Heute in Faustkultur. BIS FAST INS VERSTUMMEN INTENSITÄT. Currentzis’ Fünfte von Mahler. Von Alban Nikolai Herbst.


 
 
 
 
 
 
 

[Fotografie: Amoorphotograph / → Wikipedia]

 

→ → → → →   D o r t :

 

 

Battalia: T(h)eo W. Currentzis —

das, tatsächlich das mußte ich, so unangemessen es im Wachen zu sein scheint, denken und – eben! – dachte ich, als ich die Augen aufschlug aus dem Schlaf, der ein vollendeter Musiktraum gewesen sein muß. Nachdem völlig ungeplant mein Sohn und ich einen Konzertabend verbrachten. Nämlich war mir, als ich → diese Battalia (im Link ab 40’40”) endlich hörte und sah, fast der Bissen aus dem Mund gefallen – halb ein Bissen, halb auch Schluck, weil ich nämlich Suppe aß –, und ich hatte Adrian sofort, aber sofort folgende Whatsappnachricht geschickt, der — wegen eines wahrscheinlich nur grippalen Infekts seines Mitbewohners trotz eigentlich anderer Vornahme — nicht mehr hier hineinkommen wollte (Krebs, noch nahe OP, zudem vom wieder aufgenommenen Training vielleicht noch geschwächtes Immunsystem):

Adrian, Du mußt d o c h kurz reinkommen und Dir etwas anhören/ansehen… unbedingt!!! Bin grad völlig von den Socken. Bring einfach Deinen Mundschutz mit.

Und vorher hatte ich meiner Lektorin geschrieben (denn wir hatten für eben diese Einstudierung, dann aufgeführt im Wiener Konzerthaus, Karten gehabt, aber wegen Corona war auch dies wieder abgesagt worden), über SIGNAL:

Und das – ich muß jetzt fast weinen – hätten w i r in Wien gesehen… live … wäre nicht… wäre nicht … — ach. Ach, ach!

Ein zweites Mal, nein zum dritten bereits sah und hörte ich der Aufführung dann zu, als der junge Mann schließlich hier war, der eine Woche vorher der sogenannten klassischen Musik attestiert hatte, sie habe den Anschluß an die Wirklichkeit und eben deshalb Bedeutung verloren. Als er nun sehr genau in sich aufnahm, und erregt, was Currentzis und Kopatschinskaya da taten und wie sie sämtliche Orchestermusiker … ja, aufs Neue, Wiederneue beseelten, bekam er, wie seinerzeit → Parallalie bei → Sellars/Rattles Matthäuspassion den Mund so wenig mehr wie ich zu. Und eben diese (die Münder aber nicht) schlossen wir noch … ecco: an, in nur Auszügen freilich; also ich schaltete auf der Berliner Philharmoniker → Digitale Konzerthalle um. Da sah mein Sohn, dieser ziemlich schöne junge, knapp einundzwanzigjährige Mann, fast wie seinerzeit der Freund stupend aus, der knapp ein Jahr älter ist als ich:Nur, daß er nicht saß, sondern stand. Und fiebernd sich bewegte, wenn der Evangelist sang, sich mitbewegte, wenn die Chöre sich rührten, trauernd über den Bühnenboden schritten. “So viel hat sich, mein Sohn, getan”, sagte ich. “Aber”, erwiderte er, “niemand weiß es in meiner Generation. Wenn ich das vorher gesehen hätte, früher!” “Hast du. Aber dann kam die Pubertät hinzu, die immer alles erst mal umgräbt. Es ist”, ich lachte auf, “ja wirklich nicht zu spät.” “Wenn dieser Mann hier dirigiert, dann will ich unbedingt mit. Und die Kopatschinskaya — was sie für Augen hat. Und wie sie spielt ..!”
Besonders eindrücklich, für ihn wie für mich, ist Currentzis und Kopatschinskayas Aneinanderrücken Alter und Neuer Musik, der Nachweis ihres organischen Zusammengehörens, das nun, da es sinnlich ward, keines Beweises mehr bedarf. Daß zwischen Dowlands Lied und Kourlianskis Possible Places keine Pause mehr gemacht wird, so wenig wie nach der Battalia zu Scelsis phänomenaler Anahit (dem ich für DER ENGEL ORDNUNGEN einen Gedichtzyklus geschrieben habe). – Liebe Freundin, wirklich, folgen Sie dem Link und hören Sie sich’s an. Wer dann nicht auch so dasitzt (wenn er sitzt, oder sie) — der ist für alle Zeit verloren den soll in seiner großen Freiheit der Frost holen (von → da) !

 

Weshalb indes hat mich der nächtliche Nachtraum dieses Abends ausgerechnet Adorno, bis sogar offenbar in den Morgen, denken lassen ( – oder eher: fühlen?) Nein, Schönste, nicht “an Adorno”, sondern Adorno-selbst wie ein Geschöpf außer aller und über der Zeit! Sicherlich Currentzis’ Leidenschaft wegen. Weil in jedem seiner Finger nur Musik, Musik, Musik ist. Weil er ist, was er tut. Weil es keine Differenz zwischen Beruf, Berufung und Person gibt. Weil das Wort Freizeit in solch einem Leben nicht mehr vorkommt, was aus einem erlösenden Grund so ist: Currentzis wie Kopatschinskaya haben die Entfremdung aufgehoben. So etwas wie Freizeit muß nicht mehr vorkommen, was wir tun und sind, ist ganz eines. Diese beiden Menschen sind – mehr noch, viel mehr noch als ich’s bin – ganz ihre Kunst. Hören und schaun wir ihnen zu, werden wir Zeugen eines Wunders:

im Arbeits- und Musikjournal
des Donnerstags, den 22. Oktober 2020:

[Arbeitswohnung, 8 Uhr
Heinrich Ignaz Franz Biber, Battalia (1673), → Currentzis/Kopatschinskaya
Zweiter Latte macchiato]

Ein Wunder freilich ebenso – wenn nun auch, weil’s sein muß, ironisch – ist, daß ich nach der gestrigen Wiederaufnahme des Lauftrainings null Muskelkater habe; also hab ich’s doch nicht “übertrieben”, wie ich spätnachmittags befürchtete, als ich mich keislaufshalber wider Willen für eine halbe Stunde hinlegen mußte, aus der aber nur fünfzehn Minuten wurden, weil dauernd jemand anrief. Na klar, wer hält auch schon Siesta nach 16 Uhr? Da sagen Italiener längst Buonasera. – Ich war aber schlichtweg erst recht spät in den Park gekommen, weil meine erste Zoomkonferenz mit der Uni Bamberg auf die Mittagszeit gelegt worden war; ein für mich erwartungsgemäß informatives Gespräch, doch vor allem ein Anlaß, mir für den Lehrauftrag über die Einsatzmodi meines Computerbildschirm-,nun jà,”cockpits” Gedanken zu machen. Und außerdem muß ich heute einen virtuellen Raum für meine beiden START-Seminare buchen und sie danach eben auch mir einrichten. Ende dieses Monats findet bereits das erste statt. Da will ich dann auch → die Béarts endlich abgegeben haben.
Wie auch immer, heute wird um 12 gelaufen. Die Wiederaufnahme des Trainings hat eben auch Alltagsfolgen: Geduscht wird dann immer erst nachher, woraufhin die Siesta, so daß es schon von daher mehr als nur sinnvoll ist, meine Arbeitszeiten wieder sehr früh beginnen zu lassen. Bereits gestern, wie heute eben auch, bin ich um Viertel vor sechs hoch; besser wäre, zum Aufstehen fünf Uhr anzusetzen. Dann läßt sich bis Mittags gut was schaffen. Denn zu tun … mein Güte, schönste Frau … zu tun, zu tun gibt es genug. (Mal abgesehen davon, daß ich leider auch noch die Steuererklärung für 2019 dazwischenschieben muß, deren Fristablauf der Krebsbehandlung halber auf den 1. Dezember verschoben wurde, dankenswerterweise).

So, die Geistesärmel hoch!

ANH
[Mahler, Erste, Currentzis]

[12.18 – 13.40 Uhr
Volkspark Friedrichhain]

 

 

 

 

Siehe → dort.

 

 

Und dann stand vor dem Park aber noch mein absoluter Lieblingswagen, den ich zwar niemals haben werde, erstens weil mir das Geld fehlt und weil zweitens in Berlin nichts unnötiger ist als ein Auto. Aber leihen, für einen Wochenendausflug, würd ich ihn mir gerne.

 

Sehr sehr, sehr sehr, sehr sehr gerne.

Das Arbeits- (eher Lese-)journal, zugleich (Nach)Krebstagebuch des Sonntags, den 13. September 2020. Darin zu Federico von Lewin Erich Wolfgang Korngold sowie ein wiederholter böser Traum. Außerdem Lukrez, nämlich: Die Brüste der Béart, 53.

 

 

(Schmutztitelnotate in
Lewin, Federico)

 

[Arbeitswohnung, 7.79 Uhr.
70,1 kg.
Korngold, Klavierkonzert für die linke Hand, op. 17]

Wie ich’s gestern einer entfernten Freundin schrieb (ohnedies verlege ich die persönlichen Belange meine Arbeitsjournale seit → dem dort in Briefe, fühle mich damit weniger unwohl):

Bin grad voller Staunen, was bereits der siebzehn(!)jährige Erich Wolfgang Korngold zu komponieren verstand, und von Trauer, was uns an großer Kunst womöglich vorenthalten wurde, weil ihn das Naziwidertum in die Emigration und in den USA zur Lohnarbeit für Hollywood, nämlich in den Kitsch zwang. Dabei war er erst dreiundzwanzig, als er 1927 sein Meisterwerk vorlegte, Die tote Stadt, und vierunddreißig, noch vor der Flucht, daß seine letzte große Oper in die Welt kam. Dann vergaß man dieses Menschenjunggenie noch lange über das Ende des Unheils hinaus – dem schon die neuen Unheile folgten, quasi ein weltliches Armageddon nach dem anderen, gegen alledie wir nichts als eben solche Korngolds zu stellen haben – dieses aber mit ganzem, wunderbar prometheischem Recht.

Nach Jahren wieder los ging’s nun auf einer “falschen” Fährte, von Friedrichs II und Bianca Lancias Liebestochter Violante nämlich, der letzten quasi Vergilin, mit der → bei Lewin Truda vom Unruhvollen Stamm in der Unterwelt spricht, zur gleichnamigen Oper, die aber eben gar nichts mit ihrer historischen Namensbase zu tun hat. Da indes hatte mich der Melos bereits. Es ging gar nicht anders als nach meiner Vinylaufnahme des Stücks zu den anderen Bühnenwerken überzugehen, Die Kathrin, Die tote Stadt, Das Wunder der Heliane — alles noch vor des Komponisten Emigration entstanden, danach dergleichen niemals wieder. Dabei haben mich zwischenzeitlich → eines Lesers und Gesprächspartners Michael Gielens Aufnahmen sämtlicher Mahlersinfonien erreicht, und ausgesprochen schreckhaft fasziniert fielen mir im vierten Satz der Neunten stürzende Glissandi auf: Sie stürzen geradezu ab. Da hätte ich dranbleiben können, vielleicht sogar sollen, zumal mir K. zu meiner, sagen wir, “Entdeckung” konkrete Partiturhinweise gab, zu denen er auch Fragen stellte.
Aber derzeit schweife ich, nehme auch Einladungen nicht unbedingt wahr, selbst wenn ich gerne hinginge. Immer die Unruhe, es werde zu spät, ich würde zu müd, um gut das Fahrrad heim zu nehmen:

Normalerweise habe ich sowas immer gern getan (…); 20 km hin und 20 zurück waren nie ein Problem. Seit meiner OP hat es sich geändert und war schon während der Chemo immer leicht mühsam. Was ich aber ignorieren konnte. Jetzt, noch immer in der Wundheilungsphase, die mir ziemlich auf den Geist geht, ist, es zu ignorieren, schwerer möglich. Also müßte ich – oder sollte es sogar – die BVG nehmen — etwas indes, das mein Stolz als schwere Kapitulation erlebt und damit mein Selbstgefühl attackiert und was dann wieder zu Depressionen führt. Also bleibe ich lieber gleich daheim am Schreibtisch (…).

Ungut, mithin, unguter noch, was mir nun schon zum zweiten Mal träumte (denn ich spüre unterhalb der sichtbaren, an der Oberfläche bereits fast verheilten Operationsnarbe, gewissermaßen parallel zu ihr, mich irritierende längliche Verdickungen, in denen es, wenn ich etwas gegessen habe, jedesmal erst schmerzt, und fünfzehn bis zwanzig Minuten später geht von ihnen solch ein Mir-Übelwerden aus, daß ich mich langlegen muß): Man habe — so dieser Traum — in meinen Dünndarm zwei Sonden implantiert, eine kleinere runde links, auf der Herzseite also, sowie eine längere, langgestreckte rechts. Was sie aufnehmen sollen, weiß ich nie, auch nicht im Traum, aber daß es Spione sind, deretwegen ich dringend zum Arzt gehen sollte, um sie mir schnell herausschneiden zu lassen. Doch dann ginge alles wieder mit dem chirurgischen Schnitt von vorne los, auch mit dem furchtbaren Blasenkatheter, mit der Allergie gegen die Opiate, und der “alten” Wunde tät’ ein neuer Eingriff auch nicht grade gut. Also scheue ich den Gang: Wir sind immer noch in meinem Traum, dem ersten wie dem neuen heute nacht. Da war ich allerdings am Meer und schwamm hinaus. Ich konnte kaum die Küste mehr sehen, da gingen die Sonden in mir ab, vollbrachten es auf eine irreale Weise, meinen Bauch zu durchdringen. Und sie sanken in die Tiefe. Wovon ich erwachte. — Vielleicht, so dachte ich, “befürchteten” sie (oder der Geheimdienst, der sie mir hatte einsetzen lassen, befürchtete es), daß ich mich zum erneuten Gang auf einen OP-Tisch doch noch durchringen würde, und sie … sie würden erkannt. Das mußten sie, die beiden UBoote in mir, verhindern.
“Natürlich” waren sie nur im Traum abgegangen, jetzt, im und nach dem Erwachen, wieder deutlich spürbar. Ich kann sie mit den Fingern gut ertasten. Sie fühlen sich wirklich wie Fremdkörper an oder wie innere Vernarbungen; letztres dem tatsächlichen Sacherhalt nahe kommen dürfte. Wie ich gestern bei unserm schönen Gang über den Kollwitzmarkt zu लक्ष्मी sagte, bin ich mir momentan über den anatomischen Lageplan meiner Bauchorgane ziemlich unsicher. Nach dem, was der Chirurg aus mir herausgeholt hat, muß drinnen doch ein ziemlicher Leerraum entstanden sein, den die verbliebenen Organe nun mitnutzen, in den sie sich zumindest teilverschieben können: und ich, der stets ein geradezu exaktes Körpergefühl hatte, kann nun gar nicht mehr sagen, was es ist, das wo weh- oder sich sonstwie spürbar hervortut. Also fühle ich mich meinem Körper entfremdet.
Dazu nach wie vor die Verdauungsprobleme, besonders von Fett, und vor drei Tagen die Eröffnung meiner netten Ernährungsberaterin, daß ich die Pankreasenzyme nunmehr lebenslang würde nehmen müssen, werde, heißt das, was ich widerlich finde, ich, der ich es schon ablehne, Brillen zu tragen, weil sie zuviel Krücke mir und meinem Stolz sind. Und überhaupt habe ich die Neigung, diese Ernährungsberatung wieder abzubrechen, weil mir nichts gesagt wird, daß ich nicht schon von alleine wüßte und deshalb nicht beachte, weil ich es beachten eben nicht will: etwa, zu jeder Mahlzeit Buch zu führen, also sechs- bis achtmal mindestens pro Tag. Ich käm ja zu nichts andrem mehr! Meine Arbeit bleibt eh schon schandbar liegen. Immer noch habe ich die Béartgedichte nicht neu durchgesehen, obwohl es morgen in einer Woche bereits mit dem Lektorat losgeht.
Immerhin habe ich → die Lewin nun “aus”gelesen, was ein riesiger Gewinn war und nicht selten ein Genuß, auch wenn ich in einigem von mir selber Abstand nehmen mußte, von also, wie schon bei Kantorovicz, meinen → nietzscheschen Idealisierungen. Umso größer wird nun meine poetische Aufgabe sein: die Ambivalenzen werden zum Zentrum des Werkes, zum movens der Ästhetik. Was heilsam wider die Zeit geht, die einen Geist bekanntlich nicht mehr kennt. Denn der floh in die ANDERSWELT.
Zum Unruhvollen Stamm gehör ich nämlich selbst, jenseits, selbstverständlich, der Stämme Israels, die für Waltraut Lewin – als Jüdin – noch eine Rolle gespielt haben dürften. Da liegt die Ursache meines Identifizierens: im unruhvollen Lichtgeflacker seiner Stirn vom Stamme Luzifers zu sein und aus dem Schoße Aphrodites:

Alma Venus, o Du, die unter des Himmels gleitenden Lichtern
auf das besegelte Meer und die Früchte gebärende Erde
freundlichen Glanz ausstrahlt, denn alle lebendigen Wesen
werden gezeugt durch dich und schauen die Strahlen der Sonne

(alma Venus, caeli subter labentia signa
quae mare navigerum, quae terras frugiferentis
concelebras, per te quoniam genus omne animantum
concipitur visitque exortum lumina solis)

Lukrez, de rerum natura→ I, 2-5

Ein Fingerzeig übrigens, den mir Lewin – fast am Ende ihres großen Buches – zu den Béarts gegeben hat, so daß ich Lukrezens Anrufung der GÖttin in die → XXXIII unbedingt noch einbauen muß.

__________
>>>> Béart 54 (folgt)
Béart 52 <<<<<

Eine Woche knapp hab ich dafür Zeit.

 

Ihr ANH
[Korngold, Sinfonische Serenade op. 39]

P.S.: Ein wunderschönes Foto möchte ich Ihnen, Freundin, hier noch nachreichen. लक्ष्मी hat es von uns, ihr und mir, gestern aufgenommen, und da sie’s → bei Facebook eingestellt hat, werde auch ich es, nunmehr hier, tun dürfen. Es schenkte mir, nachdem sie es mir zugesandt, eine große Zuversicht:

Es sich mal richtig g u t gehn lassen mit dem Krebs!
| ANH an Liligeia, sechster Brief (als Antwort auf Lis Zwischenruf) |
Geschrieben von Sonnabendabend auf Sonntagmorgen, 30. bis 31. Mai 2020. {Krebstage 32 – 33 = Tage 12 und 13 der Nefudphase I)

 

 

 

 

— deshalb, weil sicherlich auch Du meine Handschrift nicht oder  nur unter solchen Mühen entziffern kannst, die ich Dir, meiner schönen, heut so sanften Li, weder zumuten möchte, noch es dürfte … – deshalb also schreibe ich mit der Maschine weiter, auch “natürlich”, weil ich den anfangs genutzten  Schreibblock habe aus einem Leipziger Comundo mitgehen lassen, das es – weder ein Leipziger noch einer anderen Stadt – in der Nefud nicht gibt, auch nicht in, siehe meine Absenderangabe:

NEFUD.ANDERSWELT

Die ich heute, da Du mich derart infrieden läßt, einmal verlassen habe, derweil meine Seele selbstverständlich weiter neben Faisal reitet, und hinter uns sein Diener, voran nur die zwei Scouts, die aber niemals stehen bleiben, um eine Hand zu heben, die uns ein wachsam Gleiches raten würde im Angesicht oder doch der Ahnung uns drohenden Geschehens. Nichts. Wir reiten und reiten, da gerät man in Trance und steht unvermittelt vor Gethsamenes Apotheke auf dem Prenzlauer Berg, wo von gestern auf heute auf Rezept der Hausärztin mein nun auch “offizielles” Cannabispräparat hergestellt wurde, so daß ich fortan zwei allerdings insofern differierende Flüssigkeiten nutzen kann, als → der caglistrosche THC-Anteil doch signifikant höher liegt als der des gegen “Bewußtseinsveränderungen” arg heikel eingestellten rein-medizinischen Präparats, dem er nämlich fast völlig fehlt. Nun, ich werde die Tropfen alternierend ausprobieren und Du, Liligeia, davon kaum unbetroffen bleiben. Ich hoffe, auch Dir werden wunderbare Welten geschenkt, vielleicht auch solche, die Dich mir gegenüber ein wenig zahmer werden lassen, einfühlsamer hätte ich’s gerne; wie Du dagegen mit andern Dichtern umgehst, drauf mag ich keinen Einfluß haben. Macht Ihr das unter Euch aus.
Jedenfalls war ich Dir erstmal, für heute, entwischt. Vielleicht hast Du tatsächlich noch, weil ich gestern fünf Tropfen nahm zur Nacht, in ihren Wirksamkeiten Dich geschaukelt, so daß Du nicht mitbekamst, wie schnell ich herunter von Röhrerich glitt (der es ganz offenbar auch nicht mitbekam, so wenig wie Faisal und die anderen Begleiter) und geduckt, aber gestreckt durch den Sand stob, der meine Sandalen freilich festhalten wollte, nämlich mich an ihnen, weshalb ich zweimal aus ihnen herausglitt und derart barfuß sofort zu spüren bekam, wie heiß es in der Nefud sein kann und eben jetzt auch war. Aber ich mußte dran denken, daß die Apotheke heute inventurhalber nur bis 14 Uhr geöffnet ist, also war der Rundsaum meines ثوبs zu heben und weiterzueilen. Konnt’ ich denn wissen, wie lange die Lappenschleuse offen bliebe, die ich im untren Drittel einer sich nicht weit von hier auf über zwanzig Meter erhobenen Sandsteinpyramide schimmern gesehen hatte. Am besten mich gar nicht mehr umdrehen. Blöd nur, daß mir zwei Plastefläschchen der von Faisal verordneten sogenannten Astronautennahrung aus den Gewandärmeln rutschten und im Sand nicht etwas stecken blieben, nein, er wollte sie schlucken. Zentimeter für Zentimeter versanken sie, eine gräßliche Zeitdilatation einmal wieder — die mich eben nicht einfach zuschnappen und die Gefäßchen wieder an mich bringen ließ, sondern ich mußte um jede Sekunde ringen, in der eine Hand sich bewegte. Dennoch, es gelang, mein Wille ist ungebrochen und die Astronautennahrung auch in Auszeiten wichtig, da ich mit ihr und THC die Auszehrung nicht nur stoppen konnte, die mich für eine Operation des anstehenden Ausmaßes allzu sehr geschwächt hätte, sondern sie hat mich im Gegenteil fast alles verlorne Gewicht in kaum vierzehn Tagen wiedergewinnen lassen. Offenbar, Liligeia, hast Du auch hierbei nicht geahnt, zu welchen Mitteln ich greifen würde, um meine Haltung zu bewahren. Aber nein, ich seh Dich nicht als Feindin. Doch kam ich jetzt, durchaus aus der Puste, bei dem Riß in dem Sandstein wirklich an. Zwar machst Du mich schnell erschöpfbar. Doch ich zehre von den lange Jahren unentwegten Trainings. Da kann ich Dir schon mal eine lange Nase drehen. Und sowieso hatte ich vor, es mir heute mit dem Krebs einmal richtig gutgehn zu lassen, indessen offenbar Dich das THC noch berauscht. Außerdem wollte ich diesen Brief lieber auf meinem Schreibtischstuhl schreiben als erneut im Schneidersitz, der mich dann doch immer recht schnell steif in den Gliedern werden läßt.

 

Sò.

 

Augen zu und

 

 

————> durch.

 

< Klappe >

Prenzlauer Berg, Stargarder … Mist, in dem arabischen Gewand fall ich nun aber doch auf, zumal mit der vom Agal gehaltenen Kufiya. Nee, besser schnell zurück und in die Arbeitswohnung hoch, hellgrauer Sommeranzug, Krawatte – aber … ah! daß ich lange in der Wüstensonne war, ist mir schon anzusehen. Prima.

Wieder hinaus.
Zu Mitte Meer, es war noch Zeit, fürs Abendsashimi eingekauft, die Austern als Vorspeise. Der Maguro tatsächlich in Sashimi-Qualität, 49€/kg, schon heftig. Aber na gut, 200 gr nehm ich, dann noch ebenso viel Kabeljau, ebenso viel Lachs. (Ich denke, daß es genügt, erst spät am Abend zurück in die Nefud zu kehren; na gut, vielleicht daß man mich beim Nachtmahl vermißt. Für den Fall werde ich mir eine Ausrede zurechtlegen, deren beste allerdings die schon gefundene ist: Ich hätt es mir, oh Li, heut gutgehn mit Dir lassen. Denn Faisal ist diskret, er wird nicht weiterfragen: Man spricht nicht unter Wüstenfürsten über seine Frauen, erwähnt sie besser nicht einmal. Eine die Geschlechtsunterschiede nivellierende oder gar leugnende Gendercorrectness kommt dem recht entgegen.)
“Spaziergang übern Markt?” Anruf bei लक्ष्मी.
“Oh, du bist in Deutschland? Ich hab dich grad in Jordanien gelesen. Wie gut, daß du damals die Bilder in der Namib gemacht hast — so war jetzt alles vorbereitet.”
“Eine aber komplett andere Wüste.”
“Da bist du ja auch noch gesund gewesen.”
“Ich bin noch jetzt nicht krank.”
“Du hast nur Liebeskummer, oder Li an Dir, verstehe schon. Jedenfalls scheint ihr gefährlich nicht zu passen.”
“Deshalb die Nefud…”
“Zuerst. Dann aber … Bitter, sich eine geliebte Frau so aus dem Leib zu schneiden, gar schneiden zu lassen – und aber auch, geschnitten so zu werden.”
Was ich nicht kommentieren mochte, war einfach zu gut drauf.
“Also Treffen wieder Helmi/Ecke Raumer?”
“Ja, und weiter dann zu zweit.”
Daß es so etwas gibt! mußte ich denken. Wie ein Schon früher schoß es durch mich auf, aber ich kann auf das Foto, das mir sofort im Kopf war, nun doch nicht verlinken, weil ich den alten Dschungeleintrag nicht mehr finde; ich habe jetzt den gesamten März und April 2006 durchgeschaut, ebenso die für diese Zeit gesicherten Bilder. Man sah — in der alten, → damals noch wundervollen Strandbar Mitte — meinen, ich glaube, rechten Fuß über den linken geschlagen, und als Titel stand darüber (meiner offenbar falschen Erinnerung nach):

DAß ES SO ETWAS GIBT!
oder
DAß SOWAS MIR PASSIERT!

Mir war ein märchenhaftes Privileg zuteil geworden, dem ich den Ausdruck eines erfahrenen Wunders gab, das für den Tag auch eines blieb, vielleicht sogar für volle zwei Wochen. Ich kann es darüber hinaus nicht mehr sagen, aber dieses, Li, ist sicher. Und eben das durfte ich nun wiedererleben, minutenlang. Wenn wir sensibel bleiben, ist unser Leben wahnsinnig reich. Die Stunden, jede, können von Erkenntnis explodieren, und in sinnlichsten Wogen laufen sie in ein Meer aus, das sie und uns aufs neue stets auflädt, bis wir irgendwann einfach zu schwach geworden sind, um solcher Fülle standzuhalten. Schönheit ist eine Forderung. Sie will gesehen, angesehen werden. Die, die es verweigern, bestraft sie.
Womit wir wieder bei Dir wärn, endlich – da ich Dir so nun Antwort geben kann, nachdem ich vom Marktgang zurück bin, wo ich noch Käse erstand, bevor लक्ष्मी und ich uns wieder trennten; allerdings begleitete sie mich noch bis zu meinem Wohnhaus. “Und wie kommst du nun wieder zurück?”
Darüber war ich mir selbst noch nicht klar. Doch machte mich das nicht mal nervös. Die Aussicht auf ein paar Stunden alleine mit mir, und mit meiner Musik, war um so beglückender, als ich neulich endlich meine Stax-Hörer wieder richtig anzuschließen vermochte, die seit ihrer Reparatur durch den pfiffigen Herrn → Wiemer hier nur herumgelegen hatten. Mir hatte einfach die richtige Kabelpolung des SRD7 -Vorverstärkers nicht gelingen wollen. Nun nahm ich mir die Zeit, im Netz nach einem Schaltplan zu suchen, → den ich tatsächlich fand. Und — voilà! kein schlechtes Gefühl mehr, wenn ich bereits morgens früh Musik laufen lasse, die mir so nötige. Denn einmal, in der Tat, hatte es von oben ärgerlich geklopft. Was ich verstehe, selbstverständlich, wer läßt schon halb fünf Uhr Morgens → Currentzis Mahler toben oder → Hakola wie jetzt? (Du  mußt, liebste Li, jede Zeitangabe relativ sehen: Dieses “jetzt” meint eines – morgen. Es geht in jeder Poetik, auch ihren Räumlichkeit, stets um Bezugssysteme.)

Bezugssysteme. Ich will Dir Antwort geben.
Nein, ich selbst habe mich, als ich Deinen Namen suchte, nicht auf Giger bezogen — jedenfalls nicht bewußt. Doch kann ich nicht die Möglichkeit bestreiten, aus meinem Unbewußten abgeschrieben zu haben, in das er sich mit eingeprägt hat, wenn auch er selbst viel weniger, als seine Geschöpfe es getan, → Li Tobler allen hier voran. Woran mich aber erst Frau von Stieglitz, eine Leserin, erinnerte, Du weißt schon, → dort. Und verlinkte auf ein Bild von Dir! Denn so, ja, tatsächlich so habe ich Dich in meinem Innern von Anfang (womit ich meine Diagnose meine) an gesehen. Leider darf ich die Bilder hier nicht anzeigen, ich bekäme andernfalls eine entschädigungsgeldbewehrte Abmahnung ins Haus. Mit ein wenig Vermögen im Hintergrund wär mir das allerdings egal. Es ist nicht eine moralische und schon gar nicht “Frage”, sondern alleine eine des Mehrwerts. Der jemandem wie Dir natürlich egal sein sollte – ist’s aber denen nicht, die mit Dir handeln und denen Du der Rohstoff bist, egal, ob pharmazeutische oder Industrie der Kultur; hier “ticken” beide gleich.
Stimmt, darum geht’s nicht. Was mich an Gigers, dieses modernen Hieronymus Bosch, Albtraumkonstruktionen von unserer ersten Begegnung an benahm, war, daß ich in ihnen einem Archetypos begegnete, der lange zuvor in mir gepflanzt worden war, und ich weiß nicht, von wem. Nun war er BILD geworden. Nicht Alien war es, was so wirkte, sondern die dunkle Muse, eben, Li. Auch ein Ungeheuer Muse. Sie schoß sich, Du weißt es, ins Gesicht. Wofür hat sie sich so bestraft? Dafür, daß die Allegorie alles Sexuellen von ihr Besitz nahm und sie ausfüllte? Daß sie ihr nimmermehr entkommen konnte? Es gelingt in der Tat nur wenigen, sich unter den Allegorien, die uns wider Willen erfassen, einfach wegzuducken – und wenn es gelingt, dann nur unter den Schmerzen einer heftigen, uns nicht selten auf andere, dann nur noch schwer zu analysierende Weise schädigenden Verleugnung.
Aber als ich zum ersten Mal Li I sah, warst Du in mir schon angelegt, wie ich jetzt lernen mußte, wenn auch, wahrscheinlich, noch nicht als Krebsin verkeimt, geschweige schon als Puppin. Aus der auch Sil dann schlüpft – wie → Niam sehr viel später gleichfalls. Mit → Species indes erschien als eben Sil (in deren Namen Du selbst so gut wie nicht versteckt bist) eine in ihrer Einsamkeit und Fremdheit so enorme wie eben (im grausamsten Wortsinn:) eindringlichste Figur, in der sich Zeugung, Empfängnis, Tod komplett vereinen, ganz so, wie ich selbst es, und zwar schon seit Kindheit, empfand und in fast fieberiger Klarheit vor mir sah und immer wieder meinerseits gesucht und aufgesucht und Variation für Variation gestaltet habe: diese beängstigende, zugleich sinnbetörend-rauschhafte Nähe von Schöpfung und Vernichtung, dieses Malstromes Leben, ganz so, wie die Großen Mütter der Mythologien immer auch Zerstörerinnen waren; ein nicht-domestiziertes Matriarchat erhobt sich hier und strahlte derart aus, daß man sich stellen muß als Mann und stellt sich auch, um, ja, zu unterliegen. Was überhaupt den Wert erst bestimmt: ohne sich gebeugt zu haben. Es würdig gewesen zu sein, Deiner, Liligeias, würdig — was uns zu Dir eben hinzieht auch dann, wenn Du uns nicht hinaufziehst, sondern wie im alten Volksstück müssen wir Mephisto schließlich mit uns selbst bezahlen:

Auch also, wenn Du, schön Li, → mir so vorwurfsvoll geschrieben, Du könnest ja nicht einmal sein, also Gigers, Werk leiden, wirst Du mir doch zugestehen müssen, daß er einiges von dem erfaßt hat, was die Welt, die noch nicht correcte — sie wird auf Dauer corrigierbar auch nie sein, sich immer wieder mit all ihrem Chaos aus Schönheit und Grauen unzuhanden erheben —, als allegorische Wellen durchwogt und -weht: der Kehrseite unserer Zivilisationen,

Der Bestienblick: die Sterne als Kaldaunen,
der Dschungeltod als Seins- und Schöpfungsgrund,
Mensch, Völkerschlachten, Katalaunen
hinab den Bestienschlund
Benn, Verlorenes Ich

Und noch deutlicher (das quasi ewig-stumme Motto meines eigenen poetischen Werks):

(…)
mir steht ein Meer vor Augen, oben Bläue,

doch in der Tiefe waberndes Getier
Benn, “Abschluß”

Wobei Sil interessanterweise — blond ist … wie, daraus zu schließen, auch Du es sein mußt, Li, so daß Frau von Stieglitz → an völlig anderer Stelle geäußerter Vorschlag restlos in die Irre geht, wenn sie den Ausweg darin sieht, einen “Gegentypus zu entwickeln”: ein wahrhaft schlagendes Beispiel für das, was die Alten unter Tragik verstanden und ich, als Moderner, wieder genauso verstehe, fast genauso. Indem wir unsre Heimat fliehen, um  nicht mit der eigenen Mutter tu schlafen und unsern Vater umzubringen, bewegen wir uns genau darauf zu.
Auch wenn ich Dich also bislang nur imaginär sah, kann ich nunmehr sicher sein, daß Du nicht zu den von mir bevorzugten dunkelen Frauen gehörst, sondern zu den schrecklich hellen. Und ich werde mich selbst überzeugen, wenn wir erst einmal in Aqaba angekommen sein werden, einer Unterabteilung wahrscheinlich des Lichtenberger Sana-Klinikums, wo mich schließlich doch operieren zu lassen ich derzeit eine deutliche Tendenz habe. Allerdings wird es am kommenden Mittwoch noch ein Beratungsgespräch in der Charité geben, wo mir auch Ratschläge wegen des OP-Modus erteilt werden dürften.

Und jetzt saß ich wieder an meinem vertrauten Schreibtisch, hört in den Stax erst einmal wieder Mahler II, dann fiel mir Hakolas von mir fast vergessenes Klarinettenquintett in die Hand zurück, eines Komponisten, der bereits bei unserer ersten Begegnung in Helsinki einen enormen Eindruck auf mich mache, auch wenn wir leider nicht ins Gespräch kamen, ich ihm von meiner Erscheinung vermutlich ebenso wenig sympathisch war wie er mir. Jetzt fiel seine Musik geradezu über mich her — und der Krebs ward ebenso vergessen, wie ich nicht mehr daran dachte, in die Nefud zurückzumüssen. Statt dessen grub ich mich in meinen Ohren, sozusagen, ein. Bis mein Sohn im Raum stand und um den Espresso bat. Was ich jetzt nutzte, um in seinem Beisein meine vorbereiteten Sashimi zu verzehren — tatsächlich ganz:

Da staunte er, mein Sohn, doch sehr. Aber ich schrieb ja oben schon, es mir heute mit dem Krebs einmal richtig gut gehen zu lassen; vor allem bekomme ich nun auch die rechte Schneidetechnik heraus, und es wäre doch sehr gewagt gewesen, die frischen Filetstückchen erst mal wieder in die Wüste zu transferieren, bevor ich sie aß. Und da, Li, Du, den ganzen Tag über nicht protestiert hattest, durfte ich da nicht annehmen, daß auch Dir meine Auszeit imgrunde ziemlich recht gewesen? Und also beschloß ich, ohnedies vor Sattheit fast schon müde, Dir statt der zum Einstieg empfohlenen drei Tropfen Dronabinols deren fünfe zu gönnen,

an denen ich an Dir dann einschlief,
so daß es ———————————————————————>

 

[صحراء النفود.صحراء النفود, Morgenlager]
6.30 Uhr, 72 kg]

[Kimmo Hakola, Klarinettenquintett (Kopfhörer)]

 

———————————————————> leichter war, in die Nefud zurückzukommen, als ich mir hätte auch nur vorstellen können. Tatsächlich ging es auf der Schlafesrutsche dieser fünf Tropfen wie von selbst vonstatten, dessen Wirkung ich fortan im Wechsel mit Cagliostros THC-Öl ausprobieren will.
Wie auch immer, um 23 Uhr legte ich mich zu Bett, wachte um 1.30 Uhr kurz auf, da noch in der nächtlichen Arbeitswohnung, aber zur zweiten ebenso kurzen, nur zum Pinkeln, Unterbrechung mußte ich bereits unter meinen Teppichen hervorkriechen und aus dem Zelt, ja, austreten eben, was insofern Aufwand verlangte, als ich erstens total verschlafen und zweitens im Rücken wieder etwas steifig war

(der medikamentös angeregten Bildung weißer Blutkörperchen halber, deren
normale Anzahl von den in der Nefud herrschenden Strahlungen so lange
attackiert wird, bis sie aufgeben müssen; so gesehen, las ich gerade, sei eine
Chemo
eigentlich nichts anderes als ein krasser Stresstest für den Körper.
Das schreibt jemand, der ihn trotz einer vor allem symbolisch sehr viel
härteren Diagnose als der meinen bereits bestanden hat, und ich verlinke
gern darauf)

und vor allem noch wußte, wo ich im Traum mein Gewand sowie unterm eingerollten Agal die Kufiya hingelegt hatte, um sie beim Erwachen aufnehmen und mich in alles kleiden zu können. Freilich, zum Pinkeln ging es auch mit einem schmalen Teppich um meine längst nicht mehr fleischlich-muskulösen, sondern mittlerweile deutlich knochigen Schultern. Noch brauchte ich auch die Sandalen nicht, es war ja noch recht kühl, fast kalt.
Meine Güte, das Dronabinol macht schwere Knochen! Drückt es dich tiefer in den Schlaf als THC? Momentlang hatte ich den Eindruck und werde es beobachten, auch nachher schon mal mit Faisal besprechen.
Ein Röhren Röhrerichs grüßte mich aus den Rücken seiner Stuten. Dazu schnaufte er.
“Pscht, Rih!” rief ich leise. “Die schlafen alle noch. Aber guten Morgen, Du aller Kamelinnen Schwarm (bei einem bisexuell aktiven Dromedar müßte hier “aller Kamel*innen” geschrieben werden) und Träger nur von Wüstenfürsten… Ich weiß, wir haben einen harten Ritt vor uns, drum ruhe noch, oh schwankendes Schiff meiner Chemo!” Und verkniff mich nicht länger.

Danach schlief ich bis halb sechs durch und stand um zehn vor auf. Da lagen Thawb, Kufiya und Agal denn auch ganz selbstgewiß bereit: sorgsam zusammengelegt, wie ich, der Pedant, es zur Nacht gerne habe. Und wie sich heraustellte, war ich gestern tatsächlich nicht vermißt worden. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob die Geschehen in der Nefud während meiner Prenzlauerbergs Auszeit nicht einfach stehen geblieben sind,  wie wenn jemand auf PAUSE drückt und auf PLAY erst wieder, da ich zurückgekommen war. Oder spalten wir uns bei solchen Wanderungen tatsächlich und setzen zwei verschiedene Geschehensketten ingang, die zu synchronisieren nicht mehr leicht, vielleicht sogar unmöglich sein dürfte? Was haben wir uns poetologisch dann vorzustellen? Daß ich in der einen Dimension de facto sterben werde, überleben indes in der andern? Und beides aber völlig konkret? Wer aber kann dann berichten und wer wann? Und käm ich lieber nach Aqaba, Li, oder verbliebe in einem Europa, das sich nicht finden mag und fast schon vergaß, was sein Gott ist: die Kunst? Auf die sie wie auf GOtt vergaß.
O plötzliche Trübsal des Morgens. Ich habe für Dich keine Zeit, wollte statt dessen unbedingt zu Kimmo Hakola schreiben – was ich aber jetzt, da mein Bericht schon ohnedies sehr lang ist, verschieben möchte: Dich, mein süßes Krabbelkrebschen, von ihm zu überzeugen … ich meine, von seiner Musik. Die ich selbst erst gestern wiederentdeckte, am Schreibtisch während meiner Auszeit. Nein, STOP, mehr dann später, eigens. Ich hör grad erstes heisres Rufen, das Lager ist erwacht. So geht es also – Liligeia, Dir entgegen – weiter. Drei Höllenkreise trennen die Messer noch von uns.

 

A.

Abbitte. Mahler IX. Für Leonard Bernstein. Am Mittwoch, den 27. Mai 2020, notiert als kleines akustisches Arbeitsjournal.

 

[Arbeitswohnung, 14.38 Uhr
Krebstag 29/Chemotag 8 | beschwerdefrei, 71,5 kg]
 

Mit großem Dank an Albert Meier

Mahler, Symphonie No 9
Berliner Philharmoniker, Leonard Bernstein
Aufnahme des RIAS Berlin anläßlich der Berliner Festwochen 1979 zugunsten Amnesty International.

 

Ganz meine Skepsis ab– und die CD einlegen, starten, zuhören (unabgelenkt; auf dem Musikstuhl, der zwar geräumig, doch dessen Sitz zu hart ist, um eines Sessels, also zu kommod zu sein).

Und es nicht fassen können: “Das ist dir bislang entgangen?!”

Allein die Aufschreie in den hohen Streichern, das graunzende Grummen der tiefen sowie der Pauke unschönes, weil zu helles Pochen und insgesamt die oft unvermittelten, quasi, Tempiwechsel! Genau, wie ich mir diese Neunte immer vorgestellt habe, daß sie so klingt, durcheinanderrasend, wild, wieder gefaßt und im erneuten Absturz schon. Es ist völlig richtig, was mir, siehe drunten, Albert Meier schrieb: Bernstein holte dies aus einem Orchester heraus, das 1979 völlig anders, von nämlich ausgerechnet Karajan geprägt war — und vielleicht ließ es sich eben genau deshalb, alleine deshalb aus ihm herausholen. Es ist der Aufnahme keinen Moment lang ein sentimentales Nachlassen der Spannungskraft anzumerken, wie ich’s bei Bernstein mit Mahler monieren zu müssen immer wieder Anlaß fand, das er sich hier aber hätte, den Kopf ins klaffende Maul des diktatorischen Löwen gelegt, auf keinen Fall erlauben dürfen. Gar nichts davon! Im Gegenteil, die hohe Nervosität Georg Soltis und Wyn Morris´ scheint sich vor den Berliner Philharmonikern mit Barbirollis dunkel glühendem, zugleich brummend insistierendem Temperament verbunden zu haben, ja sogar der Eindruck entsteht, es atme dieses Orchester unter Bernstein derart auf, weil es zum ersten Mal seit Jahren  wirklich eine Sau herauslassen darf, die bürgerliche Anstandregeln und sonstige Einschränkungen der Ausdrucksfreiheit rebellierend ein- und umreißt. Und wir geraten in die rasende Ekstase sich aus den Bindungen befreiender, nämlich aufbegehrender Klänge — ohne die, wie Mahlers IX oft interpretiert wird, schießliche Resignation. Bei Bernstein verklingt die Sinfonie eher als gutes, sanftes Entschlafen nach einem ziemlich harten Tag, der bis beinah ganz zuletzt noch in brodelndstem Saft stand. Und ebenfalls zurecht spricht Meier von seiner, Mahlers, “Gewalttätigkeit der Komposition”, die freilich nicht ihre (also deren), sondern die nichtverdrängte, nichtgeschönte dieser Welt ist.


Bestellen!    Sie haut um”!

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Aus der vorhergegangenen Korrespondenz:

Ihre kürzlichen → Bemerkungen zu Mahler unter Inbal, Solti usw. bringen mich – in Verbindung mit Ihrer Freude an Shostakovitschs Streichquartetten– zu der Frage, ob Sie Mahlers Neunte unter Leonard Bernstein mit den Berliner Philharmonikern kennen (live 1979). Ich habe die Einspielung erst kürzlich entdeckt – sie haut um.

Oh, diese Aufnahme kenne ich tatsächlich noch diese! (Ich hatte mit Bernstein und Mahler immer ein bißchen Probleme, weil es mir oft zu sein schien, als glitten ihm die kompositorischen Zusammenhänge vor lauter Ergriffenheit wie zu lockere Zügel aus dem Griff, manchmal gingen die Bögen tatsächlich momentlang auseinander – was etwas anderes ist, als es bei Barbirolli die harten Risse sind oder bei Tennstedt sogar Schnitte; Bernstein, den ich nach wie vor liebe, wenn er Neue Musik dirigierte (es gibt für mich keinen Vergleich zu seiner Einspielung von Bergs Violinkonzert mit Isaac Stern und dem NY Philh), war mir bei Mahler immer zu sentimental; er weinte halt auch immer schnell (und hielt, was ich ihm schwer verüble, die Beatles für ernstzunehmende Musiker) – ähnlich ist sein Tristan, etwa gegenüber Soltis oder noch moderneren Auffassungen wie Naganos, Metzmachers u.a.
Doch wenn Sie jetzt derart ausholen für diese Neunte unter Bernstein, dann will ich sie unbedingt hören und werde mal schauen, sie zu besorgen.
Dann geht die CD am Montag auf den Weg zu Ihnen (Dunckerstraße, nicht wahr?). Ihre Einwände gegen Bernsteins Mahler würde ich ohnehin nicht so einfach gelten lassen. Immerhin ist Mahler wohl derjenige Komponist, der den schlechten Geschmack in der guten Musik sinnvoll gemacht hat (hierin vermute ich derzeit den Grund, warum Thielemann mit Mahler nicht zurechtkommt). Und doch ja: auch die Beatles …
Der schlechte Geschmack in der Musik, darüber ließe sich lange streiten. Ich kann ihn bei Mahler nicht sehen,  nur, daß er sich Musiken bedient hat, die sehr wohl dazugehören, sie aber eben gewandelt hat … überhaupt nicht anders, im Prinzip, als es das Kunstlied mit Volksweisen getan, auch mit schlechten… und ich gebe zu, auch aus einem noch so entsetzlichen Beatles-Song läßt sich mit Gewißheit großartige Musik machen, grad im Jazz ist das immer wieder geschehen, selbst durch Jarrett. Da ist der Beatles-Song aber nur Anlaß – für sich selbst bleibt er unanhörbar, oder man muß sich übergeben. Das hört sofort auf, wenn Form ins Spiel kommt. Nur deshalb funktioniert der Kitsch bei Mahler, ohne es zu sein, also Kitsch.
Ich gebe des weiteren zu, daß wir, damit es zu solchen Prozessen kommen kann, das Mindere dringend brauchen, also den Kitsch, die Banalität usw. – alle, was die sogenannten einfachen Menschen halt bewegt. Um aber Kunst zu werden, braucht es den Transformationsprozeß. Nie und nimmer also würde ich die Beatles (oder den Pop, den Mainstream usw.) abschaffen, verbieten oder sonstwas wollen. Nein, das Schlechte muß da sein, die Welt wäre ohne es arm. Dennoch bleibt es schlecht und für elaboriertere Geister unerträglich (deshalb Beethovens Wutausbrüche über Rossinis Erfolge) […]
Eben: Kitsch ist etwa bei Mahler nicht mehr ‘Kitsch’, obwohl er zu den Bestandteilen der Komposition gehört (Kuhglocken!). Wie grässlich ist auch die Idee, das “Veni, creator spiritus” mit dem Schluss von “Faust II” zu kombinieren – in jeder Hinsicht abwegig, bloß dass es musikalisch/emotional nun mal umwerfend funktioniert. Aber gerade deshalb sind meines Erachtens auch Bernsteins Formlosigkeiten mehr als bloß legitim, weil sie dieser Brüchigkeit des musikalischen “Materials” (bei Adorno-Zitaten wird mir seit Jahrzehnten zwar übel, weil ich mich einst daran so überfressen habe, aber manchmal müssen sie halt doch noch sein) gerecht werden bzw. sie hörbar machen – in aller Gewalttätigkeit der Komposition wie der Interpretation. Gefallen resp. überzeugen muss das freilich nicht in jedem Fall. Für mich selbst kann ich ja auch auf die leichte Muse nun mal nicht verzichten.
Ich bin gespannt auf Ihre Meinung zu Bernsteins Berliner Neunten, bei der er immerhin ein Orchester auf seine Linie hat bringen müssen, das unter Karajan ganz und gar anders gepolt war. Er hat das dann ja auch nur einmal machen dürfen.

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[Poetologie zur Musik]

NACHBEMERKUNG
Nicht ganz ohne Witz, übrigens, wie physiognomisch ähnlich Bernstein auf dem Coverbild seinem dirigentischen Gegenspieler ist: Lenny Herbert Karastein.

Die verschwundene Musik SOWIE Fürs Messerle: am Krebstagerl 16.

 

 

 

 

 

 

[Arbeitswohnung, 5.16 Uhr
Händel, Semele (ive-DAT-Mitschnitt aus der Staatsoper Unter den Linden vom 12. Oktober 1996), Akt I]

Hinterhof im Mai:

Dunckerflieder.Anderswelt

Hübsche Komplexion, daß diese Zeilen, wiewohl nun früher “terminiert”, später geschrieben werden, als die hierunter wurden. Tatsächlich habe ich den im hierunteren Notat sozusagen als Vorrat niedergeschriebenen Gedanken heute nacht intensiv verträumt: daß doch von den in Betäubung geschehenden Erlebnissen irgendetwas zurückgeblieben sein müsse — in irgendeinem geheimen Archiv unseres Gehirns, zu dem wir die Türen nur nicht kennten und nicht sähen. Davon, dort hinzugelangen, träumte mir nun, doch übertrug mein Traumbewußtsein dies von der medizinischen Anästhesie in die Poetik einer großen (mir vorgeblich schon seit langem bekannten, d. h. mir selbstverständlichen) — Musik.
Also. Da bereits vorgestern das Novaminsulfon nur noch bedingt etwas gebracht hatte, reduzierte ich zu gestern nacht die Tropfen von dreißig auf zwanzig und rang mich gegensteuernd durch, eine halbe Zolpidem zu schlucken – das allererste Schlafmittel meines Lebens. Mit 65 eigentlich prima. Ich wollte schlichtweg um fünf hoch (was nun gelungen ist), um vor der wegen der kleinen OP obligatorischen Nüchternheitsphase noch einen Latte macchiato genießen zu dürfen.
Um kurz vor elf ins Bett, um kurz vor fünf hoch; der Plan ging auf. Nur daß ich dennoch um zwei einmal wach wurde, es jedenfalls glaubte. Der Schmerz vom Karzinom war da, das wußte ich, doch war er nicht zu spüren. Ich lauschte, hierhin, lauschte dorthin, ich konnte welche Organfalte auch immer anheben, um drunter nachzuschauen, der Schmerz hielt sich verborgen. Trotzdem, er hockte irgendwo und kicherte sich eins, weil ich ihn nicht fand.
Gut, dachte ich, dann nicht. Umso besser. Denn ich hatte mit dieser Musik zu tun.
Im Traum dachte ich: Mahler oder Pettersson. (Händel auf keinen Fall; ich denke oft versetzt). Jetzt aber, am Schreibtisch mit dem Kaffee (kurz schoß Verlangen auf zu rauchen, doch schon verpuffte es; zwölfter Entzugstag) …  jetzt aber bin ich mir nicht mehr sicher. Dabei sehe ich die Partiturseite vor mir, auf der die Stelle zu finden, nämlich nicht zu finden ist: Eine Musik, die der Komponist schrieb, ohne sie in Noten zu fassen, so daß in der Partitur ein Riß entstand, insofern die Musik nach, sagen wir, Takt 321 anders weitergeht, als es kompositionslogisch sein dürfte. Sie tut’s aber, als wäre es das Klarste von der Welt: als wäre das Verborgene nämlich da, läge in aller Welt Ohren. Nur daß wir es nicht hören können, nicht mehr, vielleicht. Sie geschah, und die Melodik (mithin Tragik) setzt sich logisch einfach fort; indessen uns | fehlen die Über- und also die Zusammenhänge.
In meinem Traum wußte ich – wie eben erzählt – genau, um welche Musik es sich handelte. Ich war mir auch sicher, die entsprechende Stelle in der Partitur längst angestrichen zu haben, und wollte sie gleich nach dem Aufstehen aus dem Regel ziehen, um Ihnen, Freundin, die richtige Seite abzufotografieren und das mit einer hinweisenden Markierung versehene Bild hier einzustellen. Die “Wahrheit”, daß diese Musik eine Erfindung meines Unbewußteins und letztlich eine und zwar so gute GESCHICHTE sei, daß ich sie noch erzählen müsse, stieg erst allmählich aus mir auf: da stand ich bereits an der Pavoni und füllte das frisch gemahlene Espressomehl in den Siebträger. Noch war ich in Gedanken meine Musikregale abgeschritten, hatte hier eine Partitur herausgezogen, dann dort — oder hatte ich das Stück gar nicht material, sondern “lediglich” digital archiviert? — Oh achduje, es gibt es gar nicht! Und schlagartig, mit dieser wirklich jähen Erkenntnis, mußte ich ans Ende des Dritten Blumenstückes aus dem Wolpertingerroman denken:

 

 

 

 

 

 

[Händel, Semele (live-DAT-Mitschnitt aus der Staatsoper
Unter den Linden vom 12. Oktober 1996), Akt I]

***

[Das nun aber folgende sollten Sie, liebste Freundin, erst um elf Uhr lesen, Punkt 11 am besten]:

 

[Sana Klinikum, 11 Uhr]

 

 

Diagnostische
→ Laparoskopie
.

 

 

Schwierig dabei wird es für mich sein, nicht mit auf diese phantastische Reise gehen zu dürfen, die doch in mich selbst hineinführt. Andererseits gebe ich zu, daß auch diese gelebten, zugleich eben nichtgelebten Zeiten des kompletten Betäubtseins ein Rätsel haben, das erfahren werden will. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es im Gehirn nicht doch Speicherräume gibt, die das Nichtwahrgenommene bewahren — und welche Überflutung dann, würden wir durch Zufall, jedenfalls unversehens, die Türen dahin öffnen!
In jedem Fall gewöhne ich mir an, meine Krankheit als eine Expedition zu verstehen, in die Ligeias Gesang mich gelockt hat – ein fremdes, mag sein auch tödliches Meer, über dem ein indes derart blendendes Licht schwelt, daß wir noch keine Verse dafür haben.

***

(Und jetzt lesen Sie noch einmal den ersten, um 5.16 Uhr begonnenen Teil dieser Erzählung. Wenn Sie damit fertig sind, wird auch meine kleine OP beendet und mit und unter mir mein Bett in den Aufwachraum geschoben worden sein. Sowie danach auf der → 4A* zurück, wird es mich, abgesehen von enormem Nahrungsappetit, noch enormer nachzuschauen treiben, was Sie, Geliebte, zu dem allem denken.)

ANH

*) Heitererweise sind sowohl im Berliner SANA als auch der hannöverschen MH
Gynäkologie und Endoskopie/Viszeralchirurgie nicht nur ins selbe Haus, nein auf ein-
und dieselbe Station
zusammengelegt.

ANH an Liligeia, dritter Brief. Donnerstag, den 7. Mai 2020. (Krebstag 8).

[Arbeitswohnung, 3.10 Uhr
Allegri, Miserere]

Tatsächlich seit einer Stunde wach, nein etwas länger schon, mich hin- und hergeworfen, dann, wie bereits gestern, aus dem Bett, diesmal aber für Latte macchiato. Alles dieses aufregungshalber, gewiß, da wir doch nachher die Befunde, Li, entgegennehmen werden — mehr aber noch, weil mich der Entzug diesmal derart beißt. Die vierte Tag hebt an, daß ich nicht rauche. Es fällt mir irrsinnig schwer. Doch dann fand ich in der Post den dritten Brief einer erbittert von mir Abgelösten, die, seit sie von Dir weiß, sich zurückgewandt hat und nicht nur mitfühlt – das wär banal –, sondern gegenwärtigst mitdenkt auch und sich darüber wunderte, welche Wahl ich für meine Hinübergangsmusik wählen wollte: “O du Land …”, Schoecks sehr, sehr kurzes Requiem in der Gestalt eines einzigen Liedes aus dem → NACHHALL-Zyklus op. 70. Sie, die Freundin, hätte auf Allegri getippt, Gregorios großes Miserere; meine Vorliebe sei interessant, eines solchen “Archetypus des mediterranen Raums, wie Sie es sind”. Ausgerechnet einen Schweizer zu nehmen, hör ich sie spöttisch rufen, Sie, vom Blute Mezzogiornos! —
Nun “läuft” Allegri hier, leise selbstverständlich, um nicht die Nachbarn aufzuwecken.

Doch, Lilly, sage mir, ob nun auch Du derart viele Brief erhältst und Nachrichten, die Dir Hilfe anbieten, vor allem in Hinsicht auf Lektüren. Auch meine Freunde wolln mir dauernd irgendwelche Bücher geben … nein, nicht irgendwelche, sondern immer dreht sich’s um Krebs. Da würde ich, ginge ich all deren Empfehlungen nach, gar nichts anders mehr tun, als über meine und Krebserkrankung als solche zu lesen. Das will ich aber nicht. Ich will über Musik lesen (und sie hören selbstverständlich), möchte über ferne kosmische Räume lesen und lesen von begeistert-obsessiven Lieben, darin sich die Menschen leiblich umfangen. Dürfen sie auch gern die Moral vergessen, jede Moral, ob gegenüber den Partnern, sich selbst, der Gesundheit. Unser Leben kann plötzlich zuende sein; kein Versäumnis läßt sich dann noch beheben. Von der Fruchtbarkeit möchte ich lesen und von Geburten – neuer, aber auch alter Menschen, die als junge zuück- und auch sonstig verwandelt kommen. Sowie mehr von dem soeben → neu entdeckten schwarzen Loch möchte ich wissen, dessen beide begleitenden Sterne mit bloßen Augen sichtbar seien. Gerade auch Dich, Ligeia, dürfte solch eine Ansicht locken, locken und locken. Wir wären einander sonst weniger nah. Meine Güte, was interessiert da uns der Krebs? Zumal wir doch nur glauben können.
Was haben wir, schönste Li, denn jetzt schon alles gehört! Ich von Dir und Du gewiß von mir, aus andrem Mund — darunter aus, jaja, berechtigten Mündern, deren Zungen Zugang zu den Gehirnen anderer Erfahrungen haben und gelebt haben, was uns nun noch bevorsteht. Die möchten mir, ich versteh’ es, wirklich doch nur raten. Nur sagt jeder etwas anderes. Das gilt sogar für die Fachpresse und die Ärztinnen und Ärzte persönlich. Die einen widersprechen den anderen und stimmen wieder andren zu, die aber denen widersprechen. Es ist einfach nichts gesichert, oder nur sehr wenig. Worauf verlassen wir uns also? Die Heiler gelten Ärzten als Scharlatane, im besten Fall als Hochstapler, im schlechten als bloß Irre, doch denen gelten die als dienende Teile einer riesigen, unfaßbaren Geldmaximierungsmaschinerie, die in rein ökonomische Gewinninteressen gebeugt ist: in der gesundheitsmilitärischen Befehlskette dienende gemeine Soldaten vorne an der Front, die nicht mal um den Kriegsgrund wissen. Und ich — und wir, Ligeia — können gar nichts überprüfen. Wie können nur vertrauen, begeben uns am besten in nur eine Hand, also zwei, vielleicht noch zwei dazu … auf keinen Fall aber mehr! Sonst wären wir verloren.
Ich glaube, was mir ernährungshalber लक्ष्मी sagt und folge ihr. Die Einwände von anderer Seite sind mir egal und müssen es sein. So werde ich es, Li, auch mit den übrigen Fragen halten. Halten müssen.

Und dann aber all die Menschen, die mich fragen, wie’s mir geht. Ich sag dann immer – nur selten antworte ich gar nicht (dann meistens aus Erschöpfung): “Steht alles in Der Dschungel, lest da bitte nach.” Auf welche Auskunft hin manche Menschen schwer beleidigt sind. Sie möchten etwas, denk ich mir, ‘Persönliches’ hören, weil sie nicht begreifen, daß das Persönlichste, das ich vermitteln kann, alleine meine Kunst ist. Außerdem ist ihr Verhältnis zur Logik gestört, zumindest das zu Zahlen. Jedenfalls rechnen sie nicht. So tu nun ich’s mal hier:

Was ich täglich in DER DSCHUNGEL schreibe, dauerte gesprochen (bzw. vorgelesen) vielleicht fünfzehn, mag sein zwanzig Minuten. Nehmen wir das Mittel, 17’45”. Fragen mich jetzt zwanzig Leute nach dem Stand der Dinge, und ich antworte, ergibt das bereits 355 Minuten unentwegten Sprechens, also 5,92 Stunden – täglich, wohlgemerkt.

Hinzu addiert sich noch die Zeit für ganz andere, sagen wir “interaktiv soziale” Gesprächsminuten, die mit Dir, meiner Li, gar nichts zu tun haben. — Des’ wärn auch Sie, o Leserin, ganz sicher sehr bald müde. Und ja, ich bin an Krebs erkrankt, nun gut … oder schlecht …  – an Dir, Du große Geistin, krank. Doch das heißt nicht, daß es fortan für mich allein nur Dich gibt. Anders würd es, gib’s nur zu, auch Dich dann sehr schnell kühlen. Statt dessen aber dann warn wir gestern mittag beieinander höchst zufrieden — täusche ich mich, Lilly, da? (Und was mir लक्ष्मी erstaunlich in den Sinn bracht’: weshalb war ich drauf von selbst nicht gekommen? daß wir uns auch auf Deiner Insel längst getroffen haben, wo ich den tiefsten Sport erlernt, der durch die Seele fließen kann und sie umfließen läßt von seiner Welt, dem Meer. Warst Du Sirene da schon bei mir, als ich zu tauchen lernte? L’Isola del Giglio, Deine Lilieninsel, Li. — Du sagst nichts? Lächelst nur? –) … He, hörst Du nicht!? Doch, doch, Dir ist’s schon klar, daß wir im Lauf der Vormittags Klarheit bekommen werden als bittren, allzu bittren Wein vielleicht. Ist Dir das klar?

Aber auch manchen sehr Vertrauten habe ich bislang nicht geantwortet, selbst Förderern, selbst Freunden. Wilhelm Kühlmann (ohne den ich, was ich heute bin, nicht als Dichter wäre) schrieb mir einen guten, intensiven Brief und sprach sogar auf die Stimmbox; der kluge Eickmeyer fragte nach, auch er blieb ohne Antwort. Manchmal weiß ich selbst nicht, auf wen ich reagiere und weshalb auf andre nicht. Es hängt nicht selten an der Situation, in der ich gerade “erwischt” werde, ob ich gerade schreibe oder, Liligeia, mit Dir im Gespräch bin oder ob ich Musik höre (Mahler wieder, derzeit, viel, besonders gerne unter Barbirolli). Am besten ist, man ruft mich an, ich hebe ab. Oder bin ohnedies grad an den Mails. Was ich hingegen verschiebe, verschiebe ich dann nochmals. Nehmen Sie es mir nicht übel, wirklich, bitte. Schauen Sie in DIE DSCHUNGEL, da steht alles, was wichtig ist, drin und mehr darüber hinaus, das ich anders gar nicht vermitteln könnte— sogar, wie ich mit Lilly spreche, Dir, den Blumen, meinen, auf dem Feld. Sie hat sie mir gebunden. Du hast sie mir gebunden, sie sind so furchtbar weiß.
Und was Sie auch noch wissen sollten – Liligeia bekommt es gerade ziemlich deftig mit: Ich bin auf Nikotinentzug, hab’s oben schon gesagt, wie diesmal sehr viel heftiger denn je er ist. Schon vorgestern  → wacht’ ich von ihm auf, und gestern legte ich mich tags drei Mal nacheinander in Abständen hin, fand aber nie in Schlaf, stand nach zwanzig, dreißig Minuten jeweils wieder auf, getrieben, nur um es eine Stunde später, erneut erschöpft, aufs nächste zu versuchen. Und neuerlich erfolglos. Ich habe das Gefühl, daß mich dieser Entzug momentan mehr Kraft als Du in Deinem Kokon kostet, Li, darf ich so sagen für die Puppe Deines Tumors? — aus dem wir vielleicht, wenn die Verwandlungszeit vorüber, unsrer beider Flügelpaare weit entfalten, nachdem sie an der freien Luft getrocknet …

und dann sehen die Augen, in einer Flut von Sonnenlicht sieht die Schmetterlingin

zu der wir beide wurden

die Welt
Nabokov,
Metamorphosen (dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

und heben, Ich-Animus in Anima-Du, in eine bereits nächste, oh Lillyliebste, ab.

Gut allerdings – erinnerst Dich, wie beruhigt auch Du warst? –  die Ergebnisse bei meiner Kardio- und Angiologin. Gefäße sämtlichst in Ordnung, auch da unten am Bein. Und trotz der Stiche, die Du mir (obwohl ich Dich nun wirklich nicht mißachte) immer wieder heftig sendest, auch das Herz ganz prima in Funktion. Blutdruck 110:70, “bekomme ich selten zu sehen”, sagte die Ärztin, und trotz meiner langen Laufpause der Ruhepuls immer noch zwischen 50 oder 55. “So heftig Ihre Diagnose ist – Sie sind in jedem Fall gewappnet. Gegen welche Therapie auch immer gibt es bei Ihnen aus meiner Sicht nicht eine einzige Kontraindikation.”
So gehn wir denn gewappnet, Du und ich. Verzeih, wenn ich mich wiederhole: doch mein Tod wär auch Deiner. Drum laß uns eine neue Art erfinden, in der Du Dich weiter in mir repräsentierst, ohne daß wir uns – auch ich nicht Dich – in unsrer Existenz gefährden. Besser wär’s doch, beide Wirs brächten mein Werk zu einem guten poetischen Ende. In das wir beide jubelnd liefen.

A.
[Schoeck, Nachhall op. 70]

P.S.:
Allerdings habe ich deutlich abgenommen, 71,3 kg jetzt, ergo, wenn Hemd, TShirt, Hose abgerechnet, unter 71. Freilich kein Wunder, so wenig, wie ich derzeit esse … essen kann, trotz meines nach wie vor ziemlich vitalen Appetits.

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