“Es war einmal ein Mann, den habe ich geküßt.” Nabokov lesen, 32: Das wahre Leben des Sebastian Knight.

 

Zwei seiner Lebensmotti befragen sich gegenseitig,
und die Antwort ist das Leben selbst — näher vermag man einer menschlichen Wahrheit überhaupt nicht zu kommen.

Das wahre Leben des Sebastian Knight, 175/176
(Dtach. v. Dieter E. Zimmer)

 

So leichtfüßig dieses Buch auf sein erstes Lesen daherkommt, so verzwackt sind indes die Perspektiven, unter denen wir es aufnehmen können, sogar müssen — nämlich als Frage nach der eigentlichen Erzählerinstanz: Wer repräsentiert sie, ist der Autor dieser Suche nach einer Biografie – tatsächlich der genannte “V.“? Das hier mitschwingende (auto)biografische Thema – “das”, so Dieter E. Zimmer in seinem Nachwort, “schwindelerregende Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit” –  ist in diesem Roman auch immanent wirksam, indessen gerade seine Qualität, daß wir es lange nicht merken, und manche von uns trotz der häufigen Fingerzeige wahrscheinlich überhaupt nicht. Genau deshalb will ich Ihnen, Freundin, dazu auch nichts weiter schreiben. Verzeihen Sie mir, aber es wäre hübscher, Sie würden dieser bestimmten und den Roman sogar bestimmenden Qualität von ganz alleine gewahr.

Der Sebastian Knight ist Nabokovs erster auf Englisch geschriebener Roman. Da muß es niemanden wunder nehmen, daß der Verlust der eigentlich-eigenen Sprache das Buch unterschwellig, aber deutlich durchzieht:

Mitte Januar 1936 erhielt ich einen Brief von Sebastian. Seltsam genug war es ein russischer Brief.
Sebastian Knight, 237

Entsprechend erzählt “V.”, Knights bemühter Biograf (von dem wir letztlich, siehe oben, nicht wissen, wer er tatsächlich ist; immerhin könnte V. auch für “Vladimir” stehen) … also erzählt er,

wie seltsam es für mich gewesen sei, mit seiner Schwester [i. e. der eines entfernten Bekannten, ANH], jetzt einer rundlichen Mutter zweier Knaben, über einen fernen Sommer im Land der Träume, in Rußland, zu sprechen [Hervorh. v. m., ANH].
Sebastian Knight, 179

Und Nabokov selbst schildert die Notwendigkeit, fortan auf Englisch zu schreiben, folgendermaßen:

Als ich mich 1940 entschloß,

das Jahr, in dem er Frankreich verließ und in St. Nazaire mit seiner Familie zur Passage in die USA die Gangway der Champlain betrat,

 

in die englische Sprache überzuwechseln, bestand mein Unglück darin, daß ich vorher schon mehr als fünfzehn Jahre lang auf Russisch geschrieben und mein Werkzeug, mein Medium bereits geprägt hatte. Beim Wechsel in die andere Sprache sagte ich mich somit nicht von der Sprache (…) los, (…) mit einem Wort, nicht von der allgemeinen Sprache, sondern deren individuellem, ganz persönlichem Dialekt (…) — und die ungeheuren Schwierigkeiten der bevorstehenden Veränderung, das Entsetzung bei der Trennung von einem lebendigen, zahmen Wesen versetzten mich zunächst in einen Zustand, über den sich auszubreiten hier nicht nötig ist; ich will nur sagen, daß vor mir kein Schriftsteller eines bestimmten Niveaus derartiges durchgemacht hat.
Zit. n. Dieter E. Zimmer, Sebastian Knight, Nachwort, 270

Doch als Schriftsteller hätte er in den USA keine Chance gehabt, wo es eine russische Emigrantenszene wie in Berlin und Paris nicht gab, zudem er noch für Jahrzehnte in Rußland-selbst ein verbotener Autor blieb, das er zudem unentwegt attackierte — ein Umstand, der ihn, wie bisweilen zu lesen ist, den Nobelpreis ebenso gekostet haben könnte wie sein lebenslanges Ätzen gegen “die” Psychoanalyse (von der er allerdings, ich schrieb es schon, nicht so arg viel Ahnung hatte).

Wie kaum mehr anders zu erwarten, geht er das Problem höchst artifiziell an, indem er nämlich einen Helden wählt, der Russe ganz wie er selbst ist und mit der Biographie des ausgesprochen britisch geprägten Halbbruders ebenfalls ein erstes englischsprachiges Buch beginnt, wobei die “britische Prägung” eine ist, um die sich Sebastian Knight bisweilen ziemlich komisch bemüht hat, und zwar so lange, bis er

sich selber zum Trotz mit einer Art hilfloser Verwunderung [begriff] (…). daß er selber, oder vielmehr der kostbarste Teil seiner selbst – gleichgültig, wie verständig und gefällig seine neue Umgebung den alten Träumen entgegenkam – genauso hoffnungslos einsam blieb wie immer (…,) und je gütiger das Schicksal zu erreichen suchte, daß er sich zu Haus fühlte, indem es mit Geschick nachbildete, was er zu begehren meinte, um so deutlicher wurde er seiner Unfähigkeit gewahr, sich dem Bild, irgendeinem Bild, einzufügen. Als er dies endlich von Grund auf begriff und grimmig daranging, seine Zurückhaltung zu kultivieren, als wäre sie eine seltene Begabung oder Leidenschaft — erst dann verschaffte ihm ihr kräftiges und wucherndes Wachstum Befriedigung, und er hörte auf, sich um seine peinliche Unverträglichkeit Sorgen zu machen (…).
Sebastian Knight, 57

Schon an dieser Stelle ist abermals zu bemerken, mit welch einer Perfektion Nabokov seiner Figuren zu gestalten versteht, hier zumal über die Spiegelung in der Sicht eines anderen, nämlich des Autors V. — ein nicht unbedingt neues Verfahren, das mit Serenus Zeitblom auch Thomas Mann kultiviert hat, sowie sehr viel später der von beiden geprägte Eigner, wobei allerdings Nabokov seinen beiden Figuren, sowohl dem Biografen V. als auch dem Schriftsteller Knight, auf eine Weise eigene Charakterzüge und Erinnerungen verleiht, wie wir es bereits aus seinen russischen Romanen kennen. Daß Knight ein Schriftsteller ist, wie nicht wenige der nabokovschen Helden, unterstreicht die Natur des literarischen Kosmos, durch den sich Nabokov bewegt, und erlaubt ihm völlig organisch, seine auch poetologischen Vorstellungen darüber zu vermitteln, was Literatur zu sein habe, sofern sie denn gut ist:

Er hatte die seltsame Angewohnheit, auch seine grotesken Figuren mit dem einen oder andern Einfall, Eindruck oder Wunsch auszustatten, mit dem er selber spielte.
Sebastian Knight, 145

Auch der von V. auf eines der Bücherregale Knights geworfene Blick – nämlich auf das am sorgfältigsten geordnete – ist hier sinnvoll (und eben nicht “beliebig” von Nabokov erzählt — sowieso nie bei einem Autor wie ihm …):

Hamlet, Le mort d’Arthur, The Bridge of San Luis Rey, Doctor Jekyll and Mr. Hyde, South Wind, The Lady with the Dog, Madame Bovary, The Invisible Man, Le Temps Retrouvé, Anglo Persian Dictionary, The Author of Trixie, Alice in Wonderland, Ulysses, About Being a Horse, King Lear …
Sebastian Knight, 54

Ein jedes Buch ist ein poetologisches Ausrufezeichen: Shakespeare, Flaubert, Stevenson, Proust, Joyce, nochmals Shakespeare. Dazu Thornton Wilder, Norman Douglas, Anton Tschechov (hier interessanterweise auf Englisch), der seit je geschätzte H. G. Wells und ein mir bis dato unbekannter William Caine (aufschlußreich indes, dazu → diesen Netzeintrag zu lesen). Schießlich Lewis Carroll noch sowie die Autorin (:unwahrscheinlich) oder der Autor von “About Being a Horse”, die, bzw. den ich nicht finden konnte. Zusammengenommen ergeben sie alle ein gutes Bild der von Nabokov akzeptierten Kollegen, mithin auch seiner eigenen Poetik, zu der eine, von Joyce abgesehen, deutlich konservative Skepsis gegenüber sogenannt avantgardistischen Stilexperimenten gehört:

Aber da er [der futuristische Dichter Alexis Pan, eine Travestie auf Chlebnikov, ANH] sein Bestes tat, die Leute mit einem enormen Schwall nichtssagender Worte zu schockieren (…), scheinen seine meisten Produkte heute so läppisch, so altmodisch [zu sein] (hypermoderne Sachen haben die seltsame Angewohnheit, schneller als andere zu veralten), daß nur noch wenige Gelehrte[n] um seine Verdienste wissen (…)
Sebastian Knight, 38

Das schließt übrigens Nabokovs kindheitserinnerten Ausflüge, siehe Jules Verne oder auch Conan Doyle, durchaus mit ein. So wird von Sebastian Knight erzählt, daß er

nicht gegen Groschenschmöker [hatte], denn die Alltagsmoral scherte ihn wenig; was ihn aufregte, war nicht das Dritt- oder n-t-klassige; es war das Zweitklassige – denn hier, auf lesbarer Ebene, begann die Gaukelei, und das war im künstlerischen Sinn unmoralisch.
Sebastian Knight, 117

Wobei ich, Freundin, Ihnen von → Nabokovs Klassizismus, literarhistorisch Neoklassizismus, mehrfach schon geschrieben geschrieben habe. Es scheint mir aber wichtig zu sein, abermals darauf hinzuweisen, weil er einer der die unmittelbare Wirkung dieser Romane – ihre Sinnlichkeit eben – bestimmenden Faktoren ist, und zwar trotz ihrer hohen Komplexion. Dieses, kein Zweifel, hat Nabokov dem verehrten James Joyce deutlich voraus. Dazu gehören unbedingt Formulierungen wie:

Der kleine Mann trug seine Verse mit so lauter, dröhnender Stimme vor, daß er an eine kreißende Maus erinnerte, die einen Berg gebiert. (39) | (…) und ich wollte ihm etwas Richtiges sagen, etwas mit Flügeln und einem Herzen, aber die Vögel, die ich mir wünschte, ließen sich auf meinem Kopf und meinen Schultern erst nieder, als ich allein war und sie nicht mehr brauchte. (42)

Gerade dieses “nicht mehr brauchte” erzählt eine Tragik, die unendlich sanft in Prozessualität dieses Satzes gewirkt ist. Es waltet in ihm ist eine noble, distinguierte Dramaturgie. Ebenso

die herzzerreißende Schönheit eines Kiesels unter Abermillionen von Kieseln, die alle ihren Sinn haben, aber welchen?
Sebastian Knight, 65

Dies freilich verbunden mit einer geradezu poetologischen Selbstoffenbarung Nabokovs, die als V.s Blick auf Sebastian Knights Romane kaschiert und obendrein jemandem anderes in den Mund gelegt ist, den V. mithin nur “zitiert”:

Ich fragte ob sie [die Bücher, ANH] ihm gefallen hätten. In gewisser Weise schon, sagte er, nur [scheine] ihm der Autor ein fürchterlicher Snob [zu sein], in intellektueller Hinsicht zumindest. Als ich um einer Erklärung bat, fügte er hinzu, daß Knight ständig ein selbsterfundenes Spiel zu spielen scheine, ohne seinen Partner die Spielregeln wissen zu lassen.
Sebastian Knight, 65

Das entspricht vielem, was über Nabokovs eigene Bücher – inkl. diesem – oft zu lesen ist, wenngleich von Aficionados in bewunderndem Ton. Denn in der Tat sind es die Spielregeln literarischer Kunstwelten und eben nicht banale Abbildungen der Alltagsrealität, womit sich aus ihnen auch keine irgend gearteten Direktiven für sie ablesen lassen, jedenfalls nicht unmittelbar, wie es unterdessen schon nahezu verlangt wird. Dennoch gibt es Brücken wie etwa eine Seite des Romans V.s quasi Zusammenschau seiner Bemühungen um Sebastian Knights, des Menschen, Geschichte zeigt:

Der seltsame Traum, den ich gehabt hatte, der Glaube an eine gewichtige Wahrheit, die er mir vor dem Tod mitteilen würde — das alles schien jetzt vage und abstrakt [zu sein], als wäre es in dem Strom einer einfacheren, menschlicheren Empfindung ertrunken, in der Aufwallung von Liebe, die ich für den Mann verspürte, der auf der anderen Seite dieser halbgeöffneten Tür schlief.
Sebastian Knight, 259

Wie wohltuend, nebenbei, ist hier die “alte” deutsche Rechtschreibung, die “halbgeöffnet” als ganzes Wort in rhythmischem Fließe noch zuließ, ebenso wie “selbsterfunden” drüber! Besonders schon glänzt es im “mildfarbenem Wein” der Seite 231. Denn

Nicht auf die Einzelteile kommt es mehr an, sondern auf ihre Verbindung.
Sebastian Knight, 225

Für den Roman als Geschöpf gilt das ganz genauso. Es ist eben dieses, was uns das Gefühl ermöglicht,

irgendeine wichtige Arterie des Buches entlangzugleiten.
Sebastian Knight, 224

“Entlangzugleiten” — ein Wort, eben! Es wird so sehr Zeit, mit dem schädlichen Wirrzeug ein Ende zu machen, daß die neue deutsche Falschschreibung uns eingebrockt hat. Denn zwar, wir deutschen Dichterinnen und Dichter können uns ihrer mit künstlerischer Freiheit noch erwehren, nicht aber Übersetzerinnen und Übersetzer aus anderen Sprachen, und zwar auch dann nicht, wenn sie selbst imgrunde Dichterinnen und Dichter sind.
Weil aber Nabokov (bzw. V.) an der eben zitierten Stelle schon so körperlich ist, jetzt über den Pfad einer selbstironischen Bemerkung zu einem auch biografisch wichtigen Thema hinüberbalanziert, zu nämlich NABOKOV UND DIE FRAUEN:

Sie sah weg. Ihr kleiner, harter Busen wogte (Sebastian schrieb einmal, daß er es nur in Büchern tue, aber hier war der Beweis, daß er sich geirrt hatte).
Sebastian Knight, 214

Ich weiß nicht mehr, wo ich es las, aber entweder Dieter E. Zimmer oder jemand anderes ließ durchblicken, daß Nabokov von weiblichen Autoren kaum viel gehalten habe; ich kann’s noch nicht überprüfen (Erinnerung sprich liegt ja noch vor mir), sehr deutlich aber, immer wieder, wird sein Frauenbild, das sich von seiner Nymphophilie nicht gänzlich ablösen läßt: zu denen, die ganz Frau noch nicht sind; wirklich noch Mädchen, also Kind, sind sie aber auch nicht. Deshalb ist der Begriff “Pädophilie” — ich wiederhole auch diese Anmerkung mit Nachdruck — völlig fehl am Platz. Schon für → Lolita geht er in die Irre. Statt dessen richtet sich die Neigung viel mehr auf Frauen in der Gestalt von Knaben. Dem entspricht Nabokovs verschleierte Homophobie. Daß er einen 1945 im Konzentrationslager Neuengamme umgekommenen homosexuellen Bruder hatte, Sergej, hat sie, möglicherweise schuldgefühlshalber, verstärkt und genau darum nach einem poetischen Ausdruck gesucht, der eine abgewehrte Homosexualität mit der genital-reifen Sexualität eines heterosexuellen Mannes zu einen versuchte. Versteckt tritt dieses psychodynamische Phänomen auch im Sebastian Knight auf, und zwar insofern Knight eine vielleicht nicht ganz so “ansehnliche”, aber verläßlich-heilsame Gefährtin, Clare Bishop, gefunden hat, die er für eine andere, höchst schillernde Frau verläßt. Indirekt erzählt Nabokov hier eine eigene Affäre mit, die seine Ehe ausgesprochen belastet hat. Anders aber als Knight entschied er sich nach langem inneren Chaos für den, ich sage mal, klugen Bestand.
Dieser Befund ist poetologisch wesentlich. Er erinnert an meine eigene Entscheidung, nachdem sich meine tief Geliebte von mir trennte, eben nicht, wie ich verzweifelt erwog, das Land zu verlassen, sondern meines kleinen Sohnes wegen hierzubleiben, so schmerzlich es immer auch war. Genau das ermöglichte aber Meere, worin Fichte tut, was ich nur erwog, dann verwarf. Genau diese Grundkondition bestimmt den Roman — weshalb nicht zuletzt es so falsch war, ihn “realistisch” zu lesen.
Interessant ist nun aber, wie Clare Bishop beschrieben wird, das, was sie so gut eben macht, also eigentlich, für ihn:

Sie war hübsch, von einer ruhigen Schönheit,

indessen er höchst unruhig ist,

– bleiche, schwach sommersprossige Haut, leicht hohle Wangen, blaugraue kurzsichtige Augen, ein schmaler Mund. Sie trug ein graues Schneiderkostüm mit einem blauen Schal und einen kleinen dreieckigen Hut.
Sebastian Knight, 92

Dagegen Knight selber wird folgendermaßen beschrieben:

Er sah elegant und frisch aus. Sein feingestaltetes weißes Gesicht mit den schwachen Schatten auf den Wangen (…) wies nicht die Spur jener stumpfen, ungesunden Farbe auf, die es sonst hatte
Sebastian Knight, 92

So gut also hat ihm Clare getan. Und nun wieder sie:

Sie benutzte ein angenehmes, kühles Parfum
Sebastian Knight, ebda.

Also Clare “insgesamt” ist hübsch, ruhigleicht hohlwangig, kurzsichtig, schmallippig, grau — mithin in keiner Weise auffällig, sondern entspricht dem “klassischen” Bild jener Frauen, die, wie es lange hieß – selbst meine Mutter hat es noch gepredigt –, “hinter jedem großen Mann stehen” und ihn (und nur ihn) befördern. Um es mit dem Roman selbst zu sagen, dort allerdings über eine noch andere Frau, in der V. anfangs die, ich sage mal, böse Verführerin irrtümlich wähnte:

Frauen wie sie zerstören das Leben eines Mannes nicht — sie bauen es auf.
Sebastian Knight, 175

Wozu auch folgende Bemerkung paßt:

Ich erinnere mich, daß er [Sebastian Knight, ANH] zu sagen pflegte, leichte Mädchen seien schwer von Begriff,

schon  das, wie sich herausstellen wird, ist ein Irrtum,

und es gebe nicht Langweiligeres als eine hübsche Frau, die sie gern amüsiert; mehr noch: wenn man sich das hübscheste Mädchen genau ansehe, während es eine Blütenlese von Gemeinplätzen von sich gebe, entdecke man mit Sicherheit irgendeinen winzigen, seinen Denkgewohnheiten entsprechenden Makel in seiner Schönheit.
Sebastian Knight, 190/191

Da tanzt dann in der Tat das Patriarchat, und ich mag meine Schadenfreude nicht verhehlen, wenn daran jemand strauchelt.
Dagegen also jetzt die wider Nabokovs und seines V.s Willen Helene von Graun, die sich allerdings erst einmal, um V. zu täuschen (was ihr mit hinreißender Bravour gelingt), als Madame Lecerf ausgibt — also diese – die Männer eben in Schweine verwandelt (wozu aber gesagt werden muß, daß ihre Insel die Wildschweininsel genannt ist – Circe, um derentwillen Knight seine Clare verläßt und derenthalben er letztlich ins Unglück stürzt ..:

Es war (…) eine kleine, zierliche, blasse junge Frau mit glattem schwarzen Haar. Ich meinte, niemals eine so gleichmäßige blasse Haut gesehen zu haben; ihr schwarzes Kleid reichte hoch bis zum Hals, und sie benutzte eine lang, schwarze Zigarettenspitze.
Sebastian Knight, 191/192

Deutlich also ein Vamp, der sofort durch seine konversierende Schlagfertigkeit und dem entsprechenden Spott auffällt:

“Ganz recht”, sagte sie vergnügt. ” (…) Liebesbriefe sollten unbedingt verbrannt werden. Die Vergangenheit macht vorzügliches Brennmaterial. Möchten Sie eine Tasse Tee?”
Sebastian Knight, 193

Nicht aber wirklich ihretwegen wird Sebastian Knight irre an der Frau, sondern letztlich – ecco! – aufgrund der ihm eigenen männlichen Überhebung. In keinem der bisher besprochenen Bücher war mir diese derart deutlich. Und wenn V. davon schreibt, er habe eine Sherlock Holmessche Kriegslist angewandt, als er einen vorherigen Informanten gefragt, ob Knights Geliebte eine hübsche, dunkle Frau sei, er hingegen annimmt, Knights Verhängnis habe blondes Haar, erwidert dieser

“Genau”, (…) und nahm mir damit den Wind aus den Segeln.
Sebastian Knight, 195

Den an anderer Stelle eben diese Frau dann hineinbläst. Er übersieht einfach, daß er in diesem Stück nicht den Holmes, sondern Doktor Watson gibt. Es ist aber auch genau das, seine zwar farblose, doch solide Rechtschaffenheit, was ihn davor bewahrt, Frau von Graun ganz ebenso zu verfallen, wie’s dem verehrten Bruder geschah. Die das selbst auf den Punkt bringt:

(…) Ich sagte einmal einem Arzt, daß bis auf Nelken und Narzissen alle Blumen dahinwelken, wenn ich sie berühre — merkwürdig, nicht?”
Sebastian Knight, 212

Rote Nelken symbolisieren Leidenschaft (weiße hingegen die Ehe), und Narzisse ist V. nun erst recht nicht, sondern eben nur des Schriftstellers Halbbruder, grad auch in Leidenschaft und Geist. Genau daran, es ist seine Nase, die ja fürs Gemächt steht, führt Frau von Graun als noch immer Lecerf ihn ständig durch die Räume ihrer drei Gespräche.
Es lohnt sich, genauer hinzuhorchen:

(…) Ich glaube nicht, daß er ein Verwandter von Ihnen war,

betonen Sie das bitte auf “glaube”,

er war Ihnen so unähnlich — soweit ich das nach dem, was sie [die vorgebliche Freundin, Knights Geliebte, ANH] mir erzählt hat und was ich von Ihnen bisher zu sehen bekommen habe, beurteilen kann, natürlich. Sie sind ein netter, rühriger Junge –
Sebastian Knight, 195

Junge!

und er, nun, er war alles andere als nett — er wurde geradezu bösartig, als er entdeckte, daß er sich in Helene verliebte. O nein, er wurde nicht zu einem sentimentalen Hundchen, wie sie erwartet hatte.
Sebastian Knight, 203

Und jetzt achten Sie bitte auf die emanzipierte Kritik, die diese Frau und wie sie sie einfließen läßt:

Er sagte ihr bitter, daß sie billig und eitel sei, und dann küßte er sie, um sich zu vergewissern, daß sie keine Porzellanfigur war. Nein, das war sie nicht. Und schon hatte er auch entdeckt, daß er ohne sie nicht leben konnte, und sie, daß sie genug davon hatte, ihn von seinen Träumen und den Träumen in den Träumen und den Träumen in den Träumen seiner Träume reden zu hören. Bitte, ich verurteile keinen von beiden. Vielleicht hatten sie beide recht oder vielleicht keiner – aber sehen Sie, meine Freundin war nicht ganz die gewöhnliche Frau, für die er sie hielt — ach, sie war etwa ganz anderes, und sie wußte ein bißchen mehr vom Leben und vom Tod und von den Menschen, als er selber zu wissen meinte.
Sebastian Knight, ebda.

Es ist ein poetisches Wunder für sich, mit welcher Grandezza es Nabokov wider eigenem Willen gelingt, das Portrait einer tatsächlich ungewöhnlichen Frau zu gestalten. Schauen Sie sich allein die Lebendigkeit an, mit der Frau von Graun, alias Lecerf, am zweiten Tag vor V. in ihren Salon tritt:

Endlich öffnete sich die Tür, und die Dame, mit der ich am Tag zuvor gesprochen hatte, seitelte herein — seitelte, sage ich, weil sie den Kopf nach hinten gewandt und gesenkt hielt; sie redete nämlich auf ein Wesen ein, das sich als eine froschgesichtige, knurrende, schwarze Bulldogge erwies, die offenbar keine Lust hatte, in das Zimmer zu watscheln.
Sebastian Knight, 196

Merken Sie, Freundin, wie geschickt es von Nabokov ist, diese tatsächlich hinreißende Frau zwar nicht mit der standardisierten Begleiterin der Hexen, einer Katze, auszustatten; dennoch ist diese allein in dem “schwarze” zugegen, wobei die Farbe zudem (die in Wahrheit ein Kontrast ist) mit dem von der Frau tags vorher getragenen Kleid korrespondiert.
Aus der ersten Begegnung mit V. stammt auch das zweite wiederaufgenommene Motiv: Der Vamp trägt nämlich einen scharfen, mit großem Stein besetzten Ring, an dem sich V. beim Abschied fast schnitt. Jetzt, als allererstes, warnt sie ihn, durchaus höchst symbolisch:

“Denken Sie an meinen Saphir”, sagte sie, als sie mir die kleine, klamme Hand reichte.
Sebastian Knight, ebda.

Wenn Sie mich berühren, heißt das, werden Sie sich verletzen. Und wirklich, er ist nahe daran:

(…) ich glaube, es könnte den Leser erheitern (und, wer weiß, auch Sebastians Geist), wenn ich sage, daß ich einen Augenblick lang daran dachte, mit dieser Frau anzubändeln. Es war wirklich sehr merkwürdig – gleichzeitig ging sie mir ziemlich auf die Nerven – ich meine das, was sie sagte. Irgendwie verlor ich den Halt.
Sebastian Knight, 215

Den er eigentlich erst wieder gewinnt, als ihr mokantes Gaukelspiel … nein, nicht auffliegt, sondern sie selbst hebt den Vorhang — typischer-, stilvollerweise vermittels einer Anspielung, die weit vorher im Buch ein Motiv war. Und verfolgen Sie seine, V.s, Reaktion, tun Sie’s, Freundin, präzise; sie wird meisterhaft in dem beschrieben, was und wie er sieht:

“Es war einmal ein Mann”, sagte sie sanft, “den habe ich geküßt, nur weil er seinen Namen verkehrt herum schreiben konnte.
Der Stock fiel mir aus der Hand. Ich starrte Madame Lecerf an. Ich starrte auf ihre glatte weiße Stirn, ich sah ihre veilchenfarbenen Augenlider, die sie gesenkt hatte, vielleicht, weil sie meinen Blick falsch verstand – sah ein winziges blasses Muttermal auf der blassen Wange, ihre zarten Nasenflügel, die gekräuselte Oberlippe, als sie ihren dunklen Kopf neigte, das matte Weiß ihrer Kehle, die lackierten rosenroten Nägel ihrer schmalen Finger.
Sie hob den Kopf, ihre merkwürdigen Samtaugen, deren Iris ein wenig höher lag als üblich, blicken auf meine Lippen.
Sebastian Knight, 219

Was er ihr nun entgegnen will — Nabokov erzählt es erst, als ob V. es täte —, entgegnet er allerdings nicht, sondern behält es für sich, als sollte er es Circes weiteren Schlagfertigkeiten besser nicht aussetzen, damit es ihm Gewißheit bleibt, eine deshalb so hohle, weil sie nur für ihn selber besteht. Der Abschluß dieser Szene stellt – versehentlich vielleicht … nein, sondern weil große Literatur Wahrheit auch gegen ihre Autoren vertritt – die gesamte Schwäche der patriarchalen Männerwelt bloß. Genau damit ist Nabokov die Schilderung einer der größten Frauenfiguren gelungen, wenn nicht die größte insgesamt, die ich in seinen Büchern bislang gefunden.

Dennoch, auch auf Clara Bishop soll die poetische Gerechtigkeit ihr Licht noch werfen, auch die meine: Indem an Sebastian Knight nämlich vorgeführt wird, was geschieht, als er seine treue Gefährtin wegen Frau von Graun verläßt, erzählt Nabokov quasi im Krebsgang, was ihm selbst nicht geschah und was ihm mehr schließlich wert war als eine ihm ohnedies nicht liegende rauschhafte Selbstauflösung in Leidenschaft. Er ist aristokratisch gesonnener Klassizist, wir sollten das niemals vergessen.
In ungefährer Mitte des Buchs wird Knight Abschiedsbrief an Clara wiedergegeben. Weil eine der wissendsten Liebeserklärungen, die ich kenne, ist er extrem berührend, weshalb ich diese Besprechung mit ihm auszugsweise beenden und weiteres nicht mehr hinzufügen möchte:

Dies wird Dir wehtun, meine arme Liebe. Unser Picknick ist zu Ende; die dunkle Straße ist holprig, und dem jüngsten Kind im Wagen wird gerade schlecht. Ein billiger Tor würde zu Dir sagen: Du mußt jetzt tapfer sein. (…) Das Leben mit Dir war wunderschön — und wenn ich wunderschön sage, so meine ich Wunderblumen und Tausendschön und samtene Weichheit, das lange, sanfte rosa ‘n’ in der Mitte, und wie sich Deine Lippen zu dem ‘sch’ rundeten. Unser Leben zusammen war alliterativ, und wenn ich an all die Kleinigkeiten denke, die sterben werden, nun, da wir sie nicht mehr teilen können, ist mir fast, als wären auch wir tot. Und vielleicht sind wir es wirklich? Je größer unser Glück war, desto verschwommener wurden seine Ränder, als schmölzen seine Umrisse dahin, und nun ist es ganz und gar zerronnen. Ich habe nicht aufgehört, Dich zu lieben; aber etwas in mir ist abgestorben, und in dem Nebel vermag ich Dich nicht zu erkennen … All das ist Poesie. Ich belüge Dich. Hasenherzig. Es gibt nichts Feigeres als einen Dichter, der Ausflüchte sucht. Ich glaube, Du hast erraten, wie die Sache steht: die dumme Formel ‘Eine andere Frau’. Ich bin verzweifelt unglücklich mit ihr — das wenigstens ist wahr. Und ich glaube, über diese Seite der Sache gibt es nicht viel mehr zu sagen.
Das Gefühl, etwas stimme grundsätzlich nicht mit der Liebe, will mich nicht loslassen.
(…)
Lebe wohl, meine arme Geliebte. Ich werde Dich nie vergessen und nie ersetzen. Es wäre absurd von mir, wollte ich Dir einreden, daß Du die reine Liebe warst und diese andere Leidenschaft nur eine Komödie der Sinne ist. Alles ist Sinnlichkeit und alles Reinheit. Aber eines ist gewiß: Ich war glücklich mit Dir, und nun bin ich elend mit einer anderen. Und so wird das Leben weitergehen.
(…) Aber das wird nicht heißen, daß ich glücklich sein werde ohne Dich … Jedes noch so winzige Ding, das mich an Dich erinnert – der mißbilligende Blick der Möbel in den Zimmern, wo Du die Kissen zurechtgeklopft und mit dem Feuerhaken gesprochen hast, jedes noch so winzige Ding, das wir zusammen entdeckt haben – wird für mich immer nur die eine Hälfte einer Muschel, die eine Hälfte einer Münze sein, von der Du die andere behalten hast. Lebe wohl. (…) Vergiß mich jetzt, aber erinnere Dich später an mich, wenn die Bitterkeit vergessen ist. Dieser Klecks rührt von keiner Träne her. Mein Füller ist kaputt, und ich schreibe  mit einem dreckigen Federhalter in diesem dreckigen Hotelzimmer. (…) Ich glaube, Du hast noch ein oder zwei Bücher von mir – aber das ist nicht wirklich von Bedeutung. Bitte schreibe nicht. L.”
Sebastian Knight, 144/145

 

 

Darüber, Geliebte, hinaus ist wirklich nichts mehr zu sagen.

Ihr ANH

 

 

Bestellen


>>>> Nabokov lesen 33
Nabokov lesen 31 <<<<

“Du mußt nur die Laufrichtung ändern.” Nabokov lesen, 25: Lushins Verteidigung.

 

 

 

(…) jene physiologische Empfindung der Harmonie,
die Künstlern so vertraut ist.
Lushins Verteidigung, 245
(Dtsch.v. Dietmar Schulze, bearb. v. Dieter E. Zimmer)

 

 

Der Junge Lushin wächst nicht sehr anders als sein Creator auf, geschützt im Zauberreich eines Landguts, darin die ihn umsorgende französische Gouvernante seine Phantasie mit den Abenteuern des Grafen von Monte Cristo in einem Sommer beseelt,

der hauptsächlich von drei Gerüchen erfüllt gewesen war: [dem von] blauem Flieder, frisch geschnittenem Heu und trockenem Laub,
Lushin, 9

in dem allerdings seinem Vater die Befürchtung eine Änderung dieser paradiesischen Umstände nahelegt, in denen er, der Junge, einer Mücke zusehen konnte,

die sich an seinem zerschundenen Knie vollsog und dabei beseligt ihr rubinrotes Hinterteil anhob[,]
Lushin, 11

daß der Bub,

wenn er erst erführe, wozu diese Sineus und Truwor so ohne jedes charakteristische Merkmal, wozu die Liste der russischen Wörter mit einem ‘Jetj’ und die Hauptflüsse Rußlands nötig seien, sich genauso anstellen würde wie vor zwei Jahren, als langsam und massig, vom Geräusch knarrender Treppenstufen, knackender Dielen sowie hin- und hergerückter Koffer begleitet, die französische Gouvernante erschienen war und sich mit ihrer Person im ganzen Haus breitgegemacht hatte.
Lushin, 12

Da war der Junior nämlich ausgerückt, man hatte ihn suchen müssen — und tatsächlich, genau dies geschieht nun erneut, da ihm eröffnet wird, fortan in der Stadt leben zu müssen, um die Schule zu besuchen. Der größte Schock dabei ist für ihn, fortan mit Vaternamen genannt zu werden, Lushin mithin: ein radikales, fürwahr!, Symbol der nunmehr geendeten Kindheit.

Vorbei war es auch mit dem süßen Sichgehenlassen nach dem Mittagessen auf der Couch unter der Tigerdecke und der genau um zwei gereichten Milch in der silbernen Tasse, die ihr einen so kostbaren Geschmack verlieh (…).
Lushin, 12

Und vorbei mit dem märchenhaften Privileg, privat gebildet zu werden. — Der Knabe sah es damals schon richtig: Das allgemeine Schulsystem,  mit zwei es zutiefst charakterisierenden Wörtern, ist scheiße — der auf Gruppengeist, eine contradictio in adiecto, trimmende Sportunterricht allem voran (angemessen allein ist, von “-ungeist” zu sprechen):

Nach jedem Schubs krümmte er sich noch mehr zusammen und verbarg sich schließlich im Halbdunkel. So saß er etwa zweihundertfünfzig große Pausen hindurch, bis man ihn ins Ausland brachte.
Lushin, 24/25

Zur Milderung seiner Not — ja sie erfüllen statt ihrer sein Innres, lassen es blühen: — entdeckt er zwei Bücher, von denen eines, bzw. die ihm folgende Serie an Erzählungen, → auch mich tief geprägt hat. Ich habe in dieser Nabokovreihe den Umstand schon mehrfach erwähnt.

Aber nicht die Sehnsucht nach ferner Wanderschaft ließ ihn Phileas Fogg folgen, nicht das kindliche Gefallen an geheimnisvollen Abenteuern zog ihn zu dem Haus in der Baker Street, wo sich der hagere Detektiv mit dem Falkenprofil eine Kokainspritze gegeben hatte und träumerisch Geige spielte (…), sondern ihre sich folgerichtig und schonungslos entwickelnde Handlung.
Lushin, 31

Es ist rasend interessant, daß Nabokov, wenn auch indirekt, den Grundstein seiner Poetik genau hier gelegt sieht. Welch ein, bei ihm doch ganz und gar unvermutbar, Ausdruck künstlerischer Demut! Zugleich erklärt es seine sogenannte Arroganz. Sie ist, wie Holmes einmal ausführt, nichts als geäußerte Erkenntnis eines tatsächlichen Seins. Zu sagen, was tatsächlich sei (daß etwa er über eine Beobachtungsgabe verfüge, deren Fenster bei den allermeisten bretterartig verdunkelt sind), habe nichts mit mißachtetem Understatement zu tun, sondern zeige die innere Klarheit. Nicht anders ist Nabokov mit seiner ja tatsächlich begnadeten Erinnerungskraft und der Fähigkeit umgegangen, ihr einen sprachlichen Ausdruck zu verleihen, der uns, seine Leserinnen und Leser, geradezu bildlich an ihr teilhaben läßt. Dabei sollte nicht vergessen werden, daß solche Fähigkeiten immer auch ein Fluch sind, zumindest indem sie unentwegt verpflichten. Und wie ließe sich Nabokovs Gabe anders beschreiben, als wie in der kurzen, einem anderen zugesprochenen Huldigung, daß nämlich Holmes

der Logik den Zauber eines Tagtraums verlieh.
Lushin, ebda.

Geschieht bei Nabokov nicht eben das in Gestalt der Fiktionen, die er aus seinen Erinnerungen entwarf?

Aber zu Lushin zurück, Lushin junior, der einer solchen Zauberwelt bedarf, um in der, wie man es nennt, “Realität” überhaupt bestehen zu können. Der Weg dorthin führt ihn über schließlich riesige Puzzlebilder zur ersten Begegnung mit einem Schachspiel, in das er die innigste Einführung erfährt, die sich denken läßt, und zwar von einem Musiker:

“Welch ein Spiel, welch ein Spiel,” sagte der Geiger und schloß das Kästchen behutsam wieder. “Kombinationen sind wie Melodien. Verstehen Sie, ich höre einfach die Züge [Sperrung von mir].”
Lushin, 42

Das Motiv wird siebzehn Seiten später poetisch noch verstärkt:

(…) und als Lushin nun die Schachpartien aus der Zeitschrift nachspielte, entdeckte er an sich selbst bald eine Eigenschaft, auf die er einst neidisch gewesen war, als sein Vater bei Tisch zu jemandem sagte, er begreife nicht, wie sein Schwiegervater stundenlang in einer Partitur lesen könn[t]e und beim Überfliegen der Noten alle Bewegungen der Musik höre.
Lushin, 59

Und schließlich, durchaus bereits als ein Meister des Spieles gefeiert, gelangt Lushin genau dort hin, wo auf anderem Feld sein Autor brilliert, der — wie es auch → Gerd-Peter Eigner tat, Nabokovs Bewunderer und wie dieser geprägt von Flaubert — seine Romane im Kopf entwirft, bevor er sie in einem Zug niederschreibt, gestützt nur noch auf Karteikartennotate. Lushin also spielt nur noch im Kopf. Dies allerdings kennzeichnet auch sein Verhältnis zur Wirklichkeit:

Man brauchte sich nicht mit den sichtbaren, hörbaren, greifbaren Figuren abzugeben, deren gekünsteltes Schnitzwerk und hölzerne Gegenständlichkeit ihn immer störten und ihm stets als eine grobe irdische Verkörperung der sublimen, unsichtbaren Kräfte erschienen, die dem Schach innewohnten.
Lushin,103

Entsprechend vernachlässigt er seinen Körper, geht mehr und mehr in die Breite, wird nahezu unbeweglich. Deshalb ist es schon gut, daß er an seiner Seite den wenn auch durchaus eigennützigen Walentinow als sozusagen Impresario hat, der

dessen Begabung unausgesetzt ermutigt und weiterentwickelt [hatte], ohne sich dabei auch nur einen Augenblick um den Menschen Lushin zu kümmern (…). Wie ein belustigendes Monstrum führte er ihn reichen Leuten vor, verschaffte sich dadurch nützliche Bekanntschaften, veranstaltete zahllose Turniere, und erst, als er den Eindruck gewann, daß sich das Wunderkind einfach in einen jungen Schachspieler verwandelte, brachte er ihn zu dessen Vater nach Rußland zurück, nahm ihn später aber wie eine Kostbarkeit wieder mit, als er meinte, daß er vielleicht einen Fehler gemacht habe und sich mit diesem Monstrum noch ein, zwei Jahre etwas anfangen ließ.
Lushin, 102/103

Das allerdings auf seinen Turnierreisen, auf denen Lushin — bis zu seinem Lebensende wird es so bleiben — von den geradezu weltweit besuchten Städten nie etwas anderes zu sehen bekommt als sein Hotelzimmer und die oft sehr verrauchte “Location” des Spiels, dennoch durch mehr oder minder Zufall, und zwar im Park eines Kurhotels, die Bekanntschaft einer Frau macht, der nämlich besonders gefiel,

daß er keine Notiz von ihr nahm und anders als die übrigen unverheirateten Herren im Hotel keinen Vorwand suchte, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Sie war nicht besonders hübsch, irgend etwas fehlte ihren zierlichen, ebenmäßige Zügen, so als hätte ihnen die Natur einen letzten, entscheidenden (…) Stups vorenthalten, der sie zur Schönheit gemacht hätte.
Lushin, 93/94

Ecco, die beiden kommen zusammen und heiraten sogar. Womit in Lushins Leben eine Wendung eintritt, mit der in keiner Weise zu rechnen war. Nicht nur, daß es Nabokov höchst ungewiß sein läßt, ob die zwei jemals wirklich intim miteinander verkehrten — es ist eher unwahrscheinlich. Weshalb, das möge die folgende Szene des Hochzeitsantrags illustrieren:

Er platzte bei ihr herein, als [hätte] er die Tür mit dem Kopf aufgestoßen, sah sie undeutlich in ihrem rosa Kleid auf einer Couch ausgestreckt, sagte hastig: “Tag, Tag”(,) und begann[,] im ganzen Zimmer herumzumarschieren, überzeugt, daß sein Erscheinen ungezwungen, witzig und charmant wirken mußte, und gleichzeitig vor Aufregung ganz außer Atem. “Um übrigens auf das zuletzt Gesagte zurückzukommen, habe ich Ihnen mitzuteilen, daß Sie meine Frau werden, ich beschwöre Sie einzuwilligen (…),” und damit setzte er sich auf einen Stuhl am Heizkörper, verbarg sein Gesicht in den Händen und brach in Tränen aus; dann machte er Anstrengungen, die Finger einer Hand so zu spreizen, daß sie sein Gesicht bedeckte, während er mit der anderen sein Taschentuch suchte, und durch die zitternden, nassen Spalten zwischen seinen Fingern sah er ein doppeltes rosa Kleid raschelnd auf sich zukommen.
“Nun, genug, genug”, wiederholte sie beruhigend. “Ein erwachsener Mann und so zu weinen.” Er faßte sie am Ellbogen und küßte etwas Kaltes und Hartes — ihre Armbanduhr.

Lushin, 114/115

Und etwas später:

Anfangs versuchte sie[,] ihn auf die eine oder andere Art in den Kreis ihrer Verwandten einzupassen, in ihre Umgebung, ja sogar in ihre Wohnungseinrichtung [Unterstreichung von mir].
Lushin, 114/115

Doch

diese imaginären Besuche endeten alle mit einer ungeheuren Katastrophe.
Lushin, 116

Und sehr viel später noch:

(…) Lushin rieb seine Wange an ihrer Schulter, und dunkel war ihr bewußt, daß es vermutlich noch andere Freuden gab als die des Mitleids, daß diese aber nicht sie betrafen. Sie kannte nur eine Sorge im Leben, nämlich die unaufhörliche Anstrengung, Lushins Interesse für die Dinge der Welt zu wecken und seinen Kopf über dem dunklen Wasser zu halten, damit er ruhig atmen konnte.
Lushin, 219

So viel also zur Leidenschaft. Wobei die Lushins Gattin so treibende Sorge durchaus nicht ohne Gründe ist. Nicht nämlich die Ehe, ich schrieb es schon, ist, was die Wendung bringt und bringen mußte, so daß dem weltfremden Mann diese Welt schließlich selbst zu einem Schachspiel wird, dessen nahezu unbezwingbarem Gegner, der Lushin aber herausgefordert hat, mit einer Verteidigung begegnet werden muß, die sein, Lushins, Leben fortan so radikal bestimmt, daß er nun erst recht an ihr scheitert. Nämlich während eines entscheidenden Spiels gegen den mächtigen Spieler Turati bricht Lushin unversehens zusammen:

Nur noch eine letzte, ungeheure Anstrengung mußte er machen, so schien es, und er fände den geheimen Zug, der zum Sieg führte. Plötzlich geschah etwas außerhalb seines Wesens, ein beißender Schmerz — und er stieß einen lauten Schrei aus, schwenkte die Hand, die mit dem Streichholz in Berührung gekommen war, das er angezündet und dann an die Zigarette zu führen vergessen hatte. Der Schmerz verging sofort, aber in dem feurigen Spalt hatte er etwas unerträglich Schreckliches erblickt, das ganze Grauen der unergründlichen Tiefen des Schachs. Er warf einen Blick auf das Schachbrett, und sein Gehirn welkte dahin in einer nie zuvor empfundenen Müdigkeit.
Lushin, 219

Die Zeitungen nachher sprechen von einem Nervenzusammenbruch, der Lushin denn auch in psychiatrische Behandlung überführt, als deren Folge wiederum der kranke Mann ein für alle Mal aus den Fängen des seinem Nervengefüge so unzuträglichen Schachspiels herausgerissen werden soll. Jede weitere Berührung wäre von niemals mehr heilbarem Schaden. Doch wie dies erreichen, wenn für den allein im Geist — darin indes geniehaft — flinken, im übrigen schweren, behäbigen Lushin doch das “wirkliche Leben das Schachleben” war,

harmonisch, überschaubar und voller Abenteuer, und mit Stolz empfand Lushin, wie leicht er in diesem Leben herrschen konnte, wie hier alles seinem Willen gehorchte und sich seinen Listen und Plänen unterordnete [und] alles außerhalb des Schachs nur ein bezaubernder Traum war, in [dem] das Bild einer lieben, helläugigen Dame mit bl0ßen Armen schmolz und zerging wie der goldene Dunst des Mondes [?]
Lushin, 152

Zumal immer wieder — wenn auch die Gemahlin sämtliche an diese andere, für Lushin einzig wahre Welt erinnernden Utensilien aus seinem Zugriff fortschafft — Versuchungen an ihn herantreten, die er erst selbst abwehrt, dann ihnen heimlich nachgibt, bis er eben begreift, daß nunmehr das Leben selbst zum Schachspiel wurde:

Von diesem Tag an gab es für ihn keine Ruhe mehr — er mußte, wenn das möglich war, eine Verteidigung gegen diese tückische Kombination finden, sich aus ihr befreien, und dazu mußte er ihr endgültiges Ziel, ihre verhängnisvolle Richtung vorhersehen,
Lushin, 247

schon weil der Herausforderer dieser Partie schlimmer, weit schlimmer als Turati war, ein nämlich göttlicher, quasi, Turati, gegen den uns zu verteidigen wir schließlich alle versagen. Da, als er es vielleicht schon begreift, sieht er es, vorher bereits, auf der Seite 181 nämlich:

Und nach Ablauf vieler finsterer Jahrhunderte — einer einzigen Erdennacht — wurde es wieder hell, und plötzlich barst etwas strahlenförmig, das Dunkel zerriß und blieb als ein verblassender, schattiger Rahmen zurück, in dessen Mitte sich ein strahlendes himmelblaues Fenster befand.
Lushin, 181/182

Die Erwähnung genau dieses Fensters, im Badezimmer, das erst ganz am Ende des Romans wieder auftaucht, ist ein ebenso ungeheurer Trick Nabokovs wie es für Lushin die ihn durchziehenden finsteren Jahrhunderte sind, die im nicht verstehenden Anblick genau dieses Fensters kulminieren, so daß er selbst, Nabokov, sich sicher war, es würde diese Stelle überlesen. Deshalb weist er 1963, nicht ohne Stolz an seiner Konstruktion und durchaus als Attacke, im Nachwort zur englischsprachigen Ausgabe eigens darauf hin. Im Buch kommentiert er — Achtung, ducken!: Baumpfahl, geschwenkt — das Fenster acht Seiten weiter folgendermaßen:

Eine jede Zukunft ist unbekannt — manchmal aber hüllt sie sich in besonders dichten Nebel, als wäre der natürlichen Zurückhaltung des Schicksals noch eine andere Macht zuhilfe gekommen und hätte diesen elastischen Nebel ausgebreitet, an dem jedes Denken abprallt.
Lushin, 200

Und dann taucht Walentinow, der alte Impresario, wieder auf. So bleibt, letztlich, nur die Flucht, und als nach ihm, dem geflohenen Lushin, die Menschen in der Wohnung suchen, brechen sie schließlich das Badezimmer auf. Mehr mag ich nicht erzählen. Lesen Sie, Freundin, lesen Sie’s selbst.

 

Ihr ANH

 

 

 

 

 

 

>>>> Bestellen


>>>> Nabokov lesent 26
Nabokov lesen 24 <<<<

Alban Nikolai Herbst
Näher, mein Wort, zu Dir!
Die Dichtung und Das Internet

[Geschrieben und dort auch vorgetragen für die
Literaturtagung SPRACHE ODER BILDER,
21. bis 23. Februar 2014, Mosse-Palais, Berlin]
→ PDF: 

Immer wieder, in großem Umfang zuletzt in einem von der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff für DIE ZEIT geschriebenen und von dieser Wochenzeitung bedeutsam gefea­tureten Essay, ist die Klage darüber zu lesen, das Internet zerstöre die Literatur, sei überhaupt wort- und insgesamt kunstfeindlich; deswegen bedienten sich seiner nur rundweg dumme Leute, also solche, zu denen zu gehören ich mich hiermit oute. Es, das In­ternet, sei der jeder Kunst- und Denkanstrengung nötigen Konzentration abträglich, weil sich zum Beispiel längere zusammenhängende Texte nicht lesen ließen, perma­nent auf Ablenkung gesetzt werde und überdies die permanenten Bildeinstreuungen eine ernsthafte, sagen wir: seriöse Auseinandersetzung mit Inhalten verunmöglichten. Menschen wie Lewitscharoff, auch, dreivier Jahre früher, nämlich in der FAZ, Thomas Hettche und mit den beiden zahllose andere favorisieren für das Wort nach wie vor das Buch als seinem, quasi von Gottes Gnaden, einzig adäquatem Träger. Indem die Buchkultur sterbe, gehe auch die Dichtung zugrunde.
So weit wird, so schlecht vielleicht nicht gedacht, aber argumentiert – ungewußt einen ganz anderen, einen historischen Kulturbruch zitierend. Ich meine den von der Handschrift zum Buchdruck in den Fünfziger/Sechziger Jahren des 16. Jahrhun­derts. Selbst im Siebzehnten wurde noch heftig diskutiert, mit Argumentationssträn­gen, die den heutigen geradezu bizarr ähnlich sehen. Darauf hat wohl zuerst, am Bei­spiel Pietro Aretinos, Renate Giacomuzzi1 aufmerksam gemacht – wie auch auf einen Hintergrund, der die Diskussionen unter einem wie immer auch eigentlich nahelie­genden, so doch völlig anderen Zweckziel beleuchtet, nämlich dem der Macht, bzw. des Machterhalts. Dabei geht es um Märkte. Ich spreche deshalb von einem Verteidigungskrieg der Deutungshoheiten, der derzeit geführt wird. Selbstverständlich ist es ein Krieg um Pfründe. Eben deshalb wirken die Einlassungen derart ideologisch, wenigstens verkrampft. Spielerische Haltungen sind so wenig zugelassen wie abenteuerfrohe Neugier. Freilich kommt, auf der Seite der Netz-Gegner, oft eine nachlassende hirnphysische Präsenz hinzu, die es ihnen auch objektiv unmöglich macht, mit den Entwicklungen Schritt zu halten. Um es knapp auszudrücken: Die Netz-Gegner sind alte Menschen, wobei es gleichgültig ist, ob sie erst vierzig oder bereits achtzig Jahre alt sind; ihre Entwicklung ist zum Stehen gekommen. Deshalb stimmt es, wenn sie behaupten, man könne lange zusammenhängende Texte am Bildschirm nicht lesen; nämlich können sie es nicht. Weshalb es auch andere nicht können können sollen. Man käme sich sonst genau so schwach vor, wie man ist. Obwohl man doch bedeutend ist und das auch deutlich zeigt.

Ich spreche von einem Generationswechsel, vor allem aber Generationenmentalitäts­wechsel, der möglicherweise eingreifender ist, als es – in sämtlichen Kunstbetrieben – die Machtübernahme durch die sogenannten 68er gewesen ist. Nicht nur die politi­sche Ausrichtung, sondern ein gesamtes Sozialverhalten ändert sich, die Definition desssen, was Freunde seien; man tritt in innigen und aber direkten Kontakt mit Men­schen, die oft Hunderte, wenn nicht Tausende Kilometer entfernt leben. Für Jugendliche ist das bereits Alltag. Damit ändert sich die gesamte Art und Weise der Wahrnehmung. Es ändern sich also die anthropologi­schen Konstanten. Kein traditionelles Pisa kann das mehr messen. In meinem Aufsatz → „Die anthropologische Kehre“2 habe ich den Vorgang beschrieben.
Um es auf eine verknappte Formel herunterzubrechen: Multi Tasking statt fo­kussierter Konzentration. Diese Entwicklung entspricht einer zunehmend sich da­durch begebenden Mythisierung der Wirklichkeiten, als rein faktisch das gesamte Maß des wißbaren Wissens persönlich von gar niemandem mehr erfaßt werden kann; wir briko­lieren Wirklichkeit, um es mit Lévi-Strauss zu sagen. Ein anderer meiner Aufsätze – → „Das Flirren im Sprachraum“ aus dem Jahr 2000 – hat dieses im Zentrum und spie­gelt es in die Dichtung. Eine moderne Literatur muß diesen Geschehen entsprechen, nur hier auch kann Utopie entstehen. Das heißt für die Dichtung, daß es um neue Formen geht, die den Erscheinungen angemessener sind als die sogenannte realistische Narration des 19. Jahrhunderts. Um diese Formen zu entwi­ckeln, braucht es das Netz.
Die Frage ist also nicht die dieser Tagung – ob Literatur im digitalen Zeitalter noch zur Utopie tauge -, sondern vielmehr umgekehrt, ob eine Literatur dazu tauge, die sich dem Netz verweigert.

Ich glaube, sie taugt nicht, und zwar aus dem einfachen Grund, daß sie den Bezug zur Wirk­lichkeit verloren hat und ihn auch nicht wieder herstellen will. Selbstverständlich glaube ich nicht, daß es keine belletristischen Bücher mehr geben wird, auch wenn, im Unterhaltungsbereich, mehr und mehr und schließlich wahrscheinlich ausschließ­lich noch zum eBook gegriffen werden wird, aber die Formen einer zeitgenössischen, das heißt zeitgemäßen Dichtung – den Roman schließt das ein – werden sich nicht in Konkurrenz zum Netz, sondern aus der Zwiesprache mit ihm entwickeln, und zwar schon deshalb, weil die Erfahrungswelten künftiger Leser zu großen Teilen vom Netz besiedelt sein werden.
Und im Netz entsteht bereits heute Dichtung, völlig anders, als das offizielle Bild des klassischen Feuilletons uns glauben machen will. Daß die Umsätze sämtlicher großen Zeitungen signifikant, ja alarmierend für sie, zurückgegangen sind, zeigt, auf welch verlorenem Posten sie stehen, und zeigt auch, weshalb mit solch rhetorischer Gewalt reagiert wird – und mit einer auch vorm Rufmord nicht zurückschreckenden Gewalttätigkeit gegenüber im Netz agierenden Literaten. Dies sind indes, um böse Kafka zu travestieren, Handlungen und Haltungen, die bereits im Absturz gemacht, bzw. eingenommen werden. Abwehrbewegungen radikalisieren sich um so mehr, je weniger sich einem Ende noch ausweichen läßt.
Allerdings habe Aretino, analysierte Giacomuzzi, „das dauerhaft auf Pa­pier gesetzte Wort als moralischen Radiergummi“ gebrandmarkt, „beharrt mit ‚Feuer‘ und ‚Flamme‘ auf einer prä-gutenbergschen, oralen Medienkultur“ und da­mit „die spezifischen Merkmale des neuen Mediums“ ignoriert, nämlich der rasant entstehenden Kultur des Buches, „das zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit Dauerhaftigkeit plus massenhafte Verbreitung ermöglichte“3. Aber er habe „die Möglichkeiten des neuen Mediums sehr wohl erkannt. Die an potentielle Kritiker und Zensoren gerichtete Beschwörungsformel ist nichts anderes als ein Trick, den Aretino benutzt, um vom eigentlichen Sinn der Druckerpresse (…) abzu­lenken. Auch der literarische Text selbst lebt von der Differenz des real benutzten Mediums, der Schrift, zur Rede. (…) Werden die Leser über Nanas äußerst bildhafte Sprache in die Geheimnisse erotischer Praktiken eingeführt, steht den ge­schilderten Nonnen kein Schrifttum als Lehrmaterial der Erotik zur Verfügung, son­dern ein ‚Bilderzimmer‘, dessen einzelne Abbildungen von der Erzählerin in Ge­schichten umformuliert werden. – Wiederum findet“, so Giacomuzzi weiter, „(…) scheinbar beiläufig und belanglos ein Medienwechsel statt, der aber eine für den Text grundlegende und belangvolle Semantik entwickelt: Die Schrift tritt dadurch schein­bar in den Hintergrund, beziehungsweise wird unsichtbar, während das Bild mit sei­ner Geschichte des christlichen Bilderverbotes (…) in den Vordergrund tritt. Mit die­sem Trick wird durch das Bild die Schuld von der de facto ‚Schuldigen‘, der Schrift, abgelenkt.“4
Vielleicht läßt sich auch so Thomas Hettches Haßartikel in der FAZ verstehen, eines Autors, der nicht nur Aretino neu übersetzt, bzw. nachgedichtet hat, sondern auch ei­ner der ersten deutschen Schriftsteller gewesen ist, der als prominente Experimentier­bühne eine Netzpräsenz betrieben hat. Freilich singt sein letzter Roman andere, uni­sono mit vielen Kollegen lamentierende Töne: „Dieser blaue Leinenband aber hat noch das richtige Gewicht, er öffnet sich wie von selbst, und die Finger gleiten wi­derstandslos über das feine Papier, gerade dünn genug, damit man, gegen das Licht, den Umriß des umseitigen Textes durchscheinen sieht. So muß es sein, das gibt dem Blick Halt. Meine vergehende Welt.“5
Worüber spricht Hettche hier wirklich? Nolens volens verrät er es: Über das Buch als ein Bild. Dem Blick wird Halt gegeben. Der Blick gibt GOtt. So daß sich etwas noch ganz anderes wiederholt. Nicht von ungefähr sind, wie Giacomuzzi schließlich schreibt, trotz aller Haß-Volten auf den Buchdruck, Aretinos Schriften doch noch auf dem katholischen Index des Tabus gelandet, wenn auch erst nach seinem Tod. Die verbotene Sinn- und Erkenntniskraft des Bildes hatte sich auf die gedruckte Schrift übertragen, die so nun ihrerseits zum Bild wurde; monotheistisch argumentiert, ist sie regrediert. Sie wird der Halt, den Aaron Moses‘ aus Ägypten ausgezogenem Volk wiedergeben wollte, das, was dem Blick Halt gibt, aber nicht genügte, weil es kein Gegenstand mehr war. Heute ist das Buch Aarons Goldenes Kalb.

Im Buchdruck wird das Wort-selbst zum Fetisch. Nicht grundlos ist das Kalb „golden“ – ein Umstand, der sich erst in der kapitalistisch durchökonomisierten Welt zur Quelle ständig neuer Mehrwert­schöpfung gemacht hat und damit zugleich jeglichen Inhalt profaniert. Mit der ge­druckten Bibel ist das Wort GOttes zwar wohlfeil geworden; die höchsten Gewinne aber lassen sich, in der Massengesellschaft, gerade mit Billigartikeln erzielen, durch deren Addierung von Centbeträgen Milliarden entstehen. Die Profanierung wiederum bedingt, daß das Buch keineswegs ein Tempel des Heiligen Wortes ist, sondern jederlei Schund die Klappen öffnet. Ein qualitativer Unterschied von Internet-Wort zu Buch-Wort besteht nämlich gar nicht; der Ausstoß an Unerträglichkeiten ist kein minderer als im Netz. Insofern ist es geradezu bizarr, anläßlich eines ver­meintlichen oder tatsächlichen Untergangs der Buchkultur von kultureller Abend­dämmerung zu sprechen – um so abstruser, übrigens, als gerade der Roman eine gan­ze Zeit lang, erst nur fürs Amusement Höherer Töchter geschrieben, als Hort der Un­moral galt; zur favorisierten Ausdrucksform des Bürgertums avancierte er erst lang­sam. Da muß es nicht Wunder nehmen, daß er als abgeschlossenes Totales in einem Prozeß an Kraft verliert, in dem eben dieses Bürgertum zerfällt, d.h. in dem die feste Entität als Fixpunkt des Sozialen an Bedeutung verliert.
Die Buchdeckel signalisieren die Geschlossenheit, sie sind die Körpergrenzen des Fetischs. Über den Roman selbst, also über den Text, der er ist, sagt das nichts. Die frühesten Romane, nämlich die Epen als seine Vorläufer, wurden vorgetragen; daß sie im Versmaß stehen, hat Gründe in der Oralität, nicht etwa, weil das Versmaß dem Roman-selbst notwendig gewesen wäre. Es ging schlichtweg ums Memorieren. Das ist der Genese des Reimes ganz ähnlich; dieser steht näher der Musik als der Roman, der spätestens mit dem Buchdruck auf den mündlichen Vortrag nicht weiter angewie­sen war. Interessanterweise rhythmisiert er sich jetzt neu, heute, in den Tagen des In­ternets, da ihm das Haus, aber nur dieses, überm Kopf zusammenbricht.
Andere Rhythmen aber sind es, sind solche der Gleichzeitigkeiten, denen eine Befähigung der Rezipienten entspricht, die ich schon oben multi-tasking nannte. Das wiederum spiegelt unsere moderne Wahrnehmung von Welt. Mehr noch kommt der Roman gewisser­maßen erst jetzt bei sich an, indem er eine neue Entwicklungsstufe erklimmt: Er muß nicht mehr abgeschlossen werden, ja nicht einmal mehr abschließbar sein. Er realisiert sich als seine eigene Utopie. Allerdings wurde das schon nach seinen poetologischen Höhepunkten um Flaubert, Balzac und Tolstoj erspürt: daher die erkenntnistheoretische Kraft etwa der Romane Kafkas als Fragmente, auch Musils und anderer. Stärker noch, zeigt der Vorgang an, daß der Roman seine Tendenz ins Unabschließbare, damit auch Unfaß­bare, zu perfektionieren gewillt ist. Und zwar gab es durch­aus Vorläufer – die Literaturwissenschaft spricht von „digressivem Schreiben“; den­ken Sie an Laurence Sterne, denken Sie an Jean Paul. Aber nicht die heute noch immer eine Romanästhetik des 19. Jahrhunderts fortschreibenden Bücher zeigen das, also nicht Autoren wie Updike, Atwood, unterdessen auch Hettche und andere, sondern die, die sich aus der neuen Freiheit, die ihnen die Postmoderne gab, herausentwickelt haben, etwa Thomas Pynchons, Elfriede Jelineks, Roberto Bolaños; auch meine eigenen Ar­beiten zähl ich hinzu.
Das Unfaßbare ist eben GOtt, d.h. das erste WOrt, mit dem Welt begann oder begon­nen zu haben – eben: – gesagt worden ist. Die bis heute grandiose Idee daran ist, daß, wie unverwurzelt man immer auch leben mag, dieser GOtt eine jedes Bild überstei­gende Gegenwart hat. Praktisch gesprochen, mußte ein Nomadenvolk keinerlei Göt­zen mehr mit sich wuchten; theoretisch bedeutete es SEine permanente Gegenwart. In einer von schon berufshalber häufigen Ortswechseln gekennzeichneten Gegenwart, sprich der Globalisierung, kann deshalb das Buch gar nicht mehr „Ort“ des ge­schriebenen und zu lesenden Wortes sein und also auch nicht der Utopien. Wer will denn Bibliotheken schleppen, zu­mal dann, wenn alles in digitaler Form quasi überall verfügbar ist? Es ist ja nicht falsch, nicht nur in mosaischem Zusammenhang von einem Fließen Gottes zu spre­chen, sondern der „Ort“ SEiner permanenten Gegenwart ist heute das Netz, das Inter­net, und zwar auch und gerade, was die Vermittlung von Wissen angeht. Einen An­schluß finden Sie, derart von Netzen überworfen ist längst die Welt, noch in dem ärmsten Dorf, wo es an Essen mangelt. – Oder wenn Sie Lexika brauchen, für Ihre Arbeit? Wo steht die nächste Britannica? Die schwarmgeniale Erfindung Wikipedias hat sie beinah obsolet gemacht. Allerdings sie selbst, die berühmteste aller Enzyklo­pädien, hat schon früh reagiert, anstelle in der Schmollecke zu sitzen, und eine Netz­variante vorgelegt, die anders als jedes Buch tatsächlich gegenwärtig sein kann, be­sonders, was die rasanten Entwicklungen der Naturwissenschaft anbelangt. Und die­se, längst, präsentieren Dissertationen und Habilitationsschriften ohnedies kaum noch in Printform. Wenn wir akzeptieren, daß kaum etwas unsere moderne Gegen­wart derart geprägt hat wie sie, die Naturwissenschaften, nähme es allein schon von daher Wunder, spiegelte die Dichtung das nicht wider und folgte nicht den entspre­chenden Wegen oder liefe ihr voraus. Tut sie es nicht, wird sie sich antiquieren. „Li­teratur nimmt die Wissenschaft vorweg“, formulierte Hettche einst selbst, aber da war er noch jung.
All dies bedacht, lassen sich die Beklager der Entwicklung nur als Pharisäer der ka­pitalistisch durchökonomisierten Welt verstehen, als ihre Statt- und Steigbügelhalter, solche, die der Kirchenvertreter Rolle übernommen haben, die, anders als der Glaube selbst, beharrend ist, und zwar auf ganz ähnlichen Strukturen wie alle gängigen Machtapparate. Deshalb sprach ich oben von einem zur Zeit brandenden Krieg der Deutungshoheiten. Da werden auch mutwillig Augen verschlossen, und gegen besseres Wissen wird eben der GOtt gelästert, nämlich seinem WOrt, dem zu dienen man vorgibt. Denn nur der Götze Buch hat einen Marktwert, an dem sich auch und gerade dann verdienen läßt, wenn man es selbst nicht geschrieben hat; das WOrt hingegen, als allgegenwärtiges, ist bei einem Jeden; das Internet als sein neuer Tempel läßt die Kirchenpforten immer offen: jeder kann hinein; es gibt nicht einmal Sakristeien. Das WOrt ist nun wirklich wenn zwar nicht „demokratisch“ geworden, so doch prinzipiell nicht nur Eliten zugänglich.
Darin steckt eine Logik. Sie setzt radikal fort, was mit den Keilschriften begann, was die Handschriften kultivierten und schließlich Gutenberg verteilte. Sogar die bei Aretino erzählten Mischformen aus Wort und Bild perfektionieren sich – ja, indem des Netz auch das gesprochene Wort wiederzugeben vermag, kann die Dichtung in eine Totale gehen, von der, für das Musiktheater, Wagner nur geträumt hat.

So kommt denn das WOrt zu sich zurück, wird aus dem Allerheiligsten genommen, der Vorhang ist beiseitegeschlagen, wenn nicht bald schon heruntergerissen. Der Text wird gemeinfrei – gleich der nächste, für Bürgerliche, Skandal. Dies ist die vielleicht größte Attacke auf eine Welt allein aus Waren. Verwalter werden nicht mehr gebraucht, also solche, die bestimmen, wer was zu lesen habe und was der Jugend schade. Wen wundert‘s da, wenn die Kuroren, die bezahlt sind, von den verderbten Sitten klagen? Daß sie verderbe, stand als War­nung schon je zu Seiten der Kunst. Das wissen die Kuroren auch…
Zum andren kann sich das WOrt nun alliieren; etwas, das vordem allenfalls um sehr teuer Bibliophiles zu haben war, und auch da nie in einer anzustrebenden Einheit mit wieder dem Klang. Nicht von ungefähr hat gerade die Lyrik nicht nur enormen Zulauf im Netz, sondern sie entsteht dort auch, und zwar in kaum vorstellbarer Men­ge. Sie braucht keine vorhergenommene Kanonisierung mehr, die für ein kaufmänni­sches Unternehmen, wie jeder Verlag es ist und sein muß, das Risiko rechtfertigt, solch Schwerverkäufliches auf den Markt zu bringen. Die Zugriffe auf Gedichte auf nur meiner eigenen Webpräsenz gehen bisweilen an die 5000; man vergleiche, daß auf dem deutschen Markt bereits ein Lyrikband von 800 verkauften Exemplaren als extrem erfolgreich gilt. Literaturpreise, freilich, werden nur für die vergeben. Wer nämlich sitzt in den Juries?
Auch das ist Schlacht um Deutungshoheit, die eine Schlacht um Einkünfte ist. Man will ja seine Leasingraten zahlen. Ihr nehmt uns unser Land weg: Darum alleine geht es. Was eine Pflanze sei, was Wiese und was Acker, also cultura, Kultur, spielt die geringste Rolle. Doch das steht auf den Fahnen.
Allerdings ist die Szene derart vielgestaltig, lebhaft und wahrhaftig unüberschaubar, daß die gegenwärtige Tageskritik auch deshalb von ihr keine Kenntnis nimmt, und das, obwohl sich die Form der zeitgenössischen Lyrik im Netz nicht annähernd so ändert und wohl auch nicht ändern kann, wie die eines Romanes, der in sein unendliches Fortschreiben vordringt und dabei obendrein eine direkte Mitschrift seiner jeweiligen Zeit ist, d.h. immer auch das Dokument seiner eigenen Entstehung und der Welt um sie herum – womit endlich eine der großen, bislang unrealisiert gebliebenen Forderungen der jungen literari­schen und insgesamt ästhetischen Moderne eingelöst werden kann. Eine im Netz realisierte kunstphilosophische Utopie, mei­ne Damen und Herren. Dagegen ist der traditionell im Buchdruck erscheinende Romane immer, notgedrungenermaßen, schon bei seiner Drucklegung historisch – so wie, mit Karl Kraus gesprochen, die Zeitung von heute immer gestern. Die sich im Roman gestaltende abgeschlossene Erzählung wird zur Binnenerzählung in einem Strom. Damit macht sich diese Gattung, wenn sie in bewußter Formung ent­steht, erneut zum adäquaten Kunstmedium der Gegenwart, einerseits, indem es um vieles näher wieder am WOrt ist als jedes durch seinen Fetisch-, modern gesprochen Warencharakter verstellte Buch, andererseits, indem er sich den zunehmend die Ent­wicklung bestimmenden technischen Bildern öffnet oder, siehe das Spätwerk Go­dards, sie ihm. Das wäre ohne das Netz nicht möglich gewesen, weil nämlich nicht rezipierbar. Was nun die technischen Bilder selbst anbelangt, möge ein Verweis auf Vilém Flusser genügen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

______________
ANH, Februar 2014
Berlin

_________________________________________
1 Renate Giacomuzzi, Die Dschungel.Anderswelt und
ANHs Poetik des Bloggens, in: Panoramen der Anderswelt,
hrsg. von Ralf Schnell, die horen Nr. 231, 2008.

2 ANH, → Die anthropologische Kehre, in:
ANH, Schöne Literatur muß grausam sein,
Gesammelte Essays und Reden 1,
Kulturmaschinen Berlin 2012.

3 Renate Giacomuzzi, a.a.O.
4 Giacomuzzi, a.a.O.
5 Thomas Hettche, Die Liebe der Väter, S.146,
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010.

%d Bloggern gefällt das: