In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Neununddreißigster Tag. Zweite Serie, dreiundzwanzigster Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Der Übermensch geht” ||

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070
EAN: 9783866380073

 

“Maria, veni, stella maris!”: zum Finale der Béarts: Als Arbeits-, nebenbei auch wieder Coronajournal des Sonntags, den 7. Juni 2020, sowie als Krebstagebuch am 39. Tag/Chemo II Tag 6. Die Brüste der Béart, 50.

 

[Arbeitswohnung, 9.03 Uhr
73,3 kg | Ruhepuls 47]
[John Corigliano, → The Ghosts of Versailles (1992)
Radiomitschnitt der UA aus der MET]

Dazu, zu dieser von mir fast vergessenen, nun durch Zufall → wiederentdeckten Aufnahme, kam ich zurück, als ich nun auch ein Gerät neu installiert hatte, mit dem ich noch zu Frankfurtmainer Zeiten auf VHS-, also Videocassetten aus dem damals noch funktionierenden Satellitenradio Übertragungen deshalb in besserer als CD-Qualität aufnehmen konnte, weil ich die Musik über sämtliche Spuren aufnehmen ließ, über die solch eine Videocassette verfügt, also auch auf den Spuren für die Bilder. Dadurch erreicht sich eine sowohl extrem hohe dynamische Auflösung als auch ein riesiger Frequenzgang, was alles selbstverständlich nur dann wahrnehmbar ist, wenn nicht nur das Abspielgerät selbst, sondern auch das dahintergeschaltete Equipment es darstellen kann. Dann allerdings, liebste Freundin, fliegen Ihnen schon mal die Ohren weg oder Ihnen wird vor erschüttertem Staunen schwach in den Knien, doch feuerig im Herzen und frei, so frei im Geist!

Außerordentlich lange geschlafen heute; die Zeit wird mir nachher fehlen. Dennoch muß und will ich mich heute um anderes als um Liligeia kommen, die mich fast ausschließlich in Anspruch nimmt, zu ausschließlich, weil ich mit den anderen Arbeiten nicht vorankomme. Und auch, wenn ich weiß, wie sehr Sie darauf brennen, von Herbsts Erlebnissen im Wadi der Verstrickungen (وادي التشابك) zu hören, das er → gestern wirklich erreicht und von dem er eine fotografische Aufnahme aus wohl keinem anderen Grund als dem innerlich gefühlten Beweisenmüssens angefertigt hat, daß einem wirklich ganz schummerig wird (ja, Geliebte, scrollen sie bis 18.21 hinunter) und aber auch die Krebsin selbst zu reagieren sich, so spüre ich, genötigt sah — und in welch anderem Ton plötzlich! — , auch wenn ich das sehr genau weiß, sogar für nachfragende Leserinnen → Lis Handschrift zu übersetzen versucht habe und rasend gerne nun weitererzählen würde, muß ich jetzt einfach an die zweidrei CDs, die hier schon lange zur Rezension liegen, und mich vor allem um die → Béart XXXIII kümmern, für das ich nun endlich den Ansatz fand oder gefunden zu haben doch glaube, um nämlich des Gedichtzyklus’ Finale wirklich als einen Hymnos gestalten zu können, der zugleich tief in der Geschichte ruht. “Hymnos” war tatsächlich der Schlüssel. Daß mir dann Veni, Creartor, Spritus einfiel, hängt wahrscheinlich erstens mit dem soeben vergangenen Pdfingstfest zusammen als sicher auch damit, daß ich in den vergangenen Wochen wieder so viel Mahler hörte, dank auch meiner Leserinnen und Leser, der → Hrabanus Maurus’ Dichtung bekanntlich für den ersten Satz seiner VIII auskomponiert hat. Da der Text allerdings ausgesprochen patriarchal ist, monotheistisch halt, war mir andererseits sofort klar, daß ich ihn verändern würde, nämlich nur seinen Rhythmus verwenden, auf den ich völlig andere Wörter schreiben würde, solche, die sich auf das Ave Maris stella beziehen sollen, um der innere Verbundenhei der vor allem südlichen Maria mit uralten Demeter-, aber auch nahit-Figuren poetisch zu folgen.
Der ersten Ansatzentwurf sieht nun so aus, wobei zwischen die “klassischen” Venicreatorverse freie “moderne” (freirythmische) Strophen geschaltet werden sollen:

ANH:
Scheine, Schöpf’rin, hernieder und
– | – | – | – x
ziehe es, des Sternmeers Licht,
– | – | – | – x
aus den Erdsekreten aufseh’nd
– | – | – | – x
über mich als Wasserhaut und
– | – | – | – x
Veni, creator spiritus
– | – | – | – x
mentes tuorum visita:
– | – | – | – x
imple superna gratia,
– | – | – | – x
quae tu creasti pectora.
– | – | – | – x

immer noch weiter, hoch an den Mund
und bis ich ertrinke, höher noch, drüber,
wie ich, Béart, Dich lebenslang trank,
bis Du mich aufsteigend einsinken läßt
unaufersteh’nd in die Erde zurück,
und ich zerfalle in was Du mir warst,
der ich gehöre, noch, ein letzter,
bevor uns die Welt zu gut, noch zu zeugen,
gemacht haben wird, und zu empfangen:

Goethe:
Du heissest Tröster, Paraklet,
Des höchsten Gottes Hoch-Geschenk,
Lebend’ger Quell und Liebes-Gluth
Und Salbung heiliger Geistes-Kraft.
Qui diceris Paraclitus,
– | – | – | – | x
donum Dei altissimi,
– | – | – | – x
fons vivus, ignis, caritas
– | – | – | – x
et spiritalis unctio.
– | – | – | – x

Und wieder ein Freirhythmer, wobei ich mich für die Übersetzung des lateinischen Hymnus an die weniger bekannte von Goethe anlehnen will, die im Versmaß, soweit es über die  Vierfüßigkeit hinausgeht, auf eine für ihn ziemlich typische Weise unphilologisch-locker gebaut ist, virtuos und elegant, zugleich aber – und genau das nimmt mich ein  – etwas dabei unternimmt, das → in Mathias Mayers vorzüglichem, für die NZZ geschriebenen Artikel

ISLAMISIERTES CHRISTENTUM, POETISIERTE RELIGION

genannt wird, ein Impuls, den ich von ihm, Goethe, sozusagen u nbewußt geerbt habe, denn mir den Islam, bzw. von ihm anzueignen (es zu “internalisieren”), was mir gefiel und was sich poetisch als für meine Ästhetik wunderbar geschmeidig erwies, ist etwas, mit dem ich ohne einen Fremdbezug begann, der mir jedenfalls klar gewesen wäre. Ist auch nicht wichtig. Doch “poetisierte Religion” trifft ziemlich genau eine meiner Intentionen oder doch deren Umkehrung, die diese meine Innenbewegung wahrscheinlich schon früh bewirkt hat.

