Das sechste Coronajournal: Für Hölderlin.
Am Freitag, den 20. März 2020.

 (An eine Freundin in Rom, die mir schrieb:
” … dann — non ritorniamo a veder le stelle”.)

“Es geht mit Sicherheit so weiter, möglicherweise monatelang – was sich sehr leicht verstehen läßt, wenn man weiß, was “exponentiell” bedeutet. Aber die Sterne, liebe Maria, sehen wir trotzdem weiter. Wir sind immer aus Katastrophen mit neuem Wissen herausgekommen, und nahezu immer gab es dann einen geradezu Ruck in der Entwicklung. Ja, wir werden wahrscheinlich viel weinen, aber es wird weitergehen, und wir werden Ideen über Ideen entwickeln. Wahrscheinlich beginnt jetzt gerade erst die Kommunikations-Revolution und wird nahezu jeden Lebensbereich erfassen. Corraggio!, Maria, corraggio!”

[Arbeitswohnung, 6.30 Uhr]

Dieses zuerst, bevor ich noch einmal → auf gestern zu sprechen komme.
Der vom Berliner Literaturhaus für heute mit einem herrlichen Programm geplante → Feiertag zu Hölderlins 250. Geburtstag kann wie so vieles andere physisch nicht stattfinden. So wurde erst geplant, daß sich die Beteiligten ohne Publikum in der Fasanenstraße einfinden und ihre Parts dort live aufnehmen lassen, so daß die Veranstaltung gestreamt werden könne — so, wie es in Berlin auch die Philharmoniker, das Konzerthaus, die Opernhäuser sowie, auf der anderen Seite, einige Clubs und DJs halten.
Aber auch dies, möglicher nun doch noch ausgerufener Ausgangssperren halber und um auch ohne hoffentlich sie die Gefahr zu minimieren (zumal einige hätten aus anderen Städten anreisen müssen, etwa die so hinreißende wie famose Daniela Danz), mußte indes ausgegeben werden. So daß das Haus sich auf ein Audiostreaming verlegt hat, für das wir unsere Texte — nämlich den kompletten Hyperion, gelesen von Nico Bleutge, Nora Bossong, Max Czollek, Daniela Danz, Ulrike Draesner, Durs Grünbein, Norbert Hummelt, Kat Kaufmann, Björn Kuhligk, Madame Nielsen und mir — über Mobiltelefone, Skype, Facetime, Whatsapp usw. einsprechen sollten. Was für mich, bei meinen technischen Möglichkeiten, reichlich bizarr gewesen wäre. Die Arbeitswohnung ist ja zugleich ein für meine Hörstücke eingerichtetes, fast vollwertiges Tonstudio. Mir fehlt nur ein “trockener” Raum für Sprachaufnahmen, aber, wenn nötig, lassen sie sich in die Nächte, bzw. den späten Abend verlegen, wenn unversehens von draußen hereinbrechende Geräusche nicht mehr oder nur wenig zu gegenwärtigen sind. Passiert es dennoch, gut, dann muß ich, was ich so gestört einsprach, wiederholen und im übrige geschickt schneiden. Die unter Ihnen, Geliebte, die → meine Hörstückprotokolle mitverfolgt haben, wissen, daß ich unterdessen so pfiffig bin, sogar einzelne Vokale und Konsonanten nahezu unhörbar hinzuzumischen oder wegzuschneiden.
Jedenfalls bot ich den leitenden Damen des Hauses — Jalina Gelinek und Sonja Longolius — an, meinen Textpart hier schon vorzuproduzieren – und falls jemand anderes, die und der beteiligt sei, hier in der Nähe wohne und herkommen möge, auch deren Lesestücke so zu behandeln. Für letztres meldete sich, jedenfalls bislang, niemand; allerdings kann sich das im Laufe der Vormittags noch ändern. Für meinen Teil aber reagierte das Haus mit fast Begeisterung, so daß ich mich abends tatsächlich an die Aufnahme setzt und dann bis22.30 Uhr fast durchweg schnitt.

Nun nur noch das Tonfile in meine HiDrive-Cloud hochgeladen — in zwei Versionen, einmal als unkomprimierte Hochqualitäts-wave, zum anderen als komprimierte mp3 — und die Freigabelinks ans Literaturhaus geschickt.
Insgesamt war es schließlich doch ein bißchen Fummelarbeit, weil auch mein Magen (es wirken noch Spuren der Schleimhautenzündung) immer mal wieder grummelte — was bei empfindlichen Mikrophonen wie dem meinen deutlich hörbar ist. Da ist dann diffizilst zu montieren. Ein paar Störgeräusche sind auch geblieben – es hätte einen ganzen Tag bedeutet, sie hinwegzuzaubern; doch in aller Regel nimmt nur mein eignes Ohr sie noch wahr oder das eines gehörausgebildeten Toningenieurs, bzw. Musikers. Für eine viereinhalb Stunden-Produktion wird es reichen, zumal sehr wahrscheinlich die anderen über meine Möglichkeiten nicht verfügen.
Losgehen, nach der alten Planung, soll die Gesamtlesung um 14.30 (Nachtrag: Laut Facebook wird die Hyperionlesung um 14 Uhr beginnen); es kann aber sein, daß sich diese geändert hat, denn auf der Literaturhaus-Site finden sich keine zeitlichen Angaben mehr. Ich werde, sowie ich Näheres erfahre, aber ohnedies noch eine gesonderte Annoncieren dieses Netzstreams in Die Dschungel stellen, vielleicht sogar auch den Stream selbst, werde aber wohl den Lauf des Lauf des Vormittags noch abwarten müssen. Fest steht schon jetzt, daß Sie den Hyperion-gesamt → dort bei Facebook hören können.
Wie mir die Damen des Hauses geschrieben haben, ist übrigens geplant, mit den dann gesammelten Hyperionaufnahmen noch einmal etwas ganz anderes an zustellen — was indes, darüber schwiegen sie noch.

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Der gesamte Hyperion zum Anhören
und Herunterladen jetzt → dort

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Nun indes noch einmal → zu gestern, nachdem meine mit meinen Thesen zur Dekadenz verbundenen Bemerkungen zur “Auswaschung” der Gesellschaft mich fast → eine kollegiale Freundschaft gekostet hätten, insofern mir Peter H. Gogolin “faschistoides Denken” vorwarf, was er etwas später noch mit “Nazi! verschärfte. Am Nachmittag legten sich die Wellen dann, und schließlich wurde das aufgewühlte Meer → fast wieder sonnig, und Glasperlen blitzten hie und da auf der Dünung auf.
Es ist mir dennoch wichtig, folgendes klarzustellen:
Denken, klares Denken, geht nur ohne jede Sentimentalität; es verträgt, wie die Dichtung, keine gemeinten Gefühle. Darum schrieb Nietzsche von der dünnen, kalten Luft, die es brauche, deshalb sah er von Gipfel hinab. Ähnlich auch → Nabokov; ich habe die “für einen guten Schriftsteller zu gutmütigen Augen” schon zweimal zitiert: Gutmütigkeit, Weichheit und dergleichen habe in der Dichtung nichts zu suchen. Sie hat sich am Kristall der Form zu messen, an nichts sonst. “Das Liebesgedicht spricht nicht zur Geliebten, sondern zur Welt.” (Ausgerechnet, möcht ich fast schreiben, Rilke).
Das heißt aber nun nicht, daß die Dichter in ihrem persönlichen Umgang gefühlskalt seien; nein, da sind sie mitleidsvoll und caritativ wie jeder andere Mensch, und sie leiden am Unglück zumindest ihrer Nahsten wie jede und jeder andere auch. Sie engagieren sich, sie begeben sich sogar in eigene Gefahr, um zu helfen. Nur in ihrer Kunst gilt etwas Anderes, Unerbittliches, scheinbar Kaltes  — was es aber gerade, und wahrscheinlich nur, erreicht, daß Gefühle, starke Gefühle affiziert werden, und zwar noch Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte später.
Dieses gilt für das Denken auch. Wenn ich also von einer möglicherweise “Auswaschung der Gesellschaft” geschrieben habe und davon, daß hier ein natürlicher selbstregulierender Prozeß ablaufen könnte, so bedeutet das weder, daß ich es nicht entsetzlich fände, noch gar, daß ich an den furchtbaren Schicksalen nicht mitlitte und versuchen würde, ihnen mit heftigem Widerstand zu begegnen. Ein andres freilich ist’s, ob mir und uns dies gelingt. Und noch ein andres, ob — das nämlich wäre faschistoid — ich meine, mich nun zum Werkzeug der Natur zu machen oder gar für ihren Vollstrecker zu erklären und noch, abermals ein Nietzschewort, nachzutreten, wo was schon fällt. Das zu tun, haben die Nazis geglaubt oder zu glauben vorgegeben, verbunden mit dem bekannten elenden Rassismus und Nationalwahn. Aber ich kann sehr wohl über लक्ष्मीs Bemerkung ins Nachdenken geraten, daß die Lunge der Erde krank und Covid-19 eine Lungenkrankheit sei. Das Argument, dies sei “animistisches Denken” ist schon insofern bizarr, als es eben das monotheistische Denken war und ist (“Macht euch die Erde untertan”), was dazu geführt hat, Tiere juristische als “Dinge” zu behandeln, bis zu den Grauen der Schlachthöfe, und die Umwelt insgesamt als zu jeder Ausbeutung bereitstehende Rohstoffressource. Wenn da noch die extreme Überbevölkerung hinzukommt, ist die Vorstellung eines hier gegensteuernden, “auswaschenden” selbstregulativen Naturprozesses (→ “Der Globus regelt es selbst”) ganz von der Hand nicht zu weisen. Daß es eine Spekulation ist, wird dabei gar nicht bestritten, jedenfalls nicht von mir. Es kann aber die Grundlage für die mit Gewißheit kommenden künstlerischen Bearbeitungen der neuen Pandemie sein. Hier kommt die alte Vorstellung der κάθαρσις (ich setze es bewußt altgriechisch hin) wieder zu ihrem Recht, da ist nichts mehr mit Hullygully und unverbindlichem Literaturspiel einer weichgespülten Postmoderne. Mit einem Mal geht es wieder um Vanitas und memento mori. Und daraus wird dann, auf die perverse Weise der Kunst, Hoffnung geschöpft, und eine erneute Schönheit entsteht. Als eine ihrer Quellen kehrt in unser aller Leben die objektive, längst vergessene unmittelbare Bedrohung zurück.
Ich schreibe dies als einer, der selbst, zumindest meinem Alter nach, zur Gefährdetengruppe gehört. Keinesfalls nehme ich mich aus. Aber sehe es an als Künstler — das heißt: in allererster Linie formal. Und gleichzeitig gilt, was ich meiner römischen Freundin Maria, siehe oben das Motto, schrieb: “Wir werden viel weinen.” Denn wenn er uns bevorsteht, der Tod, denen, die er ereilt (und er eilt eben nicht, das hat Frau Dr. KB gestern nacht → furchtbar deutlich gemacht), ist er, unangemessen euphemistisch gesprochen, grausam. So möchte von uns niemand gehen.

Ihr ANH

Mein Neapel: Parthenope in Zeiten der Corona- statt Arbeitsjournale, dem zweiten also heut. Am Sonntag, den 15. März 2020, somit sechs Tage vor kalendarischem Frühlingsbeginn. Dazu der Amselhahn mit Chlebnikov singt.

[Arbeitswohnung, 6.15 Uhr
Erster Latte Macchiato]

Erwacht aber schon, von selbst, um 5.30 Uhr, wobei “von selbst” den ausgesprochen stimmstarken Amselhahn meint, der mir in den letzten paar Tagen bereits mehrfach aufgefallen ist, ohne aber, daß ich ihn sah. Es muß indes ein kräftiges Kerlchen sein, und voller Wille zum Geschlecht. Jedesmal beglückt er mich. Mehr aber noch hat mich das da beglückt:

— nämlich “mein” Neapel:

 

→ Quelle:

Nennen Sie mich, Freundin, gerne sentimental, aber als ich das Video gestern abend sah (und bei Facebook bereits teilte, wenn auch nur als Link), traten mit die Tränen in die Augen. Übrigens bin ich mir nicht ganz sicher, ob, es herunterzuladen und hier jetzt einzustellen, urheberrechtlich in Ordnung ist; aber in diesem Fall übertrete ich die Vorschrift ohne Zögern, Herr Neumann, siehe Quelle, sehe es mir nach. Denn diese Lebensart, eine Not in Glück zu transformieren, ist das, was ich an Menschen liebe.
Zumal ich zugeben muß, schleichend ebenfalls in Bedenken zu geraten, die meinem Temperament eigentlich völlig unbekannt sind. Jedenfalls waren sie’s bisher. Zum Beispiel bekam ich, nachdem ich stundenlang über Covid-19 recherchierte, eine ziemlich laufende Nase, dann einen Druck auf dem Thorax, schon begann leichtes Gehüstel. An sich ist die Dynamik klar, ich habe eine ziemlich nachdrückliche Psyche. — Anrufen, mich checken lassen? Ja aber, rief Mephistofelchen aus — ein pieksendes Geisterl, das, seit ich denken kann, in mir Quartier nahm — wenn jede jetzt und jeder, die den Hauch eines Schnüpferchens spüren, sich bei den Notrufstellen melden, ja du meine Güte, dann müssen die doch überfordert sein! Selbst Leute in akuter Gefährdung (ein befreundeter Journalist, der direkt “in Kontakt” kam, versucht es seit zwei Tagen vergeblich) hängen über Stunden in den Warteschleifen, die auch nur eine solche sein kann. (Angeblich sind es sechs in Berlin.) Ui, und dann bekam ich auch noch leichte Gelenkschmerzen, die bei “Grippe” ebenfalls normal sind. Und hatte ich nicht arg gefröstelt, als ich vorhin unter die Dusche stieg? (— ein Verb, das hier, für die Arbeitswohnung, stimmt: erhöhtes Duschbecken.) Andererseits, na klar, ich habe diesen gesamten Winter über nicht geheizt, einfach, weil dieses Winter in Anführungszeichen gehört; die fünf Minuten nackicht-ins-Badezimmerl-huschen rechtfertigen den CO2-Ausstoß nicht. Aber Gänsehaut hatte ich schon. Daß man dann niest, geschenkt.
Ich werd das Mephistofelchen tun und da anrufen!
Zwei Stunden später war das Husten weg, und auch die Nase lief nicht mehr. Daß sie es erneut versuchte, nachdem ich mit dem Rad gefahren war, ist doch wohl ebenfalls normal. Auch wenn sie’s ziemlich nachdrücklich tat. — Und daß ich abends neuerdings so schnell müde werde? Haben die nicht von “Abgeschlagenheit” geschrieben?
Ich erinnerte mich an einen befreundeten Medizinstudenten im letzten Semester, Frankfurtmainer Zeit, lange, lange her: “Sei froh, daß du nicht weißt, was es alles an Krankheiten gibt! Du wärst dein Leblang nicht mehr ruhig.”
So auch die Gespräche mit Freunden, etwa gestern abend bei und mit Broßmann: “Eigentlich, weißt du, wenn’s mich erwischt, darf ausgerechnet ich mich nicht beklagen. Sechzig Jahre lang nie was Ernstliches gehabt, oder doch kaum, viel geliebt worden und viel geliebt, drei himmlisch-lebensvolle Kinder, dazu mein Werk — Nee, wenn’s mich hinfortnimmt, ist es eigentlich okay. Nur die Béarts hätte ich gerne noch fertig.” Genau das hatte ich nachmittags einem befreundeten Autorenkollegen geschrieben, der mir einen Essay zur Durchsicht geschickt hatte.
Wobei es mit dem “Fertigwerden”, ich erzählte es Ihnen schon neulich, so eine Sache ist. Ich brauche den hymnischen Ton, an dem mich bereits die im Coronalicht nun allerdings besonders lächerlich wirkenden Genderideologien hindern wollen, nun indes, mit obendrauf Corona, find ich erst recht nicht hinein. Also habe ich mich entschlossen, für “den Fall aller Fälle” die bislang einunddreißig, quasi lektoratsfähigen Gedichte schon einmal in eine eigene Datei zu kopieren und so auch auszudrucken, die keine Arbeitsanmerkungen mehr enthält, ein nahezu fertiges Typoskript ist. Na gut, hier und da muß an den Versmaßen noch gefeilt, da und hier noch ein Wort ausgetauscht werden usw., aber insgesamt wird es eine Vorlage werden, mit der meine Lektorin auch allein klarkommen würde. Die beiden noch fehlenden Gedichte (es ist ja auch eine Manie von mir, daß es unbedingt dreiunddreißig sein sollen) kann ich später einfügen, sie vielleicht lockerer schreiben, ohne den inneren Druck, der ein äußerer ist. (Bloch: “Lauschst du nach innen, hörst du das Draußen.” Soviel, übrigens, auch zum “Privaten” noch mal.)
Hübsch daran: Nachdem mein Entschluß so gediehen, hörte komplett mein Naselaufen auf, und auch Husten “tat” ich nicht mehr. Ebenso war von Gelenkschmerz gar nichts noch zu spüren, und frisch um halb fünf wachte ich zum Amselschmettern auf, ohne einen Wecker. ‘s ist ja nun auch schon früh hell, was zudem den Lebensgeistern guttut. Mein Mephistofelchen kichert.

Ganz allgemein auch der Gedanke, den am Telefon लक्ष्मी gestern sprach: “Es ist eine Lungenkrankheit. Die Lunge der Erde ist krank.” Und ohne daß ich’s ihm erzählt hatte, fügte Broßmann quasi bei, wir saßen drüben bei Wasser und Wein: “Der Virus befällt die Lungenbläschen. Am härtesten traf es Wuhan, woher ja alles ausging. Diese Provinz leidet unter schwerster Luftverschmutzung. Für die NASA-Satelliten war dort jahrzehntelang alles von einer Wolke Smogs verdeckt. Und jetzt? Plötzlich, nachdem die Produktion runtergefahren werden mußte — alles klar!” Hatte K.U. also tatsächlich recht, als er → dort kommentierte: “Eigentlich hat Trump ja recht: Das regelt der Globus ganz global selbst” – ? Natürlich tut er’s nicht mit Absicht, er ist ja kein denkend individuelles Geschöpf, gewissermaßen (mit langgesprochenem “a”) Pangott. Oder vielleicht doch? Muß er aber auch gar nicht sein, es genügen seine determinanten Prozesse. — Schrieb ich nicht auch das schon?
Wie auch immer … Eine Art Gerechtigkeit … So wird möglicherweise die Überalterungsproblematik gleich mit weggesäbelt. — Zynisch? Ich weiß nicht. Aber ich weiß, was Neapel bedeutet. Schon → Dr. Lipom rief einst aus:

” Die großen Gesten, junger Freund! Kennen Sie Chleb­nikov? Nein? Ah, ein Roman­tiker im strengen Sinn mag der nicht gewesen sein… durch­aus, da geb’ ich Ihnen recht… aber doch… – doch!” Und deklamierte prustend: “‘Wenn sie am Sterben sind, schnauben die Pferde./ Wenn sie am Sterben sind, welken die Gräser./ Wenn sie am Sterben sind, erlöschen die Sonnen./ WENN SIE AM STERBEN SIND, SINGEN DIE MEN­SCHEN!’ ”
Wolpertinger oder Das Blau, zit. n. dtv, S.95

Aber gewiß hat लक्ष्मी recht, wenn sie spöttisch zu dem Video bemerkte: “Na dann geh mal auf den Hof und singe. Was meinst du, wie schnell du abgeführt werden wirst …” Und ich habe leider keinen Balkon. Aber, Geliebte, diese Vorstellung ist zutiefst berührend, wie all die Menschen in Hausarrest, Tausende, auf ihre Balkone treten und singen. Eine Klangwolke, statt des Smogs, über der ganzen Stadt, und sie steigt höher und höher, als bräche nicht, was furchtbar überfällig längst, der Vulkan aus und immer weiter aus, sondern es ist der Gesang, was aus dem Innren strömt — den Tiefen der bedrohten Lungen, allen. Wir hören ihn bis hier, 1600 Kilometer entfernt, dank des bösen Kulturvernichters, für den das Internet so lange gegolten und manchen Leuten heute noch gilt.

Ihr ANH
8.20 Uhr | Und welche Sonne draußen!

P.S.:
Wir sprachen, Broßmann und ich, auch noch über die Folgen, die sich aus der neuen Situation ergeben werden, etwa die Verlagerung der Arbeitsstätten, den heute home office, zur Zeit von ANDERSWELT noch “new work” genannten Abschied von der “materiellen Sentimentalarchitektur” (BUENOS AIRES.ANDERSWELT) und darüber, wie sich die Welt auf die körperliche Isolation längst technisch vorbereitet habe — eine Technik der letztlich, nunmehr, Seele.

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