehr “ausgewiesene” “Experten”. Sie alle nämlich haben — Angst, und zwar um so mehr, wenn sie es nicht wissen. Und da auch wir sie haben, sind wir durch deren im eignen Entscheiden verletzbar.
Worum es sowohl bei ADA als auch LAURA immer wieder geht, in den Kritiken also, ist die eben nicht-beifällig so genannte “Altmännergeilheit”. Es gibt viele Beispiele, wo sie als “Argument” gegen etwas laut wird. von Günter Grass bis zu noch in diesem Jahr wahrscheinlich mir selbst, wenn die Béartgedichte erscheinen werden (so ich die fehlenden anderthalb Stücke bis Ende Mai denn noch fertigbringe). Ja, auch mir wird man(n) dann diese “Geilheit” vorwerfen, wobei es hoch interessant ist, daß es ihr weibliches Pendant nicht zu geben scheint, “Altfrauengeilheit”. Nennte man sie einfühlsam in das um, was sie ist und, so sie nicht zugegeben wird, wäre, nämlich eine Sehnsucht, die ihren Abschied mitträgt, kommen wir dem tatsächlich wirkenden Zusammenhang nahe; auch hier wieder Angst, nämlich entweder vor der eigenen unabwendbaren Zukunft oder davor, eine, mit Alexander Mitscherlich gesprochen, Trauerarbeit zu leisten, die, in jedem Fall als poetische, Trauerbearbeitung ist. Genau sie soll nicht stattfinden, weil man(n) sie dann ja selbst leisten müßte, anstelle zu verdrängen. Weil wir klarwerden müßten, wo wir lieber den Schleier des Nichtnennens drüberziehen wollen, das empfängnisbehinderndste und damit lebensfeindlichste Kondom, das es gibt.
Zum Beispiel lesen wir in ausgerechnet Peter Urbans für den Deutschlandfunk 2011 geschriebener Besprechung den kompletten Unfug, man lasse besser die ersten drei Kapitel zu lesen ganz aus, denn sie

klären nichts, sie sind vielmehr verwirrend und abschreckend – nicht wegen „exotischer, russischer Namen“ (wie Nabokov insinuierte), sondern weil sie angestrengt, schwülstig und überladen [sind].

Ich zitiere Ihnen einmal Beispiel, die man besser nicht zur Kenntnis nehme, weil sie eben in diesen ersten drei Kapiteln stehen:

In späteren Jahren mochte er Proust nicht mehr lesen (wie er auch das parfümierte Gummi türkischer Paste nicht mehr genießen mochte), ohne eine Woge des Überdrusses und das Raspeln griesigen Sodbrennens zu verspüren (S. 21) — Ihr Zusammentreffen mit Baron O., der aus einer Seitenallee herausgeschlendert kam, mit Sporen und grünen Schwalbenschwänzen, entging gewissermaßen Demons Aufmerksamkeit, so betroffen war er von dem Wunder jenes jähen Abgrunds absoluter Wirklichkeit zwischen den zwei fingierten Blitzlichtern vorgetäuschten Lebens (S. 24) — der Baron wählte [für ein Duell, ANH] Degen; und nachdem eine gewisse Menge guten Blutes (…) zwei behaarte Oberkörper, die geweißte Terrasse, die Freitreppe, die in einem ergötzlichen d’Artagnant-Arrangement in den ummauerten Garten führte, die Schürze eines rein zufällig anwesenden Milchmädchens und die Hemdsärmel beider Sekundanten (…) bespritzt hatte, trennten die beiden zuletzt genannten Herren die Duellanten, und Skonky starb, nicht “an seinen Wunden” (…), sondern an einer schwärenden Erinnerung auf seiten des Geringsten unter ihnen, nämlich sich möglicherweise selber zugefügt ein Stich in der Leistengegend, der Kreislaufstörungen verursachte, während zweier oder dreier Jahre mit langwierigen Aufenthalten im Aardvark-Hospital in Boston (…). (S. 28)
(Dtsch v. Uwe Friesel und Marianne Therstappen)

Allein die Hypotaxe des letztzitierten Satzes hat es an brillanter erzählerischer Infamie in sich, was wir aber eben, wie empfohlen, nicht zur Kenntnis nehmen sollen. Doch auch die das dritte, ziemlich beklemmende Kapitel bestimmende Schilderung der schweren psychischen Krankheit von Adas, der Heldin, Schwester, sollen wir nicht wahrnehmen, obwohl sich darin geradezu ein Schlüssel für das gesamte Werk findet, indem er nämlich seine Namensgebung aufschließt, und zwar in der Signatur dieser Schwester, die sie unter ihre auf der Buchseite 47 wiedergegebene letzte handschriftliche Notiz setzt:

Meiner Schwester Schwester, die jetzt iz ada (“aus der Hölle”) ist

Ada und Hölle — wen schaudert’s da nicht? Aber insgesamt wird schon bei Urban die eigentliche Zielrichtung deutlich: vorgebliche “Schwülstigkeit” — der Altmännergeilheit (ecco!) “Ausfluß”. Allerdings direkter, weil tatsächlich diffamierend, → Markus Gresser in der FAZ, 2010 (die Titelwahl bereits ist widerlich: Einladung zur Peepshow auf dem Planeten Antiterra):

Er [Nabokov, ANH] scheiterte (….), erfand sich Figuren (…), die nie zum Leben erwachen, affektierte Erotikmarionetten eines Gepetto, der offenbar letztmalig die ganz große Sau rauslassen wollte – aber nicht grob lüstern natürlich, sondern fein ziselierend wie ein Hieronymus Bosch. (…) Nach der Pädophilie in „Lolita“, auf die Nabokov in „Ada“ mehrfach paradiesvogelstolz verweist, stand nur noch ein Tabu zur Verletzung an: das des fröhlichen Geschwisterinzests. Doch konnte Nabokov kaum weiter gehen als in „Lolita“ mit der Masturbationsszene Humberts angesichts seiner wie toten Stieftochter in spe (…). Die im lasziv klebrigen Nebel verirrte Handlung dieses als Autobiographie des Privatgelehrten Van Veen getarnten Romans überhaupt wiedergeben zu müssen, kommt der Zumutung gleich, Veens Lieblingsbordell „Villa-Venus-Club“ beitreten zu müssen.

Der Mann, igittigitt, geht ins Bordell! — und so weiter immer fort. Von solchem Zeug — ekelhafter waren auch “meine” schlimmsten Kritiken nicht — findet sich im Netz sehr, sehr sehr viel mehr. —Übrigens, Gresser. Wer ist denn Markus Gresser, der gleich zu Anfang süffisant darauf hinweisen muß, daß Nabokov siebzig Jahre alt war, als ADA erschien? Und ach, kein bißchen altersweise … (Ich meinerseits habe bis dahin immerhin noch fünfe Jahre der Gnade.)
Nein, Geliebte, suchen Sie selbst! Ich werd den Beelzebuben tun, den Schreiberling durch einen Link noch zu ehren. (“Tintenfingel” nannte den Typos Dr. Lipom).

Aber wirklich, so fragen Sie mich nun, weshalb tut ANH sich’s an, solch einen Müll zu lesen? — Deshalb, liebste Freundin, weil ich im Netz auf der Suche nach einem Personenverzeichnis war. Das ich bislang nicht fand und werde nun wohl selbst anlegen müssen. Doch geriet ich in den Genuß mancher Trouvaille, etwa einer Karte der auf dem nordamerikanischen Kontinent handelnden Spielorte, die über die seinerzeitige Realität (etwa gab es noch die Sowjetunion) eine poetische, sagen wir, Durchpause legt. Wir haben es ja mit einem phantastischen Raum zu tun.
Ich habe sie mir ausgedruckt und hinten in das Buch geklebt; außerdem haftet nun eine etwas größere Kopie links an der laufenden Projekten dienlichen Pinnwand:

Weiterhin fand ich sämtliche Spielorte auf “Antiterra”, von Dieter E. Zimmer auf Englisch gesammelt und erklärt und gleich von mir selbst, leichterer Handhabung wegen, ins Deutsche übersetzt, siebeneinhalb enggedruckte DIN-A4-Seiten. Sowie eine, ebenfalls von Dieter E. Zimmer, “Timeline of Ada”, erarbeitet von August 2009 bis Februar 2010.
Und weiteres und weiteres ist → da und → dort zu finden; außerdem gibt es noch → ZEMBLA — wobei ich “natürlich” mit dem Gedanken herumgespielt habe, meinerseits um Mitgliedschaft bei den → Nabokovians zu ersuchen, dies aber flugs verwarf, sowohl meines Autoren-Selbstbewußtseins halber (“Ich habe ein eigenes Werk!”) als auch, weil mein gesprochenes und geschriebenes Englisch zu erbärmlich ist, um dort von irgendeinem anderen Nutzen zu sein, als mich indirekt mit fremden Federn zu schmücken, was dann wieder mein Selbstbewußtsein störte.
Um es deutlich zu sagen, bin ich kein Interpret des originalen Nabokov-Werkes, sondern ein poetischer seiner deutschen Übersetzungen, und auch das nur, insoweit es die belletristischen Bücher betrifft. Darüber werde ich kaum jemals mehr hinausgelangen. Wesentliche Privilegien, die Nabokovs Dichtung bis ins hohe Alter nährten, sind mir nicht zuteil geworden, worüber ich nicht klage; statt dessen fand ich meine eigenen Wege. Sehen aber tu ich’s klar. Und bin auf seltsame Weise froh, mit diesem Mann, abgesehen von ADA, niemals früher in lesenden Kontakt gekommen zu sein. Und auch sie schon, diese mit Van Veen untrennbar verbundene Frau, trat in mein Leben erst, als meine eigene Ästhetik längst “stand”; wäre Ada früher erschienen, ich weiß nicht, woher ich den Mut, ja die Hybris genommen hätte, selbst noch etwas in die Regnitz zu tun. Hingegen diejenigen Autorinnen und Autoren, die mich prägten, etwa Aragon, mir auf eine Weise nahe waren, die immer zugleich unsere Fremdheit unterstrich; so konnte ich nicht einmal Epigone werden. Sie fast alle hatten etwas, das ich verabscheute, Aragon die miese Autoritätsgläubigkeit, sei es anfangs gegenüber Breton, später im klebrigen Verhältnis zum Sowjetkommunismus; Pound und, gelinder, D’Annunzio wie Pirandello beider Faschismusnähe wegen; Dostojewski wegen der kriecherischen Glaubenstümelei; Nietzsche aufgrund des “Übermenschen”; Christa Reinig wegen ihres hardliner-Feminismus und Marianne Fritz wegen der psychotischen Schreiberinstruktur; ebenso Kafka, nur muß da das geschlechtskorrekte “in” weg; Beckett wegen seines existentialistisch-grotesken Nihilismus; Bernhard wegen seiner von dem elastischen, rhythmischen Stil nur allzu kläglich kaschierten Larmoyanz; Benn und Niebelschütz wegen der Nähe zum Nationalsozialismus. Und so weiter. Doch alle sie waren und sind für meine Arbeit und ihrer Entwicklung von enormer Bedeutung; ich schulde ihnen einen Riesendank. Ah, Thomas Mann vergaß ich, dessen sich selbst erhöhenden Sätze mitunter unerträglich gelockt sind, und doch unersetzlich. Indessen Nabokovs kristallene Prosa mich hätte zumindest als jungen Mann eine Nähe imaginieren lassen, unter deren Last ich poetisch verstummt wäre: “Daran ist nie zu gelangen für einen wie dich!” — so daß ich heute vielleicht ein passabler Jurist oder begüterter Mensch wär’ im Börsengewerbe. Vielleicht hätte ich nach dem DOLFINGER (also der “Erschießung des Ministers”) noch EINE SIZILISCHE REISE geschrieben, aber weder der WOLPERTINGER noch eines der späteren Bücher, auch nicht die BAMBERGER ELEGIEN und TRAUMSCHIFF, hätten entstehen können, um von MEERE vollends zu schweigen; und meine poetologische Arbeiten sowieso nicht.

Ihr ANH,
den Sie Sie erfinden ließen.

__________________
>>>> Nabokov lesen 37
Nabokov lesen 35 <<<<
>>>> Ada 1
Ada 0.2 <<<<

 

“die erste Ferngesellschaft der Menschheitsgeschichte” (Peter Weibel, NZZ): Das siebente Coronajournal. Montag, der 23. März 2020.

Und ebenfalls NZZ, >>>> dort:
Senizid

[Arbeitswohnung, 7.08 Uhr]

Und wenn er noch so viel → Unmut ausgelöst hat, die Vorstellung, es vollziehe sich derzeit ein wie nur selten spürbarer, weil unmittelbar in unser alltägliches Erleben hineinreichender selbstregulativer Prozeß, bleibt → beharrlich in mir, ob dieser uns nun schmeckt oder nicht. Er erinnert mich allzu sehr an das, was ich in THETIS die Große Geologische Revision genannt habe, seinerzeit mit Blick auf die schon Ende des vorigen Jahrhunderts mehr als nur “leicht” sichtbaren Anzeichen. Ich denke weiter und weiter darüber nach … — nein, es denkt sich nach. Und das hat nichts damit zu tun, ob man es – angeblich – gutheißt. Wer wohl täte das? Wobei der Vorgang bei allem Grauen insofern etwas “Gerechtes” hat, als der Virus unter den gefährdeten alten Menschen keine Unterschiede macht, nicht nach Vermögen (wenngleich reiche Leute deutlich mehr Möglichkeiten haben, sich ihre Quarantäne aushaltbar zu gestalten), nicht nach Geist und Bildung, nicht nach Geschlecht, nicht einmal nach Macht. Die moralischen Ausrufe hiergegen — “altersdiskriminierend” — wirken so hilflos, wie sie es sind. Weiterhin → NZZ:

Die heutigen «Alten» haben unser Land im vergangenen Jahrhundert zu dem gemacht, was es ist. Sie zu schützen, ist für die meisten Menschen die Hauptmotivation dafür, zur Eindämmung des Virus möglichst viel beizutragen. 

