Sonntag, der 2. Juli 2006. Bamberg – Berlin.

5.15 Uhr:
[Villa Concordia Bamberg.]

Bamberger Morgenglühen, zum Bett herübersehnend, als ich erwache.
Seit einer halben Stunde auf, kaum vier Stunden geschlafen und quietschewach. Arbeitslustig. Bis auch der Junge erwacht sein wird, werd ich an ARGO korrigieren. Dann sind in der Küche hinter der Sala des Schlößchens die Grillspuren zu beseitigen, dann ist auch hier im Studio Ordnung zu schaffen. V o r dem Frühstück, damit wir dann Ruhe haben. Vielleicht schaffen wir’s noch ins Hainbad hinüber, ich will endlich diesen blöden Ellis fertiglesen; lockend liegt der neue Krausser da. Und um 16 Uhr geht’s schon wieder nach Berlin. Ich werd diesmal etwas länger bleiben, da mein Sohn am Dienstag sein erstes Zeugnis bekommt. Da geh ich mit seiner Mama gemeinsam hin; als ich ihm das erzähle, hüpft er fast vor Freude und Stolz. Er hat auch wirklich was geleistet in diesem ersten Schuljahr, hat sich dem völlig gewachsen gezeigt, – ganz anders als ich selbst früher, der ich wegen ‚Unreife’ erst mit sieben eingeschult worden bin und mit sechs in einen sogenannten Schulkindergarten kam, der für mich die Vorhölle war zur Hölle der Schule darauf. Alles, was ich an früher Bildung meinem Jungen vermittle, an Bildungslust, Leistungsfreude und Begeisterung, wird neben der Liebe, die b e i d e Eltern für ihn haben, von meinem Willen geleitet, ihm solche Traumatisierung zu ersparen, ja ihr nicht ein Fitzelchen von Chance zu lassen. Er ist ein Draufgänger geworden, der zugleich für sein Alter enorme Eloquenz und enormes Wissen hat; ich selbst war ein zwar vitalistisches, aber völlig angstbesetztes Kind, da war niemals innere Sicherheit. Das ist bei ihm komplett anders, nicht nur, weil ich heute ein „Brecher“ bin und einer, der ihm, wenn’s sein muß, Schwierigkeiten immer sofort aus dem Weg kämpft – Schwierigkeiten, die er de facto nicht selbst packen kann -, sondern auch und gerade wegen seiner Mama, die ihn birgt und hält. So hat er trotz der verfahrenen Lebenssituation eine Grundsicherheit, die ihn wagemutig, intelligent-schnell und charmant macht. Außerdem flirtet er, was das Zeug hält. Manchmal hab ich den Eindruck, er wisse bereits, was eine Frau ist, was ein Mann. Ich selbst habe dazu fast drei Jahrzehnte gebraucht. Das Glück, das mir dieses Kind schenkt, kann ich Ihnen kaum schildern; er tut es noch mit Dingen, die mir gar nicht gefallen, etwa mit Fußball. Er bringt das Kunststück hin, mich mit Fußball auszusöhnen, ich seh ihm wahnsinnig gerne zu. (Auch Fußball ist für mich immer traumatisch besetzt geblieben: der Hohn der anderen über mein kindliches, schüchternes Ich, das immer Angst hatte, wenn der Ball kam; der nicht selten offene Spott auch der Lehrer, die Überhebung all der autoritäts- und regelgeleiteten Gruppentypen über den in seine innere Fantastik versponnnenen Außenseiter. Die Erinnerung daran und die Abwehr solcher Dynamiken wird von meinem Jungen langsam verflüssigt, wird normalisiert. Ein Satz wie „gegen das Spiel an sich hab ich ja nichts, das kann ich sogar spannend finden, nur die Gröhlerei find ich widerlich“ wäre mir früher nicht über die Lippen gekommen, sondern ich hätte eines fürs andre genommen. Jetzt lehrt das sechsjährige Kind den einundfünfzigjährigen Vater. Und auch hier wieder: im Handteller einer wechselseitigen Liebe. Sohnesliebe. Vaterliebe.)
ARGO.

Noch eines. Wie man Probleme löst, Ungerechtigkeiten.
Als ich meinen Jungen am Freitag von der Schule abhole, kommt er mir weinend entgegen. „Ein Junge hat meine neuen Pokemon-Bälle weggenommen, hat sie aufgemacht und die Figuren darin ins Klo geworfen und weggespült.“ „Wer?“ „Ich weiß nicht. Aber Vincent weiß.“ Wir zu Vincent hin, der mich, weil mir wohl die Wut auf der Nase steht, ängstlich ansieht; er ist selbst ein Lausbub: „Ich war’s nicht, ich war’s nicht.“ „Klar“, sag ich, „hab ich auch nicht gedacht. Aber w e r war’s?“ Er nennt mir einen Namen: J. „Komm mit, zeig mir den Burschen.“ Der hat sich aber verkrümelt, ich spreche eine Lehrerin an, die beiden Jungs um mich rum. „Da müssen wir den Eltern mal was sagen, sowas hat J. öfter gemacht in letzter Zeit.“ „Das lassen Sie bleiben“, sag ich, „das regeln wir unter uns. Aber wo ist er?“ Ich finde ihn, ich sprech ihn an. Er ist zwei Köpfe größer als Adrian, gewiß zwei Jahre älter. Schon das bringt mich in Harnisch. Man läßt seinen Machtwillen nicht an Schwächeren aus. „Lüge erst gar nicht“, sag ich zu ihm, „du bist gesehen worden. Also: Hast du das getan?“ Er nickt. „Warum?“ Nun eine Ausrede: „Ich hab die Bälle von jemandem getauscht, hab gedacht, das seien dessen.“ Er bekommt dabei ein Gesichtchen, dieser mir eigentlich sympathische Strolcher, daß ich ihm am liebsten, um ihm Mut zu machen, freundschaftlich auf die Schulter schlagen würde. Aber hier muß er allein durch. „Ah ja? Und warum hast du die Figuren dann weggespült?“ Darauf weiß er keine Antwort. Er druckst. Neben ihm hockt ein anderer Vater mit seinem Sohn, beide gucken mich ganz erschreckt an, soviel energischen Ärger scheine ich auszustrahlen. „Also paß auf“, sag ich. „Am Montag früh hast du die gleichen Pokemon-Bälle wieder besorgt. Dafür garantiere ich dir, es wird keinen Ärger mit den Lehrern geben, keine Strafe von denen, nichts. Du bringst die Sache einfach wieder in Ordnung.“ „Wie soll ich das denn tun?“ fragt er und weint fast. „Kann ich Adrian nicht was anderes geben?“ „Nein“, sag ich, „sondern das gleiche. Es müssen genau die gleichen Figuren sein.“ „Aber das geht nicht, das kann ich nicht!“ „Du wirst es hinkriegen. Du hast zweieinhalb Tage Zeit. W i e du es machst, ist d e i n Ding. Es war a u c h deines, die Dinger wegzuspülen. Also ich verlaß mich drauf, dann wird alles vergessen sein, von mir aus, von Adrian aus, und wenn die Lehrer noch mit etwas kommen sollten, dann sag es mir, dann schütz ich dich.“ Damit dreh ich mich um, mein Junge sieht mich an, lächelt. „Weißt du“, sag ich, „man regelt solche Dinge unter sich. Man rennt n i e zu fremden Autoritäten.“

Perlentauchers “Wellen”. (Aus dem freecity-Altblog, 2003).

NOTA, MÄrz 2020:
“Wellen” war in der langen Zeit, in der ich den Romantitel
strafbeschwert nicht nennen durfte, Meeres Anonym.

[Redaktionsmitteilung:]
Kresskopfs Berhorst hat für den → Perlentaucher 
(der sich aufs Schlammtauchen jetzt offen verlegt, ANH) die Gerichtsverhandlung beobachtet, die zum Verbot von Alban Nikolai Herbsts Roman “Wellen” führte:

Die juristische Strategie des Verlags zielte vor allem darauf, die ‘Wiedererkennbarkeit’ der Klägerin in der Romanfigur Irene Adhanari zu bestreiten. Ausführlich wurden daher physiognomische Kennzeichen wie ‘Oberlippenflaum’, ‘ägyptischer Blick’, ‘zurückgekämmtes schwarzes Haar’ traktiert. Bereits in der laufenden Verhandlung deutete die Richterin an, was der spätere Urteilsspruch bestätigte: Das Gericht sieht in Herbsts Protagonistin keine ‘Kunstfigur’, sondern die ‘Wiedergabe eines realen Abbildes‘.

Das ist nun wirklich toll. Obwohl allein in Deutschland schätzungsweise ein paar Millionen Frauen blondes Haar und, sagen wir, Sommersprossen haben, wird einem Autor untersagt, dies auch zu schreiben; denn es leite sich Wiedererkennbarkeit daraus ab. Das Gericht macht sich offenbar selbst zur Possennummer: Jedenfalls darf ANH auf keinen Fall mehr über dunkelhaarige Frauen schreiben, zumal dann nicht, wenn sie ihn an die Büste der Nofretete erinnern. Daß diese, anders als der Gegner des Romanes, ägyptischer Provenienz ist, wird beiseitegewischt. Das hat durchaus etwas Rassistisches: Wir nehmen halt den Orient für ein einzig’ Gebild, ethnisch etwa Osnabrück vergleichbar, wo es eigentlich aber auch schon nicht stimmt.

Literarästhetisch interessant ist etwas anderes, auf das Herr Berhorst in seinem Artikel ja ebenfalls hinweist:

So wurde im Prozess erkennbar, dass dem Rechtsstreit über „Wellen“ neben allen persönlichen Verletzungen wohl auch eine literarische Rivalität unter Autoren zu Grunde liegt. Herbst siedelte seinen Plot an Orten an, die seine frühere Lebensgefährtin, die selbst Schriftstellerin ist, als ihre „Domäne“und „psychische Heimat“ ansah, über die sie selbst noch schreiben wollte.

Da schlägt man doch ziemliche Purzelbäume. Bücher unterliegen jetzt alleine deshab einem Plagiatseinwand, weil jemand anderes über denselben oder einen ähnlichen Gegenstand noch schreiben wolle. Ich werde demnächst Helmut Krausser gerichtlich untersagen dürfen, einen Roman zu veröffentlichen, der im Senegal spielt, und zwar einzig deshalb, weil auch ich mich mit einem solchen Romanprojekt trage. Diese richterliche Entscheidung hat mir das endlich möglich gemacht.

Damit es funktioniert, muß man auch nicht einmal Schriftsteller sein. Es genügt zu erklären, man wolle es werden. Tatsächlich ist ja der Gegner des Romanes bislang jeden solchen Berufsausweis schuldig geblieben, jedenfalls soweit er über gelegentliches Dilettieren, also ein Hobby, hinausgeht. Man stelle sich einmal vor, so etwas risse bei Ärzten oder Sraßenbahnfahrern ein. Nun ja, es geht schließlich nur um Literatur.
Doch selbst, wäre der Gegner des Romanes Siegfried Lenz, muß man sich abermals die Frage nach dem „geistigen Eigentum“ stellen und was das sei. Im Barock, einer höchst kunstschäumenden Epoche, spielte er absolut keine Rolle; wir hätten denn wichtige Musiken von Bach, Händel, Vivaldi nicht. Sie wären schlichtweg verboten. Erst wiederum mit der Autonomisierung des Bürgertums fand der Begriff Eingang in die Köpfe und das Recht. Er hat aber in der Kunst nichts zu suchen, die Themen und die Gegenstände sind frei verfügbar, wozu selbstverständlich auch Landschaften, ja sogar fremde Erlebnisse gehören. Die Frage stellt sich einzig, in welcher Güte sie verarbeitet sind, ob ein Text sinnlicher, näher, schöner als der andere ist. Selbst, nähme ein Dichter aus eines anderen Werk ganze Passagen unverfremdet hinüber — siehe des Hauses Usher Fall — , wäre immer noch einzig zu schauen, in welchem ästhetischen Verhältnis er zum „eigenen“ Text steht, ob er sich darin aufhebt usw. Das ist die ästhetische Grundlage einer jeden Collage, bzw. Montage. Ohne solche wäre die ganze Moderne nicht denkbar.
Der poetische Vorgang ist ein flüssiger, er darf nicht verdinglicht sein, weil die Erzählung sonst ihr (Eigen-) Leben verliert. So etwas kann justiziabel nicht sein. Einmal davon abgesehen, daß mir nun indirekt unterstellt werden könnte, ich hätte beim Gegner des Romanes etwas „abgeschrieben“. Was wirklich ulkig wäre, der Sachverhalt ist eher umgekehrt, besonders was die Stilistik betrifft. Aber darum geht es wirklich nicht, es ist mir schlichtweg egal. Jeder Autor lernt an einem oder mehreren anderen, und etwas zu kopieren gehört dazu. Die Sache aber umzudrehen und den „Lehrer“ zum Plagiator machen zu wollen, wie es der Gegner des Romanes tut, – das ist schon ein in seiner ganzen Lächerlichkeit perfides Stück, vor allem wenn eine gerichtliche Entscheidung solche Hintergründe ignoriert.

Meine Haltung zum sog. Urheberrecht habe ich bereits an anderen Stellen klargestellt. Nichts dagegen, daß jemand mein Leben oder Episoden daraus zum Gegenstand macht, auch nichts dagegen, daß er die Akzente verschiebt oder gar versucht, mich lächerlich zu machen. Das einzige, was ich fordere, ist: daß er es gut tut. Dann werde ich selbst es, auch als Betroffener, genießen. Und mich – allenfalls – mit einem eigenen Text, der dann besser sein muß, wehren. So und nicht anders vollziehen sich Auseinandersetzungen unter Dichtern. Alles andere fällt in die Kategorie Rentenkasse.

[Poetologie]

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