Statt des fünften Coronajournals: aus einem Brief an die Lektorin. Donnerstag, den 19. März 2020.

[Arbeitswohnung, 9.30 Uhr]

” (…)
Für Beruhigung ist’s in der Tat auch nicht die Zeit, wohin es sich bewegen wird, einigermaßen unheimlich klar: Die Ansteckungsraten werden rein mathematiklogisch enorm weitersteigen, kurze Beruhigung im Sommer (der Virus sei, heißt es, wärmeempfindlich), neuer Anstieg im Herbst. Wenn wir es zynisch sehen, weil eben mit Abstand, gibt es ein Auswaschen der Gesellschaft, ihrer ja tatsächlich problematischen Überalterung (Kollabs der Rentensysteme), Belastung der Krankenkassen durch ohnedies dauerhaft Kranke usw. Die anderen Indizien der Dekadenz, die ich immer wieder aufgeführt habe, kommen dazu: panische Überempfindlichkeiten an absurden Stellen (der einem Mädel nachpfeifende Straßenbauarbeiter gilt als Mißbraucher usw.), die insgesamt extreme Empfindlichkeit, bzw. bizarr niedrige Toleranzschwelle bei etwas, das eine und einen einfach nur stört, die Auflösung der biologischen Geschlechtlichkeit, dazu der seit über zwanzig Jahren in den westlichen Zivilgesellschaften eklatante Rückgang der Empfängnis-, vor allem aber Zeugungsunfähigkeit (betrifft bereits über 50 % aller jungen Männer) usw usf. 
Dann werden sich aus der — zeitlich tatsächlich unabsehbaren — “Krise” neue Arbeitsmodelle entwickeln, die bereits um die Jahrtausendwende “an”gedacht und diskutiert wurden; man wird sich darauf vorbereiten müssen, daß es eben nicht mehr zu den morgendlichen und abendlichen Pendlerzügen kommt, die die Umwelt schwer belasten, sondern es wird in eine Richtung gehen, die ebenfalls längst vorgedacht wurde: Arbeit vorwiegend über das Netz, Facetime, Skype usw.; Konferenzen werden generell von Bildschirm zu Bildschirm abgehalten werden; auch die Chipentwicklung wird vorangetrieben werden – ständig weitere Entfernung von dinglicher Materialität. Chip an den Kopf, Gespräche werden direkt empfangen und geführt werden usw.
Dazu die Umweltbelastung insgesamt. → Luisa Neuberger hat ja völlig recht: Wenn den Umweltschützern ständig gesagt wurde, was ihr da verlangt, ist nicht machbar – Corona beweist das Gegenteil. Es ist machbar, wenn ein dringendes Problem als solches auch gesehen wird. Plötzlich geht, was die jungen Protestierenden seit langem forderten. Und auch mein Freund Utecht lag und liegt → mit seiner zynisch wirkenden Bemerkung nicht falsch, Trump habe schon recht: Der Globus regle es selbst.

Bei alledem wissen wir aber nicht — nicht einmal dies — ob nicht jene Virologen und etwa Stephan Thomae richtig liegen, die derzeit sagen, es werde unverhältnismäßig übertrieben; die Krankheit sei eben nur für wenige gefährlich; die einer ausgerufenen Notstandsgesetzgebung gleichkommenden harten Einschränkungen unserer Bürgerrechte seien in keiner Weise gerechtfertigt. Sorgen macht mir auch die Schließung der innereuropäischen Grenzen, was einem neuen Nationalismus entspricht. Etwas anderes wäre gewesen, hätte man wahrhaft-europäisch nach Bundesländern, bzw. Regionen abgeriegelt: Hessen gegen Niedersachsen, dieses gegen Schleswig-Holstein usw., Tirol gegen Niederösterreich, Vorarlberg gegen Deutschschweiz, diese gegen romanische Schweiz usw., Katalonien gegen Kastilien und und und. Hochgefahren werden aber wieder die Nationalgrenzen. Plötzlich stehen da nicht mehr Europäer, sondern Franzosen wieder gegen Belgier, Niederländer gegen Deutsche, Deutsche gegen Österreicher, um vom sowieso schon lange alleingelassenen Griechenland zu schweigen. Das Vereinte Europa nur noch Farce, und mit Defender Europe 20 marschiert die US Army durch – anstelle, daß wir sie schlichtweg ausweisen – “ausschaffen”, wie der Schweizer sagt.

Erst einmal verlieren werden in der Tat wir, die ohnedies knapsen — ökonomisch verlieren, sofern wir keine Rücklagen haben. Was zumindest bei mir der Fall ist. Aber ich denk mir: Nun gut, wenigstens ein lustiges Prekariat, das mir nämlich erlaubt, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, ohne Schuld- und wirtschaftliche Versagensgefühle zu haben. Die kleinen Verlage werden sich andere Vertriebswege suchen müssen; den Buchhandel halte ich ja schon lange für ein künstlich ernährtes Marktsegment, das sich dennoch auf den Mainstream wirft und kleine Verlage meist ignoriert, in grosso modo, nicht bei einzelnen Engagierten. Es könnte aber für Einzelkämpfer eine Chance wieder geben, wenn der allgemeine Popkonsens derart auf die Rübe kriegt.

Schon auffällig, wie ich derzeit komplett voll Optimismus bin, dies vielleicht deshalb, weil ich das Empfinden habe, daß meine Hauptarbeit getan ist, ich nur noch Weniges hinzutun kann, das aber das ästhetisch Erreichte kaum mehr übersteigen wird, allenfalls noch in der Lyrik. Wenn’s mich also erwischen sollte, ich habe keine Furcht, bin geradezu stoisch bereit. Kinder werde ich auch keine mehr bekommen, was mir einzugestehen das für mich Schlimmste in den letzten vierfünf Jahren war, was sich auch nur hätte ändern lassen, wenn ich zu Wohlstand gekommen wäre. Mütter sind pragmatisch, notwendigerweise. So aber fühle ich mich aus dem Fließen herausgenommen. Die Tür ist zugeschlagen und läßt sich kaum mehr öffnen.
In THETIS habe ich von der “Großen ökologischen Revision” geschrieben, bereits 1998. Ich bin fast schockiert, wie sehr es sich nun bestätigt. Dabei hat man nur nachdenken müssen. Nein, mir gefällt mein Rechthaben nicht. Es zeigt aber die Kraft, die in Dichtung nach wie vor liegt, ihre Fähigkeit, seismografisch vorherzuformen, was kommen wird. Das ist etwas, das mich zur Zeit beruhigt, mehr allerdings, daß die Jungen von Covid-19 nicht so betroffen sind, daß sie in aller Regel gut da durchkommen. Denn das bedeutet: Zukunft. Es ist, wie ich in den Bamberger Elegien schrieb:

 

(…) um zu spüren, sie fließt noch, die Regnitz, vor meinem Fenster, und fließt in den Augen der Kinder, der deinen, mein Sohn, die deiner künftigen Frau, künftiger Frauen, ja weiß man es?, sind – und den späteren Mai­nen zu, späterem Rhein, denen viel spätere Rosen, die merklos erfrieren, nicht nachsehen in ihre späteren Meere. Den Zeitstrahl zu fühlen, worinnen wir stehen und dem wir zwar selbst nur Fragment sind, doch eines, das atmet und mittat. Das bleibt wie der Leibstoff, Körper gewesener, bleibt meines Leichnams.

Die Welt war noch nie für die Sensiblen gebaut, es galt immer the survival of the fittest — doch “fittest” ist eben ein interpretierbarer Begriff; es könnte sich zeigen, daß die Computer-Nerds, die sich nur von Kartoffelchips ernähren, eben diese “fittest” sind, jedenfalls zu ihnen gehören. Ihre Auftragslage wird sich enorm steigern. Zugleich wird die Unterhaltungsindustrie extrem wachsen, sofern sie ihre Strukturen ändert, bzw. radikal in eine Richtung weiter ausbaut, online nämlich, die ohnedies schon eingeschlagen wurde. Im Kulturbereich werden dann auch unsere Disziplinen wieder wachsen – allerdings eher nicht mitbetrieben von uns selbst, die wir nicht mehr zu den Jungen gehören, sondern eben von denen. Was ich allerdings als eine natürliche Entwicklung ansehe, eine der tatsächlich Natur, einig mit der Evolution. Seit langer, lange Zeit habe ich wieder das Gefühl, mit Existenz konfrontiert zu sein und nicht nur elend-permanent mit industriewestlichen Überbauproblemchen.

Und dann schau mal! Welch ein Frühling mit einem Mal ist! Hier bei mir “schlägt” der Amelhahn nicht, nein, er schmettert. Und ab unterdessen schon halb fünf ist ein Tschilpen und Zwitschern im Gang, daß mir das Glück gleich beim Erwachen bis in die Kehle hinaufsteigt und ich eigentlich mitsingen möchte. Sieh es bitte so: Aus Katastrophen haben die Menschen immer gelernt, jedenfalls fast immer. Risiken öffnen Möglichkeiten, im Sicheren gehen wir unter.
(…)

Musik für Geist, der fühlen kann:
David Ramirers Improvisationen “Organics” auf Bachs Präludium C-Dur BWV 846.

 

Wie oft habe ich, seit mein Artikel zu David Ramirers Variationen auf das bachsche ricercar a tre → bei Faustkultur erschien, nun schon mit Musikern, nun jà, gestritten, ob dies auch “richtige” Musik sei! Die Vorbehalte gegen den Computer sind enorm, anstelle daß er einfach nur als ein Instrument gesehen wird, das in die uns “natürlich” gegebenen Klangwelten hinzukommt. Zwar. er ist für die elektronische Musik auch im Bereich der sogenannten “ernsten” Künste längst anerkannt, die, wir wir wissen, auch heitere sein können; “ernst” meint vielmehr den Grad der kompositorischen Komplexion und die Abkehr vom Banalen, das die meisten Menschen aber suchen. Ohne Banalität kein Mainstream (also ohne die Ansammlung rhythmischer und melodischer Klischees in bestenfalls neu montierten Variationen). Dies ist jedenfalls Gesetz — eines, von dem sich der Computer, als er in die Musik vordrang, erst einmal deutlich absetzte, ja die er teils revolutionierte, bis man sein Modulares zur Basis gerade des Klischierten machte. Seither ist seine Gegenwart im Mainstream beinah unbedingt.
Für die ernsten Musiken wurde er nun allerdings, sofern nicht als Computer sofort erkennbar (“mit Elektronik”, was so dann auch zu klingen hat, als gleichsam Ausrufezeichen für klangliche Entfremdung oder ein Fremdes überhaupt), geradezu misfits, nicht gesellschaftsfähig: “Das ist doch keine echte Kunst!” Irgendwas klinge da “unecht” — als lägen uns nicht längst, in Hegels und Lukács Folge, Walter Benjamins Schriften zur Zweiten Natur vor, einer also Dritten, die wir doch alle, die wir ästhetisch zu denken gelernt, hätten verinnerlichen müssen.
Was nun allerdings David Ramirer unternimmt, seit bereits Jahren, ist gleichsam eine Versöhnung der Dritten mit der Ersten: Soweit ich sehe (sehen kann), dieses Musikers Alleinstellungsmerkmal. Denn seine Versöhnung ist nicht banal; sie, um Adorno gegenzubürsten, ist die Anstrengung des Klangs in Modulen, eine, die sich ausgerechnet an Johann Sebastian Bach orientiert und Les-, also Hörarten findet, die bis anhin unbekannt waren. Und es noch immer sind, aber durch ihn erschlossen werden. In seinen Bach-, und das sind sie, -interpretationen werden physisch unspielbare Fingersätze realisiert, die Ramirers Computer-Bach beinah dem biblischen WORT gleichen lassen, das — Joh. I,1 — am Anfang war. (In anderer Übersetzung war es — der λόγος).

Dennoch, auch ich nahm Ramirers Arbeiten lange Zeit als zwar hochinteressante, aber doch letztlich Basteleien wahr; mir fehlte etwas persönlich Erkennbares, eine sozusagen freie Handschrift; zwar hörte ich seine Bach-Transkriptionen (die er selbst, selbstbewußt, “Realisationen” nennt) sehr gerne, aber gleichwertig mit anderen Interpretationen, auch solchen, die sich, wie etwa Glenn Goulds, weit von den Partituren entfernen. Ich finde sowas legitim, mehr noch: künstlerisch reizvoll und nötig. In diesem Sinn verstehe ich auch Übersetzungen, vorausgesetzt, sie finden auf höchstem Niveau der jeweils eigenen Sprache statt. Zu “dienen” liegt mir nicht, → ich will’s auch nicht von andren. — Und dann wurden mir eben diese Ricercar-Variationen geschickt, die mich wochenlang berauschten und noch heute, anderthalb Jahre später, nichts von ihrer zupackenden Schönheit verloren haben.
Es lag nahe, in Ramirer zu dringen, mehr davon zu schaffen. Und nun, nun liegen seine Organics vor, die zwar nicht den reißenden Sog der Ricercar‘s entfalten, aber in anderer Hinsicht etwas verdeutlichen, was ich etwa im Jazz bislang nur in Keith Jarretts Napoletaner Konzert von 1996 gehört habe: Organics erzählt uns in klingender Form, was Musik ist.
De natura sonoris heißt eine berühmte Stückfolge Krzysztof Pendereckis. Ramirers neue CD ließe sich fast ebenso, doch De natura compositonis musicae benennen. Denn die rund 77 Minuten Musik sind in fünf Parts aufgeteilt, deren erster, sehr kurzer nichts vorführt als das reine Klangmaterial, aus dem Bach sein Präludium gewann. Aber mit gleich dem ersten Ton welch rufender Gewalt tut er das! Denn das, in der Tat, ist dieses Stück — ein Ruf, auch wenn es kurz vor der quasi-mollModulation nachdenklich wird. Eine seltsam lange Pause, dann, verhalten drängend, setzen die ausgedehnten — von hervorgehobenen Leittönen strukturierten — Improvisationen ein, rectus und inversus, also dieses als jenes genaue Umkehrung, um aber im vierten wieder sehr knappen Stück sich auf das Material selbst zurückzubesinnen und zum Abschluß partiturgetreu Bachs originale Komposition erklingen zu lassen. Spannenderweise hat dieses eigentlich schnell durchschaubare Verfahren überhaupt keinen pädagogischen Beigeschmack, obwohl, was musikalische Pädagogik leisten sollte, geleistet durchaus wird, aber spielerisch und mit dem hypnotischen Effekt bester minimal music. Genau seinethalben sollte die CD  sehr laut gehört werden: So geht sie nicht im Hintergrund unter, sondern entfaltet den für Ramirer eigentümlichen, farbintensiv-meditativen Reichtum, in dem wir Hörerinnen und Hörer nahezu ununterbrochen mitschwingen.

Dennoch, Ramirer muß etwas Fehlendes gespürt haben, das in den Ricercar-Variationen permanent zugegen war, etwas, das gegen das rein-Meditative anströmt, voranströmt und nicht mehr in irgend einer Weise “heilig”, bzw. abgeklärt, sondern sondern extrem vitalistisch ist. So daß er sich das Rectus noch einmal vorgenommen und daraus eine zweite, rectus Remix genannte CD komponiert hat, die nun tatsächlich den “unendlichen Melodien” Mahlers und Petterssons — deren Kraft — gleichend mächtig durch uns hindurchfließt, blitzendes, geschliffenes Glas auf den Wogen. Weshalb es sich empfiehlt, die beiden CDs direkt hintereinander zu hören, vom “originalen” Bach also wieder in die erneute, diesmal 69minütige Improvisation des “remixten” Rectus zu wechseln, und zwar ohne Unterbrechung. Sie werden, Hörerin, diesem klanglichen Kosmos nicht mehr entkommen. Er klingt in Ihnen selbst lange noch nach Verstummen als nahstes Fernes nach.

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ANH, Berlin

März 2020

David Ramirer

Organics in C-Dur
Signierte CD, bachramirermusic 2020
12 Euro

rectus REMIX
Signierte CD, bachramirermusic 2020
12 Euro

→ Bestellen
(zuzgl. Versandkosten Österreich)

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Der erste erhaltene Weblog-Eintrag Der Dschungel überhaupt. Vom 29. Oktober 2003. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 8. März 2020.

 

[Arbeitswohnung, 9.04 Uhr
Zweiter Latte macchiato]

[David Ramirer, Organics auf Bachs Präludium C-Dur BWV 846]

 

Meinem durchnumerierten Word-Archiv zufolge war → dies der zweite Eintrag und ist offenbar der erste überhaupt erhaltene, den ich je für ein Weblog verfaßte. Noch für die auf freecity dank → Oliver Gassner schnell gefolgte  twoday-Dschungel bis zum, vor etwas mehr als zwei Jahren, Export nach WordPress schrieb ich sämtliche Texte in einer doc-Datei vor und legte sie nach fester Zahlenregistratur ab; die letzte da hatte die Nummer 18238 — es folgen noch etwa 200 Einträge, denen ich keine Nummer mehr gab; das war bereits die Umbruchphase zu WordPress. Der tatsächlich erste Eintrag-je scheint allerdings tatsächlich verloren zu sein, keine Ahnung, weshalb. Es wundert mich, denn in Sachen Archivierung bin ich pedantisch — wie in allem, was mit meiner Arbeit zu tun hat.

Wie nun auch immer, unterdessen bin ich dabei, die alten freecity-Einträge hier in “DIE neue DSCHUNGEL” einzufügen, so daß ihre Geschichte in absehbarer Zeit so komplett wie möglich mit enthalten sein wird. Dies nämlich nicht nur, weil ich von der Modernität und Notwendigkeit meiner Poetik überzeugt bin, sondern vor allem, um auch hier dem Gedanken der jungen Moderne zu entsprechen, daß die Entstehung eines Kunstwerks eines ihrer notwendigen Teile sei. Wobei es jedenfalls für mich-selbst höchst interessant ist, wie eng ich damals bereits den Buchverbotsprozeß um → Meere — der eine Situation schuf, ohne die ich ein Weblog wahrscheinlich niemals begonnen hätte; ich fühlte mich dazu rundweg genötigt, nämlich um nicht zu verstummen — mit meiner Andersweltpoetik zusammensah, zusammen spürte. Das hat nichts mit der seinerzeitigen Klägerin zu tun, wohl aber mit der Reaktion des Literaturbetriebs und seiner Fetischisierung eines komplett falschen “Realismus”. Und, damit verbunden, mit dem selbstgefällig-bequemen, ich schreibe mal “linken” Mißverständnis, was Dichtung eigentlich sei. In anderen Worten ist es ein Irrtum der Abbildbarkeit, der sich, wie auf eine Krücke, auf die “klassische” Vorstellung der Mimesis stützt. Nahezu alles, was zu deren Seiten lag, wurde quasi weggetreten — sofern es aus Deutschland kam. Für Österreich machte man Ausnahmen, H. C. Artmann und andere, fürs nichtdeutschsprachige Ausland sowieso. Da waren sogar Vertreter der phantastischen Literatur “erlaubt”, etwa Borges, hingegen die Deutschen der Kahlschlag-Doktrin, später dem sog. Kölner Realismus zu folgen hatten. Schon klasse, nebenbei bemerkt, wie Wellershoff auf der Leipziger Literaturkonferenz 2003 wieder nach Sturmgewehren rief; da kam ganz wunderbar seine Zeit in der Wehrmacht wieder ans Licht; und Ina Hartwig trug am Kragenspiegel Stars ‘n Stripesauch ein Endsieg, nämlich des Pops. Klar, daß jemand wie ich in solcher Runde nichts zu suchen hat und also weg muß: Sie wissen ja, liebste Freundin, welch Nestbeschmutzer ich bin.
Nur daß das Problem ist, man kriegt mich nicht weg, der Swinigel ist immer schon allhier. So, genau so, entstand Die Dschungel, und es ist mir wichtig, dies öffentlich zu protokollieren, zugänglich für jede und jeden, die und der es will. (Vorläufer hierfür waren die von 1985 bis 1989 erschienenen Dschungelblätter; was ich mit dem Weblog begann, war insofern eine Fortführung unter allerdings anderen, teils schlimmeren Voraussetzungen, dafür angereichert mit einiger reifer Erfahrung; und nun, mit dem Meere-Prozeß ging es halt auch um faktische Existenz, nicht nur den Widerstand eines jungen, betriebsunbequemen Autors. Wobei, wie → dieser nun wieder eingestellte erste, bzw. zweite Weblog-Eintrag formuliert, in der öffentlichen Auseinandersetzung um den inkriminierten Roman eigentlich meine ganz anderen Bücher suggestiv mitdiskutiert wurden — bis noch 2015 in Hubert Winkels´ hübscher Charakterisierung als → “utopistisches Tamtam” (und immer noch stehen da unwidersprochen diese beiden so ekelhaft-hämischen wie kenntnislosen, → deutlich persönlichen Kommentare unter dem, aufs → Traumschiff bezogen, eigentlich sehr schönen Artikel).— Nein, ich kann und ich will das nicht abhaken und zu den Akten legen, denn es zeigt, wie Literatur, die sich nicht in den Mainstream fügt, von sehr klugen, sehr kenntnisreichen, eigentlich hochsensiblen Menschen weggemobbt wird, ohne daß sie wahrscheinlich selbst begreifen, was sie da tun. Zudem ist es höchst fraglich, ob sie die so zum Abschaum gekippten Bücher überhaupt gelesen haben. Auch hier gilt: Geschichte geschieht durch Einschliff.

Wie nun auch immer, Freundin. Einige alte Beiträge habe ich bereits stillschweigend in Der Dschungel nachgetragen; manche davon, wenn sie nicht allzu “historisch” sind, kommen — wie → dieser dort gestern — für einzwei Tage auf die Hauptsite unter vorübergehend aktuellem Datum und werden danach unter dem alten originalen abgespeichert, so daß sie “nach hinten” wieder verschwinden, aber im Archiv gut aufgefunden werden können (rechte Spalte, tief hinabscrollen, dann können Jahr und Monat geöffnet werden).
Des weiteren spiele ich mit dem Gedanken, auch aus der Zeit vor Der Dschungel poetologische Überlegungen und Positionierungen einzustellen, die ich zu meiner Arbeit etwa in Briefen angestellt und eingenommen habe; ich habe ja auch sie gesammelt, material aus den Zeiten, bevor ich mit dem Computer zu arbeiten begann, dieses etwa um 1983/84, sowie danach als gespeicherte Dateien/Mails. Das meiste davon ist tatsächlich, siehe “Pedanterie”, erhalten.
Daneben läuft selbstverständlich die aktuelle Arbeit; vorgestern gab ich meine Rezension zu AMERICANA von Maret, Collin, Frisell und Penn bei Faustkultur ab, soeben erschienen bei ACT, dann sitze ich gerade über einer Besprechung der schon oben genannten→ ORGANICS, also von David Ramirers neuer CD, lese derzeit fürs nächste Nabokovlesen Die Mutprobe und versuche mich weiter und weiter am Ansatz des → Béartstücks XXXII, dem vorletzten des Zyklus mithin. Doch da kommt ich grad nicht recht weiter, obwohl die Zeit nun, spüre ich, drängt. Und außerdem gucke ich mich mal wieder auf Kontaktforen um, weil mir das sexlose Dasein auf die Nerven geht, kann mich aber nicht wirklich durchringen, “tätig” auf ihnen zu werden, weil es mich, wie ich gut weiß, zu viel und zudem meist verlorene Zeit kosten würde (zu oft kam in den letzten Jahren dieses “zu alt”, weil im Netz — nachvollziehbarerweise —  “rein” nach Zahlen vorgesiebt wird; tatsächliches Sosein läßt sich ja nicht anschaun); und ich brauche die Zeit für die Arbeit. Eisenhauer vor paar Tagen beim Billard: “Au wei, jetzt hat dich das Leonard-Cohen-Syndrom.” Ich verstand erst nicht, doch er erklärte es gut, und süffisant. Wie er halt ist. Außerdem, liebste Freundin, ich liebe ja; wie soll ich mich einer anderen Frau da antun? Es wäre schlichtweg unfair. Gegen meine real gewordene Anima kommt niemand an, so sehr auch dieses “real” sich längst verweht hat, ich meine: als ein erfülltes. So gebe ich, was ich an Leidenschaft habe, allein noch in die Béarts.

Ihr ANH

[Theorie des Literarischen Bloggens]

 

Dietrich Mau, ZEITonlines Traumschiffkommentare, der Magen und ich. Als Arbeitsjournal des Mittwochs, den 5. Februar 2020.

[Arbeitswohnung, 9.45 Uhr]
Mozart, Klavierkonzert d-moll, KV466
Richter, Warschauer NSO, Wislocki (mono, 50er)

Ich sitze an der zwanzigsten Erzählung meines Nabkovlesens, nämlich zu Rowohlts zweitem Band seiner Erzählungen. Nur brauche ich diesmal etwas länger, nicht nur weil ich nach diesem bereits zwei weitere Bücher des Autors gelesen habe, sondern vor allem, weil seit meiner Lektüre der Erzählungen über anderthalb Monate vergangen sind, so daß ich sie mir erstmal wieder vor Augen führen, also in meinen Geist zurückholen muß. Begonnen habe ich gestern und auch schon schätzungsweise ein Drittel geschafft. Ich denke mal, daß Sie den Artikel am Freitag, spätestens Sonnabend werden lesen können.
Parallel entwerfe ich die → Béart-Nr. XXX, hatte auch einen Ansatz, aber verwarf ihn gestern als Quatsch, bzw. uninspiriert oder allzu verknorkelt.

Denn einiges andere macht mir zu schaffen. Nicht so sehr der juristische Widerspruch, den ich in einer mich ziemlich behindernden und deshalb arg nervenden Angelegenheit formulieren und daß ich so lange auf Anlagen warten mußte, die beizufügen waren, oder gar daß die, vor der mir durchaus bangt, → Radiokritik Samuel Hamens zu meinen eigenen beiden Erzählbänden von gestern auf den kommenden Freitag verschoben wurde, der ein für mich schwieriger Tag ist. Aber vielleicht werde ich die mich derzeit besonders abends nach dem Essen und dann durch die Nächte zermürbenden Magenschmerzen los, oder kann sie doch wenigstens lindern, wenn ich, was mich beschäftigt, niederschreibe — also Ihnen, meiner Freundin, erzähle, die über die Jahre – Jahrzehnte – gleich der Béart meines Gedichtzyklus immer wieder ein anderes Gesicht angenommen hat und wohl weiterhin annehmen wird, in je anderen Körpern, die ineinander alle sanft vergehen, manchmal auch abrupt, aber doch Sie-selbst bleiben als die meine unanrührbar die gleiche. Was, viertletztes Wort, kein Possessivpronomen ist, sondern Zugehörigkeit zeigt. — Nein, ich bin nicht eifersüchtig, Freundin, wenn Sie auch andern Dichtern so wie mir geneigt sind. Es liegt in Ihrer idealen Natur, so zu sein: wehend, schweifend, bisweilen verschattend, dann schon wieder hell vor Gewißheit als immer erste Leserin für jeden (der dichtend nicht nur Selbstgespräche hält. Auch solche Autoren gibt es, wie ich weiß).
Jedenfalls hätte ich in meinem Leben manches Mal nicht mehr gewußt, was tun, würd es Sie nicht für mich geben. (Und spürn Sie’s? Selbst bei diesem kleinen Satz bin ich mit seiner Rhythmisierung beschäftigt und werde unglücklich, wenn irgendwo was hemmt.)

Meine Situation setzt mir zu und besonders auch ihretwegen der kommende Freitag, den ich ja gern geflohen wäre. Nun jà, geht nicht. Doch dazu noch die nicht endenden Versuche, mich oder meine Arbeit zu diffamieren. Etwa der da, Dietrich Mau, von dem ich nicht einmal weiß, ob dieser Name Pseudonym ist, und der bei Twitter dauernd so etwas postet:

Das zu → dort. Und zum, was besonders heimtückisch ist, → letzteingestellten Béartentwurf:

Heimtückisch ist dies deshalb, weil im Gedicht die vorgeblich “liebste Zeile” gerade a b g e w i e s e n wird; das kürzt der Herr Mau seinen Lesern und sich im Wissen absichtsvoll heraus, daß irgendetwas seiner ständigen Diffamierungen ja doch schon hängenbleiben werde. Wirklich überprüft wird und wurde ja selten.
Dann wieder, wenn ich einen → Aphorismus einstelle, mir als Gedanke durch den Kopf gegangen, der offenbar den neuen (und manchen alten) Denktabus nicht und nicht mehr genehm ist:

Die suggestive Zielrichtung ist deutlich und vollzieht sich quasi unter der Hand: Mich, bzw. meine Arbeit der Rechten zuzuschieben. Schon mit meinem Namen die AfD affirmativ zu verbinden, zielt genau darauf ab; wer so etwas vermeiden will, darf nach den Motiven ihrer Mitglieder nicht einmal mehr öffentlich fragen, also ob da nicht vielleicht auch Gründe sind, an denen etwas ist und die das Fehllaufen in solche rechten Parteien erklärt und dann vielleicht, weil wir wissen und verstehen, verhindern kann. Nein, es werden Lager zementiert. Und es war schon immer eine Neigung der Linken, wie ganz der Rechten auch, Gegenargumente aus dem Weg zu räumen, indem man die Argumentierer diskreditiert. Müssen sie als Personen nicht ernst genommen werden, sind sie mithin “sowieso unglaubwürdig” oder gar → “ein Narzisst”, braucht auf die Einlassung-selbst niemand mehr einzugehen. Womit das unliebsame Argument einfach erledigt wäre, ohne daß sich noch mit ihm faktisch auseinandergesetzt werden müßte.
Nun ist es sicher richtig, daß ich kein “Linker” bin und auch niemals einer war, insofern ich den autoritäten Kommunismus, Sozialismus usw. stets abgelehnt habe und statt dessen einer Vorstellung von Selbstbestimmung anhänge, die Hierarchien fast prinzipiell den Mittelfinger zeigt – es sei denn in Arbeitszusammenhängen, die nötige Kompetenzen erfordern. Ich will mir auch nicht vorschreiben lassen, wann ich bei einer Ampel stehenzubleiben und ob ich einen Helm zu tragen habe, sondern dies aus eigenem Nachdenken entscheiden. Die Herrschaft von Menschen über Menschen ist mir widerlich.
Insofern mag ich in einigen Belangen konservativ sein, reaktionär aber in keinerlei Weise, schon gar nicht rassistisch und dergleichen. Auch halte ich es, nur soviel hier zu “Gender, in libidinösen Belangen strikt mit Hellers → “Denn ich will”.

Und dann haben mich zwei Kommentare sehr verletzt, die ich wegen einer Linksetzung zufällig entdeckte, obwohl sie ihrerseits seit über vier Jahren völlig unwidersprochen unter Winkels seinerzeitiger, eigentlich sehr schöner ZEIT-Kritik zum Traumschiff stehen. Ich selbst kann es nicht tun, es würde sofort als pro domo oder gar eitel ausgelegt. Aber irgendwie klingen auch sie nach Herrn Mau.
Es hat mir einen Schlag in den Bauch gegeben, daß auf die mit auch sachlich wie lebensgeschichtlich falschen Behauptungen dahinterstehende persönliche Diffamierung besonders im ersten Text niemand, überhaupt niemand reagiert hat. Und wieso ließ die Redaktion so etwas stehen? Zum einen wertet es auch die Urteilskompetenz des eigenen Mitarbeiters, Hubert Winkels, ab, zum anderen ist doch deutlich zu erkennen, welch eine nahezu private Rancune hier hämegeladene Freudentänze aufführt. Allein die Formulierung Das Video und das Buch tue ich mir nicht an – eines Menschen, der seit 1981 bekennenderweise nichts mehr von mir gelesen hat – hat es an Ignoranz wahrlich in sich. Woher will der Autor dann wissen, ob seine Meinung nicht falsch ist? Und Frau “von Gandersheim”, die von pauschalen Mentalreisen spricht? Als hätte ich selbst nicht → nachweisbar eine solche tatsächliche – und sehr lange – Reise zur Recherche unternommen! Ob das Ergebnis, mein Buch, dann gelungen sei, ist eine ganz andere Frage, hat aber wirklich nichts mit bestens ausgeleuchteten Trockengebieten lediger alter Männer zu tun, die sich von staatlichen Subventionen ernähren. Woher hat diese, wenn es eine ist, “Frau” ihre Gewißheit?
Aber nein, kein Widerspruch, nicht einmal ein vorsichtiger Einwand wird laut.
So erlebt man Einsamkeit.
Als ich deshalb einer Kollegin davon erzählte, schrieb immerhin sie eine offenbar entsetzte, möglicherweise auch wütende Entgegnung – ich kenne den Text nicht; sie schrieb mir, sie habe ihn direkt in die Kommentarmaske getippt und anderweitig nicht gesichert – und stellte ihn als nun ihren Kommentar unter dem Artikel ein, mußte allerdings auf Freischaltung warten, die, wie ich sogleich argwöhnte, niemals erfolgte. Ganz offenbar kommen die beiden diffamierenden Äußerungen dem Kalkül der Redaktion überaus entgegen.
Freilich wird nun insgesamt gemeint, man müsse mit Diffamierungen halt als Autor leben, am besten, man äußre sich gar nicht dazu. Bekommt man sie aber sein ganzes Leben lang immer wieder zu spüren, und zwar an öffentlich herausgehobener Stelle, und so gut wie niemand springt einem bei, läßt das schon verzweifeln. Verächtlichmachung hat, seit ich zum ersten Mal publizierte, mein gesamtes Leben scharf begleitet; unter Anspielung auf einen Hildesheimertext formulierte Armin Ayren 1983 in der FAZ – meine erste überregionale “Kritik” –, man solle mir Geld dafür geben, daß ich aufhörte zu schreiben. (Aber ich verdanke dieser Kritik auch was: Sie ließ mich tief ins Wesen der deutschen Konjunktive graben. — Und sogleich wird der Herr Mau “Wesen” mit “deutsch” zusammenlesen und für ANH daraus ein → “genesen” erschließen, das mich sogar zum Vornazi macht.)
Ebenfalls in der FAZ, dreiundzwanzig Jahre später, nannte Martin Halter die mir zugestandene souveräne Beherrschung der Form nur um so unappetitlicher. Auch darauf habe alleine ich selbst reagiert. Selbst wenn also attestiert wird, daß ich etwas könne, wird gerade das persönlich gegen mich gewendet.
So zementiert sich das komplette Alleinstehn.

Nein, es gibt keinen Grund, dem kommenden Freitag mit irgendeiner Freude entgegenzusehen, nicht im Ansehen meiner Arbeit, ökonomisch nicht und schon gar nicht persönlich. Daß ich den Tag fliehen wollte, nun aber nicht darf, deutete, Geliebte, ich neulich schon an, und weshalb. Dabei hätte mich ein Freund, der derzeit mit seiner Familie dort weilt, so gern in Neapel getroffen.

Dennoch, es gab ein Funkeln am Himmel, sogar ein Feuern, weil zur Béart eine wunderbare Nachricht kam, umso mehr als sie mich aus dem deutschen innerbetrieblichen Sumpf herauszuziehen verspricht. Ich will Ihnen hier, vor allen Leuten, aber noch nichts Konkretes sagen, sondern erst, wenn der Zyklus auch wirklich abgeschlossen, also lektoratsbereit und abzusehen ist, wann genau er als Buch erscheinen wird. Nein, nicht aus Aberglaube schweige ich (den ich bisweilen habe, geschürt von meinem Instinkt), sondern um zu verhindern, daß hinter den “Kulissen” erfolgreich intrigiert werden kann, das Projekt zu hintertreiben. Denn d a s muß ich eingestehen, daß ich über die vielen Jahre Der Dschungel leider lernen mußte, in einigem weniger offen zu sein, als es meiner Poetik, aber auch meinem Naturell entspricht. (Was nun in eine ohnedies fällige Fortsetzung meiner “Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens” gehörte.)

 

 

Ihr, Freundin,
ANH

 

Angst ODER Matzneff und die Folgen, die Ursachen wie Zwecke sind. Als Arbeitsjournal des Donnerstags, den 23. Januar 2020.

[Arbeitswohnung, 7.55 Uhr
Tschaikowski, Erstes Streichquartett]

Es ist, derart viel Tschaikowski zu hören (und dabei unerwartete Entdeckungen zu machen, etwa seine wunderschöne Iolanta), wie eine Rückkehr in meine Jugend. Unterdessen habe ich auch seinen Onegin “begriffen”, was einiger Anläufe bedurfte, aber, wie ich Parallalie schrieb, hatte ich das Gefühl, sie → Nabokov schuldig zu sein. (Dazu heute morgen ein → ich-weiß-nicht-ob-Zitat, das mich unmittelbar berührte). Meiner Lektorin wiederum schrieb ich, die gerade hinreißend Woolf/Neuwirths Orlando → rezensiert hat, wie langsam, zähen Vers für Vers, ich mit dem nächsten Béartgedicht vorankomme, kaum also, weil ich versuchte,

über die Marienfiguren, namentlich Michelangelos, die unio mystica gleichsam pantheistisch zurück auf die Erde zu ziehen und d i e s e unio (…) zu besingen. (…) Dazu dann spannenderweise Sure 19: Dort erscheint der verkündende Engel nicht als solcher, sondern als “wohlgestalteter Mann”, mit dem sie sich (tolles Bild) “an einen fernen Ort” zurückzieht”, und beide “erkennen einander”. Im folgenden Vers ist sie bereits schwanger.
Damit dann die sogenannte Tempelprostitution verbinden (…). D a s jetzt alles in ein Gedicht hineinbekommen, aber b i l d h a f t, ohne lehrhaften Exkurs, hat’s in sich.
Und die Nabokovlesen-Reihe tat und tut ein übriges, das Voranschreiten meiner Arbeit zu behindern, allerdings auf hinreißend-mitreißende, zeitweise berauschende Art.

 

Jetzt liegen, zur Madonna, wieder die alten mythologischen Bücher auf meinem Schreibtisch. Auch in der Legenda Aurea will ich nachschauen, die seit → Frank Witzels “RAF”-Buch zu meinem Handwerkzeug gehört. Und zwischendurch, um zu Tschaikowski zeitweise Distanz zu gewinnen, mal wieder Richard Wagner vorgeholt, dessen Kompositionen ungleich raffinierter sind, und komplexer sowieso. Begonnen mit dem Tannhäuser, dem ich noch folgte, auch wenn mich die Verneinung des Venusberges, eine Verleugnung, ärgerte, brach ich den Parsifal dann aber ab: Zu verlogen diese “christliche” Absage an den Körper, als daß mich der berauschende Klang hätte noch halten können, dem ich so viele Jahre angehangen habe, nein, von dem ich mich nicht lösen konnte, noch daß ich’s wollte. Der Bruch, bekanntlich, fand → da statt. Ich habe ihn niemals wieder kitten können. Es ist diese grobe, primitive vorgeblich-Männlichkeit, die auf der anderen Seite ihre Misogynie derart weinerlich geriert, daß ich nur kotzen könnte – schon deshalb, weil sie “der” Gender-Bewegung recht zu geben scheint, die ich als bedrohlich erlebe: nicht nur für mich selbst, viel mehr für unser Menschsein an sich … – und für die Freiheit.
Dies beschäftigt mich derzeit am meisten. Neu ist dabei, daß ich A n g s t habe, Angst, gewisse Sachverhalte öffentlich zu nennen, weil, wer es dennoch tut, sofort zum Underdog gemacht oder als solcher bestätigt wird. Die “Diskussion” ist derart ideologisch, zumal als Mainstream. Das macht die behaupteten Sachverhalte objektiv unwidersprechbar. Wir dürfen zwar noch “sagen”, verlieren aber, tun wir’s, jegliche Anerkennung, geraten außerdem in Umfelder, die zu bedienen uns komplett fernliegt, und werden schließlich an der ökonomischen Existenz bedroht — dieser, weil die Hintergründe ökonomisch sind, auch wenn es niemand sieht oder sehen will. Meine gegen den (Mainstram-)Pop, also gegen künstlerische Simplifizierung, gerichtete Haltung bestätigt ihren Grund.
Die Ablehnung einer quasi im Auftrag geschriebenen so scharfen wie aus rhetorischen Gründen zynischen Polemik kam hinzu und traf mich schwer. Über die Begründung dieses “Nein”s darf ich nichts schreiben, weil sie in einem, so sieht es der Verfasser, an mich privat gerichteten Brief steht; sie ist insofern mit einer Maulsperre verbunden worden, die ich zwar ignorieren könnte, aber nicht will. Was eben mir solche Angst macht. Niemals zuvor hatte ich eine Schere im Kopf. Jetzt hin ich soweit, daß ich – sagen wir: heikle – Texte erst an Freundinnen und Freunde schicke, bevor ich sie veröffentliche, auch solche für Die Dschungel. Ich habe das dringende Bedürfnis, mich abzusichern: “Darf” man dieses und jenes vielleicht wirklich nicht schreiben?
Mir setzt das ziemlich zu.
Etwa der → “Fall Matzneff”, den ich nicht insofern erschreckend finde, als die von Frau Springora erhobenen Vorwürfe möglicherweise berechtigt sind (auch wenn ich zweifle – und zwar aufgrund ihrer eigenen Aussage, sie habe sich von dem deutlich älteren Mann erst gelöst, als sie gemerkt habe, daß er die Mädchen wie Blumen am Wegesrand pflücke; mithin geht es nicht unbedingt um einen Mißbrauch, sondern um eine erlittene narzisstische Kränkung); nicht also um den eigentlichen Grund ist es mir hier zu tun, sondern darum, mit welcher geradezu masoschistischen Freude (gleichsam einer in triumphierende Affirmation umschlagenden “Hysterie”) die Journaille darüber jubelt, daß endlich mit der intellektuellen französischen “Libertinage” Schluß gemacht werde – anstelle daß begriffen wird, wie gefährlich sich derart selbstfeist in der eigenen moralischen Überhebung suhlende Einlassungen sind. Zumal wir wissen, daß es sich bei Pädophilie um einer Neigung handelt, für die die Betroffenen gar nichts können, der sie auch nicht entgehen können; sie können sich nur bemühen, sie nicht zu realisieren. Plötzlich haben wir wieder geborene Verbrecher. Dazu kommt die Unschärfe des Begriffs: Wer ist denn noch “Kind”, und wer ist es nicht? Doch alleine darüber öffentlich zu diskutieren, macht einen, auch eine Folge von #metoo, schon zum quasi Mitschuldigen. Dieses derzeitige und, fürchte ich, immer totaler werdende Klima ist insgesamt ein Zusammenhang, fast schon Matrix selber. Nicht Anstrengung des Begriffs mehr, sondern Wortverbot. Die Gedanken bleiben frei, klar; nur sagen darf man sie nicht.
Ich, der ich pädophile Neigungen niemals hegte (ich hatte oft sehr viel jüngere Frauen, niemals aber “Kinder”, nicht einmal, um mit Nabokov zu sprechen “Nymphen” – außer, als ich selbst noch Jugendlicher war), – ich also muß genau dies mindestens versichern, bevor ich über die Sachverhalte schreibe. Womit aber durchaus nicht gesagt ist, mir werde auch geglaubt. Darum deutlich: “Meine” Frauen, alle, hatten Mösen, die bei Erregung anschwollen wie überreife Feigen, die schon platzen, und der schwere Saft spritzt heraus. Fordernde, unnachgebig ins Grenzenlose sich verströmende Personen, denen man(n) gewachsen sein muß und ich durchaus nicht immer war. Solche sind nun wirklich nicht “nymphisch”.
Des weiteren ist mir, was ich über Matzneff bislang gelesen habe (ohne freilich auf Anhieb überprüfen zu können, ob es auch stimmt), höchst unangenehm; ich mag den Mann also nicht. Dennoch muß ich über “Pädophilie” öffentlich nachdenken können und zu ihr auch eine Meinung argumentieren dürfen, die nicht der allgemeinen entspricht. Genau das gerät momentan nicht nur in Gefahr, sondern ist es längst. Genauso “Gender” als vermeintliche, ausschließlich, soziale Konstruktion. Jeder einfach nur biologische Einwand wird sofort als “biologistisch” denunziert, als wäre er damit faktisch erledigt. Wie wohltuend deshalb, daß ich gestern das dort fand, von einer Frau, die in vielem vermutlich anderer Meinung ist als ich, aber klar und mit überdies hinreißenden Formulierungen d e n k t. Auf dieser Grundlage läßt es sich sprechen, mit Ideologien aber nicht. Wer von uns “recht hat”, das ist ohnedies in ständigem Fluß. Normative Aussagen, zumal in Gesetze gegossen, lassen sich bleibend nicht treffen oder werden Unrecht.
Meinen kleinen, gestern entstandenen Text zur “Pädophilie” werde ich aber trotz meiner Angst einstellen, heute nachmittag wahrscheinlich, nachdem ich gestern zwiefach über ihn diskutiert habe, sowohl mit meinem Arco-Verleger als auch mit Phyllis Kiehl, auf → deren einst so belebtem Tainted Talents der letzte, ein aber spannender, Eintrag, leider schon vom 7. Dezember stammt, also über anderthalb Monate alt ist.
Ein weiteres, liebste Freundin, noch. Eigentlich sollte ich es als Paralipomenon formulieren und werd es vielleicht auch noch tun:

 

Freiheit bedeutet immer, Risiken inkauf zu nehmen. Je mehr Risiken ich ausschließe, desto geringer wird sie. Ist alles gesetzlich geregelt, gibt es keine mehr, g a r keine.
Wer will so allen Ernstes leben?

 

Andererseits ist, die Verbote zu übertreten, ein b e s o n d e r e r Ausdruck von Freiheit; das damit verbundene Risiko macht sie wieder größer als im Zustand des Anythinggoes.

 

Ihr ANH
Tschaikowski, Drittes Streichquartett
 
Nachtrag, 16.45 Uhr:
Siehe auch → dort. Nicht in allem bin ich mit 
Žižek einig, aber darum geht es eben auch gar nicht, sondern darum, ein begründetes Unbehagen zu formulieren, dem er den Begriff einer gespürten revange, also “Rache”, gibt, die als quasi Kollateralschäden auch diejenigen trifft, die alleine ihres Geschlechtes wegen desavouiert werden und weil sie sich einer verlangten Gesinnung nicht fügen. (Daß der Begriff “Rache” angemessen ist, bezweifle ich allerdings, weil er ein bewußtes Schadenwollen auch Schuldloser voraussetzt, wovon man bein den meisten Frauen nicht ausgehen kann, deren Wehrinstrument #meetoo war und ist.)
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