Verrasend zähe Zeit. Das Arbeitsjournal des Donnerstags, den 27. Januar 2022. Befeuert von Frank Martins Sturm vom Nachmittag bis in den frühen Abend geschrieben.

[Arbeitswohnung, 16.07 Uhr
Martin, → Der Sturm]
Während ich, bevor ich mich wieder einmal zum Mittagsschlafen legte – etwas, das ich erst kürzlich als Erholungsakt wieder aufgenommen habe -, also während ich mein Essen zubereitete, kam mir, Freundin, der Gedanke, daß ich für → diese Überarbeitung der Verwirrung des Gemüt(h)s ganz ebenso ein Vorwort schreiben sollte, wie es in solchen Fällen Jean Paul gerne getan hat, und zwar, weil in meinem die Eingriffe wirklich eklatant sind; die Bearbeitung des Stils geht weit über bloßes Lektorat hinaus, und ganze Szenen entstehen, ich sage mal, ‘leibhaftig’, die vorher nur Denkfiguren waren. Eben das ist es auch, was so anstrengt und mich nur dermaßen langsam – ‘langsam’ mit mehr als nur acht ‘a’s – vorankommen läßt. Das ist nicht bloß mangelnder Inspiration geschuldet (Inspiration ist fast durchweg nichts als handwerkliche Routine); nein, die ist durchaus da. Nur daß ich eben keinen ganz neuen Roman schreiben will und darf, sondern der alte soll ja dennoch erhalten bleiben. Veränderte Stilvolten wollen aber, und verlangen fast, auch veränderte Geschehen, bzw. Abläufe. Ich kämpfe also gleichzeitig für und gegen diesen Text, der sich meinen Eingriffe sozusagen entgegenstemmt. Dennoch, weil gerade d i e s e r Roman grundlegend für die folgende Serie ist, was ich bei Entstehen aber nicht wissen konnte, nimmt die Überarbeitung genau das mit in den Blick und verschränkt nun die späteren Bücher mit ihm, und zwar in ihm selbst. Das geschieht über kleine, möglichst unauffällige Zusätze, vor allem Anspielungen oder eben die Wortwahl und Rhythmik. Wenn etwa in der Verwirrung von einer parallelen Welt gesprochen wird, steht jetzt das Wort “Anderswelt” da, aber eben nur ein- oder zweimal. Wobei ich selbstverständlich auf Die Dschungel nicht Bezug nehmen kann, weil es sie damals noch nicht gab; noch nicht einmal die DSCHUNGELBLÄTTER gab es schon. Aber die Pflanzen, die Laupeyßers leergeräumte Wohnung zu überwuchern begonnen haben, lassen sich einen “Urwald” jetzt wohl nennen. Will sagen, die Ideen sind tatsächlich alle in der Verwirrung schon drin, doch ohne daß ich schon gewußt hätte, was sie einmal werden würden. So biege ich, wie es im → Wolpertinger heißt, das Futur ins Präteritum zurück, so daß das gesamte Projekt schließlich einem Erzählkontinuum ähneln wird, das sich gleichwohl, auf einer Spiralbahn freilich, weiter in der Zeit bewegt und erst zum Stillstand kommen wird, wenn ich gestorben sein werde. (Es sei denn, jemand anderes setzte es fort wie Verne es mit dem Pym tat oder ich selbst, wenn auch nur in einer kleinen Episode, eben im Wolpertinger mit Martin R. Deans → “Die verborgenen Gärten” – eine Hommage an seine Romanfigur Leo Brosamer,)
Jedenfalls sollte dergleichen erzählt und eben auch klargestellt werden, daß mit dem Buch ein völlig neuer Roman vorliegt, der aber der alte ist. Genau darauf ziele ich ab. Etwa für den → Dolfinger” (den eigentlich “Die Erschießung des Ministers” genannten Roman), für den ebenfalls eine Neuausgabe vorgesehen ist, ist eine so weitgehende Bearbeitung ganz abgesehen davon nicht nötig, daß ich ihn sowieso schon, nämlich 1999, überarbeitet habe; an d e m Text wird es vermutlich nur kleine und eben Korrekturen geben; ganz ähnlich die phantastische Sizilienerzählung. Die Verwirrung dagegen nimmt eine extreme Sonderrolle ein. Denn allerdings erinnre ich mich, damals, um 1980/81, da war ich vierundzwanzig / fünfundzwanzig, tatsächlich einen, wie ich es nach Aragon nannte, Zyklus im Kopf gehabt zu haben, die “Die Konstruktion der Widersinns” heißen sollte. Woraus halt etwas völlig anderes wurde. Daran trägt → Frau v. Hüon die Schuld. – Tatsächlich ist die Verwirrung auch mein zweiter, eigentlich sogar dritter Roman, der aber als erster veröffentlicht wurde — und ein nullter[1]Tatsächlich gibt es noch einen “vornullten”, “Judex” genannt, an die fünfhundert Seiten, die ich mit fünfzehn schrieb. Aber der fällt in die Kategorie Räuberpistole und … Continue reading also ging voran, “Destrudo”, der tatsächlich ebenfalls in die Reihe Verwirrung-Wolpertinger-Anderswelt gehörte, insofern sein Personal zumindest teilweise in Verwirrung und Wolpertinger erneut in Erscheinung treten, wenn auch nur indirekt. Und selbst das stimmt nicht ganz. Denn etwa Karl Polst tritt im Wolpertinger auch als Person direkt wieder auf. Bloß gibt es “Destrudo” nach wie vor nur als mit der Schreibmaschine getipptes Typoskript:

Ich habe das Buch niemals wem angeboten und würde es auch heute nicht tun, sondern es – freilich auf der Grundlage des, lassen Sie es mich, jugendlichen Textes nennen – völlig neu schreiben.

Was mir, Freundin, n o c h heute auffiel, war, daß ich nunmehr von Laupeyßers Ichverlust und Einsamkeit schreibe (“wenn’s ihn fröstelte vor Ichverlust und Einsamkeit”), was ich damals offenbar vermeiden wollte; im ersten Text steht lediglich, daß man sich notfalls (!) unter der Bettdecke —  aus der ich jetzt eine “Steppdecke” gemacht habe, weil mein Antiheld auf dem Wohnzimmerboden unter ihr liegt –  verkriechen könne. Wahrscheinlich wäre mir schon das Wort “Einsamkeit” damals zu offen autobiografisch gewesen, nämlich kitschig vorgekommen, eine Scheu, die ich bekanntlich schon deshalb verloren habe, weil meine Auffassung der Wirklichkeit nicht mehr naiv ist, sondern um die Realitätskraft der Fiktionen weiß, die uns derenthalber ständig mitformen. Was ich in der Verwirrung damals entwickelt habe, nämlich das Konzept (ecco! es war Konzept und nicht gelungen Roman) einer komplexen Realität, die sowohl physisch als auch durchsetzt von wirkenden Ideen ist, etwa von Allegorien, hat mich selber, den Autor, so sehr verändert, daß ich das, w a s mich verändert hat, nun in angemessene Form bringen muß. Es kann, mit anderen Worten, jetzt erst werden, was es damals sein noch nicht konnte: ein Kunstwerk, dem die eigene Wirkung eingeschrieben wird. Und so nehmen wir wechselnde Zeitzustände ein.
Genau das möchte ich in dem Vorwort erzählen. Dies hier ist ein Vorentwurf.

Zu dem ich, nachdem ich’s vormittags mal wieder mit Frederick Delius versuchte – ein Zugang zu seiner Musik bleibt mir indessen versagt; ich hör da nur Geplätscher -, Frank Martins enorm tiefem → “Der Sturm” lausche, deutsch nach Shakespeare/Schlegel, eine Oper, die so unbekannt ist, daß es nicht einmal einen deutschsprachigen Wikipediaeintrag gibt. Ich sah das Stück bis heute auch nur auf einem einzigen Spielplan; in → Konstanze Führlbecks Kritik wird es “spröde” und, seltsame Formulierung, “etwas distanziert” genannt. Dabei hätte sie nur Fischer-Dieskaus Interpretation allein der drei Monologe Properos sich anhören müssen, um zu begreifen, daß Sprödheit und Distanz eher wohl ihr selbst eigen sind, als daß sie Eigenschaften dieser Musik wärn:

Aber nein! Statt einfach mal, um sich angemessen intensiv vorzubereiten, hinzuzuhören, hört sie sich mit den folgenden Worten hinweg: “… doch die großen Impulse finden sich weder in der Musik noch in der Regie.” So daß dieser Sturm “doch eher ein Sturm im Wasserglas” bleibe. — — —  Was eine d…. N..! (Ergänzen Sie selbst).

Ihr
ANH

References

References
1 Tatsächlich gibt es noch einen “vornullten”, “Judex” genannt, an die fünfhundert Seiten, die ich mit fünfzehn schrieb. Aber der fällt in die Kategorie Räuberpistole und Mantel & Degen. Aufbewahrt habe ich ihn dennoch:https://dschungel-anderswelt.de/wp-content/uploads/Judex-S.1-600x800.jpg 600w, https://dschungel-anderswelt.de/wp-content/uploads/Judex-S.1-768x1024.jpg 768w, https://dschungel-anderswelt.de/wp-content/uploads/Judex-S.1.jpg 960w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" />

Heute eher Arbeitsjournal denn Tagebuch. Am vierzehnten Krebstag: Mittwoch, den 13. Mai 2020. Mit einem, völlig unversehens, Manifest und halluzinogenen Vorlebensendeplänen.

