Im Relais bei بجده : Aus der Nefud, Phase I (4). Geschrieben am Donnerstag, den 28. Mai 2020, in den Freitag – also heute, den 29. – hinein und eben einem Boten mitgegeben. Krebstagebuch, Tag 31 auf 32.

 

 

 

 

[صحراء النفود, 28. Mai Relaisstation bei بجده, was “Großvater” bedeutet, gesprochen ungefähr “Bijadewè”, das “j” wie “Schorsch”.
13.36 Uhr]

Wir erreichten “den Großvater” bereits gestern, lange noch vor Sonnenuntergang, hatten allerdings eilen, die Tiere ziemlich unbarmherzig antreiben müssen, weil es geheißen hatte, es sammle sich für den Abend ein هبوب, Habub, also ein für die Sahara ziemlich typischer, heftiger Sturm, der normalerweise den Sand selbst bei extremen Winden nur wenige Meter über dem Boden mit fortreißt, diesmal indes bis in fast einen Kilometer Höhen aufwirbeln könne. In dann so etwas mochte wirklich keiner von uns hineingeraten.
Dennoch, es war ein Wettlauf mit der Zeit, bei dem mir nun wirklich einmal schlecht wurde, aber nur der Bewegung meines Dromedars wegen – mit dem ich andererseits unterdessen Freundschaft geschlossen habe; “mein Röhrerchen” nenne ich das Tier, weil es, wenn ihm etwas nicht paßt, höchst bezeichnende Geräusche von sich gibt, von denen ich einfach nicht herausbekomme, ob es sie nur im Rachen oder mit Rachen und Nase erzeugt. Man könnte sie ein gezogenes, bisweilen genervt aufbrüllenes “sonores Röhren” nennen. Doch hören Sie, liebste Freundin, am besten selbst, ich habe mein Aufnahmegerät ja immer dabei, auch hier in der Nefud. Wer weiß, vielleicht bekomme ich ja doch einmal wieder den Auftrag für ein Hörstück? Wie auch immer, ich wünsch(t)e es mir.
Nun indes voilà mein Kamel:

Jedenfalls da war der Name, Röhrerchen also, in der Welt. Wie Sie hören können (und bestimmt gleich schon dreimal wiederholt haben), hatte der Bursche entschieden keine Lust aufzubrechen  hätte sich vor dem Sturm lieber untergestellt, was zwischen den ausgeblichenen Granit- sowie den deutlich spröderen Sandsteinfelsen gut möglich ist, die allerdings seit der Antike schon stehen. Hinter solch einen also sich in den Windschatten ducken im Kreis seiner Liebsten und vielleicht sogar, wenn sie nicht hersehen, tun, was bei stürmender Gefahr sonst nur Straußenvögeln nachgesagt wird. Das hätt zu meinem “Röhrerchen” gepaßt. – Übrigens täuscht sein Diminutiv doch sehr; Röhrerchens Schulterhöhe beträgt über zwei Meter– und so gelassen schaut es auf seine Stuten hinab. (Tatsächlich findet das soziale Leben dieser stolzen Tiere in, ecco!, Haremsgruppen statt). Den überm Höcker befestigten Reitsitz habe ich Ihnen gewiß schon gezeigt. Falls nicht, dann also nunmehr hier:

Um darauf das Gleichgewicht zu halten, braucht es doch einige Übung — vor allem, wenn so plötzlich wie gestern zum Aufbruch, was sag ich? zum Lossturm aufgeblasen wird. (Natürlich wurde nicht “geblasen”: Selbst in der Wüste herrscht Gegender viel zu viel; Faisal, der ebenso korrekte wie entschieden moderne, war lange schon vor mir den correcten Lauf der Zeit mitgegangen. Er will sich wahrscheinlich nicht nachsagen lassen, zu den “alten weißen Männern” zu gehören. Da er ziemlich dunkelgebrannt ist –  seines fast ebenhölzernen AlecGuiness-Anlitzes Schnitzwerk tat ich ganz sicher schon Erwähnung –, muß er es kaum befürchten. Das “weiß” ist schon mal weg.)

Tief nordwest nun aber schon ballte sich am Horizont das Blauschwarz eines zorn’gen Passats gen Osten herüber, und immer wieder kam es mir vor, als blitzen darin Milliarden Atome aus in den hochgeputschten Sanden gelösten Metallen — in solcher Entfernung ganz sicher eine, also meine Täuschung. Dennoch, wir mußten in die Sättel, Dr. Faisal, sein, ich sage einmal, Leibknecht Lars ibn Gamael, ich selbst sowie die andern acht, die uns begleiteten (Barbier, Koch, die beiden Kamelpflegerjungs, der Sanitäter aus Medina und zwei Trägerscouts) – mithin eine veritable Kleinkarawane, deren Zentrum allerdings ich blieb, mit Faisal als meinen Leibarzt an der Seite. Es geht ja nicht mehr gegen “die” Osmanen, sondern eigentlich nur → Li, die nun schon → wieder nicht zufrieden ist und von der ich weiß nicht mehr welche Legende erzählt hat, sie habe ihre Heimstatt in Aqaba und dies ihr Domizil mit vier Höllenkreisen umschlossen. Deren erste Relaisstation wir, kämen wir denn endlich los, am Abend erreichen wollten. Und ja tatsächlich erreichten. Wobei ich für unsren vor den geblähten Monsterbacken dieses drohenden Sandpassates einherstürmenden Relaisritt dennoch Lawrence selbst zitieren muß, demzufolge wir uns gerade in dieser Situation “winzig klein” fühlten, “und unser Vorwärtshasten durch solche Unermesslichkeit war fast wie ein Stillstand. Kein Laut war zu vernehmen, außer dem hohlen Echo der polternden Steinplatten unterm Tritt der Kamele und dem harten Rascheln des Sandes, der vor dem heißen Wind langsam nach Westen zu über den rindenartig verwitterten Sandstein hin kroch.“ Aber er erreichte uns, der Sturm selber, erst, als wir die Zuflucht schon gefunden. Dennoch versetzte er uns in Panik — als kämen wir hier niemals wieder hinweg. Es war ein Brüllen, schlimmer, viel schlimmer als Röhrerichs, war ein unentwegtes, die Gehörgänge zerreißendes Pfeifen, war sogar das Prasseln zentrifugaler gleichsam Sandschleudern gegen die geweißten Wände der Station, und nicht selten kreischten sie entsetzlich auf, denn es war, als schnitten sie sich ins aus bedachtem Grund wenige, doch schußsicheren Glas der Quaderseitenfenster. Derart tobte ein جنيweiß berliozscher Songe d’une nuit du Sabbat. Doch als ich heute sehr früh hinaustrat, war von alledem nichts mehr zu merken, ja schon nachts, was in der Nefud etwa 22.30 Uhr für ich bedeutet, so daß ich mit Leichtigkeit um fünf von meinem Lager rolle, und bestgemut – also schon nachts ließen mich die unterdessen drei, bzw. bereits vier Tropfen THC-Öls das Wüten draußen fast vergessen. Als ich um halb drei erstmals zwischenwachte, war der Sturm schon selbst nur Traum, und heute früh erglänzte die Wüste in psychedelischstem Rot.

Ich schritt ein wenig aus. Es war noch Zeit. Meine indischen Sandalen stäubten den Sand, lauter Fahrwasser-Trömbchen im Windzug von Gang und Thawb (ثوب, Gewand). Faisal hatte mir bereits gestern gezeigt, wohin ich heute vormittag kommen müssen; doch nicht vor  zehn, er und Gamael hätten erst ein paar Vorbereitungen zu treffen, vor allem die Funktionalität der Geräte zu überprüfen. Zwar, Araber seien in medizinischen Belangen gewiß versierter als ihre christlichen Kollegen, doch Napoleon Bonapartes Marsch durch Ägypten wirke weiter bis noch heute, böse weiter. Die arabische Welt habe ihr Selbstvertrauen da verloren (deshalb übrigens auch die dem Biedermeier abgeguckte fundamental-rigide Sexualmoral); der – bis heute typisch für die kolonialen Mächte  Sykes-Picot-Betrug habe es nicht besser gemacht.
Im Vergleich mit der unseren verläuft die Zeit im Orient nicht minder anders als, noch einmal differierend, → in den Oasen ihrer Märchen.
Bis zehn war also noch Zeit. Ich war nicht einmal nervös, hatte und habe einfach das Gefühl, daß der Tumor schon geschrumpft sei und die Nefud ihm also bereits gutgetan hab, was natürlich schlechtgetan heißen muß, aus Liligeias Perspektive. Auf deren Nachtbillet ich morgen antworten will, eingehend, wenn wir bereits auf dem Weg zum zweiten Höllenkreis unterwegs sein werden.

Entfernt pulkten vierfünf voneinander separierte Dromedarharems; in ihrem einen deutlich gegen das Morgenlicht erhoben, reckte sich mein Röhrerich. Doch kam mir der Name jetzt lächerlich vor; ich will das Tier wirklich nicht beleidigen, werde ihm heute noch eine andere, tatsächlich arabische Ansprache geben. Kara ben Nemsi hatte benamst ja nur ein wenn auch höchst berühmtes Pferd; El Aurence wiederum hinterträgt uns die möglichen Namen seiner Kamele nicht, oder ich habe die entsprechenden Stellen → in dem enormen Buch vergessen. Ich werde nachher auch diesbepaarzeht Faisal um Rat fragen — der sich jetzt aber erst einmal auf Liligeia konzentrieren soll.
Es war aber noch immer Zeit, ich hatte Lust, mich zu setzen, einfach in die steigende Sonne, mein Gestirn, zu meditieren und – derart nachdrücklich zum ersten Mal wieder seit ich’s “gesteckt” habe, also nach sechsundzwanzig unterdessen nur noch leidlichen Entzugstagen – zu rauchen. Ach, eine Zigarre jetzt, wenigstens einen Cigarillo! Und doch, wie froh ich war, nichts dergleichen bei mir zu haben. Und die strohigen Zigaretten unserer Helfer lockten mich nicht.

Ah, jetzt wird’s aber Zeit. Aus dem Bodensitz hinauf, mich strecken, meinen hellen Thawb zurechtgezogen, wieder in die indischen Sandalen und langsam zum Eingang der Station. Wobei ich mich nun doch über den hauchigbauchigen Schaum wunderte, der den längst wieder verwehten Pfad wie eine Schneegischt bedeckte, die ganz offenbar der nächtliche Sturm neben dem vielen Sand mitgeführt hatte. Von immerhin diesem war keine hundert Meter weg eine riesige Düne neu entstanden. Und auch sie war von diesem Schaum bedeckt:

Woran ich allerdings am interessantesten finde, daß es auf frappierende Weise einem Bild von Anselm Kiefer ähnelt, → dem da nämlich (im unteren, dem Boden!teil).

Derart in Gedanken trat ich ein, die Pforte war nicht verschlossen, und ich hatte mir die nun zurückzulegenden recht engen Gänge gut eingeprägt, fand deshalb leicht ans Ziel, wo mich Faisal auch schon erwartete und, während mich Lars (ibn) Gamael erst einmal auf die Waage stellte (mit Schuhen, Hosen, Hemd 73,5 kg, also runden 72), den Ultraschall vorbereitete, zu dem ich mich endlich auch begab und legte, nachdem noch eine tiefverschleierte (ob nur Coronas halber, erfuhr ich nicht) Helferin mir zwei Röhrchen Blutes abgenommen, dessen erste Werte allerbestens waren.
Nun läßt sich noch die schönste Krebsin im Ultraschall kaum sehen, doch aus dem Umstand, daß ich keinerlei Schluckbeschwerden mehr verspürte, schien es Faisal nahezuliegen, bereits auf Erfolge zu schließen, die unser Ritt durch die Nefud in nur einer einzigen Woche erbracht. Er wirkte mehr als zuversichtlich und war jetzt, nach meinem Bericht, sogar mit dem THC-Öl einverstanden, das mir लक्ष्मी mit Hilfe Cagliostros besorgt; ich möge nur bitte, wenn ich denn wieder Schmerzen hätte, nicht den Lawrence spielen —————————

“Was ist der Trick?” – “Es gibt keinen.”:

—————————, sondern mich des Novaminsulfones bedienen. “Ihr Schmerzgedächtnis wird es Ihnen danken. So, und jetzt mal locker bitte, wird kurz kalt.” Was mich an dem Foto aber nervt, ist, daß das um den Nabel herum wegen der Laparoskopie rasierte Haar immer noch nicht nachgewachsen ist, so daß ich fast schon denken mußte, es sei nun sozusagen vor-ausgefallen. Da aber Faisal nichts sagte, schwieg auch ich.
Doch, er sagte was: “Das sieht ja alles gut aus. Und die übrigen Laborwerte bekommen wir heute gegen Abend. Lassen Sie uns deshalb diesen Tag dem Insichgehen widmen. Vielleicht machen Sie mich später ja erneut mit einer für mich neuen Musik bekannt, die aus dem Dschanna ruft.”

 

[29. Mai
صحراء النفود, 7.13 Uhr
Relaisstation bei بجده.
72,2 kg]

Wir sind doch über Nacht noch geblieben, nicht bereits nach meiner Untersuchung aufgebrochen. Nach nunmehr vier THC-Tropfen zur Nacht erstmals komplett ohne Unterbrechung durchgeschlafen. Aber daran werden auch, von gestern, die guten Ergebnisse mitbedankt werden müssen.

So … – Witzig: Röhrerich ruft mich … er röhrt (“sonor”), soll das heißen, nach mir. Er nach mir! Ich lasse ihm den Namen vielleicht doch.

[Arbeitswohnung, 7.38 Uhr
Georg Friedrich Händel: → Alcina]

Was ich aber noch vergessen habe: Heute wurden wir bewaffnet – wobei es eher angemessen ist, von einer geradeu Aufnötigung zu sprechen. Natürlich wollten die allzu, schien es mir, Besorgten ihren Schnitt machen. “Unterschätzt nicht die Gefahr!” Der Weg zum Eingang des zweiten Höllenkreises sei ständig von Banditen bedroht. Wobei ich nicht wirklich eine Ahnung habe, wie mit Gewehren umzugehen. Liligeia, oh, was Du mich alles lernen läßt! Ich fühl mich fast → an Arndt erinnert.

Ihr ANH

“Woher kommt hier der — Fisch?” Abendessen in der Nefud. Aus der Nefud, Phase I (2): sechster Abend. Krebstagebuch, Tag 27.

[Abendlager, Nefud 19.32 Uhr]
Die erste selbst geschnittene Sashimi meines Lebens und in der Wüste wahrlich Luxus (wobei Faisal, der meinem Zubereitungsritus skeptisch, doch “umso stummer” zusah, nicht einmal den Kopf schüttelte; allein, er weiß sehr gut, wie verboten rotes Fleisch mir ist — und ecco!):

(Die oben im Titel gestellte, durchaus berechtigte Frage beantworte ich Ihnen, liebste Leserin,  morgen, wenn ich von dem – worin wir gestern weilten – Zaubergarten berichte, der so typisch für den Orient ist, doch dieser war es weniger als für die Wüste Orchideen. Leider ist meine Erzählung heute nicht fertig geworden und harrt nun früh’rer, morgen-,nämlich,-ländscher Stunden, derweil wir hier nun Abend haben.)

[Keine Schmerzen, keine Übelkeit. Den gesamten Tag über.
Deshalb ohne jedes Medikament; lediglich, zum späten
Abend Cagliostros THC-Öl
– das nebenbei enormen
Appetit auf gutes Essen erzeugt: 70,5 kg heute früh
– also vier der verlorenen Pfunde, Göttinseidank,
schon wieder drauf)]

Und morgens noch, ich rollte gerade meine Teppiche im Zelt zusammen, stob ein Reiter heran, der eine Karte aus der Heimat für mich hatte. Werner Bliß hat sie gesandt, und es ist doch sehr erstaunlich, wie schnell sie ihren Weg ganz aus dem tiefsten Schwarzwald bis in mein Arabien fand. Ich gebe sie hier wieder, weil sie weniger für meine Arbeit ein Kompliment als für → Ricarda Junges Predigt ist:

Haben Sie einen glücklichen Abend.
Ihr ANH

Aus der Nefud, Phase I (1): dritter Morgen. Krebstagebuch, Tag 24 – mit dem Arbeitsversuchsjournal des Freitags, den 22. Mai 2020. Allerdings eine ungeheure Entdeckung darin.

 

[Nefudlager,, 6.32 Uhr
Schubert, Streichquartett 15 G-Dur, Pražák Quartet)

Schön sieht sie aus, die Nefud, auf Arabisch geschrieben: صحراء النفود, und ich schlage vor, diese Wörter (Ṣaḥrāʾ an-Nafūd) fortan stets anstatt des profanen “Chemo”s zu sprechen. Sie haben den magischen Klang der Beschwörung und entsprechen somit den → Namen. Jedenfalls werde ich es fortan so halten, zumal diese Wüste ganz gewiß nur selten mit Musiken in Verbindung gekommen ist, wie sie sie nun kennenlernt. Gestern abend, kaum daß sich – ein nicht nur herabsausender, nein –knallender Vorhang – die Dunkelheit auf … nein!, bis  unter uns gestürzt hatte und es sofort beißend kalt geworden war, hatte ich, nachdem noch eine Decke über die Schultern meines Gewandes geworfen, mein bose-Zauberkistchen vor das Zelt gestellt und mich zu beiden (vor das eine, nebens andere) gesetzt, um meiner Entdeckung des Tags zuzuhören. Der milliardenfach gestirnte Himmel rief zur Ewigkeit. Schubert starb nur ein Jahr nach Beethoven, stellen, Geliebte, sich sich das nur vor! Und hinterließ ein Streichquartett, das quasi niemand wollte: die Nr. 15 in G-Dur und das extrem von Beethovens späten Streichquartetten beeinflußt ist, ja ohne sie nicht denkbar wäre, die uns noch bis in die Fünfzigerjahre von führenden Musikkritikern für “mißlungene Musik” ausgegeben wurden. Man muß sich fragen, wo die denn ihre Ohren hatten? (Man muß sich das heute noch fragen, für die Heutigen, bitter fragen; seit es Kritiken gibt, ist es so; die  meisten sehen nicht – können’s offenbar auch nicht, geschweige denn zu hören –, was ihres Berufes hätte doch zu sein! Daß es so nicht ist, wäre hinzunehmen, hätten nicht sie, die Vermittler, unterdessen den Status von “Stars” ebenso eingenommen wie in der Bildenden Kunst die sogenannten Kuratoren, bei denen es wurscht ist, ob man mit oder ohne weiteres Sternchen hinten ein “innen” noch dranhängt.)
Ich saß und schloß die Augen, die Wüste war ganz still – abgesehen von dem dauernden Nachtheul des Windes, das aber nichts als unentwegtes, doch hohles Pfeifen war und durchaus mit dem Rauschen zu vergleichen, das wir in Konzerthallen und Opernsälen vernehmen, wenn wir die Sinne darauf konzentrieren. (Sollte man nicht tun, jedenfalls nicht darauf. Es lenkt genauso ab, wie wenn wir uns in einem Gespräch bewußt auf die “äh”s in den Sätzen des Gesprächspartners fokussieren: Schließlich hörn wir nur noch die.)
Ich war froh, von dem Dromedar herunterzusein; den ganzen Tag über war mir von seiner Schaukelei, aber auch morgens mit dem Aufwachen schon, unterschwellig schlecht gewesen — eine der typischen, allerdings nicht so schlimmen “Neben”wirkungen der Nefud, daß ich hätte → einen der Blauen Fische schlucken müssen. Das habe ich bislang erst nur einmal getan, vorgestern, und es hatte schon deshalb nicht viel gebracht, weil mir nicht klar war, woher die Übelkeit rührte, ob tatsächlich von der Nefud oder daher, daß ich auf ein bestimmtes Essen mit Widerwillen reagierte. Passiert mir nämlich grade dauernd.
Mit Kokosöl ging’s los, das लक्ष्मी mir für diese Reise besorgt. Habe ich es in ein Getränk eingerührt und nehme davon, steigt mir fast sofort der Magen – eine Reaktion, die sich unterdessen auf anderes übertragen hat, zum Beispiel auch mit, völlig bizarr für mich, ausgerechnet Käse. Den Vorrat bester Sorten, den ich mir angelegt hatte, mußte ich jetzt, damit er nicht verdirbt, in die Kühlschläuche geben. Doch seit ich in die Wüste eingeritten bin, reagiere ich auf meine frisch gepreßten Säfte genauso, mit dem höchst zweifelhaften “Erfolg”, daß ich noch weiter abgenommen habe und nunmehr, mit einsachtzig!, weniger als 69 kg wiege. Angesichts dessen, was bevorsteht, ist das alles andere als gut. Weshalb mir Freunde Päckchen mit sogenannter Astronautennahrung geschickt haben, der uns nachgerittene Bote erreichte das Lager gestern nacht, da war das Streichquartett schon ausgeklungen, ich hatte mich grad auf und unter meine Teppiche zurückziehen wollen (so nämlich verbringt sich die Nacht hier am besten: auf und unter Teppichen, die, tags zusammengerollt, von den Lastenkamelen mittransportiert werden) – nicht zu fassen, daß er Hadschi Halef Omar hieß! aber dann ging der Name mit Mohammad Kadar Ibn Safi weiter, was ich eigentlich hätte, wie Ralf Wolter, auswendig lernen müssen, um ihm die Ehre zu erweisen. Nur starb auch Lex Barker bereits sehr früh – mit 54! früher als selbst ich’s noch schaffen könnte, mit fünfundsechzig hab ich sogar schon meinen Vater überlebt – und außerdem war ich dennoch zu müde, mußte obendrein der einen Melatonin und halben Zolpidem eine Schmerztablette hinterherschlucken, weil sich das fürs Schlafen als hilfreich herausgestellt hat: Dann wache ich nämlich nur einmal auf, um die zwei Uhr nachts herum, erledige meinen Wassergang, leg mich wieder hin und schlafe durch bis fünf. Das ist allerbestens. Und seit heute früh sogar, ohne daß mir übel ist. Gestern hingegen ging’s damit ziemlich unleidlich zu und hielt sich fast bis mittags durch, als längst mein Reittier das seine dazutat. Und die glühende Hitze.
Die nun noch eine für die Nefud typische Nebenwirkung verursacht hat, vor der mich schon mein Faisal Josting gewarnt hat; ich bin deshalb überaus froh, diesen Wüstenarzt bei mir zu haben. Sein Rat ist unschätzbar, auch wenn meine Hausärztin vor drei Tagen, nachdem ich ihr erzählt, Faisal habe gesagt, → daß er meine Erkrankung für heilbar halte, überraschend überrascht “Sportlich, sportlich!” von sich gab. Was mir nun nicht mehr aus dem Kopf geht und also durchaus nervt, vor allem nachts. Denn → der andere Faisal, Lawrences also, war auch von der arabischen Freiheit überzeugt: daß sie kommen werde – was nicht kam. Genies wie T. E. Lawrence werden von den Kuratoren für völlig andere als ihre eigenen Interessen benutzt und können sich auch dann nicht wahren, wenn diese “Kuratoren” Diplomaten oder sonst etwas aus den bürgerlichen Berufen sind.
Doch schlimmer… nein, unangenehmer (wirklich “schlimm” war davon bislang noch nichts) … unangenehmer sind die zwei weiteren “Neben”wirkungen, mit denen ich derzeit zu tun habe. Ich habe Ihnen, Freundin, schon vom Grundgedanken der Nefud erzählt (wenn wir eine Wüste denn mal “Gedanke” nennen dürfen, ein arger Mystizismus, ich weiß): nämlich die sich im Körper auffällig schnell teilenden Zellen anzugreifen, zu denen solche wie meiner Tumorin → Lis eben gehören (auf die ich gleich noch gesondert zu sprechen kommen muß). Leider aber zählen auch die Zellen der Mund- und Darmschleimhäute dazu (ebenso wie Haar und Horn) … und tatsächlich, leider, wurde gestern mein Mundinnres höchst empfindlich, fast schon aphtisch. Vor Jahren, in meiner römischen Zeit, hatte ich sowas schon mal. Weshalb ich es kannte. Und hatte nicht Faisal auch davon erzählt? Hatte er, ja, aber er schlief bereits, ich mochte ihn nicht wecken. Schaute statt dessen meine Medikamente durch. Ah, ich erinnerte mich, Dexamethason, ein Kortikoid: dafür war es da. Also vorm Schlafen auch das noch geschluckt. Und in der Tat: Heute früh ohne jede Beschwerde (auch schlecht ist mir nicht, und Schmerzen habe ich nicht).
Dennoch, bizarr ist alles das schon: Ich, der zeitlebens ein Tablettenmuffel bis schärfster Tablettenfeind gewesen bin, schlucke nun das Zeug im Akkord: Und das einzige, was mich dabei beruhigt, ist, daß ich’s wüstenhalber tue, allein der Nefud wegen. Am Berliner Schreibtisch hingegen hielte ich’s kaum aus.
Und eine weitre Nebenwirkung hat mich erwischt, die, wenn ich über sie schreiben soll, heikler, nämlich schamheikler ist. Noch weiß ich wirklich nicht, wie mir ihr so öffentlich umgehen. Außerdem ist für sie die Wüste wiederum blöd: Ich brauche sozusagen eine Dauertoilette – aber nicht, weil’s unten nur so herausschießt, sondern weil im Gegenteil alles zwar da ist, aber komprimiert zu einem Pfropf oder har mehreren Pfröpfen von geradezu Brennholzdichte und -trockenheit. Das kommt nicht voran, nicht voraus, sondern müßte abgebrochen werden – ein Umstand, der meinen langsam schwindenden Appetit und meiner bereits geschwundenen Eßlust erst recht nichts mehr entgegensetzt. Ich fürchte, nur hoffen zu können, daß es in der nächsten Apotheke eine Drogerie gibt, die Birnspritzen führt. Mit sowas, sagte eben Faisal (und lächelte höchst süffisant, ich sah’s sogar durch seinen über die Nase gezogenen Shemagh), bekämen wie die Sache schnell in den, nun jà, “Griff”: “Warmes Wasser und Öl, mein Freund, und Sie sind’s los.”
Nur, wann werden wir die nächste Oase erreichen? Sehr bald? O bitte, bitte sehr bald! – Faisal, weise, schwieg. Aber lächelte er? Tat er, ja, es war an den Fältchen je seitlich der Augen zu sehen, die sich zum Himmel richteten: إن شاء الله

Aber das alles erst heute morgen, nachdem ich ohne jede spürbare Nebenwirkung aufgestanden war und mit meinen Mokka bereitet hatte; da streifte Faisal katzenpfötig von der Seite heran und grüßte in der edelsten Form: “السَّلاَمُ عَلَيْكُمْ وَرَحْمَةُ اللهِ وَبَرَكَاتُهُ!” (“Allahs Friede und Barmherzigkeit mögen auf Dir liegen wie sein Segen”). “Ihnen”, mein Freund, grüßte ich auf Deutsch zurück, “der Göttinnen Allerreichstes auch.” – Er runzelte nur kurz die Haut unter seinen zusammengewachsenen pechschwarzen Brauen, dann ging die Wärme eines zuinnersten Lächelns durch sein Gesicht, das sich dennoch nicht, nicht einen Millimeter, verzog, sondern jeglich’ Würde ruhig wahrte. – Ob er sich zu setzen  dürfe? – Ich umschrieb den Halbkreis mit meinem rechten Arm, dessen Hand schließlich in der Luft über einem Kissen schweben blieb. Mit der anderen Hand hinter mich langend, holte ich ein zweites Mokkatäßchen aus dem geöffneten kleinen Karton.
Es sei da, hub er, Faisal, an, gestern in der Nacht eine Musik gewesen, die ihn beeindruckt, aber auch verstört habe – etwas “von drüben her” (sofern ich sein “من وراء” richtig verstand, “from over there” fügte er, nunmehr profan, auf Englisch hinzu). Es sei wie ein andrer أَذَان von andren Minaretten (“like another ذَان from other minarets”). – Er meine sicherlich den Schubert. Ja, auch mir sei das Stück neu und ebenso erschreckend, aber auch voll der Erkenntnis gewesen und einer Liebe, die so unpersönlich, daß wir sie kaum noch menschlich nennen könnten; derart “allgemein” klinge sie, was ja nichts als ein anderes Wort für abstrakt sei. “Sie meinen ‘göttlich'”, sagte er. “Ich meine: ewig”, sagte ich.
Er würde sie gerne noch einmal hören, zusammen mit mir.
Wir haben Glück, nein: Segen, und zwar zweifach; zum einen, weil wir über Satellitentelefone mit dem Internet verbunden sind; zum anderen, weil es bei Youtube eine Aufnahme gibt, die mir sogar noch essentieller, weil radikaler vorkommt als die durch das von mir gemeinhin favorisierte Alban-Berg-Quartett, nämlich diese dort:

Sie ist im Wortsinn ungeheuer. Sowie sich heute Zeit finden wird, wahrscheinlich gegen Abend, wenn wir den nächsten Ruheplatz gefunden haben werden, werde ich ihr zusammen mit meinem, ja, Freund? abermals lauschen. Jetzt aber, wieder auf dem Dromedar, muß ich über meine Antwort an Liligeia nachdenken, → deren wirklich übler Brief mir selbstverständlich nachgegangen ist. Ich fand ihn gestern morgen, da mir doch eh schon schlecht war, in den Mails. Vielleicht wäre es klug gewesen, oder sinnvoll, ihn zu löschen und überhaupt nicht drauf zu reagieren. Andererseits dachte ich mir, es sei nötig, dem Krebs ihre Stimme zu lassen, ja zu geben – und daß alles hier, inklusive diesem Krebstagebuch, eben nicht “nur” ein poetisches Spiel, sondern eines sei, daß in die Existenz greift, ja in ihr wühlt und sie möglicherweise mir ausreißt. Da gibt es nichts zu schönen, und genau das muß deshalb deutlich werden. Insofern ist Lis Brief dann doch in keiner Weise “böse”, sondern einfach klar aus der Situation eines Tumors geschrieben, dem wir unterstellen, daß er Bewußtsein habe. Nur dann aber können wir mit ihm sprechen, er mit uns (sie mit mir), ohne daß wir ihn (sie) aus uns ausgrenzen, als wäre er (sie) nicht in uns drin (“Fleisch von deinem Fleisch”). Also hat sie auch ein Recht, derart zu sprechen, und es ist an mir, eine Form der Erwiderung zu finden, die zwar ebenfalls deutlich genug ist, uns aber dennoch weiterzusprechen erlaubt.
Wobei ich sicherlich auch deshalb so milde grade gestemmt bin, weil ich heute früh weder Schmerzen habe, jedenfalls bisher nicht, als mir auch nicht übel ist. Eigenartigerweise. Denn gestern abend (in der Wüste?? hab ich das geträumt??) kam ich im Anschluß an den Abendspaziergang mit लक्ष्मी an einer Sushia vorbei und wurde von einem Riesenappetit, der ich doch über den ganzen Tag fast gar nichts gegessen hatte, aus Sashimi geflutet. Und weil ich drei Tage vorher einen ganzen gebackenen Wolfsbarsch (auch der schon war nicht bullig gewesen) verzehrt hatte, ohne daß mir irgendwie mies davon wurde, gab ich auch jetzt dem Lustanfall nach und bestellte – “zum Mitnehmen” – ein ganzes, wenn auch mit 18 Euro ziemlich teures Sashimi Moriwase, weil die anderen Sashimangebote nur Lachs und Thunfisch (Maguro) auf den Platten hatten. Was ich geschmacklich fade finde. Doch wie auch immer, ich aß das Moriawase … nein, “aß” nicht, sondern “futterte” es fast zur Gänze auf, ohne irgendeinen Überdruß, ohne jeden Ekel, einfach nur lustvoll und, vor allem, ohne unangenehme Folgen. Und tief, fast selig schlief ich nachher ein.
Also das hat mich sehr, sehr gütig gestimmt, auch und gerade der schönen Li gegenüber. Und dann hat bestimmt auch Ricarda Junges Dompredigt eine Rolle gespielt, die ich gestern live mitgeschnitten und zum Nachhören in Die Dschungel gestellt habe, → dort. So beeindruckend fand ich, der nicht an EInen – den EInen – GOtt glaubt, sie. Ich glaube, wenn ich denn glaube, an Göttinnen und Götter, glaube also plural, und an Volksgeister und -geisterlein. (Genau deshalb wahrscheinlich hat Faisal, der es ahnt, vorhin so kurz die Augenbrauenhaut gerunzelt, bevor wir über Schuberts Quartett zu sprechen begannen, was sie nahezu sofort sich wieder glätten ließ. Und ich muß daran denken, daß Ricarda einmal gesagt hat – es liegt Jahre zurück, aber ist mir immer, immer nachgegangen –, sie kenne niemanden, der GOtt so nahe sei wie ich. Gerade die Absurdität dieser Aussage – über einen zutiefsten Feind des Monotheismus – gibt ihr eine enorme Strahlkraft, und zwar gerade vom christlichen Gedanken aus, sofern wir ihn denn ernst nehmen. Was zu tun ich durchaus gewillt bin, doch ohne ihm kirchlich zu folgen.)

Religion. Wenn wir über den Krebs sprechen, wenn wir über die Tumorin, über Li, sprechen, kommen wir um sie nicht herum. Wenn wir über den Tod sprechen, egal ob er schon vor der Tür steht oder vor sich noch eine Riesenfahrt hat, oder wir sie vor uns haben … unsrerseits zu ihm hin:

Weil ich unter dem Tschilpen der Spatzen, die wirklich überall sitzen (…),

heißt es am Ende im TRAUMSCHIFF,

während Doktor Samir einen direkt auf der Hand hat, die er ausgestreckt hinhält, damit der kleine Vogel nicht erschrickt. Weil ich unter diesem ganzen, ich kann es gar  nicht anders sagen, Lärm den Ton hören kann.
Dass zu sterben so laut ist, wer hätte das gedacht?
Dass es klingt.

 

 

Ihr
ANH

(kurz zurück in der Arbeitswohnung, 10.29 Uhr)

 

 

Denn, P.S., zum “Arbeitsversuchsjournal” noch eben:
All meine Versuche gestern, es waren einige, in → die Béarts zurückzukommen, sind ziemlich kläglich gescheitert, weiterhin in der No. XXXII, der vorletzten des Zyklus. Ich kam nicht weiter, als daß mir der Schwarmtrieb von Bienenstöcken einfiel, ihr Hochzeitsflug. Aber kaum hatte ich es hingeschrieben (und recherchierte selbstverständlich weiter), erwischten mich die nächsten Gedanken an den Krebs und an meine mögliche Antwort an Li. Und dann wollte ich einfach nur hinaus — dies alles in der Parallelwelt meiner Berliner Existenz, die sich getrennt von der Durchquerung der Nefud weiterbegibt und dennoch tief mit ihr zusammenhängt, ein ständiges, durchaus andersweltsches Hin & Her zwischen den Welten und ihrer selbst. Wäre ich nicht tatsächlich erkrankt, ließe sich durchaus von Irresein sprechen oder davon, es zu werden – des poetischen, wie wir früher sagten, “Wahnsinns fette Beute”, doch letztlich Liligeias PRey, an der zuvor wir selbst gesaugt.

(Noch immer weder Übelkeit noch Schmerz, sondern reines ruh’ges Innen.
10.45 Uhr)

Die beiden Religionen (!) des Westens im darum siebenundzwanzigsten Coronajournal und Tagebuch des achtzehnten Krebstages, beides zum Sonntag, den 17. Mai 2020. Darinnen wieder Ivanhoe, beim diesmal Anritt auf Professor Jostings Cy-Burg.

 

Bitte, bevor Sie dieses heutige Journal lesen,
kehren Sie noch einmal zu dem von gestern zurück und seiner im → Titel
ersten Aussage – also Lawrences Ausruf. Und dann machen Sie sich klar, wie die Geschichte um → Gasim schließlich ausging. Machen Sie sich aber auch bewußt, daß dieses Ende eine Filmidee ist und nicht dem tatsächlichen Geschehen entsprach, wie Lawrence es in seinen Erinnerungen schildert. Erst dann nämlich – beides
zugleich vergegenwärtigend – erfassen Sie vielleicht, was hier gemeint war
und also ist — weiter, mithin, werden oder nicht werden wird. Wir all’ alleine | so | begreifen Li. Und alles, was nun folgt.

[Arbeitswohnung, 7.15 Uhr
Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 15 es-moll]

Bioport → Sana 15.5.20

Tatsächlich, als ich mich grad an den Schreibtisch setzte (die Nacht war ein bißchen besser als gestern, mit Ausnahme einer halben Stunde schlief ich, allerdings auf Tabletten gesetzt, bis soeben durch), fand ich von Li → diese Nachricht. Was sie, ja, aufgescheucht zu haben scheint, geht aus dem – zumal unterstrichenen – “Betr.:” hervor, und selbstverständlich juckt es mich, sofort zu antworten. Doch es wird besser sein, noch ein wenig zu warten und sie in ihrer offenbaren Unruhe zu lassen. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob es bereits an der Zeit ist, aus meiner defensiven Haltung herauszuklettern, bzw. -steigen und sie, meine Lilly, männlich anzugehen – erotisch fordernd, meine ich damit.

Anderes hat Vorrang. Es ist gut, wenn sie (und falls sie es) bemerkt, daß ich nicht springe, wenn sie mit den Fingern schnippt, mit den bösen Krebsbeinen also, die ihr Wappen zeigt (→ im Kopf des ersten Briefes deutlicher zu sehen als im Köpfchen des heutigen, ich schreibe einmal, “Nachtbillets” — ein solches ich übrigens lange, sehr lange nicht mehr bekommen habe. Da war doch mal ein Kritiker ..? Nein, ich sag den Namen nicht, hab’s ihm einst versprochen, als wir nebeneinander in der Deutschen Oper zu sitzen gekommen waren, was wiederum irgendein süßgefeimter Kuppelscherz Alexander Busches gewesen, der damals dort der Pressesprecher war. – Freundin, Sie entsinnen sich, daß mich die Opernleitung damals sperrte, weil ich bei einer Inszenierung von “Schwulenästhetik” geschrieben hatte, woraufhin sich sogar der, ja, gibt’s, SCHUTZVERBAND DEUTSCHER SCHWULER hoch erigierte; jedenfalls wurde sich derart erregt, als ob es ihn gäbe.

Also die Schmerzen hielten sich im Rahmen heute nacht. Von zwei bis halb sieben schlief ich sogar tief und erholsam durch. Allerdings spannt nun der Bauch mit seinen drei Nähtchen doch noch sehr, und mein gesamter Brustkorb fühlt sich nach starkem Muskelkater an. Was an dem in die linke Unterschultermuskulatur unter die Haut implantierten Bioport liegen dürfte, dem sich meine Anatomie erst akklimatisieren wird müssen und vielleicht noch nicht recht will – auch wenn ich mit meinen künstlichen Linsen (die wirklich nachgelasert werden müssen, aber die Ärzte erlauben’s mir grad nicht) den Weg in die persönliche Cy-Burg längst eingeschlagen habe; es ist sogar schon die Einhangbrücke über den Graben herabgerattert und das schwere Gatter der unten spitz zugeschnitzten Pfähle hochgezurrt. Ich soll also passieren, ohne mich zu sorgen. Soeben tritt durchs Tor der freundliche ich weiß nicht, ob nur “Knappe” oder sogar → die Handdes Schloßherrn Jostings, in jedem Fall, um mich zu begrüßen, der ich soeben, den Federhelm rechtsseitig an mein Kettenhemd drückend, auf die Höhe geritten bin, über die sich der Pfad keine fünfzig Meter mehr bis an den Graben schlängelt. Einmal noch lasse ich mein Pferd halten und schaue, bevor ich in die schwierigen Verhandlungen gleich eintauchen werde, around “that pleasant district o merry England which is waterded ba the river Don, there extended in ancient times a large forest, covering the greater part of the beautiful hills and vallies which lie between Sheffield and the pleasant town of Doncaster”.

Weshalb ich allerdings auch in beiden Waden einen Muskelkater habe, ist mir schleierhaft, der ich mit dem Einsatz der Sporen ausgesprochen zurückhaltend bin, vor allem, weil mein Hatáhtitláh (das aber nicht des Ritters, sondern eines “Charly”s Pferd, nämlich Iltschis Bruder ist) allein auf meine Stimme hört und bisweilen nicht mal diese nötig ist, damit das schöne kluge Tier versteht. Ich muß die Richtung nur denken, der zu es sich schon wendet. Es hat schon seinen Grund, daß meine Tumorin mich nun ständig auf Kindheits- und Prägungen meiner frühen Jugend zurücksehen läßt; Ivanhoe, Robin Hood, Winnetou I – III, Kara ben Nemsi Effendis Durch die Wüste bis zum Mahdi, gestern Livingstone, Raumschiff Orion und Urwaldtrommeln rufen. Es war die Zeit, in der ich Selbstbestimmtsein lernte und es durchzufechten begann. Jetzt ist eine Zeit, in der es aussieht, als müßte es wieder aufgegeben werden. Entsprechend heißt es im WOLPERTINGER:

Das Mittelalter ist ewig.

Weshalb zurecht die NZZ nicht nur endlich den Kapitalismus dem Glauben zuschlägt und zwar mit dem Christentum Hand über Schulter, woran ich nach wie vor etwas finde — als ich selbst vor Jahren einen zwar nicht gleichen, doch recht ähnlichen Gedanken formulierte, wurde mir die Konsultation eines Psychotherapeuten sehr, vornehm ausgedrückt, “empfohlen” —, nein Giorgio Agamben sieht unterdessen auch die Medizin → als eine kultisch-religiöse Disziplin an. Er schreibt sogar von einem neuen Dogma. womit ihr geradezu kirchenstaatliche Autorität zugestanden wird. Auch das, nach und mit Corona, stimmt. Wobei es ja niemals die Frage ist, ob etwas de facto so sei; entscheidend sind die Wahrnehmungs- und daraus folgenden Entscheidungsmodi.  Ich, in meiner jetzigen Situation, bin mit sehr Ähnlichem konfrontiert: ebenfalls glauben zu müssen. Was ich poetologisch → bereits 2000 formuliert habe (“futuristisches Tamtam”, → Hubert Winkels), wird zum empirischen Fakt, ja fast zur täglichen Exerzitie. Nicht nur die Medizin, auch mein Ernährungsplan wird – jetzt, im Krebs – mythisch. Was mich an sich bestätigen, also beruhigen sollte, so falsch poetisch nie gelegen zu haben. Wobei die Grund,nun jà,”frage” eine recht banale ist:
Sie wissen, Freundin, daß mich लक्ष्मी, um Liligeia auszuhungern (um sich auszubreiten, verzehren Tumorinnen wie rasend Kohlenhydrate und ziehen sie dem Körper von überall her ab), auf ketogene Diät gesetzt, und ich folge ziemlich streng. Dies bringt nun aber ein Problem mit sich: Ich nehme nicht zu, sondern sogar noch ab. Bereits jetzt, mit bei 1,80 Körperhöhe 70 kg, habe ich leichtes Untergewicht. Ein verehrter väterlicher Freund, durchaus Mentor, hat bei einer sehr ähnlichen Operation über 30 kg verloren – gut, er war erheblich kräftiger als ich, aber auch mein Chirurg gestern, der meine Diät einerseits völlig richtig findet, mahnte mich an, mir auf jeden Fall Reserven anzuessen. “Zehn Kilo verlieren Sie im Umfeld der Operation bestimmt, da wären Sie dann mit 60 Kilo oder sogar drunter nicht gut dran.”
Wie also das jetzt hinbekommen? An Appetit zwar mangelt es mir nicht, im Gegenteil. Auch sollte man eigentlich sowieso zunehmen, wenn die Raucherei eingestellt wurde. Passiert bei mir aber nicht, noch immer nicht, am nunmehr vierzehnten Entzugstag. Und ich schaffe es einfach nicht, auch nur noch ungefähr soviel zu essen wie vor der Diagnose. Nach fünf Stangen Spargel bin ich komplett satt oder, wie gestern abend, nach vier Gamberoni oder einem halben Schafskäse (100 gr). Da wird es eine richtige Aufgabe werden, es mir anzugewöhnen, über den Tag acht- bis zehnmal zu essen, um wieder etwas auf die Rippen zu bekommen. Da mir Kohlehydrate “verboten” sind, jedenfalls weitgehend, muß ich auf pflanzliche Nahrung mit guten Fettketten (Avocados etwa) sowie auf Öle, Eier, Käse usw. ausweichen. Zu meinem Glück habe ich लक्ष्मी, die sich auskennt, an meiner Seite, sonst gäbe ich auf: Dazu, jetzt auch noch permanente Nahrungskunde zu betreiben, mir alles anzulesen usw., bin ich tatsächlich nicht bereit. Denn es würde all meine Kraft und Konzentration von der poetischen Arbeit abziehen und mich dann in der Tat zu einem kompletten Hospitalisierungsfall machen, dem es anstatt ums Leben nur noch um den Krebs geht. Das nun will ich auf gar keinen Fall.
Also. Es geht nicht anders, als jemandem zu vertrauen, das heißt: zu glauben, ecco! Und da sich sogar die Fachleute, auch Schulmediziner, widersprechen, bisweilen sogar heftig — woran also sonst soll ich mich halten als an Menschen, die mich lieben?

À propos! An etwas Ungutes erinnere ich mich bei der Sana Klinik doch. Wenn auch nur am Rande.
Eine reine Geschmacklosigkeit.
Ich komme aus dem Röntgenraum im Souterrain Haus 4; der Fahrstuhl ist außer Betrieb, doch gehe ich eh lieber Stufen. Da fällt mein Blick durch eine Seitentür aufs Nebenhaus und daran das SchildDas also fand ich dann doch ziemlich neben der Spur. Tatsächlich unterhält das Unternehmen in der Fanningerstraße 29 eine Filiale; das Sana Klinikum hat die Hausnummer 32. So gucken die möglicherweise Totkranken gleich mal zu ihren Verscharrern hinunter. Verzeihung, aber: ekelhaft.
Um jemanden schnell loszuwerden, ist es freilich praktisch.

Und auch zum Klinikessen, ganz allgemein, ist dringend einmal etwas zu sagen. Morgen aber, Liebste, erzähl ich erst einmal was Schönes (das Journal ist heut schon lang genug) … mehrfach Schönes sogar, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das, was Thomas Rothschild, dessen Feuerhirn ich ausgesprochen schätze, soeben unter einen Artikel kommentiert hat, dazugehört — auch wenn gestern abend noch Christoforo Arco mir geschrieben hat, es gehe dies runter wie … (die Pünktchen stehen für tierisches Streichfett).  Ich schriebe jetzt, schreibt Rothschild  → dort, “mit dem Tod um die Wette”. Was ich selbst dann übertrieben fände, wenn es stimmen würde. Noch stimmt es aber nicht. Wir wetzen beide bloß erst jeder unsre Klinge – er, der Tod, seiner Sense, ich meiner Verse. Wer “gewinnen” wird, ist dabei längst nicht heraus, zumal mein Gegner Li heißt und wir noch Kinder zeugen könnten. Vielleicht, ja vielleicht sollte ich genau darauf es anlegen und hab’s auch schon begonnen. (Daß der Tod letztlich immer gewinnt, gilt nicht für mich alleine, sondern auch, geliebte Frau, für Sie; völlig egal, ob Sie sterbenskrank oder quietscheentchengesund sind.)

Ihr ANH

Coronas Einsamkeit. Träume, Klarträume, Albtraumfiktionen. Im dreizehnten Coronajournal, nämlich des Freitags, den 3. April 2020. Darinnen auch Philosophie der Geschichte als einer der Natur.

[Arbeitswohnung, 5.19 Uhr
Der Amselhahn singt, obwohl es noch dunkel.]
Nur eine einzige Lampe im Zimmer, auf meinem Schreibtisch; der grüne Artdeco-Schirm mit dem geklebten Spalt, auch kupferner Bronze der geschwungene Fuß, klassizistische Schaft. Und kühl, sehr kühlt weht es vom Oberlicht, das offen, herab.

Ich habe nicht schlafen können oder doch geschlafen, aber so, daß ich träumte weiterzuwachen und weiter zu denken, nämlich dieses Arbeitsjournal, und zwar dort, wo ich es → gestern abbrechen mußte, nicht ganz indes abgebrochen hatte. Was zu den Dschungelblättern zu sagen war, jedenfalls ihrer ersten Ausgabe, hab ich ja noch nachgetragen. Doch nichts mehr zu Corona geschrieben, dieses vielmehr auf heute verschoben.
Über Einsamkeit hatte ich schreiben wollen,

DIE EINSAMKEIT IN ZEITEN DER CORONA
Pandemische Liebe der Hautlosigkeit

Ich formulierte mir Satz für Satz, etwas zu Abend gegessen, etwas auch vielleicht zuviel, das im Magen wie eine Suppe aus flüssigen Steinen lag und mich drückte, so in das Laken drückte, daß ich mich wälzte, aufwarf, wälzte erneut. Und dabei dachte und dachte. So merkte ich nicht, daß ich längst schlief. Mir träumte, was ich dachte, weiter. Mein Geist “glitt” nicht, sondern rutschte schwer zurück in das Gespräch, das ich mit den beiden Frauen geführt, den zwei Ärztinnen, der älteren, der jungen. Ich rekapitulierte das gesamte Gespräch und was ich den zweien erzählt hatt’. Und schlief doch eben schon längst. Oder vielleicht, daß ich zwischendurch wach war? Es gab zwischen Traum und Halbwachsein gar keinen Unterschied mehr.
Um 23 Uhr war ich zu Bett gegangen, hatte einen Film angebrochen, der voll mit Großen Bildern war — wider Willen abgebrochen, weil zum einen der Magen so drückte, daß sitzen zu bleiben mühsam war; und zum anderen hatte ich mit Frau Kiehl abgesprochen, ich wolle heute mein Lauftraining endlich wieder aufnehmen. Das hatte mir auch dringend die Ärztin, die ältere, geraten. “Sie müssen laufen, es rettet Sie.” Nur daß ich derzeit nicht weiß, ob ich gerettet zu werden eigentlich will. Wobei es sein kann, daß dieser Gedanke bereits einer des Traums war.
Ich formulierte, formulierte die gesamte Nacht durch. Doch wollte und will ich wirklich laufen. Das wußte ich zugleich auch. Wollte ich also heute früh mein Arbeitsjournal — es würde und wird ein längeres werden — so schreiben, daß es noch vor dem Mittag eingestellt werden kann, so mußte ich spätestens um sechs am Schreibtisch sitzen. Nun wurde es ein Viertel nach fünf. Doch um halb fünf schaute ich erstmals zur Uhr. Der Magen drückte weiter. Aber ich glaubte, es sei schon über die Hälfte meines neuen Textes fertig, er stünde schon in der Matrix, in die ich jeweils die Beiträge schreibe. Alles war das, sogar Zwischenüberschriften gab es. Ich müsse einfach nur weiterschreiben.
Die Dreiviertelstunde zwischen meinem ZurUhrSehn und daß ich schließlich aufstand brauchte ich, um mir klarzuwerden, es stehe noch gar nichts da im Text, sei alles nur imaginiert.
Welch ein Verlust! — Erhöb ich mich nicht sofort, es wäre alles, alles verloren.
Niederschreiben, was noch in der Erinnerung ist, bevor es, was Träume schnell tun, auf das infamste verweht ist, sich aufribbelnd gleichsam wie die Bilder dieses Spielfilms, COMA, dessen Himmel aus lauter Dendriten besteht.
Der Auslöser war wieder die von mir wirklich gefürchtete Mundschutzpflicht. Jetzt floß sie, als Drohung, in meine Träume. Sie macht mich schleichend depressiv, aber spürbar.
“Wissen Sie”, erzählte ich den beiden Ärztinnen, “wenn ich jetzt auf die Straße gehe und sehe ein Paar Hand in Hand — Sie glauben nicht, welch ein Glücksgefühl mich dann durchschießt, warm durchschießt, aufsteigend eher und mich salbend … Oder wenn ich jetzt abends seinen Spielfilm sehe und es gibt eine Liebesszene … nein nein, keinen Akt, sondern einfach nur ein zärtliches Streicheln, vielleicht einen langen innigen Kuß … – früher habe ich dann oft weitergespult, die Szenen übersprungen, weil es zuviel von ihnen schon gab, weil man ja alles schon zigfach kennt … Jetzt aber, jetzt wiederhole ich diese Szenen sogar, weil sie mir so viel Hoffnung geben. Denn sie zeigen, was wir sind, wofür wir sind und was das größte Glück ist, das wir Menschen überhaupt kennen.” — Verstehn Sie, Geliebte? Ich sprach dies erneut, nun in dem Traum, und ich schrieb es in ihm auf.
Was bedeutet es, wenn wir einander nicht mehr zulächeln können und das, was wir flirten nennen, restlos verkommt? “Aber wir flirten doch über die Augen, lächeln auch über die Augen”, sprach zu mir लक्ष्मी am Telefon. Doch das ist anders.
Die junge Ärztin empfand das auch, die ältere trug erst gar keinen Mundschutz. Als ich noch im Wartezimmer saß, lag dort einen DIN-A4-Blatt aus, das den Patienten Verhaltensregeln an die Hand gibt. Ein Absatz beruhigte mich enorm:

Dabei sehe ich es ein und schrieb es so auch, daß wir die anderen, Gefährdete, schützen müssen, auch wenn mich der dauernde Aufruf moralisch an meinem Gewissen erpreßt oder nötigt. Aber ich will nicht aussehn und nicht, daß andre so aussehn, als wären wir Darth Vader und sprächen dann so auch. Genauso formulierte ich es, gegenüber den Ärztinnen, nun wieder im Traum und ein drittes Mal jetzt, da ich es tippe. Auch habe ich längst eine andere Lösung gefunden, für die ich → Helmut Schulze danke. Bei mir — nicht im Freien, nein, aber wenn ich geschlossene Räume betrete, in denen es bisweilen unumgänglich ist, einander nahezukommen — sieht es nach ANH of Arabia aus, wenn Sie, oh Freundin, so wollen. Immerhin ist das nicht ohne Witz. Und hat zugleich ein Geheimnis, das bei Frauen Schönheit werden kann.

Es war fast wunderbar, daß die junge Ärztin nun, da ich erzählte, ihren Mundschutz mehrfach abnahm, lächelte, ihn wieder über das untere Gesichtsdrittel hochzog, bereits abermals abnahm, so öfter hin und her. Und beide hörten konzentriert zu, als ich von meinem Eindruck einer Geschichtslogik erzählte, derzufolge, ich schrieb es in DER DSCHUNGEL schon mehrfach, die zumindest westliche Welt sich spätestens seit AIDS in einem Prozeß zunehmender Entkörperung befindet, Entfremdung vom Körper, der aber doch das eigentliche und zutiefst allgemeine Wunder unseres Menschseins sei — denn anders als wahrscheinlich dem Tier und der Pflanze sei es uns ständig bewußt gegenwärtig — , und wie sehr vieles genau auf dieser Linie liege, um sie quasi zu erfüllen und uns von ihm zu entfernen, ja ihn zu diffamieren. Daß uns jetzt schon die natürlichsten Instinkte, etwa den Kontakt zu Frauen zu suchen, als Mißbrauch ausgelegt, also moralisch denunziert würden, sowie wir es zeigten. Dazu die fortgesetzte Virtualisierung von Welt, die, wie Harraway schreibt, Auslagerung unserer Körper- und fast auch meisten Verstandesfunktionen qua Umformung in mathematische Algorithmen und Module in die Maschinen. Daß Corona da nur der nächste Schritt, möglicherweise, sei.

Selbstverständlich ist das eine Konstruktion der Erklärung. Mit allem Recht kann Sabine Scho dagegenhalten, daß Natur überhaupt keinen Zweck verfolge, wir ihr sogar komplett egal seien. Nur ist dies ein → dem fürchterlichen Houellebecq nicht unverwandter Nihilismus. (Er war fürchterlich schon mit seinem ersten bekanntgewordenen Buch, und ist ständig ekelhafter geworden; daß er so gefeiert wurde, der nicht mal über Stil verfügt, ist für die europäische Dichtung ein Skandal für sich selbst). Aber Scho geht an dem vorbei, was ein Mensch ist. Es gehört zu seiner Art, in dem, was geschieht, einen Sinn zu finden — oder ihn zu erfinden. Wenn wir uns klarmachen, daß die Wahrnehmung von Wirklichkeit ohnedies eine Konstruktion ist, die wir aufgrund der Organisation unseres Gehirnes bauen, nicht etwas tatsächlich Wirklichkeit-selbst, ist die Fähigkeit, Sinnzusammenhänge zu modellieren, genau die Grundlage für das, was Kant Kausalität aus Freiheit nannte und zugleich die notwendige Bedingung aller Kultur. Genau das ist der geschichtsphilosophische Ansatz, der eben deshalb ohne Religion nicht auskommt. Er gibt uns Handlungsalternativen, die wir angesichts purer Sinnlosigkeit nicht hätten. Etwa, was mir gestern Benjamin Stein von seinem Rabbi erzählte, der (heißt das auch im Mosaischen so?) gepredigt habe, Corona sei ein Warnzeichen Gottes (JHWH): Haltet ein! Besinnt euch! Macht so nicht weiter! Daran ist etwas. Wir müssen dafür nicht gläubig sein, um es zu erfassen, schon gar nicht monotheistisch gläubig. Oder wie mir लक्ष्मी noch am Telefon sagte, als wir erneut über diese unsäglich deutsche Klopapierhamsterei sprachen und ich ausgerufen hatte, wie furchtbar es sei, daß plötzlich wieder etwas zutage trete, das längst für überwunden geglaubt: sowas wie ein Volkscharakter, zumal der anale der Deutschen. “Das war doch alles längst vorbei!” “Vielleicht ist es ja ganz gut”, sagte sie, “daß diejenigen jetzt sterben, die es gar nicht mal bewußt, sondern weil sie selbst so geprägt sind, immer und immer weiter in ihre Kinder eingeflößt haben. Meine Generation” – sie meinte die ihre, nicht meine – “ist davon doch längst frei. Wir sind offen gegenüber Fremdem, begrüßen es und befreunden uns mit ihm.”

Aber stellen Sie sich die Situation vor:
Nachdem ich erzählt habe und bevor ich’s erneut tu, stehe und sitze und liege ich da mit nichts als der knappen Unterhose am Leib, und die Frauen, beide, tasten, klopfen, pochen mich ab, drücken hier, drücken dort. “Tut das weh?” Sie bewegen meine Beingelenke, Armgelenke, führen mich in die Taillenbeugung, ich muß mich auf die Zehenspitzen stellen. Sie mustern jeden Leberfleck, horchen mich ab, beidseits, die eine links, die andere rechts — und alles, was ich beklagt hatte, die gesamte körperliche Kontaktlosigkeit hob sich auf. Es war wie Glück. Nein, war Glück. Die puren Finger, dieser Frauen, fühlten.
“Daß uns alles genommen wird”, hatte ich gesagt, “was unser Eigentliches ist, macht mich fast depressiv. Der Austausch, das Ineinanderfließen unserer Körperwärme, die Vermischung der Säfte, ohne die es Menschen überhaupt nicht gäbe. Und wir können nicht sagen, für wie lange noch.” An eine schnelle Aufhebung der Umgangsbeschränkungen glaubten auch meine beiden Ärztinnen nicht. Wochen, möglicherweise Monate werden es noch sein. Und dann wird alles anders, der Körper der anderen als Gefahr im Programm sein.
“Daß dies endlich einmal wer ausspricht”, sagte, ihren Mundschutz wieder abgenommen, die junge Ärztin, nachdem sie mich für die Pneumokokkenimpfung in den Nebenraum gebeten hatte, “was wir alle denken. — In welche Schulter soll ich ..?”

Es gab aber auch etwas Rettendes hier. Ich war noch im ersten Behandlungszimmer.
“Sagen Sie”, fragte ich, “Ihre Praxis ..?”
“Ja?”
“Merken Sie auch Umsatzeinbußen, sind auch Sie gefährdet in Ihrer Ökonomie?”
“Ein bißchen, ja. Aber es hat auch ein Gutes. Sehen Sie, zum ersten Mal seit Jahren können wir uns, da der Ansturm nicht mehr so groß ist, um unsere Patientin wirklich kümmern. Wir haben die Zeit, miteinander über sie zu sprechen und vor allem, mit ihnen zu sprechen. Das gab es lange nicht mehr, war gar nicht möglich. So gesehen schenkt uns Corona etwas zurück, das wir verloren hatten. Wir können wieder tun, was uns einst bewogen hat, diesen Beruf überhaupt zu ergreifen.”

Und davon wachte ich erstmals auf, schlug mich noch diese weiteren fünfundvierzig Minuten auf dem Laken herum, bis ich endlich begriff, das von all dem tatsächlich noch gar nichts zu Text gebracht war und ich es schleunigst tun nun müsse.

***

Dem Ärztinnenbesuch folgten Wege, um weitere Termine auszumachen. Ich komme um eine Magenspiegelung leider nicht herum, auch eine Darmspiegelung steht wieder an. Und die Gefäße müssen kontrolliert werden, grade jetzt, da ich wieder rauche.
Auf der Straße trugen nur wenige Menschen den Mundschutz; es waren auch mehr unterwegs, als ich erhofft, immer mit gutem Abstand freilich, doch viele Paare Hand in Hand und mit ihren Kindern, die tollten. Auch das war beglückend.
Ich dachte an den schwedischen Sonderweg, der mir innig sympathisch und von dem von uns keiner weiß, ob er nicht recht hat. Sollte er irren, und sollten dann die Schweden um internationale Hilfe rufen, hör ich schon das “Selber schuld!” tölen und “Nun solln sie’s selbst auch ausbaden!” — Höchst unangenehmer Gedanke, der die Canaille zurück in den Blick nimmt anstelle die liebenden Paare.

Und dann, ja … und dann begegnete mir zum ersten Mal in meinem Leben das, was man – nicht wirklich correct – Antisemitismus nennt.
Ich spaziere die Ahlfelder Straße entlang. Ein Mann indischer, vielleicht tamilischer Herkunft kommt mir entgegen, “falsch” die Basecap auf dem Kopf. Bleibt stehen, sieht mich an und sagt: “Wir sind hier nicht in Brooklyn.”
Ich verstehe nicht recht. Er zeigt auf meinen Hut.
Es braucht immer noch, bis ich begreife. Er zeigt erneut auf meinen Hut, sagt abermals, nun deutlich verärgert: “Wir sind hier nicht in Brooklyn!”
Endlich, endlich verstehe ich. Aber mir fällt keine andere Entgegnung ein, als daß wir auch in Chicago nicht seien.
Er dreht sich mißbilligend weg, und schimpfend geht er fort. Und ich bin seltsam froh, daß er kein Deutscher war, jedenfalls nicht von Herkunft. Woraufhin mir Phyllis Kiehl am späten Nachmittag den Link auf einen Aufruf Markus Gabriels schickte, den ich hier nun meinerseits verlinke:

→ WIR BRAUCHEN EINE METAPHYSISCHE PANDEMIE

Der vielleicht ein bißchen schlichte Text ist dennoch von größter Valenz und spricht etwas an, das auch mir seit Tagen durch den Kopf geht, den eines überzeugten Europäers. Die einzigen, denen ich ihren Nationalismus nicht verüble, sind die Schweizer, dies aber auch nur, weil er ihnen Neutralität garantiert. Hingegen ist die gegenwärtige nationale Abschottung der nichtneutralen, vielmehr in militärische Pakte eingebundenen europäischen Länder ein historisches schlimmer-als-Elend. Da haben wir endlich einmal einen wirklich europäischen Staatsmann, nämlich Emmanuel Macron, der eine lebendige Vision hat — und was tun wir Deutschen? Wir sperren uns gegen Eurobonds? Lassen Griechenland wieder einmal am ausgestreckten Arm allein? uneingedenk der kulturellen Historie und sowieso, daß wir sogar mit der arabischen Welt schon deshalb enger verbunden sind, als wir mit den USA jemals waren, weil uns über sie, also jene, die altgriechischen Schriften übermittelt wurden, die dort bewahrt und übersetzt worden sind,  um von der medizinischen und Bewässerungs-Zivilisation ganz zu schweigen, da sich das Christentum gegen den Kultur- und Wissensschatz Europas – und sowieso jeglich Apostate – gebärdete, wie’s heutzutage nicht mal dem الدولة  gelingt.

