Aus der Nefud, Phase III (Tag 4): Freitag, den 19. Juni 2020. Krebstagebuch, Tag 51. Nacht der Stelen, Fortsetzung.

 

… — und war schon ziemlich gleich wieder wach. Tatsächlich waren zweidrei Stunden doch vergangen, aber doch aus Osten noch kein Licht; indes ihm der Mond aber schon das Firmament hinab quasi entgegenrutschte und dabei sein eigenes, also das geliehene, von ihm nun reflektierte Licht sichtbar verdampfte — was eine, jedenfalls in dieser Situation, völlig unangemessen realistische Betrachtungsweise war. Ihr zufolge hätte ich auf dem Betonquader nicht so ruhig und weich schlafen können, wie ich’s getan, noch dazu mit diesem Sirenen- oder Fatamorganenleib neben, an und auf mir. Dieser Duft.
Übrigen schlief Li weiter, ich konnte mich unter ihrem rechten Arm leicht hinwegziehen; die Krebsin lag mit dem Bauch an meinem Rücken, Schoß an Gesäß, den linken Arm zwischen meinem Hals und der Platte durchgestreckt, ihr leicht aufwärts gewandtes Gesicht in die hintere Mulde meiner Halswirbel schmiegend. Die Lider vielleicht nur geschlossen; typischer wäre freilich, daß die Tumorin durch mich hineinblickt (: nein, keine danebengegangene Formulierung). Aber sie schlief tatsächlich. Und sah glücklich aus. Obwohl ich ja weiß, wie sehr die Strahlungen ihr wehtun, gerade zu Anfang jeder der vier Chemophasen. Ich hingegen, erneut, jetzt im dritten Kreis der Nefud, bin in der ersten Woche nahezu beschwerdefrei, von kleineren Lästigkeiten einmal abgesehen; doch wenn die Wirkung der Zytostatica sich allmählich ausläuft und dem Körper eine gewisse Zeit zur Rekonvaleszenz gegeben werden soll, wird es für mich schwierig, weil Li diese Pause natürlich sofort nutzt.
Ich saß mittlerweile auf dem Quader, hielt allerdings Lis Schultern und Kopf, mochte nicht von ihr lassen, bettete schließlich ihr Haupt auf meinen Oberschenkeln, legte mein eigenes in den Nacken und schaute in das ein vollkommenes Schwarz durchfunkelnde Lichtpunktmyriadum. Die Grabplatten glänzten, wie wenn sie selbst Lichtflächen wären. Meine Perspektive war dennoch klaustrophobisch. Doch ohne daß es mich bedrohte; ich konnt’, und tat es, nüchtern konstatieren. Weil mir auch wieder Kubrick einfiel, vor allem, wenn ich denke, daß

it is found to be a black cuboid whose sides extend in the precise ratio of 1 : 4 : 9 (1² : 2² : 3²) and is sitting on a platform of the same material above undisturbed rock,
→ Wikipedia,

wobei zu vermuten, es erstrecke sich die derart materialisierte Sequenz dieser ersten drei Quadratzahlen in weit höhere Dimensionen als die für uns sichtbaren. Genau deshalb sind Eisenmanns Betonstelen und Clarkes geheimnisvoller Monolith diese Symbiose eingegangen, wobei es am Jupiter dann zu ihrerseits Hunderten Monolithen kommt, die um den Planeten schwirren und ihn vorbereiten für die Wandlung und zugleich doch an diese Nekropole denken lassen, denken lassen müssen.

Allmählich wurde es heller, ich konnte umherschreiten. Ohne jede Beschwerde war ich nach fünf komplett durchschlafenen, weil, ich bin mir sicher, durchliebkosten  Stunden hell erwacht, und daß Li schlief und schlief und mich gänzlich für mich ließ, war ein ebenso gutes Zeichen. Als ich überm nun schon quittegelben Himmel ein Rauschen vernahm … darüber, ja. Was aber erst wie eine Luftflut Krähen aussah, wurde zu einem Himmelstsunami der Stelen – als hätte eine irdisch jede in der Höhe einen Spiegel bekommen, aus dem sie alle ihre Klone entließen, Ableger in jedem Fall, vielleicht tatsächliche Kinder.
Kurz geriet ich in Panik. Doch dann, so muß ich es nennen, segelte ein kleiner Monolith auf meine Hand herab, wurde schon im Anflug Spatz und landete auf der gleichsam Reling, zu der mein linker Zeigefinger wurde, um die sich sanft die Krällchen rollten. Schon verdrehte der Miniaturableger eines Lillisaurierputs putzig sein Köpferl und tschilpte mich an. Wovon die Sonne nun endgültig aufging, aber genau deshalb ein weiteres Wunder geschah: Je heller es wurde, desto durchsichtiger ward die Totenstadt. Die gesamte Nekropole, ja. Nein , keine optische Täuschung! Vielmehr, je durchsichtiger alles wurde, desto durchfaßbarer auch, was eben faßbar bedeutet, endlich faßbar. Erst wie durch schweres Wasser, dann wie durch Öl, nun schon durch Luft konnte ich die Stelen durchschreiten, sie wehten einfach, quasi, weg. Und Lis Gesicht, Krönung der antiken Kuppel, erlosch. Die Sonne fing zu brennen an, alles war nur noch Düne, Fels, bisweilen etwas Gestrüpp. So das Wadi der Stelen übertag, so die Gräber nachts. Und so die Deutsche Bahn. Die Geleise.
Meine Gleise eben auch. Aus denen, so begriff ich, Li mich hatte herausrollen lassen, erst, wenn auch da aus anderen, im Wadi der Verstrickungen und nunmehr heute hier. Ich drehte mich zurück. Nur noch das Tal aus Sand und wie es sich drüben in die Erhebungen des Randgebirges schmiegt, und da die Grabmonolithen verschwunden waren, war Lilly es genauso. So blieb mir nichts, als mich erst einmal zu orientieren. Ich hatte ja nicht einmal eine Erinnerung, wie weit meine Krebsin und ich heute nacht spazieren gehen mußten, bis wir angekommen waren, ja nicht einmal die Ahnung, in welche Richtung ich mich halten mußte. Ich hatte weder mein Ifönchen noch ein anderes Funktelefon bei mir, dachte aber, die Geister werden mich leiten und schritt auf gut Glück aus. Doch wären mir nicht längst schon die Freunde entgegengekommen, nachdem sie morgens vergeblich für den Kaffee auf mich gewartet und deshalb in meinem Zelt nachgeschaut hatten, ich hätte mich gewiß verirrt. Es war aber ibn Gamael, Lars also, der auf seinem Dromedar mir entgegenstürmte, im Gefolge noch zwei unserer Scouts. “Effendi! Effendi!” Wobei mich schon irritierte, daß dieser überhaupt-nicht-Hadschi-Halef-Omar das türkische Wort für “Herr” verwendet. Täte ein Beduine das? Und ganz am Anfang nannte er mich Sihdi, was aber maghrebinisch ist, auch in Ägypten verwendet wird, arabisch aber sagte man Sayyid (سَيِّد ). Bitte machen Sie sich, Freundin, klar, daß Karl Mays ersten Orientromane in den 1870er/80ern spielen, zu einer Zeit also, da die arabische Welt unter der osmanischen Knute litt, aus der der andere Kara ben Nemsi Effendi, Lawrence ben Albion, sie zu befreien versprach. Der ihnen, den Arabern, damals  angetane Betrug bestimmt bis heute das geradezu unauflösbare Nahostproblem zumindest maßgeblich mit.
“Sayyid, Sayyid, wir haben uns solche Sorgen gemacht!”
Ich strahlte ihn an. “Es geht mir gut, und ich habe Hunger.”
“Steig hinten auf, Sayyid, steig auf.”
Durchaus erstaunlich, welche Kraft der androgyne Mann in alleine einem Arm hat! Er zog mich quasi aufs Reittier hinauf, hieb ihm die Hacken in die Flanken, und wir stürmten davon. (Sind Sie schon mal Galopp geritten über Dünen? Und nicht auf einem Pferd? Alles, was Sie tun können, ist, irgend festzuhalten, was sie am Körper tragen. Mißachten Sie’s, wird alles aus Ihnen herausgeschüttelt, was mit Ihnen nicht verwachsen ist, egal ob ein in der Hosentasche mitgeführtes Portemonnaie, ob die Wegzehrung, ob zu lockre Zähne.)

