Die Rezension Makropulos’. (Mit einem Tagebuchnotat und einer wehend kurzen Musik).

Dort in In Fausts Kultur:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wobei es mich eigenartig berührt, daß diese Sängerin, Marlis Petersen, die mich derart beeindruckt hat, eine CD eingespielt hat, die → Dimensionen.Anderswelt heißt. Und dann die Dschungel dieses Covers! Was will mir, fragt Es in mir, dies sagen, ja will es mir was sagen? Soll ich sie fragen, → diese Frau, und ihr also schreiben? An sich ist sowas immer bisserl peinlich und geht mir gegen den Stolz. Doch der Impuls ist stark. Jedenfalls habe ich mir die Aufnahme soeben bestellt. Übermorgen wird sie hier sein.

***

(Erst hatte ich Georges Verszeile unter dem Notat zitiert; jetzt, da die Musik da ist, käme mir das wie Verdoppelung vor, und also habe ich die Zeile wieder gelöscht. Verdopplung in Kunst ist nicht erlaubt. — Wär dies ein Arbeitsjournal, ich setzte statt dessen ein Rufen hinzu.

“H ö r e n , Freundin, Sie!”)

ANH

Abschiede, Begrüßungen. Das alte Notizbücherl, das neue. Im Arbeitsjournal des Montags, den 14. Februar 2022. Darinnen über Liebesenden. Und wieder die fiktive Macht.

[Arbeitswohnung, 6.44 Uhr
Janáček, Věc Makropulos]
Zwar sind anderthalb Seiten noch frei, aber ich wußte gestern nachmittag, ihrer mehr zu brauchen, wenn ich nachher in der Lindenoper säße und, wie immer quasi blind dann, Stichworte zur Aufführung notierte, während ich ihr zusah und lauschte (möglicherweise mitdirigierend hier und da, vorsichtig freilich, um meine Nachbarn nicht zu stören, oder Nachbarinnen, aber es ist dem Taktzucken des Fußes gleich, das, wenn eine Musik uns nah, hineingerät). Doch mitten da drin das Notizbuch zu wechseln, hätte unnötig Unruhe geschaffen und wäre vor allem profan ihm selbst gegenüber gewesen. Sie wissen, Freundin, wie ich es scheue, das, profan, zu sein. Es ehrt das Leben nicht, auf das nun gerade → Janáčeks Oper ein Gesang ist, wenn auch wider den Strich unsrer Begehren. Doch dazu dann in meiner … nun jà, ich nenne meine Überlegungen zur Musik, auch zum Musiktheater nur ungerne “Kritik”… – also dazu später (erst einmal) → bei Faustkultur.
So bereitete ich das neue Notizbuch schon mal vor, weiß gar nicht mehr, woher ich es habe. Irgend jemand wird es mir geschenkt haben, so, wie ich das nun vorherige geschenkt bekommen habe und all die Notizbücherln vorher. (Sie merken schon, ich nenne sie zärtlich). Diese bekam ich in den letzten Jahren stets von der Löwin, und es liegt von ihr seit zwei Jahren auch das nächste hier, noch ins Seidenpapier eingeschlagen und von ihr gesiegelt. Doch diese Zeit ist vorbei, so mochte ich`s noch nicht, ich schreibe einmal, deflorieren. In einigen kleinen Hinsichten bin ich, aus Liebe, abergläubisch. Nein, besser, ich schöbe ein anderes, dieses neue, dazwischen.
Die Notizbücher der Löwin sind in weiches schwarzes Leder gebunden und haben 496 Dünndruckpapierseiten, was es nötig macht, auf keinen Fall mit Tinte auf ihnen zu schreiben, weil die durchscheint. Am besten eignen sich Bleistifte, Kugelschreiber freilich auch. Doch die schiere Zahl der Seiten läßt ein solches Bücherl uns lange, sehr lange Zeit begleiten. Das, von dem es Abschied nun zu nehmen galt, diente mir, so steht es oben ganz am Anfang, vom

Das sind vier ganze Jahre plus sechs Tage. Danke, liebste Löwin. Und Dank, Notizbuch, Dir.

Ich machte mich also an die Übertragungen, denn auf den letzten Seiten sind oft gebrauchte fixe Angaben notiert, (verschüsselte) Paßwörter und sonstige (ebenfalls verschlüsselt) Zugangsdaten & PINs, Kontonummern, Kleidungsmaße, Hutmaße, Telefonnummern usw., die ich stets zur Hand haben möchte, ohne lange suchen zu müssen; sozusagen oldschool. Auch, seit → Liligeia und den Folgen, Angaben zu Medikationen. Sowie müssen auf der neuen ersten Seite, wie auf der ersten alten anfangs auch, mein Name und meine Kontaktdaten stehen für den Fall, daß ich es einmal liegen lasse, versehentlich, und jemand findet es. Tatsächlich hat dergleichen sich beim nun alten Notizbuch schon einmal ergeben, ebenso bei dem davor. Beide Male rief mich jemand an. Da sich meine Handschrift, bisweilen für mich selber auch, schwer lesbar gibt, habe ich zwar keine Sorgen, irgend etwas in den Notaten könne mißbraucht werden. (Allein mein Sohn kann alles stets auf Anhieb entziffern, ein im Wortsinn bemerkenswertes Phänomen, das ein anderes, wenn auch nur ungefähres und dennoch signifikantes Licht auf unsere Genetik wirft.) Dennoch wäre ein Verlust sehr zu beklagen. Denn viele Notate werden in aller Regel erst nach Abschluß des Bücherls in Notat-Dateien übertragen. Was mich meist zwei Tage Arbeit kostet, mitunter mehr: Ideen für neue Geschichten, Gedichtzeilen oder nur -titel usw., Beobachtungen, Adressen neuer Kontakte, alles durcheinander, aber stets datiert. So lassen sich auch Ideengenesen nachvollziehen, etwas, das mir wichtig ist, der ich die Entstehungsphasen eines Werkes als grundlegende Mitaspekte betrachte und sie stets teilhaben lasse; ohne das wäre es nicht zeitgenössisch.
Auch mit dem jetzt alten Notizbuch steht mir das nachträgliche Übertragen noch bevor. So ganz wird die Trennung also noch einige Zeit nicht abgeschlossen sein; es sind nicht immer scharfe Akte, die unsere Lieben beenden, sondern häufig gleicht es einem so milden Entschlafen, daß wir es gar nicht merken. Auch so gesehen hat es seinen Grund, daß ich der Löwin eingeseidetes Notizbuch noch nicht anrühren mochte. Ihre, Freundin, hohe Sensibilität wird es verstehen.

17.40 Uhr, ich saß bereits auf dem Platz, der große Spielsaal war fast noch leer, und bereitete mich vor. Das neue Notizbuch wird nicht so lang halten wie das alte. Keine Dünndruckpapier- sowie deutlich weniger Seiten, nämlich 176. Der Umschlag aus fester, lederfingierender Pappe, darauf in dünnem Scheingold faksimilierte Handschriftzeilen Charles Dickens’, und zwar eines Auszugs der Kapitelplanung seines letzten abgeschlossenen Romanes → Our Mutual Friend. Ich bin kein Dickensianer, hätte, hätt ich das Bücherl selbst ausgesucht, sicher nach einem anderen Autor, einer andren Autorin gegriffen. Dennoch muße ich befinden, dies sei nun ein ziemlich symbolischer Umstand, jetzt, da ich das Impressum dieses Notizbuches erst entdeckt habe und lese, “letztabgeschlossener Roman”. Doch find’ ich’s eher hübsch ironisch, denn daß es mich furchtsam werden ließe. Liegt mir eh nicht – zumal mir mein kleiner Aberglaube sagt, daß wir so einiges, das vorgezeichnet zu sein scheint und vielleicht auch ist, abwenden können, sofern wir es – benennen. Und also nicht verdrängen, sondern hinter die Türen unsrer Nachtmare schauen oder unters Kinderbett, wo, beides, sie sich gern verstecken. In diesem Augenblick ändert sich die Dynamik, was grundlegende Bedingungen des vormals Vorgezeichneten ändert. So daß es vorgezeichnet länger nicht mehr sein kann. Auch dies gehört zur Realitätskraft der Fiktionen. — Verstehen Sie, Freundin, die Bedeutung, die selbst ein Wechsel des Notizbuchs haben kann und – eben nicht profan zu sein? Wie sagte → Phyllis Kiehl? Aufladung ist das Geheimnis. In den → Béarts wird dieser große Satz zitiert.
Und, Löwin, geben Sie es zu, daß das Notizbuch zu wechseln einen angemesseneren Anlaß gar nicht haben kann als ein wirklich großes Stück Musiktheater, in dem es zumal um ein potentiell unendliches Leben und darum geht, was ein solches würde bedeuten? Und was wir Sterblichen dann wärn? S o betrat ich gestern → den Abend und schritt durch ihn und den Klang seiner enormen heißen kalten Wogen:

 

Ihr
ANH

Das Arbeits-, vor allem Vorreisejournal des Sonntags, den 30. Dezember 2019.

[Arbeitswohnung, 9.27 Uhr
[Tschaikowski, Пиковая дама]

Gestern Geburtstag der Zwillinge, am Abend noch ein Treffen mit Uwe Schütte, dessen auf Englisch erschienenes, man muß sagen, Standardwerk zu Kraftwerk bei Penguin mittlerweile zum Sachbuch-Bestseller avanciert und der ein längeres Feuilleton zu den – nein, nicht Nabokovs, sondern → meinen “eigenen” Erzählungen vorbereitet; nachts — einigermaßen, ich sag mal, beseelt — heimgeradelt und vorhin viel zu spät auf. Gleich wieder die “Pique Dame” laufen lassen, die aus mir nicht recht klaren Gründen deutlich stärker auf mich wirkt, seit je, als Tschaikowskis Onegin. Den ich heute aber auch noch einmal hören will.
Tschaikowski ist eigenartig. Kein Komponist sonst hat in meiner Jugend auf mich auch nur ähnlich stark gewirkt. Bis Gustav Mahler kam, der “Titan” nach Jean Pauls so genanntem Roman — ein LP-“Probefund” auf dem Grabbeltisch in einem Braunschweiger Kaufhaus. Der löste Tschaikowski fast völlig ab. Womit aber eben auch Jean Paul in meinen inneren Kosmos hinein-, muß ich sagen, –kometete.
Allerdings kamen mir Tschaikowskis Opern, speziell sie, niemals nahe. Was sicherlich damit zusammenhängt, daß ich zu slawischen Sprachen kaum je eine innere, hörende eben, Verbindung gefunden habe, auch nicht zum Tschechischen — was sich erst sehr viel später mit Janáček änderte; da war ich bereits weit über vierzig. Obwohl auch das eben nicht ganz stimmt, eben nicht bei der Pique Dame. Die ging auch damals an mich ran. Nämlich fand ich in der zweiten Reihe des Schallplattenschrankes meiner Großeltern eine sogenannte Schallplattenfassung – ein Produktionsformat, das es meines Wissens schon lange nicht mehr gibt. In den Fünfziger-/Sechzigerjahren waren dies im Gegensatz zu den gräßlichen, aber damals n o c h gräßlicher-beliebten Opernquerschnitten – wie ein “Album” als “Song”-Nummern getrennte “Schöne Stellen” – zwar auf Vinyllänge gekürzte, aber doch gleichsam durchkomponierte Hearer’s Digests ohne Pausen. Damals meist noch in Mono.
Wie also kam ich jetzt auf Tschaikowski zurück? Nicht “nur”, denke ich, weil dieser Komponist in meiner später von  mir selbst als “op.1” benannten Kark-Jonas Erzählung eine derart zentrale Rolle spielt, daß ich sie, allerdings umgebaut und leicht erweitert, als “Blumenstück” in den Wolpertinger-Roman integrierte; im ersten Band der Septime-Ausgabe der Erzählungen finden Sie sie auf die Urfassung wieder zurückbearbeitet. Sondern weil in einem Gespräch mit meinem Sohn die Erinnerungsrede auf Tschaikowskis b-moll-Konzert kam, Svjatoslav Richters Interpretation mit Herbert von Karajan, ohne das ich, als ich fünfzehn/sechzehn war, tatsächlich nicht einmal mehr einschlafen konnte.
Mein Pathos, bis heute, speist sich, glaube ich, aus genau dieser Quelle:

Dagegen hörten meine, soweit ich sie hatte, Freunde jener Jahre Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich, manche auch die Rolling Stones und fast alle die Beatles, meine Mutter Esther und Abi Ofarim sowie Daliah Lavi, hingegen zuhause keine Klassik, wiewohl sie eine kleine Sammlung besonders von Beethoven-Aufnahmen hatte. Zum Musikhören daheim ließ ihr ihre Praxis objektiv auch gar keine Zeit, oder kaum; an den Wochenenden traf sie sich lieber mit Freundinnen. Dafür hatte sie ein Abonnement der “klassischen” Konzerte in der Braunschweiger Stadthalle; zu Gastkonzerten Karajans pilgerte sie geradezu und nahm mich manchmal dahin mit. Da war ich ungefähr vierzehn, hingegen mein jüngerer Bruder diese Art Musik scharf ablehnte.
Wie auch immer.
Tschaikowski also, von dem, daß er homosexuell war, ich erst Jahre später mitbekam. Es hätte aber auch zuvor keine Rolle gespielt; ich war in der Hinsicht seit je völlig offen, ganz unabhängig von meiner eigenen, nachdrücklich heterosexuellen Ausrichtung. (Als ich mit Dreißig Britten kennen und eben tief zu lieben lernte, war mir seine Disposition von Anfang an bekannt, ebenso bei Henze).
Bon.
Ich legte vorgestern zu des Sohnes und Vaters Musikabend das b-moll-Konzert also auf — und fiel am nächsten Morgen komplett in die Musikwelt meiner Jugend zurück. Übrigens ist Tschaikowskis Violinkonzert das Lieblingsstück meines Vaters gewesen. Insofern muß es für meine Mutter s c h o n etwas unheimlich gewesen sein, daß ihr Vierzehnjähriger ausgerechnet von diesem Komponisten wie besessen war. Ich machte ihr das Leben in keiner Weise leicht. Tagsüber, wenn sie in der kleinen Praxis nebenan über die Füße oder Gesichter ihrer Kundinnen gebeugt saß oder stand, brüllte aus meinem Zimmer der Tschaikowski in Konzerthauslautstärke; manchmal stürmte sie wutglühend herein, um “leiser, stell endlich die Musik leiser!” zu brüllen, derweil ich über meiner Schreibmaschine saß und zur Musik in die Tasten hämmerte, was immer mir einfiel – zu Svenjas, meiner ersten realen Liebe, Zeiten oft auch schon ziemlich betrunken. Von ihr, Svenja, erzählt im ersten Erzählband gleichfalls eine Geschichte, die ihren, Svenjas, Namen trägt. (In “Wirklichkeit” hieß die Nymphe anders, und Eve, mit sehr kurzem Anfangs-“E”, wurde sie gerufen).

*

(Jetzt der strukturell,seines
völlig offenen Endes wegen,
eigentlich höchst spannende
Onegin:)

***

Zusammenpacken also, heute. Morgen um 7.30 Uhr, in Tegel, hebt mein Flieger nach Rom ab; mit dem Regionale von Fiumicino aus sind’s dann noch etwa zwei Stunden bis Orte, wo der Freund mich abholen wird.

Wir haben für die kommenden knapp zwei Wochen einiges an Arbeit vor. Vor allem aber will ich in Umbrien, ich schrieb es Ihnen, Freundin, schon, endlich → die Béartgedichte zuende bringen, jedenfalls so weit, daß sie lektoriert und für die für Herbst 2020 geplante Buchausgabe vorbereitet werden können. Wobei ich heute eigentlich noch die No. 15 meiner → Nabokovreihe schreiben wollte, mir aber unsicher bin, ob ich’s noch schaffe. Also gedulden Sie sich bitte etwas; ich werde den zweiten Erzählband mitnehmen, obwohl Parallalie ihn auch dort stehen hat; nur würden mir da meine Anstreichungen fehlen, die Grundlage meiner Besprechungen sind.
Zusammengestellt sind bereits, auf dem Mitteltisch, die übrigen Lektüren, aber auch einige Bücher, die für den Freund vorgesehen sind. Cristoforo Arco, der am zweiten Weihnachtstag hereinschneite, obwohl es draußen nur nieselte und nieselte, gab sie mir für ihn mit. Außerdem das Hand-MS-Buch der Béarts sowie das schwarze Notizbücherl. Und ich darf die grüne Tinte für den neuen Füller nicht vergessen, mit dem ich seit zwei Wochen nicht so ganz erfolgreich versuche, meine Handschrift so zu gestalten, daß sie sich zumindest ansatzweise auch lesen läßt. Mit meinen nun bald Fünfundsechzig wäre es mal ein ganz netter Erfolg.

Gut, ich fange mal zu packen a n.

ANH

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