[Arbeitswohnung, 6.15 Uhr
Respighi, Semirama (ff)]

Ärztingespräch gestern, in लक्ष्मीs Beisein: Da die OP-Ansätze des SANAs und der Hannöverschen so heftig divergieren, noch die Drittmeinung der Charité einholen, die von diesen als “unnötig” abgetane (“Wir holen später sowieso alles raus”) diagnostische Laparoskopie im SANA aber durchführen lassen, sie bringe eine zusätzliche Gewißheit, und so schnell wie möglich die Chemo beginnen. लक्ष्मीs Ernährungsvorstellungen stimmte die Ärztin nahezu rundum zu und verschrieb mir gegen die Schlafstörungen als Antischmerzmittel, hierin dem SANA folgend, Novaminsulfon – das heute nacht perfekt funktioniert hat – sowie, falls es nicht anschlagen würde oder irgendwann nicht mehr sollte, Zolpidem … “da aber Vorsicht! Es macht, anders als Novaminsulfon, abhängig.” Wobei diese Gefahr bei mir nicht besteht, der ich entschieden dazu neige, gar keine oder doch zu wenig Tabletten zu nehmen, selbst wenn es nötig wäre. – Als Alternative verschrieb sie noch Melatonin, von dem mir vormittags schon meine Lektorin erzählt hatte und das auch लक्ष्मीs volle Zustimmung fand — nur durfte es, wie sich wenig nachher herausstellte, die Apotheke es jedenfalls in dieser Dosierung (5mg) nicht herausgeben, da derzeit um das Medikament ein Rechtsstreit geführt wird. Ich habe im Netz geschaut, über Prozeß und Hintergründe aber nichts gefunden; und Online-Händler teilen, etwa → dort, lediglich mit, daß das Produkt für Deutschland nicht erhältlich sei. Nun muß mich das nicht stören; ich habe Freunde in Frankreich, wo das Hormon frei verkäuflich ist, so daß sie es mir besorgen und schicken können. Doch was für ein Aufstand – und: Neuerlich kann von einem vereinten Europa die Rede leider nicht sein. Na gut, in diesem Fall gibt uns der Umstand die Freiheit, nationalrechtliche Regelungen zu unterlaufen: sozusagen gibt es einen Sherwood Forest, in dem wir untertauchen können.
Ein guter Artikel, übrigens, findet sich zu Melatonin → bei Primal State.

Wieder in der Arbeitswohnung, sofort erst beim Onkologen angerufen. Besetzt. Email geschrieben, fast unmittelbar darauf Rückruf aus der Praxis und sofort den Termin bekommen. Man möchte aber die Laparoskopie und ihren Befund abwarten, deshalb nicht schon, wie eigentlich im Kopf gehabt, heute, sondern erst am Montag. Der somit den Beginn meiner ersten Chemo markieren wird.
Dann in der CCCC-Stelle der Charité angerufen, doch zu spät, da sie nur bis 15 Uhr besetzt ist. Werd ich in zwei Stunden, pünktlich auf neun Uhr, erneut tun. (Die ganze Zeit geht mir durch den Kopf, ich könne in Hannover aus der ja tatsächlich schweren OP nicht bei vollem Bewußtsein erwachen, dort dann im Koma liegen und fern von allen, die ich liebe, vor mich hinzusterben – was so ziemlich das Gegenteil meiner Vorstellung eines ehrenvollen, stolzen WohinüberauchimmerGehens ist. Geradezu, für mich, ein Horror, schlimmer als der Krebs selbst.) Wobei meine Tiefstimmung, die den Montag so bestimmt hat, komplett vorüber ist, ich die vorherige Ruhe und Gefaßtheit wieder habe, auch die Zuversicht – darum aber auch genau sagen kann, was ich auf keinen Fall will. — Und aber dennoch, es folgt ein weitres Andrerseits: Ich sollte Hannover gegenüber vielleicht fair sein und einfach bei strahlend-schönem Wetter noch mal hinfahren und mir die Klinik dann anschauen. Vergessen Sie, Freundin, meine enorme Abhängigkeit vom Licht nicht. Wir es draußen grau, so auch mein Geist; je älter ich wurde, desto stärker zeigte es sich und hat unterdessen einen fast schon pathologischen Charakter. Jedenfalls dürfte das verregnete, zudem so klammkühle Grau des Montags auf meine Wahrnehmung der hannöverschen Klinik zumindest mitgewirkt und mein mehr depressives denn harsches, nun jà, “Urteil” ziemlich geleitet haben. Und da bis zur OP – für die Chemo werden zwei bis drei Monate angesetzt – noch einige Zeit vergehen wird, wird Hannover ganz sicher die Gelegenheit bekommen, sich mir noch einmal unter leuchtendster Sonne zu präsentieren.

Nochmal zu den für mich ungewöhnlichen Durchschlafstörungen. Zwar, ja, das Novaminsulfon hat geholfen, ja, dennoch könnte Bruno Lampe → recht damit haben, sie mehr mit dem Nikotinentzug (den ich sonst aber kaum mehr spüre, vielleicht noch zweidreimal am Tag, als kurze und schnelle Begier) als mit dem Karzinom und den (bislang noch bestens aushaltbaren) Schmerzen in Verbindung zu bringen. Denn tatsächlich erwachte ich auch heute nacht wieder gegen halb drei, huschte dann aber nur auf Toilette und unter die Decke wieder zurück, wo ich, Menschen können ziemlich irre sein, irgendeine Spur des Schmerzes aufzuspüren versuchte, denkend aufzuspüren … “richtiggehend” konzentriert. Nein, da war keiner. Konnte das sein? Also noch mal hinfühlen. Was dann offenbar derart anstrengend war, daß ich erst Schlag sechs wieder, und zwar putzmunter ausgeschlafen, erwachte, sofort quasi auf- und in die Arbeitsklamotten hineinsprang. Schon stand ich in der Küche, um den Espresso zu mahlen. Und derweil sich die Pavoni erhitzte, fuhr ich meine Computer hoch und entschloß mich, Respighis Semirama zuende zu hören, in die mich einzufinden mir gestern nicht wirklich gelungen war, so wenig wie bei seiner Lukrezia, derweil mich La Fiamma, die ich als grandiose Vinylpressung habe, seit meiner allerersten Begegnung mit dieser Musik immer wieder hingerissen hat. Weshalb die beiden andern Opern nicht auch … ich habe keine Ahnung. Oder doch, Ahnung schon. Und das da, freilich, ist toll:

Ich bin nur ein Komponist, immer ein Komponist. Ich hätte nie etwas anderes sein können. Ich glaube an die Kontinuität der italienischen Musiktradition und den unsterblichen Geist des italienischen Liedes. Aber ich glaube, dass die europäische Musik als Ganzes vor einer radikalen Krise steht, aus der sie transformiert und erneuert hervorgehen wird. Ich glaube an die Suche nach einer neuen gemeinsamen Sprache der europäischen Musik, und ich glaube, dass Italien bei diesem Streben eine Vorreiterrolle spielen kann, so wie es vor vierhundert Jahren der Fall war.
Ottorino Respighi, → 1925

Genauso könnte – und will – ich es für die Dichtung heute sagen:

Ich bin nur ein Dichter, immer ein Dichter. Ich hätte nie etwas anderes sein können. Ich glaube an die Kontinuität der deutschsprachigen Literaturtradition und den unsterblichen Geist der deutschen Poesie. Aber ich glaube, dass die europäische Literatur als Ganzes vor einer radikalen Krise steht, aus der sie transformiert und erneuert hervorgehen wird. Ich glaube an die Suche nach einer neuen gemeinsamen Sprache der europäischen Literatur, und ich glaube aber nicht, dass Deutschland bei diesem Streben eine Vorreiterrolle spielen kann (noch es sollte), wohl aber unser Verhältnis zum Internet und insgesamt zu den sogenannten Neuen Medien, in die die poetischen Traditionen von Goethe über Hölderlin und Jean Paul, Musil und Broch, Döblin über Ingeborg Bachmann bis Marianne Fritz als Traditionen eingebettet werden und erkennbar sein müssen. Erst daraus wird Avantgarde, eine wahre und lebensfähige, sei’s in der Lyrik, sei’s der Prosa sichtbar werden und überhaupt entstehen können. Und die Dichtung bleiben.

Puh. Ja, ich gebe zu: Puh.
Decke drüber
—————- und schnell noch was zum Krebs:

Es war die Rede davon gewesen, mir ein THC-Präparat zu verschreiben, was meine Ärztin auch tun will und darf. Doch sind die Krankenkassenregelungen hier ziemlich interessant. Obwohl längst fundiert ist, wie gut Medikamente auf dieser Basis anschlagen, dürfen sie dennoch erst verschrieben werden, wenn alle anderen schulmedizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind – etwas, das sich durchaus als Protektionismus der pharmazeutischen Industrien ansehen läßt. Wir dürfen nie vergessen, welche Milliardengeschäfte hinter unserem Gesundheitssystem stecken, wessen Mit-Interessen und also auch → Lobbies. Und gerade an den während der letzten Jahre → im Preis exorbitant gestiegenen Chemotherapien wird sich dumm und dämlich verdient, wobei dumm und dämlich nicht die sind, die verdienen. (Ja, geliebte Freundin, ich sehe meine Krankheit nicht “nur” poetisch, damit nämlich → mythisch, sondern auch politisch).
In meinem “Fall” allerdings wird es mit dem THC unproblematisch werden; es muß nur die Chemo begonnen worden sein und meine Ärztin der Behandlungsplan vorliegen. Dann sei es nur noch eine Formsache, die Akzeptanz der Rezeptur bei der Kasse zu beantragen und mir das Medikament zu verschreiben.

À propos. Während meines Abendspaziergangs traf ich meinen Elfenbeinverleger Držečnik, der sich mit seiner Gattin ebenfalls die Beine vertrat. – Ich sehe im Augenblick davon ab, das Lauftraining wieder aufzunehmen, nachdem es mir die letzten beiden Versuchsmale nicht so sehr gut danach ging, weil ich meinem Körper offenbar eine Kraft nahm, die er gegen → Liligeia anstemmt; das mag ich nicht wiederholen, jedenfalls nicht, bis die Chemo läuft und wenn sie gut oder einigermaßen vertragen werden von mir sollte. Aber jeden Abend eine Stunde durch die Straßen und Parks zu flanieren, ist eine feine Vorstellung – zumal ich dazu einen einer Gehstöcke nutzen, sie sozusagen ausführen kann, was dem in mir nach wie vor dann nicht mehr nur noch schlummernden Dandy Spaß macht und gestern tatsächlich zweimal zu Komplimenten führte, die mich passierende Damen mir machten, ein quasi machismo/inverser Piropo, den ich ausgesprochen genoß.
Jedenfalls da kam mir das Verlegerehepaar entgegen, und wir plauderten. Umarmen darf an sich ja derzeit nicht. Doch Ingo Elfenbein war ausgesprochen erleichtert, mich in solch gehobener Stimmung zu sehen. “Und gut, geradezu gesundheitsstrotzend siehst du aus!” rief er leise zu Anfang. Daß ich mich, sagte ich, so auch beinah fühlte. Erzählte aber vom vortagigen Tief, dann meinen Überlegungen zum Freitod … nicht, daß ich nicht gerne weiterlebte, im Gegenteil! Doch angesichts dieser Krankheit sei es sinnvoll, sich zu wappnen und gegebenenfalls vorzubereiten. Etwa. Wie wir bei geliebten Haustieren davon spräche, sie sanft einschlafen zu lassen, und es auch so praktizierten. “Schaut mal”, sagte ich, “was wiegt so eine deutsche Dogge? Sechzig, siebzig Kilogramm? Siebzig bringe momentan auch ich auf die Waage. Da wäre die Dosis doch die gleiche …” Aber dieses einmal ganz beiseite, ich hätte ja noch so viele Projekte vor mir, und er, Držečnik, habe zusammen mit Christoforo Arco ja nun alles getan, mir das Sterben schwerzumachen: “Ich habe dafür jetzt einfach gar keine Zeit. — Aber”, ergänzte ich, “bevor ich ich gehe, will ich auf jeden Fall noch erlebt haben, was ich in meinem Leben bisher, und sehr bewußt, gemieden: Ich möchte erleben, wie es ist, auf einem Trip zu sein. Pilze will ich ausprobieren, LSD will ich ausprobieren, Mescalin, Kokain sowieso und, ja, auch Heroin. Vielleicht auch mal chemische Drogen. Freilich werde ich mich um alles dieses erst nach der Operation kümmern.” Doch Ihnen, Freundin, und meinen Leserinnen sei es hier bereits erzählt; vielleicht, daß jemand mir dann helfen kann, mir solche Erfahrungen auch heimholen zu können, für deren Realisierung ich derzeit noch viel, viel zu naiv, viel, viel, viel zu naiv bin. Und was die deutsche Dogge anbelangt, so müßte ich nur im letzten Fall eine charmante, gebildete und so kluge Tierärztin kennen lernen, daß sie auch meinen Stolz so liebt wie meine Lebensliebe.

Ihr ANH
[Respighi, Maria Egiziaca]

9.38 Uhr
Grad mit der Charité telefoniert. Es gibt eine sofortigen Termine, sondern erst möchten bitte die Befunde mitsamt den Bilder-CDs hingeschickt werden. Danach werde es etwa zwei, vielleicht auch drei Wochen dauern, bis mir ein Terminvorschlag unterbreitet werde.

Bene. Dann geh ich’s mal gleich an; was ich wissen und beachten muß, fänd’ ich, hieß es, → dort.

Nichts taugt m e h r !
Über Norbert W. Schlinkerts Tauge/Nichts

Von ANH → bei Faustkultur:

 

→ → → weiterlesen

_____________
Siehe auch → dort.

Optimistischer Fatalismus. Im Tauge/Nichts von Norbert W. Schlinkert.

[NACHTRAG, 4. März:
Siehe jetzt auch dort.]

Welche eine grandiose Begriffsschöpfung → dieses Autors!

Die aus der Antike heraus verbürgte, der adligen Oberschicht vorbehaltenen Lebensart des aktuell und damit auf Dauer gelingenden Lebens ist ihm dabei nicht fremd, nur eben nicht auslebbar über den Tag hinaus, woraus folgt, jeder Tag ist ihm ganz ein Leben, die Nacht ein Traum und  und der Morgen eine Wiedergeburt.
Tauge/Nichts, 69

Und etwas später wird, was hier schon → aus einer kleinen Novelle herausgeperlter Klein-Essay ist, sogar Nukleus einer Romantheorie:

(…) der Schreiber weiß dem Willen der Romanfigur (…) nun also immer weniger entgegenzusetzen, obgleich der Schreibende gleichzeitig keineswegs nur Büttel der Romanfigur (…) ist. Doch nur aus dieser binären Konstellation kann überhaupt ein guter Roman, ein Kunstwerk entstehen (…). Die Erschaffung eines aus den Zeilen steigenden Taugenichts ist also allein Sache des Taugenichts! Niemand anders kann das, hier und ausschließlich hier, in der Selbsterschaffung, ist der Taugenichts vollständig taugend!
Tauge/Nichts, 77

(Allerdings hätte ich auf die Ausrufezeichen verzichtet, sie stampfen zu sehr mit dem Fuß auf, wo ohnedies klar ist, wer recht hat. Aber dann – und hier nun muß ein solches Zeichen hin: — die Folge!: daß der erste Satz einer Erzählung der einzige sei, der alleine dem Autor zukommt. So steht’s auf S.77.)

→ Bestellen.

Das Arbeits-, vor allem Vorreisejournal des Sonntags, den 30. Dezember 2019.

[Arbeitswohnung, 9.27 Uhr
[Tschaikowski, Пиковая дама]

Gestern Geburtstag der Zwillinge, am Abend noch ein Treffen mit Uwe Schütte, dessen auf Englisch erschienenes, man muß sagen, Standardwerk zu Kraftwerk bei Penguin mittlerweile zum Sachbuch-Bestseller avanciert und der ein längeres Feuilleton zu den – nein, nicht Nabokovs, sondern → meinen “eigenen” Erzählungen vorbereitet; nachts — einigermaßen, ich sag mal, beseelt — heimgeradelt und vorhin viel zu spät auf. Gleich wieder die “Pique Dame” laufen lassen, die aus mir nicht recht klaren Gründen deutlich stärker auf mich wirkt, seit je, als Tschaikowskis Onegin. Den ich heute aber auch noch einmal hören will.
Tschaikowski ist eigenartig. Kein Komponist sonst hat in meiner Jugend auf mich auch nur ähnlich stark gewirkt. Bis Gustav Mahler kam, der “Titan” nach Jean Pauls so genanntem Roman — ein LP-“Probefund” auf dem Grabbeltisch in einem Braunschweiger Kaufhaus. Der löste Tschaikowski fast völlig ab. Womit aber eben auch Jean Paul in meinen inneren Kosmos hinein-, muß ich sagen, –kometete.
Allerdings kamen mir Tschaikowskis Opern, speziell sie, niemals nahe. Was sicherlich damit zusammenhängt, daß ich zu slawischen Sprachen kaum je eine innere, hörende eben, Verbindung gefunden habe, auch nicht zum Tschechischen — was sich erst sehr viel später mit Janáček änderte; da war ich bereits weit über vierzig. Obwohl auch das eben nicht ganz stimmt, eben nicht bei der Pique Dame. Die ging auch damals an mich ran. Nämlich fand ich in der zweiten Reihe des Schallplattenschrankes meiner Großeltern eine sogenannte Schallplattenfassung – ein Produktionsformat, das es meines Wissens schon lange nicht mehr gibt. In den Fünfziger-/Sechzigerjahren waren dies im Gegensatz zu den gräßlichen, aber damals n o c h gräßlicher-beliebten Opernquerschnitten – wie ein “Album” als “Song”-Nummern getrennte “Schöne Stellen” – zwar auf Vinyllänge gekürzte, aber doch gleichsam durchkomponierte Hearer’s Digests ohne Pausen. Damals meist noch in Mono.
Wie also kam ich jetzt auf Tschaikowski zurück? Nicht “nur”, denke ich, weil dieser Komponist in meiner später von  mir selbst als “op.1” benannten Kark-Jonas Erzählung eine derart zentrale Rolle spielt, daß ich sie, allerdings umgebaut und leicht erweitert, als “Blumenstück” in den Wolpertinger-Roman integrierte; im ersten Band der Septime-Ausgabe der Erzählungen finden Sie sie auf die Urfassung wieder zurückbearbeitet. Sondern weil in einem Gespräch mit meinem Sohn die Erinnerungsrede auf Tschaikowskis b-moll-Konzert kam, Svjatoslav Richters Interpretation mit Herbert von Karajan, ohne das ich, als ich fünfzehn/sechzehn war, tatsächlich nicht einmal mehr einschlafen konnte.
Mein Pathos, bis heute, speist sich, glaube ich, aus genau dieser Quelle:

Dagegen hörten meine, soweit ich sie hatte, Freunde jener Jahre Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich, manche auch die Rolling Stones und fast alle die Beatles, meine Mutter Esther und Abi Ofarim sowie Daliah Lavi, hingegen zuhause keine Klassik, wiewohl sie eine kleine Sammlung besonders von Beethoven-Aufnahmen hatte. Zum Musikhören daheim ließ ihr ihre Praxis objektiv auch gar keine Zeit, oder kaum; an den Wochenenden traf sie sich lieber mit Freundinnen. Dafür hatte sie ein Abonnement der “klassischen” Konzerte in der Braunschweiger Stadthalle; zu Gastkonzerten Karajans pilgerte sie geradezu und nahm mich manchmal dahin mit. Da war ich ungefähr vierzehn, hingegen mein jüngerer Bruder diese Art Musik scharf ablehnte.
Wie auch immer.
Tschaikowski also, von dem, daß er homosexuell war, ich erst Jahre später mitbekam. Es hätte aber auch zuvor keine Rolle gespielt; ich war in der Hinsicht seit je völlig offen, ganz unabhängig von meiner eigenen, nachdrücklich heterosexuellen Ausrichtung. (Als ich mit Dreißig Britten kennen und eben tief zu lieben lernte, war mir seine Disposition von Anfang an bekannt, ebenso bei Henze).
Bon.
Ich legte vorgestern zu des Sohnes und Vaters Musikabend das b-moll-Konzert also auf — und fiel am nächsten Morgen komplett in die Musikwelt meiner Jugend zurück. Übrigens ist Tschaikowskis Violinkonzert das Lieblingsstück meines Vaters gewesen. Insofern muß es für meine Mutter s c h o n etwas unheimlich gewesen sein, daß ihr Vierzehnjähriger ausgerechnet von diesem Komponisten wie besessen war. Ich machte ihr das Leben in keiner Weise leicht. Tagsüber, wenn sie in der kleinen Praxis nebenan über die Füße oder Gesichter ihrer Kundinnen gebeugt saß oder stand, brüllte aus meinem Zimmer der Tschaikowski in Konzerthauslautstärke; manchmal stürmte sie wutglühend herein, um “leiser, stell endlich die Musik leiser!” zu brüllen, derweil ich über meiner Schreibmaschine saß und zur Musik in die Tasten hämmerte, was immer mir einfiel – zu Svenjas, meiner ersten realen Liebe, Zeiten oft auch schon ziemlich betrunken. Von ihr, Svenja, erzählt im ersten Erzählband gleichfalls eine Geschichte, die ihren, Svenjas, Namen trägt. (In “Wirklichkeit” hieß die Nymphe anders, und Eve, mit sehr kurzem Anfangs-“E”, wurde sie gerufen).

*

(Jetzt der strukturell,seines
völlig offenen Endes wegen,
eigentlich höchst spannende
Onegin:)

***

Zusammenpacken also, heute. Morgen um 7.30 Uhr, in Tegel, hebt mein Flieger nach Rom ab; mit dem Regionale von Fiumicino aus sind’s dann noch etwa zwei Stunden bis Orte, wo der Freund mich abholen wird.

Wir haben für die kommenden knapp zwei Wochen einiges an Arbeit vor. Vor allem aber will ich in Umbrien, ich schrieb es Ihnen, Freundin, schon, endlich → die Béartgedichte zuende bringen, jedenfalls so weit, daß sie lektoriert und für die für Herbst 2020 geplante Buchausgabe vorbereitet werden können. Wobei ich heute eigentlich noch die No. 15 meiner → Nabokovreihe schreiben wollte, mir aber unsicher bin, ob ich’s noch schaffe. Also gedulden Sie sich bitte etwas; ich werde den zweiten Erzählband mitnehmen, obwohl Parallalie ihn auch dort stehen hat; nur würden mir da meine Anstreichungen fehlen, die Grundlage meiner Besprechungen sind.
Zusammengestellt sind bereits, auf dem Mitteltisch, die übrigen Lektüren, aber auch einige Bücher, die für den Freund vorgesehen sind. Cristoforo Arco, der am zweiten Weihnachtstag hereinschneite, obwohl es draußen nur nieselte und nieselte, gab sie mir für ihn mit. Außerdem das Hand-MS-Buch der Béarts sowie das schwarze Notizbücherl. Und ich darf die grüne Tinte für den neuen Füller nicht vergessen, mit dem ich seit zwei Wochen nicht so ganz erfolgreich versuche, meine Handschrift so zu gestalten, daß sie sich zumindest ansatzweise auch lesen läßt. Mit meinen nun bald Fünfundsechzig wäre es mal ein ganz netter Erfolg.

Gut, ich fange mal zu packen a n.

ANH

Laudatio auf Christopher Ecker. Friedrich-Hebbel-Preis 2015. Gehalten am 27. März 2015 im Hebbelmuseum Wesselburen.

Sehr verehrte Damen,
sehr geehrte Herren,

Christopher Ecker arbeitet an einem Geheimnis. Es ist keines, das aus persönlicher Erfahrung entsteht, sei es einem besonderen Leiden oder dunklen Schicksal, sei es einem Erleuchtungs- oder besonderen Lusterlebnis. Vielmehr steigt es aus der Literatur selbst auf, sofern man bereit ist, ihr und nicht einer eigenen Absicht zu folgen, ob nun einer Botschaft, die zu vermitteln wäre, ob, daß man sein Publikum mehr oder minder ablenkend unterhalten wollte. Genau hier verläuft die Grenze von Eckers Dichtungen zur anderen, der sogenannten Realistischen Literatur – einer, und es ist die derzeit favorisierte, auf die durchaus zutrifft, was 1844 Friedrich Hebbel, nämlich in seinem Pariser Vorwort zu Maria Magdalena, ausgesprochen polemisch formuliert hat. Denn was er zur dramatischen Kunst sagt, läßt sich sehr wohl auf die des Romans übertragen. “Damit”, schreibt Hebbel in Bezug auf die „bisher nicht durchaus in einem lebendigen Organis­mus gesättigt aufgegangenen, sondern zum Teil nur in einem Scheinkörper erstarrt gewesenen und durch die letzte große Geschichts-Bewegung entfesselten Elemente, durcheinander flutend und sich gegenseitig bekämpfend“ – und er hat eine geforderte „neue Form der Menschheit“ im Blick -, – also

damit ist nun freilich der Übelstand verknüpft, daß die dramatische Kunst sich auf Bedenkliches und Bedenklichstes einlassen muß, da das Bre­chen der Weltzustände ja nur in der Gebrochenheit der individuellen erscheinen kann, und da ein Erdbeben sich nicht anders darstellen läßt, als durch das Zusammenstürzen der Kirchen und Häuser und die ungebändigt hereindringenden Fluten des Meers. Ich nenne es natürlich nur mit Rücksicht auf die harmlosen Seelen, die ein Trauerspiel und ein Kartenspiel unbewußt auf einen und densel­ben Zweck reduzieren, einen Übelstand, denn diesen wird unheimlich zumute, wenn Spadille nicht mehr Spadille sein soll, sie wollen wohl neue Kombinationen im Spiel, aber keine neue Regel, sie verwünschen den Hexenmeister, der ihnen diese aufdringt, oder doch zeigt, daß sie möglich ist, und sehen sich nach dem Gevatter Handwerker um, der die Blätter wohl anders mischt, auch wohl hin und wieder, denn Abwechselung muß sein, einen neuen Trumpf einsetzt, aber im übrigen die altehr­würdige Erfindung des Ur-Ur-Großvaters, wie das Natur-Gesetz selbst, respektiert. Hier wäre es am Ort, aus dem halben Scherz in einen bittern ganzen Ernst überzugehen, denn es ist nicht zu sagen, bis zu welchem Grade eine zum Teil unzurechnungsfähige und unmündige, zum Teil aber auch per­fide Kritik, sich den erbärmlichen Theater-Verhältnissen unserer Tage und dem beschränkten Ge­sichtskreis des großen Haufens akkommodierend, die einfachen Grundbegriffe der dramatischen Kunst, von denen man glauben sollte, daß sie, nachdem sich ihre Kraft und Wahrheit vier Jahrtau­sende hindurch bewährte, unantastbar seien, wie das Einmaleins, verwirrt und auf den Kopf gestellt hat.

Und etwas darunter schreibt Hebbel weiter, Zitat,

(…) aber jene Kunst, die, wie al­les Höchste, nur dann überhaupt etwas ist, wenn sie das, was sie sein soll, ganz ist, muß sich jetzt, wie über eine Narrheit, darüber hudeln lassen, daß sie ihre einzige, ihre erste und letzte Aufgabe, im Auge behält, statt es sich bequem zu machen und für den Karfunkel den Kiesel zu bieten, für ein tiefsinniges und unergründliches Lebens-Symbol ein gemeines Lebens-Rätsel, das mit der gelösten Spannung ins Nichts zerplatzt, und, außerstande, auch nur die dürftigste Seele für einen Moment zu sättigen, nichts erweckt, als den Hungerruf: was Neues! was Neues!1

Christopher Ecker, in nahezu allen seinen Büchern – ausgenommen vielleicht die zentral auf den geradezu klassischen Übelstand der literarischen Kritik, aber auch der allgemeinen der Künste durchaus boshaft zentrierte „Madonna“ von 2007 – h a t diese von Hebbel so streitbereit geforderte Aufgabe im Blick, und zwar mit einer auch persönlichen Konsequenz, was nämlich die Umstände seiner künstletiscvhen Berufsausübung anbelangt. Er wolle sich, erzählte er mir, auf keinen Fall vom Markt abhängig machen – womit wir wieder bei dem grassierenden literarischen Realismus sind, den ich >>>> in anderen Zusammenhängen ein Mißverständnis der Einfachheit genannt habe. Denn für realistisch gilt, was wir kennen, durchaus aber nicht, was das menschliche Handeln und unsere Ontologie tatsächlich bestimmt. Etwa kann eine darauf mit Recht Anspruch erhebende Literatur, die heutige Wirklichkeit zu beschreiben, die neuen Medien nicht ausklammern, schon gar nicht sie abwehren. Tut sie es, hat sie jeden Grund verloren, sich eine zeitgenössisch-realistische zu nennen. Nicht anders steht es bei Fragen der Psychologie. Es wird Ihnen nicht unbekannt sein, daß psychologisch gearbeitete Texte spätestens seit dem Dekonstruktivismus verpönt sind – und zwar sowohl auf dem Theater wie in der erzählenden Literatur. Statt psychologischer, geschweige psychoanalytischer Durchdringung wird nach dem nachvollziehbaren und möglichst auch unkompliziert verfilmbaren Plot gerufen und dieser Ruf bedient.
Im Gegensatz dazu spreche ich von „Graben“, bzw. „Ausgraben“ als dem treibenden Movens der Literatur. Romandichter wie Christopher Ecker scheuen deshalb den einfachen Plot. Ihre Poetik geht in die Tiefe, ahnt Schächte, und sucht sie, nämlich unter der Handlung, die, gäbe man ihr die Priorität, die Straßen immer schon kennte, die entlanggegangen werden müssen – will sagen: Die meisten derzeit gefeaturten Romane folgen Treatments, an deren Ausarbeitungsbeginn die bereits fertige Meinung, nicht selten sogar eine Erhebung oder Mutmaßung über tatsächliche oder scheinbare Leserbedürfnisse steht. Sind sind oft um bestimmten Zeitthemen gruppierte : Hitlerdeutschland, Judenverfolgung, ‘68 und die Folgen, Mauerfall; dazu noch ideologisch flankierte Themen wie zum Beispiel Gender. Der Dichter aber, wenn er es ist, hat, scheibt Hebbel weiter, „keine Wahl, er hat nicht einmal die Wahl, ob er ein Werk überhaupt hervorbringen will, oder nicht, denn das einmal lebendig Gewordene läßt sich nicht zurückverdauen, es läßt sich nicht wieder in Blut verwandeln, sondern muß in freier Selbständigkeit hervortreten, und eine unterdrückte oder unmögliche geistige Entbindung kann ebenso gut, wie eine leibliche, die Vernichtung, sei es nun durch den Tod, oder durch den Wahnsinn, nach sich ziehen.“ Und Hebbel fügt hinzu, „man denke an Goethes Jugend-Genossen Lenz, an Hölderlin, an Grabbe“. Eines anderen, für die Prosa wohl höchsten, hat er drei Jahre vorher in einem Gedicht gedacht:
Er war ein Dichter und ein Mann wie einer,
Er brauchte selbst dem Höchsten nicht zu weichen,
An Kraft sind wenige ihm zu vergleichen,
An unerhörtem Unglück, glaub’ ich, keiner.
Er stieg empor, die Welt ward klein und kleiner,
Und auf der Höhe, die wir nicht durch Schleichen,
Die wir nur fliegend, oder nie erreichen,
Ward über ihm der Äther immer reiner.
Doch als er nun die Welt nicht mehr erblickte,
Da hatte sie ihn längst nicht mehr gesehen
Und frech ihm selbst das Dasein abgesprochen!
Nun mußt’ er darben, wie er einst erstickte,
Ihm blieb nichts übrig, als zurück zu gehen,
Doch lieber hat er seine Form zerbrochen.2

Die Rede hier ist von Heinrich von Kleist. Aber alle sie standen zu ihrer jeweiligen Zeitgenossen-Poetik wie Christopher Ecker zur heutigen. Da er ihr Schicksal nicht teilen mag, wurde er, um sich wenigstens ökonomisch abzusichern, Lehrer. Wie er diese Tätigkeit – er erfüllt sie, vernahm ich, mit Engagement und Können – mit seiner enormen literarischen Produktivität vereinbart, ist mir ein Rätsel. Alleine dafür gebührte ihm Achtung.
Aber ich will zum Geheimnis zurück. Christopher Ecker gehört zu jenen Autoren, die in der deutschen Literaturgeschichte neben dem offiziellen Kanon einen inoffiziellen fortführen, einen gleichsam parallelen, wenn nicht parallelweltlichen und die sich darum weniger in die Menge einer tatsächlichen Leserschaft hineingeschrieben haben und immer weiter hineinschreiben, sondern, wie Arno Schmidt es formuliert hat, über die Zeiten hinweg von Hand zu Hand weitergereicht werden. Einst berühmte, dann fast vergessene Autoren wie Jean Paul gehören dazu; abgesehen von seinem „Berlin Alexanderplatz“ gehört Döblin dazu – um nur an sein kaum rezipiertes „Berge, Meere und Giganten“ zu erinnern; Wolf von Niebelschütz gehört dazu; Albert Vigoleis Thelen gehört dazu; Heinrich Schirmbeck, der im Februar einhundert Jahre alt geworden wäre, könnte noch dazugehören. Es gibt weitere Namen, die ich jetzt nur nicht aufzählen mag. Abgesehen von Jean Paul verbindet sie, daß sie zur Ästhetik ihrer Zeit wie Querköpfe standen, die sie meist auch gewesen sind. Bisweilen unter ihnen, zum Beispiel Manfred Hausmanns, gibt es aber auch leisere Namen. Doch nur so, daß sich Ecker in diesen klandestinen Kanon schreibt, läßt sich erklären, weshalb sein Werk nicht längst ins Zentrum unseres Feuilletons gelangt ist und auf dem Karussell der Literaturpreise mitfährt, und zwar ohne nur einmal abzusteigen. Daß er heute den Hebbelpreis verliehen bekommt, ist zwar wohltuend, aber bezeichnend genug; man muß in seinem Hebbel schon ein bißchen suchen, um die Verbindungslinie zu ziehen. Es ist eine der Unbedingtheit, weniger der Ästhetik. Doch gerade das macht diesen Kanon neben dem Kanon aus. Andererseits scheut der Betrieb auch nicht davor zurück, ausgerechnet einem Dirk von Petersdorff den Kleistpreis zu zuzusprechen oder den Döblinpreis an Katja Lange-Müller, die beide ehrenwerte Leute – letztere hat sogar einen großen sympathischen Witz -, aber von der ästhetischen Bedeutung der Preisnamensgeber Lichtjahre entfernt sind. In Hebbels und Eckers Fall ist das geradezu glückhaft anders und darum wirklich ein Anlaß, ganz tief aufzuatmen, dankbarst mehrfach aus und ein. Man könnte sagen, in der Kombination dieser beiden habe der Irrtum einmal ins Schwarze getroffen und das auch noch ganz in die Mitte.Und abermals zurück zum Geheimnis, das nicht wie in einem Krimi immer schon gleich mitgebracht wird, dessen Autor Täter und Motive längst kennt, doch sie den Leser:innen anfangs verschleiert, um allmählich aufzudecken, was absichtsvoll konstruiert worden ist. Ich bin mir sehr sicher, daß Ecker die humoristisch-grandiose Entsorgungsszene, in der zur Seebestattung vorgesehene Urnen in einem Weiher versenkt werden sollen, doch schwimmen und schwimmen sie oben, noch gar nicht kannte, als er sein Buch begann und vielleicht sogar noch nicht einmal ganz, als er sie niederschrieb, ebenso wenig wie die Dame, die in einem Pariser Hotelzimmer Hühner hält, die, als sie entweichen, in den Gängen eingefangen werden müssen. Doch selbst wenn solche Szenen zuvor skizziert worden sein sollten, ihre Kraft kommt aus dem Schreibfluß, kommt aus einer Einversenkung, die geradezu unvermittelt und für den Autor selbst verblüffend ist, ihn manchmal auch erschreckt, in jedem Fall etwas ihm Fremdes hat, etwas durchaus Entsubjektiviertes – als hätte man selbst es gar nicht geschrieben. Ich meine so frappierend apodiktische Sätze wie auf der >>>> Fahlmannseite 220: „Ein zu pathetischer Wind, fürchte ich, aber letztendlich sind alle Wahrheiten so lächerlich banal, daß man nur in Rätseln darüber sprechen darf, und je weiter sich die Rätsel von den Antworten entfernen, desto erträglicher wird unser Reden.“ Oder in der Urnenszene-direkt, S. 790: „Vaters Urne zerfällt im Molcher See, die Asche verbindet sich mit dem Wasser, das Wasser verdunstet, bildet Wolken, bildet schwere, schwarze Regenwolken, die nicht vom Fleck kommen, und schließlich, Blitze, Donnerschläge, regnet Vater als dunkle Kommunion auf die Stadt.“ Es ist, meine Damen und Herren, durchaus unheimlich, wie der persönliche Vater hier an den mosaischen anklingt und sich damit geradezu archetypisch ein ganzer kulturhistorischer Nexus aus der so bizarren wie extrem komischen Realszene formt. – „Um was geht‘s denn so in Ihren Geschichten?“ fragt wenig später einer der beiden Polizisten. Und Fahlmann antwortet mit Ecker: „Um Leute, denen der Boden unter den Füßen weggleitet.“ Genau das aber ist es, was der sogenannte Realismus nicht will, der vielmehr auf die Sicherheit seine Leser bedacht ist, zumindest auf die der erfüllten Erwartung. Ich habe an anderer Stelle gezeigt, daß insofern auch Fantasy, Science Fiction, die Krimis sowieso, zur sog. Realistischen Literatur gehören, weil sie nämlich streng in den Rahmen ihrer Vorgaben bleiben und insofern kalkulierbar sind. Dies ist bei Christopher Ecker prinzipiell anders.
Beinahe jede seiner Erzählungen macht die Kategorien durchlässig, geht sozusagen genauso durch ihre Wände, wie der Held der >>>> Letzten Kränkung im Boden verschwindet – durch einen nicht zufälligerweise an das weibliche Geschlecht erinnernden Spalt, der sogar Schamlippen hat. Die ganze Novelle kommt einem wie eine riesige Allegorie auf das Geburtstrauma vor; tatsächlich hat Ecker in ihr sogar expressis verbis – und zwar bis in den Titel hinein – >>>> Freuds Theorie der drei Menschheitskränkungen um eine vierte fortgeschrieben. Ab der Seite 97 finden wir denn auch ein gleichsam Credo der eckerschen Poetologie, worin jede Figur von ihr „verborgenen Regungen gesteuert wird, die wie gigantische Seeungeheuer in der Tiefe des Innenlebens lauern und mit ihren Tentakeln und Scheren unentwegt hinauf ins Bewußtsein greifen.“
Hier gilt, was die therapeutische Technik des Klarträumens Patienten empfiehlt, die von immergleichen Albträumen heimgesucht werden, – daß man, anstelle so schnell wie möglich an der Tür vorbeizueilen, hinter der das Unheil lauert, stehenbleiben und sich umdrehen sollte, um diesem Nachtmar direkt in das Gesicht zu sehen. Nur so, durchs Anschauen, läßt sich das Unheil, ich verwende den folgenden Begriff bewußt, bannen. Genau das ist der in Phantastischen Literaturen in Bewegung gesetzte Prozeß. Indem wir sehen, vermögen wir, Namen zu geben, und indem wir wiederum das tun, verfügen wir über das Unheil. Thomas Mann, fast ganz zu Anfang seiner „Geschichten Jaakobs“ , beschreibt diese Form der Selbstermächtigung – besser noch: der Selbstentohnmachtung – so: „Auch die Tiere schämen sich und kneifen den Schwanz ein, weil wir sie wissen und über ihren Namen befehlen, und die brüllende Gegenwart ihres Einzeltums entkräften, indem wir ihn ihr entgegenhalten.“3
Doch auch dieses Verfahren, so zeigt es uns Ecker – und darin ist er realistisch, nicht die sog. Realistische Literatur – , ist brüchig und stellt das Als-ob als ein Fakt hin, ein Verhalten, das uns unsererseits an der Tür vorbeieilen läßt, anstelle daß wir hinter sie schauen. Vielmehr sind wir, so die Seite 116 der Letzten Kränkung, „Figuren in einem Spiel, dessen Bedeutung wir nicht einmal erahnen, und das Mächte, die wir weder erkennen noch begreifen können, mit wiederum anderen Mächten spielen, die erstere selbst kaum erkennen und begreifen können.“ Wobei selbstverständlich die durch diese ihre Begriffsfindung angeschauten Mächte ebensolche Modelle sind, fast möchte ich sie mit Kant „Kausalitäten aus Freiheit“ nennen, wie es die über viele Jahrhunderte hinweg durchaus lebenspraktikable Vorstellung von Göttern und Göttinnen war. Ihre Fiktionen konnten tatsächlich schützen, wie neuerdings, ebenfalls unter Bezug auf Freud, Robert Pfaller gezeigt hat.4 Der von ihm zu Recht beklagte Verinnerlichungsprozeß, aufgrund dessen gesellschaftliche, dem privaten Schutz der Einzelnen dienende Verhaltensrituale verödet und aufgelöst werden – auch Hebbel, siehe oben, beklagte es schon – , wird in Eckers Dichtung gerade umgedreht und das Innerliche, Innerste, als ein Objektives in die Welt zurückgehoben – auch dies eine der Phantastischen Dichtung ganz eigene Bewegung. Deshalb zeigt sich die Kraft der speziell eckerschen Ästhetik genau dort, wo er profanste Alltagsrealitäten als dunkle Spiegelbilder eines aus sich selbst Ausgegrabenen, bzw. noch zu Hebenden zeigt. Er muß dafür nur, aber entschieden diszipliniert, dem Schreibprozeß folgen. Wovon er erzählt, indes, ist immer schon da.
Eine phantastische literarische Arbeit ist derjenigen zu vergleichen, die wir alle in unseren Träumen leisten, nur daß sie durch ihre Formulierung bewußtgemacht wird. Deshalb bedürfen solche Texte fast immer der Interpretation, die ebenso fast immer nie genau trifft, sondern in einem ungefähren Raum verbleibt. Etwa leben auch die Dichtungen Franz Kakas, von ihrer hohen Stilkunst abgesehen, bis heute davon – und auch er war so wenig wie Borges ein Mann, der ein nennenswert abenteuerliches oder sonstwie erlebnisgesättigtes Leben gehabt hat. Auch bei ihm entstand beinahe alles aus der inneren Welt, in die bis auf den Grund von Ahnungen hinabgestiegen werden muß, wo sie – jede – einen derart übersubjektiven, ja geradezu kollektiven Charakter bekommt, daß wir Späteren dazu neigen, die Texte als Vorahnung zu lesen – in Kafkas Fall, um nur Die Strafkolonie zu nehmen, des heraufdräuenden Faschismus. Aber auch das bleibt letztlich Auslegung.
Wieder Ecker auslegend, ließe sich über zum Beispiel „Fahlmann“ sagen, der nicht nur die Grenzen der Geschehensräume auflöst, sondern auch das Zeitfundament der Sukzession, also eigentlich Zeit-selber zum Raum macht, nämlich zu einem Kontinuum, – ließe sich sagen, daß die uns unterdessen über zum Beispiel das Internet sehr bekannte Auflösung der noch vor zwanzig Jahren geradezu dinghaften Grenzen des Kommunizierens auf eine Weise gespiegelt und gestaltet wird, die die Neuen Medien, ja überhaupt Medialität völlig erfaßt, auch wenn sie sie nicht nennen muß. Denn auf der Erzähloberfläche spielt sie überhaupt keine Rolle. Darunter aber eben doch.
Hinzu kommt eine andere, eine spezielle Modernität. Denn der Fahlmann denkt expressis verbis die Bedingungen seiner eigenen Entstehung mit, und zwar in den langen Gesprächen zweier Protagonisten. Damit schließt Ecker direkt an ein Paradigma der Avantgarden zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts an, das heißt, er geht nicht, um den ohnedies unscharfen Begriff n o c h unschärfer zu verwenden, postmodern oder postmodernistisch über sie hinweg, sondern schließt eine Lücke, die besonders der Hitlerfaschismus verschuldet hat, auf den aus politisch allerdings verständlichen Gründen das geradezu Dogma eines, sagen wir, sozialen Realismus gefolgt ist. Die Berührungsangst gegenüber Phantastischen Literaturen ist nicht von ungefähr ein deutsches, bzw. deutschsprachiges Phänomen; weder der angelsächsische noch der romanische und da speziell der spanische Sprachraum kennt es auch nur ungefährer Weise. Entsprechend waren sie, diese Literaturen, – und sind es beinah noch immer – hierzulande nur dann akzeptabel oder sogar gerühmt, wenn sie nicht aus Deutschland kamen, sondern übersetzt werden müssen. Ein deutscher Gabriel Márquez hätte bei uns nicht die geringste Anerkennung gefunden; wahrscheinlich wäre er ebenso verschwiegen worden, wie es in der umittelbaren Gegenwart ein deutscher Thomas, sagen wir, Pynchon würde. Nicht zuletzt dieses Umstandes halber setzt die Verleihung des Friedrich-Hebbel-Preises an Christopher Ecker ein Zeichen. Sie hebt die Bedeutung dieses Romanciers über jede nur-regionale Anerkennung hoch hinaus und zeugt deshalb, was die Beachtung ästhetischer Qualitäten betrifft, von ausgesprochenem, nicht nur so genanntem Realitätssinn. Tatsächlich spielt Ecker sowohl in konstruierender Macht als stilistischem Vermögen in der ersten Liga der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur.Lassen Sie mich noch einmal auf Friedrich Hebbel und von da aus auf das Geheimnis zurückkommen, von dem ich eingangs sprach, und mit einer frühen kleinen Prosa Christopher Eckers abschließen, die es, dieses Geheimnis, direkt, wenn auch nur gleichnishaft benennt.
(…) die dramatische Kunst

schreibt Hebbel5 und seine Perspektive läßt sich sehr wohl auf den Roman übertragen,

soll (…), wie alle Poesie, die sich nicht auf Superfötation und Arabeskenwesen beschränkt, zeitgemäß sein,

weshalb er, Hebbel, seine Dramen auch als künstlerische Op­fer der Zeit bezeichnet habe,

denn

fährt er fort

ich bin mir bewußt, daß die individuellen Lebens-Prozesse, die ich darstellte und noch darstellen werde, mit den jetzt obschwebenden allgemeinen Prinzipien-Fragen in engster Verbindung stehen, und obgleich es mich nicht unangenehm berühren konnte, daß die Kritik bisher fast ausschließlich meine Gestalten ins Auge faßte, und die Ideen, die sie repräsentie­ren, unberücksichtigt ließ, indem ich hierin wohl nicht mit Unrecht den besten Beweis für die wirk­liche Lebendigkeit dieser Gestalten erblickte, so muß ich nun doch wünschen, daß dies ein Ende nehmen, und daß man auch dem zweiten Faktor meiner Dichtungen einige Würdigung widerfahren lassen möge, da sich natürlich ein ganz anderes Urteil über Anlage und Ausführung ergibt, wenn man sie bloß in Bezug auf die behandelte Anekdote betrachtet, als wenn man sie nach dem zu be­wältigenden Ideen-Kern, der manches notwendig machen kann, was für jene überflüssig ist, bemißt.

Dieser Ideenkern ist bei Ecker das Phantastische als quasi Hochprojektion eines permanent wirkenden Unbewußten auf die Leinwand des Bewußtseins, in anderen Worten: eine Übersetzung ins romanpoetische Bild. Bereits in einem frühen Prosastück, das sich in seiner 2006 bei Gollenstein erschienenen Erzählsammlung >>>> „Der Hafen von Herakleion“ findet, nimmt Ecker darauf Bezug; man kann den kleinen Text durchaus als einen Nukleus seiner Poetik lesen. Er heißt „Der Makel“ und geht so:

Der Makel, den ihr zu erkennen glaubt“, sagte er, und ich wußte, daß er weniger scherzte als sonst, „ist keineswegs ein Makel.“ Sein Gesicht nahm diesen triumphierenden Ausdruck an, der mich immer an ein Kind denken ließ, das soeben ein Rätsel gelöst hat, gestellt von jemandem, der nicht glaubte, daß es von einem Kind gelöst werden konnte. „Der Makel“, hub er erneut an und deutete auf das Gemälde, vor dem, wie ich feststellte, nur ich selbst stand, denn er befand sich nicht mehr im Saal, und ich war mir auf einmal auch nicht mehr sicher, ob ich seine Stimme hörte oder mir nur vorstellte, er spräche zu mir, wie er es früher vermutlich oft getan hatte, „oder der Fleck“, er schnaubte unwillig. „Betrachte ihn genauer, Christopher! Ähnelt diese schadhafte, nein, vermeintlich schadhafte Stelle nicht einem Schatten? Deinem Schatten?“ Erschrocken wich ich vor dem Gemälde zurück, eine Hand in Erwartung eines Hindernisses nach hinten ausgestreckt, die andere – es war beinahe wohltuend – schützend über die Augen gelegt.

Und nun, in der das kurze Stück beendenden Klammerbemerkung schaut er das Rätsel selbst an – womit wir wieder beim Namen wären:

(Dem Museum, in dem sich dies ereignete, einen Namen zu geben, ist nicht der Zweck, aber ein interessanter Nebeneffekt dieser Skizze.)

Offener und damit unwägbarer läßt sich ein Text kaum beenden und spiegelt damit uns auf uns.

Lieber Christopher Ecker, ich gratuliere Ihnen aus vollem Herzen zum Friedrich-Hebbel-Preis 2015.

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ANH, März 2015
Berlin

Alban Nikolai Herbst
Näher, mein Wort, zu Dir!
Die Dichtung und Das Internet

[Geschrieben und dort auch vorgetragen für die
Literaturtagung SPRACHE ODER BILDER,
21. bis 23. Februar 2014, Mosse-Palais, Berlin]
→ PDF: 

Immer wieder, in großem Umfang zuletzt in einem von der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff für DIE ZEIT geschriebenen und von dieser Wochenzeitung bedeutsam gefea­tureten Essay, ist die Klage darüber zu lesen, das Internet zerstöre die Literatur, sei überhaupt wort- und insgesamt kunstfeindlich; deswegen bedienten sich seiner nur rundweg dumme Leute, also solche, zu denen zu gehören ich mich hiermit oute. Es, das In­ternet, sei der jeder Kunst- und Denkanstrengung nötigen Konzentration abträglich, weil sich zum Beispiel längere zusammenhängende Texte nicht lesen ließen, perma­nent auf Ablenkung gesetzt werde und überdies die permanenten Bildeinstreuungen eine ernsthafte, sagen wir: seriöse Auseinandersetzung mit Inhalten verunmöglichten. Menschen wie Lewitscharoff, auch, dreivier Jahre früher, nämlich in der FAZ, Thomas Hettche und mit den beiden zahllose andere favorisieren für das Wort nach wie vor das Buch als seinem, quasi von Gottes Gnaden, einzig adäquatem Träger. Indem die Buchkultur sterbe, gehe auch die Dichtung zugrunde.
So weit wird, so schlecht vielleicht nicht gedacht, aber argumentiert – ungewußt einen ganz anderen, einen historischen Kulturbruch zitierend. Ich meine den von der Handschrift zum Buchdruck in den Fünfziger/Sechziger Jahren des 16. Jahrhun­derts. Selbst im Siebzehnten wurde noch heftig diskutiert, mit Argumentationssträn­gen, die den heutigen geradezu bizarr ähnlich sehen. Darauf hat wohl zuerst, am Bei­spiel Pietro Aretinos, Renate Giacomuzzi1 aufmerksam gemacht – wie auch auf einen Hintergrund, der die Diskussionen unter einem wie immer auch eigentlich nahelie­genden, so doch völlig anderen Zweckziel beleuchtet, nämlich dem der Macht, bzw. des Machterhalts. Dabei geht es um Märkte. Ich spreche deshalb von einem Verteidigungskrieg der Deutungshoheiten, der derzeit geführt wird. Selbstverständlich ist es ein Krieg um Pfründe. Eben deshalb wirken die Einlassungen derart ideologisch, wenigstens verkrampft. Spielerische Haltungen sind so wenig zugelassen wie abenteuerfrohe Neugier. Freilich kommt, auf der Seite der Netz-Gegner, oft eine nachlassende hirnphysische Präsenz hinzu, die es ihnen auch objektiv unmöglich macht, mit den Entwicklungen Schritt zu halten. Um es knapp auszudrücken: Die Netz-Gegner sind alte Menschen, wobei es gleichgültig ist, ob sie erst vierzig oder bereits achtzig Jahre alt sind; ihre Entwicklung ist zum Stehen gekommen. Deshalb stimmt es, wenn sie behaupten, man könne lange zusammenhängende Texte am Bildschirm nicht lesen; nämlich können sie es nicht. Weshalb es auch andere nicht können können sollen. Man käme sich sonst genau so schwach vor, wie man ist. Obwohl man doch bedeutend ist und das auch deutlich zeigt.

Ich spreche von einem Generationswechsel, vor allem aber Generationenmentalitäts­wechsel, der möglicherweise eingreifender ist, als es – in sämtlichen Kunstbetrieben – die Machtübernahme durch die sogenannten 68er gewesen ist. Nicht nur die politi­sche Ausrichtung, sondern ein gesamtes Sozialverhalten ändert sich, die Definition desssen, was Freunde seien; man tritt in innigen und aber direkten Kontakt mit Men­schen, die oft Hunderte, wenn nicht Tausende Kilometer entfernt leben. Für Jugendliche ist das bereits Alltag. Damit ändert sich die gesamte Art und Weise der Wahrnehmung. Es ändern sich also die anthropologi­schen Konstanten. Kein traditionelles Pisa kann das mehr messen. In meinem Aufsatz → „Die anthropologische Kehre“2 habe ich den Vorgang beschrieben.
Um es auf eine verknappte Formel herunterzubrechen: Multi Tasking statt fo­kussierter Konzentration. Diese Entwicklung entspricht einer zunehmend sich da­durch begebenden Mythisierung der Wirklichkeiten, als rein faktisch das gesamte Maß des wißbaren Wissens persönlich von gar niemandem mehr erfaßt werden kann; wir briko­lieren Wirklichkeit, um es mit Lévi-Strauss zu sagen. Ein anderer meiner Aufsätze – → „Das Flirren im Sprachraum“ aus dem Jahr 2000 – hat dieses im Zentrum und spie­gelt es in die Dichtung. Eine moderne Literatur muß diesen Geschehen entsprechen, nur hier auch kann Utopie entstehen. Das heißt für die Dichtung, daß es um neue Formen geht, die den Erscheinungen angemessener sind als die sogenannte realistische Narration des 19. Jahrhunderts. Um diese Formen zu entwi­ckeln, braucht es das Netz.
Die Frage ist also nicht die dieser Tagung – ob Literatur im digitalen Zeitalter noch zur Utopie tauge -, sondern vielmehr umgekehrt, ob eine Literatur dazu tauge, die sich dem Netz verweigert.

Ich glaube, sie taugt nicht, und zwar aus dem einfachen Grund, daß sie den Bezug zur Wirk­lichkeit verloren hat und ihn auch nicht wieder herstellen will. Selbstverständlich glaube ich nicht, daß es keine belletristischen Bücher mehr geben wird, auch wenn, im Unterhaltungsbereich, mehr und mehr und schließlich wahrscheinlich ausschließ­lich noch zum eBook gegriffen werden wird, aber die Formen einer zeitgenössischen, das heißt zeitgemäßen Dichtung – den Roman schließt das ein – werden sich nicht in Konkurrenz zum Netz, sondern aus der Zwiesprache mit ihm entwickeln, und zwar schon deshalb, weil die Erfahrungswelten künftiger Leser zu großen Teilen vom Netz besiedelt sein werden.
Und im Netz entsteht bereits heute Dichtung, völlig anders, als das offizielle Bild des klassischen Feuilletons uns glauben machen will. Daß die Umsätze sämtlicher großen Zeitungen signifikant, ja alarmierend für sie, zurückgegangen sind, zeigt, auf welch verlorenem Posten sie stehen, und zeigt auch, weshalb mit solch rhetorischer Gewalt reagiert wird – und mit einer auch vorm Rufmord nicht zurückschreckenden Gewalttätigkeit gegenüber im Netz agierenden Literaten. Dies sind indes, um böse Kafka zu travestieren, Handlungen und Haltungen, die bereits im Absturz gemacht, bzw. eingenommen werden. Abwehrbewegungen radikalisieren sich um so mehr, je weniger sich einem Ende noch ausweichen läßt.
Allerdings habe Aretino, analysierte Giacomuzzi, „das dauerhaft auf Pa­pier gesetzte Wort als moralischen Radiergummi“ gebrandmarkt, „beharrt mit ‚Feuer‘ und ‚Flamme‘ auf einer prä-gutenbergschen, oralen Medienkultur“ und da­mit „die spezifischen Merkmale des neuen Mediums“ ignoriert, nämlich der rasant entstehenden Kultur des Buches, „das zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit Dauerhaftigkeit plus massenhafte Verbreitung ermöglichte“3. Aber er habe „die Möglichkeiten des neuen Mediums sehr wohl erkannt. Die an potentielle Kritiker und Zensoren gerichtete Beschwörungsformel ist nichts anderes als ein Trick, den Aretino benutzt, um vom eigentlichen Sinn der Druckerpresse (…) abzu­lenken. Auch der literarische Text selbst lebt von der Differenz des real benutzten Mediums, der Schrift, zur Rede. (…) Werden die Leser über Nanas äußerst bildhafte Sprache in die Geheimnisse erotischer Praktiken eingeführt, steht den ge­schilderten Nonnen kein Schrifttum als Lehrmaterial der Erotik zur Verfügung, son­dern ein ‚Bilderzimmer‘, dessen einzelne Abbildungen von der Erzählerin in Ge­schichten umformuliert werden. – Wiederum findet“, so Giacomuzzi weiter, „(…) scheinbar beiläufig und belanglos ein Medienwechsel statt, der aber eine für den Text grundlegende und belangvolle Semantik entwickelt: Die Schrift tritt dadurch schein­bar in den Hintergrund, beziehungsweise wird unsichtbar, während das Bild mit sei­ner Geschichte des christlichen Bilderverbotes (…) in den Vordergrund tritt. Mit die­sem Trick wird durch das Bild die Schuld von der de facto ‚Schuldigen‘, der Schrift, abgelenkt.“4
Vielleicht läßt sich auch so Thomas Hettches Haßartikel in der FAZ verstehen, eines Autors, der nicht nur Aretino neu übersetzt, bzw. nachgedichtet hat, sondern auch ei­ner der ersten deutschen Schriftsteller gewesen ist, der als prominente Experimentier­bühne eine Netzpräsenz betrieben hat. Freilich singt sein letzter Roman andere, uni­sono mit vielen Kollegen lamentierende Töne: „Dieser blaue Leinenband aber hat noch das richtige Gewicht, er öffnet sich wie von selbst, und die Finger gleiten wi­derstandslos über das feine Papier, gerade dünn genug, damit man, gegen das Licht, den Umriß des umseitigen Textes durchscheinen sieht. So muß es sein, das gibt dem Blick Halt. Meine vergehende Welt.“5
Worüber spricht Hettche hier wirklich? Nolens volens verrät er es: Über das Buch als ein Bild. Dem Blick wird Halt gegeben. Der Blick gibt GOtt. So daß sich etwas noch ganz anderes wiederholt. Nicht von ungefähr sind, wie Giacomuzzi schließlich schreibt, trotz aller Haß-Volten auf den Buchdruck, Aretinos Schriften doch noch auf dem katholischen Index des Tabus gelandet, wenn auch erst nach seinem Tod. Die verbotene Sinn- und Erkenntniskraft des Bildes hatte sich auf die gedruckte Schrift übertragen, die so nun ihrerseits zum Bild wurde; monotheistisch argumentiert, ist sie regrediert. Sie wird der Halt, den Aaron Moses‘ aus Ägypten ausgezogenem Volk wiedergeben wollte, das, was dem Blick Halt gibt, aber nicht genügte, weil es kein Gegenstand mehr war. Heute ist das Buch Aarons Goldenes Kalb.

Im Buchdruck wird das Wort-selbst zum Fetisch. Nicht grundlos ist das Kalb „golden“ – ein Umstand, der sich erst in der kapitalistisch durchökonomisierten Welt zur Quelle ständig neuer Mehrwert­schöpfung gemacht hat und damit zugleich jeglichen Inhalt profaniert. Mit der ge­druckten Bibel ist das Wort GOttes zwar wohlfeil geworden; die höchsten Gewinne aber lassen sich, in der Massengesellschaft, gerade mit Billigartikeln erzielen, durch deren Addierung von Centbeträgen Milliarden entstehen. Die Profanierung wiederum bedingt, daß das Buch keineswegs ein Tempel des Heiligen Wortes ist, sondern jederlei Schund die Klappen öffnet. Ein qualitativer Unterschied von Internet-Wort zu Buch-Wort besteht nämlich gar nicht; der Ausstoß an Unerträglichkeiten ist kein minderer als im Netz. Insofern ist es geradezu bizarr, anläßlich eines ver­meintlichen oder tatsächlichen Untergangs der Buchkultur von kultureller Abend­dämmerung zu sprechen – um so abstruser, übrigens, als gerade der Roman eine gan­ze Zeit lang, erst nur fürs Amusement Höherer Töchter geschrieben, als Hort der Un­moral galt; zur favorisierten Ausdrucksform des Bürgertums avancierte er erst lang­sam. Da muß es nicht Wunder nehmen, daß er als abgeschlossenes Totales in einem Prozeß an Kraft verliert, in dem eben dieses Bürgertum zerfällt, d.h. in dem die feste Entität als Fixpunkt des Sozialen an Bedeutung verliert.
Die Buchdeckel signalisieren die Geschlossenheit, sie sind die Körpergrenzen des Fetischs. Über den Roman selbst, also über den Text, der er ist, sagt das nichts. Die frühesten Romane, nämlich die Epen als seine Vorläufer, wurden vorgetragen; daß sie im Versmaß stehen, hat Gründe in der Oralität, nicht etwa, weil das Versmaß dem Roman-selbst notwendig gewesen wäre. Es ging schlichtweg ums Memorieren. Das ist der Genese des Reimes ganz ähnlich; dieser steht näher der Musik als der Roman, der spätestens mit dem Buchdruck auf den mündlichen Vortrag nicht weiter angewie­sen war. Interessanterweise rhythmisiert er sich jetzt neu, heute, in den Tagen des In­ternets, da ihm das Haus, aber nur dieses, überm Kopf zusammenbricht.
Andere Rhythmen aber sind es, sind solche der Gleichzeitigkeiten, denen eine Befähigung der Rezipienten entspricht, die ich schon oben multi-tasking nannte. Das wiederum spiegelt unsere moderne Wahrnehmung von Welt. Mehr noch kommt der Roman gewisser­maßen erst jetzt bei sich an, indem er eine neue Entwicklungsstufe erklimmt: Er muß nicht mehr abgeschlossen werden, ja nicht einmal mehr abschließbar sein. Er realisiert sich als seine eigene Utopie. Allerdings wurde das schon nach seinen poetologischen Höhepunkten um Flaubert, Balzac und Tolstoj erspürt: daher die erkenntnistheoretische Kraft etwa der Romane Kafkas als Fragmente, auch Musils und anderer. Stärker noch, zeigt der Vorgang an, daß der Roman seine Tendenz ins Unabschließbare, damit auch Unfaß­bare, zu perfektionieren gewillt ist. Und zwar gab es durch­aus Vorläufer – die Literaturwissenschaft spricht von „digressivem Schreiben“; den­ken Sie an Laurence Sterne, denken Sie an Jean Paul. Aber nicht die heute noch immer eine Romanästhetik des 19. Jahrhunderts fortschreibenden Bücher zeigen das, also nicht Autoren wie Updike, Atwood, unterdessen auch Hettche und andere, sondern die, die sich aus der neuen Freiheit, die ihnen die Postmoderne gab, herausentwickelt haben, etwa Thomas Pynchons, Elfriede Jelineks, Roberto Bolaños; auch meine eigenen Ar­beiten zähl ich hinzu.
Das Unfaßbare ist eben GOtt, d.h. das erste WOrt, mit dem Welt begann oder begon­nen zu haben – eben: – gesagt worden ist. Die bis heute grandiose Idee daran ist, daß, wie unverwurzelt man immer auch leben mag, dieser GOtt eine jedes Bild überstei­gende Gegenwart hat. Praktisch gesprochen, mußte ein Nomadenvolk keinerlei Göt­zen mehr mit sich wuchten; theoretisch bedeutete es SEine permanente Gegenwart. In einer von schon berufshalber häufigen Ortswechseln gekennzeichneten Gegenwart, sprich der Globalisierung, kann deshalb das Buch gar nicht mehr „Ort“ des ge­schriebenen und zu lesenden Wortes sein und also auch nicht der Utopien. Wer will denn Bibliotheken schleppen, zu­mal dann, wenn alles in digitaler Form quasi überall verfügbar ist? Es ist ja nicht falsch, nicht nur in mosaischem Zusammenhang von einem Fließen Gottes zu spre­chen, sondern der „Ort“ SEiner permanenten Gegenwart ist heute das Netz, das Inter­net, und zwar auch und gerade, was die Vermittlung von Wissen angeht. Einen An­schluß finden Sie, derart von Netzen überworfen ist längst die Welt, noch in dem ärmsten Dorf, wo es an Essen mangelt. – Oder wenn Sie Lexika brauchen, für Ihre Arbeit? Wo steht die nächste Britannica? Die schwarmgeniale Erfindung Wikipedias hat sie beinah obsolet gemacht. Allerdings sie selbst, die berühmteste aller Enzyklo­pädien, hat schon früh reagiert, anstelle in der Schmollecke zu sitzen, und eine Netz­variante vorgelegt, die anders als jedes Buch tatsächlich gegenwärtig sein kann, be­sonders, was die rasanten Entwicklungen der Naturwissenschaft anbelangt. Und die­se, längst, präsentieren Dissertationen und Habilitationsschriften ohnedies kaum noch in Printform. Wenn wir akzeptieren, daß kaum etwas unsere moderne Gegen­wart derart geprägt hat wie sie, die Naturwissenschaften, nähme es allein schon von daher Wunder, spiegelte die Dichtung das nicht wider und folgte nicht den entspre­chenden Wegen oder liefe ihr voraus. Tut sie es nicht, wird sie sich antiquieren. „Li­teratur nimmt die Wissenschaft vorweg“, formulierte Hettche einst selbst, aber da war er noch jung.
All dies bedacht, lassen sich die Beklager der Entwicklung nur als Pharisäer der ka­pitalistisch durchökonomisierten Welt verstehen, als ihre Statt- und Steigbügelhalter, solche, die der Kirchenvertreter Rolle übernommen haben, die, anders als der Glaube selbst, beharrend ist, und zwar auf ganz ähnlichen Strukturen wie alle gängigen Machtapparate. Deshalb sprach ich oben von einem zur Zeit brandenden Krieg der Deutungshoheiten. Da werden auch mutwillig Augen verschlossen, und gegen besseres Wissen wird eben der GOtt gelästert, nämlich seinem WOrt, dem zu dienen man vorgibt. Denn nur der Götze Buch hat einen Marktwert, an dem sich auch und gerade dann verdienen läßt, wenn man es selbst nicht geschrieben hat; das WOrt hingegen, als allgegenwärtiges, ist bei einem Jeden; das Internet als sein neuer Tempel läßt die Kirchenpforten immer offen: jeder kann hinein; es gibt nicht einmal Sakristeien. Das WOrt ist nun wirklich wenn zwar nicht „demokratisch“ geworden, so doch prinzipiell nicht nur Eliten zugänglich.
Darin steckt eine Logik. Sie setzt radikal fort, was mit den Keilschriften begann, was die Handschriften kultivierten und schließlich Gutenberg verteilte. Sogar die bei Aretino erzählten Mischformen aus Wort und Bild perfektionieren sich – ja, indem des Netz auch das gesprochene Wort wiederzugeben vermag, kann die Dichtung in eine Totale gehen, von der, für das Musiktheater, Wagner nur geträumt hat.

So kommt denn das WOrt zu sich zurück, wird aus dem Allerheiligsten genommen, der Vorhang ist beiseitegeschlagen, wenn nicht bald schon heruntergerissen. Der Text wird gemeinfrei – gleich der nächste, für Bürgerliche, Skandal. Dies ist die vielleicht größte Attacke auf eine Welt allein aus Waren. Verwalter werden nicht mehr gebraucht, also solche, die bestimmen, wer was zu lesen habe und was der Jugend schade. Wen wundert‘s da, wenn die Kuroren, die bezahlt sind, von den verderbten Sitten klagen? Daß sie verderbe, stand als War­nung schon je zu Seiten der Kunst. Das wissen die Kuroren auch…
Zum andren kann sich das WOrt nun alliieren; etwas, das vordem allenfalls um sehr teuer Bibliophiles zu haben war, und auch da nie in einer anzustrebenden Einheit mit wieder dem Klang. Nicht von ungefähr hat gerade die Lyrik nicht nur enormen Zulauf im Netz, sondern sie entsteht dort auch, und zwar in kaum vorstellbarer Men­ge. Sie braucht keine vorhergenommene Kanonisierung mehr, die für ein kaufmänni­sches Unternehmen, wie jeder Verlag es ist und sein muß, das Risiko rechtfertigt, solch Schwerverkäufliches auf den Markt zu bringen. Die Zugriffe auf Gedichte auf nur meiner eigenen Webpräsenz gehen bisweilen an die 5000; man vergleiche, daß auf dem deutschen Markt bereits ein Lyrikband von 800 verkauften Exemplaren als extrem erfolgreich gilt. Literaturpreise, freilich, werden nur für die vergeben. Wer nämlich sitzt in den Juries?
Auch das ist Schlacht um Deutungshoheit, die eine Schlacht um Einkünfte ist. Man will ja seine Leasingraten zahlen. Ihr nehmt uns unser Land weg: Darum alleine geht es. Was eine Pflanze sei, was Wiese und was Acker, also cultura, Kultur, spielt die geringste Rolle. Doch das steht auf den Fahnen.
Allerdings ist die Szene derart vielgestaltig, lebhaft und wahrhaftig unüberschaubar, daß die gegenwärtige Tageskritik auch deshalb von ihr keine Kenntnis nimmt, und das, obwohl sich die Form der zeitgenössischen Lyrik im Netz nicht annähernd so ändert und wohl auch nicht ändern kann, wie die eines Romanes, der in sein unendliches Fortschreiben vordringt und dabei obendrein eine direkte Mitschrift seiner jeweiligen Zeit ist, d.h. immer auch das Dokument seiner eigenen Entstehung und der Welt um sie herum – womit endlich eine der großen, bislang unrealisiert gebliebenen Forderungen der jungen literari­schen und insgesamt ästhetischen Moderne eingelöst werden kann. Eine im Netz realisierte kunstphilosophische Utopie, mei­ne Damen und Herren. Dagegen ist der traditionell im Buchdruck erscheinende Romane immer, notgedrungenermaßen, schon bei seiner Drucklegung historisch – so wie, mit Karl Kraus gesprochen, die Zeitung von heute immer gestern. Die sich im Roman gestaltende abgeschlossene Erzählung wird zur Binnenerzählung in einem Strom. Damit macht sich diese Gattung, wenn sie in bewußter Formung ent­steht, erneut zum adäquaten Kunstmedium der Gegenwart, einerseits, indem es um vieles näher wieder am WOrt ist als jedes durch seinen Fetisch-, modern gesprochen Warencharakter verstellte Buch, andererseits, indem er sich den zunehmend die Ent­wicklung bestimmenden technischen Bildern öffnet oder, siehe das Spätwerk Go­dards, sie ihm. Das wäre ohne das Netz nicht möglich gewesen, weil nämlich nicht rezipierbar. Was nun die technischen Bilder selbst anbelangt, möge ein Verweis auf Vilém Flusser genügen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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ANH, Februar 2014
Berlin

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1 Renate Giacomuzzi, Die Dschungel.Anderswelt und
ANHs Poetik des Bloggens, in: Panoramen der Anderswelt,
hrsg. von Ralf Schnell, die horen Nr. 231, 2008.

2 ANH, → Die anthropologische Kehre, in:
ANH, Schöne Literatur muß grausam sein,
Gesammelte Essays und Reden 1,
Kulturmaschinen Berlin 2012.

3 Renate Giacomuzzi, a.a.O.
4 Giacomuzzi, a.a.O.
5 Thomas Hettche, Die Liebe der Väter, S.146,
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010.

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