Fast eine halbe Stunde dauerte der Ritt. Diese ganze Strecke waren Li und ich nachts zu Fuß gegangen? Völlig unwahrscheinlich. Aber es war ja nicht so, daß ich geträumt hätte. Ich saß tatsächlich hinter Lars im Doppelsattel. Und unser Lager kam in Sicht.
Morgens war, als ich noch im Wadi der Stelen, ein Bote gekommen und hatte Post sowie für mich ein Päckchen mitgebracht, das mir Faisal hatte vor mein Zelt legen lassen.
Das war nun eine Freude! Phyllis Kiehl die Vertraute, hat es zu mir auf die Reise geschickt. Es zu öffnen … selbst nach dieser ereignisreichen Nacht konnte ich es nicht lange hinauszögern. Zum Vorschein kam ein kleiner Koffer, der aber groß gefüllt war: Nüsse, Nüsse, nochmals Nüsse, zwei Nuxe-Miniaturen, zwei Umschläge mit verschweigbarem Inhalt, den ich umso manifester derzeit brauche.
Viel Zeit, mich zu erfreuen, hatte ich nun allerdings nicht. Faisal drängte zum Aufbruch, ließ sich dennoch von meiner Nacht ausführlich erzählen, schon weil ihm die Existenz des Stelen-Wadis zuvor nicht bekannt gewesen war, so daß er sich in die These verstieg, meine nächtlichen Visionen – das nämlich, Visionen, seien sie gewesen – habe ein Zauber Lis ganz allein für mich erzeugt: “Sie legt kulturelle Codes aufeinander, die an sich miteinander nichts zu tun haben, in Ihnen aber doch. Deshalb kann niemand sonst sehen, was sie Ihnen zeigt. So ist sie zugleich das Symptom und Ihre Therapie.”

Dann wurde es so heiß, daß wir so wenig sprachen wie nur möglich. Ich war nur froh, daß diese ersten Chemotage eben ohne große Einschränkungen an mir ablaufen. Und nun ist’s schon der nächste Tag, die Nr. 4 der Phase III, und geradezu Erlösung, abgesehen von den neuerdings sehr anschwellenden Füßen – auch aber nur nervig, nicht wirklich schlimm. Wobei es die Hitze freilich nicht grad besser macht. Dennoch, dies muß ich unbedingt noch sagen, bin  ich sehr sehr froh darüber, meine Diagnose in der hellen Jahreszeit gestellt bekommen zu haben und mit Li im Licht des Sommers verhandeln zu können. Ob ich auch im November so zuversichtlich gewesen wäre, wie ich es bin, ist mehr als nur fraglich.

Ah, wir sind fast am Mittagslager. Die Siesta heute kann ich brauchen. Vielleicht, daß Li sich wieder zu mir legt.

ANH

[Shostakovitsch, 13. Sinfonie, Gergiev
13.10 Uhr, 73,5 kg
صحراء النفود.Anderswelt]

 

Aus der Nefud, Phase I (1): dritter Morgen. Krebstagebuch, Tag 24 – mit dem Arbeitsversuchsjournal des Freitags, den 22. Mai 2020. Allerdings eine ungeheure Entdeckung darin.

 

[Nefudlager,, 6.32 Uhr
Schubert, Streichquartett 15 G-Dur, Pražák Quartet)

Schön sieht sie aus, die Nefud, auf Arabisch geschrieben: صحراء النفود, und ich schlage vor, diese Wörter (Ṣaḥrāʾ an-Nafūd) fortan stets anstatt des profanen “Chemo”s zu sprechen. Sie haben den magischen Klang der Beschwörung und entsprechen somit den → Namen. Jedenfalls werde ich es fortan so halten, zumal diese Wüste ganz gewiß nur selten mit Musiken in Verbindung gekommen ist, wie sie sie nun kennenlernt. Gestern abend, kaum daß sich – ein nicht nur herabsausender, nein –knallender Vorhang – die Dunkelheit auf … nein!, bis  unter uns gestürzt hatte und es sofort beißend kalt geworden war, hatte ich, nachdem noch eine Decke über die Schultern meines Gewandes geworfen, mein bose-Zauberkistchen vor das Zelt gestellt und mich zu beiden (vor das eine, nebens andere) gesetzt, um meiner Entdeckung des Tags zuzuhören. Der milliardenfach gestirnte Himmel rief zur Ewigkeit. Schubert starb nur ein Jahr nach Beethoven, stellen, Geliebte, sich sich das nur vor! Und hinterließ ein Streichquartett, das quasi niemand wollte: die Nr. 15 in G-Dur und das extrem von Beethovens späten Streichquartetten beeinflußt ist, ja ohne sie nicht denkbar wäre, die uns noch bis in die Fünfzigerjahre von führenden Musikkritikern für “mißlungene Musik” ausgegeben wurden. Man muß sich fragen, wo die denn ihre Ohren hatten? (Man muß sich das heute noch fragen, für die Heutigen, bitter fragen; seit es Kritiken gibt, ist es so; die  meisten sehen nicht – können’s offenbar auch nicht, geschweige denn zu hören –, was ihres Berufes hätte doch zu sein! Daß es so nicht ist, wäre hinzunehmen, hätten nicht sie, die Vermittler, unterdessen den Status von “Stars” ebenso eingenommen wie in der Bildenden Kunst die sogenannten Kuratoren, bei denen es wurscht ist, ob man mit oder ohne weiteres Sternchen hinten ein “innen” noch dranhängt.)
Ich saß und schloß die Augen, die Wüste war ganz still – abgesehen von dem dauernden Nachtheul des Windes, das aber nichts als unentwegtes, doch hohles Pfeifen war und durchaus mit dem Rauschen zu vergleichen, das wir in Konzerthallen und Opernsälen vernehmen, wenn wir die Sinne darauf konzentrieren. (Sollte man nicht tun, jedenfalls nicht darauf. Es lenkt genauso ab, wie wenn wir uns in einem Gespräch bewußt auf die “äh”s in den Sätzen des Gesprächspartners fokussieren: Schließlich hörn wir nur noch die.)
Ich war froh, von dem Dromedar herunterzusein; den ganzen Tag über war mir von seiner Schaukelei, aber auch morgens mit dem Aufwachen schon, unterschwellig schlecht gewesen — eine der typischen, allerdings nicht so schlimmen “Neben”wirkungen der Nefud, daß ich hätte → einen der Blauen Fische schlucken müssen. Das habe ich bislang erst nur einmal getan, vorgestern, und es hatte schon deshalb nicht viel gebracht, weil mir nicht klar war, woher die Übelkeit rührte, ob tatsächlich von der Nefud oder daher, daß ich auf ein bestimmtes Essen mit Widerwillen reagierte. Passiert mir nämlich grade dauernd.
Mit Kokosöl ging’s los, das लक्ष्मी mir für diese Reise besorgt. Habe ich es in ein Getränk eingerührt und nehme davon, steigt mir fast sofort der Magen – eine Reaktion, die sich unterdessen auf anderes übertragen hat, zum Beispiel auch mit, völlig bizarr für mich, ausgerechnet Käse. Den Vorrat bester Sorten, den ich mir angelegt hatte, mußte ich jetzt, damit er nicht verdirbt, in die Kühlschläuche geben. Doch seit ich in die Wüste eingeritten bin, reagiere ich auf meine frisch gepreßten Säfte genauso, mit dem höchst zweifelhaften “Erfolg”, daß ich noch weiter abgenommen habe und nunmehr, mit einsachtzig!, weniger als 69 kg wiege. Angesichts dessen, was bevorsteht, ist das alles andere als gut. Weshalb mir Freunde Päckchen mit sogenannter Astronautennahrung geschickt haben, der uns nachgerittene Bote erreichte das Lager gestern nacht, da war das Streichquartett schon ausgeklungen, ich hatte mich grad auf und unter meine Teppiche zurückziehen wollen (so nämlich verbringt sich die Nacht hier am besten: auf und unter Teppichen, die, tags zusammengerollt, von den Lastenkamelen mittransportiert werden) – nicht zu fassen, daß er Hadschi Halef Omar hieß! aber dann ging der Name mit Mohammad Kadar Ibn Safi weiter, was ich eigentlich hätte, wie Ralf Wolter, auswendig lernen müssen, um ihm die Ehre zu erweisen. Nur starb auch Lex Barker bereits sehr früh – mit 54! früher als selbst ich’s noch schaffen könnte, mit fünfundsechzig hab ich sogar schon meinen Vater überlebt – und außerdem war ich dennoch zu müde, mußte obendrein der einen Melatonin und halben Zolpidem eine Schmerztablette hinterherschlucken, weil sich das fürs Schlafen als hilfreich herausgestellt hat: Dann wache ich nämlich nur einmal auf, um die zwei Uhr nachts herum, erledige meinen Wassergang, leg mich wieder hin und schlafe durch bis fünf. Das ist allerbestens. Und seit heute früh sogar, ohne daß mir übel ist. Gestern hingegen ging’s damit ziemlich unleidlich zu und hielt sich fast bis mittags durch, als längst mein Reittier das seine dazutat. Und die glühende Hitze.
Die nun noch eine für die Nefud typische Nebenwirkung verursacht hat, vor der mich schon mein Faisal Josting gewarnt hat; ich bin deshalb überaus froh, diesen Wüstenarzt bei mir zu haben. Sein Rat ist unschätzbar, auch wenn meine Hausärztin vor drei Tagen, nachdem ich ihr erzählt, Faisal habe gesagt, → daß er meine Erkrankung für heilbar halte, überraschend überrascht “Sportlich, sportlich!” von sich gab. Was mir nun nicht mehr aus dem Kopf geht und also durchaus nervt, vor allem nachts. Denn → der andere Faisal, Lawrences also, war auch von der arabischen Freiheit überzeugt: daß sie kommen werde – was nicht kam. Genies wie T. E. Lawrence werden von den Kuratoren für völlig andere als ihre eigenen Interessen benutzt und können sich auch dann nicht wahren, wenn diese “Kuratoren” Diplomaten oder sonst etwas aus den bürgerlichen Berufen sind.
Doch schlimmer… nein, unangenehmer (wirklich “schlimm” war davon bislang noch nichts) … unangenehmer sind die zwei weiteren “Neben”wirkungen, mit denen ich derzeit zu tun habe. Ich habe Ihnen, Freundin, schon vom Grundgedanken der Nefud erzählt (wenn wir eine Wüste denn mal “Gedanke” nennen dürfen, ein arger Mystizismus, ich weiß): nämlich die sich im Körper auffällig schnell teilenden Zellen anzugreifen, zu denen solche wie meiner Tumorin → Lis eben gehören (auf die ich gleich noch gesondert zu sprechen kommen muß). Leider aber zählen auch die Zellen der Mund- und Darmschleimhäute dazu (ebenso wie Haar und Horn) … und tatsächlich, leider, wurde gestern mein Mundinnres höchst empfindlich, fast schon aphtisch. Vor Jahren, in meiner römischen Zeit, hatte ich sowas schon mal. Weshalb ich es kannte. Und hatte nicht Faisal auch davon erzählt? Hatte er, ja, aber er schlief bereits, ich mochte ihn nicht wecken. Schaute statt dessen meine Medikamente durch. Ah, ich erinnerte mich, Dexamethason, ein Kortikoid: dafür war es da. Also vorm Schlafen auch das noch geschluckt. Und in der Tat: Heute früh ohne jede Beschwerde (auch schlecht ist mir nicht, und Schmerzen habe ich nicht).
Dennoch, bizarr ist alles das schon: Ich, der zeitlebens ein Tablettenmuffel bis schärfster Tablettenfeind gewesen bin, schlucke nun das Zeug im Akkord: Und das einzige, was mich dabei beruhigt, ist, daß ich’s wüstenhalber tue, allein der Nefud wegen. Am Berliner Schreibtisch hingegen hielte ich’s kaum aus.
Und eine weitre Nebenwirkung hat mich erwischt, die, wenn ich über sie schreiben soll, heikler, nämlich schamheikler ist. Noch weiß ich wirklich nicht, wie mir ihr so öffentlich umgehen. Außerdem ist für sie die Wüste wiederum blöd: Ich brauche sozusagen eine Dauertoilette – aber nicht, weil’s unten nur so herausschießt, sondern weil im Gegenteil alles zwar da ist, aber komprimiert zu einem Pfropf oder har mehreren Pfröpfen von geradezu Brennholzdichte und -trockenheit. Das kommt nicht voran, nicht voraus, sondern müßte abgebrochen werden – ein Umstand, der meinen langsam schwindenden Appetit und meiner bereits geschwundenen Eßlust erst recht nichts mehr entgegensetzt. Ich fürchte, nur hoffen zu können, daß es in der nächsten Apotheke eine Drogerie gibt, die Birnspritzen führt. Mit sowas, sagte eben Faisal (und lächelte höchst süffisant, ich sah’s sogar durch seinen über die Nase gezogenen Shemagh), bekämen wie die Sache schnell in den, nun jà, “Griff”: “Warmes Wasser und Öl, mein Freund, und Sie sind’s los.”
Nur, wann werden wir die nächste Oase erreichen? Sehr bald? O bitte, bitte sehr bald! – Faisal, weise, schwieg. Aber lächelte er? Tat er, ja, es war an den Fältchen je seitlich der Augen zu sehen, die sich zum Himmel richteten: إن شاء الله

Aber das alles erst heute morgen, nachdem ich ohne jede spürbare Nebenwirkung aufgestanden war und mit meinen Mokka bereitet hatte; da streifte Faisal katzenpfötig von der Seite heran und grüßte in der edelsten Form: “السَّلاَمُ عَلَيْكُمْ وَرَحْمَةُ اللهِ وَبَرَكَاتُهُ!” (“Allahs Friede und Barmherzigkeit mögen auf Dir liegen wie sein Segen”). “Ihnen”, mein Freund, grüßte ich auf Deutsch zurück, “der Göttinnen Allerreichstes auch.” – Er runzelte nur kurz die Haut unter seinen zusammengewachsenen pechschwarzen Brauen, dann ging die Wärme eines zuinnersten Lächelns durch sein Gesicht, das sich dennoch nicht, nicht einen Millimeter, verzog, sondern jeglich’ Würde ruhig wahrte. – Ob er sich zu setzen  dürfe? – Ich umschrieb den Halbkreis mit meinem rechten Arm, dessen Hand schließlich in der Luft über einem Kissen schweben blieb. Mit der anderen Hand hinter mich langend, holte ich ein zweites Mokkatäßchen aus dem geöffneten kleinen Karton.
Es sei da, hub er, Faisal, an, gestern in der Nacht eine Musik gewesen, die ihn beeindruckt, aber auch verstört habe – etwas “von drüben her” (sofern ich sein “من وراء” richtig verstand, “from over there” fügte er, nunmehr profan, auf Englisch hinzu). Es sei wie ein andrer أَذَان von andren Minaretten (“like another ذَان from other minarets”). – Er meine sicherlich den Schubert. Ja, auch mir sei das Stück neu und ebenso erschreckend, aber auch voll der Erkenntnis gewesen und einer Liebe, die so unpersönlich, daß wir sie kaum noch menschlich nennen könnten; derart “allgemein” klinge sie, was ja nichts als ein anderes Wort für abstrakt sei. “Sie meinen ‘göttlich'”, sagte er. “Ich meine: ewig”, sagte ich.
Er würde sie gerne noch einmal hören, zusammen mit mir.
Wir haben Glück, nein: Segen, und zwar zweifach; zum einen, weil wir über Satellitentelefone mit dem Internet verbunden sind; zum anderen, weil es bei Youtube eine Aufnahme gibt, die mir sogar noch essentieller, weil radikaler vorkommt als die durch das von mir gemeinhin favorisierte Alban-Berg-Quartett, nämlich diese dort:

Sie ist im Wortsinn ungeheuer. Sowie sich heute Zeit finden wird, wahrscheinlich gegen Abend, wenn wir den nächsten Ruheplatz gefunden haben werden, werde ich ihr zusammen mit meinem, ja, Freund? abermals lauschen. Jetzt aber, wieder auf dem Dromedar, muß ich über meine Antwort an Liligeia nachdenken, → deren wirklich übler Brief mir selbstverständlich nachgegangen ist. Ich fand ihn gestern morgen, da mir doch eh schon schlecht war, in den Mails. Vielleicht wäre es klug gewesen, oder sinnvoll, ihn zu löschen und überhaupt nicht drauf zu reagieren. Andererseits dachte ich mir, es sei nötig, dem Krebs ihre Stimme zu lassen, ja zu geben – und daß alles hier, inklusive diesem Krebstagebuch, eben nicht “nur” ein poetisches Spiel, sondern eines sei, daß in die Existenz greift, ja in ihr wühlt und sie möglicherweise mir ausreißt. Da gibt es nichts zu schönen, und genau das muß deshalb deutlich werden. Insofern ist Lis Brief dann doch in keiner Weise “böse”, sondern einfach klar aus der Situation eines Tumors geschrieben, dem wir unterstellen, daß er Bewußtsein habe. Nur dann aber können wir mit ihm sprechen, er mit uns (sie mit mir), ohne daß wir ihn (sie) aus uns ausgrenzen, als wäre er (sie) nicht in uns drin (“Fleisch von deinem Fleisch”). Also hat sie auch ein Recht, derart zu sprechen, und es ist an mir, eine Form der Erwiderung zu finden, die zwar ebenfalls deutlich genug ist, uns aber dennoch weiterzusprechen erlaubt.
Wobei ich sicherlich auch deshalb so milde grade gestemmt bin, weil ich heute früh weder Schmerzen habe, jedenfalls bisher nicht, als mir auch nicht übel ist. Eigenartigerweise. Denn gestern abend (in der Wüste?? hab ich das geträumt??) kam ich im Anschluß an den Abendspaziergang mit लक्ष्मी an einer Sushia vorbei und wurde von einem Riesenappetit, der ich doch über den ganzen Tag fast gar nichts gegessen hatte, aus Sashimi geflutet. Und weil ich drei Tage vorher einen ganzen gebackenen Wolfsbarsch (auch der schon war nicht bullig gewesen) verzehrt hatte, ohne daß mir irgendwie mies davon wurde, gab ich auch jetzt dem Lustanfall nach und bestellte – “zum Mitnehmen” – ein ganzes, wenn auch mit 18 Euro ziemlich teures Sashimi Moriwase, weil die anderen Sashimangebote nur Lachs und Thunfisch (Maguro) auf den Platten hatten. Was ich geschmacklich fade finde. Doch wie auch immer, ich aß das Moriawase … nein, “aß” nicht, sondern “futterte” es fast zur Gänze auf, ohne irgendeinen Überdruß, ohne jeden Ekel, einfach nur lustvoll und, vor allem, ohne unangenehme Folgen. Und tief, fast selig schlief ich nachher ein.
Also das hat mich sehr, sehr gütig gestimmt, auch und gerade der schönen Li gegenüber. Und dann hat bestimmt auch Ricarda Junges Dompredigt eine Rolle gespielt, die ich gestern live mitgeschnitten und zum Nachhören in Die Dschungel gestellt habe, → dort. So beeindruckend fand ich, der nicht an EInen – den EInen – GOtt glaubt, sie. Ich glaube, wenn ich denn glaube, an Göttinnen und Götter, glaube also plural, und an Volksgeister und -geisterlein. (Genau deshalb wahrscheinlich hat Faisal, der es ahnt, vorhin so kurz die Augenbrauenhaut gerunzelt, bevor wir über Schuberts Quartett zu sprechen begannen, was sie nahezu sofort sich wieder glätten ließ. Und ich muß daran denken, daß Ricarda einmal gesagt hat – es liegt Jahre zurück, aber ist mir immer, immer nachgegangen –, sie kenne niemanden, der GOtt so nahe sei wie ich. Gerade die Absurdität dieser Aussage – über einen zutiefsten Feind des Monotheismus – gibt ihr eine enorme Strahlkraft, und zwar gerade vom christlichen Gedanken aus, sofern wir ihn denn ernst nehmen. Was zu tun ich durchaus gewillt bin, doch ohne ihm kirchlich zu folgen.)

Religion. Wenn wir über den Krebs sprechen, wenn wir über die Tumorin, über Li, sprechen, kommen wir um sie nicht herum. Wenn wir über den Tod sprechen, egal ob er schon vor der Tür steht oder vor sich noch eine Riesenfahrt hat, oder wir sie vor uns haben … unsrerseits zu ihm hin:

Weil ich unter dem Tschilpen der Spatzen, die wirklich überall sitzen (…),

heißt es am Ende im TRAUMSCHIFF,

während Doktor Samir einen direkt auf der Hand hat, die er ausgestreckt hinhält, damit der kleine Vogel nicht erschrickt. Weil ich unter diesem ganzen, ich kann es gar  nicht anders sagen, Lärm den Ton hören kann.
Dass zu sterben so laut ist, wer hätte das gedacht?
Dass es klingt.

 

 

Ihr
ANH

(kurz zurück in der Arbeitswohnung, 10.29 Uhr)

 

 

Denn, P.S., zum “Arbeitsversuchsjournal” noch eben:
All meine Versuche gestern, es waren einige, in → die Béarts zurückzukommen, sind ziemlich kläglich gescheitert, weiterhin in der No. XXXII, der vorletzten des Zyklus. Ich kam nicht weiter, als daß mir der Schwarmtrieb von Bienenstöcken einfiel, ihr Hochzeitsflug. Aber kaum hatte ich es hingeschrieben (und recherchierte selbstverständlich weiter), erwischten mich die nächsten Gedanken an den Krebs und an meine mögliche Antwort an Li. Und dann wollte ich einfach nur hinaus — dies alles in der Parallelwelt meiner Berliner Existenz, die sich getrennt von der Durchquerung der Nefud weiterbegibt und dennoch tief mit ihr zusammenhängt, ein ständiges, durchaus andersweltsches Hin & Her zwischen den Welten und ihrer selbst. Wäre ich nicht tatsächlich erkrankt, ließe sich durchaus von Irresein sprechen oder davon, es zu werden – des poetischen, wie wir früher sagten, “Wahnsinns fette Beute”, doch letztlich Liligeias PRey, an der zuvor wir selbst gesaugt.

(Noch immer weder Übelkeit noch Schmerz, sondern reines ruh’ges Innen.
10.45 Uhr)

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