_________
>>>> Béart 51
Béart 49 <<<<

Genau deshalb muß ich grad wieder dran denken, daß ich → die PRÄGUNGEN-Reihe fortsetzen will, ein Gedanke, vielleicht sogar eine künstlerische, als quasi Nachlaß, Notwendigkeit, die mir neulich neu bewußt wurde, als ich mir vergegenwärtigte, welche Musiken mich vor allem geprägt haben – früh geprägt haben, meint das. Etwa trägt die älteste Schallplatte, die ich habe, bzw. an die ich mich als an die älteste erinner, die durchlaufende von mir selbst (damals noch als Alexander Michael v. Ribbentrop, der ANH war da noch fern) vergebene Nummer 5: Es ist Tschaikowskis Fünfte Sinfonie in einer Billigpressung der Gloria, damals, ich erinnere mich, für 5 DM zu bekommen, als es “normale” Schallplatten noch nicht unter 25 DM gab. Wobei die Nummer, also die 5, nicht der Realität entsprechen dürfte, weil nämlich die Nres 1 – 4 für die vorherigen Sinfonien Tschaikowskis von mir vergeben wurden, ich also sehr wahrscheinlich eine Chronologik am Archiv haben wollte. Doch genau diese fünfte Sinfonie, New Philharmonic Orchestra unter Artur Rodzinski, ist mit Gewißheit die zweite Musik, die mich zutiefst geprägt hat; die erste hörte ich vielleicht zwei Jahre vorher, mit elf oder zwölf, als ich den Plattenschrank meiner Großeltern durchstöberte (da liebte ich, wie sie, Hermann-Löns-Lieder und Karel Gott, is’ scho’ an bisserl peinlich; später kam noch Daliah Lavi dazu) und auf → Kienzles Evangelimann stieß, nämlich auf “Selig sind, die Verfolgung leiden” – was, zumindest in der Schule, meinem eigenen Grundgefühl entsprach und eben ein “Gefühl” viel weniger als die tägliche Erfahrung von etwas war, für das es den Begriff Mobbing damals noch nicht gab. – Diese Platte aber, es muß eine Single gewesen sein, die ich heute gar nicht mehr abspielen könnte (mein Linn ist Purist; nichts geht als, allerdings perfekt, 33 1/3 Umdrehungen pro Minute), habe ich nicht. Die dritte allerdings, die mich dann lebenslang prägt, trägt die Nummer 22: Mahlers Erste Sinfonie unter Bruno Walter mit dem  Columbia Symphony Orchestra vom Januar und Februar 1961 aus Hollyood. Auch hier habe ich noch nicht als ANH archiviert; ich habe die Platte während meiner letzten beiden Braunschweiger Jahre auf dem Grabbeltisch gekauft, wohl ebenfalls für fünf Euro, bevor ich mich zwischen einem Erziehungsheim und → meinem Vater entscheiden mußte, den ich seit meinem vierten Lebensjahr nicht mehr gesehen hatte. Was dann auch reichlich schief geht. Doch dort, in dem haushalb zerfallenen, doch hälftig mit seinen eigenen, in dieser Hinsicht begnadeten Händen wieder aufgebauten reetgedeckten Gesindehaus des Fleckens Bramstedt, – dort erreichte mich als Geschenksendung gleich der nächste Mahler-Archetypos, nämlich seine zweiter Sinfonie, auf die ich dann sogar eine Erzählung schrieb, die hier immer noch herumliegt und von der ich versucht bin, sie in eine neue Fassung zu bringen, die Gültigkeit bewahrt. An dem alten Text ist nämlich etwas, spüre ich dran; es war wahrscheinlich genau dies, was damals den alten → Manfred Hausmann bewog, mich → zu sich einzuladen und in seinem weißen Haus an der Unterweser ein Gespräch mit mir zu führen, das mir einen Weg wies, der sich erst nach Jahrzehnten vor mir zeigte und den ich dann, nach Jahrzehnten, tatsächlich ging. Jedenfalls setzte ich immer wieder den Fuß, um ihn zu prüfen, darauf. Und stehe nun fast am Ende dieses Weges mit Hausmanns mich seit damals, als ich noch achtzehn, begleitenden Versen, von denen Sie, Geliebte, mir nachsehen möchten, wie oft ich sie schon zitiert habe:

Laß uns, wie gut es auch, wie schlimm es um uns stehe,
laß uns barmherzig zueinander sein.

In dieses Barmherzigzueinander hat sich vieles bewegt, das ich seit den Bamberger Elegien geschrieben, und hier werden auch die Béartgedichte enden, fast, in einer Anrufung der Schöpferkraft, aber eben nicht einer vorgestellt männlichen, sondern eben weiblichen — für genau die ich so darauf beharre, daß es Geschlechter jenseits der sozialen Konstruktionen gibt und eben derenthalben, und nicht aus lächerlichem Machismo, ich solch ein Gegner  der sogenannten Gendercorrectness bin, bleibe und bleiben auch muß, hinter der ich etwas ganz anderes wirken spüre, als sie selbst überhaupt will oder zu wollen meint. In einem ganz anderen Gedicht habe ich es schon einmal ausgedrückt:
DER ÜBERMENSCH GEHT
Der da kommt
kennt nicht den Rauch und die Mandel
weiß von den Pforten Andromedas nicht
hört nicht an Zweigen die Toten
nicht Neros Räusche, als er Prometheus dankte fürs Feuer
und kaute mit an der Leber

hat clean auf der Klinke die Hand unverdammt liegen
und drückt sie
zur Zukunft hinunter

Hell ist sein Aug
Hell ist sein Haut
Hell ist sein leerer Gedanke

So tritt er ein
analphabet von den Alephs entbunden
Dazu paßt nun wahrlich mein Krebs, all dieses zusammenzuführen. Wobei mich die Chemo ja doch ziemlich in Ruhe läßt, von den Bekifftheitszsutänden abgesehen, die ich → nicht erfunden habe, sondern seit der Phase II extrem erlebe; sie geben meiner Durchquerung der Nefud eine fiebernde Realität, unter der sich alles andere wegbeugt, seien es die bisweiligen, doch eh gut aushaltbaren Tumorschmerzen in der Brust, sei es die dämliche, weil lästige Obstipationsneigung, sei es das neuerdings immer wieder mal auftretende, leichte Nasenbluten; auch hier Schädigung der Schleimhäute durch die Zytostatica, und seien es selbst die Kribbeleien in Fingerspitzen und zuweilen Zehen oder auch das allein nach Art einer “physokosmischen” Hintergrundstrahlung spürbare, gleichsam subkutane Übelsein, das man mit Haltung einfach so vergißt, Medikamente sind ganz unnötig. Ligeia zieht mich auf einen Erkenntnispunkt, vielleicht mehrere solche Punkte zusammen; Sie können, Freundin, sagen, daß sie mich konzentriert. Und seltsam dabei, wie in den Hintergrund Corona gerückt ist, obwohl ich mir eine solche Infektion nun wirklich nicht einfangen sollte. Mit meiner Diagnose bin ich vorderste Risikogruppe und habe dennoch nicht die Spur von Furcht. Was ich im Blick habe, ist meine Arbeit, weil sie sein wird, was zurückbleibt und es auch bleiben soll, und um die ich nun eine Formklammer leben möchte, eine Lebensformklammer, so, wie im – kurz vor Porto Empedocle – Flecken Caos, es hat mich immer beeindruckt, Pirandello unter der unterdessen sehr hohen, immer wieder vom Scirocco gefledderten Pinie hinter seinem Geburtshaus beerdigt ist, die so direkt am mare africanus zu diesem Anlaß erst gepflanzt wurde und heute noch immer da steht, doch bereits fünfzehn Jahre älter jetzt, als der geworden war, dessen posthumer Beschirmung sie dient. Wer “dient” der meinen? Meine Pinien sind die Bücher. Und ich nur kann mich um sie kümmern, fast nur ich. Sollte – nein, ich fürchte es nicht – bei der OP dann doch etwas schiefgehen, muß vorbereitet sein, was noch herauskommen soll. Es ist dies der reine Pragmatismus, nichts anderes, doch, stimmt nicht … – ist künstlerische Verantwortung noch. Und da nun stehen an erster letzter Stelle die Béarts. Die müssen, vor der OP, lektoratsfertig sein. Und erst danach, wenn ich sie überstanden haben werde, mit oder gegen Ligeia, werde ich auf Nächstes blicken können, die Triestbriefe, den Melusine-Walser-Roman, die alte Erzählung DAS HAUS auf der Grundlage der zweiten Mahler-Sinfonie. Sich zurück in die Vergangenheit biegen, doch festen Stands im Heute: auch dies ist ein Pfeil- und Bogenbild, Robin Hood, dessen Erzählungen dennoch die Zukunft anvisieren, oder gerade deshalb.
Und Alban ben Nemsi? Er wird zur Zeit im Rausch sein. Ich habe keine Ahnung, noch keine, durch was er gerade treibt, getrieben wird, was ihn voranschlägt Hieb um Hieb (und Kuß wahrscheinlich auch um Küsse), doch werd ich es erfahren, sowie ich mich wieder anders ausrichte, als es jetzt vonnöten. Wahrscheinlich gegen Abend. Dann werde ich es ihn | für Sie niederschreiben lassen.
Ihr ANH

 

 

 

[20.45 Uhr
Peter Maxwell Davies, Second Fantasia for Orchestra (1964)]


Sashimi der Verstrickungen

Durchs Zweite Tor der Hölle: Einritt in den nächsten Nefudkreis sowie die Injektionen. Aus der Nefud, Phase II (1): Mein Krebstagebuch des Dienstags, den 2. Juni 2020, Tage 34 & 35. Dazu der BND.