Daß hier im Hintergrund ein letztlich rein materielles Denken steht, sei erschauernd dahingestellt, auch wenn so etwas Kapitalismusfremdes wie “sorgende Liebe” nicht einmal Erwähnung findet. Es ist doch mehr sie, was uns Menschen umtreibt, besorgt macht und in Nöte bringt. Insoweit es unsere bedrohte eigene Ökonomie ist, die einer und eines jeden Einzelnen, bzw. der Familien, haben die alten Menschen damit nichts mehr zu tun, jedenfalls in aller Regel. Daß es an uns selbst ist, angesichts einer sich wahrscheinlicherweise über Monate erstreckenden flächendeckenden Quarantäne neue Wirtschaftsformen zu entwickeln — und die, die längst schon im Raum standen, aber aus arbeitspolitischen Rücksichtnahmen und nicht zuletzt sentimentaler Beharrung wegen verhindert oder “konservativ” hinausgezögert wurden —, ist nur allzu klar. Ich erinnere mich noch gut, mit welchen tatsächlich Vorwürfen ich es zu tun bekam, als ich in den Achtzigern bei einem großen deutschen Verlag statt eines Typoskripts eine Diskette abzuliefern wagte: Ich wurde quasi hinausgeworfen. Und nur wenig später, als ich die ersten poetologischen, auch praktischen Überlegungen anstellte, was die damals noch kommende mediale Revolution für die Literatur nicht nur bedeuten würde, sondern müsse, nannte mich ausgerechnet die von mir derart geschätzte NZZ einen Kulturverräter. Es war eine Stimmung, in der man über lange Zeit im Internet den Dolchstoß für die Buchkultur sah. Und von meinen Überlegungen zum → Literarischen Weblog als Dichtung will “man” bis heute noch nichts wissen; es stehen für die wenigen, aber machtvollen Leute im “klassischen” Literaturbetrieb zuviel Pfründe auf dem Spiel. Möglich, daß auch dies sich nun auswäscht — wenngleich ich befürchte, daß der Igel immer schon allhier sein wird, da können wir Hasen so flitzen, wie wir nur wollen. Doch ein, → so Xo dort, “no future” sehe ich nicht, im Gegenteil. Ich sehe Evolution, jetzt sogar vielleicht Mutation. Die Welt geht weiter, auch wenn ich selbst es vielleicht nicht mehr erleben werde. Und mehr noch: Ich will, daß sie weitergeht, wünsche es aus tiefstem Herzen, kann nur die schon mehrfach zitierte Stelle aus der “Sterbe-Elegie”, der neunten Bamberger, wiederholen:

um zu spüren, sie fließt noch, die Regnitz, vor meinem Fenster, und fließt in den Augen der Kinder, der deinen, mein Sohn, die deiner künftigen Frau, künftiger Frauen, ja weiß man es?, sind – und den späteren Mai­nen zu, späterem Rhein, denen viel spätere Rosen, die merklos erfrieren, nicht nachsehen in ihre späteren Meere. Den Zeitstrahl zu fühlen, worinnen wir stehen und dem wir zwar selbst nur Fragment sind, doch eines, das atmet und mittat. Das bleibt wie der Leibstoff, Körper gewesener, bleibt meines Leichnams.
ANH, Das bleibende Thier
, 99/100

Ja, ich denke viel an den Tod. Es sind in meinem Umkreis an Covid-19 jetzt Menschen tatsächlich gestorben. Aber ich denke an ihn als an etwas, das ich gegebenenfalls lieber selbst herbeiführen würde, da ich → langsam ertrinken nicht will, schon gar nicht hilflos fremdbestimmt dahinvegetieren. Nur wie soll ich’s tun, und wann könnte ich es noch, in welcher Phase der Krankheit? Wenn ich im Krankenhaus lande, ganz bestimmt nicht. Ich will aber auch niemanden schädigen, nicht bei einem Zugführer ein lebenslanges Trauma auslösen, ebenso wenig wie bei Kindern, die mich hinabgestürzt, überall Blut und Splitter, auf einem Gehsteig oder Hinterhof finden. Von einigen zugänglichen Medikamenten weiß ich, aber entweder sind sie unsicher oder aber verursachen einen mindest ebenso qualvollen Tod wie der Virus. Hätt ich doch nur darauf geachtet, genügend mir nahe Ärztinnen und Ärzte als Freunde zu haben! — Darüber, in der Tat, denke ich subkutan ständig nach. Aber auch hier gilt (ebenfalls die neunte Elegie):

Wir nicht allein, auch das Tier beißt den Feind weg. Doch weiß es, wann Zeit ist. Dann legt‘s sich und blößt seine Kehle. Besser, ihm nachtun. Das Wakizashi ergreifen, das dir der Tod reicht, bevor man es zuläßt, was ihn und das Leben entwürdigte, das du so liebtest. So, Sohn, vernarrt bin ich ins Le­ben, ich ginge freiwillig eher, als daß ich’s beklagte.
Das bleibende Thier, 97/98

Nein, ich nehme nichts zurück, bleibe von Herz, Geist und Geschlecht auf der Seite der irdischen Welt. Und versuch es auszudrücken. Wobei ich gleichzeitig dafür sorge, meine Arbeiten möglichst umfassend zugänglich zu machen, in Der Dschungel, die ich aus meinen Dateiarchiven zur Zeit mehr und mehr fülle — das hat durchaus was von Nachlaß. Sehen Sie es, Freundin, so: Jeder fühlende Mensch möchte, daß es seinen Kindern gut geht, über den eigenen Tod weit hinaus. Ich wünsche mir das für meinen Sohn, wünsche es mir für meine Zwillinge, wünsche es aber auch meinen Schriften, weil ich auch sie als meine Kinder ebenso empfinde wie erlebe. Das ist nicht egozentrisch, denn sie sind ebenfalls, in ihrer Sphäre,  nämlich der Fantasie und des Geists, zeugungsfähige Geschöpfe. Manche Bücher, manche künstlerischen Erfindungen, haben ganze Generationen verändert. Ohne Mozart hätt’s nicht einmal die Beatles gegeben. Von Bachs Einfluß völlig zu schweigen.
Ich in mir dessen bewußt und handle. Ich handle deshalb, weil Pessimismus mir fremd ist; meine bisweiligen Depressionen sind da nebensächlich: Sie sind egozentrisch, letztlich nichts als die Auswirkung narzisstischer Kränkungen. Die Bücher dagegen stehen für sich. Das ist ja das Grandiose, daß sie sich von uns, ihren Urheberinnen und Urhebern, (fast) ebenso ablösen wie unsre Kinder sich von ihren Eltern, uns. Genau das ist Zukunft. Wir selber, und später dann sie, gehen dahin.
Was danach kommt? “Ich bin unheimlich neugierig”, habe, heißt es, Ernst Bloch auf seinem Sterbelager gesagt.

Mein Pathos, jaja. Wobei die tägliche Realität eine seltsam zerfließende ist. Mehr noch (als wegen des meiner Arbeit eigenen Charakters sowieso) laufen die Tage ineinander.Neulich wußte ich nicht mehr, ob Donnerstag oder Freitag. Ich mußte im Kalender nachsehn. Und obwohl ich es gewohnt bin, mir meine Arbeitsabläufe diszipliniert selbst zu definieren, nach genauen Zeitabläufen zu schreiben, zu essen, zu lesen, abends einen Film zu sehen usw., werden die Ränder verschwimmend unscharf. (Meine bisweiligen, ich sag mal, quasi-physiologischen Ausflüge in die Pornowelt laß ich mal “außen vor”, wiewohl sie wichtig sind, um nicht nur die erotische Contenance zu wahren, sondern auch, um ein notgedrungnes Asketentum zu vermeiden, das sich ungut auf den Geist auswirken würde).
Dazu die ständig kurzen Überlegungen, muß ich eigentlich heute hinaus? Dann recherchiere ich wieder die neuen Coronavorgänge (muß gleich mal gucken, was die gestern getroffenen Ausgangsregelungen präzise bedeuten), antworte auf Kommentare bei  mir und auf anderen Sites, telefoniere, bzw. skype/facetime täglich mehrfach mit den Freundinnen und Freunden, besonders auch in Italien, spüre bei vielen eine unterschwellig steigende Furcht. Ein Freund erzählt, er kaufe nur noch mit Schutzhandschuhen ein, ein anderer hat sich tatsächlich Atemmasken besorgt. Und draußen singen die Vögel, daß es ans Herz geht, und die Pflanzen werden an ihren sprießenden Knospen verrückt. Es ist erneut kalt geworden, ja, aber — hell! Diese göttliche Sonne! Die Fassade des langen Hinterhauses, das ich von meinen Fenstern aus sehe, strahlen nur so vor Gelb! Dazu zwei Zuschriften, die ich erhielt. Die eine von einer Leserin, die schon mehrfach bei amazon Rezensionen eingestellt hat und → nun dort den zweiten ANDERSWELT-Band bespricht. Kann sich ein Romancier etwas Besseres wünschen? Aber auch zu meinem → Vortrag aus dem Hyperion kam eine Mail (ich möchte diskret bleiben und sag drum nicht, von wem):

Fast haben wir Deine Stimme nicht erkannt, so sehr ist sie da zur heute möglichen Hölderlin-Stimme geworden. 

Und in der Tat hat mir die Aufnahme eine irre Lust gemacht, den Hyperion tatsächlich selbst ganz vorzutragen — genau dieses “heute mögliche” … ja!, zu beweisen. Die Zeit haben wir jetzt, die, nun jà, Isolation läßt sich füllen … ist zu füllen. Dagegen fallen Notwendigkeiten – wie etwa, daß ich diesen Jobcentermüll endlich weiter regeln muß, geradezu weg. (Ich hätte dringend einen Brief zu schreiben und darin, um einen Bescheid ändern zu lassen, eingehend zu argumentieren. Nun kommt’s mir vor wie kinkerlitz.) Alles ist ein bißchen wie vor dem Winter die Ernte einzuholen und gut für den Winter zu lagern. Die Dschungel.Anderswelt ist mir, so gesehen, Scheuer und Silo zugleich, zusammen mit der dinglichen Arbeitswohnung ist sie ein Gehöft.

Bewußtsein der eigenen Endlichkeit. Abschiede damit verbunden. Wie Andreas Steffens schreibt: Der Horizont der noch verbleibenden eigenen Zeit rückt uns näher, fast stehn wir vor einer Wand schon daran. Was bleibt zu tun, um abzuschließen, nämlich — gut? Mehrfach, bemerke ich, schaute ich in den paar letzten Tagen intensiv zurück, erinnerte mich an grandiose Geschehen, beglückende, sinnenberauschende Erleben. zum Beispiel was Do und ich mit Nutella alles angestellt haben. Hatte ich vorher völlig vergessen. Und dann, als wir im Lager von Olifants saßen. Viele Jahre später, mit लक्ष्मी, auf der breiten Fensterbank des Havalis in Udaipur, wie, drauf beieinanderliegend, wir nach Krokodilen schauten, über den See, der unten an die Hauswand schwappte. Oder die Serengeti meiner Löwin. Und wie ich Circe ins Taxi setzte, nachts; wie ich mit einer Fee handinhand-halb eine andre Nacht durch Park und strömenden Regen schritt. Wie mein Sohn in meinen Händen zur Welt kam. Ich staune diese Hände an. Wie die Ärztin nach der Zwillingsgeburt die Doppelplazenta ebenso staunend und frappierend liebevoll aufstrich, auf zu mir sah und frage: “Darf ich sie haben? Ich möchte sie meinen Studenten zeigen.”
Wunder, Freundin, über Wunder. Mein Leben war reich.

So fühl ich Tag um Tag, auch wenn es sicherlich etwas anderes wäre, lebte ich in einer Partnerschaft oder sonstwie mit jemandem andres zusammen. Zum Beispiel, daß ich bis gestern vier Tage lang nicht mehr geduscht hatte. Morgens rein in die Arbeitsklamotten, an den Schreibtisch, bis spät in den Abends durchgemacht. Man muß sich ja grad nicht mehr zeigen, darf sich nicht zeigen. Schon sproß enorm der Bart, ich mußte an Tolstoj denken, sah mich dann im Spiegel an, erschrak, stutzte ihn auf Dreitageslänge. Das Antlitz ist dann einfach klarer, markanter. Und bloß die Kleidung endlich wechseln! Was Helles! — Den Anzug rausgesucht, dann unter die Dusche. Auch die Achselhöhlen, die Hoden rasieren. Es kommt nicht darauf an, ob jemand mich sieht, sondern auf eine innere Haltung, der wir Form auch außen geben. Wille zur Klarheit. Und zwar gerade, wenn man allein ist. Ich denke an Lawrence of Arabia, der sich mitten in der Wüste, obwohl da eben keinerlei Wasser, draußen vorm Zelt zum Unverständnis vieler rasierte. Wie man das Wasser so verschwenden könne? Soweit ich mich erinnere, antwortete Peter O’Toole mit einem einzigen Wort: “Kultur.” Meine Güte, seine irrsinnig strahlenden Augen!
Das in jedem Fall bewahren. Was immer auch kommt.

 

Ihr, um 11.59 Uhr,
ANH
der gerne auch hier noch einmal → darauf hinweist.

 

 

P.S.:
Selbstverständlich bin ich nicht allein, alles andere als einsam. Wir kommunizieren ständig. Die Göttin gebe bloß, daß uns das Netz nicht ausfällt. Aber es ist anders, ob wir uns treffen könnten, leiblich, oder nicht können. “Die erste Ferngesellschaft”, → Peter Weibel, ja. Wir werden avatar einander. Der nächste Schritt der → anthropologischen Kehre, den nunmehr Corona erzwingt.

***

[14.30 Uhr:]
Da ich meine Cigarillos brauchte, die Gelegenheit genutzt, fast anderthalb Stunden → à la Nietzsche spazieren zu gehen: Keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung — erst diagonal durch die nach den Beschlüssen von gestern doch erstaunlich belebten Straßen, wobei allerdings die meisten Menschen tatsächlich nur zu zweit flanierten oder mit ihren Hunden Gassi gingen. Nur vor LIDL pulkte sich’s, weil immer nur zehn Personen auf einmal Einlaß finden; so stand’s draußen anplakatiert.
Vorm Aufbruch die autophil höchst zärtliche Idee, vielleicht noch einmal meinen alten russischen Biberpelzmantel zu tragen, der angemessen in diesem, nun jà, Winter wirklich nur zwei Mal gewesen. Und ich hatte recht, es ist ziemlich scharfkalt draußen, unter gleichzeitig ganz enormen Sonnenfluten, durch die ich quasi tauchte. So sehr ist Frühling eben doch und von welch milder, die Augen labender Schönheit alles! Es geht bei den Krokussen los, schäumt in den Forsythien, perlt grün als sich entfaltende Knospen auf.
Da mir nach Okra zumute war, für den Abend, ich dafür einen Asia-Laden finden mußte (was mir nicht gelang, der nächste mir bekannte ist ganz anderswo), schritt ich, nachdem quer durch den Kollwitzkiez spaziert, vom Tabaccaio an die Prenzlauer Allee hoch, dann rechts in die Fröbelstraße, um schräg zum Tählmannpark weiterzugehen und nach dem kleinen Teich, fast einem Weiher nur, zu schauen, der → von Anwohnern versorgt wird, gegen einigen Widerstand des Gartenamts. Schrieb ich nicht schon mal von ihm?
Es hat sich hier eine fast ganz für sich existierende Flora und Fauna entwickelt; sogar freie Schildkröten gibt es im Wasser, die drin auch überwintern. Und was ich sah, ich sog es ein!

Diese Farben, das unversehens hörbare, früher nur nachts nicht vom nahen Verkehrslärm wegkrawallte Rauschen eines kleines Wehres, zwei Elstern elsterten lustvoll herum und ließen sich nicht stören, als ich näherkam, anstelle liebevoll diskret einen anderen Weg mir zu suchen. Ich sah zu ihnen hinauf, sie sahen zu mir herunter. Schon gurrten sie, jedenfalls schnäbelten weiter. Ich kann Ihnen, Freundin, kaum sagen, welch ein Glück ich da empfand.
Es ist auch nicht ganz ohne Witz, daß ich, der so auf die kybernetische Welt setzt, zugleich auf der anderen, der natürlichen Seite empfinde, und mit ihr. Bezeichnend, daß ich schließlich den kleinen Umweg zu dem ziemlich verrotteten Pfad nahm, der direkt an der SBahn entlangführt. Ich wollte mir nämlich zwei Zweige schneiden, um etwas von diesem Frühling in die Arbeitswohnung mitzunehmen, und dies eben dort tun, wo kein Passant sie vermißt — auch nicht etwa blühende Zweige; nein, es genügt mir das sprießende Grün. So stehn sie nun denn auch hier und über-, na gut, “-wölben” nicht grad den Schreibtisch, aber strecken sich doch über ihm aus.

Verstehen Sie, daß ich Dankbarkeit empfinde? Und meinen Eindruck, die Gefährdung schärfe meine Sinne und mache sie weiter?

Schließlich noch frischen Koriander besorgt; ich bereite mir heute ein Dal.

Das sechste Coronajournal: Für Hölderlin.
Am Freitag, den 20. März 2020.

 (An eine Freundin in Rom, die mir schrieb:
” … dann — non ritorniamo a veder le stelle”.)

“Es geht mit Sicherheit so weiter, möglicherweise monatelang – was sich sehr leicht verstehen läßt, wenn man weiß, was “exponentiell” bedeutet. Aber die Sterne, liebe Maria, sehen wir trotzdem weiter. Wir sind immer aus Katastrophen mit neuem Wissen herausgekommen, und nahezu immer gab es dann einen geradezu Ruck in der Entwicklung. Ja, wir werden wahrscheinlich viel weinen, aber es wird weitergehen, und wir werden Ideen über Ideen entwickeln. Wahrscheinlich beginnt jetzt gerade erst die Kommunikations-Revolution und wird nahezu jeden Lebensbereich erfassen. Corraggio!, Maria, corraggio!”

[Arbeitswohnung, 6.30 Uhr]

Dieses zuerst, bevor ich noch einmal → auf gestern zu sprechen komme.
Der vom Berliner Literaturhaus für heute mit einem herrlichen Programm geplante → Feiertag zu Hölderlins 250. Geburtstag kann wie so vieles andere physisch nicht stattfinden. So wurde erst geplant, daß sich die Beteiligten ohne Publikum in der Fasanenstraße einfinden und ihre Parts dort live aufnehmen lassen, so daß die Veranstaltung gestreamt werden könne — so, wie es in Berlin auch die Philharmoniker, das Konzerthaus, die Opernhäuser sowie, auf der anderen Seite, einige Clubs und DJs halten.
Aber auch dies, möglicher nun doch noch ausgerufener Ausgangssperren halber und um auch ohne hoffentlich sie die Gefahr zu minimieren (zumal einige hätten aus anderen Städten anreisen müssen, etwa die so hinreißende wie famose Daniela Danz), mußte indes ausgegeben werden. So daß das Haus sich auf ein Audiostreaming verlegt hat, für das wir unsere Texte — nämlich den kompletten Hyperion, gelesen von Nico Bleutge, Nora Bossong, Max Czollek, Daniela Danz, Ulrike Draesner, Durs Grünbein, Norbert Hummelt, Kat Kaufmann, Björn Kuhligk, Madame Nielsen und mir — über Mobiltelefone, Skype, Facetime, Whatsapp usw. einsprechen sollten. Was für mich, bei meinen technischen Möglichkeiten, reichlich bizarr gewesen wäre. Die Arbeitswohnung ist ja zugleich ein für meine Hörstücke eingerichtetes, fast vollwertiges Tonstudio. Mir fehlt nur ein “trockener” Raum für Sprachaufnahmen, aber, wenn nötig, lassen sie sich in die Nächte, bzw. den späten Abend verlegen, wenn unversehens von draußen hereinbrechende Geräusche nicht mehr oder nur wenig zu gegenwärtigen sind. Passiert es dennoch, gut, dann muß ich, was ich so gestört einsprach, wiederholen und im übrige geschickt schneiden. Die unter Ihnen, Geliebte, die → meine Hörstückprotokolle mitverfolgt haben, wissen, daß ich unterdessen so pfiffig bin, sogar einzelne Vokale und Konsonanten nahezu unhörbar hinzuzumischen oder wegzuschneiden.
Jedenfalls bot ich den leitenden Damen des Hauses — Jalina Gelinek und Sonja Longolius — an, meinen Textpart hier schon vorzuproduzieren – und falls jemand anderes, die und der beteiligt sei, hier in der Nähe wohne und herkommen möge, auch deren Lesestücke so zu behandeln. Für letztres meldete sich, jedenfalls bislang, niemand; allerdings kann sich das im Laufe der Vormittags noch ändern. Für meinen Teil aber reagierte das Haus mit fast Begeisterung, so daß ich mich abends tatsächlich an die Aufnahme setzt und dann bis22.30 Uhr fast durchweg schnitt.

Nun nur noch das Tonfile in meine HiDrive-Cloud hochgeladen — in zwei Versionen, einmal als unkomprimierte Hochqualitäts-wave, zum anderen als komprimierte mp3 — und die Freigabelinks ans Literaturhaus geschickt.
Insgesamt war es schließlich doch ein bißchen Fummelarbeit, weil auch mein Magen (es wirken noch Spuren der Schleimhautenzündung) immer mal wieder grummelte — was bei empfindlichen Mikrophonen wie dem meinen deutlich hörbar ist. Da ist dann diffizilst zu montieren. Ein paar Störgeräusche sind auch geblieben – es hätte einen ganzen Tag bedeutet, sie hinwegzuzaubern; doch in aller Regel nimmt nur mein eignes Ohr sie noch wahr oder das eines gehörausgebildeten Toningenieurs, bzw. Musikers. Für eine viereinhalb Stunden-Produktion wird es reichen, zumal sehr wahrscheinlich die anderen über meine Möglichkeiten nicht verfügen.
Losgehen, nach der alten Planung, soll die Gesamtlesung um 14.30 (Nachtrag: Laut Facebook wird die Hyperionlesung um 14 Uhr beginnen); es kann aber sein, daß sich diese geändert hat, denn auf der Literaturhaus-Site finden sich keine zeitlichen Angaben mehr. Ich werde, sowie ich Näheres erfahre, aber ohnedies noch eine gesonderte Annoncieren dieses Netzstreams in Die Dschungel stellen, vielleicht sogar auch den Stream selbst, werde aber wohl den Lauf des Lauf des Vormittags noch abwarten müssen. Fest steht schon jetzt, daß Sie den Hyperion-gesamt → dort bei Facebook hören können.
Wie mir die Damen des Hauses geschrieben haben, ist übrigens geplant, mit den dann gesammelten Hyperionaufnahmen noch einmal etwas ganz anderes an zustellen — was indes, darüber schwiegen sie noch.

*

Der gesamte Hyperion zum Anhören
und Herunterladen jetzt → dort

*

Nun indes noch einmal → zu gestern, nachdem meine mit meinen Thesen zur Dekadenz verbundenen Bemerkungen zur “Auswaschung” der Gesellschaft mich fast → eine kollegiale Freundschaft gekostet hätten, insofern mir Peter H. Gogolin “faschistoides Denken” vorwarf, was er etwas später noch mit “Nazi! verschärfte. Am Nachmittag legten sich die Wellen dann, und schließlich wurde das aufgewühlte Meer → fast wieder sonnig, und Glasperlen blitzten hie und da auf der Dünung auf.
Es ist mir dennoch wichtig, folgendes klarzustellen:
Denken, klares Denken, geht nur ohne jede Sentimentalität; es verträgt, wie die Dichtung, keine gemeinten Gefühle. Darum schrieb Nietzsche von der dünnen, kalten Luft, die es brauche, deshalb sah er von Gipfel hinab. Ähnlich auch → Nabokov; ich habe die “für einen guten Schriftsteller zu gutmütigen Augen” schon zweimal zitiert: Gutmütigkeit, Weichheit und dergleichen habe in der Dichtung nichts zu suchen. Sie hat sich am Kristall der Form zu messen, an nichts sonst. “Das Liebesgedicht spricht nicht zur Geliebten, sondern zur Welt.” (Ausgerechnet, möcht ich fast schreiben, Rilke).
Das heißt aber nun nicht, daß die Dichter in ihrem persönlichen Umgang gefühlskalt seien; nein, da sind sie mitleidsvoll und caritativ wie jeder andere Mensch, und sie leiden am Unglück zumindest ihrer Nahsten wie jede und jeder andere auch. Sie engagieren sich, sie begeben sich sogar in eigene Gefahr, um zu helfen. Nur in ihrer Kunst gilt etwas Anderes, Unerbittliches, scheinbar Kaltes  — was es aber gerade, und wahrscheinlich nur, erreicht, daß Gefühle, starke Gefühle affiziert werden, und zwar noch Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte später.
Dieses gilt für das Denken auch. Wenn ich also von einer möglicherweise “Auswaschung der Gesellschaft” geschrieben habe und davon, daß hier ein natürlicher selbstregulierender Prozeß ablaufen könnte, so bedeutet das weder, daß ich es nicht entsetzlich fände, noch gar, daß ich an den furchtbaren Schicksalen nicht mitlitte und versuchen würde, ihnen mit heftigem Widerstand zu begegnen. Ein andres freilich ist’s, ob mir und uns dies gelingt. Und noch ein andres, ob — das nämlich wäre faschistoid — ich meine, mich nun zum Werkzeug der Natur zu machen oder gar für ihren Vollstrecker zu erklären und noch, abermals ein Nietzschewort, nachzutreten, wo was schon fällt. Das zu tun, haben die Nazis geglaubt oder zu glauben vorgegeben, verbunden mit dem bekannten elenden Rassismus und Nationalwahn. Aber ich kann sehr wohl über लक्ष्मीs Bemerkung ins Nachdenken geraten, daß die Lunge der Erde krank und Covid-19 eine Lungenkrankheit sei. Das Argument, dies sei “animistisches Denken” ist schon insofern bizarr, als es eben das monotheistische Denken war und ist (“Macht euch die Erde untertan”), was dazu geführt hat, Tiere juristische als “Dinge” zu behandeln, bis zu den Grauen der Schlachthöfe, und die Umwelt insgesamt als zu jeder Ausbeutung bereitstehende Rohstoffressource. Wenn da noch die extreme Überbevölkerung hinzukommt, ist die Vorstellung eines hier gegensteuernden, “auswaschenden” selbstregulativen Naturprozesses (→ “Der Globus regelt es selbst”) ganz von der Hand nicht zu weisen. Daß es eine Spekulation ist, wird dabei gar nicht bestritten, jedenfalls nicht von mir. Es kann aber die Grundlage für die mit Gewißheit kommenden künstlerischen Bearbeitungen der neuen Pandemie sein. Hier kommt die alte Vorstellung der κάθαρσις (ich setze es bewußt altgriechisch hin) wieder zu ihrem Recht, da ist nichts mehr mit Hullygully und unverbindlichem Literaturspiel einer weichgespülten Postmoderne. Mit einem Mal geht es wieder um Vanitas und memento mori. Und daraus wird dann, auf die perverse Weise der Kunst, Hoffnung geschöpft, und eine erneute Schönheit entsteht. Als eine ihrer Quellen kehrt in unser aller Leben die objektive, längst vergessene unmittelbare Bedrohung zurück.
Ich schreibe dies als einer, der selbst, zumindest meinem Alter nach, zur Gefährdetengruppe gehört. Keinesfalls nehme ich mich aus. Aber sehe es an als Künstler — das heißt: in allererster Linie formal. Und gleichzeitig gilt, was ich meiner römischen Freundin Maria, siehe oben das Motto, schrieb: “Wir werden viel weinen.” Denn wenn er uns bevorsteht, der Tod, denen, die er ereilt (und er eilt eben nicht, das hat Frau Dr. KB gestern nacht → furchtbar deutlich gemacht), ist er, unangemessen euphemistisch gesprochen, grausam. So möchte von uns niemand gehen.

Ihr ANH

ANH
POETOLOGISCHE THESEN, ZWEITER TEIL
Das experimentelle Dilemma

[→ Poetologische Thesen I
Poetologische Thesen III]

 

 

Was aber, wenn von dem, was den Protagonisten einer Geschichte widerfährt, ihren Seelenzuständen, Zerrissenheiten, die Sprache selbst erfaßt wird? Wie indes könnte sie’s nicht werden? Ist es denn möglich, Änderungen, ja Verläufe überhaupt adäquat zu schildern, ohne daß das Medium einer Schilderung sich ebenfalls verändert? Wie kann der Motor einer Geschichte, ihre Grammatik, noch dieselbe sein in einer Zeit, in der sich die Menschen ungeschützt nur noch paaren können, wenn sie das Risiko eingehen, von der Liebe zu sterben, wie zu solchen, als es dann immer „nur“ um ungewollte Empfängnisse, also um neues Leben ging? Müssen nicht die großen Progrome des letzten Jahrhunderts Spuren in Syntax und Grammatik hinterlassen haben? Kann es denn allen Ernstes angehen, daß sich eine Literatur des beginnenden 21. Jahrhunderts wieder ungebrochen, ja oft sogar simplifiziert, desselben Sprachverhaltens bedient, das im 19. Jahrhundert Geltung hatten? Ist Sprache also ahistorisch und ihre Verfaßtheit eine aus dem Himmel ewiger Ideen? Oder steht dahinter eine – Lüge: Selbstbetrug, bewußter Betrug an anderen gar?1 „Eduard – so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalters –„ – läßt sich ein Roman heute so beginnen? Oder: Warum eigentlich nicht? Aber doch wohl – dann – immer des ursprünglichen Anfanges eingedenk und nicht einfach freiweg von der Leber… Wer, zumal, ist „wir“? – – – „Eduard hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht, um frisch erhaltene Pfropfreiser auf junge Stämme zu bringen.“ Pfropfreiser. Was geschieht mit dem Wort, wenn es faktisch irrelevant geworden ist, weil man nicht mehr das gestaltete Material, objektive Natur, kreuzt, sondern gentechnologisch2 ihre Elemente?

Nicht von ungefähr begann die literarische (überhaupt die künstlerische) Moderne mit der Industrialisierung Mitte bis Ende der vorvorigen Jahrhunderts, – eine Moderne, die das Festgefügte und Sichere der Sprach- und Bildwelt zu bezweifeln begann, die Menschen hatten keinen Ort mehr bei Gott. Und eben auch in der Aufklärung nicht. Allerdings ahnte das bereits der BarockRoman voraus3, weshalb er für das (post)moderne poetologische Denken so sehr viel grundlegender als aller Klassizismus ist, aus dem sich der Realismus speist. Es gibt eine Über-Zeit, die ich Barock nenne, wie es Über-Zeiten gibt, die man Naturalismus nennt und zu deren Erscheinungen einiges von dem gerechnet werden kann, was als Experimentelle Literatur erschien: Vieles aus der Konkreten Kunst etwa. Der Einheitlichkeit realistischer Weltauffassung ist die Auffassung eines wenigstens in sich selbst einheitlichen Materials durchaus adäquat. Im Barock indes fällt die Welt auseinander, wird (bereits) technisch und mit sich selbst uneinheitlich und parallel. Goethe kann „veralten“, niemals Melville4… „Nennt mich Ismael.“ – Doch daß man sich nicht täusche: Nicht was, sondern wie der Barockroman erzählt, dieser vom Leser empfundene, bisweilen garstige Manierismus5, macht ihn gegenüber der Klassik, die das harmonisch zukleistern will, so modern – immer kommt ein Kleist, das aufzureißen6: Das Elend annehmen, sich ins Elend hineinbegeben, es umdrehen und ästhetizistisch zum Glück der Oberflächen schmirgeln, so daß – Riten der Selbstauflösung – perfektionierte Dandys entstehen, die auch als Replikanten7 in Erscheinung treten können. Mit alledem dreht sich die Moderne in die Sprache selbst hinein. Industrialisierung, Technologie und die Tiefenwelten der Seele stemmen die Geschichte(n) von innen her auf. Denn wenn es stimmt, daß das Unbewußte eine Grammatik habe, so wird die Grammatik ein Unbewußtes haben, und was der Mensch aus Notwehr verdrängt, kehrt in seiner Sprache wi(e)der.

J’aime la grâce de cette rue industrielle!“ ruft Apollinaire aus, – seine ganz besondere, libindinös-aggressive Reaktion auf das Wort „Pfropfreis“ – die gesamte Form des Gedichts wird einer Revision unterzogen, bei diesem Dichter unter anderem einer ansichtigen, die das Wort kalligraphisch verändert… später, in der konkreten Poesie, wurde Form geradezu hypostasiert und, wie eine Letter aussah, zum Gestaltungsmoment der Dichtung. Die Sprache ist nicht mehr das, was einen zu schildernden Sachverhalt übermittelt, gestaltet, irgend welchen Lesern nahebringt… sie ist nicht mehr das Boot, in welchem man mehr oder minder gesichert über den Inhaltsfluß setzt, sondern wird selbst Sachverhalt und entweder für sich als solcher bearbeitet oder zugleich mit dem Thema, um das es „geht“. Was der Geschichte passiert oder dem lyrischen Ich, geschieht nun ihr selbst.8 Damit fällt aber das alte Identifikations-Modell in sich zusammen, und zwar ebenso, wie der Glaube, irgend frei zu sein und über die Welt auch nur bedingt bestimmen zu können. Eben deshalb bleibt die sozial engagierte Literatur, die den Menschen für emanzipierbar hält und unabhängig von technologischen Entwicklungen bestimmen können möchte, ebenso und bis heute dem Traditionalismus verhaftet wie jede andere imgrunde ahistorische, „materialistische“ humanistische Anthropologie9. Die Moderne hingegen beugt die Sprache und schlägt bereits vor dem fin de siècle je verschiedene Richtungen ein, aufmüpfig mal, mal tastend, auch drohend bisweilen:

1) schaut sich Grammatik, Syntax, Vokabular an und experimentiert damit ganz ebenso herum, wie an den Arbeitsplätzen die Menschen in seelisch-fremde Zusammenhänge gepreßt werden, etwa immer dieselben Bewegungen beim Eindrehen einer Lampenverschalung machen müssen, auch wenn das völlig unorganisch ist oder organisch nur, insofern der Gesamtapparat technischer Körper ist. Der Mensch als biomechanisches Zahnrad: Wie sollte seine Sprache da autonom sein? Zumal gerade Zweiter Weltkrieg und Holocaust ein für allemal zeigten, wie furchtbar eine humane (humanistische) Anthropologie sich irren kann.10

Oder

2) begreift Welt als eine Wahrnehmung, die von inneren Konditionen abhängig ist. Der durchgehende Erzählfluß wird stream of consciuos, und selbst ein wenigstens anfangs derart realistischer Autor wie Henry James wendet sich zunehmend der Auflösung sowohl (der Autonomie) des Erzählsubjektes wie schließlich (derjenigen) des Erzählers zu: In der berühmten Novelle „The Turn of the Screw“ ist durchaus nicht klar, ob man es mit „realen“ Geistererscheinungen oder hysterischen Symptomen einer sexuell Verklemmten zu tun hat. Insofern James sich eines Urteils enthält, kann auch gedacht sein, und zwar mit gutem Recht: Er hat es selbst nicht gewußt. Die Verfügungskompetenz eines Autors über seinen Text wird zweifelhaft. Damit beginnt die Komplexität moderner Literatur (das heißt: Literatur findet wieder in den Barock). Ein Werk wie Joyce’s Ulysses ist ganz ebenso beziehungswahnhaft wie, sagen wir, der Don Quijotte oder, in der Gegenwart, Gravity’s Rainbow. Beinah jeder Form endzeithafter Erlösung, auch säkularer Natur wie etwa durch irdische Revolutionen, werden im barocken modernen Roman Absagen erteilt. Das hat Gründe: „Denn antithetisch zum Geschichtsideal der Restauration11 steht vor ihm die Idee der Katastrophe. Und auf diese Antithetik ist die Theorie des Ausnahmezustands gemünzt.“12 Jedes eschatologische Moment wird in die Gegenwart rückgezogen, aufgelöst, ironisiert oder aber – fruchtbarer – pervertiert.

Um diesen Weg, da er das Sprachexperiment eigentlich in Projektionen, also die Semantik, verlegt, und strenggenommen Mischform „experimenteller“ und „realistischer“ Literaturen ist, möchte ich mich im dritten Teil dieser Thesen kümmern. Hier, einstweilen, interessiert mich vor allem derjenige Bereich experimenteller Literatur, der sprachlich-material sichtbar ist… als wären Wörter Gegenstände. Also der erste Weg: Entweder (morphologisch und phonetisch) Sprache als Material und weg von der Semantik, weil sie grundsätzlich ideologisch ist, oder die Semantik gerade durch den Fleischwolf gedreht, wie das die Wiener Gruppenbande tat: Verhöhnung.

All das spaltete sich immer weiter auf. Von wenigen Ausnahmen wie etwa H.C. Artmann abgesehen, tendierte das Experiment von Anfang an zur Hermetik13, und die Texte wurden auf aseptische Weise perfekt. Bense überließ das Dichten dann ganz dem Computer. In den Gemeinden, die solche Literatur goutierte, spiegelte sich Gesellschaft selbstverständlich viel deutlicher, als in den intentiösen Leserschaften Johannes Mario Simmels oder Heinrich Bölls. Wie auch in der Neuen Musik wurde jedem Lesegenuß spezialisierte Kenntnis nötig; Adorno sprach gar von der Anstrengung, nämlich Arbeit, des Begriffs und meinte damit durchaus auch Kunst. Noch Michael Gielen behauptet, ein Kunstwerk stelle ganz zu recht an seinen Rezipienten Forderungen.14 Wer hier nicht mithalten kann, wird darwinistisch vom Genuß ausgeschlossen und empfindet die Moderne nicht zu Unrecht als kalt. Außerdem verkümmert ein nur über den Schreibtisch gebeugter Körper; er wird unfruchtbar, – ganz abgesehen davon, daß ja auch noch gesellschaftlich nötige Arbeit verrichtet werden muß. Wer nur die Kabbala exegiert, wird letztlich zum Sozialfall, ob nun Gott in ihr ist oder nicht. Die moderne, „reine“ Kunst hat Recht, aber spricht eben deshalb nicht mehr zum Menschen.15 Genau dies ist das Dilemma der strengen, nämlich kompromißlosen (politisch: nicht-korrupten!) modernen Literatur. Das schlägt besonders in der Prosa durch, Gedichte wurden ja nie viel verkauft; aber Romane, die sich nicht besser als Lyrikbändchen an Leser bringen lassen, stellen Verlage vor existentielle Probleme. Gedichte haben immerhin eine Klangseite, die zum lauten Lesen verführt. Sie wollen nicht selten den Vortrag und holen sich ihr Einverständnis mit dem Leser (in der Prosa entspräche das der Identifikation) gleichsam transzendent. Sie können ihre eigene Strenge unterlaufen. Die erfolgreichsten experimentellen Arbeiten wurden direkt für den Vortrag geschrieben. Das einfühlende Element, das von der strengen Form eigentlich abgewiesen wird, holt sich über den Vortrag wieder herein. Das genau bringt aber Leben, auch wenn es, kunsttheoretisch gesehen, unlauter ist. Gerade ihre Unlauterkeit, ästhetisch nämlich Fünfe auch mal gerade sein zu lassen, sichert der Kunst ihre Fruchtbarkeit. Viele moderne Dichter haben das vergessen oder aus kunstideologischen Gründen nicht sehen wollen und gewissermaßen durch ihre „Reinheit“ die Moderne ans Reaktionäre verraten. Den heutige Aufschwung neorealistischen Kitschs hat zu keinem geringen Teil die Ignoranz der Puristen verschuldet. Denn alles, was streng ist, ist letzten Endes frigide. Das gilt für die Wissenschaften, das gilt für die Dichtung. Kunst spielt. Wie die Evolution. Moral macht nicht naß, sondern trocknet aus. In der Moderne hat das niemand so begriffen wie die Kombattanten der Wiener Gruppe um Artmann, Bayer, Rühm16, wie in Deutschland Karl Riha17 oder wie der Star der Konkreten Poesie, Ernst Jandl. Ob dessen Lyrik allerdings Dauer hat über das zu ihres Schöpfers Lebenszeit betriebene Spiel hinaus, wird sich erst jetzt erweisen. Man hat mittlerweile, da in der Literatur dieser naive Realismus reussiert, den Eindruck, insgesamt habe Experimentelles seinen Abschied einreichen müssen. In den „reinen“ Formen jedenfalls und insoweit es „anstrengend“ ist. Allerdings sind einige avantgaristische Techniken – soweit sie sich nicht in kleinen gesellschaftsfernen Palmengärten musealisieren – in das hinein emigriert, was ich den zweiten Weg der Moderne nannte: Durch die Fantastische oder – mit Kleist gesprochen – Intensive Literatur, die so gut wie immer Prosa ist18, fließt genügend Magma, um auch Erstarrtes zu verdampfen19. Und es befruchtend niederregnen zu lassen. (Daß ich für Kunstbetrachtung besonders gern Sexualmetaphern verwende, wird Ihnen mittlerweile aufgefallen sein.)

He du! erzähl was du sahst und hörtest! zwölfmal schlug die glocke ton mitternacht und nebel. erzähl, erzähl von jo hahn mit tausendschwätziger zunge alles! es war einmal, was da kam will ich hören, wie es kam, kam er diese nacht, oder ist alles nicht wahr?20

Was hier erreicht wird, ist ein neuer, sehr alter Geschichtsklang, den weder autonome Erzähler noch Rollenprosa erzeugen können; die Erzählung bindet sich über das moderne Mittel an die Epen der Antike zurück. Singe den Zorn, o Göttin, des Peliaden Achilleus!21 Genau das fiel bereits bei Joyce auf:

Ononn! Ononn! erzähl mir maer. Erzähl mir jedwede Kinzigkeit. Jeds singuläre Ingul will ich erfahren. Bis hin zu dem, was so töppsch sie ins Flugslock jagste. Und warum die Gefoss so foicht warn. Das haomatte Fibbern gewrinnt meinen Lib. Wenn doch ein Pferde-Mahun mich härte!22

Nicht sehr anders, wohlgemerkt: im Ton, die schmählich ignorierte Marianne Fritz:

Die Männer auf den Pferden kamen nicht weiter: „Ajaaijai! Zur Seite!“, und gezogen den Säbel, der vorne voran geritten und am nächsten den Weibern. (…) O sie hatte studiert; gründlich; den ersten Reiter. Kannte ihn, kannte die Herren des Landes und kannte die herrschende Partei der Heimat. In der sie waren dies bestimmt: die Fremden. Die Unbekannten. Die unberechenbare Größe, war sie klein war sie groß, duckte sie sich heute, morgen nicht und übermorgen ging sie wieder ganz artig und ordentlich gekrümmt. Der Untergrund und es waren Millionen.23

Indem die Sprache gebeugt wird, zeigt sich die Rebellion gegen die herrschende, usurpierende Ordnung. Tatsächlich erzählt die Fritz die Geschichte eines Deserteurs, eines – wenn auch passiven – Widerständlers also. Widerstand aber hatte schon den Dada getragen. Der junge Breton gab ihm anarchistisches Feuer:

Geben Sie Ihre Frau auf, geben Sie Ihre Geliebte auf!/Geben Sie Ihre Hoffnungen und Ängste auf!/ Setzen Sie Ihre Kinder an einer Waldecke aus!24

Überhaupt geht es im Surrealismus ja so richtig los, und wie er Symbolismus und Romantik umgeräumt hat, greift die Intensive Literatur bei Surrealismus und Expressionismus zu – leidenschaftliche Gegenbewegung zum Mißverständnis des Realismus, wie er auch immer daherkommt, ob politisch oder entertainend. Es geht nämlich um wirkliche Realität25, also diejenige, die sich nicht auf gesellschaftliche Absprachen stützt, sondern die Wegmarken einschlägt: Der junge Aragon versucht, die Stadt als eine neue Natur zu fassen26; – was später der Begriff „Stadtlandschaft“ wurde, hier ist es vorgeformt und durchgeführt, und zwar nicht kritisch, schon gar nicht kritisch im sozialen Sinn, sondern lustvoll affirmativ. Nicht ganz unähnlich Georg Heym:

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik.
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.“
27

Dagegen Ernst Wilhelm Lotz:

Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren,
Es müßten Pantherinnen sein, gefährlich zart,
In einem wild gekochten Fieberland geboren.
Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.
28

Schon schrapnellen die Materialschlachten des Ersten Weltkrieges29 in August Stramms Dichtung:

Die Erde tobt, zerstampft in Flüche sich
Mich und mein Tier
Mein Tier und mich
Tier mich!

Der Schrecken ist allenfalls noch ästhetizistisch in Stahlgewittern zu bannen.

Die Luft flimmerte wie an heißen Sommertagen, und ihre wechselnde Dichte ließ feste Gegenstände hin und her tanzen. Schattenstriche huschten durch das Gewölk. Das Getöse war absolut geworden, man hörte es nicht mehr. Nur unklar merkte man; daß Tausende rückwärtiger Maschinengewehre ihre bleiernen Schwärme ins Blaue fegten.“30

Da hinaus soll Sprache wieder einfach werden können? Was hieße das denn? Vergessen? Verdrängen?

Ins Hirn gehaun – halb? zu drei Vierteln? -,
gibst du, genächtet, die Parolen – diese:
‚Tatarenpfeile’
‚Kunstbrei’
‚Atem’“
31

Bei Benn und schließlich Musil wurde die Dichtung – auch dies aus Notwehr? – theoretisch. Die „reine“ Darstellung dessen, was ist, langte nicht mehr an die Welterscheinung heran: Man mußte sie entweder interpretativ umerfinden, wie einige der Surrealisten taten, oder das Abstrakte, von dem Welt nun ganz besonders gesteuert zu werden schien (und zunehmend scheint), poetisch okkupieren. Nicht dem von der Industrie hergestellten Schein weiteren ausbeutbaren Schein zur Seite stellen.32 Auch dies ist im Ansatz eine Befreiungsbewegung und für den Kunstrezipienten gedacht, der aber schließlich von seiner eigenen Befreiung ausgeschlossen wird, ja die Befreiung wird selber diktatorisch und zwanghaft. Ganz wie in der Musik eine Emanzipationsbewegung des Einzelnen aus dem Gesamtzusammenhang anhebt, gibt die Dichtung das Pädagogische auf, das bis heute Richtschnur jeder realistischen (moralischen) Erzählung ist: „Berlin Alexanderplatz“ eignet sich so wenig als Katechet wie „Der Roman des Phänotyp“ von 1944. Schon versuchte Celan, dem Entsetzen von Auschwitz Worte zu finden, was das berühmteste und theoretisch weitreichendste Literatur-Verdikt der Gegenwart zur Folge hatte, jedenfalls im deutschsprachigen Raum. Denn alles, was das Entsetzen hätte fassen können, wäre eine Verniedlichung des Entsetzens und damit Verhöhnung der Opfer gewesen. Aus dem gleichen Grund erlitt nach dem Zweiten Weltkrieg jegliche Ästhetisierung von Gewalt die bitterste moralische Feme. Das Problem aber war, daß sich eine Dichtung, die sich den neuen Normen beugte, zugleich entsinnlichte (entkörperte) wie unnahbar und unrezipierbar wurde, jedenfalls für einen großen Teil der Leserschaft. Außerdem verlangt die Arbeitswirklichkeit der meisten Leser nach wie vor nach Ablenkung (Entertainment) und will von ästhetischem Zirkeltraining nichts wissen. Man darf nicht vergessen und es den Rezipienten auch nicht verübeln, daß es einen direkten Zusammenhang zwischen sich reproduzierender Wirklichkeit (des Arbeitsvorgangs) und dem Anspruchsniveau gibt, das den seelischen Ausgleich besorgt. Mit Nietzsche gesprochen: Wo sich die Feinen bereits beleidigt fühlen, haben die Groben noch lange das Gefühl, gestreichelt zu werden. Und es gilt nach wie vor, daß ihnen dieses Gefühl hergestellt wird, um die Produktion am Laufen zu halten. Sie dafür verantwortlich zu machen bedeutete, Leute dafür ins Gefängnis zu stecken, daß sie sich mit Grippe angesteckt haben. Doch die Kälte, die ihnen aus der modernen „experimentellen“ Kunst entgegenzuwehen scheint, weshalb sie sie meiden, ist ein Spiegel der Kälte in ihnen selbst33; deshalb ihre Unempfindlichkeit gegen den Kitsch, dem der Realismus grundsätzlich zuzuschlagen ist.34 Will Literatur ihren Lesern diesen Zusammenhang vor Augen führen, muß sie pädagogisch werden. Wird sie pädagogisch, verliert sie jedoch diese Wahrheit, weil sie, um pädagogisch wirken zu können, sich in das Kischbedürfnis einklinken, es zufriedenstellen muß. Experimentelle, bzw. moderne Literatur verweigert sich dem, verliert aber genau deshalb ihre Leser. Das ist der zweite Aspekt des Dilemmas.

Der dritte rührt aus einer Eigengesetzlichkeit jeder emanzipativen Bewegung: Wie der siegreiche Revolutionär schließlich zum ZentralKomitee neigt und seinerseits diktatorisch wird – diktatorischer vielleicht sogar als das niedergeschlagene System -, so erweist sich auch Kunst schließlich als ein Gefängnis der Trauer35. Kann schließlich normatives Zuchthaus werden, das sich selbst noch die Fenster verstopft, dann luftdicht abgeschlossen wird, so daß, was drinnen ist, nicht mehr atmen kann. Wer wird da schon mitersticken mögen? Ein Häuflein Lebensmüder allenfalls, intellektuell geschädigt und frustriert und diese Frustration teils feiernd, teils bannend durch Objektivierung36. So sahen die Liebhaber der experimentellen Künste in den sechziger/siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts dann meistens auch aus: ein wenig ungepflegt, weil körperfeindlich, grau, kurzsichtig vom vielen Lesen, mit Haltungsschäden geschlagen, prinzipiell calvinprotestantisch und hochgradig neurotisiert. Die Reinheit an sich, jeglicher Purismus, führt zu verkrüppeltem Leben, sei’s genetisch, sei es in Kunst:

aber in sich selbst war jedes der kalten Erzeugnisse von unbedingtem Ebenmaß und eisiger Regelmäßigkeit, ja, dies war das Unheimliche, Widerorganische und Lebensfeindliche daran; sie waren zu regelmäßig, die zum Leben geordnete Substanz war es niemals in diesem Grade…37,

weil Gott eben würfelt, könnte man sagen. Schon Rilke hat einmal angemerkt, daß das wirklich-große Sonett dann entstehe, lasse man einen Formfehler in ihm zu38. Der mathematisch orientierten Experimentalliteratur ist ein Formfehler aber gerade verboten, bzw. auch gar nicht möglich, etwa bei permutativ „arbeitenden“ Gedichten39. Umgekehrt wird ein strikt assoziatives Verfahren, weil es nicht abstrakt ist, ebenfalls hermetisch: Die IndividualMetapher ist nicht mehr oder nur unter heftiger Interpretationsanstrengung auf die Leser übertragbar und entzieht sich dann eben auch. In Ausnahmefällen führt dies zur Bildung von Gemeinden, die irgendwie alle etwas von Sekten kabbalistischer Exegeten haben, sogar an Geheimbünde denkt man mitunter, – etwa im Falle des Finnegans Wake oder von Zettels Traum: Bargfelder Templer & Co. Marianne Fritzens individualmetaphorischem Werk ist dergleichen – jedenfalls bislang – nicht vergönnt, obgleich es alles Zeug dazu hätte.

ich bin kein politischer Mensch, voraus es eingestanden, aber weil ich nicht weiß, wie sich das vorbereitet so nach und nach, mußt du nicht sagen, ich sehe nicht, daß sich vorbereitet, Schritt für Schritt mehr und mehr sich annähert das kanonische Recht, ist dir auch nicht fremd das seltsame Bündnis zwischen dem kanonischen Recht und den Kanonen, lache nicht, es ist kein gutes Lachen, August: (…) wozu ist das da und wofür und wann und wie und wo willst du bremsen deinen Kampf gegen die Natur, deinen Kampf gegen deinesjadeinesgleichen?40

Eine Zeit lang sah es so aus, als vermöchte auch Hans Wollschläger, sich in so etwas hineinzuschreiben, Kontakte gab es ja genug. Doch auf den zweiten Band der „Herzgewächse“41 warten die Dechiffrierer bereits zwei Jahrzehnte. Wie immer dem sei, einem allgemeinen Verständnis dienen solche Kreise ohnedies kaum. Sofern sie ihre Leidenschaft nicht akademisieren (was den Künsten noch niemals gut bekam42), brüsten sie sich mit Eingeweihtsein und evozieren in allen, die nicht dazugehören, Abwehr. Da greift frau weiterhin lieber zu Vanderbeke Maron oder entdeckt den Krimi wieder. Und „man“ hält Siegfried Lenz für Literatur und Erich Fried für einen Dichter.

– das: hatten wir schon einmal – Frau Simon – und zwar -“ erschöpfend: das Wirken – Wirken Wollen Können Müssen – „- die ‚Kunst, in anderer Leute Köpfe zu denken’ – hat der vorhin erwähnte Brecht das genannt -“ unter dessen Künsten sie glücklicherweise die geringere war – so sehr ihm die Ambition danach auch zuweilen die Stimme verstellt hat –43

Wie viel an Geschichten und Formen und Leidenschaften den meisten Lesern deshalb verloren geht, läßt sie ihr Alltag nicht begreifen. Fast kann man den Eindruck gewinnen, es stecke dahinter – Absicht. Und die komödiantische Filmindustrie. An die die Zweite Frankfurter Schule die avantgardistische Dichtung gründlich verraten hat. Dabei war in ihr so viel Leidenschaft, so viel guter ozeanischer Schweiß, so viel Reichtum an Idee, spielerischer Ernsthaftigkeit und Wissen. Und überhaupt nichts Weltfremdes:

/ nein sich vollsaugen, vordringen über dieses Einschlürfen von Welt: Landschaft, schön, vordringen zu der Einheit, die uns eins macht, ein einziges Mal die Brust aufreißen, um alles wegzuschwemmen in der Reinheit des Meers. und es rauscht Ihnen so sonderbar in den Ohren so fern in den Ohren, Natur / river / banks/ mightiest / diese Einförmigkeit von Weizentürmen, Siziliens Kornkammer, Mäuse trippelhuschend über die Wurzelkruste „ah, das ist’s“/44

In solchen Sequenzen erreicht(e) die Prosa einen Ton, der sie grundsätzlich aus allem Funktionalen heraushebt, bisweilen fast in Musik schiebt, plötzlich trägt der Rhythmus einen Text, nicht länger mehr der Inhalt, Vo­kal­assonanzen und Konsonanten als basso continuo.

Und mich ehkeln ihre kleinwarmen tricks. Und ehkeln ihre gemein-samften drehs, Und all die gier ergüsse durch ihre eh lenden seelchen raus. Und all die lahmen lecks über ihre spröden körper rab. Wie klein ists alls! Und ich, immer schwatzt ich mir etwas vor.45

Hiergegen hat die realistische Literatur nach wie vor nichts als Fernsehserien zu bieten. Und bekommt genau darum höhere Einschaltquoten. Die Frage, deshalb, die sich eine Dichtung, der daran gelegen ist zu leben, zu stellen hat, lautet: Wie setze ich das „Experiment“, das jedes Kunstwerk eben auch ist, mit realistischen, sich der Identifikation andienernden Mitteln in Gang, ohne meinerseits davon korrumpiert zu werden – wie, also, linke ich die Leser? Oder, um es liebevoller auszudrücken: Wie verführe ich sie in eine Lust, von der sie anfangs nichts wissen (wollen)?

Es gibt einen Weg. Aber er ist mehrere.

____________________________________________________________
1
Die Sprache eines Menschen ist die Grammatik seines Ichs. Schreibt Absalom Richter.
Siehe auch den Hohn Saul Cechys: „Immer ein Dann/Und Dann noch/Und noch
einmal: Dann.“ (Cechy, Ewiges Dann, in: Gedichte zur Prosa, Zeiselheim 1957)

2
alchemisch?
3
Grimmelshausen etwa („Ich war nur mit der Gestalt ein Mensch, und mit dem Namen
ein ChristenKind, im übrigen aber nur eine Bestia!“)

4
Der meiner Auffassung von Barock nach, die in Lezama Lima ihren Nennvater hat,
in den überzeitlichen Barock hiningehört. (Vergleiche Lima: Imaginäre Ären)

5
Nochmals Melville: Das Auszüge genannte Vorwort besteht aus über achtzig Motti!
6
„Wie manche, die am Hals des Freundes hängt,/Sagt wohl das Wort: Sie lieb’ ihn,
o, so sehr,/Daß sie vor Liebe gleich ihn essen könnte!“

7
in Ridley Scotts The Blade Runner interessanterweise sehr viel poetischer
als in dem zugrundeliegenden Roman von Philip K. Dick.

8
Hier gestalte Musik nicht eine Katastrophe, sondern sie werde selbst katastrophisch,
hat Adorno bezüglich der Sechsten Mahlers diagnostiziert. Überhaupt lassen sich
die von mir geschilderten Dynamiken am Beispiel der westlichen Musik
am allerklarsten erhören: Der sowohl gesellschaftlichen wie individuellen
Regression in den banalen Neorealismus (politisch bedeutet dies: Oberfläche,
Verhaltenstherapie und ökonomischer Liberalismus) entspricht
die Vorliebe für Pop.

9
siehe → Teil I dieser Thesen: Das realistische Dilemma.
10
„ja freund die toten sind ja eben nicht die toten sondern leichen und mit dem letzten wort
fliegst du in die geschichte es hat ihr gefehlt, auch sie ist jetzt kompletter. dein letztes
wort wird scheiße gewesen sein und vermutlich reflexiv, oder auch sonst was man
halt sonst normalerweise damit sagen möchte. und jetzt halten wir vielleicht gott
sei dank das maul, doch das maul. – und reden wie beckett über das maul
halten, endlos, um schleim scheißend der welt berühmteste maulhalter
zu werden und jedermann den rang ablaufen kann weil mindestens einer
von uns sein maul so wunderschön halten kann.“ (Oswald Wiener,
Die Verbesserung von Mitteleuropa, 62)

11
Und eben auch jeder emanzipativen Idee!
12
Walter Benjamin, Ursprung des deutschen Trauerspiels, FFM 1978
13
Auch hierin ganz der Entwicklung der europäischen Kunstmusik gleich. Nur war
die immer schneller, prägnanter und behielt vor allem eines:
Klang. Sie hätte
denn, was intendiert war, bereits mit Webern verstummen müssen und
die Literatur mit Beckett. Wunderbare Sackgassen beides, wie Adornos
Kunstdenken auch, mit himmlischen, atemraubenden Schönheiten gesegnet,
aber eben nie das Ende: Die Menschen vögeln auch
nach Auschwitz weiter,
ob es den Propheten der Endzeit nun gefällt oder nicht. Kein Opfer hat hier
auch nur die Möglichkeit eines Einspruchs. Das, genau das, könnte die
Katastrophe sein, – eine nämlich, an die die modernistischen Verfechter
von Fragment und Verstummen niemals dachten; sie wäre ihnen, ironisch
ausgedrückt,
zu katastrophisch gewesen.
14
Michael Gielen: „die glocken sind auf falscher Spur“, Melodrama und Zwischenspiele
mit Gedichten von Hans Arp für 6 Musiker

15
Es sei, hat Nietzsche einmal angemerkt, kühl in der Höhe: Das gelte
für Berge wie fürs Denken.

16
Wie ihre Aktionen den Dada beerbten, so haben sie selbst heute etwa
in Christoph Schlingensief einen ziemlich beweglichen Nachlaßverwalter gefunden.
Überhaupt haben sich einige Momente der Moderne im Theater besser
als in der Schriftform erhalten können, weil sich da immer jemand findet – etwa
ein Regisseur – den Rezipienten, die lieber konsumieren als mitwirken möchten,
den Übersetzer zu geben. Ein Konsument ist immer begeistert von Pädagogie.

17
„weil man net allaweil vögla kaa, daderzu ist Kunst da!“: Eines der Probleme der „unreinen“ experimentellen Literatur ist ihre Albernheit. Das war schon bei Dada zu spüren.
Biedert sich diese Kunst dann dem Publikum allzu sehr an, wird das Experiment
von ihr subtrahiert, und zurück bleibt der allerblödeste Ulk: Die ganze „Zweite
Frankfurter Schule“ ist ein Beispiel dafür, wie Kunst zur clownesken Zirkusnummer
verkommt, der dann jeder Dummbeutel applaudiert. In diese Kategorie gehört auch
das Gesamtwerk Robert Gernhards, vor dem bezeichnenderweise auch der ästhetische
Reaktionär gegenwärtig seine Kratzbuckel macht. Er sogar ganz besonders: Endlich
kann er mal etwas begreifen. Henscheid, Gernhard & Co. sind zugleich das gute
Gewissen der linken Kunstintelligenz, es sich im „schlechten Zustand“ gemütlich
einrichten zu dürfen. Die ganze „Zweite Frankfurter Schule“ ist sozusagen
das Abtestat des Studienrat oder Zahnarzt gewordenen Sozialrevoluzzers.

18
Eine Ausnahme ist sicherlich das Werk Paulus Böhmers, das von ganz anderer Seite als
die große Prosa etwa Marianne Fritz’ wieder an die Epik anschließt. Interessanterweise
verbindet man mit Experimenteller Literatur tatsächlich meist Lyrik, bzw. sehr kurze Prosa.
Darin scheint offenbar noch kommensurabel zu sein,
allenfalls kommensurabel, was
bei den wirklich-großen Sprachdichtungen des 20. Jahrhunderts nur noch
als Zumutung empfunden wird. Ein Befund, der um so irrer ist, als sich ein Roman
notwendigerweise nicht derart hermetisieren kann wie ein Gedicht. Die Gedichte
Paulus Böhmers können es übrigens auch nicht: Sie bleiben, ganz wie die Prosa, durchlässig,
ja sind, ebenfalls wie diese, schwammartig: Zusammengeworfen mit der wirklichen
Welt, gilt in diesen Literaturen, wie bei Kommunizierenden Röhren, das Pascal’sche Gesetz.
Was sich gegen das strenge Experiment sagen läßt: Es kommuniziert letztlich nicht mehr,
allenfalls noch mit sich selbst. Nix gegen Onanie, aber Kinder kommen dabei keine heraus.

19
Tucholsky über Joyce’s Ulysses: Ungenießbar wie ein Brühwürfel; doch würden noch viele Suppen
daraus gekocht. – Übrigens ein ungerechtes, auch falsches Urteil, insofern gerade der Ulysses
nicht streng ist; wer jemals Wollschläger das Trinakria-Kapitel vorlesen hörte, weiß genau,
was ich meine.
Ja, wäre der Dirne Scheuerbürste nicht ihr Schutzengel gewesen, es wäre
ihr gleichso schlimm wohl ergangen wie Hagar, der Ägypterin.
(sic!!!:
„Nennt mich Ismael.“ – Zufall? Nein.)

20
Eines der schönsten Prosawerke der experimentellen erzählenden Literatur: Peter Fladl-Martinez,
Fünf Variationen über die Nacht, hier zitiert nach der Erstausgabe bei Rogner & Bernhard,
München 1977. Es ist zugleich eine spielerische Variation mit Themen aus
Finnegans Wake.
21
Homer, Ilias, FFM 1990
22
Joyce, Finnegans Wake, Anna Livia Plurabells Monolog, dtsch. von Hans Wollschläger;
zit.n. Finnegans Wake, Deutsch Gesammelte Annäherungen,
Hrsg. von Klaus Reichert und Fritz Senn, FFM 1989

23
Marianne Fritz, Dessen Sprache du nicht verstehst, Frankfurt am Main 1985
24
André Breton zit. n. Polizzotti, Revolution des Geistes, München 1996
25
Wirklich sei, behauptet Schopenhauer, das, was wirke.
26
Le Paysan de Paris, Paris 1926. Dazu Oswald Wiener: ich glaube, daß den surrealismus
mißversteht, wer sich den gemischen seiner dichtung assoziativ hingibt
(Die Verbesserung von Mitteleuropa, 1972).

27
Georg Heym, Der Gott der Stadt
28
Ernst Wilhelm Lotz, Hart stoßen sich die Wände in den Straßen
29
Lotz fiel bereits 1914.
30
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, zit. → n. Koopman.
31
Celan, Give the World, zit.n. Gedichte, FFM 1981
32
„Dem Absterben des Scheins in der Kunst korrespondiert der unersättliche Illusionismus der Kulturindustrie (…); die Allergie gegen den Schein setzt den Kontrapunkt
zu dessen kommerzieller Allherrschaft.“ (Adorno, Ästhetische Theorie,
FFM 1977, S.417)

33
eigentlich, genauer: “ist ein Spiegel der Arbeitsverhältnisse, in denen sie leben und die
ihre Psyche bestimmen”. Dazu Negt und Kluge: „Produktionssphäre und Lebenszusammen-
hang einer Bevölkerung sind
zugleich zu beschreiben.“ (Negt/Kluge, Geschichte und Eigensinn,
FFM 1981, S. 243; Kursivierung von mir)

34
„Die Elimination des Scheins ist das Gegenteil der vulgären Vorstellungen von Realismus;
gerade dieser ist in der Kulturindustrie dem Schein komplementär.“ (Adorno,
Ästhetische Theorie, a.a.O.)

35
Leider nicht von mir, sondern von Ezra Pound. Ist aber auch egal.
36
– ebenfalls, allerdings invertiert, in Adornos KunstSinn: “Negativ sind Kunstwerke a priori
durchs Gesetz ihrer Objektiviation: sie töten, was sie objektivieren, indem sie es
der Unmittelbarkeit seines Lebens entreißen.” (Adorno, Ästhetische Theorie, a.a.O.)
So eben auch die Frustration. Die von HochIntellektuellen anders abgewehrt wird als
von den meisten anderen; abgewehrt aber eben doch. Vermittels Kunst. Die sich dann
doch wieder, so läßt sich argumentieren, dem Schein der Kulturindustrie zuschlägt.
Vierter Aspekt des Dilemmas.

37
Thomas Mann, Der Zauberberg, FFM 1967
38
Wobei zu fragen bleibt, ob nicht, ihn hineinzukonstruieren, dann erst recht
ein allzu perfektes Kunstwerk ergibt… All das sind jedoch Fragen, die
den „einfachen“ Leser nicht rühren, schließlich
will er ja den Schein.
Etwa diesen: Im SPIEGEL 20/2003 findet sich ein erhellender Aufsatz
über eine Banal-„Kaballah“, der Madonna anhänge. „Es ist nicht wichtig, berühmt zu sein“,
spricht die Milliardärin. „Wichtig ist, ein guter Mensch zu sein.“
Tja, kann man(n) da nur
sagen und sich freuen, wie die Massen abermals etwas zu jubeln haben. Es ist zum Kotzen,
wenn man sich vorstellt, daß auch Penderecki sich, in seiner großen Menschenliebe,
dem angedienert hat, also – sagen wir: im Alter – seine einst revolutionären Musiken
auf reinen Schönklang stellt.

39
Die ganz besondere Crux dabei: Läßt eine Permutation den Fehler zu oder montiert ihn
ins Gedicht, dann wird es
ironisch, bzw. Ulk – und erreicht deshalb keine Transzendenz.
40
Marianne Fritz, dessen Sprache du nicht verstehst, a.a.O., S. 2744
41
Hans Wollschläger, “Herzgewächse oder Der Fall Adams”, Fragmentarische Biographik
in unzufälligen Makulaturblättern, Zürich 1982. Schönes und schöngebundenes Buch.

42
Darin gleichen Universitäten durchaus den Schulen mit ihren zu Recht berüchtigten
„Interpretationen“ von Dichtkunst: Wie gewöhne ich jungen Leuten den Zugang
zur Kunst ab (die ja, wenn sie gut ist,
immer die Jugend verdirbt)?
43
Hans Wollschläger, Herzgewächse, a.a.O.
44
Wolfgang Rohner-Radegast, Semplicità, FFM 1982, S. 113
45
Joyce, Finnegans Wake, aus Anna Livia Plurabells Monolog, dtsch. von Klaus Reichert;
zit.n. Finnegans Wake, a.a.O.

_____________________
[Geschrieben im März 2003
Erschienen in L. – Der Literaturbote Nr. 70, Juni 2003)


>>>> Poetologische Thesen 3
Poetologische Thesen 1 <<<<

IHR WOLLT EIN WORT VON MIR. EIN SCHICKSAL SOLLT IHR HABEN. Eine literarische Spekulation über Hans Henny Jahnn und Medea.

 

Hier wirken Triebe, die die Not und das falsche Bewußtsein von ihr nur freilegen, die aber nicht von heute sind. Sondern ein Stück fossiler Mond scheint, darunter ist ein Weg, an den man sich seltsam er­innert.
Ernst Bloch, Erbschaft dieser Zeit


I

Wenn ein Schriftsteller von einem anderen schreibt oder über einen anderen spricht, ist das stets ein Stückchen eigener Standortbestimmung. Und also eigene Literatur. Sie wird dem an­deren nicht gerecht, oder nur aus Zufall. Sie will ihm auch gar nicht gerecht werden, sondern sich selber ordnen anhand von Nähen und Fernen, Abstoßungen, ja bewußten Fehldeutungen. Das andere wird dem eigenen rücksichtslos einverleibt oder aus sich hinausgestülpt, je nach Richtung des Verfahrens, der Ideologie, der Neigung. Ist das fremde Werk aber tatsächlich fremd, wird man sich nicht darum kümmern. Ich gehe also von Nähe aus, einer negativen, einer positiven, einerlei: Nähe. Dieses bei allem, was ich sage, zu bedenken, bitte ich Sie. Es schränkt meine Spekulationen im selben Maß ein, wie es ihnen ihr Recht und möglicherweise ihre Wahrheit gibt.
Hans Henny Jahnn reizt mich. Das Wort “reizen” ist ambivalent und durchaus erotischer Terminus. Ich erinnere mich an eine verbissene und langweilige Lektüre meiner Nachpubertät. Pubertär auch der Text: Dunkel, morastig, vergoren, zerwühlt und von demselben Auserwähl­theitsalpdruck zusammengehalten, der mich zusammenhielt. Ich hatte keine masochistische Neigung und also das Verlangen, aus meinem Stallgeruch von verschwitztem Geschlecht und dumpfer Neurose mich hinaus- und zu mir selbst herauszuwühlen, indessen Jahnn mir vor­kommt wie einer, der immer weiter hineinwill in seinen Pfuhl aus Kot und geronnenem Eiweiß. Vermutlich war er wie ich früh traumatisiert, beide liebten wir Musik, Mozart und Bach, und beide strotzten wir vor Pathos und platzten vor fantasierter Gewalt. Ich selbst wurde dann eine Zeitlang tatsächlich kriminell. Ich sehnte mich nach Mädchen, die mich mieden. So fing ich zu schreiben an. Als mich das erste Mädel in den Arm nahm, legte ich Jahnn beiseite. Die Sache ging aber schnell an meinen Verklemmungen und also meinem Größenwahn schief. Ich watete im Selbstmitleid und las abermals Jahnn. Ich flog von der Schule, ich haute von Zuhause ab, wurde aufgegriffen, haute wiederum ab, vaterlos haßte ich meine Mutter und erging mich in brutalen Szenarien der Sehnsucht. Meine Mutter gab mich, den schwer Erziehbaren, weg, ich lernte meinen innerlich längst abgestorbenen Vater kennen, auf einem Bahnübergang zwischen Bassum und Syke schlugen wir uns, ich ging nach Bremen, begann eine Lehre und wurde, na ja, einigermaßen normal. Interessanterweise schrieb ich weiter. Und las auch weiterhin Jahnn. Doch plötzlich, ich war so um die einundzwanzig, hörte er auf, für mich von noch irgend einer Bedeutung zu sein. Ich legte ihn wenige Seiten vorm Epilog des Flusses ohne Ufer weg. Im selben Moment legte ich Kafka ab, Beckett ab und Artaud ab. Sie interessierten mich einfach nicht mehr. Punkt. Eine Häutung. Ich entdeckte den Spott. Ich glaubte an den freien Willen, an Entwicklung, an Fortschritt. Außerdem war ich ständig verliebt. Das schloß fatalistische Au­toren aus.
Etwa zwei Jahre später schickte mich mein Lehrer am Abendgymnasium in den Bremer Schlachthof. Das war passend. Frank Patrick Steckel hatte Jahnns Krönung Richards III. in­szeniert, auf allen Stockwerken, das Publikum war gebeten worden, in Kleidung zu erschei­nen, die man hinterher entsorgen konnte. Eine Orgie der Schreierei und roten Farbe und ex­pressionistischen Sprache. Rainald Götz und Einar Schleef heute verzehnfacht aufeinanderge­schichtet reichen an die orgiastische Entgrenzung nicht heran, nur ihr modernes Vorbild, Otto Mühl, und der Archetyp: die dionysischen Mysterien. Daher ist es nämlich genommen, aber invers. Die Menschenopfer, das Zerreißen der Muttertiere, das Verschlingen rohen Fleisches, die Selbstverstümmelungen. Dionysos ist der Sohn Semeles, der Mondgöttin, und als Stier ge­dacht. Darauf werden wir zurückkommen müssen. In ihm wurde der Phallus verehrt, und zwar nicht patriachal. Die dionysische Kraft ist nicht licht, Dionysos ein Gegenspieler Apolls bis in seine Banalisierung zum Bacchus hinein. Seit Nietzsche ist die Dualität dionysisch/apollinisch Zitat. Dionysos zugehört Demeter und Kore, jene wiederum ist aus der kleinasiatischen Kybe­le, bzw. Hekate herübergewandelt. Auch dies werden wir wieder aufnehmen müssen. DI-YO­NI-OS: Die zweifache göttliche Vulva. Die beiden Hörner des Stiers plus dem Phallus = den drei Phasen des Mondes, die Gezeiten und Menses regeln. Dionysos wird, wie Osiris vor dem Weltuntergang, zerstückelt.
Ich war völlig benommen und versuchte es mit Jahnns Prosa neu. Ich war angewidert und ent­setzt von soviel brütender, zugleich frigider Kraft. Bilder wie irisierendes, ionisiertes Blei. Al­les schwer. Eine Perspektive auf die Welt, als hätte man wen in einen Gulli gesperrt und der beginnt nun, in seinem Gefängnis unablässig zu onanieren, wie es Affen in Käfigen tun: Ma­nieristischer Hospitalismus, fieberndes Monologisieren. Ich wandte mich anderen Autoren zu.
Erst 1983 verfiel ich neuerlich auf Jahnn, diesmal indirekt. Martin R. Dean machte mich auf den Schweizer Dichter Guido Bachmann und seine Trilogie Zeit und Ewigkeit aufmerksam. Es ist für mich eines der wichtigsten Bücher geworden, die in den letzten Jahren erschienen sind. Über Bachmann lernte ich Gilgamesch und Enkidu kennen, Bachmann richtete meine Recher­chen auf die Mythologie und die führte mich nun abermals zu Jahnn und erlaubte mir, erst­mals zu trennen das, was ich schätzte, von dem, was mich störte, ja mit beinahe phylogeneti­schem Ekel erfüllte. Beides hing auf eine ungute Weise zusammen, eines verwies aufs andere. Ich begriff, daß Jahnns Prosa keine Personen hat, sondern immer nur sich selbst, aber so, als wäre er in lauter Archetypen, in ewige Monaden zerfallen, die sich, auf ein Rad genagelt, das sich dreht, um diesen Autor drehen. Ein permanenter Zirkel. Zirkularität gehört unabdingbar zu matriachalen Vorstellungswelten. Und dann erfaßte ich, was mich so anwiderte: Die Ideo­logisierung seiner vorgeblichen Homosexualität. Ich sage bewußt: nicht die Päderastie als Spielfigur einer im großen und ganzen reifen Sexualität, sondern ihre Ideologisierung. Die ist in manchen intellektuellen Kreisen in den letzten Jahren modern, nämlich Markt geworden, und ich mag insofern die derart vor sich hergetragene Homosexualität als hysterische Selbst­befreiung nicht glauben, nicht den Kreisen und schon gar nicht Jahnn. Ich erinnere an DI-YONI-OS und komme auch hierauf zurück.

SCHNITT. — Etwa acht Jahre lang keine Zeile Jahnn. Nur indirekt: Meine Studien übers Ma­triarchat, bis zurück in die Edda, den europäischen Sagen- und Märchenkreis abgeschritten. Das war der “Wolpertinger“.

SCHNITT. — Frühjahr 1994, Medea im Berliner Gorki-Theater. Eine sehr laute – zu laute – Aufführung. Im Theater muß ja immer geschrien werden, weil die Leute Hörschäden haben. Das ist, an Madonna und Prince zu denken, verständlich. Jahnn fügt sich, was die Phonstärke angeht, da ziemlich gut rein. Oder nicht? Inszeniert mit Oskar-Schlemmer– und Travestie-Zitaten. Der Transvestismus paßt, Schlemmer liegt irgendwie schief. Das läßt mich aufmerk­sam werden. Bauhaus und Jahnn. Seltsam. Warum wählte Jahnn diesen Stoff? Ausgerechnet ein grübelnder misogyner Schwuler macht sich über eine Kindsmörderin her. Was treibt ihn zu ergründen, was sie treibt? Das ist mir neu an Jahnn: Distanz. Identifiziert er sich mit Jason? Das wäre selbst für ihn zu billig. Aber mit Medea? Welche Söhne hat er umgebracht oder fan­tasiert er, umbringen zu müssen? Ist Jahnn eine Frau? Der Stoff ist zu weit von Norwegen und Deutschland entfernt, um seinem Blut der rechte Lehm zu sein. Der ausgetrocknete korinthi­sche Staub klebt schlecht an den Stiefeln, macht sie nicht schwer und zwingt sie schon gar nicht ständig in den Morast zurück. Der Anruf vom Literaturhaus Frankfurt am Main, Jahnn-Symposion, ob ich usw. Ich sage spontan zu, nenne Medea als Thema und beginne den 2. Teil meines Vortrags.

II

Ich sagte, Homosexualität sei modern geworden. Das ist nicht mehr aufgeklärte Freiheit, schon gar nicht Toleranz, sondern sowohl Regression wie ästhetische Doktrin. Ich spreche hier nicht vom Freund, der mit dem Freund schläft. Ich spreche von einer abstrakten Heroisierung, die aus der gleichgeschlechtlichen Liebe eine säkularisierte Religion abziehen will und ganz bewußt das andere, das Zweigeschlechtliche, ausgrenzt, also – mag sein: aus Notwehr – in die­selben restriktiven Mechanismen verfällt, von der der Heros bedroht war. Ausgrenzen heißt immer: Wegbringen, Umbringen. Der beglückte Heterosexuelle hackt ja auch nicht auf Schwulen und Lesben herum. Sie interessieren ihn einfach nicht genug, als daß er sich über sie aufregen könnte. Der gesellschaftliche Haß auf Homosexualität ist Homosexualität, nämlich eine verdrängte. Damit sind wir mitten im Thema. Haß auf Heterosexualität ist niemals homosexuellen Ursprungs. Und sein Auswurf, der Frauenhaß, entstammt einem schlechten, ich möchte sagen: bösen Gewissen. Indem alle drei – Homosexualität, Heterosexualität, Frau­enhaß – eine starke ideologische Komponente haben, stimmt etwas in ihrem Selbstbewußtsein nicht. Das heißt, ihre Entwicklung ist schiefgelaufen. Um es zu wiederholen: Die individuelle Homosexualität interessiert mich hier nicht. Ein junger Mann, der Liebeskummer hat und seiner Freundin ein trau­riges Gedicht darüber schreibt, interessiert mich ebenfalls nicht. Ich mache auch nicht aus einer Diarrhöe, die mich gelegentlich anfällt wie jede und jeden, Literatur. Mich interessiert genauso wenig, ob ein Autor lieber Hähnchen oder Schweinefleisch ißt, nudistische Vorlieben hat oder AIDS. Mein Interesse gilt der Diarrhöe als Ideologie und Literatur.

Frühes Trauma – Abwehr – Latenz – Ausbruch der neurotischen Erkrankung – teilweise Wie­derkehr des Ver­drängten: so lautete die Formel, die wir für die Entwicklung einer Neurose aufgestellt haben. Der Leser wird nun eingeladen, den Schritt zur Annahme zu machen, daß im Leben der Menschenart Ähnli­ches vorgefallen ist wie in dem der Indivi­duen,

schreibt Freud. Und weiter:

Also daß es auch hier Vorgänge gegeben hat sexuell-ag­gressiven Inhalts, die blei­bende Folgen hinterlassen ha­ben, aber zumeist abgewehrt, vergessen wurden, nach lan­ger La­tenz zur Wirkung gekommen sind und Phänomene, den Symptomen ähnlich in Aufbau und Tendenz, geschaffen ha­ben.

Jason soll für Pelias, Tyrann von Jolkos, von Aia, also Kolchis, das Goldene Vlies holen. Dann, so verspricht Pelias, wird er die Jasons Vater Aison weggerissene Herrschaft wieder abtreten. Jason macht sich auf den Weg nach Osten, und erreicht Aia, tritt vor Aietes und verlangt das Goldene Vlies, das in einem Eichenhain aufgehängt und von einem Drachen be­wacht ist. Aietes verweigert das nicht, will aber erst drei Aufgaben gelöst bekommen: Jason soll zwei feuerspeiende, erzhufige Stiere vor den Pflug spannen, dann Drachenzähne in die Furchen säen und schließlich den Wächterdrachen töten. Medea, eine Tochter Aietes’, hat sich in Jason verliebt. Sie ist zauberkundig und steht ihm bei. Mit ihrer Hilfe löst er die Aufgaben, allerdings, das ist mythisch-symbolisch wichtig, tötet er den Drachen nicht, sondern dieser wird in tiefen Schlaf versetzt, so daß man das Goldene Vlies unbehelligt stehlen kann. Das Drama zeigt, wie der Drache dann später in Medea erwacht. Aietes verfolgt die Fliehenden. Vor den Augen des Vaters zerstückelt Medea ihren kleinen Bruder Apsyrtos und wirft die Ka­daverteile ins Meer, wo sie der unglückliche Vater auffischen muß, so daß die Fliehenden ent­kommen. Nach Jolkos heimgekehrt, wird gefeiert. Jasons Vater ist zu gebrechlich, um dabei­sein zu können. Durch Zauber verjüngt ihn Medea. Nun legt Jason Pelias das Vlies vor. Der weigert sich, das Reich herauszugeben. Medea rächt das. Also müssen sie und Jason wieder­um fliehen. In Korinth finden sie Asyl. Sie bekommen zwei Kinder. Aber Jason verliebt sich in die Tochter König Kreons und will die Ehe mit Medea lösen. Die Vermählung mit Kreusa-Glauke wird bestimmt. Medea fügt sich scheinbar, schickt Kreon und Glauke je ein Gewand, sowie die beiden es anziehn, werden sie von Feuer verbrannt. Dann tötet Medea ihrer und Jasons Kinder und fährt auf einem Drachen-, resp Schlangenwagen davon.

Ich referiere nach Ernst Kroker, Katechismus der Mythologie. Im übrigen beziehe ich mich auf Euripides und Ovid.
Bei Jahnn geht die Geschichte etwas anders:
Nicht Jasons Vater verjüngt Medea, sondern ihrem Mann schenkt sie ewige Jugend, indessen sie selber altern muß. Das ist an sich schon seltsam und nicht sehr weiblich gedacht. Warum läßt Jahnn seine Medea dieses Eigentor schießen? Antwort: Es ist nötig, damit das Stück funktioniert. Symbolisch aus noch einem anderen Grund, den ich später erkläre. Zu Beginn des Stücks ist Medea schon alt, Jahnn verwendet viel Energie, sie sich als schwabblig und unan­sehnlich schildern zu lassen. Der Ehemann hingegen strotzt vor geiler Jugend. Er pflegt, sei­nem älteren Sohn beizuschlafen. Medea bettelt um eine Liebesnacht. Nach vielerlei Hin und Her verspricht Jason sie ihr. Der ältere Sohn hat sich in Kreons Tochter Glauke verliebt (ihr Name wird, das ist wichtig, bei Jahnn nicht genannt) und bittet den Vater, für ihn bei Kreon um ihre Hand anzuhalten. Gleichzeitig bittet der jüngere Bruder, der immer der Mutter zuge­schlagen wird, den älteren darum, ihn in die Mannbarkeit einzuführen, das heißt: mit ihm zu schlafen, wie der Vater es mit jenem tat. Der Bruder verspricht’s, aber dann kommt ihm eben das Mädel dazwischen. Der Vater geht zu Kreon, verguckt sich selbst in die Deern, verleugnet seine Ehe, seine Kinder, läßt Kreon Medea verstoßen. Dem Boten, der Medea die Nachricht bringt, läßt sie die Augen ausreißen. Danach geht die Geschichte, mit entsprechenden psycho­logischen Varianten, weiter wie oben, nur daß Jahnn den Drachenwagen durch einen Pferde­wagen ersetzt.
Ich komme auf Freud zurück und kolportiere ihn: “Der Leser wird nun eingeladen, den Schritt zur Annahme zu machen, daß in der Literatur Ähnli­ches vorgefallen ist wie im Leben der Menschenart.” Ich bitte Sie also, die Annahme zu machen, die Verdrehungen Jahnns seien nicht oder nicht nur auf seine persönlichen, sondern auf einen gesellschaftliche und ideenge­schichtliche Defekt zurückzuführen. Wobei gewiß auch Ovid und Euripides schon defizitär, bzw. bewußt ideologisch-politisch sind. Das wird sich, wenn wir meine Spur verfolgen, im ne­benhin zeigen. Dazu nochmals Freud:

Wenn wir den Fortbestand solcher Erinne­rungsspuren in der archaischen Erbschaft an­nehmen, haben wir die Kluft zwischen In­dividual- und Mas­sen­psychologie überbrückt, können die Völ­ker behandeln wie den ein­zelnen Neurotiker.

Al­lerdings schränkt er ein:

Zugege­ben, daß wir für die Erinnerungsspuren in der ar­chaischen Erbschaft der­zeit keinen stärkeren Beweis haben als jene Resterscheinungen der analyti­schen Arbeit, die eine Ableitung aus der Phylogenese erfordern, so erscheint uns dieser Beweis doch stark ge­nug, um einen solchen Sachver­halt zu postulieren.

Jason zieht nach Osten, zum sagenhaften Kolchis. Die Tatsache, daß Pelion den ihm gefährli­chen Jason ausgerechnet dahin schickt, zeigt schon, daß er nicht glaubt, jemand komme von dort heil wieder zurück. Zwei verfeindete Völker? Das reicht nicht: Ganz Griechenland liegt miteinander im Krieg. Hier geht es um zwei Prinzipien. Bei Jahnn wird das durch weiß und schwarz symbolisiert. Die Griechen halten sich viel auf ihre weiße Haut zugute, und Medea und ihre Kinder, die Mischlinge sind, werden als dunkelfarbige Ausländer, geradezu als Un­termenschen, verachtet. Zu diesem Mechanismus Bloch:

Die tieferen Motive des Judenhasses wurzeln in längst vergangenen Zeiten, sie wirken aus dem Unbe­wußten der Völker (…). Ich wage die Behauptung, daß die Eifersucht auf das Volk, wel­ches sich für das erstgebo­rene, be­vorzugte Kind Gottvaters ausgab, bei den anderen noch nicht überwunden ist, so als ob sie dem An­spruch Glauben geschenkt hät­ten. (…) Und endlich das späteste Motiv dieser Reihe, man sollte nicht vergessen, daß alle diese Völker, die sich heute im Judenhaß hervortun, erst in späthistori­schen Zeiten Christen geworden sind, oft durch blu­tigen Zwang dazu getrieben. Man könnte sagen, sie sind alle ‘schlecht getauft’, unter einer dünnen Tünche von Christen­tum sind sie ge­blieben, was ihre Ahnen waren, die einem barbari­schen Polytheismus huldigten. (…) Ihr Judenhaß ist im Grunde Chris­tenhaß (…).

Jahnns Helden sind so schlechte Homose­xuelle wie Antisemiten gute Christen, ihr Frauenhaß ist im Grunde heterosexuell. Sie sind ge­schlechtsindifferent. Ich bitte Sie, hier wieder an die Ideologisierung zu denken; sie erklärt sich jetzt.
Jahnns Medea ist wie viele seiner Frauenfiguren Negerin. Negersein hat offenbar Symbolwert für Jahnn. Der Neger ist das Frühere, Archaische und Gebärfähige. Neger sind schwarz, die Griechen haben eine weiße Haut. In Griechenland herrschen Männer, Frauen spielen eine eher untergeordnete Rolle. Auch in Kolchis regiert ein Mann, doch dort, bei den Negern, scheint die Tochter stärker zu sein als er. Man vergleiche das ganz andere Frauenbild in Kreons Tochter: Erst hat sie sich in den Sohn verliebt, aber kaum sagt ihr Vater, sie solle Jason nehmen, fügt sie sich ganz ohne Widerstand. Medea hingegen tut, was sie will. Sie ist Priesterin der Hekate, der großen Göttin, die im Himmel, auf der Erde und in der Unterwelt wirkt. Ihr Gestirn ist der Mond. Und hier denken Sie bitte daran, daß Dionysos Mondsohn ist. Das ist nötig, um die Blutorgien bei Jahnn zu verstehen. “Nur drei Nächte noch fehlten, bis gänzlich die Hörner des Mondes/ Schließend zum Kreise sich fügen”, heißt es bei Ovid in einer von Medea veranstalte­ten Zauberszene. Sowohl bei Ovid als auch bei Euripides taucht in Kolchis geradezu geknüllt matriachales Symbolgut auf: Die Farben weiß/rot/schwarz, die Trinitäten (später vom Chri­stentum abstrakt pervertiert), der Stier, die Mondallegorik. Alles da. Jahnn scheint das gewußt zu haben. ME ist sumerisch und bedeutet die 100 göttlichen Kräfte, um die ständig gestritten wird. ME+DEA heißt “Göttin der Me”. Sumer ist das Sinear der Bibel. Das Wort “Schumer” bedeutet “Kulturland”, die Schumerer sind Kulturbringer, und zwar cultura im Sinne von Ac­ker. Bis nach Rom hinein waren es Göttinnen, die den Ackerbau und die Handwerke, also das Überleben lehrten. Die Sumerer nannten sich selbst “Schwarzköpfe”. Da ist es zur Negerin Medea nicht mehr weit. Sie sehen, das geht bei Jahnn alles prima zusammen. Und er hat es gewußt. Medea nämlich ruft:

In meiner Brust bleibt nur der Anunnaki
höhnendes Gelächter.

Und als das Unheil überm Haus hereinbricht, ruft auch der Sohn:

Sind die Götter
geflohen vor den Anunnaki?

Die Anunnaki sind die Engel der Erde, die beim Weltuntergang den gro­ßen Brand auslösen. Es sind fünfzug, wie die Besatzung der Argo! 50 wie­derum ist der dynastische Stellenwert des babylonischen Marduk, des Sohnes der assyrischen Tiamat. Als Babel später Gegenspieler des Einzigen Gottes, also des Monotheismus, ergo des Wortes gegen die chthoni­schen Müttergöttinnen, die im Heidentum immer wieder durchbrachen, ja in der Jungfrau Ma­ria bis heute weiterwirken. Der Ältere sieht das über ihn hereinbrechende Unheil also als Nie­derlage des Patriachats. Die Anu selbst sind ein Negerstamm, der Altägypten gründe­te. Osiris war ein Anu. Die Deutschen nannten sich einst “Volk der Göttin Anu”, nämlich Tuatha de Danwn (Tuatha=Volk; altir. Tu-Ath; altfrs. Thi-Ude; altsächs. Thi-Oda; altnie­derfränkisch Thi-At, woraus 920 regnum teutonicum). Diese vielleicht auf ersten Blick abseitige Ableitung ist wichtig um zu verstehen, weshalb Jahnn so hartnäckig darauf pocht, ein Deutscher zu sein. Wenn nun noch meine These stimmt, derzufolge Jahnns Helden keine eindeutige Geschlechts­zugehörigkeit haben, dann wird hinreichend klar, weshalb dieser Autor sich aufs patriachale, aber heidnische, nämlich päderastische Griechenland bezieht und in seinen sodomitischen Fan­tasien immer wieder zitiert und das entwickelte Patriachat des Monotheismus ablehnen, ja als Gefahr und Unheil bannen muß. Stellte er sich ihm, müßte er erwachsen werden. Medea ver­bietet Jason, erwachsen zu werden, indem sie ihm ewige Jugend schenkt. Bei Jahnn ist das nicht-erwachsen-werden-Können die Geschlechtsindifferenz. Diesem zirkulären Widerspruch liegt sein schwelender Antisemitismus zugrunde, der ihn noch 1946, als Auschwitz längst be­kannt ist, einen ungeheuerlichen Brief schreiben läßt:

Wenn erst Presse, Rundfunk, Palästina, Theater und Atombomben gänzlich in jüdischen Hän­den sein werden, wird jeder Fabrikarbei­ter und Bauer wissen, daß er für die beste Sache der Welt arbeitet. Dann brauchen wir nur noch den Numerus clausus, daß alle Gojjm von den in­tellektuellen und geistigen Berufen aus­geschlossen werden, um Idealstaaten zu schaffen.

Ebenfalls hierher rühren seine Erwählt­heitsfantasien, die um so morastiger werden, als er sie sich ja im selben Atemzug vernich­ten muß. Wir werden des öfteren sehen, warum. “Wenn man der erklärte Liebling des gefürchteten Vaters ist,” heißt es zynisch im Drehbuch von Syberbergs >>>> Hitlerfilm, “braucht man sich über die Eifer­sucht der Geschwister nicht zu verwundern.”

Keine Frage also mehr: Kolchis steht für das alte Matriachat. Noch hat es Macht und wird erst mit Troja und dann Kreta niedergezwungen werden. Was aber will ausgerechnet Jahnn mit dem Matriachat? Warum macht er Medea zur Heldin? Antwort: Aus Ambivalenz. Er lei­det unter Wiederholungszwang. Diesen grundiert ja gerade ein zirkulärer und darum unlösba­rer innerer Widerspruch. Er wiederholt die Niederwerfung der Mütter. Und zwar eben als Homosexueller, der eigentlich keiner ist. Ich definiere nach Laplanche:

Wiederholungszwang ist ein auf der Ebene der praktischen Psychopathologie nicht bezwingbarer Prozeß unbewußter Herkunft, wodurch das Subjekt sich aktiv in unangenehme Situationen bringt und so alte Er­fahrungen wiederholt, ohne sich des Vorbilds zu erinnern, im Gegenteil den sehr lebhaften Endruck hat, daß es sich um etwas ausschließlich durch das Gegenwärtige Motivierte han­delt.

Wiederholungszwang gilt als nicht heilbar, seine Ursache läßt sich nicht außer Kraft setzen. Interessanterweise befaßt Freud den Wiederholungstrieb als Teil des Todestriebes. Das geht in Jahnn geradezu lehrbuchartig zusammen. Denken Sie an die unzähligen Stellen seines Werkes, in denen er Frauenkörper zerfleischen läßt. Immer wieder. Persönlich gesehen sind diese Zerstückelungsorgien Perversion, gehören vielleicht auf die Couch, haben aber die Öf­fentlichkeit nicht zu interessieren. Ich schnüffle nicht gern in der Unterwäsche von Kollegen herum, will sagen: das Privatleben von Dichterinnen und Dichtern ist tabu. Aber vergessen Sie Dionysos nicht und nicht die Zirkularität. Mit ihnen ist der Wiederholungszwang durch Jahnn Literatur geworden: er beschreibt sozusagen ein pervertiertes Matriachat. Wie nämlich schil­dert der ältere Sohn seine erste Begegnung mit Kreons Tochter?

Milchweißer Hengst, wie meine Stute weiß

immer wieder weiß, die Farbe der Reinheit und des Todes! –

…wie meine Stute weiß;
auf seinem Rücken trug er, der fast unregierte,
ein Amazonenkind voll Lachen.

Die Amazonen schlugen sich auf Seiten Trojas gegen das pa­triachalisch-militaristische Griechenland, und zwar durch Kopieren des Militärs. Der Sohn sieht also als erstes eine als Mann verkleidete Frau. Nur eben, daß sie als Mann verkleidet ist, erlaubt ihm, sie zu sehen. Der ältere Sohn ist Jason zugeordnet. Symbolisch: Er vernichtet die Frau. Der Wiederholungszwang schlägt durch. Es darf jetzt nicht übersehen werden, daß sich die Homosexualität als staatskonform institutionalisierte und eben ideologisierte, als man die Mütter gewaltsam niedergeworfen hatte. Die waren auszuschließen von der Regierungsgewalt. Wie dürften sie also, und sei es über die Sinne, den Mann denn beherrschen? Nur ein Mann darf’s oder, die Amazone nämlich, ein fast-Mann. Noch Cato sagt von den Frauen: “Wären Sie uns gleichgestellt, so wären sie uns überlegen.” Hochinteressant also, daß Jahnn beim ersten Anblick auch Kreons Tochter geschlechtsindifferent macht und das sich anbahnende Verhält­nis erst einmal homosexuell faßt. Insofern folgt Jahnn Ovid und Euripides. Die Entstellung reicht bis zu Freud und findet dort ihre geschickteste Ausprägung: “Ein Held ist, wer sich mu­tig gegen seinen Vater erhoben und ihn am Ende siegreich überwun­den hat.” Sowie: “Nach diesen Erörterungen trage ich kein Bedenken auszusprechen, die Menschen haben es – in jener beson­deren Weise – immer gewußt, daß sie einmal einen Urvater besessen und erschlagen ha­ben.” Was, wenn es denn eine Urmutter war? Das nähme der Methode nicht ihr Recht, der Akzent gibt aber einen kulturhistorisch völlig anderen Klang. Jahnn weiß das. “Die Vater­schaft ist eine Erfindung der Zivilisation”, schreibt er in “Gesund und Angenehm”, “die Mut­terschaft ist uranfänglich.”
Die Liebesszene zwischen dem älteren Sohn und der Amazone gibt insgesamt viel her. Nicht nur reitet der Sohn die Stute und die Tochter den Hengst, sondern der Koitus wird erstmal auf die Tiere geschoben. Der Hengst besteigt die Stute, die Reiter bleiben aber in den Sätteln da­bei. Der ältere Sohn wird von dem Hengst fast erdrückt: Jahnn gelingt hier eine ganz große Gestaltung einer sexuellen Angstfantasie. “Gefesselt, mehr: gewürgt, bedroht am Leben/ mußt ich ertragen den erregten Pferdeleib”. Er wird hier sogar im Bild ver–klemmt. Die Tochter aber jubelt und treibt den Hengst noch an. Das Männlein fällt nach dem Tierorgasmus pa­rasympathikoton vom Pferd. Das Mädel springt ihm bei, beugt sich über den Knaben und “Leidenschaft brach aus”.
Wiederholungszwang ist in “Jenseits des Lustprinzips als “Widerstand gegens Erinnern” ge­faßt. Literatur aber, so glaube ich, erinnert sich auch gegen ihren Autor, und zwar aufgrund einer ästhetischen Notwendigkeit, die sich durch sämtliche Entstellungen hindurch behauptet. “Es ist besonderer Hervorhebung wert, daß jedes aus der Vergessenheit wiederkehrende Stück sich mit besonderer Macht durchsetzt, einen unvergleichlich starken Einfluß auf die Schrift­steller ausübt und einen unwiderstehlichen Anspruch auf Wahrheit erhebt, gegen den logischer Einspruch machtlos bleibt,” sagt Freud. Ich habe mir lediglich erlaubt, das Wort “Schriftsteller” hineinzuschummeln. – Wessen also erinnert sich Jahnns Text? Von Euripides bis Ovid sind die Verfälschungen leicht zu entschlüsseln: Jason fordert das Vlies, doch wel­chen Grund soll Aietes haben, es dem neuen Prinzip zu überlassen, sprich: dem aggressiven Militär? Soll es doch erst mal zeigen, ob es überhaupt lebensfähig ist, also den Boden bestellen kann. Er läßt Jason die Stiere – ureigene matriachale Symbole – vor den Pflug spannen. Sym­bolisch: Soll er zeigen, ob er den Müttern denn über ist, oder ob nicht vielmehr sie ihn einfach niedertrampeln. Wenn er’s geschafft hat, soll er in die Ackerfurchen Drachenzähne säen. Dra­chenzähne stehen symbolisch immer für Krieger. Also: Kämpfen von einem bestellten, nicht verheerten Boden aus. Beide Aufgaben löst Jason nur, weil Medea ihm hilft. Und hier die Frage: Warum tut sie es? Ovid weicht aus und beantwortet sie mit Cupidos Pfeil. Medea habe sich also in ihr Gegenprinzip verliebt. Dumm das. Sie hat in den Metamorphosen ziemliche Gewissensbisse deshalb und auch düstere Vorahnungen. Aber sie gibt dem Gefühl nach; Ovid charakterisiert sie ziemlich so, wie noch das heutige Vorurteil Frauen gern sieht.
Grundsätzlich liegt die Sache nämlich anders. Ich nehme auf den Göttin-und-ihr-Heros-My­thos bezug und referiere dazu die Frauenforscherin Göttner-Abendroth. Hieros Gamos, näm­lich die Heilige Hochzeit, vollzieht sich so: Der sakrale König oder Heros (Jason) ist Vertreter der Menschen, mit dem sich die Göttin in Gestalt ihrer Priesterin (Medea) verbindet. Dies ist die tatsächliche, von Euripides und Ovid patriachal entstellte Folie. Von hieraus wird ver­ständlich, weshalb Medea sich gegen ihren Vater auflehnt. Wahrscheinlich wird er ihr geraten haben, von Jason die Hände zu lassen. Er hat indessen keine Macht. Medea hat Jason als ihren Heros ausgewählt (zunehmender Mond), sie wird sich mit ihm in der Heiligen Hochzeit ver­binden (Vollmond), und er wird dann sterben (abnehmender Mond), verschwinden (Neumond) und als sein eigener Sohn wiedergeboren werden (zunehmender Mond). Diese Zirkularität fin­den wir in dem jüngeren Sohn bestätigt, der der Mutter Medea zugeschlagen ist. “Vielleicht erkennt der Vater sich in dir”, sagt ihm der Knabenführer bei Jahnn. Der jüngere nun muß es sein, denn im Matriachat obwaltet Ultimogenitur, das heißt die jüngere Tochter erbt. Noch bei den Griechen war die Erbfolge lange Zeit hindurch matrilinear; Land vererbte sich durch Töchter, Königreiche auch. Das macht so viele Hochzeitskriege erklärlich. Daß im Patriachat dann der älteste Sohn erbt, ist eine geradezu banale Umkehrung und eben in dieser Banalität so verräterisch. Doch führte es zu weit, hier Ovid oder Euripides auf die Finger zu hauen. Jahnn allerdings hat die Hände schon allzu bereitwillig ausgestreckt. Denn bei ihm erkennt Medea im älteren Sohn plötzlich Apsyrtos, den von ihr zerstückelten Bruder. Sie ruft sogar:

Auf ihn schaut! Meines Bruders Leib!
Ihm gleicht mein Kind. In meinem Schoß
wuchs er, ihm gleich, mein Sohn. Kaum weiß ich, ob
von Jason ich empfangen hab den Erstgebornen.

Das schlingt die Bande nur noch fester um Mutter und Sohn. Der Brudermord Medeas war nämlich zugleich Gattenmord. Dem Bruder war Medea versprochen. Geschwisterbeziehungen galten höher als die zwischen Gatten. Insofern hat Jason Medea seinen Vater erschlagen lassen. Medea dazu:

Unfaßbarer Zwiespalt:
Mein Sohn und mein Bruder. Jasons Blut.

Vermutlich unbewußt gießt Jahnn hier den Ödipus-Komplex in den Text. Umso schlimmer, als der ältere, Jason zugeordnete, Sohn ja das Patriachat vertreten soll und der jüngere mutterrechtlich verstrickt ist. An diesem Zwiespalt zwischen Vater/Bruder und Mutter kann sich auch seine Pubertät nicht vollen­den. Auch er geschlechtsindifferent.

Halb hat dein Blut, das wildverstockte, wehschreiend rot und überrot
dein Herz bedrängend, dich belehrt,
daß deines eignen Wesens zweite Hälfte
in einem andern Leib verborgen liegt

So sagt der Knabenführer. Und indessen es plötzlich den älteren Bruder zur Frau drängt, drängt es, aufgrund dieses inneren Wider­spruchs, den jüngeren Bruder zum Bruder. “Mit meinen Händen hab ich seinen Körper beta­stet”, schreibt Jahnn über seine Liebesbeziehung zu Gottlieb Harms. “Tat Friedel seiner Henny nicht dasselbe?” Um diese Indifferenz zu kaschieren, fügt er der alten patriachalen Entstellung eine neue, scheinbar homosexuell motivierte, bei, als könnte ein nächster Irrtum den vorherigen berichtigen. Einer Frau verdankt Jason sein Leben: symbolisch wie real, und real sogar mehrfach. “Das Leben Jasons war fünffach verwirkt”, sagt Medea. Nun dreht es Jahnn so hin, daß Medea Jason die ewige Jugend schenkt. Er macht sie, symbolisch gesehen, dadurch zu seiner Mutter, die sie als Priestergöttin ja auch ist. Mehr noch: Die Mutter-Medea erlaubt dem Gatten-Sohn nicht, erwachsen zu werden. Dadurch verstößt sie gegen die eigene Doktrin. Nicht daß sie ihm die tödlichen Aufgaben bestehen half, ist ihr Vergehen, sondern sie hätte ihn nach der Heiligen Hochzeit töten müssen wie Artemis den Hirsch, damit er wiederge­boren werden kann. Statt dessen schenkt sie ihm ewige Jugend, jedenfalls solange sie selber lebt.

Sie altert, damit sich am Ende erfülle,
an uns auch das Schicksal der Menschen,

be­richtet der jüngere Sohn. Beide Söhne und Jason bleiben also permanent abhängig von Medea. Es kann sich kein Abnabelungsprozeß und keine Reifung erfüllen. Insofern verdoppelt sich Jason, anstatt erwachsen zu werden, ganz so wie sich Gustav Horn in Alfred Tutein verdop­pelt. Die Verdoppelung wird zur narzißtischen Identifikation, und wenn dann, das ist völlig logisch, Jason anstelle seines Sohnes Kreons Tochter erst begehrt, dann ihm wegnimmt, ist das für ihn eigentlich kein Unterschied. Er kann die Differenz nicht sehen. Bei Jahnn ist Aison, Jasons Vater, ausgespart, Jason gewissermaßen vaterlos. Symbolisch gesprochen: Er hat von seiner Mutter zwei Kinder. Ödipus ruft hier nicht, sondern schreit. Aber nicht habe Jason aus Tumbheit mit der Mutter geschlafen, sondern weil ihm die Mutter erst als Frau erschien und dann sich zu seiner Mutter demaskierte. Als hätte Jason nicht genau gewußt, welches Land Kolchis ist! Das wirft ihm Medea denn auch vor, womit sie recht hat. Insofern ist schon Jasons ewige Jugend Medeas Rache, und zwar an sich selbst. Das Patriachat bleibt jung, und das Matriachat ist alt und unansehnlich geworden. Letztlich ist jenes aber ohne dieses nicht le­bensfähig. Also trägt Jason das Schuldgefühl jedes Knaben aus, der sich von seiner Mutter lö­sen möchte. Zwar kommt ihm Kreons Töchterlein gerade zurecht, Jason will bei Jahnn ja nicht einmal mehr heim, und erst, als Medea ihn lächerlich macht, stellt er sich ihr. An dieser Stelle des Dramas ist bei Jahnn anstelle einer Ehezerrüttung ganz offensichtlich ein Abnabelungsver­such dargestellt, das Verhältnis einer Mutter und ihres adoleszierenden Sohnes. Das alles geht fürchterlich schief, die Mutter ermordet ihm die Frau. Sehr früh im Drama klagt Medea schon:

Ich bin den Toten fast gleich in meinen verdumpften Gemächern

und weiter unten:

Zersägt in zwei Hälften ist dieses Haus,
geschieden in Traurig und Lichtes, in Altes und Neues,
(…)
Gesellig und Einsames. Was wirfst du mir vor?
Bin ich verbrannt denn und blutlos,
nur Asche und tot? Fließt in meinen Adern
rollend kein Blut mehr? Ist schwarz meine Leber
durch Alter geworden? Ist dir zuwider
mein Kuß, der Hauch meines Leibes?

Deutlich. Eine Mutter klagt, daß ihr Sohn sie verläßt. Und Jason antwortet als Sohn:

Ich bin nicht schuld an deinen Leiden,
lieb ich dich doch ganz nach dem Maß
der fortgeschrittnen Jahre.

Wenn die Mutter ihn nicht gehen läßt, wird daraus Haß. – Einzigartig an der Medea nun ist – und deshalb habe ich für meinen Vortrag dieses Stück ausgewählt -, daß die Mutter dem Sohn nicht mal mehr das Schlachtfest erlaubt, ihm jeglichen Dionysmus entzieht und sprichwörtlich leer zurückläßt. Jahnn wäre zu weit gegangen, hätte er in seiner Version der Medea nun Medea hinschlachten lassen. Er hätte dann auch nicht mehr den Urvorwurf des Sohnes vorbringen können: Du läßt mich nicht gehen, denn hier wäre dann endlich der Sohn gegangen und also erwachsen geworden.
Die Medea beschreibt, wofür sich alle anderen Texte Jahnns rächen. Das von der Parthenogenese träumende Patriachat kann sich nicht aus sich selbst erhalten, geschweige selbst erzeugen kann. “Ich konnte mir denken”, schreibt Jahnn, “daß ich ein Kindlein trüge und es gebäre und tränkte. Ich deuchte mir ernst und schwer genug für solches Amt; aber ich war ein Mann.” Deshalb müssen die Frauen zwar hingenommen, aber erniedrigt und ständig aufs neue niedergeworfen werden. Damit man sie auch glauben kann, muß man die Zerschlagung des Matriachats stets neu inszenieren. Wiederholungszwang. Im Epilog des Flusses ohne Ufer heißt es von den Frauen, sie seien “Etwas mechanisch Erwärmtes, das man nach dem Ge­brauch vergessen darf.” Und weiter vorne: “Sie alle haben Brüste. Sie alle haben die Gleit­bahn, auf der wir ausrutschen.”

Ecco.

ANH, Oktober 1994
Frankfurt am Main

%d Bloggern gefällt das: