Krebstagebuch, Tag 20. Dienstag, den 19. Mai 2020: Chemo I (Phase 1)

[Arbeitswohnung, 5.18 Uhr
→ Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 5 B-Du
Erster Latte macchiato]

Die erste Pforte – eine Enge eher von hohem, massivem Fels, die in meine persönlich Nefud führt, wie ich die heute beginnene Chemotherapie mit Lawrence nennen will – … diese nichtPforte also unterscheidet sich insofern von jener, die uns Dante hintertrug, als sie weder eine durch den Herabsturz Luzifers entstandene kreiselförmige Einsenkung des Erdinneren ist, noch gar gibt es sie anders denn daß sie alleine gefühlt wäre. Und ohne deren oberen Abschluß kann sich auch die berühmte Aufschrift nicht tragen:

LASCIATE OGNI SPERENZA, VOI CH’ENTRATE!

Wir sollen die Hoffnung hier ja bekommen, müssen halt nur → durch die Nefud hindurch. Wozu es, um die Kraft aufzubringen, des ganz anderen Ausrufs bedarf:

VOI CH’ENTRATE, COGLIETE OGNI SPERANZA!

Nur ist hier nicht leicht Luft zu holen, die überdies so heiß ist, daß sie in den Lungen brennt; man bekommt sie kaum durch die Luftröhre wieder hinaus, geschweige zu einem Ball von genügender Lautkraft geballt. So ging es jedenfalls mir, → gestern, im Vorbereitunsgespräch zu dem, was nachher – → nach FLOT – gleich beginnen wird,
Vier heftige Medikamente mit durchweg unguten, möglicherweise extremen Nebenwirkungen; dazu Nebenmedikamente, die sie ab- und auffangen sollen. Vier je zweiwöchige Zyklen, zu je deren Beginn die Stoffe dem Körper in einer ungefähr vierstündigen Liegung zugeführt werden, und jeweils einen Tag trägt man eine kleine mit dem implantierten Bioport verbundene Pumpe am Gürtel, die dem Körper den Wirkstoff nach Art eines Tropfs zuführt, langsam also, sanft, ohne zu reizen. Jedenfalls verspricht man es sich so.
Mit Abschluß der vier Zyklen oder Phasen, nach acht Wochen mithin, sei der Patient (im Dschungelfalle ich) in aller Regel für die Operation bereit. Die Erfahrungen mit FLOT seien ausgesprochen gut; er, mein Onkologe, habe schon erlebt, daß der Chirurg gar keinen Tumor mehr gefunden habe, als er nach den acht Wochen habe operieren wollen. Mein Krebs sei heilbar, davon sei er, mein Onkologe, überzeugt. Durch die Wüste müsse ich nun aber. Ich wisse doch, daß Aqaba … wie??, von der Seeseite aus? ––– absolut unmöglich! Nein nein, es geht nur durch die Wüste. Wobei … nun jà, ss stimme schon, daß den Leuten bisweilen die Fingernägel ausfielen auf diesem langen Marsch, oft sogar am ersten Tag schon. Deshalb bekomme man gleich zur ersten Behandlung spezielle Handschuhe übergezogen, die so etwas verhinderten. Bei den Füßen sei es ja nicht schlimm.
Das verschlug mir den Atem.
Die Füße? Meine Füße??? Füße gehören ins → Zentrum meiner erotischen Lust, seit je, je, je, je her! Nirgends bin ich derart empfänglich, derart sinnlich zu erregen. “Also hören Sie mal!”
Mein Horror war ihm fremd. Ebenso wie, daß mir Haarausfall, Schleimhautentzündungen, Darmprobleme sehr viel weniger bedrohlich vorkamen, also -kommen. Sie greifen nicht mein Selbstbild, nicht meinen Stolz, nicht meine Ästhetik an. Aber häßliche Füße? Ganz, ganz furchtbar. Ein Grund, sich für alle Zeiten wegzuschließen.
Aber weiter: In höchst seltenen Fällen komme es auch zu Herzinfarktenm jedenfalls etwas ihnen sehr ähnlichem: bei entsprechenden Anzeichen sofort Alarm schlagen. “Kommt aber wirklich nur bei einem von zehntausend vor.” Beunruhigtr mich auch nicht, nicht wirklich. Nur das mir den Finger-, vor allem mit den Fußnägeln. Aber, dachte ich dann, sind nicht dem Messemer auf seinem Everest die Zehen gar ganz abgefroren?

