Das Triskelentattoo ODER Zur Körpergestaltung als poetisch-fiktionalem Akt der Selbstermächtigung. Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 5., und Sonntag, den 6. November 2022.

[Arbeitswohnung, 9.51 Uhr
Brötzmann, Gana, Drake: The Catch of a Ghost (live, 4.11.22)]
Von früh auf hatte ich ein Problem mit “der”, also meiner, Identität; es begann schon als Kind in einer Familie, deren einer Teil mich, was ich nicht mochte, “Axel”, deren anderer “Alexander” mich nannte, was Jugendfreunde lange beibehielten, auch als ich längst schon “Alban” und der Alexander mir völlig fremd geworden war. Diese Umbenennung in “Alban Nikolai Herbst” spielt indessen eine ganz besondere Rolle, und zwar gerade, weil nicht nur mein Nachname “betroffen” war[1]Interessanterweise ist mir heute der Ribbentrop wieder nähergerück, wahrscheinlich meines Sohnes schon wegen; der Alexander blieb aber fremd.; im übrigen wurde der Künstlername, nachdem im Paß eingetragen, zum Umgangsnamen in meiner gesamten Lebenswelt. Die Geschichte und Notwendigkeit, aus der sich die Umbenennung begab, sind bekannt; seit der “Verwirrung” läuft der Identitätswechsel als die Geschichte eines falschen Passes durch die Romane[2]In einer ersten Besprechung des 1983 erschienenen Buches war es Heiko Postma, genau auf dieses Motiv des Identitätswechsels aufmerksam gemacht zu haben; ob dies, fragt seine Rezension, eventuell der … Continue reading und bemächtigt sich – literarisch – erst nach 2003 mit “Meere” auch des Geburtsnamens wieder – faktisch allerdings mit der Geburt meines Sohnes im Ende Januar 2000. Ein Künstlername läßt sich familiär ja auch dann nicht weitergeben, wenn man jahrezehntelang sämtliche Verträge mit ihm unterzeichnet hat und so auch vom Finanzamt geführt wird. Ein paar Jahre lang hatte ich sogar zwei Steuernummern, bis ich – ebenfalls erst nach Geburt meines Sohnes – diesen Umstand aufdeckte und seitdem, indem die Nummern zusammengelegt wurden, meine Bescheide auf beide Namen zugleich, nämlich auf je demselben Bescheidformular, ausgestellt werden. Was ich Ihnen, liebste Freundin, damit nur deutlich machen möchte, ist, daß mein Verhältnis zu mir selbst nie ein “einfach empfundenes”, sondern immer das zu einer Figur gewesen ist, einer, naheliegenderweise, literarischen. Genau deshalb begann ich, meine Erzählungen mit etwas anzureichern, was um einiges später dann “Autorfiktion” genannt worden und heutzutage ziemlich en vogue ist, ohne daß nun meine Arbeiten in diesem Zusammenhang besondere Erwähnung fänden; die Leute sind halt Sozialdemokraten. Im Literaturbetrieb kam es damals als Manierismus an und wurde, war mein Eindruck stets, als eine meiner Überspanntheiten wahrgenommen und keineswegs als das existentielle Projekt, als das es sich notgedrungenermaßen vorantrieb. Die in meinen Büchern auftauchenden “Alban Herbst”s, aber auch Kalkreuths sind, so gesehen, zwar nicht mit mir identisch, zu einem Teil aber doch – der indes sich fast immer anders verhält, als ich selbst es tat und tut. Benjamin Stein, in seinem Aufsatz für text+kritik, stellt das sehr angemessen dar. Wobei aber auch das |“Ich”-selbst-als-Figur| auf |“mich”-als-(Alltags)Realität| wie auf eine Figur schaut. Mein Verhältnis zu mir ist mithin das gleichberechtigter Spiegelbilder, die aber je verzerrt sind. Um eine eineindeutig gefühlte Identität zu haben, muß Ich – jedes dieser Ichs – sich erschaffen. Es ist ein künstlerischer Prozeß — so, wie der gesamte Beitrag-selbst, den Sie, Freundin, hier lesen, ein wenn auch nur kleiner Abschnitt eines Romans ist. Daher auch vor Jahren meine, bei der Mama meines Sohnes große Empörung auslösende Erklärung, auch mein Sohn sei Teil meines literarischen Werks. Und er ist es, nämlich insofern sein Leben nicht nur die Gestaltung der Figur Alban Nikolai Herbst wesentlich mitbestimmt, sondern umgekehrt erst die Wiederhereinname Alexander v. Ribbentrops – und beide jedenfalls zeitweise aufeinanderlegen zu können – bewirkt hat. Selbst die unbedingte Kraft meines Vatertums speist sich aus der Abwesenheit des eigenen Vaters, nimmt sie quasi an sich selbst zu Gegenwart zurück; dieser mein Vater mußte aber ebenfalls, da er lange abwesend war, sich vorgestellt – also selbst er eine literarische Figur werden. Die eigentlich eher ernüchternde “wirkliche” Begegnung mit ihm, als ich siebzehn war[3]Aus meinem Leben verschwunden war er, als ich vier war., vermochte die Figur nicht zu löschen, sondern hat die Fiktion später sogar noch verstärkt; kurz, der in meinen Texten gestaltete “innere Vater” ist in mir nach wie vor stärker präsent als der objektiv-real gewesene, der, um es anders auszudrücken, mögliche Vater. Ein leider schrecklich ausgehendes Jahr lang lebten wir zusammen in seinem Bramstedter Riedhaus, danach sahen wir uns nur noch sporadisch und bald so gut wie gar nicht mehr. Nach seinem Tod allerdings wurde er mir auf eine fast dingliche Weise präsent, wie er es nicht einmal in unserem gemeinsamen Jahr gewesen war. Da hatte das Kind noch den Beschützer und das Vorbild gesucht; in unseren wenigen späteren Begegnungen hatte ich selbst die Beschützerrolle eingenommen, war selber Vater, lange bevor ich es wirklich wurde, geworden.

Wer unter solch prekären Identitätsbedingungen lebt, kommt also nicht umhin, seine Identitäten selbst herzustellen, d.h. sich zu einer literarischen Figur zu formen, auf die sich (selbst)nachweisbar zeigen läßt; es ist dies, glaube ich, weniger Narzissmus als gerade Antinarzissmus, auch wenn es ohne Egomanie (und einige innere Widersprüche) nie ganz abgeht, Doch das Ich ist die Basis unseres Handelns; dieses, nicht, wie wir fühlen, ist auf es angewiesen, sofern wir denkend handeln und nicht nur impulsiv. Nur aber selbstdenkendes, eigenentschiedenes Handeln kann ein moralisches sein, weil jedes andere determiniert ist. Und moralische, im weiteren Sinn ethische Fragen trieben mich schon sehr früh schon. Was Wunder, bei meiner Familiengeschichte![4]



Wobei ich ein sicheres Ich immer nur fühlte, hörte ich Musik; in ihr legten und legen sich bis heute meine teils zerrissenen Identitäten widerspruchsfrei ineinander; erst in ihr werde ich Eins, indes in der Literatur ihre Uneinigkeit der Motor ist, zusammen mit den moralischen Fragen, deren mögliche Antworten ich allerdings deshalb bewußt ausspare[5]So daß es in meinen Texten so gut wie niemals eindeutig Botschaften gibt., weil nie sicher ist, welches meiner Ichs die Antworten gibt.

Doch ich brauche, um überhaupt handeln zu können (was auch bedeutet: Positionen einzunehmen), eine Form. Früh war es die der Abgrenzung; schon mit fünfzehn trug ich Anzug und Krawatte, 1970 also, als meine Generation Anzug und Krawatte ablegte (Studentinnen und Studenten hatten einander zuvor noch gesiezt); ich wollte nicht nur nicht, sondern konnte es mir seelisch nicht leisten, Teil des Stromes zu werden, der heute “Mainstream” genannt wird und längst etwas anderes meint, als von den jungen Leuten damals eingefordert wurde. Doch ich spürte bereits, worauf es hinauslaufen würde. Und grenzte mich halt ab. Mein Körper wurde Distinktionsmerkmal, erst einmal nur durch die Kleidung, später auch der Leib-selber qua Formung durch Sport. Mithin ist dieses sich mit Augenschein legitimierende, also – extrem wichtig, weil es Handlungsfähigkeit definiert – sich nun zeigen könnende Ich durch und durch Kunst.

Nun war ich, so sehr mein Geist in strudligen Wirbeln, körperlich jahrzehntelang privilegiert; obwohl ich ziemlich unmäßig lebte, schlemmend, können Sie sagen, blieb meine Physis völlig intakt. Also begann ich, diesen Körper auch bewußt zu, wie es in Bodybuilderkreisen heißt, “definieren”, möglichst alle Muskel und ihr Zusammenspiel auch bewußt zu formen, und zwar zunehmend konturiert – nicht, sie aufzublasen, sondern so, daß die Bewegungsabläufe gleichsam tanzten. Stellen Sie sich einen sich bewegenden Panther vor. So war mein Ideal. Nicht etwa Nashorn und Flußpferd. Aber zum Beispiel ein Otter, Fischotter, um es, das Ideal, etwas (wenn auch nur scheinbar) weniger martialisch zu beschreiben. Es hat dies, ich weiß, etwas Anorektisches, indem mir jegliches sichtbare Fett unerträglich war und heute immer noch ist. Zugleich aber, und das ist eben nicht anorektisch, war mir der Körper die tiefste Nähe zu mir; ich hätte ihn durch nichts schädigen wollen, also sagen wir “kosmetisch”. Tätowierung, Piercing und dergleichen waren mir entsetzlich; noch THETIS geht mit dergleichen scharf abwertend um[6]Was mir die fast schon Feindschaft eines recht bekannten und mir zuvor sogar befreundeten Redakteurs einbracht; seither bekomme ich keine Auträge vom Deutschlandradio Berlin mehr. Im → “Flirren im Sprachraum” (2000), einem meiner ersten poetologischen Texte, formulierte ich:

Die Materialisierung eines Subjekts ist sein Körper. Aus dem, was in den letzten Jahren dem Körper geschah, kann ich rückschließen, was mit dem Subjekt geschah: Tattoo, Branding, Piercing, die KÖRPERWELTEN genannte ästhetisch/ästhetizistische Aufbereitung von Leichen und Leichenteilen, AIDS und Body Art, der Einzug des Sadomasochismus in den Chic. (…) Wenn wir den zur Bedeutungslosigkeit reduzierten Körper noch spüren wollen, fügen wir ihm Verwundungen bei, die obendrein der Werbevorstellung von Schönheit und Glätte zu widerstehen versuchen. Piercing Branding Mutilation sind letzte aufbegehrende Akte der Selbstvergewisserung von Körpern.

Ich hingegen inszenierte den gesunden Körper, einen, der sich eben nicht verloren hatte, und tat dies als Ergänzung  meines Widerstandes gegen die den Geist befallene Entfremdung, die zugleich als existierende aber unbedingt gedacht werden mußte und deren Ursachen – anders als die politische Rechte und dogmatische Religionen zu glauben scheinen und jedenfalls versuchen, uns glauben zu machen – sich nicht durch revisionistische Haltungen zurücknehmen lassen. Sie sind in der Welt und haben sie unumkehrbar geformt; es ist an uns, sie so zu integrieren – zu pervertieren also –, daß ihre Prozesse nun für uns Menschen, nicht gegen uns laufen und die Welt insgesamt. Ich weigerte mich, meinem Körper auch noch eigentätig zuzufügen, was schon dem Geist zugefügt worden war. Und konnte es,. weil ich so gesund war. Um es kurz zu machen: Selbstbeigefügte Körperwunden sah ich nicht nur als Affirmation (was eine Form der Integration durchaus sein kann), sondern vor allem als Verdopplung; auch hier wieder verstand und empfand ich, was geschah, mit künstlerischem Blick, einem, der Redundanz strikt ablehnt. Ich löse ein Unheil nicht auf, indem ich es verbreitere.

Doch ist dies nun | alles anders für mich. Ich habe keinen “heilen” Körper mehr, sondern einen durch Krebs und OP versehrten; die Inszenierung eines aus sich selbst heraus gegen die feindlichen Prozesse gesunden Körpers l ä ß t sich nicht fortsetzen – rein pragmatisch schon nicht. Ich habe ja schon Schwierigkeiten, auf die acht Mahlzeiten täglich zu kommen, die ich zu mir nehmen soll, um nicht immer dünner zu werden. Immerhin schaffe ich sechs und halte so mein Gewicht. Das ist völlig in Ordnung und kein Grund, mich irgend zu beklagen. Im Gegenteil, blieb ja am Leben und genieße es sehr, Aber Sport kann ich nicht mehr treiben, weil ich nicht wüßte, woher die dann noch zusätzlich nötigen Kalorien bekommen. Rechnen Sie, Freundin, selbst. Mein Tagesbedarf liegt – wie bei den meisten Menschen – zwischen 2000 und 2400 kCal; triebe ich Sport wie vor dem Krebs, müßte ich weitere, mindestens, 1000 kCal zu mir nehmen; oft waren es 1500, die ich hinzufuttern mußte. Keine Chance mehr, also, auch wenn es mir guttun würde, wenigstens wieder zu joggen. Was nun aber bedeutet, mich über die Versehrung des Körpers nicht einmal mehr täuschen zu können, wozu ich allerdings sowieso nicht tendiere. Und war ich noch vor dreivier Jahren ein entschiedener Gegner von Piercings und Tattoos, hat sich meine Perspektive nunmehr gedreht. Jetzt gilt es, den versehrten Körper zu inszenieren, doch aus genau den Gründen, die ich oben für meinen gesunden ausgeführt habe. Sie können es, Freundin, auch so ausdrücken, daß sich die allgemeine Versehrung – nicht die “nur” schon drohende, sondern sich längst vollziehende Klimakatastrophe wie neuerlich der Krieg in Europa (der erste, an dem ich nicht mehr vorbeizusehen vermochte, war das Völkerschlachten auf dem Balkan, auf das ich noch “nur” mit einem Buch, nämlich THETIS, reagierte) und zuvor die allgemein um sich greifende, früh von mir als patriachal organisiert begriffene Entkörperlichung der Welt (etwa die Verschiebung unserer Wirklichkeitswahrnehmung von der tatsächlichen Realitäts- in eine zunehmend allein medial vermittelte und schließlich medial gewordene)[7]das Stichwort prägte → Gibson, den ich in THETIS einen der Architekten der Gegenwart nenne: Cyberspace  – … – daß sich diese allgemeine, nämlich Welt-Versehrung durch den Krebs und seine Folgen nunmehr auch meines vormals so gesunden Körpers bemächtigte. So daß ich mich nun ihrer, der Versehrung, selbstermächtigen, meinen künstlerischen Ansatz erneut auf meinen Körper übertragen muß. Auch damit nehme ich, und abermals gegen den Mainstreamstrich, → eine weitere Bewegung der Kunstmoderne wieder auf; Selbstermächtigung war jedenfalls von Anfang an eine meiner künstlerischen Hauptmotivationen. Mit anderen Worten, ich kann die Versehrung selbst nicht rückgängig machen, aber sie meinem Gestaltungswillen unterwerfen – ein Vorgang, der sich abermals weigert, etwas zu affirmieren, das ich für ungut halte. Vielmehr drehe ich auch hier den Schaden in ein lustvolles Überhöhungserleben herum. Pervertere also auch dies.

Los ging es mit dem mir nach der Magenresektion von der Chemo verbliebenen, von mir nach Cronenberg[8]eXistenZ, 1998 so benannten “Bioport”; pragmatischerweise heißt das implantierte Ding, über das die Medikamente zugeführt werden, um die Venen zu schonen, eigentlich nur “Portkatheter”. Die mir bekannten Krebspatienten haben es sich alle spätens drei Jahre nach der OP, wenn sie medizinisch als geheilt galten, wieder herausoperieren lassen; ich aber wollte die Spur bewahren und will es noch. Die nach und nach je nach Befähigung der Heilhaut ohnehin fast verschwindende und jedenfalls bei Männern wir mir von der nachgewachsenen Brust- und Bauchbehaarung ziemlich schnell verdeckte bauchquere Narbe leistet das nicht. Der mir eingepflanzten Bioport aber sehr wohl. Nicht bloß aber, weil er irgendwie immer ein bißchen gestört hat und stört, sondern prinzipiell wollte und will ich, daß mein Körper ihn in sich integriert, ihn im Wortsinn vereinnahmt. Nur: Wie?
Lange darüber nachdenken mußte ich nicht. Die Lösung war wie so oft, deutlich hervorzuheben, nicht zu verstecken, was es zu integrieren, wessen es sich zu selbstermächtigen gilt; Betonung statt Verdeckung, klares VorAugenFühren und nicht Verdrängung. Der Krebs ist ein Teil meiner Geschichte, er[9]oder “sie”; ich gab dem Tumor ja schnell einen weiblichen Namen und → korrespondierte wenig später mit “Liligeia” hat auch als überwundener ein Recht auf gezeigte Anwesenheit, welche Ansicht wiederum meiner künstlerischen Position entspricht, daß jedem Kunstwerk als Teil seiner selbst seine Entstehungsgeschichte eingeschrieben sein muß, die wiederum notwendigerweise ein Teil der allgemeinen Geschichte und sozusagen ein wenn auch kleiner Reflex ihrer ist; für meine Ästhetik aber eben nicht “Reflex”, also unmittelbares, nicht willentlich gesteuertes, sondern hochbewußt mitgestaltetes Reagens. — Wie, also, hebe ich hervor? Der Idee einer Integration des medizinischen Artefaktes in die natürliche Organik meines Körpers bezog sich – wie viele, wenn nicht die meisten meiner Texte[10]Bereits in “Die Verwirrung des Gemü(h)ts”, 1983, wird ein Wohnzimmer von aus ihren Töpfen heraus gleichsam wildwachsenden Pflanzen renaturiert – von Anfang an auf die von Kipling rasend sinnlich beschriebene Zurückeroberung verlassener Dörfer, für die Waldstücke gerodet worden waren, durch die neu in sie hineinwachsende, was von überwuchernden Schlingpflanzen vorbereitet wurde, wiedererstehende Dschungel. Dies leiblich darzustellen, ließ imgrunde nur eine graphische Lösung zu; sollte sie dauerhaft sein, also ein Tattoo. Indem ich diesen Gedanken zuließ, fiel mein Tabu. Insofern ich aber den Prozeß darstellen wollte, mußte und muß es selbst prozessual werden, mithin work in progress, etwas, das seine prinzipielle Unabschließbarkeit schon im Begriff trägt.
Der “Kern” ist eine Triskele, deren mythische Bedeutung mir nahe ist, die allerdings unbedingt linksläufig, das heißt “weiblich”, sein muß, weil die patriarchale Rechtsläufigkeit zunehmend oft von Rechtsnationalisten vereinnahmt wurde und wird, denen das Motiv als Ersatz für das schon ebenso mißbrauchte, was sich aber nicht mehr rückgängig machen läßt, Svastikakreuz dient. Das Zentrum dieser Triskele füllt aber nicht, wie das sizilische Wappen, ein Medusenkopf, sondern das Shaktidreieck. Also entwarf ich folgendes:

Die erste Realisierung ging dann, dieses Deiecks bezüglich, etwas daneben, insofern es nicht, wie ich doch wollte, auf einer seiner Spitzen steht, sondern einer seiner Seiten:

Da wäre, wußte ich sofort, nachzuarbeiten, möglicherweise durch Überstechung mit einer anderen Farbe. Das ist bislang noch nicht gelöst, vielleicht auch nicht nötig, weil ohnedies nun Pflanzenranken hinzugekommen sind, die, wie die Triskele den Bioport vereinnahmt, nun die Tristkele vereinnahmen; das Symbol selbst war mir noch zu hervorgehoben symbolisch, vor allem nicht organisch genug, auch wenn es bereits → Kommentare dazu gab:

D a ß es zu symbolisch war, spürte ich, als ich das Tattoo erstmals sozusagen öffentlich trug, nämlich in Badehose → auf dem Lungomare Benedetto Croce, Barcola/Trieste. Bislang war mein gesamtes Vorhaben ein objektiv rein privates gewesen und sozusagen publiziert nur in den Beiträgen dazu im Netz, Facebook, Instagram, Twitter; im großen und ganzen ließ es sich als Kunstprojekt bislang nur als Netzkunst verstehen. Jetzt wurde es quasi dinglich. “Das ist noch nur aufgepappt”, dachte ich, fühlte mich zwar einerseits wohl, weil es so gar nicht aufzufallen schien (es waren sehr viele Menschen sonnen- und meeresbadend zugegen), andererseits aber ganz offenbar die gemeinte Radikalität verfehlte, weil es immer noch dekorativ wirkte statt essentiell. Weshalb ich mich – der Gedanke selbst war aber, siehe oben, längst schon da – sofort nach meiner Rückkehr (ein fast bis zum Schluß sehr schönes, dann aber dumm oder, je nach Perspektive, → sehr traurig ausgegangenes Wien hatte noch dazwischen gelegen) sofort an den nächsten Entwurf setzte, die “Erweiterung 1” — dies noch auf Papier:

Ich schickte die Zeichnung an Elena, also an meine Tattookünstlerin, und fügte eine detaillierte Beschreibung meiner Absichten bei. Nur wenige Tage später war sie dann gestochen, nämlich so (das Bild entstand direkt nach der Applikation, deshalb die Rötung der Haut):

Und nach der Ausheilung (die bei mit nach wie vor enorm schnell geht):

Immer noch, wieder nur im Netz, kam mir das abermals “noch zu gut” an. Bei meinem Besuch in Frankfurt brachte Phyllis Kiehl, die es real sehen wollte und zu sehen bekam, auf den Punkt: “Das Schöne ist, daß es gar nicht aussieht wie ein Tattoo, sondern vielmehr nach einer Malerei.” Das war zweifelsfrei ein Kompliment, insofern sich mein Projekt schon einmal von der Tattoomode abhob; ich habe ja nicht vor, sie als solche mitzumachen, auch wenn ich einzugestehen nicht umhin kann, daß mir auch der Gedanke gefällt, unversehens einen erweiterten Zugang zur jungen Generation, besonders der meines Sohnes, bekommen zu haben. Sie immerhin wird maßgeblich entscheiden, ob mein Werk Bestand haben wird oder nicht. Der im großen und ganzen höchst spießige deutsche Literaturbetrieb hat da fast keine Stimme, auch wenn seine Vertreterinnen und Vertreter das sehr verständlicherweise völlig anders sehen und ergo zu verhindern suchen. In jedem Fall hatte und habe ich eines schon erreicht, etwas, das bereits 2003, nämlich → durch Fichte, erstmalig anklang: — so, wie für mich die Verbindung zur Musik lebenslang Grundlage meiner Literatur gewesen war und nach wie vor ist, nun auch eine zur Bildenden Kunst hergestellt zu haben. Mit meinem eigenen Körper als Schnittstelle. Noch aber wirkte und wirkt es nicht als organischer Prozeß, sondern eben wie Malerei; das rein dekorative Moment hat sich bislang erhalten. “… zu perfekt, um natürlichen Ursprungs zu sein”, wie es vier Absätze hierdrüber Hel Mi in seinem von mir verlinkten Kommentar geschrieben hat. Sein darauf folgendes “Es ist schaurig schön, mit der Betonung auf schön” braucht eine dringende Betonung auf schaurig.

Daran sitze ich jetzt und zeichne die weiteren Entwürfe jeweils mit farbigen Eddings direkt auf die Haut (was einige Übung braucht). Der erste der “Ergänzung 2” sah so aus:


Und der zweite

bekam denn auch gleich eine eigentlich so auch gewünschte Reaktion:

Wobei Frau von Steglitz diametral entgegensetzt zu Hel Mi denkt und empfindet. Ich meinerseits bin überzeugt davon, in dem Tattoo beides miteinander vereinbaren zu müssen und antwortete entsprechend:


Der letzte Stand der “Dinge” sieht nunmehr folgendermaßen aus, heute früh (am unterdessen Sonntag) auf die Haut gezeichnet:

Noch bin ich mir unsicher, w i e weit sich die Zeichnung ausbreiten soll; was ich anfangs überhaupt nicht im Sinn gehabt hatte, rückt als Möglichkeit spürbar näher: daß schließlich der gesamte Körper überwachsen werden könnte, abgesehen vom Kopf und den Händen, die für mich, jedenfalls noch, tabu sind. Wobei ich mir sehr klar darüber bin, daß ich die Wirkungsweise des Krebses, nämlich zu metastasieren, gleichsam übernehme, aber hier als ein geradezu Bann-Bild, so, wie wir an Kirchenfassaden immer wieder Dämonenfiguren sehen, die dort eben gebannte sind. Ritusalisierung und Kunst wachsen ineinander auseinander hervor. Mein Unternehmen ist, so gesehen, religiös. Aber auch das gehört zur Genese der Kunst selbst in ihren nichttheistischen Ausprägungen, die allerdings bei mir deutlicher pagane als christliche oder sonstwie monotheistische sind. Doch das ist alles andre als neu. Und ich erinnre mich sehr wohl, wie erotisiert ich von Jadzia Dax war, in Frankfurtmain, vor mehr als vierzig Jahren, glaub ich, schon. Ich war in sie sogar verliebt. Und stellen sie sich vor, sie senkte den Kopf, höbe hinten das Haar und Sie sähen, auch Sie, liebste Freundin, ihren Nacken und wie die Spuren hinab den Rücken fließen … —

