ANHs Traumschiff.

 

Ein staunenswert schöner Roman über das Sterben.
Hubert Winkels, DIE ZEIT

 

Fotografie des Buchumschlages (©):
>>>> Jan Windszus

Alban Nikolai Herbst
Traumschiff
Roman

mare

320 Seiten.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Lesebändchen.
22 Euro.

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Die beiden Religionen (!) des Westens im darum siebenundzwanzigsten Coronajournal und Tagebuch des achtzehnten Krebstages, beides zum Sonntag, den 17. Mai 2020. Darinnen wieder Ivanhoe, beim diesmal Anritt auf Professor Jostings Cy-Burg.

 

Bitte, bevor Sie dieses heutige Journal lesen,
kehren Sie noch einmal zu dem von gestern zurück und seiner im → Titel
ersten Aussage – also Lawrences Ausruf. Und dann machen Sie sich klar, wie die Geschichte um → Gasim schließlich ausging. Machen Sie sich aber auch bewußt, daß dieses Ende eine Filmidee ist und nicht dem tatsächlichen Geschehen entsprach, wie Lawrence es in seinen Erinnerungen schildert. Erst dann nämlich – beides
zugleich vergegenwärtigend – erfassen Sie vielleicht, was hier gemeint war
und also ist — weiter, mithin, werden oder nicht werden wird. Wir all’ alleine | so | begreifen Li. Und alles, was nun folgt.

[Arbeitswohnung, 7.15 Uhr
Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 15 es-moll]

Bioport → Sana 15.5.20

Tatsächlich, als ich mich grad an den Schreibtisch setzte (die Nacht war ein bißchen besser als gestern, mit Ausnahme einer halben Stunde schlief ich, allerdings auf Tabletten gesetzt, bis soeben durch), fand ich von Li → diese Nachricht. Was sie, ja, aufgescheucht zu haben scheint, geht aus dem – zumal unterstrichenen – “Betr.:” hervor, und selbstverständlich juckt es mich, sofort zu antworten. Doch es wird besser sein, noch ein wenig zu warten und sie in ihrer offenbaren Unruhe zu lassen. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob es bereits an der Zeit ist, aus meiner defensiven Haltung herauszuklettern, bzw. -steigen und sie, meine Lilly, männlich anzugehen – erotisch fordernd, meine ich damit.

Anderes hat Vorrang. Es ist gut, wenn sie (und falls sie es) bemerkt, daß ich nicht springe, wenn sie mit den Fingern schnippt, mit den bösen Krebsbeinen also, die ihr Wappen zeigt (→ im Kopf des ersten Briefes deutlicher zu sehen als im Köpfchen des heutigen, ich schreibe einmal, “Nachtbillets” — ein solches ich übrigens lange, sehr lange nicht mehr bekommen habe. Da war doch mal ein Kritiker ..? Nein, ich sag den Namen nicht, hab’s ihm einst versprochen, als wir nebeneinander in der Deutschen Oper zu sitzen gekommen waren, was wiederum irgendein süßgefeimter Kuppelscherz Alexander Busches gewesen, der damals dort der Pressesprecher war. – Freundin, Sie entsinnen sich, daß mich die Opernleitung damals sperrte, weil ich bei einer Inszenierung von “Schwulenästhetik” geschrieben hatte, woraufhin sich sogar der, ja, gibt’s, SCHUTZVERBAND DEUTSCHER SCHWULER hoch erigierte; jedenfalls wurde sich derart erregt, als ob es ihn gäbe.

Also die Schmerzen hielten sich im Rahmen heute nacht. Von zwei bis halb sieben schlief ich sogar tief und erholsam durch. Allerdings spannt nun der Bauch mit seinen drei Nähtchen doch noch sehr, und mein gesamter Brustkorb fühlt sich nach starkem Muskelkater an. Was an dem in die linke Unterschultermuskulatur unter die Haut implantierten Bioport liegen dürfte, dem sich meine Anatomie erst akklimatisieren wird müssen und vielleicht noch nicht recht will – auch wenn ich mit meinen künstlichen Linsen (die wirklich nachgelasert werden müssen, aber die Ärzte erlauben’s mir grad nicht) den Weg in die persönliche Cy-Burg längst eingeschlagen habe; es ist sogar schon die Einhangbrücke über den Graben herabgerattert und das schwere Gatter der unten spitz zugeschnitzten Pfähle hochgezurrt. Ich soll also passieren, ohne mich zu sorgen. Soeben tritt durchs Tor der freundliche ich weiß nicht, ob nur “Knappe” oder sogar → die Handdes Schloßherrn Jostings, in jedem Fall, um mich zu begrüßen, der ich soeben, den Federhelm rechtsseitig an mein Kettenhemd drückend, auf die Höhe geritten bin, über die sich der Pfad keine fünfzig Meter mehr bis an den Graben schlängelt. Einmal noch lasse ich mein Pferd halten und schaue, bevor ich in die schwierigen Verhandlungen gleich eintauchen werde, around “that pleasant district o merry England which is waterded ba the river Don, there extended in ancient times a large forest, covering the greater part of the beautiful hills and vallies which lie between Sheffield and the pleasant town of Doncaster”.

Weshalb ich allerdings auch in beiden Waden einen Muskelkater habe, ist mir schleierhaft, der ich mit dem Einsatz der Sporen ausgesprochen zurückhaltend bin, vor allem, weil mein Hatáhtitláh (das aber nicht des Ritters, sondern eines “Charly”s Pferd, nämlich Iltschis Bruder ist) allein auf meine Stimme hört und bisweilen nicht mal diese nötig ist, damit das schöne kluge Tier versteht. Ich muß die Richtung nur denken, der zu es sich schon wendet. Es hat schon seinen Grund, daß meine Tumorin mich nun ständig auf Kindheits- und Prägungen meiner frühen Jugend zurücksehen läßt; Ivanhoe, Robin Hood, Winnetou I – III, Kara ben Nemsi Effendis Durch die Wüste bis zum Mahdi, gestern Livingstone, Raumschiff Orion und Urwaldtrommeln rufen. Es war die Zeit, in der ich Selbstbestimmtsein lernte und es durchzufechten begann. Jetzt ist eine Zeit, in der es aussieht, als müßte es wieder aufgegeben werden. Entsprechend heißt es im WOLPERTINGER:

Das Mittelalter ist ewig.

Weshalb zurecht die NZZ nicht nur endlich den Kapitalismus dem Glauben zuschlägt und zwar mit dem Christentum Hand über Schulter, woran ich nach wie vor etwas finde — als ich selbst vor Jahren einen zwar nicht gleichen, doch recht ähnlichen Gedanken formulierte, wurde mir die Konsultation eines Psychotherapeuten sehr, vornehm ausgedrückt, “empfohlen” —, nein Giorgio Agamben sieht unterdessen auch die Medizin → als eine kultisch-religiöse Disziplin an. Er schreibt sogar von einem neuen Dogma. womit ihr geradezu kirchenstaatliche Autorität zugestanden wird. Auch das, nach und mit Corona, stimmt. Wobei es ja niemals die Frage ist, ob etwas de facto so sei; entscheidend sind die Wahrnehmungs- und daraus folgenden Entscheidungsmodi.  Ich, in meiner jetzigen Situation, bin mit sehr Ähnlichem konfrontiert: ebenfalls glauben zu müssen. Was ich poetologisch → bereits 2000 formuliert habe (“futuristisches Tamtam”, → Hubert Winkels), wird zum empirischen Fakt, ja fast zur täglichen Exerzitie. Nicht nur die Medizin, auch mein Ernährungsplan wird – jetzt, im Krebs – mythisch. Was mich an sich bestätigen, also beruhigen sollte, so falsch poetisch nie gelegen zu haben. Wobei die Grund,nun jà,”frage” eine recht banale ist:
Sie wissen, Freundin, daß mich लक्ष्मी, um Liligeia auszuhungern (um sich auszubreiten, verzehren Tumorinnen wie rasend Kohlenhydrate und ziehen sie dem Körper von überall her ab), auf ketogene Diät gesetzt, und ich folge ziemlich streng. Dies bringt nun aber ein Problem mit sich: Ich nehme nicht zu, sondern sogar noch ab. Bereits jetzt, mit bei 1,80 Körperhöhe 70 kg, habe ich leichtes Untergewicht. Ein verehrter väterlicher Freund, durchaus Mentor, hat bei einer sehr ähnlichen Operation über 30 kg verloren – gut, er war erheblich kräftiger als ich, aber auch mein Chirurg gestern, der meine Diät einerseits völlig richtig findet, mahnte mich an, mir auf jeden Fall Reserven anzuessen. “Zehn Kilo verlieren Sie im Umfeld der Operation bestimmt, da wären Sie dann mit 60 Kilo oder sogar drunter nicht gut dran.”
Wie also das jetzt hinbekommen? An Appetit zwar mangelt es mir nicht, im Gegenteil. Auch sollte man eigentlich sowieso zunehmen, wenn die Raucherei eingestellt wurde. Passiert bei mir aber nicht, noch immer nicht, am nunmehr vierzehnten Entzugstag. Und ich schaffe es einfach nicht, auch nur noch ungefähr soviel zu essen wie vor der Diagnose. Nach fünf Stangen Spargel bin ich komplett satt oder, wie gestern abend, nach vier Gamberoni oder einem halben Schafskäse (100 gr). Da wird es eine richtige Aufgabe werden, es mir anzugewöhnen, über den Tag acht- bis zehnmal zu essen, um wieder etwas auf die Rippen zu bekommen. Da mir Kohlehydrate “verboten” sind, jedenfalls weitgehend, muß ich auf pflanzliche Nahrung mit guten Fettketten (Avocados etwa) sowie auf Öle, Eier, Käse usw. ausweichen. Zu meinem Glück habe ich लक्ष्मी, die sich auskennt, an meiner Seite, sonst gäbe ich auf: Dazu, jetzt auch noch permanente Nahrungskunde zu betreiben, mir alles anzulesen usw., bin ich tatsächlich nicht bereit. Denn es würde all meine Kraft und Konzentration von der poetischen Arbeit abziehen und mich dann in der Tat zu einem kompletten Hospitalisierungsfall machen, dem es anstatt ums Leben nur noch um den Krebs geht. Das nun will ich auf gar keinen Fall.
Also. Es geht nicht anders, als jemandem zu vertrauen, das heißt: zu glauben, ecco! Und da sich sogar die Fachleute, auch Schulmediziner, widersprechen, bisweilen sogar heftig — woran also sonst soll ich mich halten als an Menschen, die mich lieben?

À propos! An etwas Ungutes erinnere ich mich bei der Sana Klinik doch. Wenn auch nur am Rande.
Eine reine Geschmacklosigkeit.
Ich komme aus dem Röntgenraum im Souterrain Haus 4; der Fahrstuhl ist außer Betrieb, doch gehe ich eh lieber Stufen. Da fällt mein Blick durch eine Seitentür aufs Nebenhaus und daran das SchildDas also fand ich dann doch ziemlich neben der Spur. Tatsächlich unterhält das Unternehmen in der Fanningerstraße 29 eine Filiale; das Sana Klinikum hat die Hausnummer 32. So gucken die möglicherweise Totkranken gleich mal zu ihren Verscharrern hinunter. Verzeihung, aber: ekelhaft.
Um jemanden schnell loszuwerden, ist es freilich praktisch.

Und auch zum Klinikessen, ganz allgemein, ist dringend einmal etwas zu sagen. Morgen aber, Liebste, erzähl ich erst einmal was Schönes (das Journal ist heut schon lang genug) … mehrfach Schönes sogar, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das, was Thomas Rothschild, dessen Feuerhirn ich ausgesprochen schätze, soeben unter einen Artikel kommentiert hat, dazugehört — auch wenn gestern abend noch Christoforo Arco mir geschrieben hat, es gehe dies runter wie … (die Pünktchen stehen für tierisches Streichfett).  Ich schriebe jetzt, schreibt Rothschild  → dort, “mit dem Tod um die Wette”. Was ich selbst dann übertrieben fände, wenn es stimmen würde. Noch stimmt es aber nicht. Wir wetzen beide bloß erst jeder unsre Klinge – er, der Tod, seiner Sense, ich meiner Verse. Wer “gewinnen” wird, ist dabei längst nicht heraus, zumal mein Gegner Li heißt und wir noch Kinder zeugen könnten. Vielleicht, ja vielleicht sollte ich genau darauf es anlegen und hab’s auch schon begonnen. (Daß der Tod letztlich immer gewinnt, gilt nicht für mich alleine, sondern auch, geliebte Frau, für Sie; völlig egal, ob Sie sterbenskrank oder quietscheentchengesund sind.)

Ihr ANH

| IRRTUM DER ABBILDBARKEIT |
Der erste erhaltene Weblog-Eintrag Der Dschungel überhaupt. Vom 29. Oktober 2003. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 8. März 2020.

 

[Arbeitswohnung, 9.04 Uhr
Zweiter Latte macchiato]

[David Ramirer, Organics auf Bachs Präludium C-Dur BWV 846]

 

Meinem durchnumerierten Word-Archiv zufolge war → dies der zweite Eintrag und ist offenbar der erste überhaupt erhaltene, den ich je für ein Weblog verfaßte. Noch für die auf freecity dank → Oliver Gassner schnell gefolgte  twoday-Dschungel bis zum, vor etwas mehr als zwei Jahren, Export nach WordPress schrieb ich sämtliche Texte in einer doc-Datei vor und legte sie nach fester Zahlenregistratur ab; die letzte da hatte die Nummer 18238 — es folgen noch etwa 200 Einträge, denen ich keine Nummer mehr gab; das war bereits die Umbruchphase zu WordPress. Der tatsächlich erste Eintrag-je scheint allerdings tatsächlich verloren zu sein, keine Ahnung, weshalb. Es wundert mich, denn in Sachen Archivierung bin ich pedantisch — wie in allem, was mit meiner Arbeit zu tun hat.

Wie nun auch immer, unterdessen bin ich dabei, die alten freecity-Einträge hier in “DIE neue DSCHUNGEL” einzufügen, so daß ihre Geschichte in absehbarer Zeit so komplett wie möglich mit enthalten sein wird. Dies nämlich nicht nur, weil ich von der Modernität und Notwendigkeit meiner Poetik überzeugt bin, sondern vor allem, um auch hier dem Gedanken der jungen Moderne zu entsprechen, daß die Entstehung eines Kunstwerks eines ihrer notwendigen Teile sei. Wobei es jedenfalls für mich-selbst höchst interessant ist, wie eng ich damals bereits den Buchverbotsprozeß um → Meere — der eine Situation schuf, ohne die ich ein Weblog wahrscheinlich niemals begonnen hätte; ich fühlte mich dazu rundweg genötigt, nämlich um nicht zu verstummen — mit meiner Andersweltpoetik zusammensah, zusammen spürte. Das hat nichts mit der seinerzeitigen Klägerin zu tun, wohl aber mit der Reaktion des Literaturbetriebs und seiner Fetischisierung eines komplett falschen “Realismus”. Und, damit verbunden, mit dem selbstgefällig-bequemen, ich schreibe mal “linken” Mißverständnis, was Dichtung eigentlich sei. In anderen Worten ist es ein Irrtum der Abbildbarkeit, der sich, wie auf eine Krücke, auf die “klassische” Vorstellung der Mimesis stützt. Nahezu alles, was zu deren Seiten lag, wurde quasi weggetreten — sofern es aus Deutschland kam. Für Österreich machte man Ausnahmen, H. C. Artmann und andere, fürs nichtdeutschsprachige Ausland sowieso. Da waren sogar Vertreter der phantastischen Literatur “erlaubt”, etwa Borges, hingegen die Deutschen der Kahlschlag-Doktrin, später dem sog. Kölner Realismus zu folgen hatten. Schon klasse, nebenbei bemerkt, wie Wellershoff auf der Leipziger Literaturkonferenz 2003 wieder nach Sturmgewehren rief; da kam ganz wunderbar seine Zeit in der Wehrmacht wieder ans Licht; und Ina Hartwig trug am Kragenspiegel Stars ‘n Stripesauch ein Endsieg, nämlich des Pops. Klar, daß jemand wie ich in solcher Runde nichts zu suchen hat und also weg muß: Sie wissen ja, liebste Freundin, welch Nestbeschmutzer ich bin.
Nur daß das Problem ist, man kriegt mich nicht weg, der Swinigel ist immer schon allhier. So, genau so, entstand Die Dschungel, und es ist mir wichtig, dies öffentlich zu protokollieren, zugänglich für jede und jeden, die und der es will. (Vorläufer hierfür waren die von 1985 bis 1989 erschienenen Dschungelblätter; was ich mit dem Weblog begann, war insofern eine Fortführung unter allerdings anderen, teils schlimmeren Voraussetzungen, dafür angereichert mit einiger reifer Erfahrung; und nun, mit dem Meere-Prozeß ging es halt auch um faktische Existenz, nicht nur den Widerstand eines jungen, betriebsunbequemen Autors. Wobei, wie → dieser nun wieder eingestellte erste, bzw. zweite Weblog-Eintrag formuliert, in der öffentlichen Auseinandersetzung um den inkriminierten Roman eigentlich meine ganz anderen Bücher suggestiv mitdiskutiert wurden — bis noch 2015 in Hubert Winkels´ hübscher Charakterisierung als → “utopistisches Tamtam” (und immer noch stehen da unwidersprochen diese beiden so ekelhaft-hämischen wie kenntnislosen, → deutlich persönlichen Kommentare unter dem, aufs → Traumschiff bezogen, eigentlich sehr schönen Artikel).— Nein, ich kann und ich will das nicht abhaken und zu den Akten legen, denn es zeigt, wie Literatur, die sich nicht in den Mainstream fügt, von sehr klugen, sehr kenntnisreichen, eigentlich hochsensiblen Menschen weggemobbt wird, ohne daß sie wahrscheinlich selbst begreifen, was sie da tun. Zudem ist es höchst fraglich, ob sie die so zum Abschaum gekippten Bücher überhaupt gelesen haben. Auch hier gilt: Geschichte geschieht durch Einschliff.

Wie nun auch immer, Freundin. Einige alte Beiträge habe ich bereits stillschweigend in Der Dschungel nachgetragen; manche davon, wenn sie nicht allzu “historisch” sind, kommen — wie → dieser dort gestern — für einzwei Tage auf die Hauptsite unter vorübergehend aktuellem Datum und werden danach unter dem alten originalen abgespeichert, so daß sie “nach hinten” wieder verschwinden, aber im Archiv gut aufgefunden werden können (rechte Spalte, tief hinabscrollen, dann können Jahr und Monat geöffnet werden).
Des weiteren spiele ich mit dem Gedanken, auch aus der Zeit vor Der Dschungel poetologische Überlegungen und Positionierungen einzustellen, die ich zu meiner Arbeit etwa in Briefen angestellt und eingenommen habe; ich habe ja auch sie gesammelt, material aus den Zeiten, bevor ich mit dem Computer zu arbeiten begann, dieses etwa um 1983/84, sowie danach als gespeicherte Dateien/Mails. Das meiste davon ist tatsächlich, siehe “Pedanterie”, erhalten.
Daneben läuft selbstverständlich die aktuelle Arbeit; vorgestern gab ich meine Rezension zu AMERICANA von Maret, Collin, Frisell und Penn bei Faustkultur ab, soeben erschienen bei ACT, dann sitze ich gerade über einer Besprechung der schon oben genannten→ ORGANICS, also von David Ramirers neuer CD, lese derzeit fürs nächste Nabokovlesen Die Mutprobe und versuche mich weiter und weiter am Ansatz des → Béartstücks XXXII, dem vorletzten des Zyklus mithin. Doch da kommt ich grad nicht recht weiter, obwohl die Zeit nun, spüre ich, drängt. Und außerdem gucke ich mich mal wieder auf Kontaktforen um, weil mir das sexlose Dasein auf die Nerven geht, kann mich aber nicht wirklich durchringen, “tätig” auf ihnen zu werden, weil es mich, wie ich gut weiß, zu viel und zudem meist verlorene Zeit kosten würde (zu oft kam in den letzten Jahren dieses “zu alt”, weil im Netz — nachvollziehbarerweise —  “rein” nach Zahlen vorgesiebt wird; tatsächliches Sosein läßt sich ja nicht anschaun); und ich brauche die Zeit für die Arbeit. Eisenhauer vor paar Tagen beim Billard: “Au wei, jetzt hat dich das Leonard-Cohen-Syndrom.” Ich verstand erst nicht, doch er erklärte es gut, und süffisant. Wie er halt ist. Außerdem, liebste Freundin, ich liebe ja; wie soll ich mich einer anderen Frau da antun? Es wäre schlichtweg unfair. Gegen meine real gewordene Anima kommt niemand an, so sehr auch dieses “real” sich längst verweht hat, ich meine: als ein erfülltes. So gebe ich, was ich an Leidenschaft habe, allein noch in die Béarts.

Ihr ANH

[Theorie des Literarischen Bloggens]

 

Der Untergang des Abendlands 3.0
Bemerkungen zur Dekadenz anläßlich der abgesagten Buchmesse Leipzig
Als Arbeitsjournal des Dienstags, den 4. März 2020

[Arbeitswohnung, 7.32 Uhr]
[Wieder morgendliches Vogelkonzert bei weit geöffnetem Oberlicht.
Ich mag gar keine Musik hören — so schön bereits klingt der schon rufende Frühling.]

Bei meinem Apothekerteam hängt hinter den Verkaufstresen ein auf DIN-A4-Papier ausgedrucktes, quasi, Schild:

Bitte?” frage ich. “Sind jetzt schon Hamsterkäufe im Gang?”
Der junge Apotheker lächelt gequält. “Nun jà”, sagt er, “da von morgens bis abends in keinem Radioprogramm noch von etwas anderem die Rede ist … Die Leute geraten in Panik.”
Und später am Tag lese ich die Nachricht, es hätten selbst Krankenhäuser einen Engpaß bei den Desinfektionsmitteln.
“Eine prima Methode”, sage ich, “von den wirklichen Problemen abzulenken. → Schauen Sie nur an die griechische Grenze, dieses erneute furchtbare Flüchtlingssterben …”
“Es ist sogar schon wieder von Schießbefehlen die Rede …”
Manchmal wird mir schwindlig, wenn ich bedenke, wie viel von all dem, was ich in → THETIS erzählt habe (“utopistisches Tamtan”, → Hubert Winkels), innerhalb der seither vergangenen zweiundzwanzig Jahre über uns bereits hinweggeflutet ist und ist. Wir haben uns längst dran gewöhnt. Da kommt der neue Virus wahrlich fürpaß. Und nachmittags knallt dann der Knoten:

Vormittags noch hatten Cristoforo → Arco und ich dessenthalben Mails gewechselt; ich meinerseits war zuversichtlich gewesen, es würde solcher Unfug nicht geschehen; er hingegen äußerste sich mehr als nur skeptisch. Und bekam nun recht.
Da war ich wirklich fassungslos. Dreihundertneunzig Infizierte — in Zahlen: 390 — sind bislang für Deutschland bekannt, denen gegenüber am Influenzavirus, Zitat von → dort, “laut Robert Koch-Institut (RKI) in der laufenden Grippesaison bereits über 3500 Patienten so schwer [erkrankten], dass sie im Krankenhaus behandelt werden mussten. 32 Menschen, die an Grippe erkrankten, sind sogar gestorben”, — an einer Krankheit mithin, die sich ganz ebenso “gut” auf Buchmessen verbreitet. — Und hat schon mal, Leserinnen, wer davon gehört, daß aufgrund der im vergangenen Jahr 3059 Todesfälle im Straßenverkehr — bei auf den Straßen verletzten 384 000 Personen —  auch nur erwogen worden wäre, den Verkehr ganz einzustellen? Wie viele Todesfälle sind es hierzulande beim Coronavirus bisher? Acht, neun, zehn? Und kann es nicht jeder und jedem von uns selbst überlassen bleiben, ob wir das Risiko eingehen, uns möglicherweise zu infizieren? Sind wir freie Menschen oder längst schon an Fäden geführt?
Es ist zum Verzweifeln. Die Verlage und Aussteller jedenfalls, die an der Buchmesse teilnehmen wollten, hatten — außer einem chinesischen oder japanischen Manga-Verlag (ich finde gerade den entsprechenden Artikel nicht mehr, er stand in der Süddeutschen)— ausgesprochen deutlich gemacht, sich an der Hysterie nicht beteiligen zu wollen, schon gar nicht an ihr mit schuldig zu werden. Sie alle wollten kommen.

Was wirkt hier, also außer einer gesetzlichen Bestimmungsmanie, die noch das allerletzte Risiko wegschreiben will? Sie ist ja wirklich erhellend, diese Begründung der Leipziger Stadt, → sie habe der Aufforderung des Bundesgesundheits- und des Bundeswirtschaftsministeriums zu folgen (“habe zu folgen“, deutscher geht’s nicht), daß “eine Rückverfolgbarkeit von Kontaktpersonen bei Großveranstaltungen” gewährleistet sei. “Es verfügte u.a., dass jeder Messeteilnehmer schriftlich belegen müsse, nicht aus definierten Risikogebieten zu stammen oder Kontakt zu Personen aus Risikogebieten gehabt zu haben.” Das sei angesichts von rund 2500 Ausstellern und rund 280.000 erwarteter Besucher nicht sicherzustellen. — Ja, in der Tat, das wäre es nicht gewesen.
Sicherheit wird Gesellschaften offenbar zum Fetisch, die sicherer leben als jemals zuvor. Halten wir uns zugleich den, seit Beginn der Siebziger, → Rückgang der Intelligenz vor Augen und mischen die → zunehmende Unfruchtbarkeit, bzw. Zeugungsunfähigkeit der in den wohlhabenden Industrieländern jungen männlichen Weißen hinzu, bleibt eigentlich nur noch eine Erklärung:

Dekadenz.

Ihr Zeichen war es stets, daß Bauchnabelsausen zu gefühlte Katastrophen wurden, so, als gäbe es im Menschen ein Bedürfnis nach Bedrohung — vielleicht um erweisen zu können, man sei ihr gewachsen, mithin ein Mensch, der tatsächlich lebt —, und da es nun objektiv fehlt, muß es konstruiert werden. Das permanente → sich Belästigtfühlen, die Empfindung, von geringsten Unannehmlichkeiten persönlich bereits verletzt zu sein, die Absurdität, daß bereits ein Mißbrauch sei, wenn ein, sagen wir, Straßenarbeiter — der es, im Schweiß seines hart schuftenden Körpers, fast dankbar als momentane Erlösung erlebt, wenn eine hübsche Frau an ihm vorbeiflaniert — einer hinterherpfeift, die ihm gefällt … meine Güte, kann er etwas dafür, daß ihm diskretere Wege nicht beigebracht worden sind, sein Gefallen zu zeigen? — ach stimmt ja, er darf es sowieso nicht mehr …; überhaupt #Metoos  sensibelchenst → Genderfinessen (und ihre, wahrhaft, Raffinessen!), meine hart im Leben gestandene Großmutter hätte “Fisimatenten!” geächzt; und insgesamt das Risiko als etwas zu betrachten, das eine und einen klein werden läßt, statt daß es, wie es in Wirklichkeit ist, uns groß machen könnte (Thomas Erdlmeier: “Ich bin nicht auf der Welt, um klein zu sein!”), all das paßt erschreckend ins Bild.
Manchmal seufze ich dankbar auf, wenn ich die Flüchtlinge sehe in ihrem tatsächlichen Existenzkampf — und daß vielleicht sie nun dem vor sich hin larmoyierenden Europa neue Kräfte schenken, und sei es nur, weil eben ihre Zeugungsfähigkeit (und ihr Zeugungs- und Empfängniswille) noch intakt ist. Ja, illusionär, ich weiß, angesichts von → داعش, mittelalterlichem Patriarchat und Bildungsnotstaat — aber dennoch. Oder, wie es im Vorspiel zu THETIS heißt:

Bürgersteige ebnen, damit man die Straßenseiten leichter wechseln kann, heißt: einen geheizten Aufzug auf den Mt. Everest installieren: Alles soll allen zu­gänglich, alles soll zu kaufen sein. Und dann sitzen sie auf den herrlichsten Gipfeln der Welt bei Schwarz­wälder Kirsch und Prosecco und machen es den Lebenden bitter, noch irgend einen Gipfel in Lust auf Schweiß und Gefahr hinaufzuklimmen, weil, was sie oben dann fin­den, vergammelte Coca-Cola-Dosen sind. So ist es auch mit den Städten. Dein Atem, Buenos Aires, wird Dir weg­gepflastert werden, und an den roten, normiert zugeschnit­tenen Industrie­sandsteinen wirst Du ersticken, und all die Abweg­senken für Kinderwa­gen und Fahr­radwege werden dich kotzen ma­chen, und das Gut­gemeinte wird Dir die Seele Stück­chen für Stückchen ziehen.
Thetis.Anderswelt, 22

Fast möchte ich mit → Gloucester ausrufen:

– / – / –   | I cannot tell: the world is grown so bad,
That wrens make prey where eagles dare not perch
!
Shakespeare, Richard III, 1,3

Wie also soll das jetzt werden? Machen wir die Opernhäuser zu, die Theater, die Kinos? Dann gleich die Schulen mit, die Universitäten, und schließlich erfolgt ein Ausgehverbot? Plätze, auf denen viele Menschen zusammenkommen, werden eh gesperrt? Ach, und die Straßenbahnen, UBahnen, Busse! Die Deutsche Bahn stellt sowieso den Verkehr ein, Supermärkte werden nur noch nach vorherigem peinlichen Gesundheits-Check betreten, Einkaufsarkaden prinzipiell geschlossen. Welch Sieg der social networks dann! Irre modern. Die Flüchtlinge freilich — nicht Kinder, sondern Fliehende sind es, voller Panik und in Not — hält solcher Unfug mit Recht nicht ab, denn dieser Virus — hab ich’s schon gesagt? — hat selbstverständlich auch einen, da sieht’s die AfD mal wieder, wenn auch nicht grad islamischen, so doch → konfuzianischen Migrationshintergrund, zudem kommunistisch … fremd ist fremd, “deutsch” sowas nicht.
Indes, auch “wir” ham unsre Märchen und könnten es verstehen: “Etwas Besseres als den Tod findest du überall …”. Schon setzen sie alle sich Masken auf ihre so fremden Gesichter, Esel und Hund, Katze und Hahn, krabbeln aufeinander und lassen furchtbar Gezeter erschallen, so daß wir Räuber selbst hinaus, sämtlichst aus der Festung Europa, nur so stieben! Und niemand von uns ward mehr gesehen. Das wär “Überfremdung”? Nein — Erneu’rung vielmehr, Gesundung unsres Abendlands.

Die Leipziger Buchmesse 2020 ist also abgesagt. Wie lächerlich dies alles, wenn es, ach, nicht eigentlich nur peinlich wäre …

Ihr ANH
11.20 Uhr

NACHTRAG, 12.18 Uhr:
Die eigentliche Pandemie verschuldet nicht der Coronavirus, sondern der Virus renuntiationis:

Dietrich Mau, ZEITonlines Traumschiffkommentare, der Magen und ich. Als Arbeitsjournal des Mittwochs, den 5. Februar 2020.

[Arbeitswohnung, 9.45 Uhr]
Mozart, Klavierkonzert d-moll, KV466
Richter, Warschauer NSO, Wislocki (mono, 50er)

Ich sitze an der zwanzigsten Erzählung meines Nabkovlesens, nämlich zu Rowohlts zweitem Band seiner Erzählungen. Nur brauche ich diesmal etwas länger, nicht nur weil ich nach diesem bereits zwei weitere Bücher des Autors gelesen habe, sondern vor allem, weil seit meiner Lektüre der Erzählungen über anderthalb Monate vergangen sind, so daß ich sie mir erstmal wieder vor Augen führen, also in meinen Geist zurückholen muß. Begonnen habe ich gestern und auch schon schätzungsweise ein Drittel geschafft. Ich denke mal, daß Sie den Artikel am Freitag, spätestens Sonnabend werden lesen können.
Parallel entwerfe ich die → Béart-Nr. XXX, hatte auch einen Ansatz, aber verwarf ihn gestern als Quatsch, bzw. uninspiriert oder allzu verknorkelt.

Denn einiges andere macht mir zu schaffen. Nicht so sehr der juristische Widerspruch, den ich in einer mich ziemlich behindernden und deshalb arg nervenden Angelegenheit formulieren und daß ich so lange auf Anlagen warten mußte, die beizufügen waren, oder gar daß die, vor der mir durchaus bangt, → Radiokritik Samuel Hamens zu meinen eigenen beiden Erzählbänden von gestern auf den kommenden Freitag verschoben wurde, der ein für mich schwieriger Tag ist. Aber vielleicht werde ich die mich derzeit besonders abends nach dem Essen und dann durch die Nächte zermürbenden Magenschmerzen los, oder kann sie doch wenigstens lindern, wenn ich, was mich beschäftigt, niederschreibe — also Ihnen, meiner Freundin, erzähle, die über die Jahre – Jahrzehnte – gleich der Béart meines Gedichtzyklus immer wieder ein anderes Gesicht angenommen hat und wohl weiterhin annehmen wird, in je anderen Körpern, die ineinander alle sanft vergehen, manchmal auch abrupt, aber doch Sie-selbst bleiben als die meine unanrührbar die gleiche. Was, viertletztes Wort, kein Possessivpronomen ist, sondern Zugehörigkeit zeigt. — Nein, ich bin nicht eifersüchtig, Freundin, wenn Sie auch andern Dichtern so wie mir geneigt sind. Es liegt in Ihrer idealen Natur, so zu sein: wehend, schweifend, bisweilen verschattend, dann schon wieder hell vor Gewißheit als immer erste Leserin für jeden (der dichtend nicht nur Selbstgespräche hält. Auch solche Autoren gibt es, wie ich weiß).
Jedenfalls hätte ich in meinem Leben manches Mal nicht mehr gewußt, was tun, würd es Sie nicht für mich geben. (Und spürn Sie’s? Selbst bei diesem kleinen Satz bin ich mit seiner Rhythmisierung beschäftigt und werde unglücklich, wenn irgendwo was hemmt.)

Meine Situation setzt mir zu und besonders auch ihretwegen der kommende Freitag, den ich ja gern geflohen wäre. Nun jà, geht nicht. Doch dazu noch die nicht endenden Versuche, mich oder meine Arbeit zu diffamieren. Etwa der da, Dietrich Mau, von dem ich nicht einmal weiß, ob dieser Name Pseudonym ist, und der bei Twitter dauernd so etwas postet:

Das zu → dort. Und zum, was besonders heimtückisch ist, → letzteingestellten Béartentwurf:

Heimtückisch ist dies deshalb, weil im Gedicht die vorgeblich “liebste Zeile” gerade a b g e w i e s e n wird; das kürzt der Herr Mau seinen Lesern und sich im Wissen absichtsvoll heraus, daß irgendetwas seiner ständigen Diffamierungen ja doch schon hängenbleiben werde. Wirklich überprüft wird und wurde ja selten.
Dann wieder, wenn ich einen → Aphorismus einstelle, mir als Gedanke durch den Kopf gegangen, der offenbar den neuen (und manchen alten) Denktabus nicht und nicht mehr genehm ist:

Die suggestive Zielrichtung ist deutlich und vollzieht sich quasi unter der Hand: Mich, bzw. meine Arbeit der Rechten zuzuschieben. Schon mit meinem Namen die AfD affirmativ zu verbinden, zielt genau darauf ab; wer so etwas vermeiden will, darf nach den Motiven ihrer Mitglieder nicht einmal mehr öffentlich fragen, also ob da nicht vielleicht auch Gründe sind, an denen etwas ist und die das Fehllaufen in solche rechten Parteien erklärt und dann vielleicht, weil wir wissen und verstehen, verhindern kann. Nein, es werden Lager zementiert. Und es war schon immer eine Neigung der Linken, wie ganz der Rechten auch, Gegenargumente aus dem Weg zu räumen, indem man die Argumentierer diskreditiert. Müssen sie als Personen nicht ernst genommen werden, sind sie mithin “sowieso unglaubwürdig” oder gar → “ein Narzisst”, braucht auf die Einlassung-selbst niemand mehr einzugehen. Womit das unliebsame Argument einfach erledigt wäre, ohne daß sich noch mit ihm faktisch auseinandergesetzt werden müßte.
Nun ist es sicher richtig, daß ich kein “Linker” bin und auch niemals einer war, insofern ich den autoritäten Kommunismus, Sozialismus usw. stets abgelehnt habe und statt dessen einer Vorstellung von Selbstbestimmung anhänge, die Hierarchien fast prinzipiell den Mittelfinger zeigt – es sei denn in Arbeitszusammenhängen, die nötige Kompetenzen erfordern. Ich will mir auch nicht vorschreiben lassen, wann ich bei einer Ampel stehenzubleiben und ob ich einen Helm zu tragen habe, sondern dies aus eigenem Nachdenken entscheiden. Die Herrschaft von Menschen über Menschen ist mir widerlich.
Insofern mag ich in einigen Belangen konservativ sein, reaktionär aber in keinerlei Weise, schon gar nicht rassistisch und dergleichen. Auch halte ich es, nur soviel hier zu “Gender, in libidinösen Belangen strikt mit Hellers → “Denn ich will”.

Und dann haben mich zwei Kommentare sehr verletzt, die ich wegen einer Linksetzung zufällig entdeckte, obwohl sie ihrerseits seit über vier Jahren völlig unwidersprochen unter Winkels seinerzeitiger, eigentlich sehr schöner ZEIT-Kritik zum Traumschiff stehen. Ich selbst kann es nicht tun, es würde sofort als pro domo oder gar eitel ausgelegt. Aber irgendwie klingen auch sie nach Herrn Mau.
Es hat mir einen Schlag in den Bauch gegeben, daß auf die mit auch sachlich wie lebensgeschichtlich falschen Behauptungen dahinterstehende persönliche Diffamierung besonders im ersten Text niemand, überhaupt niemand reagiert hat. Und wieso ließ die Redaktion so etwas stehen? Zum einen wertet es auch die Urteilskompetenz des eigenen Mitarbeiters, Hubert Winkels, ab, zum anderen ist doch deutlich zu erkennen, welch eine nahezu private Rancune hier hämegeladene Freudentänze aufführt. Allein die Formulierung Das Video und das Buch tue ich mir nicht an – eines Menschen, der seit 1981 bekennenderweise nichts mehr von mir gelesen hat – hat es an Ignoranz wahrlich in sich. Woher will der Autor dann wissen, ob seine Meinung nicht falsch ist? Und Frau “von Gandersheim”, die von pauschalen Mentalreisen spricht? Als hätte ich selbst nicht → nachweisbar eine solche tatsächliche – und sehr lange – Reise zur Recherche unternommen! Ob das Ergebnis, mein Buch, dann gelungen sei, ist eine ganz andere Frage, hat aber wirklich nichts mit bestens ausgeleuchteten Trockengebieten lediger alter Männer zu tun, die sich von staatlichen Subventionen ernähren. Woher hat diese, wenn es eine ist, “Frau” ihre Gewißheit?
Aber nein, kein Widerspruch, nicht einmal ein vorsichtiger Einwand wird laut.
So erlebt man Einsamkeit.
Als ich deshalb einer Kollegin davon erzählte, schrieb immerhin sie eine offenbar entsetzte, möglicherweise auch wütende Entgegnung – ich kenne den Text nicht; sie schrieb mir, sie habe ihn direkt in die Kommentarmaske getippt und anderweitig nicht gesichert – und stellte ihn als nun ihren Kommentar unter dem Artikel ein, mußte allerdings auf Freischaltung warten, die, wie ich sogleich argwöhnte, niemals erfolgte. Ganz offenbar kommen die beiden diffamierenden Äußerungen dem Kalkül der Redaktion überaus entgegen.
Freilich wird nun insgesamt gemeint, man müsse mit Diffamierungen halt als Autor leben, am besten, man äußre sich gar nicht dazu. Bekommt man sie aber sein ganzes Leben lang immer wieder zu spüren, und zwar an öffentlich herausgehobener Stelle, und so gut wie niemand springt einem bei, läßt das schon verzweifeln. Verächtlichmachung hat, seit ich zum ersten Mal publizierte, mein gesamtes Leben scharf begleitet; unter Anspielung auf einen Hildesheimertext formulierte Armin Ayren 1983 in der FAZ – meine erste überregionale “Kritik” –, man solle mir Geld dafür geben, daß ich aufhörte zu schreiben. (Aber ich verdanke dieser Kritik auch was: Sie ließ mich tief ins Wesen der deutschen Konjunktive graben. — Und sogleich wird der Herr Mau “Wesen” mit “deutsch” zusammenlesen und für ANH daraus ein → “genesen” erschließen, das mich sogar zum Vornazi macht.)
Ebenfalls in der FAZ, dreiundzwanzig Jahre später, nannte Martin Halter die mir zugestandene souveräne Beherrschung der Form nur um so unappetitlicher. Auch darauf habe alleine ich selbst reagiert. Selbst wenn also attestiert wird, daß ich etwas könne, wird gerade das persönlich gegen mich gewendet.
So zementiert sich das komplette Alleinstehn.

Nein, es gibt keinen Grund, dem kommenden Freitag mit irgendeiner Freude entgegenzusehen, nicht im Ansehen meiner Arbeit, ökonomisch nicht und schon gar nicht persönlich. Daß ich den Tag fliehen wollte, nun aber nicht darf, deutete, Geliebte, ich neulich schon an, und weshalb. Dabei hätte mich ein Freund, der derzeit mit seiner Familie dort weilt, so gern in Neapel getroffen.

Dennoch, es gab ein Funkeln am Himmel, sogar ein Feuern, weil zur Béart eine wunderbare Nachricht kam, umso mehr als sie mich aus dem deutschen innerbetrieblichen Sumpf herauszuziehen verspricht. Ich will Ihnen hier, vor allen Leuten, aber noch nichts Konkretes sagen, sondern erst, wenn der Zyklus auch wirklich abgeschlossen, also lektoratsbereit und abzusehen ist, wann genau er als Buch erscheinen wird. Nein, nicht aus Aberglaube schweige ich (den ich bisweilen habe, geschürt von meinem Instinkt), sondern um zu verhindern, daß hinter den “Kulissen” erfolgreich intrigiert werden kann, das Projekt zu hintertreiben. Denn d a s muß ich eingestehen, daß ich über die vielen Jahre Der Dschungel leider lernen mußte, in einigem weniger offen zu sein, als es meiner Poetik, aber auch meinem Naturell entspricht. (Was nun in eine ohnedies fällige Fortsetzung meiner “Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens” gehörte.)

 

 

Ihr, Freundin,
ANH

 

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