Es sind diese, ja, Bilder, woran ich mich nun orientiere. Was mein Selbstbewußtsein stolz hält. Und eine enorme Neugier, von der ich nicht recht weiß, ob sie die meine oder von jemandem anderes inszeniert ist, einer andere, die wir namentlich nun kennen, zumal sie gestern von Frau von Stieglitz → in einen nochmal anderen Zusammenhang gestellt wurde, über den ich mich morgen äußern will; heute werde ich es vermutlich nicht mehr schaffen. Man sei, hieß es gestern in der Beratung, nach der Sitzung, nun jà, “Liegung” schon deshalb sehr erschöpft, weil anfangs ein starkes Antihistaminicum gespritzt werde, das zu enormer Müdigkeit führe. Deshalb muß ich heute mittag auch abgeholt werden; “einfach so” lasse man mich in dem Zustand nicht auf die Straße. Am besten sei ein Krankentransport. Was ich entschieden verweigerte. Ich lasse mich vor die Arbeitswohnung mit sowas nicht bringen, auf gar keinen Fall.
Also herumtelefoniert. Nun holt Ricarda Junge mich ab, die nahe mir vertraute Kollegenfreundin.

Ich habe noch gar nicht vom Kribbeln geschrieben, einem in Finger- und Zehenspitzen. Eine Nervenschädigung. Dazu aber später noch vielleicht. Ich möchte diesen Eintrag in Der Dschungel stehen haben, bevor ich aufbrechen werde.

[Schostakovitsch, Sreichquartett c-moll op. 110]

***

[Onkologie 9 – 13 Uhr, ambulant]

Phase I (von IV): Infusionstag

*** 

 

 

 

 

 

 

______________________

[Arbeitswohnung, 16.34 Uhr
Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 13 b-moll]

Gut und wohlgelaunt zurück. Der Bericht folgt dennoch erst morgen. Denn erst einmal mußte oder wollte ich meine Siesta halten, dann war anderes Einiges zu tun, und ich möchte nicht hetzen. Allerdings auch morgen wieder Arzttermine, erst bei meiner Hausärztin, dann erneut dem Onkologen, weil ich ihm die Pumpe zurückbringen muß, von der, was sie ist, ich Ihnen, Freundin, ebenfalls erst morgen erzählen werde (während ich dieses schreibe, tröpfelt’s sanft in mich weiter noch hinein). Dennoch ist der Zeitlauf morgen relativ ruhig, bei der Hausärztin muß ich erst um 11.30 Uhr sein, eine halbe Stunde später allerdings ziemlich flugs aufs Rad.
Das in Deutschland in der 5-mg-Dosierung nicht mehr erhältliche und deshalb in den USA bestellte Melatonin ist angekommen. Da bin ich jetzt aber, heut für die Nacht, sehr gespannt.

Das Karzinom als Geschöpf. Krebstagebuch, Tag 3. Sonnabend, den 2. Mai 2020.

Gestern zum ersten Mal seit der Diagnose hatte ich denn doch unversehens Angst, was die seltsame Hochstimmung, die mich bestimmte, deutlich dämpfte. Allerdings nicht des Karzinomes selber wegen und wegen der objektiv schlechten Aussichten auch dann, sollte das Ding operabel sein und tatsächlich schnell entfernt werden können, sondern als Folge meiner Vorbereitungen — die pragmatisch aber sein müssen. Also: Bestimmen “für den Fall, daß”, wie dann zu verfahren sei. Dazu gehört selbstverständlich, meine Liebsten davor zu schützen, daß plötzlich finanzielle Kosten auf sie zukommen, die sie nicht tragen können, und ich selbst habe ja überhaupt keine Rücklagen. Etwa

(da ich auf keinen Fall verbrannt werden, sondern, wie es in ihrer
wundervollen Klarheit meine Hausärztin formulierte, “meine Energien
dem natürlichen Kreislauf zurückerstatten” möchte — “zurückerstatten”
trifft es präzise, gerade in den Ober- und Untertönen des Wortes:
Dankbarkeit nämlich)

der für leibliche Beerdigungen deutlich höhere als bei der Urnenbestattung finanzielle Aufwand. Doch es ist mir existentiell wichtig:

– verbrennt mich nicht: Sand wieder werden, ein Einzeller, Wurm, Pflanze, ein Tier, das den Kopf witternd hebt, Schwein oder Ratte, vielleicht eine Schwalbe, vielleicht Mensch sogar wieder, und spürt etwas, das aus dem Früher rührt: kaum schon Empfindung, ein sprachloses Ahnen, unversehen erinnerungslos, doch die Toten atmen durch es hindurch: déja-vu’s, die bewahren
Das bleibende Thier, Neunte Elegie

Ich habe, Freundin, gemeint, was ich vor fünfzehn Jahren schrieb.

Aber das war es nicht, was meine Stimmung unversehens drückte. Sondern die Formulierung der → Vorsorgevollmacht, in der bestimmt wird, der entscheiden soll, wenn bei der OP etwas dergestalt schiefgeht, daß ich in einer Verfassung erwache oder eben nicht erwache, in der ich im juristischen Sinn nicht mehr selbst urteilsfähig bin. “Machen Sie sich klar,”, hatte meine Ärztin gesagt, “daß so etwas auch bei ganz banalen Operationen vorkommen kann. Irgendetwas mit der Anästhesie, das schiefgeht. Da muß es keine Schuldigen geben, wir können Risiken niemals ausschließen. Und dann ist es wichtig, daß jemand da ist, die Entscheidungen für Sie und in Ihrem Sinn zu treffen.” Außerdem sollte gegenüber von mir benannten Personen die ärztliche Schweigepflicht aufgehoben sein, was umso wichtiger ist, wenn ich selbst halt nicht in der Verfassung bin, etwas zu entscheiden. All dies muß ich vor der Operation festgelegt haben. Ansonsten, im Fall der nicht mehr Geschäftsfähigkeit, bestimmt ein Gericht.
Und da eben bekam ich Angst. Weil ich eben auf keinen Fall würdelos gehen will, sondern, wie ich gestern schrieb, als stolzer Mann, nicht als sabberndes, nur noch komatöses Ding, von dem im übrigen niemand weiß, ob es – und wenn es, was dann spürt. (Daß ich den Einsatz mein Leben künstlich verlängernder Maschinen ablehne, habe ich in der Patientenverfügung juristisch geregelt). — Wie unheilvoll, dachte ich, wenn ich tatsächlich nicht klar aus der OP wieder aufwache und dann eben nicht mehr den Weg gehen kann, den ich im Zweifelsfall, bei klarem Verstand, gehen würde? Einfach, weil ich dann ans Bett und auf der Station festgebunden bliebe. Das nämlich können meine Lieben dann nicht mehr bestimmen, daß ich den Freitod wählen darf (am innigsten in ihrem Beisein, mit ihrem Einverständnis, sie sind um mich herum, wir verabschieden uns, jemand hält noch meine Hand, dann nehm ich die Tablette …).
Diese Vorstellung, daß meine seelenutopische Idee in solchem Fall auch objektiv nicht mehr möglich wäre, drückte mich wirklich nieder, und ich brauchte etwas Zeit, das starke Unbehagen wieder von mir zu schieben. Wobei es um den Tod-selbst, also mein mögliches Sterben, gar nicht ging. Dem sehe ich nach wie vor mit Ruhe entgegen. Aber es schlossen sich weitere “Fragen” an.
Zum einen hörte ich von mehreren Freundesseiten, ich solle mich nicht mit dem Sterben beschäftigen, sondern all meine Kräfte auf die mögliche Heilung konzentrieren, um die inneren Selbstheilungskräfte zu aktivieren — etwa nach dem Ratschlag eines Freundesvaters, der mich, mit der nüchternen Bemerkung “hilfreich”, → auf Simonton hinwies. Nun müssen die Fälle aber geregelt sein, ansonsten ich meine mögliche Hilflosigkeit schon vorverlegen würde; außerdem tut es mir gut, etwas und Klares zu tun. Es erhält meine Selbstbestimmung. Nochmals, wie ich es sehr oft schon schrieb: Ich will ein freier Mann sein und so dann halt auch gehen.
Aber ich dachte weiter. Bei Simenton steht, man solle darauf meditieren, die innere Ruhe zu finden und sich mit dem aussöhnen, was einen gequält. Man solle, mit anderen Worten, einverstanden werden. Dazu die nicht ganz von der Hand zu weisende Einschätzung, daß der Krebs ein Zeichen sei, “etwas sagen”, den Betroffenen mitteilen wolle. Man sei mit etwas zutiefst uneinig, das behoben werden müsse. Und da fragte ich mich, ja du meine Güte, wie soll ich es denn beheben? Was mich in den letzten fünf Jahren immer wieder in die Depression geschickt, war nicht zu ändern, es ist zu spät. Nicht also, daß ich nicht gern lebte! Ich lebe nach wie vor rasend gerne. Aber es bedeutet eben auch weitere Qual, weitere Verletzung, Mißachtung, Mobbing – in Hinsicht auf das, was das Zentrum und die Bahn meines Lebens war, also: in Hinsicht auf meine Dichtung. Das Bewußtsein, daß die Anerkennung ihrer Bedeutung verweigert bleiben wird, und zwar massiert und absichtsvoll, machte es mir plötzlich schwer, mir freudvoll vorzustellen, in was ich zurückkehren würde, wär denn der Krebs “besiegt”. Hatte ich nicht ohnedies schon mehrfach mit dem Gedanken an den Freitod ge,nun jà,”spielt”? Und Abstand von ihm letztlich nur genommen, weil ich meine Lieben seelisch nicht schädigen wollte, und, klar, weil ich keine Ahnung hatte (und habe),wie zu gehen, und zwar rein praktisch. War es nun nicht sogar so, daß mir der Krebs diese Verantwortung abnahm und von sich aus, für mich, was nötig ist, in die Wege leitet? War vielleicht dies der Grund für die seltsame Erleichterung, die ich seit der Diagnose gespürt habe — wie da von Nun auf Gleich alle Depression von mir abgefallen war? Und mehr noch. Wenn geheilt, wohin außerdem kehrte ich zurück? Meine Rente wird um fünfhundert Euro betragen, meine Bücher bringen, wenn sich nicht (was extrem unwahrscheinlich ist) entscheidend etwas ändert, so gut wie keine Tantiemen ein, und erst recht ist auf andere Art, etwa Verfilmungen, aus ihnen keinerlei Einkunft zu erwarten; vom Rundfunk – über Jahrzehnte meine ökonomische Grundlage – kommen schon seit fünf Jahren keine Aufträge mehr; Literaturpreise wird man mir nicht verleihen und Stipendien mir verweigern (wobei für einen Fünfundsechzigjährigen mit einem solchen Werk ein “Stipendium”-schon-selbst imgrunde eine Kränkung ist); kurz — es ist die Altersarmut, was mich erwartet. Lebte ich auf dem Land, dann ginge das wohl hin. Doch in der Stadt? Und, genauso schlimm, die körperliche Vereinsamung: nie wieder erotische Liebe erfahren. (Hier gilt erneut: Mit Geld im Hintergrund ließe sich dem begegnen, ohne aber nicht.) — Woher und wozu die Selbstheilungskräfte also beziehen?

