Der Künstler sagt: “Auch das ist Material.” Privatestes zum Ukrainekrieg. Und zu Händel im Theater an der Wien. Ja, es i s t obszön. Und muß – nach sechs Stunden Musik – genau deshalb gewagt sein. Weil es Verletzlichkeit zugibt, wo fast allewelt sich zu Helden mutiert. (Was interessieren da noch meine Bücher?) | Als das fast schon Wiederarbeitenkönnenjournal des Montags, den 4. April 2022.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich habe – nach über sechs Stunden unentwegt Musik, erst mit den Bildern des → 3sat-Mitschnitts, danach ohne sie – … habe s e l b s t gezögert, ob ich dieses Bild nicht nur einstellen, nein überhaupt aufnehmen dürfe. Sofort fiel mir das Wort “obszön” ein, und ich schrieb es, weiter- und weiterweinend, meiner Lektorin, nannte, was über mich gekommen, “flennen”, denn das war es. Und weiß nun ebensowenig, nachdem ich mich dafür entschied, ob ich es erklären darf. Ich habe in ihr ja ein außengelagertes literarisches ÜberIch, das es mir strikt verbieten würde, wahscheinlich. Deshalb wollte ich alles, und ob überhaupt, erst heute früh entscheiden und nicht, wie seit dem 24. Februar sonst, als erstes die neuen Nachrichten über den Krieg und die Artikel zu ihm lesen, war in dem Kampf quasi ja selbst, einem publizistischen freilich, nicht im Gewehrfeuer, um von den Raketen zu schweigen, daß solche hier schon einschlagen würden, aber allenthalben dennoch Krieg, selbst in den getippten Wortwechseln, derer es gestern erneut viele waren, die sich geradezu anboten, aus ihnen je einen neuen → Ukraine-Dialog zu formen.
Es war eine Entscheidung gewesen, gestern mittag, F r i e d e n zu haben. “Du mußt von dem Krieg wegkommen”, schrieb die Lektorin. “Du darfst dich nicht aufsaugen lassen”, schrieb die Wölfin. “Sie müssen auf Distanz gehen”, schrieb eine Brief- und Seelenfreundin.

An Sonnabend hatte um 21.57 Uhr लक्ष्मी in Whatsapp getippt:

 

Ich war in anderem drin, wußte, ich würde mich nicht konzentrieren können, aber ließ den Mitschnitt mittels des JDownloaders im Hintergrund herunterladen, ging irgendwann schlafen, ohne überhaupt zu kontrollieren, ob es geklappt hatte.
Der Sonntag brach an, die  längst schon “Kriegsroutine” ging wieder los, lesen, lesen, lesen und bereits, auf FB, die ersten Wortwechsel. Vor mir lag aber immer noch die wieder und wieder aufgeschobene Nachwort-Aufgabe für Eigners nachgelassenen Roman; ich stehe dem Verleger im dringendsten Wort. Ging nicht, ging abermals nicht, der Krieg hielt mich fest. Die Brieffreundin schrieb: “Ich habe heute Mittag wie immer den Presseclub gesehen, da kommt Einiges auf uns zu, was wir noch gar nicht übersehen können, mit der jetzigen Embargo-Diskussion werden Zusammenhänge klar, die mich beunruhigen.” Ich antwortete, die dräuenden Zeichen ebenfalls zu sehen und, vor allem, zu spüren. Dann öffnete ich die Eignerdatei. Und sagte Stop. – Hatte gestern der Download geklappt?

Hatte er.

Ich ging in die Küche, um mir vom gestern zubereiteten Dal zu nehmen, wärmte auf, streute gehackten Koriander darüber, tat an den Tellerrand drei Klatscher Joghurts hinzu, nahm einen Fladen Chapatti, Inder essen mit den Fingern, es paßte zu meiner लक्ष्मी Link.
Und sah mir die Aufführung an, von Anfang an und dann zunehmend fasziniert:

Mein Fasziniertsein nahm ständig zu, auch weil keine der Sängerinnen meinen erotischen Vorlieben entsprach, sie alle waren zu drall. Aber. Wenn. sie. s a n g e n ! Die Musik mächtig, zugleich filigran, in den ProAcs, mein Zimmer bebte, nebenan die Wohnungen taten’s wohl auch. Doch niemand kam, um um Ruhe zu klopfen. Alle, alle ließen mich.
Welch grandiose Inszenierung Keith Warners, wie feinsinnig und kraftvoll! Doch vor allem, wann hatte ich zuletzt einen Counter gehört, der wie Michael Chance singen konnte? Und dieser Ausdruck, die Schauspielkunst des gesamten Ensembles, besonders aber Bejun Mehtas, allein die filigranen Bewegungen der Lippen, des Kehlkopfs … Ich konnte es nicht fassen. Wie hin- und hergerissen Louise Alders Cleopatra, welch Überhebung, dann Sturz, dann Klage und Erlösung, Klage aber besonders der Cornelia Patricia Bardons – und wie Mehta vor allem Jake Ardittis Counter mitzog, der besser, ständig besser wurde. Dazu der Concentus Musicus Wien, von dem ungeschlacht wirkenden, so enorm präzisen und derart warmherzigen Ivor Bolton geleitet, daß mir kein anderes Wort als “in strömender Hitze” dazu einfällt.
Ich wiederhole, ich war fasziniert, ja berauscht. Und aber doch noch nicht ergriffen, sah mir noch den Applaus an, freute mich, erinnerte mich.

 

In diesem kleinen Opernhaus war ich einmal gewesen, vergangenes Jahr mit Elvira M. Gross, meiner, Sie wissen, Lektorin, die dieses Theater an der Wien so sehr liebt. Weshalb, verstand ich da noch nicht ganz. W a s ich aber jetzt verstand, war, ich müsse sofort noch einmal hören, doch n u r noch hören. Keine Bilder mehr. Ich hatte eine gute Inszenierung gesehen, gesehen aber doch zu v i e l.

In die Küche wieder, den Eiweißshake bereiten, den ich täglich des Krebses wegen trinke, also um nicht weiter abzunehmen ohne einen Magen; → Liligeia selbst ist ja still, die schlafende Vulkanin. Auch das indes kommt zu meiner Not der vergangenen Wochen hinzu, daß ich zu fürchten begann, der Kriegslärm werde sie wieder aufwecken: zu groß meine ständige Angst, manchmal Panik, zu verhärtet mein kämpfendes Argumentieren und immer wieder kurz vor Abstürzen in Depression, wenn ich abermals merke, nicht mehr arbeiten zu können, was “dichten” meint, arbeiten selbst kann ich schon – aber immer nur im Blick diesen Krieg, wieder und wieder den Krieg und daß ich gegen ihn anschreiben müsse, weil andres mir nicht bleibt. Deshalb nun auch das Bromazepam (Lexotanil gibt es nicht mehr), aber vorsichtig, ich weiß um die Gefahr, die erste halbe Tablette, vor fünf Tagen, war schon überdosiert, ich schlief ab mittags fünf Stunden. Also eine Viertel Tablette alle zwei Tage. Ich werde dann ruhig, kann auch mal wegdenken. Höre auf, mich zu verkrampfen, und die Angst weicht. Ich habe den Krebs bislang so gut überstanden, weil ich keine hatte und mich nicht hilflos fühlte. Seit dem 24. Februar ist es anders. Mit dem Krieg stieg die Gefahr, daß Liligeia meine Schwäche nutzt. Wenn sie nur schläft und nicht fort ist. Was niemand wissen kann. Als geheilt gilt man erst nach fünf Jahren, die OP liegt erst eindreiviertel Jahre zurück. Und, wie ich gestern Elvira schrieb, es ist ein extremes Merkmal meiner Arbeit, daß ich immer hingucke, nie weggucke, schon gar nicht verdränge.

Doch gestern hatte ich nichts eingenommen, ganz bewußt pausiert.

Zwei Bananen in den Eiweißshake schneiden, zwei Zitronen auspressen, den Saft hinzugeben und alles schnell vermixen, damit die Milch nicht gerinnt. Etwa ein Liter Flüssigkeitsmus. Damit an den Schreibtisch zurück und jetzt die Staxhörer nehmen.

Nur die Musik.

Es brauchte keine zehn Minuten, und die Tränen flossen. Was hatte ich vorhin alles nicht gehört! Jetzt, die Bilder nur im Sinn, faltete sich eine Klangwelt in mir auf, die mich geradezu verflüssigte, jede, spürte ich, innre Verstarrung wurde erst gelockert, Erstarrung a u c h, nach zwei Stunden Musik war ich komplett naß, denn auch die Haut, schien es, weinte. Elvira meldete sich wieder, ich tippte es und sang wahrscheinlich dabei mit, also graunzte, und dann begann ich zu heulen, immer wieder in Anfällen, zwischen denen ich erneut der Freundin tippte, auch der Brieffreundin, die sich ebenfalls meldete, weil ich beiden meinen Mitschnitt zukommen ließ, während ich hörte, lauschte, abermals mitsang, abermals krampfartig heulte. So daß ich begriff, um wie vieles ich heulte, nicht wegen der Operngeschehen, nicht, weil Cornelia so leidet, Sesto derart wütend ist und Cäsar unvergleichbar zart, wie oft er sich auch in die Brust wirft als Herr. Sondern es war die Not-an-sich, die aus dieser Musik trat, hervortrat, alle Not in sich umfangend und ihr Klang gebend, ja überhaupt Stimme. Ich heulte, begriff ich, wegen dieses Krieges, heulte wegen meiner Hilflosigkeit, die zu Angst gefroren war, was nun schmolz, heulte meines Alleinseins wegen, eines am Grunde, ich bin ja geliebt, das ist es nicht, aber dennoch ohne jemals wieder, empfand ich, gestreichelte Haut. Ich heulte, weil ich mich auf → den Gedichtband, endlich die Béarts, die nächste Woche heraussein werden, nicht mehr freuen kann und weil mir die Dichtung grad insgesamt egal ist. Ich heulte, weil ich derart in Sorge, daß dieser Krieg auch meinen Sohn erreicht, und die Zwillinge. लक्ष्मी, Elvira, Do und die Löwin sowie alle Freunde. Und zum ersten Mal heulte ich wahrscheinlich auch wegen des Krebses, dessentwegen ich in den seit der Diagnose nun schon zwei Jahren nicht wenigstens mal geweint habe. Nicht eine einzige Träne ist mir gekommen. Nicht mal mehr darum, daß mir die Chemo die Fruchtbarkeit zerstört hat. Seit der Diagnose stehe ich in permanentem Kampf, ohne es gewußt zu haben und hätt es wissen auch nicht dürfen, wenn ich da durchkommen wollte. Was mir gelang. Weil ich etwas tun konnte, mich verhalten konnte. Nun heulte ich und heulte, weil ich gegen diesen Krieg nichts tun, ja nicht einmal sicher sein kann, welche von all den Informationen stimmen, welche nicht. Welche nur halbwahr sind. Welche auch gar nicht laut werden dürfen, weil auch der Aggressor sie läse. Das ganze Chaos floß aus mir raus. — Und da, fast am Ende der Musik, kam der kalte Gedanke zurück – den künstlerischen meine ich. Daß alles, was mir und andren geschieht, für die Kunst Material ist und also ich selbst Material bin. Daß ich es fassen muß, es einfassend niederschreiben, um es überhaupt gestalten zu können. Daß diese Gestaltung, Formgebung also, das Substrat meiner Kunst ist. Und ich schoß, um es sichtbar zu machen, diese drei Fotos. Ja, ich schoß. “Wie obszön,” dachte ich, “wie furchtbar obszön! Und aber doch: wie nötig.” Und tippte es für Elvira in Signal ein. Weil ich gegenwärtig bleiben wollte:

Als ich vorhin um kurz nach sechs aufstand, war mein Gesicht noch verklebt. Aber da ich, nachts noch, diesen Beitrag vorbereitet hatte, noch keinen Text geschrieben, nein, außer einem Teil der Überschrift, doch eines der Bilder ausgewählt – das dort ganz oben – und eingesetzt, tat ich jetzt nicht wie sonst, las nichts, sah keine Mails an, erst recht nicht in den → Ukraine-liveBlog der ZEIT, sondern, nachdem der Latte macchiato bereitet, setzte mich gleich an den Schreibtisch und, nachdem auch die erste Pfeife gestopft, b e g a n n. Sowie er fertig ist, werde ich unter die Dusche springen, um mich danach zu kleiden. Denn es wird Zeit für neue Form. Mag sein, daß ich dann auch den Eignertext schreibe – ihn zu schreiben nun endlich vermag.

Ihr ANH
9.01 Uhr

_______________________________
P.S.: Die oben schon → verlinkte Aufführung
kann noch bis zum 9 April abgerufen werden.


(17.19 Uhr
Ich vermochte es n i c h t.)

Kriegskrank nun auch ich, eher aber trifft “gelähmt”. Das Weiterhinnichtarbeitenkönnenjournal des Dienstags, den 22. März 2022. Fast nur noch Ukraine.

[Arbeitswohnung, 9.25 Uhr
Kinderrufen vom Pausenhof. Sonne.]

Daß mir ein Frühlingsanfang, noch dazu ein solcher, einmal keine Freude oder nur so geringe würde bereiten, hätte ich niemals geglaubt. Im Thälmannpark, jetzt schon, sind die Kirschblüten aufgesprungen, die von Mord nichts wissen, schon gar nicht vom Morden in der Ukraine, an das zu denken ich nicht wegkomme, so daß ich über nichts anderes mehr schreiben kann, will ich nicht komplett erlahmen.
Es sind Arbeiten dringend zuende zu stellen, es gibt Fristen, nicht nur solche, die mich selbst betreffen; Elfenbein kündigt die Neuerscheinung der Verwirrung des Gemüts jetzt mit Mai an, und ich sehe auch da nicht, wie das einzuhalten ist; für Arco ist das Nachwort zu Gerd-Peter Eigners nachgelassenem, nun endlich erscheinendem Der blaue Koffer zu verfassen, ich schaffe täglich, wenn überhaupt, dreivier Sätze und mehr nur, wenn ich ein Zitat einkopiere. Eine Coronahilfe von vor anderthalb Jahren ist abzurechnen, auch das krieg ich nicht hin, um von der Wiederaufnahme der → Videoserie zu schweigen. Fast alles, was mit meiner und überhaupt Literatur zu tun hat, kommt mir banal, luxuriös, unsinnig und manchmal sogar zynisch vor, sinnlos in jedem Fall. Ich höre nicht einmal mehr, oder kaum noch, Musik, bin vorgestern sogar der → Verdipremiere ferngeblieben, obwohl ich eine Pressekarte hatte. Jetzt werde ich einen Entschuldigungsbrief schreiben müssen, was ich schon gestern tun wollte und ebenfalls so wenig zuwege bekam wie den Brief → an Andreas. Nämlich gar nicht. Das einzige, was ich noch vermag, ist, dauernd die neusten Nachrichten zu lesen und gegen den Kriegseintritt der NATO anzuschreiben, also den unsern. Ich träume davon schon, sah heute nacht zum letzten Mal meinen Sohn, die Zwillinge, लक्ष्मी. Es tat einen ungeheuren Knall, dessen Wirkung so groß war, daß ich nicht einmal erwachte. Erinnre mich erst jetzt. Ich trug Gefechtsuniform, also Tarndress. Aber selbst da noch Krawatte. Dann warn wir tot.
Nein, ich habe davor keine Angst, nicht um mich selbst. Ich hab eh ein zweites Leben, nach dem Krebs, der, so gut die Werte auch sind, womöglich besiegt noch nicht ist. Auch darauf kommt es nicht an. Was mir Sorge bereitet, ist das Leben meiner Liebsten, das ich nicht geopfert sehen will. Ich will meine Kinder nicht leiden sehen, Punkt. Dabei kann ich mir gut – also schlecht – vorstellen, daß ich, ging’ es nur um mich, ebenfalls nach dem Kriegseintritt rufen würde, um das Gemetzel zu stoppen, jedenfalls das Gefühl zu haben, es zu tun oder zu versuchen doch. Auch wenn ich wüßte, daß Krieg auf Krieg keine Antwort ist, sondern ihn perpetuiert. Was wir Menschen immer wieder sehen. Manchmal bleiben uns einige Jahrzehnte, in denen er ruht, um sich gegen den Frieden zu wappnen. Dann wacht er, und bedrohlicher noch, waffenstarrend wieder auf.

Die → Dämonisierung des Gegners → schreitet voran[1]Lawrow einen “Aristokraten der Apokalypse” zu nennen, ist, mit intellektuell feiner Feder, genau das. Der hier unter dem Pseudonym “Severyn Korab” schreibende ukrainische … Continue reading, selbst Biden warnt nun, in diesem Zusammenhang nachvollziehbarerweise und so wahrscheinlich auch nötig, mit “einer starken Reaktion der NATO”. Die Spirale dreht sich und dreht sich, schraubt sich und schraubt sich hinauf. Was ich völlig vergaß – daß vor der letzten Eskalationsstufe noch, der der atomaren Schläge, die biologischen Massenvernichtungswaffen stehen, die abermals an → thanatische Ursachen denken lassen, denn von solchen Mitteln des Krieges bliebe Rußland-selbst nicht verschont und Belarus schon gar nicht. Thanatos als Messias, doch nicht einmal der, der er, mit Hypnos verbunden, s a n f t das ewige Zuende gibt – sondern die

Keren in dunkler Gestalt, mit weißen Zähnen erklirrend,
Grass, und düsteres Auges, und blutbesprengt, und unnahbar,
Hatten um Fallende Zank: denn jegliche wollte begierig
Trinken das schwarze Blut; und erhaschte sie einen gestreckten,
Oder an frischer Wund’ hinfallenden, schleunig um diesen
Schlug sie die mächtigen Klaun; und es fuhr die Seele zu Aïs,
Tief in des Tartaros Schauer hinab: war ihnen das Herz nun
Satt des Menschenblutes, zurück dann warfen sie jenen,
Wandten sich um, und durchstürmten der Feldschlacht Lärm und Getümmel.[2]Hesiod, Der Schild des Herakles, 234-253; Übersetzung von Johann Heinrich Voß

Lesen Sie nur, o Freundin, diese Conclusio des Pulitzer-Preisträgers Chris Hedges[3]Auch ihn habe ich recherchiert, um nicht möglicherweise einem Verschwörungs”theoretiker” aufzusitzen; genauer noch ist → die englische Wikipedia: → Waltzing to Armageddon[4]Daß Hedges derselbe Begriff in den Sinn kam wie Der Dschungel → dort, belegt eine sehr ähnliche Perspektive auf die Endgültigkeit, nämlich Irreversibilität, dessen, was uns bei unserm Eintritt … Continue reading; soeben schickte mir Schelmen-
zunft
den Link:

(…) Germany, for the first time since World War II, is massively rearming. It has lifted its ban on exporting weapons. Its new military budget is twice the amount of the old budget, with promises to raise the budget to more than 2 percent of GDP, which would move its military from the seventh largest in the world to the third, behind China and the United States. (...) NATO battlegroups are being doubled in size in the Baltic states to more than 6,000 troops. Battlegroups will be sent to Romania and Slovakia. Washington will double the number of U.S. troops stationed in Poland to 9,000. Sweden and Finland are considering dropping their neutral status to integrate with NATO.
This is a recipe for global war. History, as well as all the conflicts I covered as a war correspondent, have demonstrated that when military posturing begins, it often takes little to set the funeral pyre alight. One mistake. One overreach. One military gamble too many. One too many provocations. One act of desperation. (…)
The Dr. Strangeloves, like zombies rising from the mass graves they created around the globe, are once again stoking new campaigns of industrial mass slaughter. No diplomacy. No attempt to address the legitimate grievances of our adversaries. No check on rampant militarism. No capacity to see the world from another perspective. No ability to comprehend reality outside the confines of the binary rubric of good and evil. No understanding of the debacles they orchestrated for decades. No capacity for pity or remorse.[5]Deutschland rüstet zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder massiv auf. Es hat sein Verbot, Waffen zu exportieren, aufgehoben. Der neue Militärhaushalt ist doppelt so hoch wie der alte, und … Continue reading

Und aber hier rufen jetzt schon so v i e  l e: “Mitmachen! Mitmachen!” Und berufen sich, mehr oder minder direkt, auf die militärische – und aber eben in einem Weltkrieg – Befreiung von der Hitlermonstrosität. Also denken sie den Weltkrieg schon mit, nähmen ihn zumindest inkauf, um von der atomaren Bedrohung ganz zu schweigen. — Nein, ich stehe nicht, und stand da noch nie, auf Seiten Putins. Ich rufe weiterhin: “Миру Україні!” Und wünsche mir Putins, Lawrows und all der andern Verbrecher Ende. Nur arbeiten, arbeiten kann ich nicht. Nicht anders jedenfalls, als gegen diese Bedrohung anzuschreiben und mich ihr täglich, stündlich, minütlich zu stellen. So gesehen, bin kriegskrank nun auch ich, anders aber → als jene.

Entspannung, ein bißchen, geben mir die wenigen Treffen mit लक्ष्मी, meinem Sohn und der Familie, mit den Freunden; dann komme ich momentlang aus der Schwärze heraus, manchmal etwas länger. Und kann dann sogar lachen. Die Schwärze aber frißt mich auf, frißt meine poetische Leidenschaft auf, wahrscheinlich auch meine Fähigkeiten oder, becheidner, mein Talent. Denn sie schließt mich von aller Begeisterung aus. (Gegenüber den Leiden der bombardierten Menschen ist das ein Pups, das ist mir wohl bewußt.)

Ihr ANH
11.50 Uhr. Der Amselhahn singt.

References

References
1 Lawrow einen “Aristokraten der Apokalypse” zu nennen, ist, mit intellektuell feiner Feder, genau das. Der hier unter dem Pseudonym “Severyn Korab” schreibende ukrainische Autor – oder die Autorin – typisiert, und zwar säkularmythisch. Es entsteht die Figur eines sozusagen technokratischen Vampirs, nicht eines Menschen.
2 Hesiod, Der Schild des Herakles, 234-253; Übersetzung von Johann Heinrich Voß
3 Auch ihn habe ich recherchiert, um nicht möglicherweise einem Verschwörungs”theoretiker” aufzusitzen; genauer noch ist → die englische Wikipedia
4 Daß Hedges derselbe Begriff in den Sinn kam wie Der Dschungel → dort, belegt eine sehr ähnliche Perspektive auf die Endgültigkeit, nämlich Irreversibilität, dessen, was uns bei unserm Eintritt in der Krieg bevorzustehen droht: daß der noch begrenzte Schrecken zu einem in jedem Sinn unbegrenzten würde.
5 Deutschland rüstet zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder massiv auf. Es hat sein Verbot, Waffen zu exportieren, aufgehoben. Der neue Militärhaushalt ist doppelt so hoch wie der alte, und es wurde versprochen, den Etat auf mehr als 2 Prozent des BIP zu erhöhen, was das Militär von der siebtgrößten in der Welt auf die drittgrößte Position hinter China und den Vereinigten Staaten bringen würde. (…) Die Größe der NATO-Kampftruppen in den baltischen Staaten wird auf mehr als 6.000 Mann verdoppelt. Gefechtsverbände werden nach Rumänien und in die Slowakei entsandt. Washington wird die Zahl der in Polen stationierten US-Truppen auf 9.000 verdoppeln. Schweden und Finnland erwägen, ihren neutralen Status aufzugeben und sich in die NATO zu integrieren.
Dies ist ein Rezept für einen globalen Krieg. Die Geschichte und alle Konflikte, über die ich als Kriegsberichterstatter berichtet habe, haben gezeigt, dass es oft nicht viel braucht, um den Scheiterhaufen in Brand zu setzen, wenn das militärische Getue beginnt. Ein Fehler. Eine Übertreibung. Ein militärisches Wagnis zu viel. Eine Provokation zu viel. Ein Akt der Verzweiflung. (Übersetzung: deepl)

Novemberwien, Eins. Des Freitags bis Samstags Arbeitsjournal vom 13. 11. 2021.

[Wiener Schreibplatz Lorbeer, 7.18 Uhr]

Liebste Freundin,
erst einmal muß ich mich entschuldigen, fast bin ich ein wenig zerknirscht. Denn genau einen Tag, bevor vorgestern früh ich die Reise nach Wien antrat – präziser: am späten Nachmittag des Donnerstags – sah es so aus, als hätte ich die Videoarbeit zur zwölften Bamberger Elegie endlich, endlich, endlich fertig. Und entdeckte d o c h noch einen Fehler, leider, der sich am selben Tag nicht mehr hätte beheben lassen; eine Kleinigkeit nur, doch nach all der intensiven ja nun wochenlangen Arbeit an dem, muß ich schreiben, Film hätte sie mich sehr gestört, ich wäre unzufrieden geblieben. Also dachte ich, gut, du kopierst jetzt alles auf die transportable 2TB-Festplatte und löst das Problem am Wiener Schreibtisch, der zwar nur Sekretär, siehe Bild, ist und also nur wenig Arbeitsplatz bietet – aber nicht dies stellte sich nun als Hindernis dar, sondern daß meine mitgeführten Arbeitskopien in Adobes Schnittprogramm einzelne Clips entweder gar nicht oder aber, was noch schlimmer ist, verändert wiedergaben und -geben. Sie gaben mithin wider. S o, daß sich’s sinnvoll in keiner Weise arbeiten läßt und ich also doch meine Rückkehr nach Berlin, in sechs Tagen, abwarten muß. Und Sie müssen’s leider nun gleichfalls. Ein großes Hindernis ist aber auch schon der kleine Laptopbildschirm; für die sehr feinen Schnitte brauche ich wirklich einen großen Screen und am besten zwei Screens, wie ich sie halt auch habe in meiner Berliner Arbeitswohnung.
Insofern ist es gut, daß mir mein Elfenbein-Verleger gestern die eingescannte Digitalversion der “Verwirrung des Gemüts” zugeschickt hat, die, ähnlich dem → New-York-Buch, in deutlich überarbeiteteter Fassung im kommenden Frühjahr neuerscheinen soll – nach in diesem Textfall achtunddreißig Jahren. Ich war, meine Güte, sechsundzwanzig, als ich ihn schrieb! Und die Titelvariante, die ich damals gewählt habe, aber nicht durchsetzen konnte, wird jetzt verwendet werden, nämlich wird das Wort “Gemüt” → in kantschem Sinn mit “th” erscheinen: Gemüth. So nämlich steht es in meiner 19.-Jahrhundert-Ausgabe der Kritik der reinen Vernunft. Um nun aber gewisse/ungewisse Unzulänglichkeiten meines seinerzeitigen Stils sensibel prüfend auszugleichen, wird → wie dort auch hier Elvira M. Gross alles noch einmal komplett neu lektorieren. Es geht tatsächlich nicht nur um die, in der 1983 erschienenen List-Ausgabe, vielen falschen Konjunktive, die mir damals Armin Ayren in der FAZ um die Ohren schlug – woraus ich dann radikal lernte (mich rächen für seine Vernichtungsattacke tat ich auf andere Weise; lesen Sie einfach die erste Abteilung des → Wolpertingers nochmal) –, sondern auch manch stilistisch Sprachliches dürfte revidiert oder sogar ins Eigentliche herausgeschnitzt werden müssen, ein seinerzeit nur Gewolltes, noch handwerklich nicht erreichbar Gewesenes, das sich aber jetzt mit fast leichter Hand herstellen könnte.
Insofern, wenn meine Videoarbeit nun aussetzen muß, bis ich an den eigenen Schreibtisch zurückbin (einem Bildschirm-Cockpit unterdessen), kann und will ich die Wiener Zeit zu meiner Bearbeitung dieses alten, doch, meine ich, nach wie vor wichtigen Textes nutzen (immerhin ist er der Nucleus des Wolpertingerromans und der Andersweltbücher, begründet die, sagen wir, “Serie”). Die Zeit bis zum Frühjahr ist ohnedies knapp.
Auch damit aber, dieser Überarbeitung, werde ich kaum fertig werden, da ich mit meinem Arco-Verleger über anderweitig gleichfalls anstehenden Projekten sitze (etwa die Herausgabe des großen nachgelassenen autobiografischen Romanes Der blaue Koffer von Gerd-Peter Eigner und einem geplanten Gedichtband Helmut Schulzes (→ Parallalie), für den aus der Menge der Gedichte ausgewählt werden muß; für letztres beides kam ich eigentlich her – und, selbstverständlich, um Elvira M. Gross endlich wiederzutreffen, die ganz wie ich darauf wartet, daß Die Brüste der Béart endlich herausgekommen sein werden, die aber leider von den gegenwärtigen Lieferengpässen, in ihrem Fall des ausgewählten Spezialpapiers, betroffen sind. Doch auch der nötige zweite Fahnengang ist noch nicht getan. Und hier, meine Freundin, werden Sie sich mitgedulden müssen, es tut mir wirklich leid. — Nein, keine Floskel!
Alles in diesen Zeiten der Corona verlangsamt sich, scheint’s. Sogar, vielleicht, die Liebe.

Was mich tatsächlich beschwert allerdings, z u d e m, was meine hiesige Arbeit beschwert, ist, daß ich meine Pfeife nicht rauchen darf; der Tabakgeruch belästigt den Freund zu sehr, bei dem ich untergekommen bin, setzt ihm lähmend zu. Dabei hatte er meine Pfeifen bisher immer unproblematisch gefunden. Mit einem Mal ist es anders. — Für mich war’s wie ein Schock. Spontan (aber ich verschwieg es) wollte ich abreisen, sofort nach Berlin zurückreisen, aber ich muß am kommenden Donnerstag noch nach Frankfurtmain und habe die Fahrscheine schon alle gekauft, sehr preiswert, ja billig, doch deshalb nicht stornierbar; doch zusammengerechnet nicht nur ein riesiger Zeit-, sondern auch Geldverlust eben doch. Also habe ich, was mir gar nicht bekommt, wenn ich sie rauche, wieder Zigaretten gekauft, für die ich mkich nun von Zeit zu Zeit in den Hausflur anm einj geöffnetes Fenster stelle. Es geht auf einen ummauerten Hof hinaus, in dem sich immerhin eine Taubenkolonie eingehend beobachten läßt. Ihr Gurren füllt den siloartigen Raum bis zu den Dächern hinauf.
Wie auch immer, für meine nächsten Wienaufenthalte werde ich mir etwas anderes überlegen müssen. Klar, ich habe noch vorgestern nacht nach AirBnbs in Wien gesucht, für sofort, aber die Preise übersteigen auch da meine Verhältnisse. So grollte ich heimlich dem Freund und weiß doch zugleich, wie unrecht es ist. Auch deshalb schwieg ich, schweige – nicht ohne Schuldgefühl – nach wie vor. Aber na gut, vielleicht finde ich in Wien ein Raucherlokal, wo sich’s am Laptop arbeiten läßt.

Heute mittag nun, oder frühnachmittags, eine Veranstaltung auf der “Buch Wien”, nicht meine eigne, sondern eine, auf der der Freund moderiert. So werd ich diese Messe denn auch einmal sehn und hoffe zudem, dort meinen Septime-Verleger anzutreffen, der auf meine letzten Nachrichten schlichtweg geschwiegen hat, schon seit Wochen, eine Art Nachrichtensperre, die ich schon deshalb nicht begreife, weil er immerhin → eine meiner mit wichtigsten Ausgaben herausgebracht hat. Ich weiß, er hatte sich einen besseren Verkauf vorgestellt, aber das der nicht war, jedenfalls bislang nicht, sondern traurig dümpelt, läßt sich schwerlich m i r anlasten, der ich im Gegenteil immer gewarnt habe, indem ich den Mann wieder und wieder auf meine problematische Stellung im deutschsprachigen Literaturbetrieb hinwies. Und solange der Buchhandel nicht angemessen bestellt, können Leserinnen  und Leser kaum  von mir, also meiner Arbeit, wissen. Niemanden muß das wundern.
Das Problem betrifft auch den New-York-Roman oder könnte ihn betreffen. Auf der Frankfurter Buchmesse war es so, daß geradezu jede und jeder, die und der den Roman durchblätterte, von der Ausstattung derart becirct war, und zwar zu recht, daß man ihn sofort kaufte. Am Ende der Messe war  nicht ein einziges Buch mehr da, selbst der Verleger fuhr ohne ein Exemplar für sich selbst heim, ließ mir Bücher sofort von der Auslieferung schicken, damit ich die numerierten Widmungsexemplare an alle jene auf den Weg bringen konnte, die diese ungewöhnliche Ausgabe maßgeblich mitermöglicht haben; und von dem, was dann bei mir noch blieb, habe ich zehn Exemplare eingepackt und mit hierher gescheppt. – Doch was ich sagen will: Wenn der Roman nicht im Buchhandel liegt und niemand ihn also aufschlagen kann, kann er genauso wenig wie meine anderen Bücher gut verkauft werden; die Menschen wissen ja nichts von ihm. Solange aber ich mich den scheinmoralischen “Gender”-Diktaten nicht beuge, zudem, b l e i b e ich Kritik und Betrieb das schwarzes Tuch und Schaf. Da kann man Wolf sein, wie man will.
Allerdings ist auch das ein Grund zu klagen immer noch nicht. Ich spüre vielmehr in den letzten Monaten deutlich, daß sich etwas ändert und mehr und mehr Leute begreifen, was ich poetisch tue und getan habe. Nur sind solche Prozesse des Umdenkens quasi naturgemäß langwierig zäh, gar eines Umschwenkens dann. Es ist eine Art Evolution, nicht etwa Mutation, und in den Künsten fast wie ein Gesetz. Doch daß ich das heute so sehen kann und imgrunde beruhigt bin, also nicht mehr in schwarze Galle verfalle, habe ich letztlich → Liligeia zu danken. Es klingt absurd, ja bizarr, aber die Krebsin, irgendwie, hat mir gutgetan.

Dennoch, mich erreichen nun vermehrt besorgte Mails, weil es kaum noch Arbeitsjournale gibt; manche Menschen bringen zum Ausdruck, wie sehr sie ihnen, ja, fehlten, und es wird befürchtet, mein Schweigen hänge mit meinem gesundheitlichen Zustand zusammen. Die Wahrheit indes ist anders. Ich bin einfach zu sehr von den Videoarbeiten, besonders → denen zu den Bamberger Elegien, aufgesogen, um noch fürs Plaudern Zeit zu haben. Außerdem, was soll ich Ihnen erzählen? Daß ein Leben ohne Magen auch seine Schwierigkeiten hat? – geringe, wenn Sie bedenken, daß ich noch lebe und zwar gerne, nach wie vor wahnsinnig gerne. Sie nerven dennoch, besonders die Polyneuropathie in den Füßen. Doch drüber zu schreiben, gar, sagen wir, “leidend” – es wäre Blasphemie. Nein, sowas mache ich alleine mit m i r aus. Dazu gehören auch meine Einsamkeiten und das Bewußtsein, daß mir – der  solch einen Wunsch hatte, noch einmal Vater zu werden – die Chemo jede Chance darauf zerstört haben dürfte. Und also ward ausgerechnet ich, der hingegebene, leidenschaftlich wilde Erotomane, an die R ä n d e r des Eros gerückt, von wo aus ich heute,doch jedesmal beglückt, beobachte, wie zweie von der Aphrodite an der Hand, den Händen ihrer Geschlechter, genommen und dorthin geführt werden, wo sie sich in ihnen begibt. Und wenn der Vorhang fällt, zwischen die beiden und mich, die Venus selbst läßt ihn herab, dann muß ich ein jedes Mal lächeln. Als wäre ich es, der nun liebt. So daß auf durchaus magische, jedenfalls so empfundene Weise das Glück der andern meines wird. Es ist egal, ob es mich meint. Es soll nur weitergehen, immer weitergehen, so, wie ein Fluß fließt zwischen unbegradigten Ufern. Das ist es,was ich will.
So also, Freundin, mein seelischer Grundzustand zur Zeit. Er ist voller Dankbarkeit. Denn was die zwei da nun erleben, habe ich selbst so oft erlebt, erleben dürfen, und wenn es nun halt vorbei ist, so war es eben doch und wird so in mir bleiben. Nein, es gilt weiterhin, was ich schon oft gesagt: Ich werd das Leben nicht beklagen.
Also machen auch Sie, liebste Freundin, sich bitte um mich keine Sorgen. Unterm Strich habe ich alles an Leben (und also nämlich Liebe) bekommen, was ich nur wollte, und bin von daher privilegiert, nach wie vor. Dazu muß ich nur einmal meinen Sohn betrachten und zuschaun wie jetzt e r lebt. Das ist für mich ein rasendes Glück. Ich selbst muß es gar mehr sein — und eben deshalb bin ich’s.
Jetzt vielmehr geht’s um ein andres, nämlich irgendwie eine Formklammer um mein Leben, das heißt besonders: meine Arbeit, zu legen, es sozusagen einzurahmen, um Bild zu werden für das, an was ich glaubte und glaube. Dazu braucht es keine Vollständigkeit, es genügt der tätige, also weiterhandelnde Wille. Alle Leben, notwendigerweise, enden fragmentarisch, wenn wir sie als einzelne sehen. Betrachten wir jedoch die Generationenfolgen, dann sind sie, siehe oben, ein unabgerissener, unabreißbarer Fluß, und wenn es gutgeht, dann zwischen, ecco!, unbegradigten Ufern. Darum, denk ich, gilt es zu kämpfen: daß niemand von uns begradigt wird. Nicht Weibchen, nicht Männchen, nicht, was es dazwischen noch alles gibt. Und meinethalben nennen Sie’s “queer”. Ich werd mir nur sagen nicht lassen, was ich (noch) sagen darf und was nicht. Und wenn’s mich n o c h so viel kostet —

Ihr ANH

 

Unten ODER “Da sie wahrscheinlich gar nichts merken.” Vor diesem – dem einundzwanzigsten – Coronajournal. Freitag, den 24. April 2020.

 

(Vorweg, weil’s nicht ohne Witz ist: Daß, mögli-
cherweise, → Raucher geschützt vor Corona sind!)

[Arbeitswohnung, 7.10 Uhr
David Ramirer, → inversus REMIX]
Doch nicht nur das, sondern immerhin auch Ramirers neue Musik baute mich wieder etwas auf, die gestern nachmittag im Briefkasten lag, nicht sie selbst, klar, Freundin, aber die CD. Sowie eine persönliche Karte Gaga Nielsens. Denn vorabends hatte ich von einem meiner Verlage eine Nachricht erhalte, die mich komplett hilflos machte, auf die zu reagieren ich deshalb den Schlaf einer ganzen Nacht und das Gespräch mit einem anderen Verlag brauchte, wo mir geraten wurde; ebenso fragte ich bei meiner Lektorin, die überhaupt zu informieren ich allerdings zögerte, weil ich sie nicht belasten wollte.
Kurz: grauenhafte Verkaufszahlen. DIE DSCHUNGEL dagegen wächst und wächst, deutlich nehmen die Zugriffe wieder zu, haben noch nicht ganz, aber nähern sich ihm wieder, die außerordentlichen Zugriffszahlen, die ich aus twoday-Zeiten gewohnt war. Wie, frage ich mich, ist beides zu erklären? Alleine damit, daß für “reale” Bücher Geld ausgegeben werden muß? Vielleicht. Doch was kostet ein Gyros beim Griechen, ja ein Kinobesuch? Um von den astronomischen Summen zu schweigen, die für den Besuch eines einzigen Pop-Konzertes ausgegeben werden, ein-, manchmal zweihundert, ja dreihundert Euro, für ärmere Leute bis zu einem Drittel ihres Monatssalärs.
Wie auch immer, ich war, um’s im ekligen Neudeutsch zu sagen, down. Dabei hatte ich gerade wieder den richtigen Ton für → das vorletzte Béartgedicht gefunden, kam mit der Nabokovreihe weiter, und insgesamt zu meinen Gedichten schrieb mir die wunderbare Daniela Danz ein paar noch wunderbarere Zeilen, über deren unterliegende Botschaft sich’s freilich meditieren läßt:

Frauengedichte sind es sowieso nicht, das muss man sagen … Aber wer hätte das erwartet. Zum Beispiel dieses schöne schöne “Kokelndes Kind..” aus “Der Engel Ordnungen”, das ja nicht von einem Kind, sondern von einem Mann handelt und von dem für mich Erstaunlichen, das mit einem Jungen passiert, dass er all diese ihm zugetrauten Dinge tut, wohl nur, weil jemand sie ihm zutraut und er sie sich dann zutraut. Und dann gibt es diese Drehungen und Spiegelungen in den Gedichten, die so eine einfache, liedhafte Oberfläche haben und dann wie ein ganzes Spiegelkabinett sind, physikalische Gebilde quasi wie die “Ballade aus der Zukunft”. Die 2018er Bände sind dann schon wirklich ein wenig entrückt vom Wettrennen, aber das hat Dir ja schon immer gut gestanden, ein alter Mann zu sein, weshalb Du es jetzt vermutlich so wenig wie damals bist. Und auch die Unzeitgemäßheit ist darin noch stärker.

Über “das Wettrennen” muß ich nachdenken und drüber, daß es mir um so eins gar nicht geht, ich auch nicht weiß, was es eigentlich meint. Ebenso die Unzeitgemäßheit. Was denn soll ihr Gegenstück, “Zeitgemäßheit”, sein? Zu schreiben, wie es ‘in’ ist? Es gibt eine innere Logik der poetischen Geschehen, die nicht den breiten Rhein meint, auch nicht den Mississippi — und alles wälzt sich ins versumpfende Delta?
Das von Daniela Danz speziell gemeinte, sehr kurze Gedicht setze ich hier noch einmal für Sie hin:

KOKELNDES KIND AUF DER KIESTERRASSE

Im Nieseln hockt er konzentriert
den kleinen Rücken gewölbt
und brennt die Welt an

Ein kleiner Gott
probiert an ihren Mächten Gegenmacht:
was ein Mann ist unter dem Himmel

 

Ich muß ihr unbedingt zurückschreiben. Zuerst aber war auf das Verlagsschreiben zu reagieren:

Deine Nachricht macht mich in mehrfacher Hinsicht hilflos und mir – was Du gewiß nicht beabsichtigt hast – ein starkes Schuldgefühl, mit dem ich nicht wirklich umzugehen weiß. Die Zahlen freilich sind niederschmetternd – doch auch deshalb, weil ich so etwas vorausgeahnt und Dir ja auch mehrmals gesagt hatte, wie schwierig mein Stand im deutschen, bzw. deutschsprachigen Literaturbetrieb ist und lange schon war: daß ich ihm durchweg eine persona non grata bin. Selbst das Traumschiff (…) ging letztlich daran unter. (…) Auch hier war es so, daß sich die Feuilletons – bis auf wenige – weigerten, das Buch überhaupt wahrzunehmen. Und wo dann doch Kritiken erschienen, in nicht mehr als drei Zeitungen, erschienen sie sowohl (…) viel zu spät als auch vor allem zu weit voneinander jeweils entfernt, um eine Wirkung zu entfalten. 
Das war nicht zufällig so, sondern hatte Methode. (….) Die poetische Kraft in meinen Büchern ging den auf einen banalen “Realismus” gebügelten Literaturbetrieblern, die anderes nur bei Autorinnen und Autoren des Auslands erlauben, von Anfang an gegen den Strich.
(…) Als ich anfing zu schreiben, beherrschte die Linke den Betrieb, und ich schoß gegen sie, ebenso wie ich’s gegen rechts tat. Sehr früh, geprägt von Adorno, griff ich den Pop an, nannte ihn später “die Ästhetik des Kapitalismus”, wies seine Banalität nach, den Verlust an Formen usw., und überdies lehnte ich – und tue es noch – die hochkapitalistischen Panem-et-circensis-Shows des Fußballs entschieden, ganz entschieden ab, schon weil es seinen Grund hat, daß es so Widerliches wie Hooligans gibt (von denen, nach Spielen hier im Schmeling-Stadion, लक्ष्मी tätlich angegriffen wurde, mehrfach, was dazu führte, daß sie zu solchen Zeiten das Haus nicht mehr verließ) . 
Was nun, Fußball wie Pop, einer ganzen Generation zur quasi Ersatzheimat wurde, weil es nicht mit der Hitlervergangenheit belastet war, klagte ich der Affirmation und des Formverrats an – nicht anders, als es Nabokov lebenslang mit dem Kommunismus getan hat. (…) Das wurde und wird mir nicht verziehen; ich bin ein Nostalgie-Nestbeschmutzer.
Es ist egal, (…) ob jemand gut schreibt oder gar bedeutend; ein Autor, oder eine Autorin soll sich, wenn sie oder er aus Deutschland stammt, dem Mainstream unterstellen. Unterdessen bin ich noch verschärft zur persona non grata geworden, weil ich die Gender-Ideologie nicht mitmache, sondern für nicht nur falsch, sondern schwer verlogen halte: Sie existiert alleine aus Gründen des Machtinteresses und eines diktatatorischen Willens (zur) Deutungshoheit (…).
Es ging aber schon früher los, wegen meines (…) vitalistischen und zugleich erhöhenden Verhältnisses zur Sexualität, meiner Ablehnung der ideologischen Monogamie (der meine Ablehnung des Monotheismus entspricht); kurz wegen meiner als unzulässig empfundenen Darstellungsfreiheiten erotischer Vorgänge, die ich eben nicht moralisiere. Schon bei Erscheinen meines ersten Romans, 1983, weigerten sich sämtliche bayerischen Buchhandlungen (das Buch erschien bei List in München), mein Buch öffentlich auszulegen – weil ich auf der ersten Textseite eine Szene aus Tinto Brass’ 1979 herausgekommenem Spielfilm “Caligula” (mit Peter O’Toole) nacherzähle, die mit der – gezeigten – Kastration einer der Figuren endet – eine Szene, die mir, nachdem ich den Film sah, entsetzlich nachgegangen ist und verarbeitet werden mußte. Seither stand auch in den Kritiken folgender Bücher immer wieder der Hinweis auf meine in sexueller Hinsicht Amoral – was den Gipfel erst fünfundzwanzig Jahre später erklomm, als “Meere” erschienen war und der Prozeß um das Buch lief. Da verlor ich sogar meine Verlage und brauchte fünf Jahre, um zurück auf die Beine zu kraxeln. In denen aber ich DIE DSCHUNGEL gründete, quasi aus Notwehr, um nicht stummgemacht zu bleiben. Die Wut darüber, daß man mich nicht wegbekam, einfach nicht töten konnte, nicht einmal erwürgen, wo man mich doch am liebsten mit dem Beil zerhackt hätte, muß grenzenlos gewesen sein – zumal ich mir jetzt noch, eben mit der Netzpräsenz, viele der wenigen, die noch auf meiner Seite standen, ebenfalls zu Gegnern machte (etwa Gerd-Peter Eigner und Paulus Böhmer), weil ich angeblich “die Literatur verriet”.
Es folgte die Phase, in der, was immer ich poetisch unternahm, verschwiegen wurde. Es brauchte über zehn Jahre, nämlich bis zum Traumschiff, bis wieder über irgendeines meiner Bücher eine Kritik in einer überregionalen Zeitung erschien. Nur einige wenige Getreue ließen sich zu ihnen noch ein, entweder aber im Netz-selbst oder im Rundfunk. Im klassischen Feuilleton niemand.
Die Buchhandlungen sperrten sich weiter und sperren sich noch. Als skandalös gilt, daß ich gehypte Achteltalente wie Juli Zeh öffentlich so auch nenne, nämlich Achteltalente – was aber noch euphemistisch ist. Du kannst Dir sicher sein, daß die Buchhandlungen auch Thomas Pynchon nicht führten, wäre er nicht US-Amerikaner, schon gar nicht nach Gravity’s Rainbow, worin u.a. die Liebesgeschichte eines jüdischen Jungen zu einem NS-Offizier geschildert wird, dem sich der Bub dann auch noch freiwillig zum Opfer darbringt. Ein Vertreter (…), der meine Bücher nicht unterbrachte, erzählte, die Buchhändler hätten “sowas wie Angst vor Herbst”. Du kannst Dir denken, wie sie da bereit sein werden, eines meiner Bücher ihrer Kundschaft auch noch zu empfehlen.
Ich bin kein Einzelfall. Es gibt noch andere, vielleicht nicht viele, aber doch einige, die nicht vorkommen sollen. Der grandiose Kieler Romancier Christopher Ecker etwa, aber auch bei Böhmer war es über Jahrzehnte so. Wie in Deutschland und wohl auch in Österreich mit nichtkonformen Künstlerinnen und Künstlern umgegangen wird, läßt sich am Beispiel Hans-Jürgen Syberbergs besonders deutlich zeigen, dem es nicht einmal half, längst eine internationale Größe zu sein. Man kickte ihn schlichtweg raus, nachdem in seinem Hitlerfilm eine Wandtafel gezeigt wurde, auf der auf der einen Seite die Klarnamen korrupter Künstler und Kritiker standen, u.a. Bernhard Wickis, und auf der anderen zum Beispiel, als nichtkorrumpierbar, Helmut Käutner.
Ich glaube also an (die) These von dem zu hohen Buchpreis nicht. Vor der Währungsreform, also der Einführung des Euros, wurden Buchpreise mit 10 Pfennig pro Seite kalkuliert; nach der Währungsreform entsprach das 5 Cent pro Seite – womit wir bei 30 Euro pro 600 Seiten absolut korrekt liegen — aber wohlgemerkt nach dem Stand von vor 2000; da ist keineswegs die Inflationsrate und also die Kostenerhöhung nahezu sämtlicher Lebens- und Konsumbereiche mit eingerechnet. Demzufolge sind wir sogar zu billig.
Allenfalls wäre zu überlegen gewesen – oder könnte nach wie vor überlegt werden -, ob man nicht einen besonderen Preis für die Kundinnen und Kundin nimmt, die beide Bücher zugleich kaufen, sozusagen einen Paketpreis, sagen wir: 49,80. Das könnte sich rechnen, aus preispsychologischen Gründen. Hilft aber über das Grundproblem nicht hinweg.
Wie stark der Widerstand gar nicht so sehr, wahrscheinlich, gegen meine Ästhetik, vielmehr gegen mich als Person ist, zeigt der Umstand, daß wir (…) weder in Wien (…) noch in Berlin (…) einen Präsentationsort bekommen haben. 
(…)
Ich weiß keinen Ausweg. Eine geringe Hoffnung bleibt, daß sich die Angelegenheit nach meinem Tod dreht, wenn ich den Betrieb nicht mehr stören, sondern man mich – “Ich hab es ja immer gewußt!” – fröhlich vereinnahmen kann. Dann allerdings käme auch DIE DSCHUNGEL ins Rampenlicht, und darin stehen zu viele Namen, und zu viele Betriebshudeleien sind offenbart, die dann in die Literaturgeschichten eingingen. Also, nein, auch nach meinem Tod wird sich vermutlich nichts ändern. Der einzige Ausweg, den ich noch sehe, ist der übers Ausland – wenn es Übersetzungen gäbe, die dort Aufmerksamkeit erregten (…).
Also was soll ich Dir jetzt sagen, erwidern, wie kann ich mich entschuldigen? Und wie halten wir es in Zukunft (…)
(…)

Ich bin (…) ein nicht durchsetzbarer Autor, und zwar, mag sein, ein, wie Du mehrfach sagtest, “internationaler ohne Übersetzungskosten”, halt aber auch ohne Internationalität. Und gänzlich ohne Lobby.
(…)

Ich habe, Geliebte, den Brief dort gekürzt, wo er für die Öffentlichkeit zu sehr ins Private geht und/oder noch einmal illustrierend zu sehr ausholt. Es gibt ja weit mehr zu erzählen, und aber jedes weitere Detail erhöht meine Verzweiflung. Ein Satz meiner Mutter echot im Ohr: “Finde dich ab!” Was ich aber so wenig vermag, daß gestern abend, als ich mit meiner nahsten Freundin sprach, sie vor Hilflosigkeit zu weinen begann und das Gespräch abbrechen mußte. So daß ich, meinerseits nur noch niedergedrückter, dachte: Ich muß den Kontakt zu allen mir Lieben meinerseits, und zwar insgesamt, abbrechen, darf nicht mehr mit ihnen sprechen, weil sich meine Situation auf sie, sie schwer belastend, überträgt — weil Depressionen tatsächlich ansteckend sind. Eine andere, aber nicht unähnlich, Form von Corona. Möglichst immer einen Mundschutz tragen, nicht um mich selbst, sondern um meine Liebsten zu schützen. Sich komplett zurückziehen und kommunizieren alleine noch über DIE DSCHUNGEL. Fast kommt mir Corona nun wie ein Spiegel nach draußen meines Inneren vor. Einsamkeit als nunmehr status quo.
Aber das ist privatistisch. Allerdings Briefe einzustellen, sie zu dokumentieren, wie hier jetzt getan (was mir verübelt werden wird, auch von Freunden, wie ich weiß), bedeutet, mir nicht auch noch meine Wehrfähigkeit nehmen zu lassen, eben nicht einzuknicken, sondern zu bezeugen und zu zeigen — nicht zu klagen, sondern anzuklagen. Und zu beharren, auf einer Poetik zu beharren, die da ist, auch wenn man sie nicht will. Bedeutet weiterhin, Haltung zu zeigen, anstelle daß man sich beugt. Solange ich so etwas tue, resigniere ich nicht, egal wie groß die Depression ist. Denn diese ist allein persönlich, nicht aber der Kampf um Ästhetik. Denn der ist allgemein.

So ist meine Stimmung heute vormittag wieder besser, auch wenn ich gestern abend noch ein Gedicht schrieb, das etwas anderes aussagt. Gegen Mittag wohl werde ich’s, ein nur kleines, ziemlich simples Ding, hier einstellen. Und auffällig, als ich gestern die ersten Pfingstrosen kaufte, die derart schnell aufgingen, daß eine von ihnen jetzt schon verblüht ist — auffällig also die fast durchgehende Freundlichkeit der Menschen, auch und gerade von Verkäuferinnen, in den Zeiten der Corona.

 

Ihr ANH

P.S.:
Was ich abends noch dachte? Daß mir besonders verübelt wird, wie gerne ich lebe, wie gerne gelebt jedenfalls habe. Während ich jetzt immer wieder spüre, es sei vorbei. Daß ich zu leben gefeiert habe, es mir ein Bedürfnis in meiner Literatur war und eigentlich immer noch ist (nur daß ich derzeit den Ton kaum mehr finde). Vielleicht ging den Menschen diese Art Optimismus auf den Keks, diese Begeisterung, die immer auch Begeisterungsfähigkeit war. Die unentwegte Kraft von Hoffnung, die ich hatte, seltsam durchwirkt vom Trotz — diesem meinem nach wie vor DENNOCH! Die Hitze, die mich trieb und trug. Und meine unbändige Lust an der Bildung. Sie wurde mir nicht geschenkt, ganz sicher nicht vom Elternhaus, das eher gedrückt und verbissen war. Ich wollte sie einfach, nahm sie mir —  heraus. Nein, nicht ohne das Unrecht zu sehen, im Gegenteil. Ich sah es sehr scharf und zeigte es auch; doch mein Grundton ist immer Begeisterung gewesen, nicht Skepsis. Schon damit stand ich völlig quer in der Welt, die sich am mea culpa rieb und, wie ich schon sehr früh formulierte, einem “negativen Selbstheroismus”, der vor allem deshalb ekelhaft war, weil er feige ist, im allerinnersten feige. Und deshalb tief korrupt.

“Wenigstens”, sagte die weinende, mir so sehr vertraute Freundin, “kannst du dich im Spiegel ansehen, ohne dich schämen zu müssen.” Was ich da in mir dachte, verschwieg ich ihr besser, sie war schon viel zu erschöpft: “Das können die anderen auch. Da sie wahrscheinlich gar nichts merken.”

[Giuseppe Sinopoli, Lou-Salomé-Suite No 1]

“Es war einmal ein Mann, den habe ich geküßt.” Nabokov lesen, 32: Das wahre Leben des Sebastian Knight.

 

Zwei seiner Lebensmotti befragen sich gegenseitig,
und die Antwort ist das Leben selbst — näher vermag man einer menschlichen Wahrheit überhaupt nicht zu kommen.

Das wahre Leben des Sebastian Knight, 175/176
(Dtach. v. Dieter E. Zimmer)

 

So leichtfüßig dieses Buch auf sein erstes Lesen daherkommt, so verzwackt sind indes die Perspektiven, unter denen wir es aufnehmen können, sogar müssen — nämlich als Frage nach der eigentlichen Erzählerinstanz: Wer repräsentiert sie, ist der Autor dieser Suche nach einer Biografie – tatsächlich der genannte “V.“? Das hier mitschwingende (auto)biografische Thema – “das”, so Dieter E. Zimmer in seinem Nachwort, “schwindelerregende Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit” –  ist in diesem Roman auch immanent wirksam, indessen gerade seine Qualität, daß wir es lange nicht merken, und manche von uns trotz der häufigen Fingerzeige wahrscheinlich überhaupt nicht. Genau deshalb will ich Ihnen, Freundin, dazu auch nichts weiter schreiben. Verzeihen Sie mir, aber es wäre hübscher, Sie würden dieser bestimmten und den Roman sogar bestimmenden Qualität von ganz alleine gewahr.

Der Sebastian Knight ist Nabokovs erster auf Englisch geschriebener Roman. Da muß es niemanden wunder nehmen, daß der Verlust der eigentlich-eigenen Sprache das Buch unterschwellig, aber deutlich durchzieht:

Mitte Januar 1936 erhielt ich einen Brief von Sebastian. Seltsam genug war es ein russischer Brief.
Sebastian Knight, 237

Entsprechend erzählt “V.”, Knights bemühter Biograf (von dem wir letztlich, siehe oben, nicht wissen, wer er tatsächlich ist; immerhin könnte V. auch für “Vladimir” stehen) … also erzählt er,

wie seltsam es für mich gewesen sei, mit seiner Schwester [i. e. der eines entfernten Bekannten, ANH], jetzt einer rundlichen Mutter zweier Knaben, über einen fernen Sommer im Land der Träume, in Rußland, zu sprechen [Hervorh. v. m., ANH].
Sebastian Knight, 179

Und Nabokov selbst schildert die Notwendigkeit, fortan auf Englisch zu schreiben, folgendermaßen:

Als ich mich 1940 entschloß,

das Jahr, in dem er Frankreich verließ und in St. Nazaire mit seiner Familie zur Passage in die USA die Gangway der Champlain betrat,

 

in die englische Sprache überzuwechseln, bestand mein Unglück darin, daß ich vorher schon mehr als fünfzehn Jahre lang auf Russisch geschrieben und mein Werkzeug, mein Medium bereits geprägt hatte. Beim Wechsel in die andere Sprache sagte ich mich somit nicht von der Sprache (…) los, (…) mit einem Wort, nicht von der allgemeinen Sprache, sondern deren individuellem, ganz persönlichem Dialekt (…) — und die ungeheuren Schwierigkeiten der bevorstehenden Veränderung, das Entsetzung bei der Trennung von einem lebendigen, zahmen Wesen versetzten mich zunächst in einen Zustand, über den sich auszubreiten hier nicht nötig ist; ich will nur sagen, daß vor mir kein Schriftsteller eines bestimmten Niveaus derartiges durchgemacht hat.
Zit. n. Dieter E. Zimmer, Sebastian Knight, Nachwort, 270

Doch als Schriftsteller hätte er in den USA keine Chance gehabt, wo es eine russische Emigrantenszene wie in Berlin und Paris nicht gab, zudem er noch für Jahrzehnte in Rußland-selbst ein verbotener Autor blieb, das er zudem unentwegt attackierte — ein Umstand, der ihn, wie bisweilen zu lesen ist, den Nobelpreis ebenso gekostet haben könnte wie sein lebenslanges Ätzen gegen “die” Psychoanalyse (von der er allerdings, ich schrieb es schon, nicht so arg viel Ahnung hatte).

Wie kaum mehr anders zu erwarten, geht er das Problem höchst artifiziell an, indem er nämlich einen Helden wählt, der Russe ganz wie er selbst ist und mit der Biographie des ausgesprochen britisch geprägten Halbbruders ebenfalls ein erstes englischsprachiges Buch beginnt, wobei die “britische Prägung” eine ist, um die sich Sebastian Knight bisweilen ziemlich komisch bemüht hat, und zwar so lange, bis er

sich selber zum Trotz mit einer Art hilfloser Verwunderung [begriff] (…). daß er selber, oder vielmehr der kostbarste Teil seiner selbst – gleichgültig, wie verständig und gefällig seine neue Umgebung den alten Träumen entgegenkam – genauso hoffnungslos einsam blieb wie immer (…,) und je gütiger das Schicksal zu erreichen suchte, daß er sich zu Haus fühlte, indem es mit Geschick nachbildete, was er zu begehren meinte, um so deutlicher wurde er seiner Unfähigkeit gewahr, sich dem Bild, irgendeinem Bild, einzufügen. Als er dies endlich von Grund auf begriff und grimmig daranging, seine Zurückhaltung zu kultivieren, als wäre sie eine seltene Begabung oder Leidenschaft — erst dann verschaffte ihm ihr kräftiges und wucherndes Wachstum Befriedigung, und er hörte auf, sich um seine peinliche Unverträglichkeit Sorgen zu machen (…).
Sebastian Knight, 57

Schon an dieser Stelle ist abermals zu bemerken, mit welch einer Perfektion Nabokov seiner Figuren zu gestalten versteht, hier zumal über die Spiegelung in der Sicht eines anderen, nämlich des Autors V. — ein nicht unbedingt neues Verfahren, das mit Serenus Zeitblom auch Thomas Mann kultiviert hat, sowie sehr viel später der von beiden geprägte Eigner, wobei allerdings Nabokov seinen beiden Figuren, sowohl dem Biografen V. als auch dem Schriftsteller Knight, auf eine Weise eigene Charakterzüge und Erinnerungen verleiht, wie wir es bereits aus seinen russischen Romanen kennen. Daß Knight ein Schriftsteller ist, wie nicht wenige der nabokovschen Helden, unterstreicht die Natur des literarischen Kosmos, durch den sich Nabokov bewegt, und erlaubt ihm völlig organisch, seine auch poetologischen Vorstellungen darüber zu vermitteln, was Literatur zu sein habe, sofern sie denn gut ist:

Er hatte die seltsame Angewohnheit, auch seine grotesken Figuren mit dem einen oder andern Einfall, Eindruck oder Wunsch auszustatten, mit dem er selber spielte.
Sebastian Knight, 145

Auch der von V. auf eines der Bücherregale Knights geworfene Blick – nämlich auf das am sorgfältigsten geordnete – ist hier sinnvoll (und eben nicht “beliebig” von Nabokov erzählt — sowieso nie bei einem Autor wie ihm …):

Hamlet, Le mort d’Arthur, The Bridge of San Luis Rey, Doctor Jekyll and Mr. Hyde, South Wind, The Lady with the Dog, Madame Bovary, The Invisible Man, Le Temps Retrouvé, Anglo Persian Dictionary, The Author of Trixie, Alice in Wonderland, Ulysses, About Being a Horse, King Lear …
Sebastian Knight, 54

Ein jedes Buch ist ein poetologisches Ausrufezeichen: Shakespeare, Flaubert, Stevenson, Proust, Joyce, nochmals Shakespeare. Dazu Thornton Wilder, Norman Douglas, Anton Tschechov (hier interessanterweise auf Englisch), der seit je geschätzte H. G. Wells und ein mir bis dato unbekannter William Caine (aufschlußreich indes, dazu → diesen Netzeintrag zu lesen). Schießlich Lewis Carroll noch sowie die Autorin (:unwahrscheinlich) oder der Autor von “About Being a Horse”, die, bzw. den ich nicht finden konnte. Zusammengenommen ergeben sie alle ein gutes Bild der von Nabokov akzeptierten Kollegen, mithin auch seiner eigenen Poetik, zu der eine, von Joyce abgesehen, deutlich konservative Skepsis gegenüber sogenannt avantgardistischen Stilexperimenten gehört:

Aber da er [der futuristische Dichter Alexis Pan, eine Travestie auf Chlebnikov, ANH] sein Bestes tat, die Leute mit einem enormen Schwall nichtssagender Worte zu schockieren (…), scheinen seine meisten Produkte heute so läppisch, so altmodisch [zu sein] (hypermoderne Sachen haben die seltsame Angewohnheit, schneller als andere zu veralten), daß nur noch wenige Gelehrte[n] um seine Verdienste wissen (…)
Sebastian Knight, 38

Das schließt übrigens Nabokovs kindheitserinnerten Ausflüge, siehe Jules Verne oder auch Conan Doyle, durchaus mit ein. So wird von Sebastian Knight erzählt, daß er

nicht gegen Groschenschmöker [hatte], denn die Alltagsmoral scherte ihn wenig; was ihn aufregte, war nicht das Dritt- oder n-t-klassige; es war das Zweitklassige – denn hier, auf lesbarer Ebene, begann die Gaukelei, und das war im künstlerischen Sinn unmoralisch.
Sebastian Knight, 117

Wobei ich, Freundin, Ihnen von → Nabokovs Klassizismus, literarhistorisch Neoklassizismus, mehrfach schon geschrieben geschrieben habe. Es scheint mir aber wichtig zu sein, abermals darauf hinzuweisen, weil er einer der die unmittelbare Wirkung dieser Romane – ihre Sinnlichkeit eben – bestimmenden Faktoren ist, und zwar trotz ihrer hohen Komplexion. Dieses, kein Zweifel, hat Nabokov dem verehrten James Joyce deutlich voraus. Dazu gehören unbedingt Formulierungen wie:

Der kleine Mann trug seine Verse mit so lauter, dröhnender Stimme vor, daß er an eine kreißende Maus erinnerte, die einen Berg gebiert. (39) | (…) und ich wollte ihm etwas Richtiges sagen, etwas mit Flügeln und einem Herzen, aber die Vögel, die ich mir wünschte, ließen sich auf meinem Kopf und meinen Schultern erst nieder, als ich allein war und sie nicht mehr brauchte. (42)

Gerade dieses “nicht mehr brauchte” erzählt eine Tragik, die unendlich sanft in Prozessualität dieses Satzes gewirkt ist. Es waltet in ihm ist eine noble, distinguierte Dramaturgie. Ebenso

die herzzerreißende Schönheit eines Kiesels unter Abermillionen von Kieseln, die alle ihren Sinn haben, aber welchen?
Sebastian Knight, 65

Dies freilich verbunden mit einer geradezu poetologischen Selbstoffenbarung Nabokovs, die als V.s Blick auf Sebastian Knights Romane kaschiert und obendrein jemandem anderes in den Mund gelegt ist, den V. mithin nur “zitiert”:

Ich fragte ob sie [die Bücher, ANH] ihm gefallen hätten. In gewisser Weise schon, sagte er, nur [scheine] ihm der Autor ein fürchterlicher Snob [zu sein], in intellektueller Hinsicht zumindest. Als ich um einer Erklärung bat, fügte er hinzu, daß Knight ständig ein selbsterfundenes Spiel zu spielen scheine, ohne seinen Partner die Spielregeln wissen zu lassen.
Sebastian Knight, 65

Das entspricht vielem, was über Nabokovs eigene Bücher – inkl. diesem – oft zu lesen ist, wenngleich von Aficionados in bewunderndem Ton. Denn in der Tat sind es die Spielregeln literarischer Kunstwelten und eben nicht banale Abbildungen der Alltagsrealität, womit sich aus ihnen auch keine irgend gearteten Direktiven für sie ablesen lassen, jedenfalls nicht unmittelbar, wie es unterdessen schon nahezu verlangt wird. Dennoch gibt es Brücken wie etwa eine Seite des Romans V.s quasi Zusammenschau seiner Bemühungen um Sebastian Knights, des Menschen, Geschichte zeigt:

Der seltsame Traum, den ich gehabt hatte, der Glaube an eine gewichtige Wahrheit, die er mir vor dem Tod mitteilen würde — das alles schien jetzt vage und abstrakt [zu sein], als wäre es in dem Strom einer einfacheren, menschlicheren Empfindung ertrunken, in der Aufwallung von Liebe, die ich für den Mann verspürte, der auf der anderen Seite dieser halbgeöffneten Tür schlief.
Sebastian Knight, 259

Wie wohltuend, nebenbei, ist hier die “alte” deutsche Rechtschreibung, die “halbgeöffnet” als ganzes Wort in rhythmischem Fließe noch zuließ, ebenso wie “selbsterfunden” drüber! Besonders schon glänzt es im “mildfarbenem Wein” der Seite 231. Denn

Nicht auf die Einzelteile kommt es mehr an, sondern auf ihre Verbindung.
Sebastian Knight, 225

Für den Roman als Geschöpf gilt das ganz genauso. Es ist eben dieses, was uns das Gefühl ermöglicht,

irgendeine wichtige Arterie des Buches entlangzugleiten.
Sebastian Knight, 224

“Entlangzugleiten” — ein Wort, eben! Es wird so sehr Zeit, mit dem schädlichen Wirrzeug ein Ende zu machen, daß die neue deutsche Falschschreibung uns eingebrockt hat. Denn zwar, wir deutschen Dichterinnen und Dichter können uns ihrer mit künstlerischer Freiheit noch erwehren, nicht aber Übersetzerinnen und Übersetzer aus anderen Sprachen, und zwar auch dann nicht, wenn sie selbst imgrunde Dichterinnen und Dichter sind.
Weil aber Nabokov (bzw. V.) an der eben zitierten Stelle schon so körperlich ist, jetzt über den Pfad einer selbstironischen Bemerkung zu einem auch biografisch wichtigen Thema hinüberbalanziert, zu nämlich NABOKOV UND DIE FRAUEN:

Sie sah weg. Ihr kleiner, harter Busen wogte (Sebastian schrieb einmal, daß er es nur in Büchern tue, aber hier war der Beweis, daß er sich geirrt hatte).
Sebastian Knight, 214

Ich weiß nicht mehr, wo ich es las, aber entweder Dieter E. Zimmer oder jemand anderes ließ durchblicken, daß Nabokov von weiblichen Autoren kaum viel gehalten habe; ich kann’s noch nicht überprüfen (Erinnerung sprich liegt ja noch vor mir), sehr deutlich aber, immer wieder, wird sein Frauenbild, das sich von seiner Nymphophilie nicht gänzlich ablösen läßt: zu denen, die ganz Frau noch nicht sind; wirklich noch Mädchen, also Kind, sind sie aber auch nicht. Deshalb ist der Begriff “Pädophilie” — ich wiederhole auch diese Anmerkung mit Nachdruck — völlig fehl am Platz. Schon für → Lolita geht er in die Irre. Statt dessen richtet sich die Neigung viel mehr auf Frauen in der Gestalt von Knaben. Dem entspricht Nabokovs verschleierte Homophobie. Daß er einen 1945 im Konzentrationslager Neuengamme umgekommenen homosexuellen Bruder hatte, Sergej, hat sie, möglicherweise schuldgefühlshalber, verstärkt und genau darum nach einem poetischen Ausdruck gesucht, der eine abgewehrte Homosexualität mit der genital-reifen Sexualität eines heterosexuellen Mannes zu einen versuchte. Versteckt tritt dieses psychodynamische Phänomen auch im Sebastian Knight auf, und zwar insofern Knight eine vielleicht nicht ganz so “ansehnliche”, aber verläßlich-heilsame Gefährtin, Clare Bishop, gefunden hat, die er für eine andere, höchst schillernde Frau verläßt. Indirekt erzählt Nabokov hier eine eigene Affäre mit, die seine Ehe ausgesprochen belastet hat. Anders aber als Knight entschied er sich nach langem inneren Chaos für den, ich sage mal, klugen Bestand.
Dieser Befund ist poetologisch wesentlich. Er erinnert an meine eigene Entscheidung, nachdem sich meine tief Geliebte von mir trennte, eben nicht, wie ich verzweifelt erwog, das Land zu verlassen, sondern meines kleinen Sohnes wegen hierzubleiben, so schmerzlich es immer auch war. Genau das ermöglichte aber Meere, worin Fichte tut, was ich nur erwog, dann verwarf. Genau diese Grundkondition bestimmt den Roman — weshalb nicht zuletzt es so falsch war, ihn “realistisch” zu lesen.
Interessant ist nun aber, wie Clare Bishop beschrieben wird, das, was sie so gut eben macht, also eigentlich, für ihn:

Sie war hübsch, von einer ruhigen Schönheit,

indessen er höchst unruhig ist,

– bleiche, schwach sommersprossige Haut, leicht hohle Wangen, blaugraue kurzsichtige Augen, ein schmaler Mund. Sie trug ein graues Schneiderkostüm mit einem blauen Schal und einen kleinen dreieckigen Hut.
Sebastian Knight, 92

Dagegen Knight selber wird folgendermaßen beschrieben:

Er sah elegant und frisch aus. Sein feingestaltetes weißes Gesicht mit den schwachen Schatten auf den Wangen (…) wies nicht die Spur jener stumpfen, ungesunden Farbe auf, die es sonst hatte
Sebastian Knight, 92

So gut also hat ihm Clare getan. Und nun wieder sie:

Sie benutzte ein angenehmes, kühles Parfum
Sebastian Knight, ebda.

Also Clare “insgesamt” ist hübsch, ruhigleicht hohlwangig, kurzsichtig, schmallippig, grau — mithin in keiner Weise auffällig, sondern entspricht dem “klassischen” Bild jener Frauen, die, wie es lange hieß – selbst meine Mutter hat es noch gepredigt –, “hinter jedem großen Mann stehen” und ihn (und nur ihn) befördern. Um es mit dem Roman selbst zu sagen, dort allerdings über eine noch andere Frau, in der V. anfangs die, ich sage mal, böse Verführerin irrtümlich wähnte:

Frauen wie sie zerstören das Leben eines Mannes nicht — sie bauen es auf.
Sebastian Knight, 175

Wozu auch folgende Bemerkung paßt:

Ich erinnere mich, daß er [Sebastian Knight, ANH] zu sagen pflegte, leichte Mädchen seien schwer von Begriff,

schon  das, wie sich herausstellen wird, ist ein Irrtum,

und es gebe nicht Langweiligeres als eine hübsche Frau, die sie gern amüsiert; mehr noch: wenn man sich das hübscheste Mädchen genau ansehe, während es eine Blütenlese von Gemeinplätzen von sich gebe, entdecke man mit Sicherheit irgendeinen winzigen, seinen Denkgewohnheiten entsprechenden Makel in seiner Schönheit.
Sebastian Knight, 190/191

Da tanzt dann in der Tat das Patriarchat, und ich mag meine Schadenfreude nicht verhehlen, wenn daran jemand strauchelt.
Dagegen also jetzt die wider Nabokovs und seines V.s Willen Helene von Graun, die sich allerdings erst einmal, um V. zu täuschen (was ihr mit hinreißender Bravour gelingt), als Madame Lecerf ausgibt — also diese – die Männer eben in Schweine verwandelt (wozu aber gesagt werden muß, daß ihre Insel die Wildschweininsel genannt ist – Circe, um derentwillen Knight seine Clare verläßt und derenthalben er letztlich ins Unglück stürzt ..:

Es war (…) eine kleine, zierliche, blasse junge Frau mit glattem schwarzen Haar. Ich meinte, niemals eine so gleichmäßige blasse Haut gesehen zu haben; ihr schwarzes Kleid reichte hoch bis zum Hals, und sie benutzte eine lang, schwarze Zigarettenspitze.
Sebastian Knight, 191/192

Deutlich also ein Vamp, der sofort durch seine konversierende Schlagfertigkeit und dem entsprechenden Spott auffällt:

“Ganz recht”, sagte sie vergnügt. ” (…) Liebesbriefe sollten unbedingt verbrannt werden. Die Vergangenheit macht vorzügliches Brennmaterial. Möchten Sie eine Tasse Tee?”
Sebastian Knight, 193

Nicht aber wirklich ihretwegen wird Sebastian Knight irre an der Frau, sondern letztlich – ecco! – aufgrund der ihm eigenen männlichen Überhebung. In keinem der bisher besprochenen Bücher war mir diese derart deutlich. Und wenn V. davon schreibt, er habe eine Sherlock Holmessche Kriegslist angewandt, als er einen vorherigen Informanten gefragt, ob Knights Geliebte eine hübsche, dunkle Frau sei, er hingegen annimmt, Knights Verhängnis habe blondes Haar, erwidert dieser

“Genau”, (…) und nahm mir damit den Wind aus den Segeln.
Sebastian Knight, 195

Den an anderer Stelle eben diese Frau dann hineinbläst. Er übersieht einfach, daß er in diesem Stück nicht den Holmes, sondern Doktor Watson gibt. Es ist aber auch genau das, seine zwar farblose, doch solide Rechtschaffenheit, was ihn davor bewahrt, Frau von Graun ganz ebenso zu verfallen, wie’s dem verehrten Bruder geschah. Die das selbst auf den Punkt bringt:

(…) Ich sagte einmal einem Arzt, daß bis auf Nelken und Narzissen alle Blumen dahinwelken, wenn ich sie berühre — merkwürdig, nicht?”
Sebastian Knight, 212

Rote Nelken symbolisieren Leidenschaft (weiße hingegen die Ehe), und Narzisse ist V. nun erst recht nicht, sondern eben nur des Schriftstellers Halbbruder, grad auch in Leidenschaft und Geist. Genau daran, es ist seine Nase, die ja fürs Gemächt steht, führt Frau von Graun als noch immer Lecerf ihn ständig durch die Räume ihrer drei Gespräche.
Es lohnt sich, genauer hinzuhorchen:

(…) Ich glaube nicht, daß er ein Verwandter von Ihnen war,

betonen Sie das bitte auf “glaube”,

er war Ihnen so unähnlich — soweit ich das nach dem, was sie [die vorgebliche Freundin, Knights Geliebte, ANH] mir erzählt hat und was ich von Ihnen bisher zu sehen bekommen habe, beurteilen kann, natürlich. Sie sind ein netter, rühriger Junge –
Sebastian Knight, 195

Junge!

und er, nun, er war alles andere als nett — er wurde geradezu bösartig, als er entdeckte, daß er sich in Helene verliebte. O nein, er wurde nicht zu einem sentimentalen Hundchen, wie sie erwartet hatte.
Sebastian Knight, 203

Und jetzt achten Sie bitte auf die emanzipierte Kritik, die diese Frau und wie sie sie einfließen läßt:

Er sagte ihr bitter, daß sie billig und eitel sei, und dann küßte er sie, um sich zu vergewissern, daß sie keine Porzellanfigur war. Nein, das war sie nicht. Und schon hatte er auch entdeckt, daß er ohne sie nicht leben konnte, und sie, daß sie genug davon hatte, ihn von seinen Träumen und den Träumen in den Träumen und den Träumen in den Träumen seiner Träume reden zu hören. Bitte, ich verurteile keinen von beiden. Vielleicht hatten sie beide recht oder vielleicht keiner – aber sehen Sie, meine Freundin war nicht ganz die gewöhnliche Frau, für die er sie hielt — ach, sie war etwa ganz anderes, und sie wußte ein bißchen mehr vom Leben und vom Tod und von den Menschen, als er selber zu wissen meinte.
Sebastian Knight, ebda.

Es ist ein poetisches Wunder für sich, mit welcher Grandezza es Nabokov wider eigenem Willen gelingt, das Portrait einer tatsächlich ungewöhnlichen Frau zu gestalten. Schauen Sie sich allein die Lebendigkeit an, mit der Frau von Graun, alias Lecerf, am zweiten Tag vor V. in ihren Salon tritt:

Endlich öffnete sich die Tür, und die Dame, mit der ich am Tag zuvor gesprochen hatte, seitelte herein — seitelte, sage ich, weil sie den Kopf nach hinten gewandt und gesenkt hielt; sie redete nämlich auf ein Wesen ein, das sich als eine froschgesichtige, knurrende, schwarze Bulldogge erwies, die offenbar keine Lust hatte, in das Zimmer zu watscheln.
Sebastian Knight, 196

Merken Sie, Freundin, wie geschickt es von Nabokov ist, diese tatsächlich hinreißende Frau zwar nicht mit der standardisierten Begleiterin der Hexen, einer Katze, auszustatten; dennoch ist diese allein in dem “schwarze” zugegen, wobei die Farbe zudem (die in Wahrheit ein Kontrast ist) mit dem von der Frau tags vorher getragenen Kleid korrespondiert.
Aus der ersten Begegnung mit V. stammt auch das zweite wiederaufgenommene Motiv: Der Vamp trägt nämlich einen scharfen, mit großem Stein besetzten Ring, an dem sich V. beim Abschied fast schnitt. Jetzt, als allererstes, warnt sie ihn, durchaus höchst symbolisch:

“Denken Sie an meinen Saphir”, sagte sie, als sie mir die kleine, klamme Hand reichte.
Sebastian Knight, ebda.

Wenn Sie mich berühren, heißt das, werden Sie sich verletzen. Und wirklich, er ist nahe daran:

(…) ich glaube, es könnte den Leser erheitern (und, wer weiß, auch Sebastians Geist), wenn ich sage, daß ich einen Augenblick lang daran dachte, mit dieser Frau anzubändeln. Es war wirklich sehr merkwürdig – gleichzeitig ging sie mir ziemlich auf die Nerven – ich meine das, was sie sagte. Irgendwie verlor ich den Halt.
Sebastian Knight, 215

Den er eigentlich erst wieder gewinnt, als ihr mokantes Gaukelspiel … nein, nicht auffliegt, sondern sie selbst hebt den Vorhang — typischer-, stilvollerweise vermittels einer Anspielung, die weit vorher im Buch ein Motiv war. Und verfolgen Sie seine, V.s, Reaktion, tun Sie’s, Freundin, präzise; sie wird meisterhaft in dem beschrieben, was und wie er sieht:

“Es war einmal ein Mann”, sagte sie sanft, “den habe ich geküßt, nur weil er seinen Namen verkehrt herum schreiben konnte.
Der Stock fiel mir aus der Hand. Ich starrte Madame Lecerf an. Ich starrte auf ihre glatte weiße Stirn, ich sah ihre veilchenfarbenen Augenlider, die sie gesenkt hatte, vielleicht, weil sie meinen Blick falsch verstand – sah ein winziges blasses Muttermal auf der blassen Wange, ihre zarten Nasenflügel, die gekräuselte Oberlippe, als sie ihren dunklen Kopf neigte, das matte Weiß ihrer Kehle, die lackierten rosenroten Nägel ihrer schmalen Finger.
Sie hob den Kopf, ihre merkwürdigen Samtaugen, deren Iris ein wenig höher lag als üblich, blicken auf meine Lippen.
Sebastian Knight, 219

Was er ihr nun entgegnen will — Nabokov erzählt es erst, als ob V. es täte —, entgegnet er allerdings nicht, sondern behält es für sich, als sollte er es Circes weiteren Schlagfertigkeiten besser nicht aussetzen, damit es ihm Gewißheit bleibt, eine deshalb so hohle, weil sie nur für ihn selber besteht. Der Abschluß dieser Szene stellt – versehentlich vielleicht … nein, sondern weil große Literatur Wahrheit auch gegen ihre Autoren vertritt – die gesamte Schwäche der patriarchalen Männerwelt bloß. Genau damit ist Nabokov die Schilderung einer der größten Frauenfiguren gelungen, wenn nicht die größte insgesamt, die ich in seinen Büchern bislang gefunden.

Dennoch, auch auf Clara Bishop soll die poetische Gerechtigkeit ihr Licht noch werfen, auch die meine: Indem an Sebastian Knight nämlich vorgeführt wird, was geschieht, als er seine treue Gefährtin wegen Frau von Graun verläßt, erzählt Nabokov quasi im Krebsgang, was ihm selbst nicht geschah und was ihm mehr schließlich wert war als eine ihm ohnedies nicht liegende rauschhafte Selbstauflösung in Leidenschaft. Er ist aristokratisch gesonnener Klassizist, wir sollten das niemals vergessen.
In ungefährer Mitte des Buchs wird Knight Abschiedsbrief an Clara wiedergegeben. Weil eine der wissendsten Liebeserklärungen, die ich kenne, ist er extrem berührend, weshalb ich diese Besprechung mit ihm auszugsweise beenden und weiteres nicht mehr hinzufügen möchte:

Dies wird Dir wehtun, meine arme Liebe. Unser Picknick ist zu Ende; die dunkle Straße ist holprig, und dem jüngsten Kind im Wagen wird gerade schlecht. Ein billiger Tor würde zu Dir sagen: Du mußt jetzt tapfer sein. (…) Das Leben mit Dir war wunderschön — und wenn ich wunderschön sage, so meine ich Wunderblumen und Tausendschön und samtene Weichheit, das lange, sanfte rosa ‘n’ in der Mitte, und wie sich Deine Lippen zu dem ‘sch’ rundeten. Unser Leben zusammen war alliterativ, und wenn ich an all die Kleinigkeiten denke, die sterben werden, nun, da wir sie nicht mehr teilen können, ist mir fast, als wären auch wir tot. Und vielleicht sind wir es wirklich? Je größer unser Glück war, desto verschwommener wurden seine Ränder, als schmölzen seine Umrisse dahin, und nun ist es ganz und gar zerronnen. Ich habe nicht aufgehört, Dich zu lieben; aber etwas in mir ist abgestorben, und in dem Nebel vermag ich Dich nicht zu erkennen … All das ist Poesie. Ich belüge Dich. Hasenherzig. Es gibt nichts Feigeres als einen Dichter, der Ausflüchte sucht. Ich glaube, Du hast erraten, wie die Sache steht: die dumme Formel ‘Eine andere Frau’. Ich bin verzweifelt unglücklich mit ihr — das wenigstens ist wahr. Und ich glaube, über diese Seite der Sache gibt es nicht viel mehr zu sagen.
Das Gefühl, etwas stimme grundsätzlich nicht mit der Liebe, will mich nicht loslassen.
(…)
Lebe wohl, meine arme Geliebte. Ich werde Dich nie vergessen und nie ersetzen. Es wäre absurd von mir, wollte ich Dir einreden, daß Du die reine Liebe warst und diese andere Leidenschaft nur eine Komödie der Sinne ist. Alles ist Sinnlichkeit und alles Reinheit. Aber eines ist gewiß: Ich war glücklich mit Dir, und nun bin ich elend mit einer anderen. Und so wird das Leben weitergehen.
(…) Aber das wird nicht heißen, daß ich glücklich sein werde ohne Dich … Jedes noch so winzige Ding, das mich an Dich erinnert – der mißbilligende Blick der Möbel in den Zimmern, wo Du die Kissen zurechtgeklopft und mit dem Feuerhaken gesprochen hast, jedes noch so winzige Ding, das wir zusammen entdeckt haben – wird für mich immer nur die eine Hälfte einer Muschel, die eine Hälfte einer Münze sein, von der Du die andere behalten hast. Lebe wohl. (…) Vergiß mich jetzt, aber erinnere Dich später an mich, wenn die Bitterkeit vergessen ist. Dieser Klecks rührt von keiner Träne her. Mein Füller ist kaputt, und ich schreibe  mit einem dreckigen Federhalter in diesem dreckigen Hotelzimmer. (…) Ich glaube, Du hast noch ein oder zwei Bücher von mir – aber das ist nicht wirklich von Bedeutung. Bitte schreibe nicht. L.”
Sebastian Knight, 144/145

 

 

Darüber, Geliebte, hinaus ist wirklich nichts mehr zu sagen.

Ihr ANH

 

 

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“Du mußt nur die Laufrichtung ändern.” Nabokov lesen, 25: Lushins Verteidigung.

 

 

 

(…) jene physiologische Empfindung der Harmonie,
die Künstlern so vertraut ist.
Lushins Verteidigung, 245
(Dtsch.v. Dietmar Schulze, bearb. v. Dieter E. Zimmer)

 

 

Der Junge Lushin wächst nicht sehr anders als sein Creator auf, geschützt im Zauberreich eines Landguts, darin die ihn umsorgende französische Gouvernante seine Phantasie mit den Abenteuern des Grafen von Monte Cristo in einem Sommer beseelt,

der hauptsächlich von drei Gerüchen erfüllt gewesen war: [dem von] blauem Flieder, frisch geschnittenem Heu und trockenem Laub,
Lushin, 9

in dem allerdings seinem Vater die Befürchtung eine Änderung dieser paradiesischen Umstände nahelegt, in denen er, der Junge, einer Mücke zusehen konnte,

die sich an seinem zerschundenen Knie vollsog und dabei beseligt ihr rubinrotes Hinterteil anhob[,]
Lushin, 11

daß der Bub,

wenn er erst erführe, wozu diese Sineus und Truwor so ohne jedes charakteristische Merkmal, wozu die Liste der russischen Wörter mit einem ‘Jetj’ und die Hauptflüsse Rußlands nötig seien, sich genauso anstellen würde wie vor zwei Jahren, als langsam und massig, vom Geräusch knarrender Treppenstufen, knackender Dielen sowie hin- und hergerückter Koffer begleitet, die französische Gouvernante erschienen war und sich mit ihrer Person im ganzen Haus breitgegemacht hatte.
Lushin, 12

Da war der Junior nämlich ausgerückt, man hatte ihn suchen müssen — und tatsächlich, genau dies geschieht nun erneut, da ihm eröffnet wird, fortan in der Stadt leben zu müssen, um die Schule zu besuchen. Der größte Schock dabei ist für ihn, fortan mit Vaternamen genannt zu werden, Lushin mithin: ein radikales, fürwahr!, Symbol der nunmehr geendeten Kindheit.

Vorbei war es auch mit dem süßen Sichgehenlassen nach dem Mittagessen auf der Couch unter der Tigerdecke und der genau um zwei gereichten Milch in der silbernen Tasse, die ihr einen so kostbaren Geschmack verlieh (…).
Lushin, 12

Und vorbei mit dem märchenhaften Privileg, privat gebildet zu werden. — Der Knabe sah es damals schon richtig: Das allgemeine Schulsystem,  mit zwei es zutiefst charakterisierenden Wörtern, ist scheiße — der auf Gruppengeist, eine contradictio in adiecto, trimmende Sportunterricht allem voran (angemessen allein ist, von “-ungeist” zu sprechen):

Nach jedem Schubs krümmte er sich noch mehr zusammen und verbarg sich schließlich im Halbdunkel. So saß er etwa zweihundertfünfzig große Pausen hindurch, bis man ihn ins Ausland brachte.
Lushin, 24/25

Zur Milderung seiner Not — ja sie erfüllen statt ihrer sein Innres, lassen es blühen: — entdeckt er zwei Bücher, von denen eines, bzw. die ihm folgende Serie an Erzählungen, → auch mich tief geprägt hat. Ich habe in dieser Nabokovreihe den Umstand schon mehrfach erwähnt.

Aber nicht die Sehnsucht nach ferner Wanderschaft ließ ihn Phileas Fogg folgen, nicht das kindliche Gefallen an geheimnisvollen Abenteuern zog ihn zu dem Haus in der Baker Street, wo sich der hagere Detektiv mit dem Falkenprofil eine Kokainspritze gegeben hatte und träumerisch Geige spielte (…), sondern ihre sich folgerichtig und schonungslos entwickelnde Handlung.
Lushin, 31

Es ist rasend interessant, daß Nabokov, wenn auch indirekt, den Grundstein seiner Poetik genau hier gelegt sieht. Welch ein, bei ihm doch ganz und gar unvermutbar, Ausdruck künstlerischer Demut! Zugleich erklärt es seine sogenannte Arroganz. Sie ist, wie Holmes einmal ausführt, nichts als geäußerte Erkenntnis eines tatsächlichen Seins. Zu sagen, was tatsächlich sei (daß etwa er über eine Beobachtungsgabe verfüge, deren Fenster bei den allermeisten bretterartig verdunkelt sind), habe nichts mit mißachtetem Understatement zu tun, sondern zeige die innere Klarheit. Nicht anders ist Nabokov mit seiner ja tatsächlich begnadeten Erinnerungskraft und der Fähigkeit umgegangen, ihr einen sprachlichen Ausdruck zu verleihen, der uns, seine Leserinnen und Leser, geradezu bildlich an ihr teilhaben läßt. Dabei sollte nicht vergessen werden, daß solche Fähigkeiten immer auch ein Fluch sind, zumindest indem sie unentwegt verpflichten. Und wie ließe sich Nabokovs Gabe anders beschreiben, als wie in der kurzen, einem anderen zugesprochenen Huldigung, daß nämlich Holmes

der Logik den Zauber eines Tagtraums verlieh.
Lushin, ebda.

Geschieht bei Nabokov nicht eben das in Gestalt der Fiktionen, die er aus seinen Erinnerungen entwarf?

Aber zu Lushin zurück, Lushin junior, der einer solchen Zauberwelt bedarf, um in der, wie man es nennt, “Realität” überhaupt bestehen zu können. Der Weg dorthin führt ihn über schließlich riesige Puzzlebilder zur ersten Begegnung mit einem Schachspiel, in das er die innigste Einführung erfährt, die sich denken läßt, und zwar von einem Musiker:

“Welch ein Spiel, welch ein Spiel,” sagte der Geiger und schloß das Kästchen behutsam wieder. “Kombinationen sind wie Melodien. Verstehen Sie, ich höre einfach die Züge [Sperrung von mir].”
Lushin, 42

Das Motiv wird siebzehn Seiten später poetisch noch verstärkt:

(…) und als Lushin nun die Schachpartien aus der Zeitschrift nachspielte, entdeckte er an sich selbst bald eine Eigenschaft, auf die er einst neidisch gewesen war, als sein Vater bei Tisch zu jemandem sagte, er begreife nicht, wie sein Schwiegervater stundenlang in einer Partitur lesen könn[t]e und beim Überfliegen der Noten alle Bewegungen der Musik höre.
Lushin, 59

Und schließlich, durchaus bereits als ein Meister des Spieles gefeiert, gelangt Lushin genau dort hin, wo auf anderem Feld sein Autor brilliert, der — wie es auch → Gerd-Peter Eigner tat, Nabokovs Bewunderer und wie dieser geprägt von Flaubert — seine Romane im Kopf entwirft, bevor er sie in einem Zug niederschreibt, gestützt nur noch auf Karteikartennotate. Lushin also spielt nur noch im Kopf. Dies allerdings kennzeichnet auch sein Verhältnis zur Wirklichkeit:

Man brauchte sich nicht mit den sichtbaren, hörbaren, greifbaren Figuren abzugeben, deren gekünsteltes Schnitzwerk und hölzerne Gegenständlichkeit ihn immer störten und ihm stets als eine grobe irdische Verkörperung der sublimen, unsichtbaren Kräfte erschienen, die dem Schach innewohnten.
Lushin,103

Entsprechend vernachlässigt er seinen Körper, geht mehr und mehr in die Breite, wird nahezu unbeweglich. Deshalb ist es schon gut, daß er an seiner Seite den wenn auch durchaus eigennützigen Walentinow als sozusagen Impresario hat, der

dessen Begabung unausgesetzt ermutigt und weiterentwickelt [hatte], ohne sich dabei auch nur einen Augenblick um den Menschen Lushin zu kümmern (…). Wie ein belustigendes Monstrum führte er ihn reichen Leuten vor, verschaffte sich dadurch nützliche Bekanntschaften, veranstaltete zahllose Turniere, und erst, als er den Eindruck gewann, daß sich das Wunderkind einfach in einen jungen Schachspieler verwandelte, brachte er ihn zu dessen Vater nach Rußland zurück, nahm ihn später aber wie eine Kostbarkeit wieder mit, als er meinte, daß er vielleicht einen Fehler gemacht habe und sich mit diesem Monstrum noch ein, zwei Jahre etwas anfangen ließ.
Lushin, 102/103

Das allerdings auf seinen Turnierreisen, auf denen Lushin — bis zu seinem Lebensende wird es so bleiben — von den geradezu weltweit besuchten Städten nie etwas anderes zu sehen bekommt als sein Hotelzimmer und die oft sehr verrauchte “Location” des Spiels, dennoch durch mehr oder minder Zufall, und zwar im Park eines Kurhotels, die Bekanntschaft einer Frau macht, der nämlich besonders gefiel,

daß er keine Notiz von ihr nahm und anders als die übrigen unverheirateten Herren im Hotel keinen Vorwand suchte, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Sie war nicht besonders hübsch, irgend etwas fehlte ihren zierlichen, ebenmäßige Zügen, so als hätte ihnen die Natur einen letzten, entscheidenden (…) Stups vorenthalten, der sie zur Schönheit gemacht hätte.
Lushin, 93/94

Ecco, die beiden kommen zusammen und heiraten sogar. Womit in Lushins Leben eine Wendung eintritt, mit der in keiner Weise zu rechnen war. Nicht nur, daß es Nabokov höchst ungewiß sein läßt, ob die zwei jemals wirklich intim miteinander verkehrten — es ist eher unwahrscheinlich. Weshalb, das möge die folgende Szene des Hochzeitsantrags illustrieren:

Er platzte bei ihr herein, als [hätte] er die Tür mit dem Kopf aufgestoßen, sah sie undeutlich in ihrem rosa Kleid auf einer Couch ausgestreckt, sagte hastig: “Tag, Tag”(,) und begann[,] im ganzen Zimmer herumzumarschieren, überzeugt, daß sein Erscheinen ungezwungen, witzig und charmant wirken mußte, und gleichzeitig vor Aufregung ganz außer Atem. “Um übrigens auf das zuletzt Gesagte zurückzukommen, habe ich Ihnen mitzuteilen, daß Sie meine Frau werden, ich beschwöre Sie einzuwilligen (…),” und damit setzte er sich auf einen Stuhl am Heizkörper, verbarg sein Gesicht in den Händen und brach in Tränen aus; dann machte er Anstrengungen, die Finger einer Hand so zu spreizen, daß sie sein Gesicht bedeckte, während er mit der anderen sein Taschentuch suchte, und durch die zitternden, nassen Spalten zwischen seinen Fingern sah er ein doppeltes rosa Kleid raschelnd auf sich zukommen.
“Nun, genug, genug”, wiederholte sie beruhigend. “Ein erwachsener Mann und so zu weinen.” Er faßte sie am Ellbogen und küßte etwas Kaltes und Hartes — ihre Armbanduhr.

Lushin, 114/115

Und etwas später:

Anfangs versuchte sie[,] ihn auf die eine oder andere Art in den Kreis ihrer Verwandten einzupassen, in ihre Umgebung, ja sogar in ihre Wohnungseinrichtung [Unterstreichung von mir].
Lushin, 114/115

Doch

diese imaginären Besuche endeten alle mit einer ungeheuren Katastrophe.
Lushin, 116

Und sehr viel später noch:

(…) Lushin rieb seine Wange an ihrer Schulter, und dunkel war ihr bewußt, daß es vermutlich noch andere Freuden gab als die des Mitleids, daß diese aber nicht sie betrafen. Sie kannte nur eine Sorge im Leben, nämlich die unaufhörliche Anstrengung, Lushins Interesse für die Dinge der Welt zu wecken und seinen Kopf über dem dunklen Wasser zu halten, damit er ruhig atmen konnte.
Lushin, 219

So viel also zur Leidenschaft. Wobei die Lushins Gattin so treibende Sorge durchaus nicht ohne Gründe ist. Nicht nämlich die Ehe, ich schrieb es schon, ist, was die Wendung bringt und bringen mußte, so daß dem weltfremden Mann diese Welt schließlich selbst zu einem Schachspiel wird, dessen nahezu unbezwingbarem Gegner, der Lushin aber herausgefordert hat, mit einer Verteidigung begegnet werden muß, die sein, Lushins, Leben fortan so radikal bestimmt, daß er nun erst recht an ihr scheitert. Nämlich während eines entscheidenden Spiels gegen den mächtigen Spieler Turati bricht Lushin unversehens zusammen:

Nur noch eine letzte, ungeheure Anstrengung mußte er machen, so schien es, und er fände den geheimen Zug, der zum Sieg führte. Plötzlich geschah etwas außerhalb seines Wesens, ein beißender Schmerz — und er stieß einen lauten Schrei aus, schwenkte die Hand, die mit dem Streichholz in Berührung gekommen war, das er angezündet und dann an die Zigarette zu führen vergessen hatte. Der Schmerz verging sofort, aber in dem feurigen Spalt hatte er etwas unerträglich Schreckliches erblickt, das ganze Grauen der unergründlichen Tiefen des Schachs. Er warf einen Blick auf das Schachbrett, und sein Gehirn welkte dahin in einer nie zuvor empfundenen Müdigkeit.
Lushin, 219

Die Zeitungen nachher sprechen von einem Nervenzusammenbruch, der Lushin denn auch in psychiatrische Behandlung überführt, als deren Folge wiederum der kranke Mann ein für alle Mal aus den Fängen des seinem Nervengefüge so unzuträglichen Schachspiels herausgerissen werden soll. Jede weitere Berührung wäre von niemals mehr heilbarem Schaden. Doch wie dies erreichen, wenn für den allein im Geist — darin indes geniehaft — flinken, im übrigen schweren, behäbigen Lushin doch das “wirkliche Leben das Schachleben” war,

harmonisch, überschaubar und voller Abenteuer, und mit Stolz empfand Lushin, wie leicht er in diesem Leben herrschen konnte, wie hier alles seinem Willen gehorchte und sich seinen Listen und Plänen unterordnete [und] alles außerhalb des Schachs nur ein bezaubernder Traum war, in [dem] das Bild einer lieben, helläugigen Dame mit bl0ßen Armen schmolz und zerging wie der goldene Dunst des Mondes [?]
Lushin, 152

Zumal immer wieder — wenn auch die Gemahlin sämtliche an diese andere, für Lushin einzig wahre Welt erinnernden Utensilien aus seinem Zugriff fortschafft — Versuchungen an ihn herantreten, die er erst selbst abwehrt, dann ihnen heimlich nachgibt, bis er eben begreift, daß nunmehr das Leben selbst zum Schachspiel wurde:

Von diesem Tag an gab es für ihn keine Ruhe mehr — er mußte, wenn das möglich war, eine Verteidigung gegen diese tückische Kombination finden, sich aus ihr befreien, und dazu mußte er ihr endgültiges Ziel, ihre verhängnisvolle Richtung vorhersehen,
Lushin, 247

schon weil der Herausforderer dieser Partie schlimmer, weit schlimmer als Turati war, ein nämlich göttlicher, quasi, Turati, gegen den uns zu verteidigen wir schließlich alle versagen. Da, als er es vielleicht schon begreift, sieht er es, vorher bereits, auf der Seite 181 nämlich:

Und nach Ablauf vieler finsterer Jahrhunderte — einer einzigen Erdennacht — wurde es wieder hell, und plötzlich barst etwas strahlenförmig, das Dunkel zerriß und blieb als ein verblassender, schattiger Rahmen zurück, in dessen Mitte sich ein strahlendes himmelblaues Fenster befand.
Lushin, 181/182

Die Erwähnung genau dieses Fensters, im Badezimmer, das erst ganz am Ende des Romans wieder auftaucht, ist ein ebenso ungeheurer Trick Nabokovs wie es für Lushin die ihn durchziehenden finsteren Jahrhunderte sind, die im nicht verstehenden Anblick genau dieses Fensters kulminieren, so daß er selbst, Nabokov, sich sicher war, es würde diese Stelle überlesen. Deshalb weist er 1963, nicht ohne Stolz an seiner Konstruktion und durchaus als Attacke, im Nachwort zur englischsprachigen Ausgabe eigens darauf hin. Im Buch kommentiert er — Achtung, ducken!: Baumpfahl, geschwenkt — das Fenster acht Seiten weiter folgendermaßen:

Eine jede Zukunft ist unbekannt — manchmal aber hüllt sie sich in besonders dichten Nebel, als wäre der natürlichen Zurückhaltung des Schicksals noch eine andere Macht zuhilfe gekommen und hätte diesen elastischen Nebel ausgebreitet, an dem jedes Denken abprallt.
Lushin, 200

Und dann taucht Walentinow, der alte Impresario, wieder auf. So bleibt, letztlich, nur die Flucht, und als nach ihm, dem geflohenen Lushin, die Menschen in der Wohnung suchen, brechen sie schließlich das Badezimmer auf. Mehr mag ich nicht erzählen. Lesen Sie, Freundin, lesen Sie’s selbst.

 

Ihr ANH

 

 

 

 

 

 

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Maschenka: Nabokov lesen, 24.

 

 

Und jetzt, viele Jahre später, hatte er das Gefühl,
ihre erste Begegnung in der Phantasie und die andere in der Wirklichkeit seien miteinander verschmolzen und unmerklich ineinander übergegangen, weil sie als Mensch von Fleisch
und Blut bruchlos jenes Bild fortsetzte, das ihm verheißen worden war.
Maschenka, 69/70
(Dtsch. v. Klaus Birkenhauer)

 

“Der russische Titel”, so beginnt Nabokov das Vorwort zur englischen Übersetzung “des vorliegenden Romans, Maschenka, ist eine sekundäre Verkleinerungsform von Maria, die sich gegen jede vernünftige Transliteration sperrt: der Akzent liegt auf der ersten Silbe, das “a” ist lang und das “n” muß palatisiert werden wie in Mignon.” Und etwas drunter:

Maschenka ist mein erster Roman. Ich begann mit der Arbeit daran im Frühjahr 1925, kurz nach meiner Heirat in Berlin. Gegen Anfang des folgenden Jahres war er fertig und wurde von einem Emigrantenverlag herausgebracht (Slovo, Berlin 2926);

da war Nabokov 26 und bei Erscheinen 27, was ziemlich genau meinem Alter bei der Arbeit an meinem ersterschienenen Roman Die Verwirrung des Gemüts und seinem Erscheinen 1983 entspricht (dem allerdings ein anderer, der Dolfinger, der aber als erst sechs Jahre nachher herauskam).

zwei Jahr später erschien eine deutsche Übersetzung (Ullstein, Berlin 1928), die ich nie gelesen habe,

statt dessen bat er den Übersetzer, Klaus Birkenhauer, seine – Nabokovs – eigene Übersetzung ins Englische als Fundament der deutschen Übersetzung zu nehmen;

Im übrigen blieb das Buch fünfundvierzig Jahre unübersetzt; eine imponierende Zeitspanne.
Die wohlbekannte Neigung des schriftstellernden Anfängers, dem Leser sein Privatleben aufzudrängen und in seinem ersten Roman sich selbst oder einen Stellvertreter auftreten zu lassen, rührt weniger von der Anziehungskraft einer fertigen Handlung her, als vielmehr von der Erleichterung, erst einmal sich selber loszuwerden, um dann zu Besserem fortzuschreiten. Das ist eine der sehr wenigen Regeln, die ich akzeptiere.
Maschenka (Vorwort), 7/8
(Dtsch. v. Klaus Birkenhauer)

Doch vorher schon – in der Arbeit an Erinnerung, sprich – war ihm etwas höchst Interessantes aufgefallen, nämlich

als ich das Kapitel Zwölf (…) schrieb; und nun (…) bin ich fasziniert davon, daß trotz der darübergelegten Erfindungen (…) in der Romantisierung ein kräftigerer Extrakt persönlicher Realität enthalten ist als im skrupelhaft getreulichen Bericht des Autobiographen.
Maschenka (Vorwort), 8

Dieses “skrupelhaft getreulich” dürfen wir allerdings als einen nicht ganz wiewohl  berechtigt uneitlen Selbstflirt betrachten, insofern Eigner mit seinem Wort von der “Autobiografie in Romanform” recht hat. Und umgekehrt dürfen wir jetzt etwas annehmen, das Nabokov ausgesprochen heftig stets abgewehrt hat: daß wir die Romane auch als mit autobiografischen Details versehen lesen können. Was uns nicht wunder nimmt, denn woher bezieht ein Dichter sein Wissen, ja seine Bilder, wenn nicht aus dem, was ihn geprägt hat? Er verstellt die Erscheinung, aber kaum mehr. Und selbst Maschenkas Motto, klar, von → Puschkin, weist in diese Richtung:

Gedenkend der Wirrungen früherer Jahre,
gedenkend einer früheren Liebe.

Da der kleine Roman im Berliner russischen Emigrantenmileu begonnen und auch abgeschlossen wurde darin, erzählt er – wie fast alle auf Russisch geschriebenen Texte Nabokovs – genau aus diesem heraus, nämlich von dem jungen Lew Glebowitsch Ganin, dessen Name sich auf Nabokovs zur damaligen Zeit verwendetes Autorenpseudonym W. Sirin ziemlich gut reimt, und der sich mit fünf, eigentlich sechs weiteren Russen in eine Pension teilt; “eigentlich”, weil in Zimmer 6

zwei Ballettänzer (wohnten), Kolin und Gornozwetow, die nur zu gerne jungmädchenhaft kicherten und beide mager waren, sich die Nasen puderten und muskulöse Oberschenkel hatten.
Maschenka,
18

Er hat eine seinerseits bereits abgekühlte Beziehung mit Ludmilla, die aber keineswegs kühl ist und ihrerseits mit der jungen und, schreibt Nabokov “vollbusigen” Klara befreundet ist, die ebenfalls in der Pension lebt und Ludmilla als quasi Postillonesse d’amour dient, jedenfalls immer wieder auf Ganin eindrückt, zur Freundin freundlicher zu sein. Dem sie aber, der Wahrheit zur Unehre, längst nichts mehr als lästig ist — vor allem, seit er von dem ältlichen Alexej Alferoff erfahren hat, daß dieser seine junge Frau erwarte und er, Ganin, sich dem Umstand stellen muß, daß sie eben jene große Liebe seiner Jugend, Maschenka nämlich, ist, jedenfalls sei.  Denn zwar füllt ihn nun vier Tage lange die Erinnerung an sie bis ins seligst schmerzvollste aus, aber als er sich schon entschlossen hat, sie vom Bahnhof abzuholen und derart mit Glück zu überschütten, daß sich von seelischer Gewalt sprechen ließ, und mit ihr, der nunmehr so Wehrlosen, daß sich von Entführung sprechen ließe, einfach abzuhauen — als er also so weit ist, verläßt er statt dessen alleine die Stadt, nämlich auf alle Zeit. Was aber eine indirekte Bosheit ist. Denn darauf, speziell: nach Paris zu ziehen, hat der alte, ebenfalls in der Pension lebende Dichter Podtjagin voll zitternder Sehnsucht gewartet, als ihn das Schicksal, das wir Leben nennen, niederstrecke, um aber noch einmal die Augen zu öffnen und einen

Momentlang fand sein Herz in dem Abgrund, in den er immer tiefer fiel, einen schwachen Halt. Da war noch so vieles, was er sagen wollte — daß er nun nie mehr nach Paris kommen und erst recht die Heimat nicht mehr wiedersehen würde, daß sein ganzes Leben stumpf und fruchtlos gewesen sei und daß er nicht wisse, warum er gelebt habe und warum er sterbe. Er rollte den Kopf zur Seite und sagte: “Sehen Sie – ohne jeden Paß.” Ein Anflug von Heiterkeit verzog seine Lippen. Dann verlor sich sein Blick wieder, und abermals sog ihn der Abgrund hinunter, der Schmerz bohrte sich wie ein Keil in sein Herz — und Luft zu atmen schien eine unaussprechliche, unerreichbare Seligkeit zu sein.
Maschenka,
149

Abgesehen von dem “wie ein Keil in sein Herz” ist hier mich fast einschüchtern deutlich, wie fertig ausgeprägt der Stilist Nabokov als junger Mann schon war. Es gibt quasi nirgends eine jener Ungelenkheiten, die doch Erstlinkswerken fast durchweg anhaften und da auch verzeihlich sind. Dieses “verzeihlich” kann auf Nabokov von allem mir bekannten Beginn an überhaupt keine Anwendung finden — ein → Ligeti sei er, dachte ich eben, der Sprache, auch wenn die Meisterschaft der Konstruktion von Roman erst später ihre reife Ausprägung findet. Wobei freilich der deutschen Übersetzung Nabokovs eigene aus dem Russischen zugrundeliegt und er sehr gerne während solcher Anlässe einiges mit Zweiter Hand deutlich zu verändern pflegte (im Fall des Romans “Gelächter im Dunkel” sogar derartig daß Rowohlt in die großen Ausgabe beide Fassungen aufnahm — als “Camera obscura” die erste in der frühen Übersetzung aus dem Russischen; es handele sich in gewissem Sinn um tatsächlich, schreibt der Verlag, quasi zwei Romane). Dennoch verblüfft dieser sein allererster Roman quasi unentwegt:

so küßte er ohne Leidenschaft das lackierte Gummi ihrer dargebotenen Lippen (16) — Es wäre direkt eine Sünde, einem Mann wie ihm nicht untreu zu sein (32) —  Wer sich rasiert, wird jeden Morgen einen Tag jünger (48) —  Er war ein Gott, der eine untergegangene Welt noch einmal erschuf (55) —  Im Haus war es kühl, nur hier und da zogen sich Sonnenschals über den Boden (56) — Sie sprachen wenig – es war zu dunkel zum Sprechen (100) — mit einer Bewegung wie von Gespensterschultern, die eine Last abschütteln, schoben sich schwellende Berge von Rauch in die Höhe und löschten den Nachthimmel aus (131) — die leeren weißen Ärmel der Scheinwerfer (138)

Dazu die Erzählertricks:

daß sie Maschenka hieß, wunderte ihn gar nicht; ihm war, als hätte er das schon vorher gewußt.
Maschenka,
75

Na klar, denn schon dreißig Seiten davor wurde genau das erzählt, nur daß wir es da ebenso wenig bemerkten wie Ganin, und erkennen die Tatsache nun als eine Erinnerung. So denn auch die fast fieberhafte Konkretheit, der fünf ihm von Maschenka gelassenen Briefe, die er

in Händen [hielt]. Draußen war es jetzt ganz dunkel. Die Beschläge seiner Koffer glänzten. In dem öden Zimmer roch es ein wenig nach Staub.
Maschenka,
130

Das “Wesen” der Briefe, daß nämlich sie und die in ihnen erklärte Liebe etwas Vergangenes sind, wird zu Geruch,

aber wir wissen ja, unser Gedächtnis kann fast alles wiedererstehen lassen, nur Gerüche nicht, obwohl die Vergangenheit durch nichts so vollkommen wieder auflebt wie durch einen Geruch […].
Maschenka,
90

Die Stellen auf dieser Seite 90 und der vierzig Seiten später sind im Innersten verbunden; auch dies aber etwas, das wir nachher erst begreifen oder doch zumindest spüren. Die Maschenka von früher wird es nicht mehr geben, sie wird Frau und sowieso, vielleicht nicht nur für uns, eine andere geworden sein. Ganins innerer Abschied bereitet sich vor, ohne daß er es merkt. Und dann sitzt geht der junge Mann zum Bahnhof,

ließ die vollgestopften Koffer sachte schwingen und überlegte, daß er sich schon lange nicht mehr so gesund, kräftig und unternehmungslustig gefühlt hatte. Und der Umstand, daß er mit einem Male alles mit neuen, liebenden Augen betrachtete — die Karren auf dem Weg zum Markt, die zarten, erst halb entfalteten Blätter, die bunten Plakate, die ein Mann mit einer großen Schürze rund um einen Kiosk aufhängte — gerade das war für ihn eine geheime Wende, ein Erwachen.
Maschenka,
153

Und für uns, verehrte Freundin, wenn Ganin den Zug besteigt und drin einnickt, der Sirenengesang der Verführung, gleich noch einmal in König, Dame, Bube zu schauen, einen Roman, der in der Eisenbahn immerhin beginnt und mit einem, der davonfährt:

Feierlich fahren die Häuser, die Gardinen knattern in den offenen Fenstern, der Fußboden knarrt, die Wände stöhnen, die Möbel zittern von den immer häufiger werdenden Stößen — immer schneller, immer geheimnisvoller fahren die Häuser, der Platz, die Gassen … .
Bube, Dame, König,
153
(Dtsch. v. Siegfried von Vegsack)

Und für uns, verehrte Freundin,

 

 

Ihr
ANH


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