Was mich, unabhängig davon, daß ich die Realisierung dieser zweiten Tattoo-Erweiterung momentan gar nicht bezahlen könnte – mein Projekt ist teuer, und in diesem Kunstbetrieb wäre es bizarr, davon auszugehen, ich könne für seine Realisierung Kunstfördermittel bekommen – … was mich ein Problem ansprechen läßt, das bislang keines war. Selbstverständlich, da – außer im Netz und dort nur vermittels meiner Fotodokumentationen – bislang ich alleine es bin, der das Tattoo sieht, lasse ich es vorerst nur dort anbringen, wo ich es eben sehen kann. Von einer Erweiterung über etwa den Rücken hätte ich gar nichts, aber eben auch niemand sonst. Vor dem Krebs wäre das anders gewesen, es hätte noch und wieder Liebespartnerinnen gegeben, und sei es für One Night Stands. Diese Möglichkeit hat mir die Chemo zerschossen. Ich habe früher meinen Körper ja nicht nur für mich selbst geformt, sondern immer auch letztlich für Frauen. Was übrigens ein Unsinns-, weil Irrtumsmotiv war. Denn allem zufolge, was “meine” Frauen mir je erzählt und wie sie sich verhalten haben, schätzen sie zwar wohlgeformte Männerkörper sehr wohl; doch sind die nicht das, was sie bindet, ja es sext sie zwar an, aber fast durchweg “konsequenz”los. Sie binden sich aufgrund völlig anderer Kriterien, anders als Männer, jedenfalls die meisten, als in jedem Fall ich. Mich kann die Schönheit einer Frau abhängig machen, fast gänzlich in Absehung von ihrem Charakter. Gegenüber einer (nach meinen Kriterien, klar:) schönen Frau bin ich sozusagen verloren, auch wenn’s mir gelingt, es nicht zu zeigen. Spüren tun sie es dennoch. Mein Impuls ist geradezu sofort Er- und meinetwegen Überhöhung, Anbetung letztlich; das ist nur deshalb nicht peinlich oder gar peinigend, weil ich dominant bin. Da wiederum für mich zur weiblichen Schönheit immer auch eine Spur, und gerne mehr als nur das, Aggressivität gehört, wird meine Dominanz komplett ausgeglichen und niemals übergriffig; es sei denn, etwa im BDSM-Spiel, ich werde drum gebeten. Dann übernehme ich die Führung, zugleich Verantwortung. “Übernahm” ist heute aber das richtige Wort. Es war so und wird, wie ich spüre, niemals mehr sein. Mein Alter kommt hinzu – nà sowieso, angesichts meiner deutlichen Neigung zu noch deutlicher jüngeren Frauen (als junger Mann hatte ich sie zu entschieden älteren). Und aber selbst wenn! Welcher neuen Liebe könnte ich die starken Frauen  meines Lebens zumuten, die alle, auch wenn die Beziehungen zerbrachen, immer noch gegenwärtig sind und es bleiben werden? Meistens sind wir Freunde geworden, die Frauen also auch real – und innnig – alle noch zugegen. Nein nein, ich werde alleine bleiben. Und aber als lächerliche Figur am Rand eines Szeneclubs stehen, Insomnia, Kitkat? egal, ich war da früher ja oft, – das tu ich mir sicher auch dann nicht an, wenn es die Gelegenheit wäre, das rhizome Tattoo nun zu zeigen. Also weshalb auf dem, um beim Beispiel zu bleiben, Rücken? “Zu wissen, daß es Platin ist”? Auch darüber bin ich lange hinaus. Vielleicht aber —

— vielleicht, weil man das vollendete Kunstwerk – wegmauert[11]Jacques Rivettes La belle noiseuse nach Honoré de Balzacs Chef-d’oeuvre inconnu. Weil es in Saïs steht, dort zu stehen hat und von dem Schleier verdeckt sein muß[12]Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt. Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier? Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich, So fanden ihn am andern Tag die Priester Am Fußgestell der … Continue reading, auch vor dem, der es schuf oder zu erschaffen veranlaßt hat, — mir? (Ich war’s nicht allein, → Liligeia war es mit mir; auch sie eine meiner mir bleibenden Frauen, die imaginären und “wahren” sind alle vermischt, Jadzia Dax gehört genauso hinzu, mag sie’s auch nicht wissen — aber nicht viele | wissen es nicht).

Ihr, meine Freundin,
ANH, 6. November, 13.03 Uhr
[Vincent Peirani, → Living Being II: Night Walker]

 

References

References
1 Interessanterweise ist mir heute der Ribbentrop wieder nähergerück, wahrscheinlich meines Sohnes schon wegen; der Alexander blieb aber fremd.
2 In einer ersten Besprechung des 1983 erschienenen Buches war es Heiko Postma, genau auf dieses Motiv des Identitätswechsels aufmerksam gemacht zu haben; ob dies, fragt seine Rezension, eventuell der Anfang einer großangelegten Mystifikation sei? — eine Fährte, der danach aber niemand gefolgt ist.
3 Aus meinem Leben verschwunden war er, als ich vier war.
4

5 So daß es in meinen Texten so gut wie niemals eindeutig Botschaften gibt.
6 Was mir die fast schon Feindschaft eines recht bekannten und mir zuvor sogar befreundeten Redakteurs einbracht; seither bekomme ich keine Auträge vom Deutschlandradio Berlin mehr.
7 das Stichwort prägte → Gibson, den ich in THETIS einen der Architekten der Gegenwart nenne: Cyberspace
8 eXistenZ, 1998
9 oder “sie”; ich gab dem Tumor ja schnell einen weiblichen Namen und → korrespondierte wenig später mit “Liligeia”
10 Bereits in “Die Verwirrung des Gemü(h)ts”, 1983, wird ein Wohnzimmer von aus ihren Töpfen heraus gleichsam wildwachsenden Pflanzen renaturiert
11 Jacques Rivettes La belle noiseuse nach Honoré de Balzacs Chef-d’oeuvre inconnu
12 Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt.
Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier?
Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich,
So fanden ihn am andern Tag die Priester
Am Fußgestell der Isis ausgestreckt.
Schiller, Das verschleierte Bild zu Sais

АНХ «Корабль-грёза» / ANH “Traumschiff”, Ivan Limbakh Sankt Petersburg. Die Entstehung des Umschlags. Videoinstallation von Ник Теплов / Nick Teplov.

 

Альбана Николая Хербста / Корабль-грёза
[Alban Nikolai Herbst / Traumschiff]
Russisch von Tatiana Baskakova
Ivan Limbakh Verlag, Sankt Petersburg 2022

Videoinstallation: → Nick Teplov

Safran ODER Zwei Tage mit Baskakova. Im für den 12. und 13. August geschriebenen Arbeitsjournal des Sonntags, den 14., zugleich als Tagebuch.

[Arbeitswohnung, 7:58 Uhr
Sommersonntagshitzestille, jetzt bereits am Morgen,
die von hie und da einem vorsichtigen Spatzenzwitschern
akzentuiert wird.]

“Ich habe Ihnen etwas mitgebracht”, sagte sie und zog aus ihrem nicht zu großen Tagesrucksack einen mehrfach mit Lebensmittelfolie, ein schließlich kleines flauschiges Kissen, umwickelten Flacon besten Safrans hervor, als sie bereits im Arbeitsraum stand, Tatiana Baskakova, meine russische Übersetzerin, die jetzt wie ich aufs Erscheinen des russischen Traumschiffs wartet. In Druck sei das Buch schon längst, aber wann es wirklich herauskomme, könne auch sie nicht sagen. Und mochte auch gleich über Argo sprechen, den dritten Andersweltroman, den sie aber als ersten ebenfalls ins Russische übertragen will und vom Verlag auch schon Interesse signalisiert bekommen hat. “Aber ich glaube, daß die Verlegerin erst einmal die Reaktionen aufs Traumschiff abwarten will.” Es sei doch ein allein vom Umfang enormes Buch – ökonomisch ein ziemliches Risiko, in diesen Zeiten zumal. Und, wie Sie mir tagsdrauf – bislang schreibe ich vom Feitagabend – im Pratergarten auf mein neuerliches Bedenken antwortete, ich wisse nicht recht, ob es funktioniere, den dritten Band einer Trilogie als ersten zu veröffentlichen: “Jeder Roman von Ihnen beginnt in der Mitte, und hier reizt mich, daß er ein tatsächliches Ende hat.” Das stärkste Argument, das ich bisher gehört habe, denn in der Tat läßt sich Argo nicht fortsetzen, es sei denn in sehr übertragenem Sinn etwa → durch den Friedrich. Zu dem sie dann ebenfalls einige Fragen hatte, auch, weil sie genauso nochmals zum Traumschiff, vor allem aber Argo und dem Wolpertinger fragte und schließlich, was kein Wunder ist, zu den Briefen nach Triest. Die mich weiter ganz enorm umtreiben. Aber dazu heute nicht.

Es war unsere erste Begegnung, Baskakovas und meine, also die erste physische; bislang haben wir sehr häufig und viele Mails ausgetauscht, teils auch netztelefoniert; eine Nacht lang — Sie erinnern sich, Freundin, gewiß — las Sie mir ihre Übertragung der zwölften Bamberger Elegie vor, der ich, obwohl des Russischen nicht mächtig, sehr gut folgen konnte, denn ich brauchte nur dem Rhythmus zu lauschen, zählte beim Zuhören mit. Die russische Fassung ist in Иностранная литература denn auch erschienen:

 

Ach, es waren noch andere, waren hoffnungsvolle Zeiten, die nun der Krieg zerstört hat. “Ich habe Freundinnen und Freunde, die nicht mehr übersetzen, weil es ihnen in diesem Unglück unmaßgeblich vorkommt. Doch ich selber glaube, die Menschen brauchen jetzt Literatur, brauchen sie sehr”, erklärte sie ihre Position, um gleich darauf zu fragen: “Was glauben Sie, wie lange der Krieg noch währen wird? Ich selber kann nichts tun, als meiner Arbeit nachzugehen.”

Ich hatte ein Abendessen vorbereitet, “soll ich die Kartoffeln schon aufsetzen?” “Lassen Sie uns erst noch sprechen.” Was wir taten, bis sie dann irgendwann sagte, vielleicht jetzt doch das Essen. Sahneheringe in Joghurt mit Apfelstücken, Zwiebeln, vielen, sowieso, teils als dünne Ringe, teils gehäckselt, einer Knoblauchzehe, einigen Scheiben eingelegter Gurken, eine – vorsichtig dosiert – gehackte Chili, Lorbeer, Wacholderbeeren, weißer Pfeffer. Und wir sprachen danach weiter, besonders über meinen literarästhetischen Ansatz, ich erzählte, wie wichtig es mir sein, jede Erzählung zu erden, und sei sie am Ende n o c h so phantastisch, “jeder Stein muß gelegen haben, wohin ich ihn erzähle, ich brauche immer” und legte sie, mich zur Seite beugend, da hin “eine Hand auf dem Boden”. Was ja, na sowieso, stimmt. — Irgendwann rief ich → Helmut Parallalie Schulze in Umbrien an, der übers Netz längst seinerseits Kontakt mit Baskakova hatte, doch ihr die Antwort auf eine Mail schuldig geblieben war, worin sie wegen des Umstandes nachgefragt hatte, daß ein Großteil des Romans in seinem → amerinischen Kaminraum entstanden war. Nun stellte sich heraus, er habe die Mail nie erhalten. Oder sie war sonstwie untergegangen. Noch einmal wurde die Geschichte des → Stotantomale-Kapitels erzählt, das der alten → Silvia Soldi, die drei Jahre nachher auch wirklich verstarb. Ihr nächtlichen Schreien erklärt sich Helmut so: “Sie hatte, glaube ich, Angst vor dem Tod.” Und er habe dann zugesehen, wie die gestorbene Greisin auf einer Bahre aus ihrem Haus in die Kirche getragen worden sei. Hier, über diesen kleinen Platz:

Für mich momentan alles sehr wichtig, weil die Triestbriefe in einem gewissen Sinn ans Traumschiff anschließen, sogar doppelt verankert, sowohl ästhetisch als auch privat, ebenso aber – in der Faktur – den Andersweltlogiken folgen. Und nachdem Helmut und Baskakova das Gespräch langsam beendet, schaltete ich nun noch den Arco-Verleger hinzu, diesmal qua Whatsapp-Video. Was prima war, weil er ihr unbedingt noch Bücher schicken will und dies nach Rußland derzeit nicht fumktioniert, allenfalls auf Umwegen. (Ein paar bekam sie selbstverständlich gleich hier von mir). Und selbstverständlich spielte in deren beider Gespräch, wie zuvor auch schon in meinem und ihrem, der Ausschluß russischer Künstlerinnen und Künstler eine Rolle, daß also allgemein ein Volk-als-‘Ganzes’ verurteilt wird, auch diejenigen Menschen, die Widerstand leisten oder es versuchen. Dieser humanistisch unwürdige Quatsch hat bei uns ja um sich gegriffen, bis hin zum ukrainischen Postulat, nicht mit russischen Künstlerinnen und Künstlern gemeinsam aufzutreten. Es ist dies ein pures Unheil, das imgrunde eine, wenn auch brüchigere und erst einmal persönlich nachvollziehbar, Wiederholung des völkischen Gedankens des, Lars Hartmann, bleichen Lurches ist, seelisch eine geradezu Identifizierung mit dem Feind, “nur” halt gegen ihn gewendet. Banalste Psychologie, die mir als ukrainischem Künstler hochnotpeinlich wäre.

Es ging bis Mitternacht — zuvor muße sie noch ein Bild meiner Schaufensterpuppe knipsen. “Hat sie einen Namen?” “Nein, das käme mir übergriffig vor. Sie wissen doch, kennen Sie jemandes Namen, haben Sie über ihn Macht, oder über sie. Ich aber schätze an dieser Figur ihre auch deutlich gezeigte Distanz, ja sogar Abweisung, die sich schon in der rechten Handhaltung ausdrückt.” Im Geist der Triestbriefe gesprochen, hätte ich auch sagen können, daß sie, diese Puppe, derzeit meine Sídhe sei, wie schon zuvor immer mal wieder, und in diesem, dem Aspekt der geforderten Distanz, der → Liligeia durchaus ähnlich, nur daß sie sehr viel gibt, nicht nur nimmt. Nämlich Inspiration (für die wir allerdings, wie es die Triestbriefe zeigen, existentiell bezahlen).

Ich brachte sie noch zur SBahn-Station Prenzlauer Berg, wartete die Abfahrt der Bahn Richtung Charlottenburg ab und schlenderte durch die glitzernde Nacht wieder heim. Wir waren für den nächsten Nachmittag noch einmal verbredet, diesmal im sommers von mir wie von लक्ष्मी und unserem Sohn geliebten Pratergarten. Beide wollten dazukommen, लक्ष्मी sagte vormittags wegen Halsschmerzen ab, aber → Auxcapri erschien, nicht schon um fünf, doch eine Stunde später, und ich spürte, welche Freude die Begegnung ihm machte. Auch hier wieder – beim guten Praterpils, das ich dort stets mit zweidrei Spritzern Waldmeister mir versetzen lasse – Gespräche zu Argo, zum Traumschiff, zu den Triestbriefen und, als mein Sohn hinzugekommen war, auch über → seine Musik, seine Skepsis momentan. Er drehte ungeniert, wir sind in Berlin, einen Joint, auch ich nahm einen Zug, das Zeug hatte es in sich; ein zweiter hätt mich umgehauen. Na gut, waren ja auch schon zweieinhalb Halbe Bieres gewesen. So daß wir uns gegen acht Uhr dann trennten; Auxcapris machte sich auf den Weg nach daheim, ich brachte Tania noch an die UBahnstation Eberswalder Straße. Dann schritt auch ich, leicht wankend, aber frohen Muts zurück. Um den Helmi saßen die Menschen im Glück, überhaupt waren die Straßen himmlisch geflutet. Und aber zweitausend Kilometer entfernt wird gemordet, geschändet und sonstwie gequält, sich über die knapp tausend der bisherigen Frontlinie walzend. Glaubte ich an Gott, ich müßte stündlich beten.

Indessen s o — pflanz ich meine Apfelbäumchen, ganz wie Baskakova. Zu denen auch Bilder wie dieses gehören:

Ihr, liebste Freundin,
ANH

ANHs Traumschiff.

 

Ein staunenswert schöner Roman über das Sterben.
Hubert Winkels, DIE ZEIT

 

Fotografie des Buchumschlages (©):
>>>> Jan Windszus

Alban Nikolai Herbst
Traumschiff
Roman

mare

320 Seiten.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Lesebändchen.
22 Euro.

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وادي المقابر, fahl. Aus der Nefud, Phase III (Nacht von Tag 2 auf 3). Donnerstag, den 18. Juni 2020: Krebstagebuch, Tag 50.

 

[صحراء النفود.عالم آخر, Abendlager, 17.43 Uhr]

 

Doch es war – von vorgestern auf gestern – Nacht noch, als ich an meinem rechten Ohr die Stimme vernahm, die ich schon immer, muß ich beinah denken, kenne, seit also je — was selbstverständlich die Lebenszeiten ausschließt, die noch keine Erinnerungen bewußt bewahren; ob aber unbewußt, stellt sich bisweilen in Psychoanalysen heraus. Wobei nicht-bewahrte Erinnerungen auch mit dem noch unentwickelten Sprachbewußtsein zusammenhängen. Was ich erinnere (sofern ich das Verb einmal aktivisch verwenden darf, was unterdessen zwar usus, grammatisch dennoch falsch ist), muß ich benennen können, ansonsten ich allenfalls von Ahnungen, in keinem Fall aber Erinnerungen sprechen kann.
Es war also noch Nacht, die allzu bekannte Stimme allzu schlafnah, doch so jenseits der Membran, daß sie mich wirklich weckte. Ohne aber, daß ich sofort verstand, daß dies bereits die oder doch eine Wirkung des nunmehr dritten Kreises sei, in den wir eingeritten sind, und nach dem zweiten Tag schon! So wirken hier die Strahlungen.
“Steh auf, mein Schöner, komm!”, so säuselte die Wüstennixe sanft, ihre Stimme – Häuten von Schlangen gleichend, wenn sie noch leben – ein gekühlter Samt. Auch konnte ich sie riechen, den für sie, sobald erregt, typisch puderigen Duft des Nackens, in dem nur wenig Säure spielt, doch sie ist’s, die uns Männer hinzieht, sofern sie klandestin bleibt und also unsren Fetisch Autonomie so spöttisch wie bestimmend unterläuft. Nahezu alle meine Frauen hatten diesen Korridor, innen, der aus dem Schoß zum Nacken aufgeleitet. So daß ich’s kribbeln spürte zwischen meinen Teppichen. Bis ich dann wirklich wach war.
Sehen konnte ich sie nach wie vor nicht, auch nicht, als ich die Augen öffnete. Das Licht des Mondes war derart hart, daß es durch die Planen meines Zeltes wohl nicht wirklich schien, aber genügend hereinsinterte, daß ich mich gut zurechtfinden konnte, meine entäußerte Krebsin dennoch zwar spürte und, wie erzählt, deutlich roch, aber einfach nicht sah.
“Vertraue”, hauchte sie, gurrte sie.
Dann zog sie mich zum Ursprung.
Hinaus.
Zu einem ihrer Ursprünge, nicht meiner. Ich bin damit lediglich geboren. Was es bedeutet – oder, damals, bedeutete – hat zuerst sie austragen müssen. Denn

(w)er die Last für etwas tragen soll, das er sich nicht vorstellen kann, muß es sich erfinden. Er wird sonst krank oder verstummt. Sicher, vorstellen kann es sich jeder irgendwann, deshalb gibt es ja Geschichte als Lehrfach. Aber wie sollen wir es fühlen, wie Buße für etwas tun, innen, in uns, wenn wir uns nicht persönlich erinnern, wenn der Raum, in dem angeblich unsere Schuld sitzt, leer ist?
ANH,
Meere

Mit dieser, wie wir sie → in meiner Analyse nannten, schuldlosen Schuld wuchs ich auf, die auch allenthalben vorgeworfen wurde und aber zuhause kein Thema war, weil schon mein Vater ihrerseits sich geduckt hatte und verschwunden war und meine Mutter den wirtschaftlichen Vorteil sah, der in diesem Namen steckte. Den sie auch nach der Scheidung weiternutzte. “Du wirst auch einmal aufgehängt wie dein Großonkel”, auch der Satz steht in MEERE. Ein Lehrer sagt ihn dem Buben vor versammelter Klasse und feixt sich eins, dies linke Arschloch. Ich weiß natürlich noch heute nicht, schon gar nicht in der Nefud, welches Trauma der damals durchaus noch sehr jungen Pädagoge quasi aus Notwehr weiterreichen wollte; jedenfalls ist es ihm gelungen.
“Schau nur die …” säuselte Liligeia flatteratmig in mein linkes, dann “… vielen schönen Toten!” in mein rechtes Ohr.
Wir warn schon draußen vorm Zelt. Es war empfindlich kalt, aber das lichtdurchfunkelte Firmament sensationell. Ich hatte mir über den Thawb noch zwei Ziegenfelldecken, die nach ihren unfreiwilligen Spendern selbst noch hier draußen durchaus rochen, um Schultern und Brust gezogen. So ging es einigermaßen. Und in dem extrem harten, fast schmerzhaft weißen Mondlicht, war irgendetwas von Lilly schon zu sehen, eine Art schweifender, oft zerfransender, dann wieder sich nach DNA-Manier zu wenigstens zwei, ich glaube aber eher vier bis fünf matt-opaken Strängen einrollender, allenfalls zu einem Siebtel materieller Hauch, der mal voranschlängelte, dann stehenblieb, was bedeute: meinen Körper orbitierte, schneller wurde, und der Nacken duftete hindurch. Schon war ich erneut an den Händen, ja, beiden, gefaßt und weitergezogen.
Da wurde die Blickfläche weit und das eigentliche Tal erst sichtbar, dahinter der nächste Höhenzug, auf den ganz offenbar das in Sicht gekommene, offenbar granitene  Mementum zur Hälfte hinausführte – die Kuppel der krönenden Rotunde oder was immer es war, riesig mußte sie sein, mit einer der Büste von Lillys Kopf … nun  jà, geschmückt? Es war durchaus zum Erschrecken. Zumal auch die Zeitabläufe wieder durcheinander gerieten. So kam es mir vor. Der Mond wie auf den rechten Hang gepinnt, sein Licht eher nicht nach Naturgesetzen strahlend.

“Was soll ich hier? Was muß ich hier?”
“Deine Angst verlieren.”
“Welche Angst?”
Lilly mußte lachen. Lachte sie wirklich? “Sie natürlich erst mal zugeben”, lachte, nein, kicherte sie. “Das fiel dir doch immer am schwersten. Und dann … dann  kannst du sie verlieren. Also komm schon weiter! Sie werden dir verzeihen, die Schuld von dir nehmen, die auf die nicht ist.”
Wen meinte sie mit ‘sie’?
“Doch mußt du zuhören.”
Weh Dir, mußte ich denken, daß du ein Enkel bist! Momentlang schwoll mir der Groll wie ein Hahnenkamm auf. Schuld als genetische Erbschaft ist eine Idee des Faschismus:

Du sollst sie nicht anbeten noch ihnen dienen. Denn ich bin der HERR, dein Gott, bin ein eifriger Gott, der die Missetat der Väter heimsucht über die Kinder ins dritte und vierte Glied, die mich hassen.
5 Mose 5:9

Wieso ist ausgerechnet Charlotte Auerbachs schmales Buch, das eher eine Einführung als , als eines der ersten in meine gerade entstehende Bibliothek gelangt? Ich kann da noch keine zwölf/dreizehn gewesen sein. Auch dies einer der monatlichen Vorschlags”bände” des Bertelsmann-Buchclubs, dem meine Großeltern ebenso selbstverständlich angehörten, wie sie Brathähnchen nur beim Wienerwald aßen? Die Billigbroiler kamen damals gerade erst aus. Als ich, bei KARSTADT, eines klauen wollte, wurde ich erwischt und saß dann drei Tage Einzelhaft in der Jugendstrafanstalt … oh, wie kann ich jetzt ihren Namen, ihren Ort vergessen haben? – ist es das bleiche Licht, sind es die namenlos Toten, die mir die Erinnerung plötzlich verwehren? Auch an dem Ort, in den ich gesperrt war, waren Hinrichtungen sogenannt unwerten Lebens wie am Schnürchen weggespritzt worden. Jede Wand atmete noch Schreie aus. Die Wärter hieben, wenn ich mich tagsüber auf die Pritsche legte, mit ihren Hartgummistöcken auf die Tür ein. Bis ich mich zurück an den Tisch gesetzt hatte. Ich sollte meine Schuld überdenken und zur lebenslangen Reue finden. Deshalb war mir kein Buch erlaubt, nichts dergleichen, auch kein Papier, um zu schreiben, ein Stift war es sowieso nicht. Ich war da, glaube ich, fünfzehn. Seither kann ich nicht mehr bei geschlossenem Fenster schlafen.
“So nahe warst du ihnen schon. Dann leg dich doch zu ihnen, jetzt. Ich lege mich dazu. Ist es nicht sowieso mein Platz, zu dem ich dich nur hole?”
“Der Toten nicht alleine wegen.”
“Nein, es geht auch nicht um Schuld. Es geht um Schuldgefühle, die nicht zugelassen werden.”
“Ich hätte dazu keinen Grund gehabt.”
“Doch: Gesund zu bleiben. Wer sich nicht anpaßt, der wird krank. Oder ausgesondert. Auch das ist ein Naturgesetz. Die Welt ist nicht moralisch. Du warst, mein Freund, zu hart.”
Wir hatten die Nekropole unterdessen betreten, schritten durch die Reihen der meist liegenden, indes im Zentrum stehenden Betonquader, mir drückte es das Herz, zumal ich einmal im Hintergrund ich etwa Liligeias Kopf, sondern das Label der Deutschen Bahn aufragen sah, der Vorläuferin die Lagertransporte besorgt hat. So bleibt die Kontinuität heute noch zu spüren. Und mein Vater, das Wasser steht zum Herzen, und jede Vene ist verkrebst, fällt vor seiner Finca ins Koma, wird gefunden, nach Deutschland überführt, wo er vergeblich stirbt, mit etwas über sechzig. Er sprach nicht mehr, nun wollt’s er’s nur noch, mit seinem Vater etwas, dem da noch lebenden Südtiroler Nationalsozialisten mit Hitlerbild auf dem Altar. Wolf Graf Welsperg, so durch die Entnazifizierung geschlittert und deshalb schon nicht willig, mit seinem ‘Sozialistensohn’ (womit er ihn als SPD-Parteimitglied meinte) auch nur ein einzges Wort zu wechseln. Meine Mutter fand diesen Mann charmant, der meinen Vater um mehr als dreißig Jahre überlebte, unserer, meines Vaters und meiner, Schuldgefühl völlig bar, die hätten müssen seine. Wir trugen sie für ihn.
“Verstehst Du noch nicht? Auch so fängt sowas an. Aber nun lege dich schon her zu mir. Laß uns hier einfach schlafen, bis uns die Sonne weckt, und mit den Toten träumen. Sie wissen gut zu singen.”
Da ward das Mondlicht fester und fester, wurde schmiegsam, anschmiegsam, legte sich um beide uns, und als wäre ich gar nicht erwacht, sondern läge weiterhin zwischen den Teppichen im Zelt, so war’s mit einem Mal. Nur lag nun außen Li an mir, direkt an meiner Haut, war nicht nur mit unter die Ziegenfelle´geschlüpft, nein hatte es auch irgendwie geschafft, unter mein Gewand zu kommen, doch immer nun, wenn ich kurz davor war, wegzunicken, pustete sie in eines meiner Nasenlöcher, dieses muntre, ungebundne Kind. In seinem – ihrer, diese Krebsin – Kichern schlief ich denn ein … —

Li (Ligeia), meine Lilie / Krebsin Lilly auf dem Felde /
Liligeia, meine Li.
Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 3. Mai 2020: Krebstag 4.

Lo, the lilies of the field!
How their leaves instruction yield!
Reginald Heber
A Book of Hymns for Public and Private Devotion (1866)
Dante Gabriel Rossetti
Ligeia Siren (1873)
(Bild ©: → wikipedia)
[Arbeitswohnung, 6.15 Uhr]

Früh schon war sie bei ihm. Bei ihrer ersten Begegnung selbst noch ein Kind, wußte sie nicht, wer sie war, und was. So spielte sie mit dem Jungen, der mit den anderen nicht spielte oder doch kaum, Fangmich!, Fangmich! und Verstecken. Wie tödlich seine Lilly war, wußt’ er indes schon mit zwölf. Doch konnt’ er sie nicht meiden, die, als sie fortzog (er weiß bis heute nicht, wo sie zuhaus war, sah niemals ihre Eltern; immer des abends verschwand sie im Wald — wenn sich das zwar dichte, doch nicht allzu ausgedehnte Gehölz oberhalb des Franzschen Feldes so nennen läßt; nicht selten verschwand sie auch in den überwucherten Tiefen des aufgelassenen Friedhofs, den es heute nicht mehr gibt, Braunschweig, zwischen Katharinenstraße und Rebenring; unterdessen ist es ein Park).
Seit sie nicht mehr da war, blieb sie in ihm. Doch daß Lilly es war, wußte er nicht. Denn auch nur dann machte sie sich bemerkbar, wenn der Junge nicht mehr aus und ein wußte, weil es keine Möglichkeit gab, sich zu wehren. Er hätte sich abfinden müssen. Was er aber nie konnte. Dabei warnte und warnte sie ihn, wenigstens einmal pro Jahr. Dann krümmte er sich und konnt’ sich nicht rühren; einmal, bei einem solchen Anfall, fiel er sogar vom Rad und bog sich, auf dem Gehsteig, um seinen Bauch.
Er wurde in die Klinik geschickt, allein, das Köfferchen in der Hand, ging er hin. Zweidrei Tage blieb er dort, wurde, seiner Erinnerung nach, nicht einmal besucht, nicht von der Mutter, nicht von dem Bruder. Die Ärztinnen und Ärzte wußten nicht, was er hatte, bekamen es auch nicht heraus. Selbst auf den Röntgenbildern war Li nicht zu sehen. Und blieb ihm doch für sein Leben.
Ich stell sie mir blond vor, ein bißchen wie → Svenja. Daß stets der Schmerz wieder wich, lockt’ ihn indes zu dunklen Frauen, die Sirenen waren: So sangen ihre Augen. Drei, fast vier Jahrzehnte später fragte ihn sein Psychoanalytiker: “Weshalb verbinden Sie Liebe stets mit dem Tod? Sie suchen, als wäre sie Eros, Gefahr.” Er hatte auf dem Ätna, ganz oben, gestanden, als er ausbrach, er war den glühenden, rauschhaft langsam, doch unaufhaltsam kriechenden Lavezungen gefolgt. Er spielte mit Frauen gefährliche Spiele, sie spielten sie mit ihm. “Fruchtbarkeit”, gab er zur Antwort, “ist, wo der Tod ist.” Und wieder warnte ihn Li. Eine nächste Nacht lag er starr, konnt’ sich nicht rühren vor Schmerz. Als er vorüber, zog’s ihn zur nächsten Gefahr. Li war das Zentrum seiner Kraft. Als ihm bewußt ward, kein zweites Mal mehr ein Vater zu werden und die Fruchtbarkeit ihn also verließ, und dennoch hörte er nicht, verließ ihn seine kreative Potenz. Er hatte Li nichts mehr entgegenzusetzen, ihre Balance brach entzwei.

Die Legende von Lan-an-Sídhe, einer vampirischen Sirene, erzählt, sie schenke den Dichtern die Inspiration und sauge zum Ausgleich das Leben aus ihnen, das sie ernährt. Es ist ein vielleicht unheimlicher, letztlich aber fairer Tausch. Sie verlangt nicht, daß man sich hingibt, sie lockt auch nicht: Für ihre Schönheit kann sie nichts und auch nicht für ihren Gesang. Dann kommt so ein Knirps, sagt “So gibt mir”, und sie sagt: “Dann | wirst du mein.” Zu leben bedeutet, zu zeugen und zu töten, das Leben wollen, dies zu akzeptieren. Die Frage ist immer nur, wie.
Niemals anerkannte er Autoritäten, wohl aber Autorität. “Paß dich an”, sagte seine Mutter, “Akzeptiere die Macht”, sagte die ihre, “sonst zerschlägt sie dich.” “Füge dich ein”, fügte die Mutter hinzu. So sagten es, außer wenigen, seine Lehrer. Er hörte nichts, nur wie Li sang. Ein-, manchmal zweimal pro Jahr mußte er zahlen, stets direkt unterhalb der Stelle, um die sich nun der Tumor gelegt hat. Es ist der Sitz des Manipura-Chakras, das die Schöpfungskraft beschreibt und bestimmt. Seit dort die Lösung, von der sich Li – es war und ist’s noch, ein Vertrag – sein Leben lang ernährte, nicht mehr wirklich fließt, ist sie dort gewachsen, um sich woanders her, was sie fürs eigne Leben braucht, aus seinem Leib zu nehmen. Auf → diesem Bild kann man es sehen, auch ihre fremde und enorme Schönheit (aus Copyrightgründen darf ich’s hier direkt nicht zeigen; das stört nun eine wenig den Rhythmus des Satzes). Sie wird wieder schwinden, wenn ich die Quelle erneut zu öffnen vermag, so daß sie wieder sprudelt.