Sofort indessen regte sich der Widerspruch, und zwar abermals: mein Werk. Immer und immer wieder das Werk. Wenn die BÉARTs jetzt auf nicht nur US-amerikanisch, sondern auch Französisch erscheinen, was ja so geplant und in die Wege schon geleitet ist, dann komme ich endlich, endlich aus dem kleinen, kleingeistigen, kleinseelischen, zutiefst provinziellen deutschen Literaturbetrieb heraus, dann eröffnen sich tatsächlich Möglichkeiten, einfach weil meine Art zu schreiben nach Deutschland gar nicht paßt, weil sie in sehr vielem mehr romanisch als deutsch ist, südlich ist, wo man mir weder meine Haltungen noch meine Liebe zur Eleganz noch meinen angeblichen Machismo auf diese verklemmte Weise übelnimmt. Dann, ja dann ist vielleicht vieles, vieles offen, neu. So neu sogar, daß von “jugendlich” gesprochen werden könnte. Und wenn die BÉARTs im Ausland Aufmerksamkeit erzielen sollten, vielleicht sogar weiten Zuspruch, dann könnten die anderen Bücher, die im deutschen Sumpf verschlammten und nach wie vor keine Luft darin kriegen, nachziehen … Noch sind sie nicht erstickt —
Und genauso unversehens, wie mein seit der Diagnose, das genau ist das Wort, aufgestiegenes Hochgefühl in sich zusammengefallen war gestern, kam es abends da zurück. Alleine deshalb, alleine wegen der Chance. Und daß ich dann aber doch noch die offenen Projekt abschließen, vollenden könnte, die Triestbriefe, mir im Wortsinn ein Herzensbuch, und den alten Destrudo-Roman, die Neapelerzählung, ja vielleicht sogar den Friedrich zumindest angehen … ! Dafür, ja, lohnte es sich. Also kommt her, ihr Selbstheilungskräfte!

