“… an Ausdruck kaum zu überbieten”. Arbeitsnotate zum Dienstag, den 14. Juni 2022. Amazon.de & Sperlingsbesuche aus Wildem Wein.

[Arbeitswohnung, 7.11 Uhr
Erster Latte macchiato
Sperlingstschilp]
Worauf mich gestern abend eine Leserin aufmerksam gemacht, freute mich dann wirklich. Wenn schon die Feuilletons schweigen, gibt es dennoch, in diesem Fall bei amazon, Reaktionen, und → dies eine sehr schöne. Wobei ich dennoch irritiert bin, weil der Rezensent schreibt:

… und ich muss es unbedingt betonen, um es unmissverständlich zu machen, dass es kein Buch ist, das man liest und sofort versteht …

Zwar zieht er daraus einen für meine Prosa prächtigen Schluß, der mich dennoch insofern unsicher macht, als ich gerade diesen Roman für einen ausgesprochen leichtfüßigen, in gar keiner Weise verschlüsselten, im Gegenteil sogar süffigen Text halte — und mich aber offenbar irre. Beim etwa Wolpertinger und den Andersweltromanen könnte ich solche Erfahrungen nachvollziehen, u.a. weil dort sprachlich auch experimentiert wird, bzw. Stilistiken ausgeführt sind, an die sich Leserinnen und Leser erst ebenso gewöhnen müssen wie an die mitunter fugierten Engführungen der Motive. Doch im NewYork-Roman gibt es an “Neuerungen” allenfalls die verschieden(artig)en ‘Ich’-, also Erzählerfiguren, die aber ein postmoderner Topos sind, der heute auch schon vierzig Jahre alt ist, wenn nicht älter, und für weltweit gelesene Autorinnen und Autoren, etwa Ishiguro, ein Rezeptionshindernis offenbar n i e dargestellt hat. Kann es sein, daß bei deutschsprachiger, speziell deutscher Literatur andere Erwartungshaltungen wirken als bei, sagen wir, Süd- und US-amerikanischer? Daß dort mit sogar Genuß akzeptiert wird, was hier als literarischer Makel gilt? In Leserinnen- und Leserreaktionen auf das Traumschiff bereits ließ sich Ähnliches registrieren. Auch dort wurde selbst von Begeisterten von der ‘Schwierigkeit’ des meinem eigenen Dafürhalten nach zwar melancholischen und in der Bildwelt des Romans mitunter surealen, stilistisch jedoch ausgesprochen süffigen Textes geschrieben; von der grandiosen Dichte etwa Lezama Limas ist er doch weit entfernt, um von dem hinreißenden, extrem viel und eben auch international gelesenen Lobo Antunes ganz zu schweigen. — Nein, ich habe alles andere als einen Grund, hier zu klagen (was ich eh nicht täte), aber wundere mich, wundere mich immer wieder.

Mit der Arbeit an den Triestbriefen komme ich ziemlich gut voran, sie geht leichter von der Hand, viel leichter, als es mit der Neufassung der Verwirrung war, über deren ihr jetzt vorliegendes Typoskript meine Lektorin mir schrieb, ich möge bitte nicht erschrecken, aber es seien nun doch viele Korrekturen noch nötig, “doch alles Kleinigkeiten, Grundsätzliches gar nicht”. Ich mache mich also, wenn die erste Marge hier eintreffen wird, auf mit Anmerkungen übersäte Seiten gefaßt, die, also jene, ich sofort bearbeiten werde – was mich aus dem Triestroman wahrscheinlich erst einmal wieder rauswerfen wird. Doch soll, und muß, das Buch zur Frankfurter Buchmesse da sein.

Worüber ich nun aber ausgesprochen glücklich bin, ist, daß der Wandbewuchs des Nachbarhauses auf das meine, botanisch ungeschmückte übergegriffen hat: Seit diesem Frühjahr umwächst hinter meiner linken Schulter ein starker Wilder Wein mein rechtes Fenster, er hat auf dieses Haus übergegriffen, und es sieht aus, als werde er in dreivier Jahren auch diese unsere Fassade völlig bedecken; dann wird man die Fenster immer “ausschneiden” müssen – was ich gerne tun werd. Doch was mich daran geradezu beglückt, ist, daß ich seither ungefähr alle drei Tage Sperlingsbesuche bekomme. Die in dem dichten Laubwerk geschützten Vögel flattern auf, entdecken das rechts stets geöffnete Oberlicht meines Arbeitsraums und — fliegen herein. Mehrmals nun schon saß so ein Spatz oben auf einem der Bücheregale und tschilpte und tschilpte; ich weiß nicht, ob aus Frechheit oder vor Furcht. Oder einfach, um seine Irritation über den tippenden Mann zum Ausdruck zu bringen. Es könnten Fragetschilper sein: “Was denn, was denn tust du da?” – Bewege ich mich dann, stehe etwa auf, wird er unruhig und flattert wieder herum, meist in Richtung des Fensters, wo er aber nicht aufs Oberlicht, sondern unten die Scheibe trifft. Dann muß ich ihn sorgsam fangen und sehr, wirklich, um ihm nicht wehzutun, sehr-sehr vorsichtig mit den Händen umfassen. Ich kann spüren, wie zerbrechlich diese seine Flügelchen sind, und meine Hände werden zu Watte, die ihn aber einschließt, um ihn zu heben, höher, noch ein Stück höher und, auf den Zehenspitzen jetzt, direkt an das geöffnete Oberlicht heran. Nun die Hände öffnen, und mit einem letzten, einem jubelierenden, glaub ich, Tschilper luftsurft der Spatz diagonalquer über den in seiner grünen Geilheit ebenso jubelnden zweiten Hinterhof davon.
Ich setz mich zurück an den Schribtisch.
Keine halbe Stunde später ist der Spatz – oder ein anderer – erneut hier zu Gast. Daß ich mich frage, ob dies mit dem Traumschiff zu tun hat, liegt nahe — Leserinnen des Romans wissen, was ich meine — und sollte mich vielleicht unruhig machen. Tut’s aber nicht, im Gegenteil. Aber wahrscheinlich hängt das sich wiederholende Phänomen tatsächlich nur mit dem Wilden Wein zusammen. Denn auch anderen Besuch aus dem Jungfernrebendickicht ist zu konstatieren; es birgt sowieso eine ganze Fauna-für-sich, die duch das offene Oberlicht ihre Botschafter zu mir hereinschickt: sehr häufig Wespen sowie immer wieder Käfer und sonstige Bewohner andrer Planeten. Und ich weiß, daß es — sollte die Hausverwaltung nicht auf die seelenlose Idee kommen, die Fassade von dem Bewuchs wieder, böses Wort, zu säubern — mehr werden wird, jedes Jahr mehr. Dieses Leben sei mir gegrüßt.

Um 13 Uhr nächste Generalkontrolle bei meinem Onkologen, die vierte seit der OP.

Ihr, Freundin,
ANH

Novemberwien, Eins. Des Freitags bis Samstags Arbeitsjournal vom 13. 11. 2021.

[Wiener Schreibplatz Lorbeer, 7.18 Uhr]

Liebste Freundin,
erst einmal muß ich mich entschuldigen, fast bin ich ein wenig zerknirscht. Denn genau einen Tag, bevor vorgestern früh ich die Reise nach Wien antrat – präziser: am späten Nachmittag des Donnerstags – sah es so aus, als hätte ich die Videoarbeit zur zwölften Bamberger Elegie endlich, endlich, endlich fertig. Und entdeckte d o c h noch einen Fehler, leider, der sich am selben Tag nicht mehr hätte beheben lassen; eine Kleinigkeit nur, doch nach all der intensiven ja nun wochenlangen Arbeit an dem, muß ich schreiben, Film hätte sie mich sehr gestört, ich wäre unzufrieden geblieben. Also dachte ich, gut, du kopierst jetzt alles auf die transportable 2TB-Festplatte und löst das Problem am Wiener Schreibtisch, der zwar nur Sekretär, siehe Bild, ist und also nur wenig Arbeitsplatz bietet – aber nicht dies stellte sich nun als Hindernis dar, sondern daß meine mitgeführten Arbeitskopien in Adobes Schnittprogramm einzelne Clips entweder gar nicht oder aber, was noch schlimmer ist, verändert wiedergaben und -geben. Sie gaben mithin wider. S o, daß sich’s sinnvoll in keiner Weise arbeiten läßt und ich also doch meine Rückkehr nach Berlin, in sechs Tagen, abwarten muß. Und Sie müssen’s leider nun gleichfalls. Ein großes Hindernis ist aber auch schon der kleine Laptopbildschirm; für die sehr feinen Schnitte brauche ich wirklich einen großen Screen und am besten zwei Screens, wie ich sie halt auch habe in meiner Berliner Arbeitswohnung.
Insofern ist es gut, daß mir mein Elfenbein-Verleger gestern die eingescannte Digitalversion der “Verwirrung des Gemüts” zugeschickt hat, die, ähnlich dem → New-York-Buch, in deutlich überarbeiteteter Fassung im kommenden Frühjahr neuerscheinen soll – nach in diesem Textfall achtunddreißig Jahren. Ich war, meine Güte, sechsundzwanzig, als ich ihn schrieb! Und die Titelvariante, die ich damals gewählt habe, aber nicht durchsetzen konnte, wird jetzt verwendet werden, nämlich wird das Wort “Gemüt” → in kantschem Sinn mit “th” erscheinen: Gemüth. So nämlich steht es in meiner 19.-Jahrhundert-Ausgabe der Kritik der reinen Vernunft. Um nun aber gewisse/ungewisse Unzulänglichkeiten meines seinerzeitigen Stils sensibel prüfend auszugleichen, wird → wie dort auch hier Elvira M. Gross alles noch einmal komplett neu lektorieren. Es geht tatsächlich nicht nur um die, in der 1983 erschienenen List-Ausgabe, vielen falschen Konjunktive, die mir damals Armin Ayren in der FAZ um die Ohren schlug – woraus ich dann radikal lernte (mich rächen für seine Vernichtungsattacke tat ich auf andere Weise; lesen Sie einfach die erste Abteilung des → Wolpertingers nochmal) –, sondern auch manch stilistisch Sprachliches dürfte revidiert oder sogar ins Eigentliche herausgeschnitzt werden müssen, ein seinerzeit nur Gewolltes, noch handwerklich nicht erreichbar Gewesenes, das sich aber jetzt mit fast leichter Hand herstellen könnte.
Insofern, wenn meine Videoarbeit nun aussetzen muß, bis ich an den eigenen Schreibtisch zurückbin (einem Bildschirm-Cockpit unterdessen), kann und will ich die Wiener Zeit zu meiner Bearbeitung dieses alten, doch, meine ich, nach wie vor wichtigen Textes nutzen (immerhin ist er der Nucleus des Wolpertingerromans und der Andersweltbücher, begründet die, sagen wir, “Serie”). Die Zeit bis zum Frühjahr ist ohnedies knapp.
Auch damit aber, dieser Überarbeitung, werde ich kaum fertig werden, da ich mit meinem Arco-Verleger über anderweitig gleichfalls anstehenden Projekten sitze (etwa die Herausgabe des großen nachgelassenen autobiografischen Romanes Der blaue Koffer von Gerd-Peter Eigner und einem geplanten Gedichtband Helmut Schulzes (→ Parallalie), für den aus der Menge der Gedichte ausgewählt werden muß; für letztres beides kam ich eigentlich her – und, selbstverständlich, um Elvira M. Gross endlich wiederzutreffen, die ganz wie ich darauf wartet, daß Die Brüste der Béart endlich herausgekommen sein werden, die aber leider von den gegenwärtigen Lieferengpässen, in ihrem Fall des ausgewählten Spezialpapiers, betroffen sind. Doch auch der nötige zweite Fahnengang ist noch nicht getan. Und hier, meine Freundin, werden Sie sich mitgedulden müssen, es tut mir wirklich leid. — Nein, keine Floskel!
Alles in diesen Zeiten der Corona verlangsamt sich, scheint’s. Sogar, vielleicht, die Liebe.

Was mich tatsächlich beschwert allerdings, z u d e m, was meine hiesige Arbeit beschwert, ist, daß ich meine Pfeife nicht rauchen darf; der Tabakgeruch belästigt den Freund zu sehr, bei dem ich untergekommen bin, setzt ihm lähmend zu. Dabei hatte er meine Pfeifen bisher immer unproblematisch gefunden. Mit einem Mal ist es anders. — Für mich war’s wie ein Schock. Spontan (aber ich verschwieg es) wollte ich abreisen, sofort nach Berlin zurückreisen, aber ich muß am kommenden Donnerstag noch nach Frankfurtmain und habe die Fahrscheine schon alle gekauft, sehr preiswert, ja billig, doch deshalb nicht stornierbar; doch zusammengerechnet nicht nur ein riesiger Zeit-, sondern auch Geldverlust eben doch. Also habe ich, was mir gar nicht bekommt, wenn ich sie rauche, wieder Zigaretten gekauft, für die ich mkich nun von Zeit zu Zeit in den Hausflur anm einj geöffnetes Fenster stelle. Es geht auf einen ummauerten Hof hinaus, in dem sich immerhin eine Taubenkolonie eingehend beobachten läßt. Ihr Gurren füllt den siloartigen Raum bis zu den Dächern hinauf.
Wie auch immer, für meine nächsten Wienaufenthalte werde ich mir etwas anderes überlegen müssen. Klar, ich habe noch vorgestern nacht nach AirBnbs in Wien gesucht, für sofort, aber die Preise übersteigen auch da meine Verhältnisse. So grollte ich heimlich dem Freund und weiß doch zugleich, wie unrecht es ist. Auch deshalb schwieg ich, schweige – nicht ohne Schuldgefühl – nach wie vor. Aber na gut, vielleicht finde ich in Wien ein Raucherlokal, wo sich’s am Laptop arbeiten läßt.

Heute mittag nun, oder frühnachmittags, eine Veranstaltung auf der “Buch Wien”, nicht meine eigne, sondern eine, auf der der Freund moderiert. So werd ich diese Messe denn auch einmal sehn und hoffe zudem, dort meinen Septime-Verleger anzutreffen, der auf meine letzten Nachrichten schlichtweg geschwiegen hat, schon seit Wochen, eine Art Nachrichtensperre, die ich schon deshalb nicht begreife, weil er immerhin → eine meiner mit wichtigsten Ausgaben herausgebracht hat. Ich weiß, er hatte sich einen besseren Verkauf vorgestellt, aber das der nicht war, jedenfalls bislang nicht, sondern traurig dümpelt, läßt sich schwerlich m i r anlasten, der ich im Gegenteil immer gewarnt habe, indem ich den Mann wieder und wieder auf meine problematische Stellung im deutschsprachigen Literaturbetrieb hinwies. Und solange der Buchhandel nicht angemessen bestellt, können Leserinnen  und Leser kaum  von mir, also meiner Arbeit, wissen. Niemanden muß das wundern.
Das Problem betrifft auch den New-York-Roman oder könnte ihn betreffen. Auf der Frankfurter Buchmesse war es so, daß geradezu jede und jeder, die und der den Roman durchblätterte, von der Ausstattung derart becirct war, und zwar zu recht, daß man ihn sofort kaufte. Am Ende der Messe war  nicht ein einziges Buch mehr da, selbst der Verleger fuhr ohne ein Exemplar für sich selbst heim, ließ mir Bücher sofort von der Auslieferung schicken, damit ich die numerierten Widmungsexemplare an alle jene auf den Weg bringen konnte, die diese ungewöhnliche Ausgabe maßgeblich mitermöglicht haben; und von dem, was dann bei mir noch blieb, habe ich zehn Exemplare eingepackt und mit hierher gescheppt. – Doch was ich sagen will: Wenn der Roman nicht im Buchhandel liegt und niemand ihn also aufschlagen kann, kann er genauso wenig wie meine anderen Bücher gut verkauft werden; die Menschen wissen ja nichts von ihm. Solange aber ich mich den scheinmoralischen “Gender”-Diktaten nicht beuge, zudem, b l e i b e ich Kritik und Betrieb das schwarzes Tuch und Schaf. Da kann man Wolf sein, wie man will.
Allerdings ist auch das ein Grund zu klagen immer noch nicht. Ich spüre vielmehr in den letzten Monaten deutlich, daß sich etwas ändert und mehr und mehr Leute begreifen, was ich poetisch tue und getan habe. Nur sind solche Prozesse des Umdenkens quasi naturgemäß langwierig zäh, gar eines Umschwenkens dann. Es ist eine Art Evolution, nicht etwa Mutation, und in den Künsten fast wie ein Gesetz. Doch daß ich das heute so sehen kann und imgrunde beruhigt bin, also nicht mehr in schwarze Galle verfalle, habe ich letztlich → Liligeia zu danken. Es klingt absurd, ja bizarr, aber die Krebsin, irgendwie, hat mir gutgetan.

Dennoch, mich erreichen nun vermehrt besorgte Mails, weil es kaum noch Arbeitsjournale gibt; manche Menschen bringen zum Ausdruck, wie sehr sie ihnen, ja, fehlten, und es wird befürchtet, mein Schweigen hänge mit meinem gesundheitlichen Zustand zusammen. Die Wahrheit indes ist anders. Ich bin einfach zu sehr von den Videoarbeiten, besonders → denen zu den Bamberger Elegien, aufgesogen, um noch fürs Plaudern Zeit zu haben. Außerdem, was soll ich Ihnen erzählen? Daß ein Leben ohne Magen auch seine Schwierigkeiten hat? – geringe, wenn Sie bedenken, daß ich noch lebe und zwar gerne, nach wie vor wahnsinnig gerne. Sie nerven dennoch, besonders die Polyneuropathie in den Füßen. Doch drüber zu schreiben, gar, sagen wir, “leidend” – es wäre Blasphemie. Nein, sowas mache ich alleine mit m i r aus. Dazu gehören auch meine Einsamkeiten und das Bewußtsein, daß mir – der  solch einen Wunsch hatte, noch einmal Vater zu werden – die Chemo jede Chance darauf zerstört haben dürfte. Und also ward ausgerechnet ich, der hingegebene, leidenschaftlich wilde Erotomane, an die R ä n d e r des Eros gerückt, von wo aus ich heute,doch jedesmal beglückt, beobachte, wie zweie von der Aphrodite an der Hand, den Händen ihrer Geschlechter, genommen und dorthin geführt werden, wo sie sich in ihnen begibt. Und wenn der Vorhang fällt, zwischen die beiden und mich, die Venus selbst läßt ihn herab, dann muß ich ein jedes Mal lächeln. Als wäre ich es, der nun liebt. So daß auf durchaus magische, jedenfalls so empfundene Weise das Glück der andern meines wird. Es ist egal, ob es mich meint. Es soll nur weitergehen, immer weitergehen, so, wie ein Fluß fließt zwischen unbegradigten Ufern. Das ist es,was ich will.
So also, Freundin, mein seelischer Grundzustand zur Zeit. Er ist voller Dankbarkeit. Denn was die zwei da nun erleben, habe ich selbst so oft erlebt, erleben dürfen, und wenn es nun halt vorbei ist, so war es eben doch und wird so in mir bleiben. Nein, es gilt weiterhin, was ich schon oft gesagt: Ich werd das Leben nicht beklagen.
Also machen auch Sie, liebste Freundin, sich bitte um mich keine Sorgen. Unterm Strich habe ich alles an Leben (und also nämlich Liebe) bekommen, was ich nur wollte, und bin von daher privilegiert, nach wie vor. Dazu muß ich nur einmal meinen Sohn betrachten und zuschaun wie jetzt e r lebt. Das ist für mich ein rasendes Glück. Ich selbst muß es gar mehr sein — und eben deshalb bin ich’s.
Jetzt vielmehr geht’s um ein andres, nämlich irgendwie eine Formklammer um mein Leben, das heißt besonders: meine Arbeit, zu legen, es sozusagen einzurahmen, um Bild zu werden für das, an was ich glaubte und glaube. Dazu braucht es keine Vollständigkeit, es genügt der tätige, also weiterhandelnde Wille. Alle Leben, notwendigerweise, enden fragmentarisch, wenn wir sie als einzelne sehen. Betrachten wir jedoch die Generationenfolgen, dann sind sie, siehe oben, ein unabgerissener, unabreißbarer Fluß, und wenn es gutgeht, dann zwischen, ecco!, unbegradigten Ufern. Darum, denk ich, gilt es zu kämpfen: daß niemand von uns begradigt wird. Nicht Weibchen, nicht Männchen, nicht, was es dazwischen noch alles gibt. Und meinethalben nennen Sie’s “queer”. Ich werd mir nur sagen nicht lassen, was ich (noch) sagen darf und was nicht. Und wenn’s mich n o c h so viel kostet —

Ihr ANH

 

Rückwerdenssmiley (Entwurf)

 

Wie sich nach den OPs
der Körper beinah merklos wandelt’
– nicht sich verschandelt, nein,
er fällt, so scheint es, eh’s

zur Mannheit kam, zurück
in eine Jugend, die noch
ungehärtet war, jedoch
bereits – als Musterstück,

was werde – die Brust, den Bauch
behaart, selbst schon den Rücken,
hatte und sei doch, wegzudrücken,
was geschah, bereit und auch,

vom Krebs anorektiert,
das letzte Fett zu streichen,
und alles andre, was dergleichen
den Leib dekonzentriert,

statt purer Geist zu sein,
ja noch die Fleischesgier bezeugt,
darein er ihn gebeugt, seit je –
denn fast aus ihr allein

hat er im Hirn sein Wohl geformt
und jedes Weh des Wörterklanges
– ausschließlich s o gelang es,
wenn’s gelang, metrisch genormt

die Normen kühn zu übersteigen,
so zart und hart und wild
des Versewetzers Seitenbild
wie sich nur Lüste zeigen.

Nun fällt zu essen ihm schon schwer,
und der gescheute Geist wird leicht
ganz wie die Körpermasse weicht,
doch grinst aus Leibesmitte her

als umgekehrtes Riesen-Ikon
das Smiley eines nächtlichen Mahrs,
der es viszeral reinbiß, dwars, als Riß:
So düster glühend der Resektion Narbe,

ein klopfender Grat von rotharter Farbe –

_____________
ANH, Januar 2021
Berlin

Freitag, den 13. November 2020: Narbenbruch-OP. Im (Nach)Krebstagebuch.

Aufbruch 6.20 Uhr, SANA Lichtenberg auf der Station um 7. Dort kennt frau mich ja schon, und man.
Kurz die Formalitäten und aufs Zimmer gleich, entkleiden, das bizarre Nachthemd an, ins Bett, ein bißchen spieln noch die Zehen… doch schon geht’s rollend ab ins futuristische Cockpit des OP-Saals. Das ich noch mitbekommen werde, fein. Und da soll ich halt zählen. (Nicht ohne Witz: auszählen, sich selbst auszählen. Anästhesisten-Kalau.)

Das Messer setzt um 8 an.

Habe ich Ihnen, Freundin, schon erzählt, daß ich die 13 liebe? In der Tat, als die matriarchale Zahl ist sie voll der circeschen Lockung und birgt jede Höhlung des Venusbergs, in der wir uns erfüllen. Weswegen sollte ich also nervös sein? Und doch, und doch, ich bin’s. Ans Schlafen war heut kaum zu denken bislang. Also konnte ich auch aufstehn so nachts, mir einen Tee aus Salbeiblättern bereiten und mich an den Schreibtisch setzen. Um dieses hier zu schreiben.

ANH, 3.32 Uhr

(Erscheinen soll’s aber erst zum Skalpell).

 

 

 

 

Sana Ankunft,
6.45 Uhr

 

 

***

[16.52 Uhr]
Alles gut gelaufen, aber doch … ja, heftiger als nach der Magenresektion, “einfach” deshalb, weil ich zu der OP eine PDK gesetzt bekommen hatte, hierfür aber nicht. Und also bekomme ich so ziemlich alles mit — zu dem für mich wirklich schwierigen Umstand hinzu, daß mir nun doch noch mal ein Blasenkatheder gelegt wurde. So gräßlich, daß ich das Ding echt widerlich nennen muß. Es verursacht dauernden Harndrang – psychisch, denke ich mir, einfach “nur” psychisch –, ohne daß ich pinkeln aber kann. Woraus wiederum mein Gefühl folgt, daß, wenn ich auch nur noch ein bißchen trinke, mir die Blase platzen wird. Eventuell wird das Ding aber nachher noch, spätestens morgen gezogen.

 

Immerhin, den Arbeitsplatz habe ich mir nun schon eingerichtet

und bin auch die ersten Schritte, nach der OP, wieder ohne Hilfe gegangen, kann auf jeden Fall, was mir wichtig , auf die Toilette, und zwar allein. Indes — worauf ich mich nun wirklich freue … in nicht mehr ganz zwei Stunden … darauf, voilà!:

 

 

Das Arbeits&Journal-vor-der-(Nach)OP — nämlich des Donnerstags, den 12. November 2020. Darin bereits einige Worte vorweg zu Marius Felix Langes Carmen von Bizet sowie zu Kjærstads Femina erecta.

Das habe ich mir gestern nicht nehmen lassen, nach den OP-Vorgesprächen im Sana, nun doch → noch einmal zu laufen, bevor ich nach der OP erneut in eine Warteschleife geschickt sein werde, die der junge Anästhesist ungefähr sechs Wochen dauern lassen würde, wobei die Klinik selbst zwei Monate empfehle, “doch was Sie privat tun, kann Ihnen ja niemand vorschreiben”. Und habe mir nicht nehmen lassen, zum ersten Mal wieder volle zehn Kilometer durchzulaufen, ohne vor den beiden letzten eine Gehrunde einzulegen; ich lief sogar ein wenig mehr, begab mich dann in die Gehrunde und, schon um nicht in der Streckenlänge zurückzufallen, lief noch einmal eine aber nur kleine Runde — was letztres 1,3 Kilometer und auf der runden Laufstrecke dieses Volksparks eigentlich “genau eine Runde” bedeutet . Meine “großen” Runden betragen deshalb ziemlich genau 2 Kilometer, weil ich eine ganze Menge Umwege, Umschlupfungen usw. mitlaufe, manchmal mitten auf eine Wiese um einen bestimmten Baum, dann ein Stück ganz anderen Weges und dieses wieder bis zu meinem eigentlichen Parcours zurück. Auf der Karte, die meine Laufapp stets mitzeichnet, können Sie’s, o Freundin, recht gut erkennen:

Wie auch immer, es war fast gar keine Anstrengung mehr, die Beine liefen wie von selbst, auch wenn meine Barfußlaufschuhe nun schon sehr heruntergerubbt sind, an den Seiten bereits aufreißen und spätestens zum Frühjahr hin ersetzt werden müssen. Leider. Ich hänge an solch treuen Gefährten.

Und nun aber — heute noch ein- und ebenfalls zum vorerst letzten Mal Sling- nämlich Muskeltraining — wieder pausieren mit dem Sport; das ist als OP-Begleitung wohl das eigentliche, sogar einzige Elend; alles andere wird sich auf einer Achtel Arschbacke aussitzen, bzw., im Sana, -liegen. Trotzdem ist’s selbstverständlich blöd. Heiter indes, daß es gestern, als des Krankenhauses Computer abstürzten, offenbar alle zugleich desjenigen Hauses, in dem ich wartend saß … – daß es da also hieß, nun könnten auch erstmal die Arztgespräche nicht geführt werden, denn man müsse sie ja dokumentieren. Woraufhin ich: “Na, dann dokumentieren sie halt erstmal auf Papier und übertragen das dann später in den Computer.” Die verständnislosen Blicke, Freundin, hätten Sie da sehen sollen! Papier? Welch eine Zumutung! So daß ich mir rein instinktiv ersparte, die Bemerkung nachzulegen, es hätte ja sonst vor vierzig Jahren Arztgespräche überhaupt nicht geben können. Doch so heiter blieb ich eben auch und blieben dann beim Laufen meine Beine. Nachdem ich schließlich geduscht hatte, war ich nicht einmal sonderlich erschöpft. Sondern setzte mich an den Entwurf meiner Kritik zu  Marius Felix Langes → famoser Carmen-Bearbeitung, auf die ich Sie → eingehend ja schon hingewiesen habe. Ob ich diese Rezension allerdings vor der OP noch fertig bekommen werde, steht in den Sternen, die wir halt nicht sehen am Tag.

[Arbeitswohnung, 7.55 Uhr
Bizet, Carmen]
Ich habe diese Oper nie gemocht, sie immer für einen Schmock gehalten; in mir zünden auch die angebliche zündenden Melodien nicht, ich empfinde sie als schweren, geradezu folkloristischen Kitsch — und die Aufführung der Pariser Bastille-Oper, in die ich schon gestern abend hineinhörte und die jetzt parallelläuft, bestätigt es mir. Dabei wird immer wieder gesagt, “Carmen” sei die Oper schlechthin. Find’ ich nicht. Doch bei Lange dreht sich alles, das Stück gewinnt an gewaltigem Ausdruck und wird im allerbesten Sinn – modern. Zum ersten Mal begreife ich, was Nietzsche meinte, als er in bewußtem polemischen Irrtum Bizets Stück über Wagner stellte, ja, nun, → einhundertzweiunddreißig Jahre später verhilft Lange dem Philosophen zu endgültigem Recht. Es ist wirklich frappierend. Wenn ich von den zwei großen Schlagern des Stücks absehe, der Habanera und dem Torerogegröhle, die beide “natürlich” dennoch nicht fehlen dürfen, ist jetzt die gesamte Faktur dieser Oper sowohl feinsinniger als auch raffinierter und vor allem – radikal.
Ah, nun schreibe ich doch schon zu dem Stück, muß mich beherrschen, nicht weiterzumachen, denn will ja die Kritik bei Faustkultur sehen, wo sie eine deutlich größere Reichweite haben wird als ihr Die Dschungel geben können.

Also laß ich’s hierbei erstmal bewenden und schließe auch das Arbeitsjournal. Für heute.

Nein, noch nicht ganz. Noch ein Wort zu Kjærstads FEMINA ERECTA, die ich im Krankenhaus sicherlich werde zuendelesen können. Es wird mich auch niemand besuchen, wie ich gestern hörte, und also kann mich keiner dabei stören, und keine.
Ich tu mich immer wieder schwer mit diesem Buch, zum ersten Mal bei diesem von mir doch so bewunderten Romancier. Nur einmal war es ähnlich, aber da lag es an der Übersetzung. Die ist es hier mit Sicherheit nicht. Sondern über weite Strecken wirkt das Buch referiert, nicht erzählt. Liegt es daran, daß Kjærstad ganz offenbar dem Zeitläuften folgen und eben, nach den großen Portraits seiner Männerfiguren, auch eines einer großen Frau schreiben wollte, die ihrerseits dafür kämpft, daß Frauen sich aufrichten (daher “erecta”) im und gegen das Patriarchat? Und nu’ merk ich die Absicht und bin verstimmt, weil der Bewunderte derart arg mit der Bananenseite nach den Affen wirft? Doch des Referierens ist einfach kein Ende, auch schon der Grundkonstruktion wegen, die ich schon anderweitig, da aber noch verheißungsvoll, angedeutet habe. Doch dann ward es richtiggehend elend, “altfränkisch”, wie Delf Schmidt immer sagte — Einschübe wie “haben wir uns dafür entschieden, an dieser Stelle einen Teil ihrer fiktionalisierten Geschichte einzufügen” (186) und “Zu dieser Zeit, möchten wir der Ordnung halber hinzufügen, war das Radio ein sehr beliebtes Medium” (261) sind leider leider Legion. Es geht schon ganz am Anfang, etwa auf der Seite 9, mit der für eine Erzählung extrem ungelenken Wendung “oder anders ausgedrückt” los und setzt sich in so dauernden Nachstellungen fort, daß es irgendwann nur noch nervt: “die sich mit Architektur auskannte zu einer Zeit”. Wieso wird das Prädikat vorgestellt? Auf diese Weise macht man aus möglichen poetischen Sätzen Module, das Satzteil wird zum Baustein, bzw. Container und also, ja, marktwirtschaftlich. Oder geht diesem Romandichter, weil er müde wird, die Gestaltungskraft verloren?
Und doch muß ich weiterlesen, denn immer wieder leuchtet unversehens der mir bekannte Kjærstad durch, gewinnt seine Größe zurück, erzählt dann wirklich — und erwischte mich nun ausgerechnet mit einer Liebeserklärung an den Pop. Mich! Nicht zu fassen. Das ist dann wirklich Kunst. (Daß er die auch von mir sehr geliebte Joni Mitchell zum Pop zählt, lasse ich mal dahingestellt.) – Ein bißchen aus dieser Erzählung habe ich Ihnen, Freundin, bereits gestern abend → zitiert.

Doch nun. Tatsächlich. In den Tag!

ANH

Das Erledigungs(2)journal sowie (Nach)krebstagebuch des Dienstags, den 10. November 2020. Mit Benny Profane, dem Pluto Symphny Orchestra und am Abend Langes Carmen von Bizet.

[Arbeitswohnung, 14.22 Uhr
Hans Abrahamsen, → Let me tell you (2013)]

November. Irgendwie mag es den ganzen Tag über nicht hell werden. Dennoch schoß ich um sechs aus dem Bett, denn das da war nun → auch noch, und zwar extrem dringend, zu erledigen:

Und je früher ich im Waschsalon wäre, desto höher die Chance freier Maschinen. — Tatsächlich war, als ich zwanzig Minuten später eintraf, niemand da außer mir. So konnte ich auf die Maske noch verzichten, wie ich’s schon in auf den Latte macchiato in der Arbeitswohnung getan hatte. Ich hatte lediglich einen Espresso gestürzt.
Fünf vollste Ladungen wurden es. Als alle sich drehten, zurückgeradelt, dort das Bett neu bezogen, von gestern abend abgewaschen, kurz in die Post geschaut, Nachricht von diaphanes war da, Elvira und ich sollen uns für die letzten Korrekturen der Béarts soviel Zeit  nehmen, wie wir brauchen, aber der Verleger freue sich auf das fertige Typoskript sehr, — da waren die mir verbliebenen fünfzig Minuten bis zur Waschzeit der jedenfalls 30-Grad-Maschine fast schon vorüber, und also ging’s wieder an die → Danziger/Ecke Eberswalder. Mittlerweile drehten sich vier weitere Maschinentrommeln außer den meinen; da war aber immer noch niemand. Die meisten nutzen die direkten Waschzeiten für anderes, nur wenige warten den gesamten Prozeß vor Ort ab.
Doch nun beginnt der eigentliche Arbeitsteil: die fertigen Maschinen leeren, die Wäsche je in die Trockengeräte umfüllen, darin je an die zwanzig Minuten trockenwerfen, also sehr warm durchblasen lassen, dann herausnehmen und sorgsam Stück für Stück zusammenlegen. Bei den für mich üblichen Wäschemengen bin ich damit gut anderthalb Stunden beschäftigt. Dann alles vorsichtig in den großen Rucksack einlegen, teils auch a bisserl stopfen, nicht immer geht alles hinein, dann musses innen Fahrradkorb, gesondert; wie diesmal eben auch. Und erneut zurück. Dort den Rucksack dann leeren und alles einräumen, was in einer so engen Wohnung wie der meinen auch, ebenfalls wie heute, bedeuten kann, die anderen Stöße zur Neuordnung aus den Regalen nehmen usw. Außerdem war noch der Duschvorhang wieder anzubringen, den ich meistens mitwasche, weil sich im Bad so das Schimmeln verhindern läßt und der Vorhang lange, sehr lange hält. Eigentlich ist er so gar nicht kaputtzukriegen.

Nun war es tatsächlich elf Uhr. Um zwölf wollte ich zum Laufen los, auch wenn mir der permanenten Dämmrigkeit wegen durchaus flau war. Daß ich dann tatsächlich nicht lief, lag nicht nur an der Müdigkeit, die mich deshalb überkam, sondern sie wurde noch sehr viel dunkler, nachdem ich mir die Spritze gesetzt hatte. Als Folge der Magenresektion und also des Krebses wird sie von nun an vierteljährlich zu meinem Alltag gehören. Nix Bedeutendes, “nur” → Vitamin B12 — für dessen körperinterne Aufnahme ein spezielles Eiweiß nötig ist, das beim Menschen  nur in der Magenschleimhaut wirkt. Kein Magen also, ergo kein solches Vitamin, was wiederum die Bildung der roten Blutkörperchen blockiert. Dort → einige der möglichen Folgen.
Mithin muß ich mir dieses Vitamin in regelmäßigen Abständen, laut meinem Onkologen vierteljährlich, künstlich zuführen. Die geradezu leuchtend rote Flüssigkeit wird aus kleinen Glasampullchen je auf eine Spritze gezogen und irgendwo in den Muskel injiziert; ich wähle den Oberschenkel, weil sich da ganz gut eine Delle zusammenpressen läßt, in  die ich die Nadel steche. Was überhaupt kein Problem ist, es tut auch nicht weh. Von dort wird das Vitamin zur Leber transportiert, die es speichert.
So weit, so immer noch sehr gut. Aber dann ging die Müdigkeit erst richtig los, obwohl ich nicht wirklich sagen kann, daß es an der Spritze lag. Es geschah nur so auffallend gleichzeitig. Kurz, ich mußte mich legen. Und schlief ein.
Als ich eine Dreiviertelstunde später aufwachte, wurde mir bewußt, daß ich heute noch überhaupt nichts gegessen hatte. Ich soll aber aufpassen, nicht zu sehr abzunehmen, vor allem jetzt, wo ich solche Kalorienmengen beim Sport verbrenne.
Suppe von gestern abend aufgewärmt, gelöffelt, da ging es mit den Bauchschmerzen los, genau unter dem Bruch wie nun schon die ganze Zeit, seit es zu ihm gekommen ist. Was blieb mir übrig, als mich abermals hinzulegen? Jetzt schlief ich zwar nicht mehr, aber lauschte ruhend dem ziemlich heftigen Gegurgel in meinen Eingeweiden. Irgendwann, wahrscheinlich als es endlich aufgehört hatte, schlief ich doch noch mal ein. Und nun ist es schon nach drei Uhr frühnachmittags, ich spüre bereits den Abend sich senken, mag gar nicht hinausschauen, fröstele auch und lasse das heutige Joggen also bleiben. Es sind auch Briefe zu beantworten, darunter dringende Fragen meines Elfenbeinverlegers zu nötigen Korrekturen im Satz der sehr bald herauskommenden Neuausgabe des WOLPERTINGER-Romans. Und Arco bittet um den Entwurf einer Vorschautextes der Neuausgabe meines New-York-Buchs. Unter anderem möge ich bitte die unterdessen fast historische Lesart herausstellen, da es seinerzeit (1999/2000) noch die Türme des World Trade Centers gegeben habe, auf einem derer eine Szene spielt, aber nicht nur das: Sondern sie geben gleichsam das Maß der Under Manhatten genannten Gegenstadt ab, in der der große utopische Konzert des Pluto Symphony Orchestras stattfindet, eines nur aus Obdachlosen bestehenden Orchesters, die ihre Bleibe in verlassenen Gängen des UBahn-Netzes haben, sehr knapp nur über den → von Krokodilen bewohnten Abwasserkanälen, in denen sie Benny Profane jagt (folgen Sie, Freundin, dem letzten Link, dann können Sie es hören).
Außerdem möchte ich Knelangen antworten, der privat einige Korrekturen zu den Béarts und auch Einwände geschickt hat, die ich aber alle selbstverständlich mit meiner Eckermännin besprechen werde, bevor ich entscheide.

Und aber nun ist es fast schon halb vier. Immerhin habe ich diese Müdigkeit jetzt zumindest im Griff und werde wohl arbeiten tatsächlich etwas können. Im übrigen läse ich gerne in Kjaerstads FEMINA ERECTA weiter.

Ihr ANH

Und ab 19.30 Uhr >>> das:

 

In Marius Felix Langes, coronahalber, Bearbeitung für kleines Ensemble. Insofern eine, nämlich, Uraufführung.
(Ich wäre gern selbst hingefahren, aber mir fehlt derzeit das Geld, in diesem Fall für Bahnfahrt und ggbf. Übenachtung; außerem  sitze ich nicht so gerne zweieinhalb Stunden lang  mit Maske da. Und habe ja morgen vormittag den nächsten Covid19-Test wegen der OP am Freitag, zudem das Gespräch mit dem Anästhesistin.)

Das Verhängnis der Heiligenscheine im Arbeitsjournal des Freitags, den 6. November 2020. Als vierunddreißigstes Coronajournal und weiteres (Nach)Krebstagebuch, darinnen zitiert wird erneut: Die Brüste der Béart,64. (Nämlich).

 

[Arbeitswohnung, 7.04 Uhr
France musique contemporaine:
Anthony Payne, The Stones and Lonely PLaces sing]

Noch nie so viele Corona-Tote in Berlin
an nur einem Tag

titelt der heutige Morgenbrief der Berliner Morgenpost. Insofern wundert

es mich kaum, wenn die Zugriffszahlen → dafür mit in zwei Tagen nahezu 1500 geradezu durch die Decke gingen. Derweil ich weiter mit meiner Steuer, aber auch mit einem Covid19-Abstrich → im Sana beschäftigt war, der rein unnötigerweise vorgenommen wurde, weil nicht dran gedacht worden war, daß er vor der stationären Aufnahme nicht älter als achtundvierzig Stunden sein darf. Hätt ich auch selbst drauf kommen können, so einsehbar ist es. Immerhin kam ich drauf, daß vor der OP noch ein Arztgespräch wegen der Anästhesie geführt werden muß, aus juristischen Gründen; worum es geht und welche Risiken es gibt, weiß ich doch gut.
Also nach dem CT nochmal zurück zum Aufnahme-Empfang, nachgefragt und — Ecco! Nun am kommenden Montag die Coronastäbchen erneut in den hinteren Rachen und in die Nase knapp unterm Gehirn sowie die Aufklärung durch den oder die Anästhesistin. Hübsch, wenn man genau sein möchte, aber auch flüssig, so daß der Anästhesistin dabei herauskommt. Das gefiel mir so gut, daß ich nicht nur sofort nach der Rückkehr den seit vorgestern abend in langer kühler Führung fermentierenden Teigling in den Backofen schob, aus dem er dann so herauskam:

 

Sondern auch sofort mit dem Krafttraining an dem fest in der Decke installierten → Slingtrainer anfing, da ich vom Radfahren eh noch warm war und es draußen, um mit dem TRX-Band in den Thälmannpark zu gehen, schon zu weit hinab mit der Sonne ging; bereits früh berührt sie jetzt die Riste der Dächer, hinter denen Wärme und Licht dann verschwinden. Im Dämmern bereitet es vor allem dann keinen wirklichen Spaß, an frischer Luft zu trainieren, wenn diese Frische bereits etwas scharf ist — so geradezu schlagartig kühl geworden, daß sie beim Einatmen sogar schon etwas beißt. Außerdem war danach, und nach der Dusche, gleich wieder am Schreibtisch, um mit der Steuer weiterzumachen. Unterdessen bin ich – für 2019, wohlgemerkt – bei den Reisen. Es ist wie aus einer anderen Zeit. Reisen, Freundin, reisen zu können! Es war doch stets eine Grundlage meiner poetischen Arbeit und somit auch meines Lebensunterhaltes. Vorbei. So wird die Erstellung dieser Steuererklärung zu einem auch melancholischen Akt, einem leiser Trauer. Daß er überdies mit meinem Eintritt ins Rentenalter zusammenkommt und unten drunter → Liligeia stets mitläuft, auch wenn sie verging, macht es nicht besser; wobei es mit ihrem Vergangensein, siehe nächste Woche Mittwoch, ganz auch nicht stimmt.
Was stimmt denn schon noch?
Die Entkörperlichung von Welt wälzt sich voran. Ich kann im tiefsten an ein Ende dieser Coronakatastrophe nicht glauben, jedenfalls nicht in – nach Jahren gerechnet! – absehbarer Zeit.  Corona, das war einmal ein Wort für Heiligenscheine: Nun sehen wir ja, wohin uns der Monotheismus gebracht hat. Was wir hätten sein können, durchgestrichen. “In einer entkörperten Welt”, sagte ich gestern einer nahen Freundin in Facetime, “möchte ich nicht mehr leben. Es ist kein Platz darin für einen wie mich.” Wenn Gaga Nielsen → dort auch Vorteile im Tragen dieser Masken sieht, so finde ich das gutgesprochen. Zum Menschen gehören auch üble Gerüche, das ist gut und sehr richtig so und nirgends deutlicher wahrzunehmen als in Mumbai, einer Stadt, die eine Orgie aus Geruch ist —

… toll, übrigens, grad: György Ligetis Hungarian Rock für Cembalo von
1978, kannt’ ich noch gar nicht, läuft soeben bei, Link siehe oben,
France musique …

 

 

 

—, von den allerschlimmsten zu den herrlichsten, von Scheiße über moderndes Laub bis in die Höhen der Heiligen Rauche und die Geheimnisse magischer Parfumeur(e)s – manch eine Circe fürwahr. Aber eben auch nur denkbar, weil es Scheiße gibt, die auch so riecht, und Ausdünstungen der Körper, die uns in feinster, nämlich bewußt nicht wahrgenommener Dosierung um den Verstand bringen können und liebesrasend machen. Genau diese Dynamik, dieser Zusammenhang wird von der entkörperten, entkörpernden Moral zerstört. Und daran arbeitet Corona nun mit — man könnte in der Tat den Virus für einen bewußt erzeugten halten. Nein, ich tue es nicht, aber denke nach wie vor und verstärkt, daß wir es mit einem selbstregulativen Prozeß zu tun haben, der auswaschen soll und es wird und schon tut. Es ist in nicht-monotheistischem, sondern pantheistischem Sinn eine Sintflut, für die wir die Archen, die auf ihr schwimmen hätten können, und ganz wunderbar, mit eigenen Händen zerschlagen haben und weiter, immer noch weiter zerschlagen, indem wir lästern, → was wir sind:

Niemand war bei mir, nur der Vögel gezwitscherter Jubel
Sie trist aber drinnen, wie wenn sie weiter unentwegt fragte:
Würde nicht einmal noch ich | mir, an die Schönheit zu glauben,
erlauben, die wir Künstler stets gesucht:
                                                             – was werde dann aus ihr?

Und leiser, fast nicht hörbar: „… mir?“
„Nichts als Funktion, um die sich keiner plagte,
noch daß sich einer noch | nach seiner Muse sehnte,
weil die Verehrung Fraun, so heißt’s, entwürdigt.”

Grob war ihr Lachen, und verletzt, als sie da aufstand,
Jacke und Schal nahm und ging, während ich draußen
die beiden Kekse – mit mir allein und dem tschilpenden Spatzen –
jeden für sich von den Tellerchen nahm und zu Bröseln

rieb und die Krümel achtsam streute, woraufhin sich das Kerlchen
derart freute, daß es sich gleichsam, und enorm, vermehrte,
bis ich meinte, die ganze geflügelte Spatzkolonie

habe sich bei mir zusammengefunden: Sie saß
zwitschernd auf Stuhllehnen, Tischchen, ja selbst meinen Füßen
und hüpfte, des flatternden Lebens Gloriole, am Boden

***

So, zurück, meine Freundin, an die Steuererklärung, und auch die Musik werde ich wechseln: Verdi, Macbeth wahrscheinlich. Oder wieder Puccini. Ich will beim Rechnen mitsingen können.

ANH

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