“Ich werde sie öffnen”, sagte ich nach dem Aufstehn zu ihr, während ich die duftenden Espressobohnen mahlte. “Ich verspreche es dir, Li.” “Dann mußt du”, gab sie zur Antwort, “zu sublimieren lernen – etwas, das du niemals vermochtest, noch gar es zu wollen. Du  mußt mich sublimieren, den Eros woandersher beziehen als aus der Vitalität deines Körpers und seiner Fruchtbarkeit. Es ist dies, womit du dich nun abfinden mußt. Dein Kampf dagegen war großartig, schau mich an, wie ich leuchte: Er hat mich, wie ich dich, himmlisch versorgt. Nun sorg für mich anders. Ich bin bereit, aber möchte nicht sterben, genauso wenig wie du.”
Ich schäumte die Milch auf. Ob ich dies weiterhin tun darf, weiß ich noch nicht. Gestern hat लक्ष्मी mich auf ketogne Diät gesetzt. → Schau es Dir, Lillyli, an. Allerdings ist die “Methode” umstritten. Nur sind es andre Methoden genauso. Es bleibt, o Sirene, bei dem Befund, daß wir glauben müssen. Woran indes, ist persönlich.
Ich, Li, glaub nun an Dich.

Ein intensiver Brief Benjamins Steins hat mich erreicht, der Zweifel daran hat, ob es sinnvoll sei, über meine – doch ist es das denn? – Erkrankung öffentlich zu schreiben. Aber darum geht es ihm nicht, vielmehr:

Ein Karzinom, denke ich, nicht. Es ist Fleisch von unserem Fleisch. Wir selbst haben es hervorgebracht. Wenn wir ihm einen Namen geben wollen, müsste es unser Name sein. Und wenn wir mit ihm sprechen wollen, müssen wir uns klar sein, dass es ein Selbstgespräch wäre. (…) Schön daran: Während Du im Strick, in der Pistole erstaunlicherweise nicht, ein Schuldeingeständnis siehst, wird nun niemand behaupten können, in einem Krebstod läge irgendeine Art von Eingeständnis. Das ist ein so poetischer Ausweg, wie ihn nur das Unbewusste eines Dichters erdichten und damit in die Welt bringen kann.  (…) Wenn Du Erkenntnis willst, dann musst Du umgehend anfangen, mit Dir zu reden. Stolz und Geltungswunsch kannst Du dabei gleich mal beiseite lassen.

Er schreibt, mir dies zu schreiben, sei übergriffig und eine Zumutung. Ich empfinde das Gegenteil. Es ist vielmehr ein Übergriff, wenn ich seine Sätze hier zitiere. Doch indem ich Li poetisch begreife und auch so spüre, ist sie, ganz wie ich selbst bin, ein Teil meines Werks. Ich war von ihm nie zu trennen. Dennoch werde ich auf den Brief privat, nicht hier antworten und eben dies aus Achtung und Respekt vor dem Freund. Liligeia, verstehe mich bitte: Sein Verhältnis zu sich, zumal es einen GOtt kennt, ist ein andres als meines zu mir – zu also Dir, die, wenn es einen für mich gibt, immer EIne war und weniger GOtt als Naturgeist, -geistin, und zwar eine unter vielen. Nur daß diese sich, Du Dich, so mir zugewendet hast wie ich mich meinerseits Dir.

O Li, wie klingt dies alles esoterisch! Ich möchte lachen, bin aufs komischste verwirrt. Zugleich aber klar, weil mir plötzlich möglich wird, das unvorstellbare Letzte noch einmal, und nun an mir selbst, Dichtung werden zu lassen, das ich allein durch mein Vorhaben mit dem TRAUMSCHIFF in gewissem Sinn gelästert habe.
Erinnere Dich. Als ich mit dem mir damals noch engst befreundeten Profi zu meiner ersten Kreuzfahrt aufbrach – ziemlich genau neun Jahre ist es her – , der nur kurzen, gleichwohl intensiven, auf der mir zum TRAUMSCHIFF die Idee kam, hatte er, der Freund, zwei kleine Urnen dabei, darin die Asche seiner an Krebs (!) verstorbenen Geliebten, einer vertrauten Freundin auch mir. Die Bamberger Elegien sind ihr gewidmet.
Der Profi war noch tief in Trauer.
Wir ließen das erste Ürnchen südlich Nizzas ins Meer, das zweite in der Enge vor Gibraltar. Dazu öffneten wir eine Flasche Rotwein, ein russischer Pianist war mit bei uns. Vier Gläser. Drei für uns, eines für Ursula, das wir wie die unseren füllten, aber dem kleinen Gefäß hinterherfließen ließen, nachdem wir angestoßen hatten. — Ist es falsch, in dem Geschehen eine Vorwegnahme für das zu sehen, was nun geschieht, nachdem ich den Roman dann wirklich geschrieben und veröffentlicht habe? Schon damals, als er erschien, sagte ich zu meiner Geliebten, ich hätte das Gefühl, eine Blasphemie begangen zu haben — nicht, weil ich mich erdreistet hatte, sondern weil ich dem Sterben so nahe gekommen, wie es im Leben stehenden Menschen verwehrt ist, vielleicht verwehrt sein auch muß. Daß es mir dennoch, Li, gelang, auch das verdanke ich Dir. Nun läßt mich Deine Klarheit, meinem Radikalen völlig gemäß, in selber Münze zahlen. Und ich, ich gehe weiter.
Ich verstehe Benjamins Unbehagen dabei. Auf die erste Blasphemie setze ich nun noch die zweite und beharre auf der wechselseitigen Unablösbarkeit von Person und Werk. Ohne das eine ist auch die andre nicht einmal denkbar. Dies war künstlerisch immer mein Credo — ein so empfundenes, nicht konstruiertes. Ich erinnere mich, wie erbost लक्ष्मी war, als ich ihr vor Jahren sagte, es geschah am Helmholtzplatz auf der Raumerstraßenseite, auch mein Sohn sei ein Teil meines Werks. Daß ich so nun auch Dich, Ligeia, sehe (und den Namen einer Figur gewählt habe, die mich seit meinem ungefähr fünfzehnten Lebensjahr wieder und wieder beschäftigt, so sehr hat sie mich geprägt), ist künstlerische Existenzlogik, egal, ob boshaft formuliert werden kann, daß ich nun auch die Krankheit inszenierte. Sie ist aber da und ein Teil von mir. Auch Du, Li, bist, um es nochmal mit Benjamin zu sagen, Fleisch von meinem Fleisch. Und daß ich versuche, Dich gestaltend zu integrieren, ist ein Verarbeitungsmodus, der mich verstehen – und erschaudern drüber – läßt, wie furchtbar diese Krankheit für Menschen sein muß, die solche, sagen wir, Technik nicht zur Verfügung haben, sondern sich in jeglicher Weise ausliefern müssen. Daß der künstlerische Modus zusammenbrechen wird, auch mir, wenn der körperliche Schmerz zu überwältigend geworden sein wird, um überhaupt denken noch zu können, gibt ihm nicht unrecht. Im Gegenteil, es unterstreicht das Menschliche, Menschenmögliche des Vorgangs.

ANH

P.S.: Ob ich morgen und übermorgen in Der Dschungel schreiben werde können, ist der dann im Krankenhaus auf mich zukommenden zahlreichen Untersuchungen wegen mehr als ungewiß. Aber ich werde es versuchen. Mein Zenbook nehm ich auf jeden Fall mit.

ANHs MEERE. In der originalen Fassung.

 

<MEERE orig mare.de

Alban Nikolai Herbst
Meere
Roman

mare
Zweite Aufage 2018
263 Seiten
Gebunden mit Schutzumschlag
22 Euro

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