In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Zweiundfünzigster Tag.
Zweite Serie, sechsunddreißigster Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Ging und bat” ||

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070
EAN: 9783866380073

 

Sperlingsweide

 

“Laßt das, die Melancholie, den Mondschein und all den Plunder; und geht’s auch manchmal wirklich schlimm, nur frisch heraus in Gottes freien Morgen und da draußen sich recht abgeschüttelt; im Gebet aus Herzensgrund — und es müßte wahrlich mit dem Bösen zugehen, wenn Ihr nicht so recht durch und durch fröhlich und stark werdet!”

 

“… nehmt die Blumen des Lebens fröhlich, wie sie der Augenblick gibt, und forscht nicht nach den Wurzeln im Grunde, denn unten ist es freudlos und still.”

[Der Sänger Fortunato erst, darauf Frau Venus bei
Joseph von Eichendorff am Helmholtzplatz in Berlin
unter kräftiger, leuchtender Spätsommersonne.
Berlin, den 19. September 2020: → Das Marmorbild.]

 

 

Winkler Dünndruck
mit einer Einführung und einer Zeitttafel sowie
Anmerkungen von Ansgar Hillach. München 1970

物の哀れ: Die Brüste der Béart XXXI (Aus dem Entwurf, Auszug: Februarfrühling). Die Brüste der Béart, 45.

(…)

– schon, hier am Helmi, sprießen die Knospen
aus den Gebüschen, und wie da der Wind in sie fährt!

Ach, selbst die Kirschblüten blühen, im Februar, denkt nur, bereits!
Aber sie fallen auch schnell, und sie rieseln hernieder
lang vor den temps de cerises, auf die sie hinauswolln –
Welch ein wie Rosaschnee matt|schimmernder Teppich

unter gereiftem Erschreitens物の哀れ*,
das uns allmählich der letzten verbleibenden Jahre
männlicher Weisheit noch mannhafte Güte als klare,
stolze Façon | selbst im Verzichten bewahre!

“Noch einen Kaffee?” Es schritt schon die Nächste herüber
und spielte mit dem Schal, warf drüber Blicke, die suchten
und streiften – drei Tische weiter fluchten paar Jungs
ins Wiegen ihres Hüftenschwungs – ohne Erkennen durch mich dahin,
doch ihre Brüste wogten darin selbst unter dem paillettierten Leder
sichtbar – wie die Jungens stierten! – ihrer Jacke und rieben sich
an dem, was ich, als sie sie auszog, sah, scheckierten Seidenfutter,
denn plötzlich wandte sie sich wieder um, nicht derethalben,
und schritt in meinem alben Blick durchs Sonnenglitzern auf mich zu,
blieb mit einem spitzern stehen, sah herab auf mich,
der ich betäubt von diesem, ja, ich spürte: Tagtraum
kaum zu ihr hochzusehen wagte

(noch stand die Kellnerin bei mir, daß ich ihr endlich Antwort gäbe),

– und nichts sagte.

(Die Kellnerin zuckte die Schultern und schritt mit Auflachen fort.)

(…)

____________________________
*) Japanisch: mono no aware (- / –  – / -)


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