“Dies viele, viele Grün!” Aus der Nefud, Phase III (Tag 9): Mittwoch, den 24. Juni 2020. Das heute staunende Krebstagebuch, Tag 56.

Allabends wird die Nefud grün. In einer Wüste hätte ich so etwas niemals für möglich gehalten. Doch wir müssen nur unser Abendlager aufgschlagen haben und ich mache mich für den täglichen Spaziergang bereit, der mein Lauftraining vielleicht nicht grad ersetzt, aber in der Nefud sinnvollwerweise seinen Platz eingenommen hat, beginnt die Landschaft, üppig vor Leben zu werden. Ich sehe dann sogar Straßencafés voller teils so junger Erwachsener, daß sich all meine Sorgen wegen eines WeitersderWelt von selbst zerblasen; überall Gelächter, überall Kinder, und Eis wird geschleckt, bei Hokey Pokey, aus mir schleierhaften Gründen – die seit über zwei Jahrzehnten betriebene Kleine Eiszeit ist ebenso gut und aber deutlich preiswerter, nur halt nicht ganz so “hip” – stehen die Leute nach quasi Kilometern an; der auf Coronas Abstand bedachte Flaneur verläßt den Bürgersteig hier besser und schreitet auf dem Fahrdamm weiter. Und wir verlassen die Wüste immer mehr, indessen doch die Wahrheit diese ist – jedenfalls für mich:

Ich weiß es. Ich komme damit klar. Einen Großteil meines Lebens war ich uneinverstanden; zwar einverstanden mit dem Leben immer, indes mit den Sozialitäten nicht, nicht mit den Hierarchien und darunter der Gleichmacherei. Nicht mit dem gleich zu denken. Jetzt spielt es keine Rolle mehr. Auch hier bin ich jetzt einverstanden, schau’s mir an und lächele. Will ja gar nicht, daß all das vorbei sei, im Gegenteil. Selbst ihra Musi sulln’s nur spüü:n. Und dann kommt, am Ende des aus dem Mauerpark hinausführenden Birkenwäldchens, nicht nur der erste Free Climber in Höhensicht, hier an einem Massiv am Wulst des Wadis Rumادي رم), sondern vielleicht anderthalb Kilometer weiter erblickte ich dies da – zweifellos eine Geschichte für sich, die erzählt werden sollte:Irgend jemand ist bis hierhin geradelt (was mich an eine weitere Prägung meiner späten Kindheit erinnert, nämlich an Heinz Helfgen) und hat das Rad mitten in der Nefud stehen lassen, aber irrerweise angeschlossen. Dann ist er oder ist sie aus höchst rätselhaften Gründen zu Fuß weitergegangen, indessen das Rad, als ob’s im tiefsten Dschungel gestanden, gleichsam Wurzeln in der Wüste schlug, aus denen Ranken, Blätter, schließlich violette Blüten das verlassene Gefährt nach und nach umschlangen, bis es, das Fahrrad, zu einer Oase-in-der-Gestalt-eines-Fahrrades ward:

 

 

 

Solches, ja, sind während der allabendlichen Spaziergänge — sie dauern je zwischen einer und zwei Stunden — meine Wahrnehmungen, von denen ich aber gar nicht bestreiten will, daß auch sie sie Nebenwirkungen der Strahlungen sein können, denen Li und ich hier ausgesetzt sind — beide gleichermaßen: Wer also wollte behaupten, daß ich zur Krebsin unfair sei? Dafür bin ich viel zu dankbar, der Welt dankbar, daß sie mich in ihr ließ und körperlich mir immer gut war, egal, wie sehr ich’s hedonistisch übertrieb. Jetzt läßt sie mich noch einmal schauen. Und gestern abend dachte ich, da war ich erst so spät aufgebrochen, daß ich nicht früher heimkam als 21 Uhr … dachte ich also, wenn ich dies überlebte (es sind bis zur OP nur noch etwa drei Wochen, etwas, das ich dauernd vergesse), dann würde ich gerne noch einmal ein paar Stätten sehen, und Städte, um dort ein wenig zu verweilen:

* Die Ciane– und Arethusa-Quellen auf Sizilien, sowie ebenfalls dort Catania und Palermo je für paar Tage
* Napoli und beim Freund in Amelia
* die Serengeti noch einmal sowie im Kruger → OLIFANTS
* Mumbai mit Mahalakshmis Bucht
* die Isola del Giglio für einen letzten Tauchgang
* Paris und Wien je für ein paar Tage
* Soufrière auf St. Lucia und – zu Fuß durch die Dschungel hinauf – den kochenden See auf Dominica

 

 

 

 

  • Und gerne, einmal, bei St. Helena dreißig Meter unter den Blauwalen tauchen:

Doch alles dies mit Nefudblick auf Aqaba, Lis und meinem Ort der schließlichen Vereinigung, von der wir nicht wissen, ob sie nicht doch zu einer wird im Tode — vor dem ich mich schon deshalb nicht fürchte, weil er das Leben garantiert, ein Weiterleben und nicht-enden eben, wenn auch, gerechterweise, anderer als mir, denen die Herrlichkeiten dieser Welt genauso wenig vorenthalten werden dürfen, wie sie mir vorenthalten wurden. Ich habe das meiste, was zu sehen war, gesehen und ausgeschöpft, was immer an Genuß es gab (zu dem auch Leid gehört, selbstverständlich).
Aber immer wieder auf meinen Abendspaziergängen kehren hierhin meine Gedanken zurück. Auch gehe ich durch den Prenzlauer Berg wie einer, der schon nicht mehr ganz dazugehört. Und falle natürlich auf, trage es an mir, verberge es nicht; bereits die Kleidung ist ein Spiegel:

 

Vieles steht so auf Abschied, einem ruhigen, besonnenen, der auf getanes Werk zurückschaun kann; alles Weitre wäre eh der Nachwelt, einer auch, die noch mir Mitwelt ist, aber wie ich vielleicht schon spürt. Und selbst, wenn meine Krebsin und ich Aqaba überleben sollten, würde das Leben ein anderes werden, wie es jetzt bereits schon ist. Denn auch das ist mir bewußt, daß das Wort “geheilt” auf die Tumorin schon deshalb nicht angewandt werden kann, weil sie eben keine Krankheit ist; und genau deshalb würde ich auch nach solch einer “Heilung” mit ihr für immer weiterleben müssen, vielleicht sogar wollen. Denn jederzeit wird zu gewärtigen sein, er sei, der Krebs, “zurück”; “jederzeit” bedeutet: in den kommenen fünf Jahren. Hält Li sich da bedeckt, könnten wir neunzig werden zusammen; sollte sie zu ungeduldig sein, werde ich froh sein müssen, wenn wir die siebzig erreichen. – Ich sollte meiner Krebsin vielleicht → wieder schreiben, sie meinerseits locken, mit einer, sag ich mal, anderen Erotik zu “Dingen” verführen, die auch sie begeistern könnten, obwohl ich so genau nicht weiß, was de facto sie bedeuteten: etwa daß ich, sollten sie und ich überleben, auf jeden Fall LSD ausprobieren möchte, ebenso Mescalin, ebenso chemische Drogen – alleine, um auch das erlebt zu haben … und um zu erfahren, wie sich meine Poetik möglicherweise dann noch ändern würde, ja, ob es überhaupt einen Einfluß auf mich hätte. Was ich annehme, aber faktisch wissen nicht kann.

So schaue ich ziemlich neugierig dem Kommenden entgegen, so angstfrei auch deshalb, weil ich in einen sehr guten Tag erwachte, zwar nochmals abgenommen habe (71,4 kg heute), aber nahehzu beschwerdefrei nach abermals sechs Stunden tiefen, ununterbrochenen Schlafes erwachte; selbst die Füße sind nicht geschwollen, kribbeln allerdings weiter, und das bißchen dauerndes Nasebluten … nun jà … – zudem sich ein nächstes, bislang nicht aufgetretenes Blutungsphänomen dazugesellt hat, und zwar an Stellen, die ihr Haar verlieren, besonders der Bartbereich, der jetzt ohne Bart ist, dafür wie in der Pubertät Pusteln bekommen hat, die eben bluten, wenn ich an ihnen kratze. Neu ist auch ein ständiges Jucken in den Achselhöhlen – ebenfalls an den Haarwurzeln. Da ich sie seit Jahren rasiere, kann ich nicht sagen, ob dort noch etwas wächst; mein Eindruck ist hingegen: nein. Wiederum bin ich am Körper nach wie vor behaart; ich wäre mir ein Fremder, wäre es anders, und werd ein solcher wohl noch werden. Doch am Brustpelz kann ich noch, auch härter, zupfen, ohne daß die Haare “abgehn”; nur wächst nichts nach, wo aus medizinischen Gründen wegrasiert werden mußte. Die Gegend um meinen Bauchnabel, nach → der Laparoskopie, ist geblieben, als was Herrn Straussens Haushofmeister Ariadnes  Naxos bezeichnet, zwar eine “wüste” Insel nicht (allenfalls im Sinne der Nefud, ich meine, auch sie, Ariadne, erwartete eigentlich Hermes – als Walkürich in diesem Fall), aber jämmerilch halt doch, so nackt im dunklen Haarmeer meines Bauchs.

Ich will jetzt eine Stunde schlafen; die Kontrollstation, in der wir für mogen um neun Uhr gemeldet sind, haben wir fast schon erreicht. Ich bin grad gut zu Dromedar: kein Schwindelgefühl, keine Übelkeit, keine Schwächeanfälle, kein Schmerz. Zum ersten Mal tut mir eine Chemo gut, wenn sie wieder abklingt; bislang war es genau umgekehrt. Dafür spinnt mein Verdauungssystem auf alles andere als noch verstopfende Weise, und zwar so drängend-dauernd-klecklich (kläglich), daß es nicht gut ist, sich allzu weit von möglichen Örtchen zu entfernen. Aber auch das ist eher lästig als schlimm.

Ihr ANH

[صحراء النفود.عالم آخر, Mittagslager
13.35 Uhr
)

 

 

Krebstagebuch, Tag 20. Dienstag, den 19. Mai 2020: Chemo I (Phase 1)

[Arbeitswohnung, 5.18 Uhr
→ Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 5 B-Du
Erster Latte macchiato]

Die erste Pforte – eine Enge eher von hohem, massivem Fels, die in meine persönlich Nefud führt, wie ich die heute beginnene Chemotherapie mit Lawrence nennen will – … diese nichtPforte also unterscheidet sich insofern von jener, die uns Dante hintertrug, als sie weder eine durch den Herabsturz Luzifers entstandene kreiselförmige Einsenkung des Erdinneren ist, noch gar gibt es sie anders denn daß sie alleine gefühlt wäre. Und ohne deren oberen Abschluß kann sich auch die berühmte Aufschrift nicht tragen:

LASCIATE OGNI SPERENZA, VOI CH’ENTRATE!

Wir sollen die Hoffnung hier ja bekommen, müssen halt nur → durch die Nefud hindurch. Wozu es, um die Kraft aufzubringen, des ganz anderen Ausrufs bedarf:

VOI CH’ENTRATE, COGLIETE OGNI SPERANZA!

Nur ist hier nicht leicht Luft zu holen, die überdies so heiß ist, daß sie in den Lungen brennt; man bekommt sie kaum durch die Luftröhre wieder hinaus, geschweige zu einem Ball von genügender Lautkraft geballt. So ging es jedenfalls mir, → gestern, im Vorbereitunsgespräch zu dem, was nachher – → nach FLOT – gleich beginnen wird,
Vier heftige Medikamente mit durchweg unguten, möglicherweise extremen Nebenwirkungen; dazu Nebenmedikamente, die sie ab- und auffangen sollen. Vier je zweiwöchige Zyklen, zu je deren Beginn die Stoffe dem Körper in einer ungefähr vierstündigen Liegung zugeführt werden, und jeweils einen Tag trägt man eine kleine mit dem implantierten Bioport verbundene Pumpe am Gürtel, die dem Körper den Wirkstoff nach Art eines Tropfs zuführt, langsam also, sanft, ohne zu reizen. Jedenfalls verspricht man es sich so.
Mit Abschluß der vier Zyklen oder Phasen, nach acht Wochen mithin, sei der Patient (im Dschungelfalle ich) in aller Regel für die Operation bereit. Die Erfahrungen mit FLOT seien ausgesprochen gut; er, mein Onkologe, habe schon erlebt, daß der Chirurg gar keinen Tumor mehr gefunden habe, als er nach den acht Wochen habe operieren wollen. Mein Krebs sei heilbar, davon sei er, mein Onkologe, überzeugt. Durch die Wüste müsse ich nun aber. Ich wisse doch, daß Aqaba … wie??, von der Seeseite aus? ––– absolut unmöglich! Nein nein, es geht nur durch die Wüste. Wobei … nun jà, ss stimme schon, daß den Leuten bisweilen die Fingernägel ausfielen auf diesem langen Marsch, oft sogar am ersten Tag schon. Deshalb bekomme man gleich zur ersten Behandlung spezielle Handschuhe übergezogen, die so etwas verhinderten. Bei den Füßen sei es ja nicht schlimm.
Das verschlug mir den Atem.
Die Füße? Meine Füße??? Füße gehören ins → Zentrum meiner erotischen Lust, seit je, je, je, je her! Nirgends bin ich derart empfänglich, derart sinnlich zu erregen. “Also hören Sie mal!”
Mein Horror war ihm fremd. Ebenso wie, daß mir Haarausfall, Schleimhautentzündungen, Darmprobleme sehr viel weniger bedrohlich vorkamen, also -kommen. Sie greifen nicht mein Selbstbild, nicht meinen Stolz, nicht meine Ästhetik an. Aber häßliche Füße? Ganz, ganz furchtbar. Ein Grund, sich für alle Zeiten wegzuschließen.
Aber weiter: In höchst seltenen Fällen komme es auch zu Herzinfarktenm jedenfalls etwas ihnen sehr ähnlichem: bei entsprechenden Anzeichen sofort Alarm schlagen. “Kommt aber wirklich nur bei einem von zehntausend vor.” Beunruhigtr mich auch nicht, nicht wirklich. Nur das mir den Finger-, vor allem mit den Fußnägeln. Aber, dachte ich dann, sind nicht dem Messemer auf seinem Everest die Zehen gar ganz abgefroren?

Es sind diese, ja, Bilder, woran ich mich nun orientiere. Was mein Selbstbewußtsein stolz hält. Und eine enorme Neugier, von der ich nicht recht weiß, ob sie die meine oder von jemandem anderes inszeniert ist, einer andere, die wir namentlich nun kennen, zumal sie gestern von Frau von Stieglitz → in einen nochmal anderen Zusammenhang gestellt wurde, über den ich mich morgen äußern will; heute werde ich es vermutlich nicht mehr schaffen. Man sei, hieß es gestern in der Beratung, nach der Sitzung, nun jà, “Liegung” schon deshalb sehr erschöpft, weil anfangs ein starkes Antihistaminicum gespritzt werde, das zu enormer Müdigkeit führe. Deshalb muß ich heute mittag auch abgeholt werden; “einfach so” lasse man mich in dem Zustand nicht auf die Straße. Am besten sei ein Krankentransport. Was ich entschieden verweigerte. Ich lasse mich vor die Arbeitswohnung mit sowas nicht bringen, auf gar keinen Fall.
Also herumtelefoniert. Nun holt Ricarda Junge mich ab, die nahe mir vertraute Kollegenfreundin.

Ich habe noch gar nicht vom Kribbeln geschrieben, einem in Finger- und Zehenspitzen. Eine Nervenschädigung. Dazu aber später noch vielleicht. Ich möchte diesen Eintrag in Der Dschungel stehen haben, bevor ich aufbrechen werde.

[Schostakovitsch, Sreichquartett c-moll op. 110]

***

[Onkologie 9 – 13 Uhr, ambulant]

Phase I (von IV): Infusionstag

*** 

 

 

 

 

 

 

______________________

[Arbeitswohnung, 16.34 Uhr
Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 13 b-moll]

Gut und wohlgelaunt zurück. Der Bericht folgt dennoch erst morgen. Denn erst einmal mußte oder wollte ich meine Siesta halten, dann war anderes Einiges zu tun, und ich möchte nicht hetzen. Allerdings auch morgen wieder Arzttermine, erst bei meiner Hausärztin, dann erneut dem Onkologen, weil ich ihm die Pumpe zurückbringen muß, von der, was sie ist, ich Ihnen, Freundin, ebenfalls erst morgen erzählen werde (während ich dieses schreibe, tröpfelt’s sanft in mich weiter noch hinein). Dennoch ist der Zeitlauf morgen relativ ruhig, bei der Hausärztin muß ich erst um 11.30 Uhr sein, eine halbe Stunde später allerdings ziemlich flugs aufs Rad.
Das in Deutschland in der 5-mg-Dosierung nicht mehr erhältliche und deshalb in den USA bestellte Melatonin ist angekommen. Da bin ich jetzt aber, heut für die Nacht, sehr gespannt.

Nichts steht geschrieben!” Lawrence of Arabia (jodiert) im Krebstagebuch des nunmehr dritten Sana- und, weil in der Klinik spürbar akut, auch wieder Coronajournals, nämlich des sechundzwanzigsten. Verfaßt am frühen Morgen des Sonnabends, den 16. Mai 2020, bis spät in den Morgen hinein. (Krebstag 17).

[Sana A4, 2018: 5.25 Uhr
Erster Kaffee (aus Granulat)]

[Reuter, Petite sonate pathétique
Im Wechsel mit Ramirer, ORGANICS]

Freundlich, sehr sehr freundlich wieder ward ich empfangen, der eine Viertelstunde zu früh kam, aber eh erst Formulare neu auszufüllen hatte. Wozu ich in den Aufenthaltsraum gesetzt wurde, den Sie, Freundin, bereits kennen, da ich in ihm die beiden vorigen Sanajournale geschrieben habe, das zweite mein erster Brief an Ligeia – die weiterhin noch schweigt. Doch nach den gestrigen Ereignissen habe ich den deutlichen Instinkt, es werde sich nunmehr, nachdem es so präzis auf die Chemo zugeht, ändern, und so knapp. Der Port ist nämlich gelegt.
Ein Port. Bei Cronenberg, dem von mir so verehrten, hieße er Bioport, ihm, dem großen Regisseur, der Einflößung artifizieller Welten dienend, die damit auch für die Zuschauerinnen und Zuschauer zu realen werden, mir, dem Dichter, dem Einfluß der realen in die innere poetische Welt und damit einer, ich schreibe einmal ungeschützt, Harmonisierung der Katastrophe. Weil es dies ist, was wir Menschen wirklich können, was kein, wahrscheinlich, Tier kann, was möglicherweise nicht einmal Göttinnen und Götter könnten, wenn es sie denn gäbe, und erst recht kein GOtt. Schöpfung durch Kunst, Erschaffung durch Kunst – dies ist das Menschliche an sich (und wahrscheinlich eben nicht die Liebe, deren Empfindung wir mit Göttern wie mit Tieren teilen, und mit, wenn’s denn stimmt, dem EInen GOtt auch).
“Die Ärztin wird gleich kommen. Bitte einen Moment Geduld.”
Zu Geduld in Krankenhäusern hab ich schon geschrieben. Nun tauchte ich zum dritten Mal dieses Jahres unter die Membran verhältnisgedehnterer Dilatationen, zu denen, wie ich bereits wußte und vornachts → im Traum verarbeitet hatte, abermals gehören würde, daß mir aus meinem Leben nicht wenige Minuten komplett herausgeschnitten werden würden, die daraufhin in nur wenigen Leuten zugänglichen Räumen sich verschlossen archivierten – möglicherweise archivierten; so sicher → wie Frau von Steglitz (der ich auch direkt noch antworten möchte) bin ich mir da nicht.
‘Mein’ Dr. Herr Chirurg wehte ins Zimmer, ein nicht sehr großer, doch kräftiger, ja kraftvoll-trainiert wirkender jüngerer Mann als ich mit aber immerhin selber Frisur und ebenso gut gelaunt; man gäbe sich gerne die Hand, doch darf es momentan nicht mehr, und es steht durchaus zu befürchten, daß nach noch einiger Coronazeit auch diese Note unserer Kultur aus dem Bewußtsein gelöscht sein wird – worüber die Generationen nach uns, in jedem Fall die nach denen unserer Kinder nicht einmal mehr Bitterkeit empfinden werden, schon gar nicht die Süße, die mit ihr erinn’rungsvoll verbunden.
“Guten Morgen!”, lachend. “Eine Änderung!” So nahm er Platz. Jetzt wehten nur noch die bedruckten Seiten in seiner Hand. “Alles gut?”
“Bestens.”
“Na fein. Ich hatte eh keine Zweifel, aber habe mir etwas überlegt, das wir gleich mittun könnten. – Am Montag geht doch gleich die Chemo los?”
Was ebenfalls für ihn sprach; er hatte sich gemerkt, was ich gestern erzählt hatte.
“Und … Sehen Sie, Ihre Venen sind ja ziemlich prima, aber die ständigen Infusionen mit dem sowieso schon höchst aggressiven Zeug nehmen sie einem auf Dauer doch ziemlich übel. Da würde ich Ihnen besser einen Port legen.”
Bioport ..?”
Bio?”
“Cronenberg, eXistenZ.” (Ich habe drauf schon oben verlinkt, im Gespräch geht es eh nicht – auch wenn ich mir nicht sicher war, daß der Arzt den erkenntnistheoretisch enorm bedeutsamen Spielfilm schon kennt. Obwohl er nickte.)
“Jedenfalls, schauen Sie … Wir implantieren den Port unter die Haut, hier: Aber wir nehmen die rechte Brustseite, da müssen wir nicht übers Herz. Sehen Sie?” Er zeichnete die Stelle mit dem Kuli ein, umkringelte sie, ich verstärke es mal mit meinem eigenen Kringel, der nun in Gelb: “Da muß der Onkologe nur noch unter die Haut in den Katheter einstechen, ohne daß wochenlang die Venen bis zum Gehtnichtmehr genervt werden. – Einverstanden?”
“Was gibt’s da zu überlegen? Nichts. Ist sinnvoll, ja. Außerdem find’ ich’s extrem spannend.” Ich war echt voller, nur sozusagen freilich, Tatendrang. Denn “tun”, ich selber, tät ja nix. Ich läge nur herum.
“Wir machen es aber auch nur, wenn wir bei der Laparoskopie nichts Verdächtiges finden. – Dann muß ich Sie jetzt nur noch über die Risiken aufklären.”
‘Nur’ fand ich hübsch. – “Wie gestern?”
“Wie gestern, ja.”
“Na dann.”
Er tat’s und wehte schon wieder hinfort, flatternd seitlich die Weißkittelflügel. Auch war mein Zimmer bereit. Das Possessivpronomen stimmt. Nicht nur erneut ein Zweibettzimmer, sondern eines für mich alleine, komplett. Noch jetzt bin ich allein, tagsdrauf, da ich mich darauf vorbereite, nachher schon wieder entlassen zu werden.

Großartiges Zimmer, Sommerblick:

Mich zügig eingerichtet, Fünfersteckerdose, Ladegeräte, Zenbook auf den Tisch, Lektüren bereitgelegt, aus dem Anzug ins Kindernachthemd, hinten “frei”, gut, den Cardin-Morgenmantel drüber; für den ebenso türkisfarbenen Schal war’s zu warm. Und grad will ich mich legen, kommt die Schwester schon: “Es wird etwas früher. Sind Sie bereit?” – “Habe ich noch fünf Minuten?” “Ja. Aber die Ringe ab, bitte, die Uhr ab, bitte … und auch die Piercings, falls Sie welche haben.”
Also schnell jetzt. Schon lieg ich auf dem Rollbett, will aber auf keinen Fall zur Decke starren, statt dessen mitbekommen, was nur geht. Die Gänge schmale sumpfige Läufe afrikanischer Flüsse. “Bitte die Hände nicht hinausstrecken.” Klar, sonst kommt ein Krokodil und macht SCHNAPP! Man sieht sie nicht, aber bestimmt sind viele Krokos hier. Ich liebe Krokodile, Kaimane aber auch, nur daß die mir zu klein sind. Und Alligatoren haben zu gedrungene Köpfe. Was entschieden für Afrika und gegen Südamerika spricht. Dafür gibt es dort Anakondas, die ich ebenfalls liebe. Die schönsten Schlangen in Afrika sind die schwarzen Mambas. Aufpassen, der Fahrstuhl. Sollte ich verloren gehen, wird irgendwann jemand aufbrechen, um mich zu suchen. “Mr Herbst, I presume?” “Angenehm. Tja, wer hätte gedacht, die Quellen des Niles in ausgerechnet Lichtenberg zu finden … – Leider kann ich Ihnen keinen Talisker anbieten. Des Krebses halber, wissen Sie?” Tat er, hatte DIE DSCHUNGEL gelesen. “Und hier also lebt Ihre Krebssirene …” “Li?” “Ja, Ihre Li … im Gewässer?” “Mal hier, mal dort. Sie durchzieht die Wasseradern auf der ganzen Welt, wie eine schmale, schlanke Walin die Meere.” “Poetisch.” “Das ist sie, in der Tat.” (Wobei ich letzteres nur sagte, weil ich den Eindruck habe, sie hört mit, und ihr also schmeicheln wollte. Vielleicht, daß sie dann schneller wieder reagiert.)
Doch warn wir bereits am OP. Seitennische, die Anästhesieärztin (An-Ästhetikerin??? – über den Krebs zu schreiben, macht zunehmend Wortspaß), übliche Fragen, Aufklärung, zwei Schwestern fummeln an mir rum, legen weitere Ports. “Was haben Sie um fünf getrunken?” “Einen Latte macchiato.” “Falsche Antwort.” “Wieso? Habe extra den Wecker gestellt. Bis sechs Stunden vor der OP darf ich noch was trinken.” “Ist aber Milch drin in so’nem Latte macchiato.” “Wohl wahr, doch sechs Stunden vor …” “Es ist aber noch nicht elf, ist erst halb elf.” “Mag sein, doch wurde mir elf Uhr gesagt. Hab gestern abend extra noch mal angerufen.” War ja klar, daß ich mit der anderen Zeit der Krankenhäuser noch in Konflikt geraten würde … unsere Zeiten und die hiesigen decken einander einfach nicht. Streng, oh streng! sah die ältere Schwester, ich möchte sie fast eine “Großtante” nennen, mich über ihre Coronaburka an. Nur daß mir Zurechtgewiesenwerden nicht so liegt, ich werde dann störrisch oder spotte grob – ob vorm OP: egal.
Die jüngere Schwester ahnte es, und bevor die Angelegenheit eskalieren konnte, rief sie meinen Chirurgen an. Der sofort abzuwinken schien, verbal. “Überhaupt kein Problem, sagt er”, sagte sie zur Tante. Die dampfte zwar noch weiter, aber schwieg. Mich wärmte das burka-, genauer: niqabverdeckte Lächeln der Jüngeren, dann ward ich bereits in den Saal gerollt.
Mal wieder die komplette Faszination, außerdem Genrewechsel: Afrika zieht sich zur → OPS der Enterprise zusammen, doch außen wird sie die schlanke Disk meines geliebten Raumschiffs Orion – des uneingeholt schönsten aller Zeiten (oh Du Cliff Allister McLane meiner Jugend! — und entsinnen Sie sich, Freundin: der Raumhafen lag unter dem Meer, die Orion tauchte, bevor sie hoch ins All stieg, jedesmal aus dem Malstrudel auf!):

[Bilder ©: → Christoph Roos]

Indessen hatte da die Narkose längst gewirkt. Als ich wieder zu mir kam, sah mein Bauch so aus:

Und dazu der neu Port.
(Freilich ermahnte mich später am Telefon die sehr nahe Freundin, demnächst, wenn ich mal wieder meinte, direkt nach einer Narkose ein Selfie machen zu müssen, doch bitte dran zu denken, daß ich dann auch – lächele. Sonst bekämen alle einen Schrecken, und ich verlöre komplett alle meine Leserinnen, außer nur noch Li. (Letztres gab mir sehr zu denken.) )

 

Wie auch immer, einige Zeit stand ich noch im Aufwachraum, also ich lag, das Bett … hm, kann man auch da “stand” sagen, na gut, stand da genauso putzmunter auf den Rollen, wie’s schon wieder ich selbst war. “Oh, wieso sind Sie schon wach?” Ein Pfleger. Diesmal sparte ich mir mein “Bin ich doch immer”; er konnt’ es ja nicht wissen. Wobei ich, als ich schließlich in meinem Zimmer zurück war, dann doch noch etwas schlummerte – schon weil es eine nette und bequeme Weise war, dem allmählich einsetzenden, bzw. bemerkbar werdenden Schmerz zu entkommen, der schlichtweg von den genähten Schnitten rührte und es nach wie vor tut. Medikamente wollte ich nicht nehmen, kam aber abends dann nicht mehr drum rum; sie standen bereit, ich schluckte sie zögernd, aber schließlich alle nach und nach.

Mein Chirurg wehte ins Zimmer. Wehen tut er immer, diese klasse Mann. Herr Dr. Alexander Dizer. Wenn jemand so tief in meinem Inneren war, hat er ein Recht, genannt zu werden, und eigentlich noch mehr als das. Ich würde ihn nun auch die andere, die große OP durchführen lassen, wahrscheinlich im August, “doch das”, sagte er mit einem so leisen Bedauern, daß es direkt lächelte, “behalten sich meistens die Chefärzte vor.” Jetzt wollte er erstmal die Wunden sehen. “Leider hat man vergessen, Ihnen Duschpflaster draufzutun. Sie bekommen sie morgen, okay?” Und entwehte bis zum Abend, indessen ich selbst nun viel zu hibblig war, um noch im Bett zu bleiben. Also ans Tischchen mit dem Zenbook und erstmal Briefe geschrieben, besonders an Wilhelm Kühlmann, der zur Zeit über meinen Gedichten sitzt und irgendeinen Text über sie zu schreiben nicht nur noch “vorhat”. Danach ein schöner SMS-Wechsel mit meiner Lektorin:

ANH
Wie ich heute im Journal schrieb: Ich bin nicht krank, sondern in schwierigem Gelände auf der Suche nach den Quellen eines inneren Nils. (Auf der Suche nach denen des realen gab es halt auch Todesfälle, wie bei Krebs. Eigentlich für Conquistadoren kein Unterschied.)
EMG
leuchtet mir ein. solche bilder machen viel aus, denke ich, wie man im kopf damit umgeht
ANH
Ich sehe den ganzen Krebs fast schon nur noch als poetisches Schwerstabenteuer.

Was mir, ich gebe es zu, ab dem späten Abend und auch durch die Nacht durchzuhalten aber schwerfiel. Dieses Nichtschlafenkönnen ist wirklich zermürbend; die Tabletten, die ich bekam, wirkten nicht oder kaum; ich hatte den Eindruck, man habe mir zum Schlafen Placebos gegeben. Dann aber mußte ich an El’Aurences Marsch auf Aqaba denken

und war mit meinem, nun jà, Schicksal versöhnt. Schlimmer als in der Nefud der Durst kann meine Schlaflosigkeit, trotz der Schmerzes, kaum gewesen sein. Und Lawrence of Arabia ist nach wie vor einer der mir nahsten Helden meines Lebens – nicht zuletzt auch deshalb, weil er und die gesamte arabische Welt wie ihrer beider Streben nach Freiheit derart verraten worden sind. Einem wie mir taugt das ganz gut zur Identifikation. Außerdem rasiert sich Lawrence in der Wüste – mit Wasser, für den Schaum. Wie rar es immer auch sein mag, und kostbar. Ein absolutes Sinnbild europäischer Hochkultur.

Von halb vier bis fünf Uhr schlief ich danach so tief und gut in der Wüste, daß ich kaum später komplett erfrischt aufstand, mir das antierotische Nachthemd wieder überzog (da ich bekleidet noch niemals schlafen mochte) sowie in den Cardinmantel schlüpfte und in die indischen Sandalen. Derart angetan schritt ich hinaus und langsam zum Empfang, um mich am Rolltisch des Pulverkaffees zu bedienen. Die Tasse in der ruhigen Hand begab ich mich in mein Zimmer zurück und begann am Zenbook die Erzählung, diese hier, die Sie nun gelesen haben.

Ihr, in Erwartung seiner Entlassung,
ANH
Um 9.27 Uhr

 

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