***

Doch zum Anfang noch einmal zurück (“über Einsamkeit hatte ich schreiben wollen”):

DIE EINSAMKEIT IN ZEITEN DER CORONA
Pandemische Liebe der Hautlosigkeit

Ich spüre sie, spür sie schon jetzt, nach nicht einmal zwei Wochen. Die ausbleibenden Besuche meines Sohnes fehlen mir, sehr. लक्ष्मी, gestern, erklärte: “Er kommt nicht, um dich zu schützen.” Der seelische Schaden ist höher, als wenn ich angesteckt werden würde. Ich will nicht ohne Umarmungen leben — und stelle mir laufend vor, wie es den alten Menschen in den Heimen ergeht, die sowieso schon ein Verbrechen an den Menschen sind, von der Verdi Casa di riposa einmal abgesehen, vielleicht. Wenn auch sie jetzt keine Besuche mehr bekommen, bekommen nicht mehr dürfen und alleine, ganz alleine sterben. Mit meinen Zwillingen telefonierte ich ebenfalls gestern. Ophelia, dreizehnjährig, sagt: “Ich würde dich so gerne in den Arm nehmen.” Auch wenn es wahrscheinlich nicht wirklich so ist, ist ihnen doch bewußt, daß ich zu den Gefährdeten gehöre, meines numerischen Lebensalters wegen und weil ich rauche. Sie distanzieren sich wegen einer Fürsorglichkeit, die mich in die Leere sperrt. Doch andere weit mehr. Es gibt Hochrechnungen, denen zufolge die auch letalen “Kollateral”schäden höher sein könnten als die vom Virus verschuldeten Todesfälle  Und nebenbei schafft sich schleichend die Demokratie ab, insofern sie auf der Selbstbestimmung der Einzelnen ruht. Die schon dauermoralisch beschnitten wird. Nein, ich habe keine Angst vor der Ansteckung, einfach deshalb, weil ich keine Angst vor dem Tod habe. Hingegen, Geliebte, vor Vereinsamung sehr.

Ein mir wichtiger Mann ist vorgestern nacht auf gestern verstorben. Nein, nicht an Corona. Er schlief einfach ein. Mehr soll ich bitte noch nicht schreiben. In einem Haus voll Kunst hat er seinen Lebensabend verbracht, der langsam, langsam dämmriger wurde. Zu seiner Beerdigung dürfen wir nicht. Zur Freundin sagte ich: “Wir werden eines Tages eine Wallfahrt an sein Grab unternehmen.” Von diesem Einfall ward sie nicht alleine getröstet, sondern auch ich, der ihn hatte.

ANH
9.38 Uhr

[Siehe auch → Trainingsprotokoll]

“die erste Ferngesellschaft der Menschheitsgeschichte” (Peter Weibel, NZZ): Das siebente Coronajournal. Montag, der 23. März 2020.

Und ebenfalls NZZ, >>>> dort:
Senizid

[Arbeitswohnung, 7.08 Uhr]

Und wenn er noch so viel → Unmut ausgelöst hat, die Vorstellung, es vollziehe sich derzeit ein wie nur selten spürbarer, weil unmittelbar in unser alltägliches Erleben hineinreichender selbstregulativer Prozeß, bleibt → beharrlich in mir, ob dieser uns nun schmeckt oder nicht. Er erinnert mich allzu sehr an das, was ich in THETIS die Große Geologische Revision genannt habe, seinerzeit mit Blick auf die schon Ende des vorigen Jahrhunderts mehr als nur “leicht” sichtbaren Anzeichen. Ich denke weiter und weiter darüber nach … — nein, es denkt sich nach. Und das hat nichts damit zu tun, ob man es – angeblich – gutheißt. Wer wohl täte das? Wobei der Vorgang bei allem Grauen insofern etwas “Gerechtes” hat, als der Virus unter den gefährdeten alten Menschen keine Unterschiede macht, nicht nach Vermögen (wenngleich reiche Leute deutlich mehr Möglichkeiten haben, sich ihre Quarantäne aushaltbar zu gestalten), nicht nach Geist und Bildung, nicht nach Geschlecht, nicht einmal nach Macht. Die moralischen Ausrufe hiergegen — “altersdiskriminierend” — wirken so hilflos, wie sie es sind. Weiterhin → NZZ:

Die heutigen «Alten» haben unser Land im vergangenen Jahrhundert zu dem gemacht, was es ist. Sie zu schützen, ist für die meisten Menschen die Hauptmotivation dafür, zur Eindämmung des Virus möglichst viel beizutragen. 

Daß hier im Hintergrund ein letztlich rein materielles Denken steht, sei erschauernd dahingestellt, auch wenn so etwas Kapitalismusfremdes wie “sorgende Liebe” nicht einmal Erwähnung findet. Es ist doch mehr sie, was uns Menschen umtreibt, besorgt macht und in Nöte bringt. Insoweit es unsere bedrohte eigene Ökonomie ist, die einer und eines jeden Einzelnen, bzw. der Familien, haben die alten Menschen damit nichts mehr zu tun, jedenfalls in aller Regel. Daß es an uns selbst ist, angesichts einer sich wahrscheinlicherweise über Monate erstreckenden flächendeckenden Quarantäne neue Wirtschaftsformen zu entwickeln — und die, die längst schon im Raum standen, aber aus arbeitspolitischen Rücksichtnahmen und nicht zuletzt sentimentaler Beharrung wegen verhindert oder “konservativ” hinausgezögert wurden —, ist nur allzu klar. Ich erinnere mich noch gut, mit welchen tatsächlich Vorwürfen ich es zu tun bekam, als ich in den Achtzigern bei einem großen deutschen Verlag statt eines Typoskripts eine Diskette abzuliefern wagte: Ich wurde quasi hinausgeworfen. Und nur wenig später, als ich die ersten poetologischen, auch praktischen Überlegungen anstellte, was die damals noch kommende mediale Revolution für die Literatur nicht nur bedeuten würde, sondern müsse, nannte mich ausgerechnet die von mir derart geschätzte NZZ einen Kulturverräter. Es war eine Stimmung, in der man über lange Zeit im Internet den Dolchstoß für die Buchkultur sah. Und von meinen Überlegungen zum → Literarischen Weblog als Dichtung will “man” bis heute noch nichts wissen; es stehen für die wenigen, aber machtvollen Leute im “klassischen” Literaturbetrieb zuviel Pfründe auf dem Spiel. Möglich, daß auch dies sich nun auswäscht — wenngleich ich befürchte, daß der Igel immer schon allhier sein wird, da können wir Hasen so flitzen, wie wir nur wollen. Doch ein, → so Xo dort, “no future” sehe ich nicht, im Gegenteil. Ich sehe Evolution, jetzt sogar vielleicht Mutation. Die Welt geht weiter, auch wenn ich selbst es vielleicht nicht mehr erleben werde. Und mehr noch: Ich will, daß sie weitergeht, wünsche es aus tiefstem Herzen, kann nur die schon mehrfach zitierte Stelle aus der “Sterbe-Elegie”, der neunten Bamberger, wiederholen:

um zu spüren, sie fließt noch, die Regnitz, vor meinem Fenster, und fließt in den Augen der Kinder, der deinen, mein Sohn, die deiner künftigen Frau, künftiger Frauen, ja weiß man es?, sind – und den späteren Mai­nen zu, späterem Rhein, denen viel spätere Rosen, die merklos erfrieren, nicht nachsehen in ihre späteren Meere. Den Zeitstrahl zu fühlen, worinnen wir stehen und dem wir zwar selbst nur Fragment sind, doch eines, das atmet und mittat. Das bleibt wie der Leibstoff, Körper gewesener, bleibt meines Leichnams.
ANH, Das bleibende Thier
, 99/100

Ja, ich denke viel an den Tod. Es sind in meinem Umkreis an Covid-19 jetzt Menschen tatsächlich gestorben. Aber ich denke an ihn als an etwas, das ich gegebenenfalls lieber selbst herbeiführen würde, da ich → langsam ertrinken nicht will, schon gar nicht hilflos fremdbestimmt dahinvegetieren. Nur wie soll ich’s tun, und wann könnte ich es noch, in welcher Phase der Krankheit? Wenn ich im Krankenhaus lande, ganz bestimmt nicht. Ich will aber auch niemanden schädigen, nicht bei einem Zugführer ein lebenslanges Trauma auslösen, ebenso wenig wie bei Kindern, die mich hinabgestürzt, überall Blut und Splitter, auf einem Gehsteig oder Hinterhof finden. Von einigen zugänglichen Medikamenten weiß ich, aber entweder sind sie unsicher oder aber verursachen einen mindest ebenso qualvollen Tod wie der Virus. Hätt ich doch nur darauf geachtet, genügend mir nahe Ärztinnen und Ärzte als Freunde zu haben! — Darüber, in der Tat, denke ich subkutan ständig nach. Aber auch hier gilt (ebenfalls die neunte Elegie):

Wir nicht allein, auch das Tier beißt den Feind weg. Doch weiß es, wann Zeit ist. Dann legt‘s sich und blößt seine Kehle. Besser, ihm nachtun. Das Wakizashi ergreifen, das dir der Tod reicht, bevor man es zuläßt, was ihn und das Leben entwürdigte, das du so liebtest. So, Sohn, vernarrt bin ich ins Le­ben, ich ginge freiwillig eher, als daß ich’s beklagte.
Das bleibende Thier, 97/98

Nein, ich nehme nichts zurück, bleibe von Herz, Geist und Geschlecht auf der Seite der irdischen Welt. Und versuch es auszudrücken. Wobei ich gleichzeitig dafür sorge, meine Arbeiten möglichst umfassend zugänglich zu machen, in Der Dschungel, die ich aus meinen Dateiarchiven zur Zeit mehr und mehr fülle — das hat durchaus was von Nachlaß. Sehen Sie es, Freundin, so: Jeder fühlende Mensch möchte, daß es seinen Kindern gut geht, über den eigenen Tod weit hinaus. Ich wünsche mir das für meinen Sohn, wünsche es mir für meine Zwillinge, wünsche es aber auch meinen Schriften, weil ich auch sie als meine Kinder ebenso empfinde wie erlebe. Das ist nicht egozentrisch, denn sie sind ebenfalls, in ihrer Sphäre,  nämlich der Fantasie und des Geists, zeugungsfähige Geschöpfe. Manche Bücher, manche künstlerischen Erfindungen, haben ganze Generationen verändert. Ohne Mozart hätt’s nicht einmal die Beatles gegeben. Von Bachs Einfluß völlig zu schweigen.
Ich in mir dessen bewußt und handle. Ich handle deshalb, weil Pessimismus mir fremd ist; meine bisweiligen Depressionen sind da nebensächlich: Sie sind egozentrisch, letztlich nichts als die Auswirkung narzisstischer Kränkungen. Die Bücher dagegen stehen für sich. Das ist ja das Grandiose, daß sie sich von uns, ihren Urheberinnen und Urhebern, (fast) ebenso ablösen wie unsre Kinder sich von ihren Eltern, uns. Genau das ist Zukunft. Wir selber, und später dann sie, gehen dahin.
Was danach kommt? “Ich bin unheimlich neugierig”, habe, heißt es, Ernst Bloch auf seinem Sterbelager gesagt.

Mein Pathos, jaja. Wobei die tägliche Realität eine seltsam zerfließende ist. Mehr noch (als wegen des meiner Arbeit eigenen Charakters sowieso) laufen die Tage ineinander.Neulich wußte ich nicht mehr, ob Donnerstag oder Freitag. Ich mußte im Kalender nachsehn. Und obwohl ich es gewohnt bin, mir meine Arbeitsabläufe diszipliniert selbst zu definieren, nach genauen Zeitabläufen zu schreiben, zu essen, zu lesen, abends einen Film zu sehen usw., werden die Ränder verschwimmend unscharf. (Meine bisweiligen, ich sag mal, quasi-physiologischen Ausflüge in die Pornowelt laß ich mal “außen vor”, wiewohl sie wichtig sind, um nicht nur die erotische Contenance zu wahren, sondern auch, um ein notgedrungnes Asketentum zu vermeiden, das sich ungut auf den Geist auswirken würde).
Dazu die ständig kurzen Überlegungen, muß ich eigentlich heute hinaus? Dann recherchiere ich wieder die neuen Coronavorgänge (muß gleich mal gucken, was die gestern getroffenen Ausgangsregelungen präzise bedeuten), antworte auf Kommentare bei  mir und auf anderen Sites, telefoniere, bzw. skype/facetime täglich mehrfach mit den Freundinnen und Freunden, besonders auch in Italien, spüre bei vielen eine unterschwellig steigende Furcht. Ein Freund erzählt, er kaufe nur noch mit Schutzhandschuhen ein, ein anderer hat sich tatsächlich Atemmasken besorgt. Und draußen singen die Vögel, daß es ans Herz geht, und die Pflanzen werden an ihren sprießenden Knospen verrückt. Es ist erneut kalt geworden, ja, aber — hell! Diese göttliche Sonne! Die Fassade des langen Hinterhauses, das ich von meinen Fenstern aus sehe, strahlen nur so vor Gelb! Dazu zwei Zuschriften, die ich erhielt. Die eine von einer Leserin, die schon mehrfach bei amazon Rezensionen eingestellt hat und → nun dort den zweiten ANDERSWELT-Band bespricht. Kann sich ein Romancier etwas Besseres wünschen? Aber auch zu meinem → Vortrag aus dem Hyperion kam eine Mail (ich möchte diskret bleiben und sag drum nicht, von wem):

Fast haben wir Deine Stimme nicht erkannt, so sehr ist sie da zur heute möglichen Hölderlin-Stimme geworden. 

Und in der Tat hat mir die Aufnahme eine irre Lust gemacht, den Hyperion tatsächlich selbst ganz vorzutragen — genau dieses “heute mögliche” … ja!, zu beweisen. Die Zeit haben wir jetzt, die, nun jà, Isolation läßt sich füllen … ist zu füllen. Dagegen fallen Notwendigkeiten – wie etwa, daß ich diesen Jobcentermüll endlich weiter regeln muß, geradezu weg. (Ich hätte dringend einen Brief zu schreiben und darin, um einen Bescheid ändern zu lassen, eingehend zu argumentieren. Nun kommt’s mir vor wie kinkerlitz.) Alles ist ein bißchen wie vor dem Winter die Ernte einzuholen und gut für den Winter zu lagern. Die Dschungel.Anderswelt ist mir, so gesehen, Scheuer und Silo zugleich, zusammen mit der dinglichen Arbeitswohnung ist sie ein Gehöft.

Bewußtsein der eigenen Endlichkeit. Abschiede damit verbunden. Wie Andreas Steffens schreibt: Der Horizont der noch verbleibenden eigenen Zeit rückt uns näher, fast stehn wir vor einer Wand schon daran. Was bleibt zu tun, um abzuschließen, nämlich — gut? Mehrfach, bemerke ich, schaute ich in den paar letzten Tagen intensiv zurück, erinnerte mich an grandiose Geschehen, beglückende, sinnenberauschende Erleben. zum Beispiel was Do und ich mit Nutella alles angestellt haben. Hatte ich vorher völlig vergessen. Und dann, als wir im Lager von Olifants saßen. Viele Jahre später, mit लक्ष्मी, auf der breiten Fensterbank des Havalis in Udaipur, wie, drauf beieinanderliegend, wir nach Krokodilen schauten, über den See, der unten an die Hauswand schwappte. Oder die Serengeti meiner Löwin. Und wie ich Circe ins Taxi setzte, nachts; wie ich mit einer Fee handinhand-halb eine andre Nacht durch Park und strömenden Regen schritt. Wie mein Sohn in meinen Händen zur Welt kam. Ich staune diese Hände an. Wie die Ärztin nach der Zwillingsgeburt die Doppelplazenta ebenso staunend und frappierend liebevoll aufstrich, auf zu mir sah und frage: “Darf ich sie haben? Ich möchte sie meinen Studenten zeigen.”
Wunder, Freundin, über Wunder. Mein Leben war reich.

So fühl ich Tag um Tag, auch wenn es sicherlich etwas anderes wäre, lebte ich in einer Partnerschaft oder sonstwie mit jemandem andres zusammen. Zum Beispiel, daß ich bis gestern vier Tage lang nicht mehr geduscht hatte. Morgens rein in die Arbeitsklamotten, an den Schreibtisch, bis spät in den Abends durchgemacht. Man muß sich ja grad nicht mehr zeigen, darf sich nicht zeigen. Schon sproß enorm der Bart, ich mußte an Tolstoj denken, sah mich dann im Spiegel an, erschrak, stutzte ihn auf Dreitageslänge. Das Antlitz ist dann einfach klarer, markanter. Und bloß die Kleidung endlich wechseln! Was Helles! — Den Anzug rausgesucht, dann unter die Dusche. Auch die Achselhöhlen, die Hoden rasieren. Es kommt nicht darauf an, ob jemand mich sieht, sondern auf eine innere Haltung, der wir Form auch außen geben. Wille zur Klarheit. Und zwar gerade, wenn man allein ist. Ich denke an Lawrence of Arabia, der sich mitten in der Wüste, obwohl da eben keinerlei Wasser, draußen vorm Zelt zum Unverständnis vieler rasierte. Wie man das Wasser so verschwenden könne? Soweit ich mich erinnere, antwortete Peter O’Toole mit einem einzigen Wort: “Kultur.” Meine Güte, seine irrsinnig strahlenden Augen!
Das in jedem Fall bewahren. Was immer auch kommt.

 

Ihr, um 11.59 Uhr,
ANH
der gerne auch hier noch einmal → darauf hinweist.

 

 

P.S.:
Selbstverständlich bin ich nicht allein, alles andere als einsam. Wir kommunizieren ständig. Die Göttin gebe bloß, daß uns das Netz nicht ausfällt. Aber es ist anders, ob wir uns treffen könnten, leiblich, oder nicht können. “Die erste Ferngesellschaft”, → Peter Weibel, ja. Wir werden avatar einander. Der nächste Schritt der → anthropologischen Kehre, den nunmehr Corona erzwingt.

***

[14.30 Uhr:]
Da ich meine Cigarillos brauchte, die Gelegenheit genutzt, fast anderthalb Stunden → à la Nietzsche spazieren zu gehen: Keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung — erst diagonal durch die nach den Beschlüssen von gestern doch erstaunlich belebten Straßen, wobei allerdings die meisten Menschen tatsächlich nur zu zweit flanierten oder mit ihren Hunden Gassi gingen. Nur vor LIDL pulkte sich’s, weil immer nur zehn Personen auf einmal Einlaß finden; so stand’s draußen anplakatiert.
Vorm Aufbruch die autophil höchst zärtliche Idee, vielleicht noch einmal meinen alten russischen Biberpelzmantel zu tragen, der angemessen in diesem, nun jà, Winter wirklich nur zwei Mal gewesen. Und ich hatte recht, es ist ziemlich scharfkalt draußen, unter gleichzeitig ganz enormen Sonnenfluten, durch die ich quasi tauchte. So sehr ist Frühling eben doch und von welch milder, die Augen labender Schönheit alles! Es geht bei den Krokussen los, schäumt in den Forsythien, perlt grün als sich entfaltende Knospen auf.
Da mir nach Okra zumute war, für den Abend, ich dafür einen Asia-Laden finden mußte (was mir nicht gelang, der nächste mir bekannte ist ganz anderswo), schritt ich, nachdem quer durch den Kollwitzkiez spaziert, vom Tabaccaio an die Prenzlauer Allee hoch, dann rechts in die Fröbelstraße, um schräg zum Tählmannpark weiterzugehen und nach dem kleinen Teich, fast einem Weiher nur, zu schauen, der → von Anwohnern versorgt wird, gegen einigen Widerstand des Gartenamts. Schrieb ich nicht schon mal von ihm?
Es hat sich hier eine fast ganz für sich existierende Flora und Fauna entwickelt; sogar freie Schildkröten gibt es im Wasser, die drin auch überwintern. Und was ich sah, ich sog es ein!

Diese Farben, das unversehens hörbare, früher nur nachts nicht vom nahen Verkehrslärm wegkrawallte Rauschen eines kleines Wehres, zwei Elstern elsterten lustvoll herum und ließen sich nicht stören, als ich näherkam, anstelle liebevoll diskret einen anderen Weg mir zu suchen. Ich sah zu ihnen hinauf, sie sahen zu mir herunter. Schon gurrten sie, jedenfalls schnäbelten weiter. Ich kann Ihnen, Freundin, kaum sagen, welch ein Glück ich da empfand.
Es ist auch nicht ganz ohne Witz, daß ich, der so auf die kybernetische Welt setzt, zugleich auf der anderen, der natürlichen Seite empfinde, und mit ihr. Bezeichnend, daß ich schließlich den kleinen Umweg zu dem ziemlich verrotteten Pfad nahm, der direkt an der SBahn entlangführt. Ich wollte mir nämlich zwei Zweige schneiden, um etwas von diesem Frühling in die Arbeitswohnung mitzunehmen, und dies eben dort tun, wo kein Passant sie vermißt — auch nicht etwa blühende Zweige; nein, es genügt mir das sprießende Grün. So stehn sie nun denn auch hier und über-, na gut, “-wölben” nicht grad den Schreibtisch, aber strecken sich doch über ihm aus.

Verstehen Sie, daß ich Dankbarkeit empfinde? Und meinen Eindruck, die Gefährdung schärfe meine Sinne und mache sie weiter?

Schließlich noch frischen Koriander besorgt; ich bereite mir heute ein Dal.

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