أ تاريخ الكيمياء قديماً في قالبٍ يلّفه شيءٌ من الغموض والإثارة ، فقد ارتبطت ارتباطاً وثيقا في تلك الأزمنة القديمة بالسحر والشعوذة والتنجيم ،حيث كان السحرة يجرون بعض التفاعلات الغريبة والمثيرة كتلك التفاعلات التي يحدث فيها تغّّير في اللون وتصاعد الدخان لخلق جو مناسب لأعمالهم الخسيسة والمشينة والتأثير
(Von → dort.)

 

 

[Nefud. Anderswelt
بيت الكيمياء
4.56 Uhr, 73 kg]

 

Tatsächlich ausgeschlafen. Doch war die Nacht einmal wieder schwierig. Gestern gegen 22.30 Uhr pochten, wahrscheinlich eine Folge des im Wortsinn wüsten Tages und all seiner Erregungen, unversehens wieder die Brustschmerzen, die ich schon fast vergessen hatte: genau dort, und dann seitlich ausstrahlend, wo meine Tumorin sich eingegraben hat. Dennoch wollte ich kein Schmerzmittel nehmen, sondern schauen, ob bereits das Dronabinol etwas bringe, von dem ich die fünf Tropfen auf meinen nun schnell abzuleckenden Handrücken gab; auch etwas nachzulutschen kann nicht schaden. Doch um halb eins, ich konnte nicht einschlafen, griff ich dann doch noch zum Novamin, diesmal in der flüssigen Form, weil’s dann schneller wirkt. Was geschah. Bis kurz vor fünf schlief ich dann durch.
Jedenfalls war es gestern noch ein wilder Ritt; und es erwiesen sich die Waffen als ein Segen, die wir  im Relais bei بجده fast aufgenötigt bekommen hatten, obwohl wir mit ihnen ja nicht wirklich umgehen konnten. Glücklicherweise konnten die WegelagerInnener es ebenso wenig; auf See hätten wir sie führerlose Piraten genannt, die aus nichts als ihrer aus einer Verzweiflung erwachsenen Wut geradezu blind agieren, deren kläglicher Widerspiegel das knochige Schiff ist, auf dem sie darben müssen. Ich meine, wie lange mußten sie schon elend hier zugebracht haben, wann zuletzt ist die Nefud Meer gewesen! Vor 250 Millionen Jahren? Da gab es doch Menschen noch gar nicht! Doch zerplatzte jetzt die fast Mittagstaubheit der flirrenden Nefud in ein kreißendes Kugelgebrüll, das von Hunderten Knallfröschen und dem einsamen Pfeifen arktischer Winde erzeugt zu sein schien, die in einer Wüste, egal welcher, anders als heimatlos gar nicht sein konnten. Und über zwei der uns flankierenden, bis (schätzungsweise) an die  dreißig Meter aufgewehten blenden gelben Dünen ergoß sich eine Flut von … ja, ich weiß nicht, ob Arabern, Persern, Beduinen; vielmehr waren es Desparados, eben genau wie bei Piraten, auch chinesischer, koreanischer, ich weiß nicht, sogar von Indio-Abkunft darunter, die alle wild mehr um sich herum ballerten als tatsächlich auf uns. Wobei halt wir auch selbst so ballerten, also nach der halben Sekunde, die es brauchte, die Situation überhaupt erstmal zu glauben. Ich meine, das erste, was ich sah, waren blitzende Krummschwerter, die in Wahrheit aber niemand trug und schon gar nicht schwang. So zensiert uns unsere Prägung. Weshalb es selbstverständlich ein Irrtum ist, in einigen der Wüstenpiraten – PiratInnen, um correct zu sein – Vertreter*innen der aggressiven Genderleugnung zu erkennen, die es ziemlich deutlich nur auf mich, hingegen gar nicht auf Faisal, geschweige seinen recht androgynen Diener Lars abgesehen hatten; auch unsere übrigen Begleiter interessierten sie nicht. In wildem Evoé rasten sie mänadisch nur, mänadisch-invers also, in so alleine meine Richtung, daß mein armer Röhrerich sich vor Panik beinah bäumte und erst dadurch zu beruhigen war, daß ich ihn nun schon zum zweiten Mal “Rih” nannte. “Pscht, Rih”, mich vorbeugend, seinen kraftvollen, nach atmendem Fell duftenden Hals tätschelnd, ihm dann das Geheimwort zuraunend, woraufhin er sich unmittelbar herumwarf und in einer Geschwindigkeit davonrannte, daß ich alle Hände und Füße zu tun hatte, in dem Sattelgestell sitzenzubleiben, nicht runtergeschwankt zu werden. Man ahnt nicht, was man bei Kamelgalopps alles verlieren kann; man wird wie ausgeschüttelt, plötzlich sitzt die Leber im Oberbauch, der Magen direkt unterm Kehlkopf und die Speiseröhre verbindet den Krumm- mit dem Grimmdarm. Gut, so konnt’ ich mich schon mal vorbereiten, falls es am Ende, also zur Operation, doch so weit kommen sollte, daß mich die Chirurgen meines gesamten Magens enteignen (woraufhin die Restspeiseröhre und der Darm direkt verbunden werden würden). Was aber immer noch besser wäre, als von sozialen GeschlechtskonstruktInnen gekillt zu werden. Außerdem gewöhnt man sich bei einer Chemo an so etwas eh  und schließlich gehört es zum Alltag — dem jedenfalls zu glauben, was erzählt wird. Ich selbst zwar bin bislang von solchen Nebenwirkungen weitgehend verschont geblieben; daß sie mich wiederum jetzt so, sagen wir, “einholten”, ist für meine Arbeit ziemlich typisch.

Nicht Rih und ich alleine waren davongestoben. Faisal hatte unsere Davonflucht offenbar sofort bemerkt und mit einem reißenden Pfiff, der zu diesem reservierten Patriarchen in keiner Weise paßte, seinen ibn Gamael zur Folgschaft mitgerufen, und da wir nun schon zu dritt flohen, also zu sechst, wenn wir, was wir tun sollten, die Dromedare mitrechnen, folgten schon fast alle übrigen auch, wobei wir später feststellen mußten, daß uns einer der Scouts fehlte. War er gemeuchelt worden, hatte er sich verirrt, dürften wir ihn zurücklassen?
Wir berieten.
“Wenn er sterben soll, dann steht es so geschrieben”, sagte Faisal ungerührt.
Nichts steht geschrieben”, war verärgert meine Antwort, wenngleich ich mich durchaus an → die Rettung Gasims erinnerte und daß dann eben doch alles schon “geschrieben” stand, so daß ich jetzt, bevor ich zur möglichen Rettung des Scouts tatsächlich zurückritt, vorsichtshalber in die Runde fragte, ob jemand mit … nein, nicht Gasim, sondern der Mann hieß Bassam (wiewohl ich mich nicht erinnern kann, ihn lächeln jemals gesehen zu haben) … also ob jemand noch eine Rechnung mit dem Lächler zu begleichen habe, Finger um Zehe, Auge um Zahn? Womit ich die قصاص meinte, Blutrache also, ich kenne den berühmten Film geradezu auswendig, die am Ende El Aurence hatte an dem Geretteten ausführen müssen, um seine Truppe nicht zu spalten. Zudem erinner ich mich gut des höchst archaischen Satzes, daß, wer Leben gebe, es auch nehmen dürfe. (Glaube also nicht, o Li, daß ich den Zusammenhang nicht sähe: Er, dieser Satz, gilt besonders für uns gewährte Inspirationen.)

Es lag mit Bassam niemand krumm.
“Also wolln Sie wirklich ..?” – Faisal wirkte tatsächlich besorgt, aber wohl auch, weil wir wegen des Überfalls viel Zeit verloren hatten; wir waren im Haus der Chemie (بيت الكيمياء) für spätestens morgen um zehn Uhr erwartet, das hinter dem sandroten, gigantischen Felstor den Beginn des nunmehr Zweiten Höllenkreises markiert. Was ich momentan aber noch nicht wußte. – Und es ging bereits auf den Abend zu.
Dennoch,  nicht einmal mein Röhrerich protestierte, als ich ihn wendete; ich glaube, er verstand, daß ich mir etwas unbedingt beweisen mußte. Es geht ja nicht darum, die Nefud irgendwie durchzustehen und ihren bösen Wirkungen standzuhalten, die in den Beipackzetteln von Medikamenten fast durchweg falsch, zumindest allzu euphemistisch  “Nebenwirkungen” genannt werden, obwohl sie an Schwere das Elend der primären Erkrankung noch in den Schatten stellen können. Sondern gerade dann, wenn wir uns von diesen, nun gut, Nebenwirkungen nicht oder, wie ich, nur kaum haben erwischen lassen, geht es darum, eine besondere Haltung zu kultivieren, mit der nun wir das Schicksal bedrohen, ihm zumindest die Stirn zeigen: als freie Männer und Frauen. Ganz wie ich es Dr. Faisal-Josting schon vor Tagen gesagt habe: – daß ich nicht krank sei, nicht im entferntesten, sondern einen Tumor hätte (ich mochte meinen Arzt poetische nicht überfordern, nur deshalb, nicht aus Widerstand gegen die sogenannte Gendercorrectness, benannte ich das Geschlecht nicht korrekt), und daß ich schon gar nicht dessen Opfer sei (mithin: Lis), sondern im Gegenteil ihn zu dem meinen machen werde, sofern er nicht sich mildre.  Dies nun war auch so eine Gelegenheit, zumal es mich doch reichlich wurmte, vor den sozialen KonstruktionspiratInnen derart besinnungslos geflohen zu sein. Wer fürchtet denn Abstrakta, und toben sie noch so mächtig einher? (Mein Röhrerich dachte offenbar genauso und ließ sich durch den Sand wie durch eine Wiese führen, deren Blumenköpfchen ihn an den Fersen streicheln. Was Röhrerich sehr mag.)
Die Sonne aber sank bereits, zur Dehydration würde Bassam allerbaldigste Auskühlung drohen. Das über dem noch aber heißen Boden kirrem Wasser ähnlich flirrende Licht machte es mir schwer, nach ihm Ausschau zu halten, schon gar ins horizonte Ferne, das wie von Morganen getupft war: So eng hängen Abend- und Morgenland ineinander, daß die schimärste Wüstenspiegelung nach einer keltischen Zauberin benannt ist, in deren opaker gleichsam Blase ich, umhüllt von ihrer Helligkeit, durch den Kokon längst nicht mehr meiner eigenen Wirklichkeit ritt und mich dabei ganz auf die Trittsicherheit des Röhrerchens verlassen mußte. Immerhin konnte ich davon ausgehen, daß Tiere von magischen Wahrnehmungen nicht heimgesucht werden, es sei denn, tja, auch sie seien, ganz wie “Frau” und “Mann” nichts als soziale Konstrukte und biologische Fakten die bloß brutale Faust meines Machismo. Wobei es aber nun darum ging, jemanden zu retten und es dafür völlig egal war, ob’s ein Weibchen, Menschchen, Tier.
Und dann sah ich ihn, Bassam, doch. Ganz im Sonnenstrich schleppte er sich einher, den die Erde durch eine Längslamelle der, kam es mir plötzlich vor, unversehens herabgesunkenen Nacht noch in die Welt ließ, weshalb er klein war wie ein Punkt, nein, ähnlich einer schmalen, senkrecht stehenden Pupille, die aber Füße hat. Nur eine Hand müßte ich nach ihr ausstrecken, könnte sie mit Zeigefinger und Daumen am Köpfchen nehmen, zu mir heraufheben und schließlich in die Brusttasche meines Gewandes stecken, wo es seine Erschöpfung ausschlafen würde, bis es wirklich gerettet war. Es würde dies auch Wasser sparen, das für den Rückweg bereits knapp war.
Plötzlich war die Pupille verschwunden, sei’s daß die Nachtlamelle sich unter der noch fahlen Barke des Mondes nun völlig geschlossen hatte, sei’s, daß Bassam vor Erschöpfung gestolpert, schon gefallen war und nun, alleine hilflos, dalag. Wie ihn da nun finden? – Schnalzend trieb ich Röhrerich an, beherrschte mich, das Rih-Wort nicht zu verwenden; dann nämlich wär mein Tier zu schnell geworden. Ich mußte sogar absteigen und mein Dromedar am langen Zügel weiterführen; riesig ein Ohrensessel auf Stelzen, hinaufgestreckt dazwischen den erhobenen Kopf eines Steckens, so schwankte es hinter mir drein — wovon mir aufs neue leicht schlecht wurde; ein Grundmodus seit Beginn der Chemo, meist nur leis im Hintergrund und ziemlich leicht zu nehmen. Nur manchmal eben, wenn das Wüstenschiff so schwankt … Verzeihung, Sie haben recht, “Wüstenschiff” läßt sich auf Dromedare nicht anwenden, anders als auf die zweihöckrigen Trampeltiere, für die das Wort geprägt worden ist. Dennoch setzt die Schwankerei mir immer wieder zu, tat es jetzt sogar, da sie hinter mir stattfand und nicht mehr drunter unter mir.
“!مساعدة“, fast nur geflüstert noch, “Zu Hilfe”, fast wie geröchelt, und “!الماء ، الماء من فضلك“, “Wasser, Wasser bitte …”, ich konnte überhaupt nichts mehr sehen oder noch nichts, aber spürte, spürte … – Eine unsichtbare Wolke hatte sich vor den nun unsichtbaren Mond geschoben.
Tasten also. Ah! Ja, ich spürte Bassam, hockte mich in die Knie, er bebte. Wo war der Wasserbeutel? Nach des Mannes Mund tasten, ihm leicht die Lippen öffnen, die Tülle des wie schwappenden Ziegenleders davorhalten, es leicht zusammendrücken … Alleine, jetzt, bekäme ich Bassam niemals hoch. Er mußte zur Besinnung kommen. Und daß wir hier so ungeschützt die Nacht verbrächten, das war nun schon deshalb ausgeschlossen, weil ich morgen ja unbedingt im Zweiten Höllenkreis ankommen mußte, einmal abgesehen davon, daß uns wahrscheinlich die bald einbrechende Nachtkälte umgebracht hätte. Aber Liligeia hatte sich in den vergangenen drei Tagen meist ab dem Nachmittag wieder so nachdrücklich als Querschmerz, nämlich durch die Brust, gemeldet, daß ich das unbedingte Gefühl hatte und immer noch habe, sie müsse dringend wieder einen auf den Deckel kriegen, sprich: die nächsten → Vierfuhren Chemo verabreicht bekommen. Was eben für nachher terminiert war. (Ich weiß, sie wird → wieder toben, wenn sie dies hier liest. Doch wird’s dann schon geschehen sein.)

(… —  Wo war ich? — ah jà):

“Bassam … Bassam!”
Mehrmals mußte ich auf seine Wangen kurze Schläge geben, deren jeder zu einem seiner Seufzer wurde. Also härter zuhaun, dann kriegt er wieder Stimme. – Klappte.
Die Wolke glitt zur Seite, die Barke erleuchtete sich, sah unversehens einem nächtlichen Nildampfer ähnlich, der, auf der Milchstraße schwimmend, aus fünfzig Fenstern auf uns herunterleuchtete, und an der Reling standen die Flußtouristen so gaffend wie gedrängt, um später ihren auf ihren greisen Knien hoppereitenden Enkelinnen von solch märchenhafter Errettung erzählen zu können, nachdem sie aus dem Graben wieder hochgezogen worden sind, damit nicht doch noch die Raben sie fressen.
“Was für Raben?” fragte Bassam. “In der Wüste Raben?” So sehr fantasierte er, daß er das Sprachspiel nicht begriff, schon gar nicht die Metapher. Immerhin konnte er mir helfen, ihn aufzurichten; gemeinsam schafften wir’s sogar in den Sattel. Machen Sie sich hierbei bitte klar, daß ich durchaus nicht mehr in der trainierte Fassung → von vor einem Jahr bin, sondern Liligeia hat mich schon einiges an Fitness gekostet, um von meiner Muskelmasse besser zu schweigen, für die jetzt nicht nur “Masse” ein ausgesprochen übertreibendes Wort ist, sondern bereits “Muskel” transportiert zur Zeit nur Angeberei. Wobei uns Röhrerchen allerdings half, indem er seinen riesigen Leib erst einmal so flach wie möglich hingelegt hatte: zuerst knicken vorne die Beine zusammen, dann ein, danach folgt erst der übrige Leib. Und als wir irgendwie mehr ein- als aufgesessen waren, erhob das Tier sich wieder, und zwar so gemächlich auf, als wär Besondres gar nicht los, streckte sich in die Höhe und röhrte erstmal ganz gehörig. Dann erst trabte es los. So konnte ich nur hoffen, daß es den Rückweg auch ohne meine Führung fände..

Aber was war geschehen? — Wir waren bei dem Überfall so schnell davongestoben, daß die sozial konstruierten Pirat*innen nicht nur unmittelbar verwirrt, sondern nun  ganz besonders sauer waren und jetzt auf alles losgingen, was irgendwie noch stand oder in einem unsrer Sättel saß. Das konnten mittlerweile auch die eigenen LeutInnen sein, völlig wurschtIn. Nur erwischtInnenen sie Bassam halt auch, schlugInnenen ihm sein Reitkamel unter den Beinen weg, um es, weil’s noch Mann war, zu kastrierInnenen. Die reine RachInnenwut, die vor UngegenderIn reinIn nicht mehr ausInnen noch einInnen wußte und nun nur noch BlutEr wollte. Derart schäumInnend indessen schlugInnen sie schon mehr auf sich selbstInnen ein, als daß sie Bassam überhaupt noch gesehen hätten, der nach feigster MännerInnen-Art sich unendlich vorsichtig aus dem staubenden Kampfplatz kriechen ließ und so noch einen Kilometer weiterkroch, bis er sich sicherInnen sein konnte.
Nur, sein Kamel war nicht nur entmannt, sondern unterdessen auch schon tot, weil, weil eben Hengst gewesen, von den Mänaden geradezu zerstückelt worden. So blieb ihm nichts, als sich auf sich selbst zu verlassen, was in diesem heutgen Falle bedeutete: auf — mich. Er hatte das schlichtweg unendliche Glück, daß ‘El Aurence’ für mich immer Held geblieben ist, einer, mit dem mich zu identifizieren mir jetzt sogar noch durch den Krebs hilft.

Wie wir die anderen wieder erreichten, kann ich nicht sagen; ich scheine neben Bassam in Ohnmacht geglitten zu sein, wir beide auf dem Röhrerich eng ineinandergewunden, er oben, ich unten, er inmitten, keine Ahnung. Doch aus ihm stieg ein solch opiatiger Duft, daß meinem Schlaf ganz sinnlich wurde. Ich soll “Lilli” geseufzt haben, als man mich herabzog, “Lillifee” sogar, dann “meine Liligeia”, nur daß ich dabei den armen Bassam umarmte, wie umarmt er, fürchte ich, nie jemals ward noch würde. Es bedurfte Faisals männlicher Mahnung, daß ich mich endlich löste. Schon, damit ich in der arabischen Männerwelt meinen grad erst gewonnenen Heldenstatus auch behielt. Wobei es eh dringend Zeit zum Weiterrreiten war, wenn wir im bleichen Schein des Mondes das Tor zum Zweiten Höllenkreis noch so rechtzeitig erreichen wollten, daß ich meine Injektionen ausgeruht erhalten konnte, die zur Abwehr der nefuden Strahlungen halt um so erforderlicher sind, wenn wir’s bis Aqaba denn wirklich schaffen wollen, ich es alsoschaffen will. (Wie dort dann Liligeias Hörselberg finden, steht freilich auf einem noch einmal völlig anderen Blatt; Berge wird’s in Aqaba kaum geben. Doch werd ich sie beschreiben.)

***

[8.50 Uhr]
Jetzt erst mal schauen, wohin ich muß (also nach dem richtigen Raum gucken). Die weißen Handschuhe nicht vergessen, die ich überstreifen muß, bevor ich meine Hände in die Eisfäustlinge stecke, damit mit vom → Oxaliplatin nicht die Nägel ausfallen; deshalb nicht nur auch an die Tragehülle für den 24-Stunden-Körpertropf denken, sondern vor allem die dicken Socken für meine Füße nicht vergessen. Diese Prozedur ist das einzige, was die Infusionstage zu einer kleinen Tortur macht, weil besonders die Fingerspitzen nach einer halben Stunde Dauerfrost ziemlich stark zu schmerzen beginnen, was zumindest unangenehm ist. Bei den Zehen braucht es spürbar länger.
Meine Kimmo-Hakola-Azfnahmen auf die externe Musik-FP geladen, im sie nachher während der Infusonen geschlossener Augen in den InEarPhones mir alle noch einmal durchzuhören und mir für eine, wahrscheinlich im Rahmen dieser Tagebücher, Besprechung schon mal Notizen zu machen; außerdem das Béart-Handmanuskriptbuch bereitgelegt, in das ich nachher die ersten Versentwürfe zur finalen No XXXIII skizzieren möchte. Es soll ein Hymnos werden.

Gut, nun bin ich bereit. Fast vorfreudewillig scheint sich der Bioport zu erigieren, man könnt’ von fickrig sprechen (ich hör ihn “gib’s mir, gib’s mir!” rufen):

 

[10.30 Uhr]: 

[18.45 Uhr
Allan Pettersson, Drittes Steicherkonzert]:
Um etwa Viertel nach zehn meldete sich Ligeia so nachdrücklich mit ihrem unterm Sonnenglecht waagrecht links und rechts ausstrahlenden Schmerz, daß ich mir von ibn Gamael ein  Novamin geben ließ, der auf Dr. Faisal noch warten mußte, aber die nötigen Vorbereitungen zu meinen Infusionen noch nicht abgeschlossen hatte. Das Novamin brauchte diesmal lange, um zu wirken, und um es vorwegzunehmen: jetzt, kurz vor 19 Uhr meldet meine fiese Lilli sich erneut und mit denselben Zaunpfählen.  Ansonsten, die Infusionen selbst verliefen komplett unproblematisch, selbst die eisgekühlten Fingerspitzen waren problemlos auszuhalten.

Ich höre ich tatsächlich durch alle meine → Hakola-Musiken; er hat ein besonderes Verhältnis zu der mir normalerweise nicht so sehr nahen Klarinette – hier ist sie so umwerfend wie sein besonders → Klarinettenquintett insgesamt, und es lohnt es sich, gleich darauf das Ohr auf des Finnen → Klarinettenkonzert zu konzentrieren. Sie ahnen, meine Freundin, nicht, wie geradezz prganisch isch dies wäjhrend der In fusionen einer Chemo tun, ja genießen läßt. Und man kommt zu Einsichten, etwa, weil die junge tief, in der Tat, dunkelbraune-schwarze Damen derart schöne Hände hat. So, wie Sie sehen können, legt’ ich sie, ihrer eine, meiner Krebsin Krallen auf. Da erst begann das Novamin zu wirken. Auch nicht ohne Erkenntnis — und aber, was mich fast die Wüste vergessen ließ und durchaus hätte mitten im sozusagen Flug noch das Genre wechseln lassen, gen 007 nun, ist etwas, das mich wirklich auf der Hinterhand erwischte. Schaue ich nämlich aus dem Behandlungszimmer, seh ich den BND:
Das also soll Zufall sein?
Ich habe dann nach der Behandlung noch etwas Zeit gehabt, Faisal rief mich nicht zurück. Vielleicht schlief ich ja, und er wollte mich  nicht wecken, da wir heute ohnedies nicht mehr weiterreiten wollten. Und so spazierte ich, nachdem die Infusionen intus, auf der Praxis hinaus und nach unten, um mit dem Ifönchen eine Panorameaufnahme des Geländes aufzunehmen (und ganz später ganz sicher eine literarisch Terrine darauf zu küchenschöpfen), die nun also so aussieht:

“Und mit der Nefud nun wirklich nichts mehr zu tun hat!” — Ah, Sie meinen ..? Dann warten Sie mal ab!

Ihr ANH

In die najadentiefe Flucht: Die Brüste der Béart XXXII, das Ende des vorletzten Stücks (Entwurf). Die Brüste der Béart, 49.

(…)

Erwachet, Kaskaden, ach, des Flieders, lauschet der hohen
Weiden Gezweig ins Wasser sich Streichen des Teichs
übers, Béart, Seegrashaar der Najaden, lasse mich schmecken,
was Fraun warn, bevor sie vergangen (doch ich | ich geh zuvor
aus der, die nicht mein mehr | nicht deine, allgleich zu reine

ununterscheidbar konturlose Welt wird,
der äquivalenten Rechtschaffenheit
korrigierter Menschen als um Correctness
und zünftige Absatz|märkte gezüchteter,
längst mit Programmen verschmolzen,
: Eins-WIrs: holzend auf dem Bolzplatz
ihrer Iche zum johlenden Mitmensch
Tor um Tor den Currywurstgerüchen,
aufgestoßnen Flachmannsdünsten,
in den Stiefeln Körperküchen,
die Achselhöhlen voll Pommes Frites
von jeher der sinkenden uncoolen Seite;
cool ist allein die steigende,

petrischalen|entstieg’ne,

ins Lächeln der Retorte, Cleane
– und haben ihre Keime auf Lager gefroren
zur kommoden Fortzucht ihrer Selbsts,
sofern denn dafür | mal Zeitfenster offen
und das Kinderzimmer wie anderer Orte
Betriebs-Interieur geleast werden konnte
– fiskalisch ganz prima entlastend

 

 

Ich hocke mich unter der Weide streifende Kaskaden,
seh Dich dem von Tausenden Blättchen bestreueten,
sich kräuselnden Spiegel des Weihers beinah
schon entsteigen mit Deiner hohen Hand, Béart,
die Du mir herreichst, Du umsprenkelt Hüftennasse,
und ich berühre Deine Finger

 

halb
– ach “halb” nur! –

zog sie ihn

 

und ES | mich in Najadentiefe hin.

 


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Postskriptum (Nachtrag) zu ANH an Liligeia, fünfter Brief. Krebstagebuch, Tag 29.

 

 

 

P.S.:
Was auszuführen, worauf zu antworten ich noch … oh, Lilli, ich weiß nicht, ob “vergaß” ..! Eher mußte ich mir wohl selbst erst klar werden und danken Ihnen, daß Sie nicht, wie ich’s befürchtet habe, dazwischenschießen würden – zwischen, meine ich, das Ende → meines letzten, langen Briefes und diesen nötigen Nachtrag hier.

Also:

Sie haben mich gefragt (eher wohl: mir vorgehalten), ich griffe nun selbst meinen Körper an, den zu achten ich doch stets besungen hätte. “Nur”, wie Sie schreiben, um Sie loszuwerden, schädigte ich mich selbst. Womit Sie mir zumindest indirekt Autoaggression vorhalten, zumal ich anfangs nur allzu wohllaut noch verkündet hätte, eine Chemo käme für mich nicht infrage.
Welche, Liligeia, Alternative ließen Sie mir aber? – Erinnern Sie sich, ich bin auf Sie zugekommen, trotz der Bedrohung freundlich, die Sie bedeuten. Mehr als freundlich, flirtend fast … Ich habe mich sozusagen zu Ihnen gesetzt und mochte, daß wir sprechen. Woraufhin → Ihre Antwort in solch arrogantem, abweisendem Ton formuliert wurde, getragen obendrein von maldiciones, daß ich wirklich an mich halten mußte, um nicht provoziert zu sein. Immerhin das hat meine Lebenserfahrung unterdessen mit sich gebracht. Nun kann ich’s Ihnen spiegeln und tu es hiermit auch. Doch um es deutlich zu sagen: Nein, ich tue mir die Chemo – tu sie meinem Körper – nur widerwillig an, wobei sie sich → in dieser Interpretation allerdings, der Verwandlung in ein Abenteuer also, durchaus aushalten läßt, jedenfalls bislang. Ich habe mit den gefürchteten Nebenwirkungen bislang nur wenig zu tun: etwas leichtes Übelsein mal, neulich die bizarre Hartleibigkeit, vorgestern auf gestern die Kreuzschmerzen. Das aber war’s dann schon. Wobei ich auch erst eine Woche lang unterwegs bin darin und nicht voraussehen kann, mit was noch die Nefud mich konfrontieren wird. Wie gestern schon erzählt, werden wir erst morgen die erste Ralaisstation erreichen, um unsere Kamele zu wechseln usw., was Ultraschall bedeutet und möglicherweise ‘ne nochmal schnelle Endoskopie; aus den strohgrautrocknen Kotkastanien der Tiere wird mein Blutbild dann bestimmt, inkl. Tumormarker), bevor wir uns auf den Weg zum zweiten der vier Höllenkreise machen können. Für den ich halt in Form sein muß. Das nächste Feuer auf Sie, Kartätsche um Kartätsche. Ich hab die Schießscharte im Leib, rechtsoben unterm Schlüsselbein. Und also Beschuß auch auf mich. Wir ducken uns gemeinsam. Sehen Sie die Chemo einmal so. Sie legt uns in dasselbe Bett.

Was anderes hätte ich tun können, Li? Auch Sie, indirekt, muß und will ich schützen: vor zu schnellem Tod. Er wär uns beiden noch nicht recht. Mit Verspätungen kam ich mein Leben lang klar, mit Verfrühungen niemals. Ich find, er soll noch draußen warten, bis Du, Sirene, aus mir tatsächlich herausgeholt haben wirst, was nur geht; vieles vorher, ja, das hast Du schon geborgen, hast’s aus mir gehoben. Doch da ist mehr! Spürst’s denn nicht selbst? Hörn Sie in, Lilly, sich und mich hinein! Dann bewältigen wir die Chemo gemeinsam, nicht als Freunde, nein, wir sind hier weder bei Facebook noch sentimental, aber doch als Gegner, die sich achten – etwas, das bedeutsamer, sehr viel bedeutsamer als Freundesnähe sein kann. Und wir bleiben Frau und Mann, konturiert Geschlecht: Aus solchem Kampfverhältnis stieben die Funken einer anderen, nichtmelancholischen, nichtgemainstreamten, sondern in gutem Sinn tragischen Poetik. (Es sind die Tragödien, was uns entkrustet und befreit; die unseren und anderer; wir wachsen alleine an ihnen. Und so sie auch an uns.)

Gehen Sie nun erstmal in sich, Sie doch so schöne, formphantastische Tumorin, bevor Sie erneut in Harnisch geraten – wider mich und damit auch Sie selbst. Und sparen Sie Ihre Kräfte, die nunmehr Sie fast nötiger als ich jetzt brauchen. Denn spürst Du’s, Lililein, nicht? Wie klein Du nun schon wirst?

 

Rainer Kunze zur “Vergenderung” der Sprache.

 

 

 

Öffentliche Stellungnahme zu des Deutschen Rechtschreibrat Disussion eines “gendercorrecten” Schreibens im fliederblühenden Wien, dort in der Passauer Neuen Presse.

“Es gibt ein grammatisches Geschlecht (Genus) und ein natürliches Geschlecht (Sexus). Genus ist das Geschlecht des Wortes (Maskulinum [der], Femininum [die], Neutrum [das], Sexus ist das Geschlecht von Lebewesen. (…)Wer diese Ausdrucksmöglichkeiten für sein natürliches Geschlecht als diskriminierend empfindet und ihren Gebrauch bekämpft, bekämpft die Sprache, indem er ihre Verarmung befördert. (…) Sätze wie “Frauen sind eben doch die besseren Zuhörer” könnten überhaupt nicht mehr formuliert werden, da die sprachfeministisch korrekten Versionen “Frauen sind eben doch die besseren Zuhörerinnen” oder “Frauen sind eben doch die besseren Zuhörerinnen und Zuhörer” ad absurdum führen würden. (…) Die (…) Diskreditierung geschlechtsübergreifender Wortbedeutungen hat eine eklatante Verarmung und Bürokratisierung der Sprache (…) und eine Einschränkung der Freiheit des Denkens zur Folge. (…)”

Doch allein schon die Existenz eines Deutschen Schreibrats macht Rat und Hilfe uns bitter; “altfränkischer” (nennte es, spottend für “veraltet”, der große Stilistiklektor Delf Schmidt) geht’s doch nimmer. Nimmermehr.

 

 

Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 26. Februar 2020. Mit Thorsten Casmir, Peter H. Gogolin, André Heller und David Ramirer.

[Arbeitswohnung, 9.55 Uhr
David Ramirer: Johann Sebastian Bach, Wohltemperiertes Klavier Buch II]

Die Musik schickte mir → Ramirer selbst, ich höre sie momentan laufend wie zuvor seine eigenen Variationen auf Bachs Präludium C-Dur, die ebenfalls, doch leider bislang nur als mp3, ankamen und über die ich in den nächsten Tagen schreiben werde. Noch hat andres, Freundin, Vorrang. Hier nur schon einmal die Erklärung, die Ramirer selbst für die Rückseite der CD (auf die ich nun warte) vorgesehen hat:

*

Gut gearbeitet, sehr gut. Béart XXXI fertigbekommen, Nabokovlesen 24 begonnen, dazu die fastjuristische Auseinandersetzung wegen des üblen Artikels in 54books, der mir allerdings keine, wie eine enge Freundin befürchtete, schlimme Nacht bereitete, denn als ich zu Bett ging, wußte ich bereits, am nächsten Tag in die Tjost zu wollen — nicht zuletzt übrigens, weil das Impressum die Adresse einer Rechtsanwaltskanzlei angibt, ob “rein” praktischerweise oder um indirekt zu drohen, sei dahingestellt. Oder auch nicht dahingestellt. Nach wie vor bin ich psychisch so veranlagt, auf Drohungen nie mit Rückzug zu reagieren, im Gegenteil. Sie fordern mich heraus. Deshalb der gewählte Begriff “Tjost”. Und ich wußte, mir gleich nach dem Erwachen — das ich derzeit völlig meiner inneren Uhr überlasse; sie weckt mich tatsächlich fast generell zwischen 6.30 und 7 Uhr — im Netz die nötigen Gesetzestexte zusammenzusuchen und nicht nur zu, sagen wir, “studieren”, nein, sie auch auswendig zu lernen.
So geschah’s. Schon konnte ich meinen Brief formulieren — “Schriftsatz” in der Sprache des formalen Rechts.
Nun war vorhergegangen, daß ich wegen des Artikels Samuel Hamen angeschrieben hatte, der bei 54 books als Teammitglied genannt wird. Ich hatte → seine klasse Rezension schlichtweg nicht mit dem nicht nur, journalistisch, schlampigen Artikel zusammenkriegen können. Er seinerseits antwortete mir am Morgen, intervenieren zu wollen. So daß sich meine Mail an Redaktion und Anwaltskanzlei mit einer Mail des Anwalts an mich sprichwörtlich überkreuzte — ein Wunder, daß die zwei auf ihrer Fahrt a) von hier nach dort, b) von dort nach hier nicht karambolierten. Bei der Geschwindigkeit wäre es ein Totalschaden geworden, an beiden Autos, und keines hätte jemals ihr Ziel erreicht. Doch offenbar blieb jede von ihnen auf ihrer Seite der Hochtempostraße.
Und also: Der Anwalt fragte, ob es genüge, wenn er den Text → aus dem Artikel herausnehmen lasse; das nämlich wolle er tun. Da konnte er meine Forderung nach Gegendarstellung, bzw. Richtigstellung noch gar nicht gelesen haben. Die hatte ich unterdessen aber schon in Der Dschungel öffentlich gemacht, und weil ich aus diesem Weblog nichts lösche, schon um die Produktionstherorie nicht zu verfälschen, die sich in Der Dschungel → eben auch abbilden soll, bestand ich darauf, daß der Beitrag erhalten bleibe, mit allerdings einem vorgeschobenen Notat über die erzielte Vereinbarung. Das wiederum fand der Anwalt in Ordnung, und so ist’s nun protokolliert.
Es ist mir enorm wichtig. Zu oft mußte ich mir anhören, ein Dichter habe stille zu sein auch bei ihm geschehenem Unrecht, selbst bei übler Nachrede und objektiven Beleidigungen. Er schade sich nur selbst (und seinem Verlag), wenn er aufbegehre. Er solle sich deshalb ducken — ducksen nenne ich das und habe es niemals getan, dafür dann fast durchweg Ärger mit meinen Verlagen bekommen. Klar, die haben Angst, in Sippenhaft zu kommen. Für kleine Verlage wäre das tödlich, möglicherweise. Und größere Häuser stehen in der Zwickmühle, weil eine Kritikerin oder ein Kritiker die eine ihrer Autorinnen mit Elogen begießen, zugleich indes einen anderen Autor mit Eimern voller Kotze überschütten könnte. Dennoch will man auf die Elogen nicht verzichten, ja braucht sie, um zu verkaufen, braucht den Kritiker also, die Kritikerin. Mir ist das schon klar. So und so ein auch ökonomisches Corpsgeistproblem.
Nun hatte ich es aber mit einem Juristen zu tun. Diese Leute sind nicht verschwurbelt wie viele im Literaturbetrieb. Sie sind klar und faktisch. Also läßt sich mit ihnen auf das einfachste sprechen und verhandeln. Ähnlich Ärzte, ähnlich Physiker und Mathematiker. Heute wären das meine Fächer, die ich studierte: Jura, Medizin, Physik.
Später fragte mich, auf Facebook, → Gogolin, ob mir diese Lösung-jetzt denn genüge? Ja, tat es, insofern es mir nicht im mindesten darum ging, mir irgendeine finanzielle Entschädigung zu erpressen. Ich wollte den Müll aus dem Netz haben, Punkt, und das war erreicht. Vielleicht auch ein Zeichen für andre gesetzt. Ich hatte und habe von dem gesamten Mobbing und fiesem Gequassel die Schnauze absolut voll. Vor allem geht es mir auch darum, wie ich dem Anwalt schrieb, daß mir

die ständig unterschobene Nähe zur politischen Rechten widerlich (ist). Es entbindet solche Attacken rhetorisch von jeglicher Argumentation.

Wenn ich in Bezug auf Gendercorrectness von einer Meinungsdiktatur spreche, handelt es sich mitnichten um eine auch nur ungefähre Nähe zur, z. B., AfD, egal, ob auch dort dieser Begriff verwendet wird. Genauso wenig bedeutet, wenn ich von Ehre, Würde, Heimat schreibe, daß ich ein Nazi sei oder mit der Rechten auch nur “sympathisierte”. Ich überlasse ihr einfach nicht diese Begriffe, lasse mich von ihr nicht meiner Werte enteignen.

Übrigens ist, so erfuhr ich in dem Messengergespräch mit Gogolin, sein hinreißender, wahrhaft europäischer Roman → Calvinos Hotel neu aufgelegt worden, und zwar — in festem Umschlag gebunden. Sie wissen, Geliebte, daß ich über dieses Buch einmal schrieb. Jetzt sähe ich meine Rezension gerne, etwas umformuliert und erweitert, bei Faustkultur und werde dort also nachfragen. Andernfalls wird sie hier in Der Dschungel eingestellt werden. — Nicht uninteressant, übrigens, daß der ehemalige, in die Insolvenz gegangene Verlag Kulturmaschinen, mit dem ich selbst soviel Mieses erlebt, als eine Art Autorenverlag → neu gegründet worden ist.  Mir behagt das nicht, weil ich sehr an Namen glaube, an etwas ihnen außerhalb des Funktionalen mythisch Eigenes; praktisch verstehen kann ich es dennoch.
Da ich nun einmal bei Büchern bin — vorhin erreichte mich ein Päckchen des Hanser Verlages, darinnen → André Hellers “Zum Weinen schön, zum Lachen bitter”, eine Sammlung von Erzählungen, deren Über-, also der Buchtitel mir allerdings schon ein bißchen zu klebrig ist . Aber ich wußte nicht einmal, daß es ein neues Buch von ihm gibt. Wie also kam der Verlag nun auf mich? Wahrscheinlich hat man meine Rezension → zu seiner Rosenkavalier-Inszenierung gelesen oder liest hier, wie so viele aus dem Betrieb, sowieso mit, und also war bekannt, welche Rolle Heller für mich einmal gespielt hat. Freilich, da war ich noch ein junger Mann, beinah noch ein Jüngling. Dennoch, Spuren werden Prägungen. Es sind gute Narben. Und da ich alle seine bisherigen Bücher gelesen habe, weiß ich, welch vorzüglicher Erzähler er ist. Also werde ich ganz sicher auch über diese Neuerscheinung schreiben.

 

Meine Gute, wie viel hab ich noch vor!

 

Zwischendurchgelesen, ja, zusammengeschrieben, habe ich Ernst Kretschmers “Der Falke und Die Nachtigall”, einen Roman, den mir Dielmann zusammen mit Thorsten Casmirs grandiosem “Ohnsgrond”, erschienen ein Jahr nach dem → Wolpertinger, schickte, weil er wohl weiß, daß mich Federico II nach wie vor beschäftigt. Ohnsgrond ging komplett unter, auch weil Casmir, kurz nachdem sein Buch heraus war, an einer Krankheit verstorben ist, die damals noch etwas Ungefähres und Anrüchiges hatte, so daß der tatsächliche Grund für Casmirs Ende nicht genannt werden durfte. In seinem Roman aber ist er, dieser Grund, allgegenwärtig. Und immer wieder in den vergangenen Jahrzehnten fiel das Buch mir ein, so daß ich nun den Entschluß faßte, nach bald mehr als zweieinhalb Jahrzehnten eine poetische Rezension darüber zu verfassen. 
Ich stand auf, ging an die große Bücherwand, schaute unter C (bei mir ist die Belletristik nach den Namen ihrer Autorinnen und Autoren geordnet), aber fand nichts. Der typische “Fall” wohl: Verleihe nie ein Buch, denn du weißt, wie deine eigene Bibliothek entstanden ist. Also schrieb ich dem Verlag, und das grün in wunderschönes Leinen gebundene Buch kam her, nur die hellrote Längsbinde fehlt:

 

 

Die Lektüre steht nun aus. Auch hier geht Nabokov vor (habe soeben “Gelächter im Dunkel” begonnen). Aber erwartungsvoll, zitternd fast freu ich mich drauf. 

Weniger Freude bereitete der Kretschmer; ich → verlinke nur der Fairness halber drauf, hatte anfangs erwogen, auch hier eine Kritik zu schreiben, weil es hin und wieder ein Aufflackern von Schönheiten gibt, etwa die “Leichtigkeit (…), in der ich dankbar erstaunte” (Hervorhebung von mir) oder die “Mischung aus Mißtrauen und Frechheit” sizilianischer Straßenkinder. Doch zunehmend, abgesehen von den sowieso gängigen Konjunktivfehlern, verschwurbelt die Geschichte sich zu am Ende sogar pubertärstemKitsch. Ein einziges Beispiel möge genügen:

“Ich kenne Euch von überall her”, sagte er, “bin Euch gefolgt, seit Ihr geboren wart, und weiß, was ihr jemals gelesen und jemals geschrieben habt.

Bitter allein schon das, aua, “wart”.

Ich war dabei, als Ihr die Macht der Schöpferkraft entdeckt und das Wunder ihrer Welt erfahren habt, die nicht wirklich und doch wahr wie die Wirklichkeit ist.”
Falke, 243

Ach, Freundin, Sie mögen Buttercreme genauso wenig wie ich … Hier, ein Mundwasser zum Spülen, und seien wir dankbar, daß Kretschmer nicht auch komponiert. Axel Dielmann hat einmal zu den besten Lektoren gehört, die mir begegnet sind; es ist mir schleierhaft, wieso er bei diesem Buch nicht durchgegriffen hat. Nun fliegt es in den nächsten Buchspender.

*

Der Abend regnete heran, und ich chattete mit einer Frau, die ich am Sonnabendabend treffen werde: ein eleganter Flirt bisher. Gesehen haben wir uns schon einmal, nur einmal, auf der → vorletztjährigen Leipziger Buchmesse, also im März 2018. Damals hieß sie Mariclaire. Sie sah mich, und ich sah sie. Sie kam heran (ich les jetzt nicht nach) und hakte sich unter. Nein, wir kannten uns wirklich nicht. Und nun flanierten wir durch die Gänge, ein wenig mondän sie, herrlich schön, Juristin, ich sag’s ja. Dann war lange Schweigen. Und jetzt die Nachricht bei Facebook. Von jemand anderem, die mir den Brief einer Zoey ankündigte, wie ihr Name heute ist. Der lag auch schon im Postfach. Bei Facebook siezen wir uns; Zoë indessen wählte das Du der, wie sie schrieb, “letzten irren Gentlemen”. Und dann:

Meere hat mich, wie soll ich es nennen? – verstört. So daß ich meine Gedanken teilen muß. Das aber bitte nur unter uns, und zwar gerade, weil ich Dich nicht kenne und es doch so, glaube ich, tu. 
Z.

Da’s sich nun traf, daß ich am nächsten Sonnabend ohnedies in ihrer Nähe sein würde, werde, was auch immer …  lag denn auch das Treffen nah, und liegt. Wobei ich selbstverständlich Schweigen über ihre beigelegte Sendung bewahre. Das werden Sie, Freundin, verstehen.

Worauf ich aber hinauswill: Wir waren noch am Plaudern, als Freund Sascha mich anrief. Möge ich nicht gegen halb neun zu ihm herüberkommen? Er habe einen ausgezeichneten portugiesischen Rotwein da — und eine Flasche Talisker. Da ich selbst finanziell grade so mau, konnte meine Schreibtischhockerei nicht siegen, und der Abend → ward zur langen Nacht. Sie protuberanzte — es stimmt der Begriff, den ich begriff — aus sämtlichen Drüsen des Geistes. Es gab auch vieles zu erzählen. Und ich las die letzten vier Béartentwürfe vor. Eine Wonne zu erleben, wie sie “funktionierten”, ich meine: wie ihr Klang übersprang. Und dann geschah, was hinterm Link erzählt ist. Obwohl ich gehen so recht nicht mehr konnte; ich eiertanzte also heim, die Betonung indes liegt auf “tanzte”.

Ihr, Sie Schöne,
ANH

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