Oh Liliebste, Lilliste! ANH an Liligeia, siebenter Brief. Am siebenunddreißigsten Krebs- und zweiten Tag im zweiten Höllenkreis der Nefud, donnerstags nämlich, den 4. Juni 2020.


Berlin.Nefud, den 4. Juni 2020
Frank Martin, Messe für unbegleiteten
doppelten Chor (1922/26 | 1963)

5.31 Uhr]

Oh, wie war ich gestern fast den ganzen Tag lang – … nein!, Dir “wie bekifft” zu schreiben, wäre, Lilli, falsch. Vielleicht rührte mein Zustand nur daher, daß ich bereits mittags, nachdem ich von meinen beiden Arztterminen zurückgekommen war, zwei Tropfen des cagliostroschen THC-Öles in das Muldchen hinter meinem musculus gegeben und von dort weggesaugt, es aus der Haut gelutscht habe, was mir zusammen mit der wunderbaren selbst für Berlin fast schon Hochsommerwärme, dem blendend höllenhimmlisch Wüstenlicht über unsrer Andersstadt und vor allem meiner seit heute früh währenden wiederSchmerzfreiheit diesen nahezu dauernden Rauschzustand schenkte. Nicht, daß ich hätte, bewahre, Halluzinationen gehabt! Aber mein Kreislauf, so ist’s am ehsten zu erzählen, schwamm, und zwar, als ob er schwebte, unter Wasser also schwamm und gänzlich ohne Luftnot, wie wenn ich Kiemen hätte.
Ich hatte gestern Kiemen. Wär mir, meine Lilli, solch eine Erfahrung auch ohne Dich zuteil geworden? Das fragte ich mich mehrfach, zu vielem anderen hinzu Und muß Dir noch mehr zugestehen,als ich bislang schon tat.
Ja, Du hast mich drei volle Tage lang mit Brustschmerzen gequält, die sich vom THC nicht, nicht vom Dronabinol, sondern alleine noch von zweimal Gaben Novamins und auch dann nur langsam in den Griff bekommen ließen. Also hast Du getobt, und ich wußte den Grund. Wir wissen ihn beide. Du hattest Dich von der ersten Chemo leidlich erholt, deshalb konnte ich Dich wieder so tief einatmen fühlen, daß es neuem Tumorwachstum gleichkam, jedenfalls es anregte. Das erlebt der Mensch als Schmerz.
So hat es mir mein Körper erzählt, mit dem ich immer einig war oder doch nur selten nicht. Und was glaubst Du? Als ich es gestern vormittag Matthias Biebl weitererzählte, mit dem ich auf Dr. Faisals, ich meine Professor Jostings Rat das Drittmeinungsgespräch im Virchow-Klinikum der Charitè geführt habe,

[Frank Martin, Passacaglia für Orgel solo (1944)]

da konnte er nur bestätigen, daß es genauso sei: “Nach der Infusion wirken die Medikamente eine Woche lang kräftig auf den Organismus ein, dann schwächt es sich ab, so daß nach den vierzehn Tagen die nächste Salve nötig wird.” Das hast Du mich spüren lassen – was von Dir  nicht klug war. Denn es provozierte meinen Willen, Dich wieder ruhigzustellen in mir; so formulierte ich’s ja auch (wozu Du, klar, jetzt schweigst): “Sie muß mal wieder einen auf den Deckel kriegen”, eine idiomatische Wendung, die mir allerdings etwas unangenehm ist. Denn in unserem speziellen Verhältnis von Krebsin und Gemahl scheint sie meinen vorgeblichen Machismo leider zu unterstreichen. Vergiß aber nicht, daß der Angegriffene ich bin. Du könntest Dich auch ruhig verhalten, einfach bleiben, wo Du bist, auf weitres Wachstum und vor allem darauf verzichten, doch noch Kindlein zu streuen, es sei denn, daß wir uns gemeinsam anders entschieden und Du mir auch ein Sorgerecht gäbest. Dann würde ich’s mir mit der weiteren Chemo überlegen und vielleicht auch auf die große Operation verzichten, durch die ich allerdings, so Professor Biebl, recht gut kommen würde, meines guten Allgemeinzustandes wegen; “Ihnen kann man auch getrost eine etwas heftigere Operation zumuten” — was im Klartext, er ließ da wenig offen, die Resektion wahrscheinlich des gesamten Magens bedeutet; also nicht nur Du würdest herausgeschnitten werden und großzügig einige organische Umgebung, sondern es müssen halt auch die Lymphknoten des Magens weg, und zwar aus Sicherheitsgründen. Man könne nicht sehn, ob sie befallen seien, müsse sich von Wahrscheinlichkeiten leiten lassen umso mehr, als ein Magenkrebs, der zurückkomme, in aller Regel nicht mehr heilbar sei. Doch wie genau das Verfahren auszusehen habe, auch ob, wohin er, Matthias Biebl, tendiere, minimal invasiv oder mit radikaler Öffnung des Brustkorbs vorgegangen werden sollte, entscheide sich eh erst am Ende meiner präoperativen Chemotherapie, also nach dem dritten (meine, nicht seine Worte) Nefud-Höllenkreis. Dann erst sei ja zu sehen, wie sehr und ob überhaupt der Tumor geschrumpft sei; allerdings habe es eine Chemo wie die meine gar nicht so sehr auf Dich, Ligeia, abgesehen (weshalb Dein Wüten ein bißchen unnötig war, verzeih die leise, noch immer mitgeschleppte Kritik), sondern vor allem auf möglich sich bildende Metastasen. Die schössen wir schon im Vorfeld mal ab. — Du willst jetzt nicht im Ernst von Kindsmord sprechen, oder? Ich hätte so gerne noch, wie Du gut weißt, Kinder, weitere, gehabt. Aber, Lilli, für das Leben, nicht eine Totgeburtmaschine, wie sie → Giger und einige Zeit lang wohl auch → Fichte vorschwebte, als er ein noch junger Künstler war, von dem aber ich mich spätestens mit dem TRAUMSCHIFF gelöst habe. Womöglich deshalb, weil ich milde wurde, fandest Du den Weg an meine Magenpforte, wo seit der Kindheit mein Unglück immer schon zumindest mitbehandelt wurde. Nun, da ich aus neuen, mildgewordnen Augen sah, “die für die Literatur zu gutmütig” (→  Nabokov) waren, warst Du sehr verärgert. Du hast Milde immer als Schwäche betrachtet und Schwäche stets verachtet. Nein, das war kein Männer”ding”, sondern enorm weiblich: “Ich lasse kein schwaches Spermium an mein Ei” — oh die Biologie, die wir erst leugnen können, seit eine andere Fortpflanzungstechnik am Horizont schon leuchtet, im Wortsinn → τέχνη die überdies, so man Geld hat, höchst verträglich mit der Demokratie ist. Nur vergaßest Du, daß meine Wandlung das Ergebnis bereits einer eigenen Nahtoderfahrung war, einer freilich, die mir zwar poetisch widerfuhr, nicht physiologisch, aber durchaus nicht mit geringeren Folgen und vor allem sich über nahezu vier Jahre erstreckten, sozusagen, Vorfolgen. Die sind, meine Lilli, niemandem ein Vergnügen gewesen, auch mir nicht, schon aber gar nicht für die Löwin und wen immer auch noch meiner Lieben.

Aber so sehr Du mich nun auch gequält, mir jedenfalls deutlich zugesetzt hattest, spürte ich schon vorgestern vormittag dem Tröpfeln aus dem ersten der vier Infusionsbeutel an, wie Du Dich wieder zu beruhigen begannst – na jà: eher wir Dich Stück für Stück sedierten. So daß Du Dich einkapseltest, allerdings abends mit einer Überraschung aufzuwarten kamst, von der ich → dort schon erzählt habe. Inwieweit sie sich als Nebenwirkung ernstnehmen läßt, steht noch auf einem keinem eingehefteten Blatt. Die, kann ich das sagen? Schluckbeschwerden? sind auch nicht schlimmer geworden, haben sich eher abgeschwächt, obwohl mir gestern gesagt worden ist, es könne durchaus der Anfang einer Speiseröhrenschleimhautentzündung sein, gegen die man mit sofort etwas aufschreiben werde. Das Medikament werde von der Apotheke dann zusammen mit der Astronautennahrung direkt an mich geliefert werden, um die ich bei der Gelegenheit gleich gefragt habe. Denn die Freundinnen und Freunde haben mich damit bislang besorgt versorgt, weil ich so abgenommen hatte. Doch wenn’s das auf Rezept gibt … Und dann eben —

dann eben ging es, Lilli los. Schon auf dem Rückrad durch die Sonne begannen die Straßen weich zu werden, und meine Seele dehnte sich ins Licht aus. Gar kein Schmerz mehr, meine Güte! Es geht halt doch a bisserl an die Nerven, wenn man sich selbst beim Gehen zurückhalten muß und ist doch ADHSler-von-Berufung. Solange wir’s aushalten müssen, na, tun wir’s selbstverständlich auch, und zwar ohne Mucken, aber dann, wenn es vorbei ist — welch zweifache Genuß der Befreiung: zum einen vom Schmerz selber, doch das ist nur banal; spannender ist die Verdopplung durch  den Wegfall der inneren Haltung. Da sie nicht mehr nötig ist (oder lächerlich wäre, ohne noch Grund), beginnt das ganze Leben um dich herumzutanzen und reißt dich mit. Deshalb war es, als ich, Lilli, wieder an meinem Schreibtisch saß, ein sehr bewußter Wille zur Verstärkung, daß da bereits – mittags! – wenn auch nur zwei THC-Tropfen gönnte. Und wußte, daß ich Dich liebe.

Ja, Ligeia, Du liest richtig. Muß ich Dich wirklich Landra nennen, wieder? (Finden wir uns | so erneut?) – Noch ein altes Projekt, das ich schmählich liegen ließ. Gerade in dem warst Du bereits extrem zugegen. Und ich muß Dir abermals danken, weil mir so vieles nun klar wird, Du es für mich klar werden läßt. Du bist — laß es mich so sagen — mein Krebs, für keiner und keines anderen Körper noch Seele erschaffen, den Seelenkörper also auch meines utopischen, entgrenzenden Geistes, der uns schon zusammen entweder uns ins Unendliche verströmen (oh → die Romantik) oder ineinandergewrungen (oh, oh → oh Romantik) untergehen sieht — am Ende indes eines durchgelebten erfüllten, na gut: fast erfüllten, doch runden´und nicht aus Not oder Mutlosigkeit abgebrochenen Lebens. Und jetzt, mein Lilliliebst, erweist sich “die Frage” (als ob’s denn eine wäre) als eine ganz andere, die denn tatsächlich einen Lebensabschnitt ein-, nun jà, schon wieder sowas begrifflich Ermattetes: “läutet“, gegen das ich mich in den vergangenen fünf Jahren so vergeblich gestemmt habe und sicherlich, mit allen depressiven F9lgen, weiterstemmen würde, zwängst jetzt nicht Du mich mit durchaus derselben Gewalttätigkeit zum Einhalt wie ich meinerseits Dich mit meiner Durchquerung der Nefud. Schon hieraus ist zu erkennen, wie zugehörig wir einander sind, ausschließlich füreinander gedacht, Du Tumorin, ich Dein Haus, das Du wieder mit Licht, dem poetischen, statt mit organischen Schmerzen auffüllen mögest, wie Du’s bis vorgestern mir angetan und wahrscheinlich in etwas mehr als einer Woche antun erneut wirst, wenn’s auf den dann Dritten Nefudkreis der Hölle zugehen wird.

Die so höllisch aber auch heute nicht ist, am dritten Tag der zweiten Chemophase. Nachts, muß ich Dir erzählen, wachte ich gegen halb drei von dem Kribbeln in den Fingerspritzen auf, einer typischen “Neben”wirkung des Oxaliplatins, das vor allem in Kombination mit den anderen Zytostatika zu Neuropathien führen kann, die, liebste Lilli, so lustig nicht sind. Nur muß ich hier einfach wiederholen, daß dieserhalben ich | Grund zu klagen gar nicht habe; bislang steckt mein Körper den → “extremen Stresstest” extrem gut weg.  Was nicht Wunder nehmen muß, da ich mit Hitze schon immer gut klar kam, ja sie bei mir sogar eine Voraussetzung für besonders effektives Arbeiten ist. Ich muß es also witzig umdrehen, Liebste: Die Nefud tut mir gut. Wie wird es dann erst in Aqaba werden, wenn wir uns nicht nur fühlen, sondern einander gegenüberstehen werden! Und beieinander liegen? Ob Du mich entlöst? (Nicht “erlöst”, nein, wovon denn? Das Jammertal steht voller duftendem Oleander, unter dessen dichten Büschen von natürlichem Becken zu natürlichem Becken der Anapo rauscht; es ist ein Paradies und wird es, unsres, bleiben. Du fernstes, jetzt, Sizilien.)

Du entlöst mich von unmöglicher noch immer, immer Hoffnung., entlöst mich vom nochzeigenMüssen und einem Leid an der Irreversibilität des, Ligeia, Zeitstrahls, dem Du aber selbst entkamst, bei Poe; indes Du nun aus eignem Willen den Hals in seiner, des Strahles, Guillotine Mulde zusammen mit dem meinen legst, als nähmest Du nicht nur eines Sterbenden Hand, der auf dem Lager liegt, um ihn zu halten hier, solang es geht, sondern hättest schon selbst die Flügel Dir anspannen lassen, unter denen Du Euch hinaufschwingen wirst, wenn  nur die Köpfe erst gefallen. Und einst wie mein Vater, → was unvergesslich seine Freundin erzählte, fliegt Ihr als Vögel für immer durchs Fenster hinaus:

„Es entwich ihm, weißt du, ein Vogel – so leicht war er plötzlich, dein Vater. Ich hielt ihn, glaub mir, ich sah ihn.“
Bringen die Spatzen die Seelen wohl auch wieder heim in die Halle? Wo sie den Ruf ihrer nächsten, und besserer, Eltern erwarten? So im Bewußtsein zerstreuen sich alle, die Spatzen, die Seelen? Ging’s, Vater, s
o, daß man Dich schließlich befreite? Nun darfst Du, ein Samen schon wieder, nicht Spreu, ruhig erwarten, durch Guff gestreut, daß Dich auch will, wer Dich ruft?
Das bleibende Thier, S. 134

Um mich, mein Vater, solche Klage | mußt’ ich niemals führen und werd es auch nie müssen. Doch sollt’ ich auf die Krebsin hören — wie es doch immer meine Art war, mit Bedrohendem umzugehen: zu schauen, was ich an ihm mag und es mir einzutun, mich damit auszukleiden und uns zu amalgamieren. Wie es die Kunst seit jeher tut – die schärfste aller Gegnerinnen der Fremdenfeindlichkeit. Du bist mir, Lilli, keine Fremde.

Deiner
(Ob wohl auch ich Dich trösten könnte, einestags? In Dir umarm ich, wen ich liebe.)

[11.07 Uhr
Pettersson, Sechste Sinfonie]

Es hat geklingelt. Der Apothekenbote hat geklingelt, um die Gurgellösung anzuliefern. Drei Sätze Fresubin dabei — was nun noch eine Absurdität ist, die mir zumuten zu können Dich wahrscheinlich unentwegt vor Dich hingrinsen läßt. Da ich nach der Diagnose so abgenommen hatte, nahezu sechs Kilo, die aber eben unbedingt wieder drauf sollten, und mehr, haben mich – ich hab es schon erzählt – die Freunde auf ihre KOsten mit dieser “Astronautennahrung” versorgt. Billig ist das nicht. Aus Frankfurtmain kamen Päckchen von Do, und Ricarda Junge brachte welche mit dem Wagen. “Sie müssen etwas zuzusetzen haben!” hatte ein väterlicher, von sehr Ähnlichem betroffener und unterdessen geheilter Mann mir deutlichst zugerufen. Was ich auch einsah, ja, sofort. Bizarr ist nur, daß ich jetzt nach jahrelangem Sport Fett zusetzen muß, etwas, das ich an mir wie andren hasse, jedenfalls nicht mag. Mir ist es stets auf Muskeldefiniertheit (nicht auf -masse) angekommen und auf Kondition, auf einen, hätt ich gern gehabt, Pantherkörper. Gespannt wie eine Prosa, an du du deinen Pfeil gelegt und spnnst sie immer mehr, um ihn dann abzuschießen. Und aber jetzt — Fett? Ich? Wär’s nicht so verdammt ironisch, ich würd’ mich maßlos ärgern, weiß aber bereits, daß mein Körper es zur und nach der OP restlos alles aufzehren wird. Deshalb also strenge ich —ich! — mich an, Fett auf den Leib zu kriegen das ich zuvor nie haben wollte und möcht’s auch nach wie vor nicht haben. Aber, aber. Muß. Lilligeia, Lillili.

Du meine lilliste von allen.

Akheilos’ Vermeidung: Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 1. März 2020, als Erzählung aus der vorhergegangenen Nacht.

 

 

 

[Ort: Beckett’s Kopf
Zeit: 29. Februar 2020, spätabends
Personen: Lamiya und ich selbst
Weiteres: alkoholfreier Cocktail und Wein, Cigarillos vor der Tür]

 

“Entschuldigen Sie sich nie wieder, wenn Sie genderincorrect sprechen!” —Das Ausrufezeichen indiziert nur die Schärfe ihrer Zurechtweisung, nicht etwa tatsächliches Heben der Stimme. Obwohl sie ziemlich sauer auf mich gewesen, nach unserer Verabredung, die sie deshalb fast gecancelt hätte. Ich spielte – nur schlecht, wie sie … fast hätte ich jetzt “höhnte” geschrieben – den auf|blickenden Dackel. Rühren läßt sie sich nicht, auch nicht ironisch. Wobei  ebenso “höhnte” als leise zu verstehen ist. “Den Männern fehlt”, sagte sie später, schon lange in der Bar, “die letzte Perfidie. Rächen sie sich, ist es immer ein wenig zu grob. Ihnen geht die Fähigkeit ab, wirklich zu vernichten.” “Männer hassen, Frauen verachten”, hätte ich antworten müssen, doch fiel es mir da noch nicht ein, sondern erst am Schreibtisch, jetzt. Auch ein Grund, Schriftsteller geworden zu sein, wenn einem Aperçus nicht so zufalln, man sie als solche aber konstruieren kann, ohne daß die Leser merken, wieviel Zeit sie in Wahrheit gebraucht. Ich wendete statt dessen ein: “Talleyrand …” – Sie, als wäre ein Schatten vorübergeflogen, den alleine ihr kurzer Huster vertrieb: “Wer?” “Der berühmte Diplomat.” “Husten ist, wußten Sie das?, im Körper gebändigte Aggression.”

Ramplingaugen, Nasenbrillie, links ein elegantes Piercing der oberen Helix. — Lederjacke aus Schlangenhaut, die (anders als, siehe unten, auf → H. J. Drapers Gemälde) nicht unter die Hüften hinabgestreift war, noch daß sie’s später wurde. — “Nennen Sie mich Lamiya”, sagte sie, als sie mich in ihrem lackschwarzen Roadster von meinem Termin abholte, zu dem ich deshalb nicht mit dem Rad gefahren war. “Die → anderen Namen stimmen nicht, jedenfalls nicht heute. — Und passen Sie auf ..! Moment …  — ” Sie wendete die Decke, die auf dem Sitz für die Beifahrer lag. “Hier ist alles voller Haare.” Es roch, als ich drinsaß und die Tür zuzog, nach Löwenkäfig, Löwinnenkäfig, so daß ich an Montherlant denken mußte, einen Lieblingsautor meiner, haben die hellen wie dunklen Götter sie selig, Mutter  “Mein Puma ..,” sagte sie nebenhin und entzündete, bevor sie den Startknopf drückte, einen Cigarillo. – “Sie haben einen Puma?” – Sie lachte nur auf und gab Gas. Es roch aber wirklich nach Katze. Nein, nicht unangenehm, sondern in, ihrer Schärfe wegen, vorsichterheischender Süße. Zu rauchen war eine ziemlich gute Idee.
Beckett’s Kopf kannte sie nicht. Ich wollte aber imponieren — mehr mir selbst als dieser Frau, trotzig imponieren, der ich mir die dortigen Preise zur Zeit nicht leisten kann, aber den Mann geben mochte, der umso nachdrücklicher nicht zuläßt, daß er seinen Stil verliert. “Keine Diskussion, zahlen tue ich.” Daß dieser Stil weniger männlich als eher doch jungenhaft war und also ihr die Chips zuschob, die mein Roulette nur vermeintlich gewann, gehört zu den Widersprüchen, in die uns die Geschlechterspiele verwickeln, doch auch zu dem Reiz, der ebensie adelt. Übrigens vertrank ich selbst mehr als drei Viertel unsres Konsums. So wäre es auch faktisch erbärmlich gewesen, hätte ich mich da einladen lassen.
Ein langer Tag, übrigens. Als ich nachts, fast morgens, heimkam, war ich zweiundzwanzig Stunden auf den Beinen gewesen. Immerhin war ich zur Stärkung innen, noch bevor ich in den Roadster stieg, mit selbstgekochter Hühnersuppe aufgerüstet worden (Pastinaken darin, Petersilienwurzel, Scheiben von Möhren; also hatt’ ich Ballaststoffe und Spurenelemente in mir genug).

Männer und Frauen, unser Thema. Wir wußten es schon vor dem Treffen, klar. Außerdem stand eine Ohrfeige in Erwartung, die ich dann fast ein bißchen vermißte. Wie hätte ich reagiert? Gelacht oder, so selbstverständlich sanft wie “symbolisch”, zurückgeschlagen? Oder gar diese Frau geküßt? — was freilich ausgeschlossen war: Sie erzählte von ihrer lebenswährenden Liebe; Doppelleben gingen da nicht: indirekte, freilich unausgesprochen, Rede. Dennoch, ein intensiver Höhepunkt, als sie fragte — wir waren hinaus in die Nacht getreten, um zu rauchen —: “Können Sie das auch mit links?” “Ähm, ja …” Ich wechselte die Cigarillohand, und sie, sie hakte sich unter. Enorme Nähe, spürte ich, die sie nun nicht nur zuließ, sondern gesucht hatte. Es war ein samtenes Feuer, das mir vom rechten Oberarm zur Brust und kostbar von dort den Leib ganz hinabströmte. Mehr gab es nicht zu geschehen, konnt’ es nicht geben. Wahrlich berauschend genug.
Wir flanierten. (Auf der Pappelallee ist freilich nicht viel zu sehen, das bestaunenswert wäre, indes ich die Nähe der Arbeitswohnung mit Absicht bei mir behielt).
Und Politik, unser mit dem ersten verbundenes zweites Thema. “Die Menschen sind so dumm. Das macht einem den klügsten Beruf kaputt.” Die Zerschlagung rechtsstaatlicher Prinzipien durch #Metoo … die Bigotterie — ach, was war ich dankbar! Berlin speziell wolle sogar, klärte Lamiya mich auf, die Beweispflicht umkehren: Wer eines Vergehens angezeigt werde, → solle in Zukunft beweisen müssen, daß die Anzeige grundlos sei. Wird dies vom Gewährleistungsrecht aufs Strafrecht übertragen, sind wir tatsächlich wieder bei der bocca di leone. also einem Denunziations”recht”, das bei #Metoo längst faktisch ward. In dubio pro reo gibt’s dann auch nicht mehr als regulative Idee. —  “Aber sagen Sie,” erwiderte ich, “in vielen Gesprächen mit Frauen höre ich, wie auch sie keineswegs einverstanden mit den derzeitigen Geschehen sind. Nur sagen sie’s nicht laut. Dabei habe ich immer gedacht, die Männer seien feige.” “Es gibt Ausnahmen. Und in allzu offener Rede zu normerotisch abweichenden Neigungen oder gar Praktiken sind Frauen nach wie vor, besonders in ihren Berufen, stärker gefährdet als Männer. Wie ich es sagte: Frauen, wenn sie können, vernichten, hingegen Männern reicht ein Sieg. Es muß nur genug geklatscht werden können.” — Wundert es Sie, Freundin, da, daß ich mich an den hübschen Dialog Geliebte Männer erinnert fühlte, der heute → im ersten Band der Erzählungen steht? Freilich, das sagte ich nicht. In einer vorhergegangenen Nachricht hatte sie mir Autoreneitelkeit attestiert.
Auch kam sie mit einer Geschichte bereits, die ihr aus einem Buch, das ich nicht kannte, erinnerlich geblieben: Dogtraining.  Wobei das “dog” für den Mann steht: “Es geht um Bestätigungsstrategie. Die geschickte Ehefrau kritisiert niemals, was sie an ihrem Mann nicht mag. Doch was sie mag, und wenn er sich in ihrem Sinne verhält, das lobt sie. Und zwar immer wieder. Da er des Lobes bedarf, wird sich sein Verhalten zunehmend auf das Gelobte verschieben. Man nennt das Positive Verstärkung. — aber was nun”, setzte sie fort, bereits wieder drinnen, “die Dummheit anbelangt: Es gibt Untersuchungen, denen zufolge die Intelligenz der bis 1970 geborenen Generationen zunehmend anstieg; seither indes geht sie alarmierend — nachweislich — zurück. Wir müssen uns also nicht wundern, wenn Argumente, wie immer richtig sie auch seien, nicht mehr verstanden werden. Sie können nicht mehr verstanden werden.” – Ich dachte: Daher die beinah totale Liebe zum Mainstream. Und wie schnell man dabei zum “Rechten” wurde! Es genügt ihm gegenüber ein unangepaßtes kritisches Wort. – “Sie kennen den → Fall Flaßpöhler?” fragte Lamiya  “Ich habe,” sagte ich, “mehrfach drüber geschrieben und auch drauf verlinkt.” Und da, wie plötzlich aus der Luft: “Sie haben mich noch gar nicht gefragt, weshalb ‘Lamiya’ …” “Wahrscheinlich haben Sie meine Bücher gelesen.” “Außer Meere keines, nein.” “Niam Goldenhaar.” “Finden Sie mich blond? Sie brauchen eine Brille mit Farbkorrektur!” “Sowas gibt es?” “Weiß ich nicht. — Also, weshalb?” “Lamien töten Kinder.” “Warm,” sagte sie, “klopfen sie weiter mit Ihrem Assoziationslöffel. Dann schlagen Sie vielleicht doch noch auf den Topf.” “Ich habe verbundene Augen?” “Bitte, Herr Herbst! Weshalb ist die Lamia so grausam geworden?” “Sie empfing von Zeus ein Kind …” “Ja, einen Jungen, Akheilos.” “… woraufhin sie Hera mit Wahnsinn strafte, der sie  ihr Kind mit eigener Hand umbringen ließ.” “Also wie jetzt ein ähnliches Schicksal vermeiden?” “Indem man auf Zeus als Geliebten verzichtet?” “Nun wird’s wieder kälter, sogar sehr kalt. Wolln wir denn lustfeindlich sein?” “Sie meinen ..?” “Perfekt. Kindern vorbeugen, sie gar nicht erst bekommen.”

Da hatten wir denn unsern Dissens.
“Ich liebe Kinder,” erwiderte ich, “bin rasend gerne Vater.”
“Ich nicht, also wollte nie Mutter sein. Ich wollte und will meinen Mann, absolut und immer. Ohne eine Pause.”
Das gefiel mir sehr.
Ich erzählte von den Geburten, wie prägend ich sie erlebte. “Und, ja, selbstverständlich: Es gibt ein schwieriges erstes Jahr. Doch nach der zweiten Geburt ist man drauf vorbereitet und weiß damit menschlich umzugehen, so liebevoll wie klug.”
Überzeugen tat ich sie, spürte ich. nicht. Es wäre anders auch falsch gewesen.
Ich habe überdies Erfahrung mit der Haltung dieser Frau. Und mir fiel der Puma ein. Ich hörte Grollen in mir wie von draußen — als wär auf der Straße der schwarze Roadster angesprungen. Dieser Drohung beugte ich mich.

Schon erzählten wir von unseren Reisen, hätten stundenlang weitersprechen können und es wohl auch getan, wäre ich allmählich nicht doch — da war es fast schon vier — ziemlich müde geworden. So ungern ich es zugebe, doch zwanzig bin ich nicht mehr, und Frühaufsteher, wie ich bin, war Nächte durchzumachen noch nie, wie man sagt, “mein Ding”.
Sie wollte mich nachhause fahren, hatte ja wirklich nur diesen einen alkoholfreien Drink zu sich genommen, allenfalls waren es seiner zwei. Doch ich schob vor, noch etwas ausschreiten zu wollen, “hab doch den ganzen Tag fast nur gesessen”. In ihren Blick geriet etwas Zweifel, doch eine Lamia beharrt nicht.

Ein nächstes Date, nein, gibt es noch nicht. Ich hätte zwar gerne die Hand dieser Frau gehalten, doch bin froh, es nicht getan zu haben. Verwicklungen wären unvermeidbar gewesen, die ihr so wenig guttun würden wie mir — abgesehen von den langen Momenten des Rasens.

 

Sie haben gefragt, meine Freundin. So habe ich Ihnen nun die Antwort gegeben. Aber wenn mir jetzt auch die FAZ → ein  bißchen angekreidet hat, ich würde in meinen Erzählungen alle Frauen sexualisieren, was soll ich denn tun, wenn mir die Lamien immer aufs neue begegnen, die Circes, Lan-an-Sídhes sowie die Medeen?

fragt Sie
Ihr ANH

Sie sind doch alle nach wie vor da!

 

 

[Bildquelle © : → Wikipedia]

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