Gespräche mit zwei meiner Verlage schlossen sich an. Elfenbein sicherte mir zu und schrieb’s mir dann noch mal, sowohl den WOLPERTINGER als auch DIE VERWIRRUNG DES GEMÜTS, von 1983, ins Programm aufzunehmen, also neu aufzulegen —unsicher zwar, aus Finanzierungsgründen, wann, aber doch auf jeden Fall, und ebenso, daß meine Lektorin dafür beigezogen würde (es sollte besonders an der Verwirrung stilistisch einiges bearbeitet werden). Und Arco will den New-York-Roman ins Programm nehmen, wahrscheinlich auch die SIZILISCHE REISE. Was noch allerdings mit einem möglicherweise Rechteproblem verbunden ist. Sei’s drum. Doch wie auch immer, kämpfen, kämpfen!

Und dann, ja dann … schon morgens war es mir aufgefallen, daß ich mit meinem Karzinom sprach.  Nicht nur in लक्ष्मीs , mit der und dem Zwillingsbuben ich nachmittags einen Spaziergang durch den vor lauter leuchtendem Mai herrlichen Park unternahm, ein bißchen esoterischem Sinn, den Finger aufzulegen und “heile” zu sprechen, sondern ich fing an, es in ein richtiges Gespräch zu verwickeln. “Hör zu, du mußt jetzt schrumpfen.” Und die ganze Zeit überlege ich, welchen Namen ich ihm gebe. Seltsam sowieso, daß ich, anders als es meinem Stil entspricht, das, nun jà, “Ding” einfach duze. Es wäre angemessener, dachte ich erst, es zu siezen, um unsere Distanz klarzustellen. Aber ich spürte, daß “das Ding” zu mir gehört und ein Ding keineswegs ist, sondern ein Geschöpf, das vielleicht selbst nur leben will, sich dabei aber den eigenen Humus weggräbt — auch darin nicht so verschieden von mir selbst: mit nämlich ganz derselben Radikalität.
Auch kann ich’s, vor allem morgens nach dem Aufstehen, deutlich fühlen. Ich fasse hin, taste, spüre es, merke, wie es lebt. Vor allem, weil es sein Verhalten geändert hat, seit es, so meine Innenstimme, gemerkt hat, daß es nicht mehr unbeobachtet ist. Nämlich kann ich wieder schlucken, ohne daß die Bissen an der Enge hängenbleiben. Aber statt dessen tut, habe ich geschluckt, diese Enge weh und auch der Magen gleich darunter. Als würde “das Ding” protestieren, weil ich weiteresse. Sein Protest ist dieser Schmerz, der aber durchaus aushaltbar ist, fast eine Lappalie. Und über den Tag breitet sich das Ding (ich brauche wirklich einen Namen, vielleicht “Otto”, nein, das ist der Mops; oder … weshalb denn nicht weiblich? Hm —) als etwas ermüdendes Völlegefühl aus und strahlt sowohl hinunter als auch nebenan gen Herz, an dem die Speiseröhre anliegt. Es will mich, merke ich, erschöpfen, einfach den Widerstand ermüden. Der nunmehr grad zurückkam. Mein Trotz war immer eine meiner Stärken.

ANH

P.S.: Ja, auch dieses ist ein Arbeitsjournal. Nur will ich’s so nicht nennen.

%d Bloggern gefällt das: