Krebs/Nachkrebstagebuch, 11. Oktober 2020. Wiederherstellung der (hetero)sexuellen Kompetenz. (Zugleich als Coronajournal No 30.)

[Arbeitswohnung, 9.27 Uhr
Penderecki, Fünfte Sinfonie (1999)]
Dies ist entschiedenermaßen der nun nächstfällige Schritt, nachdem mir zum einen die Chemo die Fortpflanzungsfähigkeit zerstört haben dürfte (sollte ich dies testen lassen? von → Tests habe ich grade die Nase auch da voll, wo man den Johannes erkennt), sich aber die zweigeschlechtliche Sexualität-an-sich, ganz unabhängig von mir, unterm correctkriegerischen Dauerfeuer in Schützengräben bergen muß, die über ihr ständig so sehr zusammengeschossen werden, daß sich der Eindruck gewinnen läßt, den Angreifern komme Corona grad recht: Vermittels des Virus’ lassen sich ganze Gesellschaften moralisch zurück ins Biedermeier bomben. Genau dies, dem zu widerstehen, macht die Notwendigkeit dringend. Safer breathing hat durchaus seine Parallelen zum “safer Sex”, man muß da gar nicht lange konstruieren.
Nein, ich leugne Covid-19 nicht, sondern sehe die Gefahren — indessen aber auch, wie gut die Krankheit zur zunehmenden Entkörperung paßt und damit in die Entwicklungslogik des Monotheismus – egal, ob jüdischer, christlicher oder islamischer Provenienz. Insofern der Sexus – weiblich ausgedrückt: insofern Aphrodite – sich an keine Regeln hält (“Venus ist eine glischige Göttin”), ist die Libido auch gesellschaftlich nicht lenkbar, damit anarchisch-antiautoritär. Das kann weder einer Gesetzgebung gefallen noch gar unserer Wirtschaftsdynamik, der daran gelegen ist, alles auf einen Tauschwert herunterzubechen, es mithin gleichzumachen, sei es Ware, sei es Mensch (als nämlich kalkulierbare Arbeitskraft, die, anstelle zwischen Speichen Stöcke zu stecken, ihren Weisungen nachkommt).

Aber auch künstlerisch ist es notwendig, weil Eros die Antriebskraft der Künste ist, aller, und nicht etwa seine, bzw. der Venus Sublimation. Verdrängt ihn die Moral, verdrängt also SIE, kommt dabei schlechte Kunst – keine also – heraus. Deshalb warnte selbst Brecht, man könne nicht auf ihn bauen – zumal mit vorher den “incorrecten” Versen:

In meine leeren Schaukelstühle vormittags
setze ich mir mitunter ein paar Frauen
Brecht, Vom armen B.B.

— “setze ich mir” – welch hübsche Hybris. Es wird Zeit, wieder zu partizipieren an ihr; die Damen müssen sich setzen ja lassen: Das Spiel ist durchaus nicht von einer Seite alleine geführt, die in den Schaukelstühlen sind keine Opfer. Vielmehr, sie haben gewollt.
Wobei nicht ausgemacht ist, ob ich’s – also wieder zu partizipieren – auch “schaffen” werde. Der Wille indes ist zurück, nicht nur als Wunsch. Es ist dies, oh → Li, ein erster Schritt in die nichtnurorganische Heilung – egal, ob mich das dann abermals Stipendien und Preise kostet, die aus “moralischen” Gründen mir vorenthalten werden, dem unbeugsamen Incorrekten, den jede Konsensgesellschaft erschaudern läßt. Auch das ist eine Hitlerfolge, oder um es mit Jelinek zu sagen (ich habe es → dort schon zitiert):

Wenn alle in eine Richtung rennen, müssen die Künstler in die andere. Das ist ihre Pflicht.

(Die Dicht’rin seh die Verkürzung mir nach; sie hat hier rein rhythmische Gründe.)

Wie es also anstelln? Mehr noch als AIDS – seinerzeits bis heut – versiegelt Corona nunmehr die Lotterbetten, mit Mundschutz ist nicht einmal ein Cunnilungus wirklich praktikabel und relativ gefahrlos nur in der Monogamie noch möglich, in die wir nachdrücklicher zurückgescheucht werden sollen als selbst den Zeiten des Rauchverbots möglich — einer Entente globale erstem gelungenen Feldforschungsprojekt zur Massenlenkung. Nun wird FREMDGEHN NEIN DANKE zur nicht nur mehr katholischen, also islamischen Devise; der neue Biedermeier stand eh schon wuchtig genug in der Tür: nicht weniger bläßlich als anno dunnemals zwar, doch ebenso Ausdruck reaktionärster Macht, bzw. ihrer Wi[e]derkehr. Neu ist allein, daß sie es gelernt hat, sich als progressiv zu maskieren, sogar als Feminismus.
Ach, in der Tat, wir hatten vor AIDS nicht halb so viel Angst! Die Krankheit griff auch in
die Existenz nicht so ein, wir brauchten bloß paar Tütchen. Nicht ein einziges Späti wurde geschlossen, und wer aus Wien zurück nach Berlin kam, konnte hedonistisch sein, wie er wollte, oder sie, in Quarantäne mußte man nicht, egal ob halb der sechste Bezirk war flachgelegt worden. Und umgekehrt die KITKAT-Besucher & Innen – derer es einige, einige gab – mußten auch nicht auf die Sitte in Wien. Erst nu’ isser zu, der cosmopolitische Club, coronageschlossen wie das INSOMNIA und all die anderen Etablissments der erotischen Libertinage.
Und aber auf der Straße? Sprechen Sie, Freundin, jemanden jetzt einmal an, Jemandinnen meine ich, ob nun mit oder ohne Sternchen … auf anderthalb bis zwei Metern Abstand muß man(n) fast schreien, alleine schon wegen des Tuches vorm Mund. Sowas paßt nicht zu Charme und zu Flirt. Ich habe ja schon Schwierigkeiten, die Kassiererin bei PENNY zu verstehen, wenn sie etwas fragt. Social distance heißt erotisch Entfernung. Oben Mund- und Nasenschutz (als müßten die wir schützen!), unten LONDON GEFÜHLSECHT. Was – zwischen Arbeit und erfüllten Lebenssinn geschoben – Entfremdung genannt war, wird nunmehr total, nachdem sie auch längst das Geschlecht fast erdrückt. Die Zukunft ist “queer” und kontaktlos. Für Replikanten paradiesisch, ein gentechnologischer Rummelplatz, ist Corona fürwahr der Grund für virenfreie Sexmaschinen. Da wird sogar der Verkehr mit – Dassagichjetztnicht – möglich.
Soweit aber sind wir leider noch nicht, die Puppen von der Uhse sind wahrlich nicht alternativ, um von “wirklich” wirklich zu schweigen. Außerdem habe ich schon → mit Siri Probleme — trotz ihrer tiefen Versprechen :

Siri macht jetzt noch mehr.
Schon bevor du fragst.

Da sage noch einer, es sei die Richtung nicht deutlich! Doch helfen tut mir alledies nichts. Ich habe verabsäumt, mich rechtzeitig vor Corona und für mein Altern haushalts- und also erostechnisch zu binden, nu’ hab ich den Askesesalat und sollt’ wie mein Bruder, da war er fünfzehn, über meine Liegestatt schreiben:

Solang ich zwei gesunde Hände habe,
kommt mir keine Frau ins Haus.

Nur war er damals dreizehn, da wußte er einfach noch nicht, was das hieß. Und hier bei mir an der Wand sind viel zu viele Bücher. Dabei ist er heute prophetisch, Hagens, meines jüngeren Bruders, Satz. Der diese Pandemie zudem nicht mehr erleben muß. Ich denke einmal, AIDS hat ihm schon völlig genügt, als er statt daran im hochgebirgigen Wildwasser umkam, das ihm vier Grad kalt auf den Zungenhals stürzte. Erstarrung des Muskels, die Luftröhre zu. Gestorben, wie der Filmer sagt (dies ist ein Zitat). Des Extremsportlers neoprenverpackter Korpus wurde erst zwei Tage später gefunden. Noch lebend sah Hagen so aus zuletzt (nach der Beerdigung unseres → Vaters):

 

 

 

 

 

 

 

 

(links neben mir,
1990)

Ui, nun wurde ich wirklich privat, Pardon. Auch Corona verführt zu Lebensbilanzen, die ja immer zugleich Erinnerung sind. Jedenfalls bin ich heute einigermaßen hilflos, zumal mir mein bester, nach wie vor in schäumendem Safte stehender Freund gestern nacht “steckte”, auch für ihn sei dieses Jahr geradezu pheromonfrei verlaufen — so daß ich mir die Bemerkung nicht verkneifen konnte, da hätt ich ja lihalber gar nichts verpaßt … Was mich tatsächlich ein wenig beruhigt, auch wenn ich nach wie vor nicht weiß, wie meine Askese beenden. Nur dann nämlich, wenn dies gelingt, werde ich auch wieder mit vollen Kräften schreiben können. Die Musen wollen geliebtwerden, und zwar nicht nur im Geist, im Geist sogar am wenigsten … — Ach! Enden die → Béarts deshalb mit einem → Accende?

 

so fragt, liebste Freundin,
Ihr ANH

Die alte mythische Angst: The Matrix II (“reloaded”).

Ganz gut, Filme auf DVD am Laptop zu sehen; die Nähe zum Screen ersetzt die Größe der Leinwand durchaus, und was im Kino über Verbundenheit mit anderen funktioniert, massenpsychologisch sozusagen, was aber auch stört, ist durch die Intimität des Zuschauens hergestellt. Man könnte solch eine DVD ja nicht einmal zu zweit betrachten; allein der Kopfhörer vernetzt einen fast dringlicher mit dem Bild, als es die Kinoatmosphäre vermag. Einen Film auf diese Weise zu betrachten, bekommt etwas von einer Versuchsanordnung, einem Experiment. Also habe ich zwischendurch, wenn ich mir etwas notieren wollte, eine der Schreibtischlampen angeknipst, gekritzelt, die Lampe wieder ausgeknipst. Da rechts von mir auch noch der Standcomputer lief, der meine email-Eingänge und die Zugriffe auf die Website protokollierte, kam ich mir wirklich ein wenig wie in einem physikalischen Labor vor. Das paßte trefflich zum Film.

[Bildquelle ©: → Wikipedia]

Der ist ein wenig enttäuschend. Nicht, weil er geradezu nasezeigend auf den Dritten Teil verweist, der erst ab Dezember anlaufen wird, und sich nicht einmal die Mühe macht, die erzählte Sentenz wie jede Folge einer auch nur halbwegs fairen Fernsehserie provisorisch abzurunden; das wußte ich ja vorher. Sondern weil die computersimulierten Tricks den beschworenen „atemberaubenden“ Illusionismus nicht leisten. Ich habe dergleichen schon öfter gesehen, in der Terminator-Serie etwa, bei soviel Rummel erwartet man einfach mehr. Das Schaltpult in der Denkzentrale der (letzten) Menschenstadt – die bezeichnenderweise „Zion“ heißt, sich also auf den Jerusalem-Mythos stützt, wozu „der Erlöser“ Neon gut paßt – ist gar aus Spielbergs Minority Man abgekupfert.
Interessant an dem Streifen ist etwas anderes, nämlich: wie sehr die Angst vor den Maschinen, die Angst also vor etwas, das in seiner permanenten, doch unausweichlichen Präsenz, der zugleich enorm Unbegriffenes wie Unbegreifliches eignet, so daß sie die Form einer Naturbedrohung annimmt, – wie also diese Angst bereits kollektives Symptom geworden ist. In der Videothek standen gleich zwanzig Kopien des Films, und nur noch zwei waren da. Die von den Menschen ganz offenbar gefühlte Drohung hat den Charakter der alten mythischen Angst vor den Göttern und führt in mythische Abwehrmuster zurück. Man darf nicht vergessen, daß das Christentum ursprünglich mythisch war, weshalb es sich so gut mit den Völkermythen verbinden konnte, seien es germanisch-keltische, seien es indianische, seien es schwarzafrikanische. Der ganze Parzival ist märchenhaft-mythisch. Bis zum katholisch überbauten Voodoo ist diese Bewegung nach wie vor virulent und findet nun, in der „aufgeklärten“ Welt der Industrienationen, Eingang in die technischen Fantasien. Das sind völlig andere als in den Fünfziger/Sechzigern, als jemand wie Hermann Kahn (er prägte entscheidend die Atomkriegsfurcht meiner Jugend) die allen Ernstes glückversprechende Utopien niederschreiben konnte.
Die neuen, „unaufgeklärt“ wirkenden Mythen hngegen sind pessimistisch, sie mißtrauen der Technik. Zugleich halten Filme wie dieser dagegen. Denn was Cronenbergs eXistenZ ganz absichtlich zurücknimmt, so daß jeder eine eigene Haltung finden muß, stellt The Matrix wieder her, bzw. affirmiert es: das Erlösungsversprechen wird in seinen alten Rang zurückversetzt und der Mensch auf der mythischen Haltung festzementiert. Hoffnung wird aus der Einzelmacht fortgenommen und auf einen „Führer“ projeziert. Dazu paßt – als psychodynamische Gegenbewegung – die Beschwörung des Körperlichen durchaus, die The Matrix II sehr suggestiv in der großen, einer orgiastischen Technoparty nachempfundenen Massen- und Vereinigungsszene gestaltet, in welcher ein Volk zu einem Einzig-Ganzen verschmilzt. Das hat durchaus etwas Faschistoides, doch da es ungerichtet ist, bleibt es menschlich. Zumal es ja auch um sinnliche Verschmelzung geht, nicht um eine politisch abstrakte, für die Ideologien (etwa der Rassegedanke) implantiert werden müssen. Es ist bezeichnend, daß die Szene antiken Mysterienritualen nachempfunden ist. Ich kenne dergleichen aus dem Kitkat-Club: Es handelt sich nicht um eine Filmfantasie, sondern um Realität. Das Bedürfnis scheint, nach den Umsatzzahlen des Filmes zu schließen, ebenfalls eines Hunderttausender zu sein.

Nach wie vor ist es bezeichnend, daß dieses zunehmend wachsende neue mythische Bewußtsein – letztlich ein Akt der Selbstverteidigung – außer in ANDERSWELT noch nirgendwo einen hochliterarischen Reflex gefunden hat. Jedenfalls nicht in Deutschland. Ja, daß man ihn hierzulande nicht wahrnehmen w i l l.
Daneben ist der Film „natürlich“ widersprüchlich: Gegen das beschworene Fleisch steht doch zugleich die „Waffe“, wenn auch die, die man kontrollieren zu können meint. In einem interessanten Dialog zwischen einem Senator und dem „Erlöser“ wird es denn auch thematisiert. Ich war ganz erstaunt. Die Ambivalenz der „Maschine“ stand schlagend im Raum und im Ohr. Daß das über einen Gottesplan, der hier bezeichnenderweise „Programm“ heißt, geradezu sektisch wieder zugekleistert wird, gehört in die Logik von Hollywood-Produktionen, – ebenso wie der massive, störend zitathaft wirkende Einsatz von asiatischen Kampfszenen, militärische Gloriolen und die unvermeidliche Massenkarambolage von Autos, die bei den US-Amerikanern ganz offensichtlich den seit „Erschließung“ des neuen Kontinents mythisch gewordenen Umgang mit Pferden paraphrasieren.

Spannender Satz übrigens: „Erst wenn du mit jemandem gekämpft hast, kennst du ihn wirklich.“ — Wie wahr!

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