Rückwerdenssmiley (Entwurf)

 

Wie sich nach den OPs
der Körper beinah merklos wandelt’
– nicht sich verschandelt, nein,
er fällt, so scheint es, eh’s

zur Mannheit kam, zurück
in eine Jugend, die noch
ungehärtet war, jedoch
bereits – als Musterstück,

was werde – die Brust, den Bauch
behaart, selbst schon den Rücken,
hatte und sei doch, wegzudrücken,
was geschah, bereit und auch,

vom Krebs anorektiert,
das letzte Fett zu streichen,
und alles andre, was dergleichen
den Leib dekonzentriert,

statt purer Geist zu sein,
ja noch die Fleischesgier bezeugt,
darein er ihn gebeugt, seit je –
denn fast aus ihr allein

hat er im Hirn sein Wohl geformt
und jedes Weh des Wörterklanges
– ausschließlich s o gelang es,
wenn’s gelang, metrisch genormt

die Normen kühn zu übersteigen,
so zart und hart und wild
des Versewetzers Seitenbild
wie sich nur Lüste zeigen.

Nun fällt zu essen ihm schon schwer,
und der gescheute Geist wird leicht
ganz wie die Körpermasse weicht,
doch grinst aus Leibesmitte her

als umgekehrtes Riesen-Ikon
das Smiley eines nächtlichen Mahrs,
der es viszeral reinbiß, dwars, als Riß:
So düster glühend der Resektion Narbe,

ein klopfender Grat von rotharter Farbe –

_____________
ANH, Januar 2021
Berlin

Freitag, den 13. November 2020: Narbenbruch-OP. Im (Nach)Krebstagebuch.

Aufbruch 6.20 Uhr, SANA Lichtenberg auf der Station um 7. Dort kennt frau mich ja schon, und man.
Kurz die Formalitäten und aufs Zimmer gleich, entkleiden, das bizarre Nachthemd an, ins Bett, ein bißchen spieln noch die Zehen… doch schon geht’s rollend ab ins futuristische Cockpit des OP-Saals. Das ich noch mitbekommen werde, fein. Und da soll ich halt zählen. (Nicht ohne Witz: auszählen, sich selbst auszählen. Anästhesisten-Kalau.)

Das Messer setzt um 8 an.

Habe ich Ihnen, Freundin, schon erzählt, daß ich die 13 liebe? In der Tat, als die matriarchale Zahl ist sie voll der circeschen Lockung und birgt jede Höhlung des Venusbergs, in der wir uns erfüllen. Weswegen sollte ich also nervös sein? Und doch, und doch, ich bin’s. Ans Schlafen war heut kaum zu denken bislang. Also konnte ich auch aufstehn so nachts, mir einen Tee aus Salbeiblättern bereiten und mich an den Schreibtisch setzen. Um dieses hier zu schreiben.

ANH, 3.32 Uhr

(Erscheinen soll’s aber erst zum Skalpell).

 

 

 

 

Sana Ankunft,
6.45 Uhr

 

 

***

[16.52 Uhr]
Alles gut gelaufen, aber doch … ja, heftiger als nach der Magenresektion, “einfach” deshalb, weil ich zu der OP eine PDK gesetzt bekommen hatte, hierfür aber nicht. Und also bekomme ich so ziemlich alles mit — zu dem für mich wirklich schwierigen Umstand hinzu, daß mir nun doch noch mal ein Blasenkatheder gelegt wurde. So gräßlich, daß ich das Ding echt widerlich nennen muß. Es verursacht dauernden Harndrang – psychisch, denke ich mir, einfach “nur” psychisch –, ohne daß ich pinkeln aber kann. Woraus wiederum mein Gefühl folgt, daß, wenn ich auch nur noch ein bißchen trinke, mir die Blase platzen wird. Eventuell wird das Ding aber nachher noch, spätestens morgen gezogen.

 

Immerhin, den Arbeitsplatz habe ich mir nun schon eingerichtet

und bin auch die ersten Schritte, nach der OP, wieder ohne Hilfe gegangen, kann auf jeden Fall, was mir wichtig , auf die Toilette, und zwar allein. Indes — worauf ich mich nun wirklich freue … in nicht mehr ganz zwei Stunden … darauf, voilà!:

 

 

An eine Gönnerin: Die Entwerdung der Welt.

Verehrte, liebe Frau v. Meck*),
von Herzen allen Dank für die Nachfrage. Ach, meine Ungeduld! Mir geht die, sagen wir’s euphemistisch, “Umstellung” meiner Verdauungsorganik nach wie vor schwer auf den Senkel, weshalb ich mich, weil ich spüre, wie unwirsch und grantig ich manchmal darob bin, auch in den Korrespondenzen besser zurückhalte. Allzu vieles geht gegen mein Temperament, meine Mentalität, auch meinen, sagen wir, vitalistischen Glauben – und da ich aber keinen wirklichen Gegner, nicht mal mehr → meine Krebsin habe, gegen was ich mich auflehnen könnte, sondern einfach nur aushalten muß und als Adressaten meines Protestes immer nur mich selbst ansprechen kann, mache ich besser alles alleine mit mir aus. Wie schon mehrfach geschrieben: Ich muß mir immer wieder verdeutlichen, wie kurz → die OP erst zurückliegt und daß mein Körper selbstverständlich Zeit zu Heilung und Umstellung braucht – ein Umstand, der aber die normale Schnelligkeit meines Geistes schwer, schwer lähmt. Und also schreibe ich kaum mehr was. Immerhin, statt dessen, ich lese. Und dabei entdecke ich manches, das mir sonst möglicherweise verborgen geblieben wäre, etwa → Waltraut Lewin. Aber ich habe nicht mehr das Gefühl, auch nur entfernt noch ein Mitspieler zu sein, nicht mal wartend auf der Ersatzbank, sondern dem ganzen Betrieb den Rücken gekehrt. – Vielleicht aber wird sich das in Wien wieder ändern, keine zwei Wochen mehr, bis ich dortsein werde fürs Lektorat der → Béarts. Doch alles andere, was mich wieder hineinbringen hätte können, ist nun abermals coronahalber abgesagt, wie jetzt zum Beispiel sogar die Frankfurter Buchmesse, und meinen Lehrauftrag in Bamberg werde ich nun digital von hier aus wahrnehmen müssen, ohne daß ich eine Ahnung hätte, wie das funktionieren soll, ja ohne den Glauben daran, daß es funktioniert. Aber wir werden sehen. Daß “Dinge” wie die für die Vermittlung von Bildung so notwendige Persönlichkeit, persönliche Ausstrahlung usw. komplett an Wert verloren haben, geht mit der von mir ja schon lange gesehenen Entkörperlichung von Welt ebenso einher wie die Nivellierung des Geschlechts bis hin zu seiner Diffamierung. Es entsteht eine andere Welt als die, die ich liebte und an die ich glaubte. Vielleicht ist es auch nur ein Indiz meines nun, seit dem Krebs, galoppierenden Alterns, aber vielleicht eben nicht, sondern die klare Sicht auf ein im Schulterschluß mit der entstehenden Konsensgesellschaft und einem zurückgehenden Intellekt, um von aufgefächerter Bildung zu schweigen, um sich greifendes, totales Replikantentum. Zu dem ich weder gehören will noch werde.
Ihr ANH
______________________________________________
*) Eine nächste Nadeschda, nicht → jene von vor vierzehn Jahren,
die sich schließlich, ich weiß nicht mehr warum, von meinem
Werk
zurückzog.

“Warum ich?”

 

Dieser larmoyant-häufigen Frage vom Krebs Befallener läßt sich mit einer so unsentimenal-klaren wie einfachen Gegenfrage begegnen: “Warum nicht ich, wenn es doch meine Zellen sind?”

Will sagen, wir haben uns unseren Krebs verdient, im guten wie im schlechen
— nämlich selben Sinn, wie sich Reinhold Messner seine abgefrorenen Zehen “verdient” hat, so daß sich Tumoren auch als Folgen unserer Leidenschaften auffassen lassen. Deshalb sollten jene uns in keinem Fall dazu bringen, diese nunmehr zu bedauern. Nur dann schauen wir den Krebs nicht als eine Krankheit an und uns selber nicht als Opfer, die immer schon verloren haben und verloren dann auch bleiben werden.

 

DLXXIII

18. August 2020: Abendspaziergang.

Kompletter Wiederaufbau nach, krebshalber, → Gastrektomie.
(Seit → vorgestern)

8,1 km, 1.35 h
889 Kcal
70,2 kg (morgens)

(Meine kombinatorische Schätzung vorgestern war also erstaunlich genau, zumal die vierhundert Meter Unterschied auch daher rühren werden, daß ich heute den kleinen Umweg zum Job meines Sohnes nicht gegangen bin.

Wichtig derzeit: mir angewöhnen, sehr aufrecht, sehr gerade zu gehen, nicht mehr so vorgebeugt, wie es >>>> die Bauchnarbe erheischt. Statt dessen jeden Lebensbereich mit Bewußtsein wässern; genau daraus wächst Haltung.

Zweidreimal stehen geblieben, um etwas ins kleine Notizbuch zu schreiben, das noch ausgeführt werden will.)

 

Ohne mehr Nefud: Das Krebsbeendungs- oder doch nur neues Arbeitsversuchsjournal? nämlich des Dienstags, den 18. August 2020.

(Siehe auch >>>> Trainingsprotokoll)

[Arbeitswohnung, 7.52 Uhr | 70,2 kg
Erster Latte macchiato.
france musique contemporaine:
Penderecki, Requiem polonais]

Ein wirkliches kleines Wunder sei es schon, sagte mein Onkologe gestern, als ich unseren ersten gemeinsamen Termin nach der Großen Enteinigung wahrnahm, mit dem Fahrrad hingeradelt, … – ein kleines Wunder, wie er mich jetzt so vor sich sitzen sehe, ohne daß mir, außer daß ich etwas schmaler geworden, etwas anzusehen sei, schon gar nicht solch eine Operation, die überdies nicht einmal zwei Wochen zurückliege.
Ähnliche Sätze habe ich nun mehrfach gehört, von meinen Liebsten, von Freunden, den Verlegern, und Fremde sehen mir sowieso nichts an. Es ist, als hätte es den Krebs, meine Liligeia, nie gegeben. Ich spüre das Bedürfnis, ihr einen Abschiedsbrief zu schreiben, auch wenn es nun eine ins Meer des Lebens zu werfende Flaschenpost sein wird, weil ich über keine gültige Adresse mehr verfüge. Und bin dennoch vorsichtig. Die Krebsin kam aus mir selbst und könnte wiederkommen, jederzeit, zumal sie nämlich — “einfach” verschwand: nur noch ihr, siehe unten, Bett war zu erkennen.  “Derart perfekt haben Sie” – (was “hat Ihr Körper” meinte) – auf die vier Chemophasen reagiert, daß, erzählte mir Herr Heise, der Tumor nicht nicht nur  bei Beginn der Operation gar nicht mehr sichtbar war, sondern auch die folgende histologische Untersuchung konnte ihn nicht mehr finden, nicht einmal Spuren, so wenig wie in den dreißig mitentfernten Lymphknoten und dem Stückchen herausgeschnittener Bauchspeicheldrüse.” Und was mich da nun in eine so große Erleichterung versetzte, daß ich gleichsam von ihr geflutet wurde: “Nein, eine postoperative Chemo halte ich für unnötig, ja sogar für kontraindiziert.” Was ich mir selbst gedacht, aber befürchtet hatte, mich dem doch noch aussetzen zu müssen, also die Bauchwunde ihr aussetzten zu müssen, zumal auch meine Verdauung noch ausgesprochen heikel reagiert. Den Heilprozeß und die allmähliche Neueinstellung der Stoffwechselorganik erneut-massiv mit Zytostatica zu beschießen – diese Vorstellung war mir, seit ich Aqaba verlassen, der pure, ich gebe es zu, Horror. Der ich so etwas, also einen Horror, vorher überhaupt nicht empfunden. Sofern ich mal von dem ersten halben Tag Intensivstation absehe, der – anders als mir “prophezeit” – eine kleine Hölle war. Davon aber will ich getrennt berichten, wenn ich mir die Große Enteinigung erzählerisch-direkt vornehme. Ein paar Skizzen stehen schon.

Doch hier erstmal der histologische Befund des pathologischen Instituts der Klinik:

Immerhin bezeugt er, daß es Liligeia objektiv gegeben hat, sie nicht etwa meine Erfindung war — mit welchem Vorwurf ich möglicherweise zu rechnen hätte, einigen Freunden zufolge, die meine heikle Stellung im deutschen Literaturbetrieb gut kennen. “Wenn man dir gar nichts ansieht, wird man zumindest munkeln, du habest dich wieder mal wichtig machen wollen mit deinen von ihnen seit je abgelehnten, ja als Machismo verhöhnten Haltungen. Daß die eine solche Erkrankung zu bewältigen helfen und vielleicht sogar mehr als das, darf in der Logik solcher Kritiker nicht sein.” Denen, in der Tat, gilt schon seit je: Im Zweifel gegen die Tatsachen.
Und dennoch bin ich unruhig und mag nicht wirklich, was wohl indessen eh unangemessen, triumphieren. Denn was nicht (mehr) da ist, kann auch nicht entfernt werden; so bleibt mir Lilly zumindest imaginär allerhalten. Wir werden genau beobachten müssen, aufmerksam sein: fortan jedes Vierteljahr Kontrolle, teils mit Spiegelungen und in jedem Fall der Tumormarker. Es gilt eine Spanne von fünf Jahren gesund zu überstehen; daß ein Krebs danach wiederkommt, gilt für unwahrscheinlich, bis dahin ist allerdings das Risiko hoch. “Doch bei Ihrem histologischen Befund sind die Chancen, wieder komplett zu gesunden, ausgesprochen groß.” Wobei ich entschieden darauf beharre, krank nie gewesen zu sein, sondern einen Tumor gehabt zu haben, eine Tumorin. Das ist etwas anderes. Kurz gesagt (und auch dieses wiederholt): Ich bin kein Opfer und war auch niemals eines.

Indessen, da es nun keine Rückreise durch die Nefud mehr gibt, muß ich mich aufmachen, auf  مطار الملك حسين الدولي  beizeiten meinen Flieger zu erreichen. Doktor Faisal und Lars ben Gamael wollen mich begleiten, jener allerdings, um noch eines unserer guten Gespräche zu führen; ein wirklich guter Freund ist mir in ihm erwachsen – so, wie auf ganz andere Weise Riih, mein → Röhrerich. Doch ich denke, nach Verstreichen meiner Gesundungszeit werde ich hierher auf jeden Fall zurückkommen, dann freilich in der literarisch realistischen Form einer Reise, die sich von meinen üblichen Touren nach Italien, Nordafrika und Indien nicht mehr unterscheidet.

Ihr – “liebste Freundin” wieder –
ANH

P.S.:
Der oben benannten Fünfjahresregel zufolge müßte bis zum Ablauf dieser Frist jedes hiesige Journal Krebstagebuch bleiben. Wär das nicht aber inflationär? – Gut, ich behalte den Begriff erst einmal bei, bis meine Bauchwunde vernarbt ist, also der Schnitt sowie das zugenähte Loch der Drainage, das sich ein wenig entzündet hat; morgen wird eine sogenannte Wundschwester kommen, um es sich anzusehen; ich wußte nicht einmal, daß es diesen Berufsstand überhaupt gibt.  Oder sagen wir so: Sowie ich wieder arbeiten kann, wie ich es gewohnt bin und wonach es mich dringend sehnt, lasse ich das “Krebstagebuch” endlich fallen, Ich bin eh noch immer sehr schnell, und es ist überaus bezeichnend, daß seit der Operation das Wort “ReHa” nicht ein einziges Mal gefallen ist, weder seitens der Klinik noch gestern durch meinen Onkologen. In der Tat ist mir auch schon die Vorstellungallein ein Graus, mich in die Obhut eines, entsetzlich!, Heimes zu begeben, um mich umtüdeln zu lassen und obendrein mit angeblichen “Leidens”gefährtinnen und -gefährten mich über “die Krankheit” dauernd auszusprechen. Als ob es nicht das Leben gäbe! Viel, viel dringender bedrängt mich die Frage, wann ich meinen Sport wieder aufnehmen kann; der Onkologe wie Phyllis, die Freundin, empfehlen, jetzt schon mit dem Oberkörpertraining zu beginnen, aber eben nur, insoweit nicht der Bauch belastet wird. Hanteltraining, also der Arme und Schultern, auch ein wenig des Rückens, um den Neuaufbau zu starten. Denn in der Tat, von meinem vormals athletischen Körper ist nicht mehr viel geblieben, und meine Arme kommen mir wie Ärmchen vor, langen dünnen Ästen gleich. Daß niemand mir das ansieht, liegt schlichtweg an der Kleidung.  Und meinen Arsch will ich in Männerform behalten (kaum was ästhetisch Grauslicheres als flache und hängende Backen; nur geschwollene Füße toppen das noch. — Fahrrad fahren also, fahren, fahren und fahren.

Ich bin ein Ästhet, dessen Normen aus Gründen der Gerechtigkeit ich selbst entsprechen muß. Und will. Alleine schon aus Stolz.

[france musique contemporaine:
Klaus Huber, A l’âme de descendre de sa monture et aller sur ses pieds de soie – concerto de chambre pour violoncelle baryton contralto accordéon et percussions}

arbeiten wollen: Genervte Bemerkung im Krebstagebuch. Sonntag, den 16. August 2020.

[Siehe auch → Trainingsprotokoll]

[Arbeitswohnung, 14.09 Uhr
france musique contemporaine:
Steven Stucky, Concerto for Orchestra No 2 (2003)]
(Wieder ein mir neuer Name, den ich über das
ausgezeichnete Netzprogramm france musique kennenlerne.)

 

Es ist schon etwas nervig. Seit drei Tagen sitze ich an der → Sanaqaba-Erzählung, möchte also Die Große Enteinigung schildern, habe auch alles, was nötig, beisammen, sogar eine treffliche Bildauswahl — und eigens sogar wurde meiner Bitte nachgegangen, die Krebsin und das gesamte herausoperierte Gewebe zu fotografieren … danke, danke, dafür, daß man’s tat; für meine Erzählung habe ich bereits Liligeias Augen und Spaltbeine mit einkonstruiert, die hier, auf dem Originalbild, noch fehlen:

 

 

 

 

 

Aber ich versage ständig, bekomme meinen Text nicht fertig … was heißt “fertig”??, komme nicht weiter … Immer wieder geht mir unversehens die poetische Gestaltungslust verloren, es bleibt ein tückisches “Wozu?” Dann kommt schon der Impuls erneut, der gute, aber weiß sich nicht umzusetzen, weil ich plötzlich erschöpft bin, mich hinlegen muß, dann meist auch eine bis zwei Stunden schlafe: tags, nicht etwa nachts. Da liege ich gefühlte Ewigkeiten lang wach, schon weil ich wegen des Bauchschnitts meine normale Seitenlage nicht einnehmen, aber auch nicht ganz flach auf dem Rücken liegen kann. Denn dann wird die sich bildende Narbe überstreckt, und ich fürchte, daß sie aufreißt. Mit einiger Kunstfertigkeit mußte ich mir ein schräges Rückenpolster bauen, so daß ich, was mein geliebtes Lager sonst nicht zuläßt, im quasi Sitzen schlafen oder doch zumindest zu dösen versuchen kann. Wenn aber dann noch der Darm rumort, weil ihm (noch) nicht gelingt, alles schnell gut zu verdauen, ist’s um die Nacht geschehen. Um die letzten drei Nächte nun schon — was meine Konzentrationsfähigkeit nicht steigert. Wobei ich selbst schuld, weil durchaus nicht ohne Dummheit bin. Vorgestern sah ich Federweißen im Regal und konnt’ nicht wiederstehen. Abends, gleich nachdem ich mir ein Glaserl, keine 0,1, eingeschenkt hatte und die Flüssigkeit so schäumte, wurde mir das Risiko klar, ohne aber doch wenigstens jetzt widerstehen zu können. Stattdessen das Innengejammer: “wenigstens zu kosten, ach!” Ich habe die Zeit dieses trüben Halbweinsmostes immer geliebt.
Und beließ es bei dem halben Glaserl. Doch es genügte schon. Nicht nur, daß ich einfach nicht einschlafen konnte, sondern der Gärprozeß setzte sich heftig im Dünndarm fort, so daß er sich blähte und blähte.
Gegen fünf Uhr morgens wurde es etwas besser, um halb sechs konnte ich auf Toilette und ward für irgendwas belohnt; um sechs schlief ich endlich ein und erwachte um halb acht.

Auf und an den Schreibtisch. Die Wunde motzte. Doch ist das ihr Recht, weshalb ich auch kaum Schmerzmittel nehmen muß; da sie zu jucken begonnen hat, weiß ich, der Heilprozeß ist in Gang. Unruhig machte mich nur, daß ich von gestern 71,9 zu den heutigen 70,8 fast ein ganzes Kilo verloren habe. Auf keinen Fall will ich wieder unter 70 kommen, weiß aber gerade nicht, wie ich es verhindern soll: Ich esse, wie’s nur geht, muß aber immer auf besonders kleine Portionen achten. Und was ich esse und vertrage, ist nach und nach einfach auszuprobieren. Geht’s schief, kostet’s erneut eine Nacht. Das zehrt ebenfalls am Arbeitswillen und seiner Konzentration. Da ich arbeiten aber eben will und vor allem genau weiß, was und wie es zu tun ist, setze ich stets erneut an und lasse deshalb dann auch anderes liegen, das fortgesetzt werden sollte, etwa → die Kantorowicz-Lektüre. Was wiederum meine Nervosität vergrößert, abermals etwas fragmentarisch zu lassen. Es sind mir zu viele Fragmente in den letzten Jahren; selbst mein mir wichtiges → NABOKOVLESEN ist sozusagen auf den letzten kaum noch einhundert Metern liegen geblieben, als wär dem Ferrari der Sprit ausgegangen. Nicht Unähnliches gilt ja leider nach wie vor für das letzte → Béartgedicht. Und schon muß ich an → die Triestbriefe denken, an → DIE LIEBE IN DEN ZEITEN DES INTERNETS und → MELUSINE WALSER und so weiter und so fort. Gelingt mir denn gar nichts mehr – vollendet? Nun gut, wär ich nicht im Herzen Klassizist, ich könnt’ es unter “Moderne” verbuchen. Doch bin ich halt einer und war es wahrscheinlich schon seit Beginn — was ich bloß nicht wußte, zumal es noch dem dreißigjährigen Herbstspund nicht lieb gewesen wär. (Nebenbei, zu einem der Probleme meiner Literatur: Es kann durchaus geschehen, daß ich in einer Geschichte statt “Jungspund” vom Stichloch und/oder einem verschließenden Zapfen spreche, was wiederum  niemand verstünde, oder nur sehr wenige Menschen könnten es. Ein großer Bereich meiner Arbeiten lebt aus und von Anspielungen, die ich nicht eigens mehr ausführe, sondern unklugerweise als bekannt voraussetze. Selbst Zitate sind ja nur dann als solche erkennbar. Und in meinem Beispiel hier wäre sich einfach auf die Etymologie des Jungspunds bezogen, nach der indes, sofern das Wort überhaupt noch verwendet wird, niemand mehr fragt.)

ANH
[Simon Parkin, Le chant des oiseaux]

%d Bloggern gefällt das: