Dietmar Hillebrandt und die Sainte Chapelle. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 20. Februar 2022. Sowie mein falsches Vêpres-Datum à la sicilienne. Am frühen Abend geschrieben.

[Arbeitswohnjung, 18.33 Uhr
Philippe Hersant, In Nomine pour violoncelle principal et six violoncelles
Eiweiß-Bananen-Kiwi-Shake (täglich, um das Gewicht zu halten]

Mit → dem Tagwerk fast durch. Eigentlich säße ich jetzt in der Oper, wäre mir nicht eine irritierende, vielleicht auch ein bißchen, wenn ich ängstlich denn wäre,  beängstigende Fehlleistung unterlaufen. Nämlich sah ich vor vier Tagen, daß die Deutsche Oper → Verdis Vêpre sicilienne, ja, die französischsprachige Urfassung, herausbringt, und zwar, wie ich fehllas, bereits heute. Da ich mit seinem Don Carlos die Erfahrung gemacht habe, daß die auch da französische Erstfassung mich enorm fesselte, indes die italienische indes kaltläßt, wollte ich sofort hinein und fragte, unter Entschuldigung wegen der Kurzfristigkeit, um eine Presse- und, wenn möglich, auch Begleitkarte an. Beides bekam ich kommentarlos quasi sofort, ich wies die 15 Euro für die Begleitkarte an, und schon konnte ich meine Ticketts herunterladen. Das ist bei der Deutschen Oper praktisch.
Alles also prima.  Jetzt nur noch लक्ष्मी, von der ich wußte, sie habe Lust auf Oper, Bescheid gegeben, aber sie sei, schrieb sie, an dem Tag nicht in Berlin; daraufhin meinen Sohn gefragt, der ebenfalls mal wieder in die Oper wollte. Er nun mußte jobben. Nächster Anrufe: → Ricarda Junge, die solche Abende liebt. Sie war schon verabredet. Und so weiter. Gestern abend dann sagte → Gaga Nielsen zu. Was mich besonders freute. Wir sprechen zwar im Netz, haben uns aber zwischen drei und fünf Jahre nicht mehr physisch gesehen.
Dann lag ich im Bett. Und finde heute morgen eine SMS Freund → Broßmanns, den ich ebenfalls gefragt hatte, ohne daß er zusagen konnte:

Die Oper ist doch erst im März!

Da war ich baff. – Wirklich wahr? Nach dem Duschen auf den Karten nachgesehen. Tatsächlich, 20. März. Da stand es deutlich, und ich hatt’ nichts gemerkt. Beginnender Alzheimer? Zuviel Wein? Ein bißchen beunruhigen tut es mich nun s c h o n. Es sind ja einige, wenn auch stets nur kleine, Ausfälle, die → Liligeia als Souvenir mir hiergelassen hat. Und was für einen Aufwand, wegen der Begleitkarte, habe ich getrieben! Meine Güte, dachte ich, da denkst du so an andere, gibst auch noch Geld dafür aus, und dann bleibst du auf der Karte sitzen, die, was nur noch blöde ist, verfallen wird. Aber vielleicht steht jemand traurig vor der Oper …

Ich finde, sowas erzählen zu müssen. Ein kleines Journal ist es wohl wert. Doch gibt es nun noch einen zweiten Anlaß.
Bisweilen schaue ich bei amazon nach, ob sich etwas, und was, getan hat. Rezensionen zu meinen Arbeiten sind dort leider eher selten, und um, wie → Else Buschheuer gern tat, und andre halten’s sicher ähnlich, die Leserinnen und Leser meines Weblogs darum zu bitten, bzw., Buschheuer, aufzufordern, oder gar bei Facebook – dafür, Freundin, verzeihn Sie, bin ich zu stolz. Zudem hätt es einen Beigeschmack von Selbstbetrug. Nein, wer schreiben will, muß wollen, von sich aus überzeugt sein. Nur dann auch werden sie oder er überzeugen. Außerdem sind die wenigen Leserinnen- und Leserrezensionen ein Gradmesser, den ich nicht verunschärfen will. Ich mag nicht so tun und auch nicht so empfinden, als wäre, was nicht ist.
Und da nun stieß ich – aus Zufall, weil meine Zeit bei den Kulturmaschinen längst recht bös geendet und die einst dort verlegten Bücher allenfalls noch im Modernen Antiquariat erhältlich … — stieß ich auf eine Rezension, die mir wirklich den Atem nahm. Da sie aber eben nicht unter einem Buch steht, das derzeit lieferbar ist, hatte ich das unbedingte Verlangen, sie auch in Die Dschungel einzustellen. Denn die Novelle, um die es geht, ist ja dennoch erhältlich, nur unterdessen in von → Elvira M. Gross und mir revidierter Form in die → Septime-Ausgabe meiner gesammelten Erzählungen aufgenommen; sie findet sich gegen Ende des zweiten Bandes, “Wölfinnen” Für den, → bei amazon, gibt es nicht eine Rezension. Doch da, zum Beispiel, gehörte sie hin, egal, ob fast zehn Jahre alt.
Nur, wie jetzt vorgehen? – — Erstmal versuchen, ihren Autor, Dietmar Hillebrand, zu kontaktieren. Was ich versuchte, doch gibt es ihrer viele, und keiner lebte in seinem → bei amazon angegebenen Wohnort Hemmingen. Na klar, er kann er in dem Jahrzehnt längst umgezogen sein; nicht jeder hat ein Wunderkammerzentrum wie die Arbeitswohnung ich.

Gut, ich entschloß mich, das kleine Urheberrechtsvergehen zu wagen. Vielleicht wird er ja aufmerksam und meldet sich. Es würde mich freuen, selbst wenn er der Veröffentlichung hier widerspricht. Dann nähme ich sie selbstverständlich aus Der Dschungel wieder raus. Doch, Freundin, lesen Sie den Text! Nicht oft ist jemand, der dann publizierte, so sehr in das, worum ich mich bemühe, eingedrungen. Ich kann nur danke sagen.

D o r t finden Sie den Text und selbstverständlich weiterhin → bei amazon direkt. Eigenständig, hier, würden Sie kaum auf ihn stoßen, weil ich ihn, ich mag auch da genau sein, unter seinem originalen Datum eingestellt habe, dem 2. April 2012. Allerdings habe ich ihn im Kritikenkommentar unter die → Erscheinungsannonce des Septimebandes verlinkt.

https://dschungel-anderswelt.de/20180402/ein-silberturm-ist-die-welt-die-novelle-als-phantasmagorie-von-dietmar-hillebrandt/

***

[19.32 Uhr
Philippe Hernant, Aus tiefer Not für gemischten Chor, Viola da Gamba und Orgelpositiv]

Mit der Verwirrung gut vorangekommen, bin ich nun auf Buchseite 218 von 342. Seit einigen Seiten “läuft” der Roman sehr viel besser als zu Anfang, signifikant besser sogar; all die schrecklichen Substantivierungen sind vermieden, sogar der Rhythmus stimmt über weite Strecken – was bedeutet, daß die Überarbeitung nun schneller gehen wird. Ist auch nötig, ich bin jetzt schon terminlich in Druck. Insofern bin ich über die imgrunde ja nicht verpaßte Oper jetzt ganz froh. Ich seh sie als Signal, vor dem 20. März fertigzusein – auf daß endlich das Lektorat losgehen könne.

In den Abend:

Ihr ANH

“Siebzehn Jahr, blondes Haar”. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 8


(ich habe überhaupt nicht mehr gewußt, in welchem Ausmaß
der Wolpertinger hier schon vorausgeplant war)
:

Buchfassung 1983:

(…)

Womöglich ist er zu einer Nutte gegangen, die fragte ihn, weil er nichts als sprechen wollte, weshalb es ihn ausgerechnet hierher verschlagen hätte.

Sie wird es auch sein, der er später von jener Nacht beichtet, und die ihm hilft, indem sie ihn zurückläßt in einem Hotel des deut­schen Mittelgebirges bei Kassel. Anna. Anna hieß sie. Obgleich sie ebenso B. hätte heißen können nach Statur und Bewegung, auch ihrer Wirkung wegen und aufgrund dieser Zärtlichkeit. Aber Anna ist unsicherer noch als B., trotz ihres vermeintlichen Berufs. Auch verspielter und ebenfalls jünger, ich denke: an die 23. Sowas. Vielleicht auch erst 17, wie das junge Mädchen im TAT-Café, welches ich sehr lange nach meiner endgültigen Ab­fahrt beschrieb. Doch eben Anna. Und vielleicht doch nicht Anna.

(…)

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)

Womöglich ist er zu einer Nutte gegangen, die ihn, weil er nichts anderes als sprechen wollte, fragte, weshalb es ihn dann ausgerechnet hierhin verschlagen habe(, erklärte Laupeyßer aber nur noch seiner inneren Agnes).

Sie, die Prostituierte, wird es auch sein, der er später von jener Nacht beichtet, und die ihm hilft, indem sie ihn in einem Hotel des deutschen Mittelgebirges unweit von Kassel für alle Zeiten zurückläßt. Anna. Anna hieß sie. Obgleich sie nach ihrer Statur ebenso hätte B. heißen können und wegen ihrer Art, sich zu bewegen und den Mann anzulocken. Doch wie ich sie mir heute vorstelle, wird sie unsicherer als B. wirken, trotz deren vermeintlichem Beruf, zugleich viel verspielter und in jedem Fall jünger; um die 23, werde ich anfangs annehmen. Welch ein Irrtum! Ich habe sogar an 17 ge-

dacht, wie das junge Mädchen im TAT-Café war, nahm ich an, das ich sehr lange nach meiner endgültigen Abfahrt beschreiben würde. Doch eben Anna. Und vielleicht doch nicht Anna.

 (…)

______________________________________________________
* LEKTORATSANMERKUNG: Melodielinie von Udo Jürgens: “Siebzehn Jahr, blondes Haar” (1965), das heute, siebenundvierzig Jahre später, gar nicht mehr “erlaubt” wäre, sondern als quasi Legitimation eines Übergriffs auf Mindjährige gälte.

Ein Nein ist ein Nein ODER Strenggenommen Vergewaltigung. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 7:

[Eine Stelle in der Fassung von 1983, die ich wegen der Voraussicht, die der junge ANH, der dieses Kürzel damals noch nicht führte, auf die heutigen Diskurse nicht nur hier hatte – aber hier ist es so deutlich, auch wenn ganz sicher er nicht allein solche Gedanken hatte – … die ich also für die neue Fassung nicht ändern werde oder allenfalls geringfügig, damit zum einen die Grammatik korrekt ist und zum anderen zwei einander zugehörende Motive zeitlich nachvollziehbarer vernäht werden.

Also:]

Buchfassung 1983:

(…)

Vergewaltigung, strenggenommen, dachte Laupeyßer im Café am 16. 8., und unmittelbar hierauf setzte der Geruch ein, was aber nichts bedeutet, weil er, was er dachte, auch am Tag zuvor hätte denken können, – wäre strenggenommen schon: zu küssen, wo der Kopf abgewandt wird. Aber der Kopf wird gerne strategisch abgewandt; ein Lockspiel, das vor allem B. mit Vorliebe betreibt. Es steigert die Spannung. Wo Männer Zärtlichkeiten. Freilich. – Aber wo sind die Grenzen? Wer sagt, jemanden zu nehmen wäre hier noch nicht und dort schon Gewalt? Und wer versichert mir, ob mein Gefühl, auf welches sich einzig in solchen Fragen rekurrieren läßt, nicht unverläßlich ist?

(…)

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)

Vergewaltigung, strenggenommen, dachte Laupeyßer im Café am 16. 8.,
und unmittelbar hierauf setzte der Geruch ein, was aber nichts bedeutet, weil er, was er dachte, auch am Tag zuvor hätte denken können, oder er war die Warnung, er werde wenig später selbst genau in diesen Konflikt geraten,
sei strenggenommen schon: zu küssen, wo der Kopf abgewandt wird. Aber der wird gern strategisch abgewandt; ein Lockspiel, das vor allem B. mit Vorliebe betreibt. Es steigert die Spannung. Wo Männer Zärtlichkeiten. Freilich. – Aber wo sind die Grenzen? Wer sagt, jemanden zu nehmen, sei hier noch n i c h t und dort s c h o n Gewalt? Und wer versichert mir, ob mein Instinkt, auf den es sich in solchen Fragen einzig rekurrieren läßt, nicht unverläßlich ist?

(…)

Verschwörung der Gesichter. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 6

 

Buchfassung 1983:

(…)

Mit welchem Satz Laupeyßer von Schulze empfangen worden war, am 16., abends, es war dunkel gewesen bereits und die Räumung der Wohnung vollzogen. Kaum hatte Laupeyßer ge­klingelt – was heißt, er klingelte sicherlich an die fünf Mal, wähnte sich schon umsonst hergekommen, graute sich vor der Rückkehr in seine Wohnung, deren Leere noch keinen Reiz be­saß, weil Laupeyßer, wie zugegeben, feststellte, daß er innerlich sehr gehangen hatte an den nun veräußerten Dingen –, hatte kaum geklingelt also, ich bleibe dabei, beim kaum, – hatte kaum geklingelt, da wurde die Eingangstür schon brüsk aufgerissen, wie jemand die Tür öffnet, der hinausstürzen will, weil er verfolgt wird. Stand Schulze im Eingang, süßlicher Biergeruch entwich ihm und schlug Laupeyßer an. Schulze schien keinen Moment verwirrt, Laupeyßer zu gewahren, erkannte ihn auch sofort wieder.»Die Zeitmine ist geplatzt«, sagte er hastig. »Kommen Sie bloß rein! Nun machen Sie schon, schnell!« Zerrte mich an der Schul­terwölbung des Jacketts mit sich in den Treppenflur, zog mich ein Stockwerk hinauf in seine Wohnung, knallte mit großer Heftigkeit die Tür ins Schloß. Dann wankte er mir voran durch den Flur in eines der Zimmer.
»Sie sind also gekommen«, sagte er mit beruhigterer Stimme. »Hören Sie, es ist schrecklich. Wir müssen ganz still sein, dürfen nicht auffallen. Ich weiß sonst nicht mehr, was … Ich garantiere für nichts.« Wobei er sich mißtrauisch umsah, hinter sich und sogar unter seinen Korbstuhl blickte.
»Aber was … Was ist denn geschehen?«
»Heute nacht, wie … Aber bloß still!« Er legte einen Finger auf die Lippen, lauschte. »Ich bin nicht mehr sicher hier. Sie sind sehr stark geworden plötzlich. Dabei … Dabei hatte ich ge­dacht, ich hätte sie nun fest, sie könnten mir nichts mehr …«
»Aber was denn, Schulze?!«
»Die Gesichter, Herr Falbin, die Gesichter! Sie sind … Es stimmt nicht mehr … Das heißt, jetzt stimmt es schon wieder, aber … aber heute morgen …« Den Rest des Satzes verschluckte oder murmelte er; schluckte wirklich einmal, zwei­mal.
»Was stimmte nicht mehr? Also erzählen müssen Sie’s mir schon, sonst kann ich ja gleich wieder gehn.«
»O Verzeihung, wirklich. Verzeihen Sie mir … – Sie mögen etwas trinken? Einen Kaffee? Ich habe so selten Gäste. Ich bin darin nicht mehr geübt …«
Ich hatte bei Agnes schon die ganze Zeit Kaffee getrunken, war aufgekratzt, auch fiebrig, aber ich nickte trotzdem. Schulze stand auf, fuhrwerkte in der Küche herum, was ich freilich nicht sehen konnte, nur hörte: ein polternder dicklicher Mensch, den der Alkohol vermutlich bereits in der Motorik behinderte. Wäh­rend seiner Abwesenheit blieb mir Zeit, mich genau umzusehen, bemerkte erstmalig die Ziffern, Zahlen, Kritzeleien, die überall in welligen Linien quer über die Wände gingen. Es roch sehr wider­wärtig. Kaum war ich in die Wohnung gezerrt worden, war es mich käsig und fleischig angeplatzt, wie Verwesendes röche in einem sehr engen Raum. Dabei, höchst eigenartig!: Nirgendwo Staub, kein Spinnengewebe unter der Decke, das Zimmer gesaugt, nicht ein einziger Flusen darauf. Eine pedantische, fast verbissene Hygiene obwaltete.
»Was stimmt denn nun nicht mehr? Sagen Sie schon«, fragte ich, als Schulze zurückgekommen war, der wie ein Störfaktor wirkte, wie ein Fremdkörper, ein Schmutzpartikel inmitten des Scheuerpulverzimmers, das obendrein noch mit weißen Küchenmöbeln und ebenfalls weißen Korbstühlen eingerichtet worden war und gewissermaßen ausgeblichen wirkte. Ich assoziierte sofort alte Knochen, die über Jahre dem Sonnen­schein ausgesetzt sind. »Was stimmt nicht mehr?«
»Es ist schrecklich«, antwortete Schulze, schwieg darauf, biß sich in die Unterlippe, nagte daran, als sammelte er sich, schenkte, aufgeschreckt, den Kaffee in die Tassen, langte nach einer Bierflasche, die mit anderen in einem der geweißten Schleiflackschränke lag: Wie zu hundertfach schienen die Flaschen aufgestapelt darin. »Sie auch’n Bier?« fragte Schulze.
»Nein. Danke … Das heißt, doch, bitte, danke.«
»Es ist schrecklich«, wiederholte Schulze, »Weil nämlich, wie ich heut … heut früh … heute morgen, als ich aufgewacht … Ir­gendwie mußte es aber schon Mittag sein, weil: die Sonne stand hoch, auch … Ich merkte sofort, daß irgendwas sich verändert hatte. Das können Sie mir glauben. Und dann … Ja, die Gesich­ter, hier, sehen Sie? Die Gesichter, die … Und dann wußte ich so­fort, was es war. Sie können sich meinen Schrecken nicht …«
»Was denn?«
»Sie hatten sich bewegt, Herr Falbin, bewegt, hatten ihre Posi­tion verändert, alles durcheinandergebracht, alle Ziffern, al­les …«
»Wie?!«
»Sie hingen plötzlich falsch, Herr Falbin. Sie mußten, während ich schlief, von den Wänden geklettert sein. Wahrscheinlich haben sie getanzt. Und vermutlich müssen sie, ja müssen sie sogar … über meine Bettdecke … Müssen ja drübergekrabbelt sein! Und alles weg, die ganze Ordnung zunichte, alle Auf­zeichnungen vergeblich, an denen ich mich immer orientiert habe. Wissen Sie doch noch? Was ich erzählte? – Nun, das merkte ich doch. Ich kenne meine Ordnung, können Sie mir abnehmen, wirklich. – Ich also hoch, hab mich angezogen, war auch … verwirrt. Ist schließlich verständlich, oder? Dann hab ich gesehen, daß nichts zu essen mehr da war und bin einkaufen. Und stellen Sie sich vor … als ich zurückkam, da …«
»… hing alles wieder richtig«, konstatierte ich.
»Ja!« Schulze sah mich sinnierend an. »Woher wissen Sie das?«
»Dachte ich mir. Ist doch nicht schwer zu erraten, finden Sie nicht?« Ich fand die Situation kurios.
Schulze sah sich zaghaft um, flüsterte: »Sie verspotten mich, Herr Falbin. Warum verspotten Sie mich?«
»Aber dann ist doch alles wieder in bester Ordnung«, wich ich aus. »Was beunruhigt Sie denn jetzt noch?«
»Das fragen Sie?! Ja, mein Gott, verstehen Sie denn nicht?! Die Gesichter, die … die haben sich außerhalb meines Einflußbe­reichs begeben, die … die sind selbständig geworden, Herr Falbin! Selbständig! Wer weiß, was die noch alles tun werden …!«
»Aber Herr Schulze, das ist doch dumm! Was sollten denn …? – Und Sie haben alles überprüft? Alles wie vorher, nicht mehr die geringste Veränderung?«
Schulze schüttelte den fetten Kopf, strich sich über das vollgraue schmierige Haar.
»Dann haben Sie wahrscheinlich nur geträumt, haben sich ge­täuscht. Mehr nicht.«
»Ja«, sagte Schulze leise. »Das … das habe ich auch erst geglaubt, als ich vom Einkaufen zurückgekommen bin. Aber … aber dann …« Er legte den Zeigefinger erneut an die Lippen, machte »Psst!«, streckte mir die Handfläche der Linken entge­gen. »Seien Sie mal still für einen Augenblick, mal ganz still …« Wir schwiegen, ich lauschte. Von der Küche her sang das be­ständige Surren eines Kühlschranks, es klang wie Schnurren, als schnurrte die Maschine.
»Hören Sie nichts?« fragte Schulze, beließ den Zeigefinger vor den Lippen dabei. »Sie sprechen miteinander. Es ist schrecklich. Seit heute morgen, seit ich wiedergekommen bin, sprechen sie miteinander, plappern durcheinander, lauter haarfeine Stimmen. Gehässige Stimmen. Machen sich lustig. Hecken etwas aus. Sie haben miteinander zu kommunizieren begonnen, haben Kon­takt hergestellt. Ich weiß nicht, was ich tun soll dagegen. Ich bin so hilflos, Herr Falbin. Vielleicht wollen sie ausbrechen. Wenn sie sich jetzt schon bewegen können, dann wäre es doch mög­lich, daß sie ausbrächen? Nachts. Oder wenn ich mal die Tür nicht richtig geschlossen habe. Sie handeln im Moment ihren Fluchtplan aus. Sie wollen mich allein lassen. Ich weiß nicht.« Er führte die Bierflasche zum Mund, sein Kehlkopf zuckte beim Schlucken. »Und dann … dann bliebe ich doch wieder allein, wieder … und … und hätte gar keinen Kontakt mehr, gar keinen Kon…«
»… wenn ich Ihnen helfen kann?« sagte ich hilflos und ebenso leise.
»Ach Herr Falbin, das ist doch ein Witz«, antwortete Schulze.

(…)

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)
Kaum hatte Laupeyßer, allerdings insistierend langgezogen, geklingelt, ward auch schon die Tür aufgerissen, die Wohnungstüre, denn unten die des ganzen Hauses hatte, innen den Sturmhaken in die Stahlöse der Gegenplatte eingehängt, offengestanden; vielleicht, daß jemand schnell was wegbringen war und keine Lust auf gleich den Schlüssel hatte. Jedenfalls öffnete André Schulze derart brüsk, daß er mehr wie jemand wirkte, der panisch herausstürzt und nicht nur schauen will, was jemand von ihm will. Zumal er schlimm nach Bier roch. Dennoch schien er keinen Moment lang erstaunt zu sein, Laupeyßer zu sehen, faßte ihn statt dessen am Jackettärmel und zog ihn herein, wozu er ohne Punkt und Komma ausrief: »Die Zeitmine ist hochgegangen! kommen Sie bloß rein! Nun machen Sie schon schnell!« Hinter sich und dem unversehenen Gast knallte die Tür heftig in das Schloß zurück; Schulze schien ihr rückwärts einen Tritt versetzt zu haben.
Er drückte sich an mir vorbei und
wankte durch den Flur ins Wohnzimmer voran. Drin erst beruhigte er sich, sackte in seinen Korbstuhl, neben dem auf dem Boden eine geöffnete Bierflasche stand. Nach der er sofort griff, um sie an den Mund zu setzen.
Er nahm er einen langen, langen
glucksenden Schluck, wischte sich mit dem Unterarm über den Mund und sagte: »Sie sind also gekommen.« Dann sah er sich wie mißtrauisch um, hinter sich sogar, ja lugte unter seinen Sitz. Was durchaus Komik hatte, Laypeyßer auch so wahrnahm, aber nicht wirklich spürte. Statt dessen stieg ein ungefähres Schrecklich in ihm auf, nicht maßlos, nein, doch pochend unbehaglich. Schulze sprach genau das auch wieder aus: »Es ist schrecklich. – Hören Sie! Wir müssen ganz still sein, dürfen nicht auffallen. Sonst weiß ich nicht mehr, was … Ich garantiere für nichts.«
»Was ist denn geschehen?«
»Heute nacht, da … – Still, bloß still!« Er legte einen Finger auf die Lippen, lauschte. »Wir sind hier nicht mehr sicher. Sie haben plötzlich solch ein Leben bekommen! Dabei dachte ich doch, ich hätte sie so festgesetzt, gebannt, daß sie niemandem mehr etwas antun können, sondern für mich da sind.« »Wer hat Leben bekommen?!«
»Die Gesichter, Herr Falbin, die Gesichter doch! Sie sind … Es stimmt nicht mehr, sie stimmen nicht mehr! Das heißt, jetzt ja wieder, aber … aber heute morgen …« Den Rest des Satzes vermurmelte er und schluckte einmal, zweimal.
»Was stimmte nicht an ihnen? Erzählen müssen Sie’s nun schon.«
»O Verzeihung, wirklich. Verzeihen Sie mir … – Sie mögen etwas trinken? Einen Kaffee? Ich habe so selten Gäste. Ich bin in Gästen nicht mehr geübt …«
Ich hatte schon bei Agnes die ganze Zeit Kaffee getrunken, war aufgekratzt, auch fiebrig, nickte aber trotzdem. Schulze stand auf und fuhrwerkte poltrig in der, konnte ich annehmen, Küche herum. So war mir Zeit, mich umzusehen, und entdeckte erstmals all die in welligen Linien auf die Wände geschriebenen Ziffern, Zahlen, Kritzeleien. Der Zusammenhang ist mir unklar, aber sie hoben mir diese widerwärtige Mischung aus Kareishus und Domestos ins Bewußtsein; der Geruch hatte etwas von, unter gelöschtem Kalk, Verwesung. Als hätte ihn Schulze verzweifelt wegzuputzen versucht, doch vergeblich. Dieses Käsige war nicht wegzubekommen. Doch zugleich, das hatte etwas Erschütterndes, war nirgendwo auch nur Staub zu erkennen, geschweige Staubmäuse, weder unter der Zimmerdecke Altweibersommerfäden von Spinnen noch sonstiges Insenktengewirk an den Wänden. Wie auch? Sondern alles war von pedantischer, fast verbissener Hygiene beherrscht.»Was denn stimmte nun nicht mehr? Sagen Sie schon!« hakte ich nach, als Schulze zurückgekommen war und vor allem angesichts des deplazierten ausgeblichen-weißen Küchenschrankes wie eine Kloake wirkte, die Mensch geworden ist. Vor ausgeblichenem Knochenfurnier. »… was war es, das nicht mehr stimmte?«
»Es ist schrecklich.« Er benagte seine Unterlippe, biß sogar sichtlich hinein, aber um sich zu sammeln wohl. Dann, sich aufgeschreckt erinnernd, schenkte er vom Kaffee in die Tassen ein und langte aber nach einer nächsten Bierflasche, die mit vielen anderen in dem Küchenschrank lag, alle aufeinandergestapelt. »Sie auch eins?«
»Nein danke … Das heißt, doch, bitte … – Danke.«
»Es ist schrecklich«, fing er nun endlich zu berichten an. »Weil nämlich, wie ich heute früh aufwache … aber es muß da schon Mittag gewesen sein, die Sonne stand so hoch. Ich war mir aber nicht sicher, merkte eben nur, daß irgendwas nicht stimmt. Etwas war anders. Und dann …« Schwer holte er Luft. Und setzte ächzend fort: „Die Gesichter, hier, sehen Sie? Die Gesichter, die hatten sich – Sie können sich meinen Schrecken nicht vorstellen.«
»Was hatten sie?«
»Bewegt! Fortbewegt, Herr Falbin, hatten sie sich, einfach die Plätze getauscht und alles durcheinandergebracht, mein ganzes Ordnungssystem! Das war jetzt nur noch umsonst.«
»Wie? Ich verstehe nicht ganz.«
»Sie hingen falsch, Herr Falbin, falsch! Als ich geschlafen hatte, mußten sie von den Wänden geklettert sein, zum Beispiel, und haben vielleicht nicht mehr gewußt, wo sie hingehörten. Ich kann mir vorstellen, sie haben vorher getanzt, die ganze Nacht vermutlich durch, bis zur Erschöpfung. Da warn sie wahrscheinlich benommen. Wenn ich mir dann noch vorstelle, wie sie sogar über mein Bett getappt sein könnten oder über mein eines Bein, das ich oft draußen über der Decke lasse, weil mir immer so schnell so warm wird, – wenn ich mir das vorstelle … Aber das darf ich eben nicht, mir sowas vorstellen. Es war so schon schlimm genug, die ganze Ordnung zunichte, alle Aufzeichnungen umsonst, wo ich mich orientieren konnte, wissen Sie ja, hab ich doch bestimmt erzählt. Ich brauche meine Ordnung, können Sie mir abnehmen, wirklich. – Ich also hoch, hab mich angezogen, war derart verwirrt. Ist das nicht verständlich? Weil ich doch gesehen habe, daß zu essen nichts mehr da war, und bin also erst mal zum Einkaufen weg. Aber stellen Sie sich vor, als ich zurückkam, da …«
»… hing alles wieder richtig.«
»Ja! – Woher wissen Sie das?«
»Ist nicht schwer zu erraten, finden Sie nicht?«
Kuriose Situation.
Schulze sah sich zaghaft wieder um, doch flüsterte dabei: »Sie verspotten mich, Herr Falbin. Warum verspotten Sie mich?«
»Ach was! Und sehen Sie, ist doch in allerbester Ordnung nun wieder. Was beunruhigt Sie denn jetzt noch?«
»Das fragen Sie?! Ja, mein Gott, verstehn Sie denn nicht?! Daß sich die Gesichter von den Wänden lösen konnten, heißt doch, sie sind selbständig geworden, selbständig, Herr Falbin! Woher soll ich wissen, was sie als nächstes unternehmen werden?!«
»Sie haben alles überprüft? Alles wie vorher, nicht die geringste Veränderung mehr?«
Er schüttelte den schweren Kopf, strich sich über sein vollgraues wie mit Pomade festgeklebtes Haar. Es war aber Talg.
»Dann haben Sie wahrscheinlich nur geträumt, haben sich ge­täuscht. Mehr nicht.
»Das habe ich auch erst geglaubt, als ich zurück vom Einkaufen war. Aber … aber dann …« Noch einmal legte er den Zeigefinger an die Lippen, machte »Psst!«, streckte mir die Handfläche der Linken entge­gen. »Seien Sie mal still für einen Augenblick, sein Sie mal ganz, ganz still …«
Wir schwiegen, ich lauschte.
Aus der Küche her sang das be­ständige Surren des Kühlschranks herüber. Es klang wie helles Schnurren. Die Maschine hätte nur noch Miau machen müssen.
»Hören Sie denn nichts?« Schulze ließ den Finger an den Lippen dabei. »Sie sprechen miteinander“, flüsterte er. „Es ist schrecklich. Seit heute morgen, seit ich wiedergekommen bin, sprechen sie sich ab, ein andauernd plapperndes, haarfeines Stimmengeschwirr, das ich so durcheinander natürlich nicht verstehen kann, wohl aber, wie gehässig es ist. Sie machen sich über mich lustig, hecken werweißwas aus. Sie haben Kontakt hergestellt. Obwohl es doch gar keinen gibt, keinen geben kann! Was soll ich dagegen denn tun? Ich bin, Herr Falbin, derart hilflos! Sie brechen vielleicht sogar aus! Wenn sie sich jetzt schon bewegen können, dann wäre das doch mög­lich … Nachts. Oder wenn ich mal die Wohnungstür nicht ordentlich zugemacht habe. Davon bin ich nämlich schon fast überzeugt, daß sie grad an ihrem Fluchtplan tüfteln. Direkt vor meinen Ohren, was für ein Hohn!« Er führte die Bierflasche zum Mund, spülte den Schmerz mit hinunter. Wenigstens ein bißchen. Sein Kehlkopf zuckte beim Schlucken. »Und dann … dann werde ich wieder allein sein. Und hätte wirklich keinen Kontakt mehr, zu niemandem, zu niemandem…«
Bevor er auch noch anfinge zu weinen, legte ich alle Wärme, über die ich noch verfügte, in meine Stimme: »Aber ich bin doch da.« Und merkte selber, wie hilflos es klang.
»Ach Herr Falbin«, sagte er, sah mich indessen nicht an, »Sie sind doch nur ein Witz.«
Bis jetzt weiß ich nicht, warum ich da nicht ging.

(…)

Mahesh & Tussaud’s. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 5

 

Buchfassung 1983:

Fast kommt er sich wie einer dieser Krishnajünger vor,

die hier ja auch noch ihr Fett abkriegen müssen mit ihren wal­lenden Jesusbärten und dem schalen Geäug nach irgendwo Jen­seits. Oder die no-future-Typen.

Im Café findet er manchmal noch Ruhe, von den Nachbarsge­sprächen abgesehen. Natürlich, all die Geschwätzigkeit, mit der sie mich einlullen wollen. Aber Laupeyßer hat sich mittlerweile im Weghören geübt. Notgedrungen, sonst platzte mir noch der Kopf. Und auf keinen Fall die Augen schließen: Dann nämlich höre ich’s erst richtig. Nein. Am besten versetze ich mich in die Krümmung des weißlackierten Heizungsrohres neben dem Gußeisengitter links. Oder in die geweißte Oberfläche der Kakao-Kanne, die man ebensogut als Kaffeekanne bezeichnen könnte, weil dieselben Gefäße zur Aufnahme verschiedener Ge­tränke dienen. Kaffao. So ungefähr. – Wie eigenartig war es doch, daß er bei Tag noch ausgehen konnte. Auch mit welcher Arglosigkeit er die Bedienung wahrzunehmen gelernt hatte, als ginge sie ihn nichts an, als atmeten sie nicht einmal dieselbe Luft, und als gehörte sie nicht längst schon hinein, in seine Näherun­gen. Freilich, die Frage nach der Narbe bliebe eben deswegen dringlich. Zur Versicherung der Realität oder was so … na ja, bekannt: Pappkarton. Zumal er sich sicher war. Und doch. Wo Männer Zärtlichkeiten. Ach ja. Ja. Der Hinterkopf. Mein Hinterkopf, der sich vorgestülpt hat, der am Vorstülpen ist. Den Hinterkopf zum Auge machen, zu einem einzigen, weit geöff­neten Auge. Dreiäugigkeit. Und das Hören. Lauschen. Das Füllfederhalterkrabbeln auf dem Marmortischchen. Papierge­kritz. – Saß Laupeyßer also dort vor dem Gußeisengitter der Fenster klotzig wie ein Pappkarton. Und das Jucken am Kinn. Am Vormittag habe ich mir ein Papageienjackett gekauft. Und Socken; grellgelbe und giftgrüne Frotteesocken. Schals wollte ich aber nicht, weil es dazu nun wirklich zu heiß ist. Man muß nicht gleich alles übertreiben. Habe wirklich das Gefühl, zu zer­fließen. Ich bin offenbar ein Madame-Toussaud-Mensch. Und mit jedem der Schweißtropfen, derer mir bereits zahllose im Hemd backen und es dunkel färben, löst sich ein Geruchsparti­kel, platzt im Rollen, verströmt sich zu dicklichem Belag wie Luftfilz, hockt mittlerweile allem auf, was ich berühre und darauf in Nasennähe bringe.

Unten warfen sie Laupeyßer schwungvoll auf den Wellblech­boden des hinten geöffneten Lieferwagens, der war grün wie Laupeyßers neu erstandene Socken. Die Friseurin, jene fette Frau mit dem sprödweiß auftoupierten Haar, beinahe sah sie aus wie Frau Schneider, die sie war, schaute mit in die Blaukittel­taschen gestopften Feistfäustchen interessiert zu. Dieser leben­digen Schwammigkeit einmal untern braungestreiften Rock und dann schnuppern in einer Aufwärtsbewegung des Kopfes neben den Titanenschenkeln! Um des Ekels sich zu vergewissern und daß man noch etwas merkt. Seiner leibhaftig werden, er werden, Ekel sein. Der bröselig scharfe Uringeruch an dieser sauren Sphäre, Schlupfort des Widerlichen an sich. Agnes schmeckte anders,

denke ich mir, schmeckte wie B., an der ebendort sich festzusau­gen voll cremiger Lust ist oder – mit ihrem saloppen Begriff – Spaß. – Doch davon weiß Laupeyßer nichts, noch nichts, wird er niemals was wissen, ist für Falbin vorgesehen, wenn Agnes das noch hätte hören können! Vorgesehen von Laupeyßer für Falbin. Nein, für mich! – Die Befreiung also, die über eine selbstgewählte Paranoia läuft? Absurd? Zugegeben. Gebe ich natürlich nicht zu. Interessiert mich nicht. Interessiert ihn schon gar nicht,

(…)

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)

Maharishi Mahesh Yogi. Fast wie einer der Krishnajünger selbst kommt sich Laupyßer vor,

die hier auch ihr Fett noch abkriegen müssen, schon ihrer wallenden Jesusbärte halber und des schalen Geäugs in Richtung auf ein Diesseits als Jenseits, umgestülpte no-future-Typen,

die, diese nicht, noch jene, ins Wallcafé nicht gehen, so daß er, Laupeyßer, hier manchmal noch zur Ruhe kommt. Nerven tut ihn nur die, aufsteigend von den Nachbartischen, schwirrig den Raum durchflatternden Plapperge­spräche. Wenn er sie, wie er früher getan, als ungefähres Hintergrundrauschen nimmt, wird ihm sofort klar, daß eben das ihn einlullen soll. Genau der Zustand, den er ablehnen muß. Deshalb versucht er, sich in einem Weghören zu üben, das sich auf die Störung konzentriert. Auf keinen Fall jedoch die Augen dazu schließen. Sonst platzt mir noch der Kopf. Statt dessen versetz ich mich am besten in die Krümmung des weißlackierten Heizungsrohres neben dem Gußeisengitter. Die ebenfalls geweißte Oberfläche des Kakaokännchens, das sich auch Kaffeekännchen nennen läßt, weil es der Aufnahme beider Getränkarten dient, eignet sich genauso. Kaffaokännchen.

Wobei schon auffällig ist, daß er überhaupt bei Tag noch ausgehen kann. Auch mit welcher Arglosigkeit er die Bedienung wahrzunehmen gelernt hat, ist Erwähnung wert. Sie scheint ihn nichts mehr anzugehen, ja kaum die gleiche Luft zu atmen, kurz, gar nicht mehr ein Teil seinee Näherungen zun sein. Dennoch bleibt die Frage nach der Narbe dringlich, vielleicht umso mehr. Zur Versicherung der Realität oder was so … – Pappkarton.

Er ist sich aber sicher. Und doch. Wo Männer Zärtlichkeiten.

Liegt immer noch da, die Zeitung. Ach ja, jaja, mein vorgestülpter Hinterkopf. Der ist mir wie Gesicht geworden. Jetzt ihn noch ganz Auge machen, आज्ञाचक्र[1]ARBEITS/LEKTORATSNOTAT: Ajna Chakra, Drittes Auge.. Dreiäugig werden, da ich schon ganz Ohr bin. Das Krabbeln der Feder des Füllfederhalters auf dem Papier meines ringgebundnen Notizbuchs. Sogar sein leises Wischen auf dem runden Marmor meines Cafétischs wird laut, eine flache Böenvariante, wenn ich’s ein wenig verschiebe, um bequem wie vorher weiterzuschreiben. So klotzig ist Laupeyßer vor dem Gußeisengitter des Fensters über die Seiten gebeugt. Ein Pappkarton schon selbst. Ich darf nicht dauernd mein Kinn kratzen, hab untern Fingernägeln schon von den Stipschen Bluts die Trauer. Doch gegen die habe ich mir vormittags ein Papageienjackett gekauft. Und Socken; grellgelbe und giftgrüne Frotteesocken. Schals wie Falbin wollt’ ich aber nicht, weil’s für sowas nun wirklich viel zu heiß ist. Man muß nicht alles übertreiben. Ich zerfließe ja schon jetzt. Bin ich ein Mensch Madame Tussauds? Mit jedem Schweißtropfen, derer mir bereits zahllose im Oberhemd backen, wovon es dunkle Flecken kriegt, löst sich eine Zelle, die im Hinabrollen platzt und den Geruch verströmen läßt, einen massiven Filz aus Luft, der mittlerweile als Belag auf allem klebt, was ich berühre und drauf in Nasennähe bringe.

(…)

References

References
1 ARBEITS/LEKTORATSNOTAT: Ajna Chakra, Drittes Auge.

Fast ein Mißbrauch, in jedem Fall Mißbrauchsaffekt. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Beispiel 4,

 

[diesmal kein Textvergleich, sondern wegen der, glaube ich, Intensität der Szene n u r die Neufassung und also ohne den Vergleichstext
im 1983 erschienenen Buch:]

 

(…)

Was ihn aber nicht hinderte, sich neben den Pflanzen erneut auf dem Boden auszustrecken, die Decke über sich zu ziehen und willentlich sich Agnes’ Nähe zu erträumen,

obwohl er die Freundin seit dem Abend des 16. nicht mehr besuchte; vielleicht auch eben deshalb. Er hatte sich ihr da auf unangemessene Weise genähert, sie sich aber erst ihm, so dass er, fast ohne es zu wollen, übergriffig wurde. Jedenfalls kann man es so sehen. Er selbst sah’s später so. Sie hatten auch kaum gesprochen, jedenfalls er war auffallend schweigsam gewesen, indessen ihre Plauderlaune, ein fröhlicher Strom innengerichteter Oberflächlichkeit, erst allmählich in ein allerdings bächleinsprudelndes, doch schließlich versickerndes Murmeln überging. Geschwiegen dann plötzlich, wobei sie ihn ununterbrochen ansah, weil sie vielleicht zum ersten Mal etwas begriff. Er selbst sah sich, weiterschweigend, in den Schoß, die Hände je auf den Oberschenkeln, zwischen ihnen jeweils die hängenden Finger. Da legte sie ihre Hände dazu. Er reagierte erst nicht, schien es gar nicht zu bemerken. Ulf“, sagte sie. So dass ihm die Tränen kamen. Das aber auch ohne Willen. Und sie zog ihn an sich, nur um zu trösten, umarmte ihn,Ulf, ach Ulf“, legte die rechte Hand seinem Hinterkopf auf, wie wenn sie ihn umwölbte, streichelte mit der linken in den Nacken hinab, streichelte wieder hinauf, wußte doch nicht, wie tot er war, der langsam erwachte, doch unklar nur noch Empfindung, nicht mal Gefühl war und nichts begehrte als Verschmelzung. Seine Hände hoben sich selbst an, die Arme legten sich um die andere Taille – schmal, so schmal! –, und um den anderen Rücken, den die Finger zu streicheln begannen, bevor ihrer fünf in Höhe der Nieren unter den hochgerutschten Pullunder strichen und die ganze jetzt geflachte Hand sich mit dem Samt der anderen Haut verband, der vor Wärme nahen. Es spitzten sich seine Lippen. Kamen, als würden sie schnuppern, wie witternd an den anderen Mund und legten sich, gleichsam auslaufend, auf ihn. Der sich da auftat. So sog er Speichel. Und weinte doch weiter, er aber nicht, sondern es. Fuhr ihr tränend über Gesicht, Haar und Hals. Als der Kleine, vom Vater schon lange heimgebracht und im Schlafanzug längst, in das Wohnzimmer hüpfte. Mama, schau was Michi ’ebaut ’at!Er hielt ein Legoauto hoch.
    Sofort stieß Agnes nicht, aber drückte doch stark Laupeyßer von sich. „Wieso schläfst du, Süßer, noch nicht?“ Schon stand sie aufrecht, hatte den Buben vom Teppich gehoben und ihn sich auf Unterarm und Ellbogen gesetzt, eins seiner Ärmchen um ihren Hals, am Ende des andern das festgehaltene Auto. „Komm, mein Schatz, wir gehen jetzt mal wieder ins Bett.“
   Laupeyßer stumpf. So war es aber immer. Für den Kleinen war es schwierig, wenn die Mama nicht auf ihn konzentriert war. Immer wieder dann heischte er Aufmerksamkeit, machte Geräusche, hopste herum, zog am Kleiderärmel.
   “Du, verzeih, ich mach das mal eben. Kann ein bißchen dauern.“
  Weg war sie. Er hörte sie im Kinderzimmer ein leises Gutenachtlied singen. Hätte einfach gehen sollen. Aber er dachte, in ihr zu gesunden. Und auch das nicht er, sondern es. Denn er, wär er nicht wie weggetreten gewesen, hätte klar erkannt, daß es vorbei war, vorbei auch sein mußte, für heute abend jedenfalls. Selbst wenn der Bub jetzt einschlief. Er könnte jederzeit erneut wachwerden. Das hatte eine Mutter wie Agnes, die Mütterlichkeitsmutter, unausgesetzt im Instinkt. Dazu kam mit Recht eine gewisse andere Vorsicht. Für den Kleinen gehörten Papa und Mama noch immer zusammen, sein Wille, sich das Elterneinheitsintrojekt[1]Elterneinheitsintrojekt ist ein aus “Einheitsideal” und “Elternintrojekt” gebildeter Neologismus; bs nach dem Lektorat muß überprüft sein, ob es noch einen anderen, bereits existierenden … Continue reading zu bewahren, war fantasiebegabt genug, um die Trennung der Eltern geradezu ignorieren zu können. Das machte neue Verbindungen heikel. Nicht Freundschaften, nein, aber Innigkeiten mit Fremden. Agnes vermied deshalb Männer in des Buben Daheim; wenn sie sich mit anderen als denen traf, die ihm vertraut waren, dann auswärts. Ihrem Kind einen neuen Mann zugemutet hätte sie erst, wäre sie sicher gewesen, daß die neue Beziehung unverbrüchlich dauerhaft würde. Genau das aber verhinderte es, weil sich die neuen Partner auf eine Distanz gehalten fühlten, die reizvoll vielleicht sexuell war, eine tiefere Bindung aber unterlief. Nun war Agnes nicht nur erschrocken, als der Kleine so plötzlich im Zimmer stand und zum Zeugen ihres – wie er es, ohne das Wort dafür zu haben, aufnehmen mußte – Fremdgehens wurde, sondern sogar schockiert, daß sie selbst es in ihrer beider Zuhause zugelassen hatte, auch wenn es erotisch gar nicht von ihr gemeint war. Wobei sie sich da nicht mehr sicher war. In jedem Fall war eine Fortsetzung jetzt ausgeschlossen, egal, ob Michael schlief.
In anderem Gemüts-, also Gemüthszustand wäre Laupeyßer
all dessen gewärtig gewesen und deshalb, wenn sich seine Erregung anders hätte nicht mildern lassen, tatsächlich gegangen – grußlos, um nicht zu stören, da, den kleinen Jungen zum Schlafen zu bringen, offenbar so langwierig war, und sozusagen auf Zehenspitzen. So aber, noch immer sang’s aus dem Kinderzimmer, indem er den Berührungen nachsann und wie nicht nur im Wortsinn notwendig, sondern selbstverständlich und einander eben wollend die Körper sich ineinanderzufügen begonnen hatten, um wirklich eine Einheit zu werden, wir hätten uns nur noch ausziehen müssen, um endlich, endlich gemeinsam aufwallend ichlos zu werden und ekstatisch am Ende ineinanderzufallen, worauf nichts mehr als der Schlaf folgen kann, tiefer, tiefer Schlaf so aber blieb er sitzen, hing aufsteigenden Erinnerungen nach, was sentimental gewesen wäre, wäre er klar denn gewesen, und umschloß, um die warme Härte zu erhalten, mit der linken Hand, ohne indes sie bewegend, seinen in der Hose gegen den geschlossenen Reißverschluß pochenden Phallus.
   Er erinnerte sich ihrer beider ersten Zeit. Als er noch in hätte er, wenn nicht so trübe, gedacht verlogener Selbstverständlichkeit gearbeitet hatte. Schon da hatte Agnes sich nicht einlassen mögen oder tat es immer nur halb. Auch da schon ihres Kindes wegen. Er hatte anfangs immer nur herkommen dürfen, wenn der Junge mit seinem Papa war, immerhin einmal die Woche, sonnabendsonntags einmal im Monat. Natürlich hatte Laupeyßer das zu nutzen versucht, aber Agnes sich stets sanft entzogen; sie zu verführen, war ihm unmöglich. Doch sie sprachen intensiv, vom ersten Augenblick an. Sie nannte ihn ihren Wahlverwandten. Wiewohl kaum älter, hatte er den Eindruck, eine Art Vater für sie zu sein; den ihren kannte sie kaum. Um den Begriff gebräuchlich zu nehmen (was aber falsch ist), ‚platonisierte‘ sie ihre Beziehung zu ihm. Was ihm selber nur mühsam gelang, eigentlich gar nicht. Um nicht zu verdrängen, berührte er sie bisweilen wie versehentlich an der Schulter, nahm ihre Hand, legte eine eigne auf ihren Schenkel oder streifte ihr zart eine Strähne aus der Stirn. Sie tat dann, als ob sie nichts merke. Bis er’s endlich unterließ.
   Bis soeben. Doch war nicht die unversehene Nähe von ihr ausgegangen? Er hatte stumm nur gesessen und sich in den Schoß gestarrt. Dann saß sie plötzlich wieder da, er hatte ihr Zurückkommen gar nicht bemerkt. Und sie saß nicht nur nah, nein, legte auch die Hand wieder auf. „Verzeihung, ich wollte nicht …“ Was gab es denn zu verzeihen? Spontan sah er auf, zog die Frau schon an sich, suchte ihren Mund und fuhr ihr erneut mit der Rechten unter den Pullunder, jetzt aber vorne. Und zog ihre Hand mit der Linken auf wo sie bis eben nicht hatte gelegen, sondern sein letztes Lebenszentrum umschlossen. Da nun stieß Agnes ihn weg, drückte nicht nur. Aber ohne ein Wort.
   In seinen Schoß konnte er jetzt nicht mehr blicken.
  „Bitte verzeih“, sagte er.
   Sie blieb stumm.
   „Verzeih doch bitte“, flüsterte er.
   Es war nichts zu verzeihen, es war sich bloß, sie wußten es beide, zu trennen. So sehr war etwas zerbrochen. Man hätte flennen können. Doch ihr nur liefen zwei Tränen, er seinerseits trocknete aus. Obwohl er nicht hinsah, sah er ihre Halsschlagader unter der Seidenblumenhaut pulsieren, so daß er sich, innerlich zurückschreckend, doch tatsächlich immer noch erstarrt und um nicht überdies zu vereisen, mit beiden Händen über die Augen fuhr, mehrmals, und schließlich sein hinterköpfiges Antlitz in ihnen vergrub. Und weinte also doch, indessen Salzkristalle oder Sand, ein unsichtbares Granulat, das schmerzte, als es sich durch die Tränenkanäle hindurchrieb.
   Endlich stand er auf, nahm den Mantel und ging, doch ohne den Vorschein von Würde, den selbst Großvater Branske bis an sein Ende bewahrte. Und hatte nicht einmal von dieser Nacht gesprochen, die ihn derart benommen gemacht. Wie gerne hätte er davon erzählt. Nun wird er nie wieder erzählen.

(…)

Beispiel 5
Beispiel 3

References

References
1 Elterneinheitsintrojekt ist ein aus “Einheitsideal” und “Elternintrojekt” gebildeter Neologismus; bs nach dem Lektorat muß überprüft sein, ob es noch einen anderen, bereits existierenden Begriff gibt, der den Sachverhalt beschreibt. Ich hab die Recherche schon angestoßen.
ANH

Verrasend zähe Zeit. Das Arbeitsjournal des Donnerstags, den 27. Januar 2022. Befeuert von Frank Martins Sturm vom Nachmittag bis in den frühen Abend geschrieben.

[Arbeitswohnung, 16.07 Uhr
Martin, → Der Sturm]
Während ich, bevor ich mich wieder einmal zum Mittagsschlafen legte – etwas, das ich erst kürzlich als Erholungsakt wieder aufgenommen habe -, also während ich mein Essen zubereitete, kam mir, Freundin, der Gedanke, daß ich für → diese Überarbeitung der Verwirrung des Gemüt(h)s ganz ebenso ein Vorwort schreiben sollte, wie es in solchen Fällen Jean Paul gerne getan hat, und zwar, weil in meinem die Eingriffe wirklich eklatant sind; die Bearbeitung des Stils geht weit über bloßes Lektorat hinaus, und ganze Szenen entstehen, ich sage mal, ‘leibhaftig’, die vorher nur Denkfiguren waren. Eben das ist es auch, was so anstrengt und mich nur dermaßen langsam – ‘langsam’ mit mehr als nur acht ‘a’s – vorankommen läßt. Das ist nicht bloß mangelnder Inspiration geschuldet (Inspiration ist fast durchweg nichts als handwerkliche Routine); nein, die ist durchaus da. Nur daß ich eben keinen ganz neuen Roman schreiben will und darf, sondern der alte soll ja dennoch erhalten bleiben. Veränderte Stilvolten wollen aber, und verlangen fast, auch veränderte Geschehen, bzw. Abläufe. Ich kämpfe also gleichzeitig für und gegen diesen Text, der sich meinen Eingriffe sozusagen entgegenstemmt. Dennoch, weil gerade d i e s e r Roman grundlegend für die folgende Serie ist, was ich bei Entstehen aber nicht wissen konnte, nimmt die Überarbeitung genau das mit in den Blick und verschränkt nun die späteren Bücher mit ihm, und zwar in ihm selbst. Das geschieht über kleine, möglichst unauffällige Zusätze, vor allem Anspielungen oder eben die Wortwahl und Rhythmik. Wenn etwa in der Verwirrung von einer parallelen Welt gesprochen wird, steht jetzt das Wort “Anderswelt” da, aber eben nur ein- oder zweimal. Wobei ich selbstverständlich auf Die Dschungel nicht Bezug nehmen kann, weil es sie damals noch nicht gab; noch nicht einmal die DSCHUNGELBLÄTTER gab es schon. Aber die Pflanzen, die Laupeyßers leergeräumte Wohnung zu überwuchern begonnen haben, lassen sich einen “Urwald” jetzt wohl nennen. Will sagen, die Ideen sind tatsächlich alle in der Verwirrung schon drin, doch ohne daß ich schon gewußt hätte, was sie einmal werden würden. So biege ich, wie es im → Wolpertinger heißt, das Futur ins Präteritum zurück, so daß das gesamte Projekt schließlich einem Erzählkontinuum ähneln wird, das sich gleichwohl, auf einer Spiralbahn freilich, weiter in der Zeit bewegt und erst zum Stillstand kommen wird, wenn ich gestorben sein werde. (Es sei denn, jemand anderes setzte es fort wie Verne es mit dem Pym tat oder ich selbst, wenn auch nur in einer kleinen Episode, eben im Wolpertinger mit Martin R. Deans → “Die verborgenen Gärten” – eine Hommage an seine Romanfigur Leo Brosamer,)
Jedenfalls sollte dergleichen erzählt und eben auch klargestellt werden, daß mit dem Buch ein völlig neuer Roman vorliegt, der aber der alte ist. Genau darauf ziele ich ab. Etwa für den → Dolfinger” (den eigentlich “Die Erschießung des Ministers” genannten Roman), für den ebenfalls eine Neuausgabe vorgesehen ist, ist eine so weitgehende Bearbeitung ganz abgesehen davon nicht nötig, daß ich ihn sowieso schon, nämlich 1999, überarbeitet habe; an d e m Text wird es vermutlich nur kleine und eben Korrekturen geben; ganz ähnlich die phantastische Sizilienerzählung. Die Verwirrung dagegen nimmt eine extreme Sonderrolle ein. Denn allerdings erinnre ich mich, damals, um 1980/81, da war ich vierundzwanzig / fünfundzwanzig, tatsächlich einen, wie ich es nach Aragon nannte, Zyklus im Kopf gehabt zu haben, die “Die Konstruktion der Widersinns” heißen sollte. Woraus halt etwas völlig anderes wurde. Daran trägt → Frau v. Hüon die Schuld. – Tatsächlich ist die Verwirrung auch mein zweiter, eigentlich sogar dritter Roman, der aber als erster veröffentlicht wurde — und ein nullter[1]Tatsächlich gibt es noch einen “vornullten”, “Judex” genannt, an die fünfhundert Seiten, die ich mit fünfzehn schrieb. Aber der fällt in die Kategorie Räuberpistole und … Continue reading also ging voran, “Destrudo”, der tatsächlich ebenfalls in die Reihe Verwirrung-Wolpertinger-Anderswelt gehörte, insofern sein Personal zumindest teilweise in Verwirrung und Wolpertinger erneut in Erscheinung treten, wenn auch nur indirekt. Und selbst das stimmt nicht ganz. Denn etwa Karl Polst tritt im Wolpertinger auch als Person direkt wieder auf. Bloß gibt es “Destrudo” nach wie vor nur als mit der Schreibmaschine getipptes Typoskript:

Ich habe das Buch niemals wem angeboten und würde es auch heute nicht tun, sondern es – freilich auf der Grundlage des, lassen Sie es mich, jugendlichen Textes nennen – völlig neu schreiben.

Was mir, Freundin, n o c h heute auffiel, war, daß ich nunmehr von Laupeyßers Ichverlust und Einsamkeit schreibe (“wenn’s ihn fröstelte vor Ichverlust und Einsamkeit”), was ich damals offenbar vermeiden wollte; im ersten Text steht lediglich, daß man sich notfalls (!) unter der Bettdecke —  aus der ich jetzt eine “Steppdecke” gemacht habe, weil mein Antiheld auf dem Wohnzimmerboden unter ihr liegt –  verkriechen könne. Wahrscheinlich wäre mir schon das Wort “Einsamkeit” damals zu offen autobiografisch gewesen, nämlich kitschig vorgekommen, eine Scheu, die ich bekanntlich schon deshalb verloren habe, weil meine Auffassung der Wirklichkeit nicht mehr naiv ist, sondern um die Realitätskraft der Fiktionen weiß, die uns derenthalber ständig mitformen. Was ich in der Verwirrung damals entwickelt habe, nämlich das Konzept (ecco! es war Konzept und nicht gelungen Roman) einer komplexen Realität, die sowohl physisch als auch durchsetzt von wirkenden Ideen ist, etwa von Allegorien, hat mich selber, den Autor, so sehr verändert, daß ich das, w a s mich verändert hat, nun in angemessene Form bringen muß. Es kann, mit anderen Worten, jetzt erst werden, was es damals sein noch nicht konnte: ein Kunstwerk, dem die eigene Wirkung eingeschrieben wird. Und so nehmen wir wechselnde Zeitzustände ein.
Genau das möchte ich in dem Vorwort erzählen. Dies hier ist ein Vorentwurf.

Zu dem ich, nachdem ich’s vormittags mal wieder mit Frederick Delius versuchte – ein Zugang zu seiner Musik bleibt mir indessen versagt; ich hör da nur Geplätscher -, Frank Martins enorm tiefem → “Der Sturm” lausche, deutsch nach Shakespeare/Schlegel, eine Oper, die so unbekannt ist, daß es nicht einmal einen deutschsprachigen Wikipediaeintrag gibt. Ich sah das Stück bis heute auch nur auf einem einzigen Spielplan; in → Konstanze Führlbecks Kritik wird es “spröde” und, seltsame Formulierung, “etwas distanziert” genannt. Dabei hätte sie nur Fischer-Dieskaus Interpretation allein der drei Monologe Properos sich anhören müssen, um zu begreifen, daß Sprödheit und Distanz eher wohl ihr selbst eigen sind, als daß sie Eigenschaften dieser Musik wärn:

Aber nein! Statt einfach mal, um sich angemessen intensiv vorzubereiten, hinzuzuhören, hört sie sich mit den folgenden Worten hinweg: “… doch die großen Impulse finden sich weder in der Musik noch in der Regie.” So daß dieser Sturm “doch eher ein Sturm im Wasserglas” bleibe. — — —  Was eine d…. N..! (Ergänzen Sie selbst).

Ihr
ANH

References

References
1 Tatsächlich gibt es noch einen “vornullten”, “Judex” genannt, an die fünfhundert Seiten, die ich mit fünfzehn schrieb. Aber der fällt in die Kategorie Räuberpistole und Mantel & Degen. Aufbewahrt habe ich ihn dennoch:https://dschungel-anderswelt.de/wp-content/uploads/Judex-S.1-600x800.jpg 600w, https://dschungel-anderswelt.de/wp-content/uploads/Judex-S.1-768x1024.jpg 768w, https://dschungel-anderswelt.de/wp-content/uploads/Judex-S.1.jpg 960w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" />
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