O schweres Atmen der Zeit! Leoš Janáčeks „Věc Makropulos” in Claus Guths & Simon Rattles Interpretation der Staatsoper Unter den Linden Berlin. Mit Marlis Petersen.

[Nach der Premiere des 13. Februars 2022 für Faust-
kultur geschrieben und → d o r t am 14. erschienen.
Hier, nach erneutem Besuch am 25. Februar, leicht
revidiert[1]Weil eine szenische Idee im Nachhinein gestrichen wurde. sowie mit einer Anmer-
kung und Fußnoten versehen.

Fotografien (©): → Monika Rittershaus]

 

Mit schwerem wie hohlem, einem einsamen Atmen geht es los, wir schauen in eine Monade gleichsam aus Milch, eine um sich selbst gekrümmte Blase purer Zeit, und rechts davon in das Stückchen Realität einer Rechtsanwaltskanzlei. Wirblig – wie sinnlos! – geht es da zu. In der Monade indes steht eine derart ferne Frau, daß sie, auch weil sie kein Haar hat, ohne Alter wirkt; sie ist völlig allein. Hinten hängt das Kostüm ihres nächsten Auftritts bereit, Austritts aus der Ewigkeit – wenn auch einer gefühlten; 337 Jahre erreichen die nicht. Doch für uns – “Du aber, Mensch, wie lang lebst denn Du?” -, die wir, in der Lindenoper hier, zusehn und hören, um von den begehrlich handelnden andren Personen der Oper zu schweigen, sind sie ihr Maß.

Immer noch das Atmen.

Und dann, in geradezu erschreckender Schönheit und Weite, läßt Simon Rattle die Staatskapelle los. Der Klang ist tatsächlich raum- doch eben auch zeiterweiternd; er “beamt” uns sowohl in den Auren der Melodik als auch vermittels ihrer Klangrisse in die letzten Zwanzigerjahre zurück, bis mit Bürovorsteher Vítek Janáčeks typischer, hautnah am Tschechischen pochender Kompositionsduktus einsetzt und uns im realen Prag jener Jahre ankommen läßt. Hier nun hat das Tanzensemble, anders als nebenan im Antikristen, eine durchgängig einsichtige, großartig, ja ihrerseits, darf ich hier schreiben, “komponierte” Funktion; sie bebildert nicht, sondern tut, soll nicht bedeuten, sondern ist, und das die gesamten etwa eine Stunde fünfzig hindurch. Wobei, daß alle Auftretenden, soweit sie singen, große Stimmen haben, bei einer Premiere der Berliner Staatsoper nicht eigens gesagt werden muß. Wir schwimmen da auf Weltniveau. – Oh, aber ich vergaß: Die Ewigkeitenblase hat sich nach links geschoben (auch schon ein Kunststück, daß wir dies nicht als von einer Drehbühne bewirkt wahrnehmen), die gesamte Bühne ward zur Kanzlei, worinnen hektisch die Akte des nun schon fast hundert Jahre währende Falles Prus ./. Gregor gesucht wird, der gerichtlich heute abgeschlossen werden soll und an dem aus begehrten Ewigkeitsgründen auch Emilia Marty Interesse hat, eine bewunderte, zur Zeit in Prag gastierende Opernsängerin. Welches Interesse in Wahrheit, verrate ich nicht. Doch haben wir in der Blase gesehen, wie die aus aller Zeit gefallene Frau sich angekleidet, auch mit Haar, hat. Jetzt sehen wir sie unendlich verjüngt und rasend schön die Kanzlei betreten. Und sie setzt an.

Vom ersten Ton an macht uns Marlis Petersens Gesang geradezu hilflos vor klanglicher Reinheit und Kraft. Wir spüren schon hier die von Marty verströmte erotische Magie, deren Wesentliches Kälte ist, und aber doch aus einer Not, die sich noch selbst nicht weiß. Sie, diese Frau, wird es sein, die scheinbar ewige, die sich entwickelt – nicht hingegen gelingt es den “realen” Personen. Es ist Claus Guths und seines Teams höchste Achtung gebietende Leistung, darauf nicht nur den Fokus dieser Inszenierung gelegt zu haben, sondern durch sämtliche Welten der Metamorphosen Emilia Martys uns bis ins Jahr 1601 – als sie sechzehn gewesen und Elina Makropulos noch hieß – sinnlich erfahrbar werden zu lassen. Es ist doch so, das All ist kalt, verschwindend klein Planeten darinnen, auf denen auch nur selten Leben möglich ist. Das All ist kalt, die Zeit ist kalt, Elina aber wirkt nur so, in Zeitmilch bleibend getaucht, darinnen sie keine Kontur hat. So ist sie denn gefühllos, dann wieder interessegeleitet verführend – wie sie denn auch mit dem eitlen Prus die Nacht verbringt (“Kalt wie Eis. Als hätte ich eine Tote gehalten.”) . Die Folgeszene ist durchaus, in schlimmer Weise, pervers: “Wollen Sie mir ins Gesicht spucken?” “Nein, aber mir.” Janáčeks – der nach Karel Čapeks auf, vor allem in den Hauk-Szenen, deutlich slawische Weise grotesken Komödie auch das Libretto schrieb – … Janáčeks Mut also war selbst für die Zwanzigerjahre ungeheuer. Guth und Peterssen sind nur konsequent, wenn die Marty sich in dieser Szene obszön räkelt (“… ich bin schon lange keine Dame mehr”), was heikel nur deshalb nicht ist, weil Petersens Körper sein Zurschaustellen mehr als nur erlaubt – und der Figur die Zeit, in der sie Hunderte “gehabt”. Das läßt sie denn auch höhnisch sagen, was scherten sie denn ihre Kinder? Die Musik dazu ist extrem. Nur daß sie von denen als “Trabanten” spricht (im Original “trabantů”), ist schon im tschechischen Libretto ein Fehler. Sie wird von denen ja eben nicht begleitet, lehnt solch Begleitschutz sogar ab.

Jedenfalls, nur einen ihrer Liebhaber (allenfalls Sexpartner für sie und wenn sie sich vom Einsatz ihres Leibes was Feines verspricht) … nur einen, vor langer Zeit, hat sie geliebt und gibt es zu fast am Ende Aufzug III, wiederholt es sogar – … dessent-, “Pepi”s, -wegen, indirekt, ist sie an Prus ./. Gregor überhaupt interessiert. Weshalb wir die “Sache Makropulos” auch von dem ebenso genannten “Fall” streng unterscheiden müssen. In den verschiedenen Übersetzungen des Titels, Věc Makropulos, geht’s aber munter durcheinander. Wie denn auch sonst, da wir doch sterblich sind und aus Martys Sicht “Schatten bloß und Sachen”?

Guths Inszenierung ist nicht ergreifend, sondern in ihrer ihrerseits Kälte brutal. Und dadurch, emphatisch gesprochen, wahr. Aber er versucht, die Kälte zu relativieren. Und da nun passieren Fehler, die solche nicht, sondern Zugeständnisse ans Publikum sind. Es mag noch angehen, daß er zur Plastizität einiger Themen – die bei Janáček zwar wiederholt, aber dieses vornehm, doch nie (anders als bei etwa Puccini) selbstbefeiert werden – immer wieder das Kind den Bühnenrand beschreiten läßt, das die Marty einst gewesen; ebenso die alte Frau, die sie hätte werden können. Abgesehen davon, daß ich mich von sowas, wie Adorno von Wagners Leitmotiven, ständig am Ärmel gezupft fühle, wo ich nun wirklich selbst beobachten und hören kann … davon also abgesehen, ist beides aufs schwerste sentimental und soll uns Affen Zucker geben. Indes hat genau sowas in Kunst nichts verloren. Und weil Guth das eigentlich weiß, begeht er den tatsächlichen Fehler. Als Marty, damals noch Makropulos, das Lebenselixier zu sich nahm, war sie sechzehn und eben kein Kind mehr. Zu ihrer Zeit galt sie als in heiratsfähigem Alter und hätte, wenn verehelicht, sehr ziemlich bald ein Kind bekommen. Da sie nach dem Trunk quasi nicht altert, blieb sie also immer sechzehn, was sie ja gerade auf alle Sterblichen, auch übrigens auf Frauen, so anziehend wirken läßt, daß es zum ihr Verfallensein führt. Da ist das auf- und abwandelnde Kind ein ebenso aber auch restlos falsches Bild[2]In der originalen Rezension (→ bei Faustkultur) folgten hier noch Sätze, die eine zusätzliche Inszenierungsidee kritisierte; sie sind unnötig geworden, denn diese Idee wurde im nachhinein … Continue reading.

Vergessen wir’s schnell wieder. Die Inszenierung, ohne das, ist makellos und wird in mir, ich übertreibe nicht, für immer leben bleiben – in der Pandemie die zweite nach Bieitos Lohengrin von Wagner, bei der es so ist. (Zu dem, übrigens, werde ich Mitte April kommen). Und trägt auch noch, Guths Inszenierung, ein nunmehr feines, sehr, sehr feines Moment, das wir als Hommage an Janáčeks Spätwerk verstehen müssen, ja als Verbeugung geradezu. Denn bei Janáček ist von der Butterfly gar keine Rede. Da befinden wir uns nur auf der von den Kulissen halb schon leergeräumten Bühne des Theaters, also Opernhauses, und Marty, die erst von hinter der Szene gerufen hat, tritt ein. Was sie gespielt hat, wird nicht gesagt. So darf und muß die Fantasie also walten.

Daß Guth da ausgerechnet zu Puccini greift, ist geradezu genial, ausgerechnet zu dem seine Melodien noch und nöcher feiernden, derweil Janáček doch diskret bleibt wie genauso, später, Britten (an den kurz im Zweiten Aufzug drei Takte erinnern – was sie natürlich nicht können, in Martys Ewigkeiten, hätt sie sie denn fortgesetzt, vielleicht dann aber doch) und die allerinnigsten Motive immer nur eben anklingen läßt, dann schon wieder zurücknimmt, und selten, selten steigen sie erneut auf. Das hat enorme, weil stille Nobilität. Derweil er sonstig Berührungsängste nicht kennt, auch nicht vorm unversehens Musical, Momente, die Guth auch spielen läßt und tanzen. Von der Ewigkeit in die Revue und seufzend schon zurück. Bereits ist dieses Martys Blick, alles wird belanglos, lebt wer nur lang genug. “Omrzí zemè, omrzí nebe! / A pozná, že v nĕm umřela duše”: Diese Zeilen nicht tschechisch zu singen, wäre ein Verbrechen. Dank sei den deutschen Obertiteln[3]Langweilig wird die Erde, langweilig wird der Himmel. Und man erkennt, daß daran die Seele gestorben ist. (Dtsch. von → Benjamin Wäntig). Dank sei dem ganzen Team, allen Sängerinnen, allen Sängern und Barenboims Orchester, das sich in Rattles derart intensive Besessenheiten schmiegte und heben, höher und immer höher heben ließ, wobei gegen Ende fast ein wenig zu sehr, um nicht

[ — und hier schrieb ich über die Premiere:][4](Nachtrag am 26.2.)

Petersens Gesang für – wenige, sehr wenige – Momente wegzuschlucken. Sie spürte es und holte noch mal aus. Das ging als Schauern übern Rücken und schneidenscharf ins Herz.

[Gestern abend wurde n i c h t s weggeschluckt, ich sah die Petersen Atem holen …
– und der Klang stand frei im Raum. Weshalb mein Erschauern genauso war.
][5](dito: Nachtrag)

 

Berauscht nach zwei Stunden pausenlos Musik und Guths Musiktheaterkunst radelte ich heim. Und mochte noch nicht schreiben. Doch kam’s auf ein Der-erste-sein mir gar noch nimmer an. Es geht um Anderes, wenn wir uns hier befinden.

 

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Letzte Aufführung in dieser Spielzeit:
Sonntag, den 27. Februar 2022
Karten

Věc Makropulos
Oper in drei Aken (1926)
Musik und Text von Leoš Janáček
nach dem gleichnamigen Schauspiel von Karel Čapek

 

Inszenierung Claus Guth Bühnenbild Étienne Pluss Kostüme Ursula Kudrna
Licht Sebastian Alphons Choreographie Sommer Ulrickson
Dramaturgie Yvonne Gebauer, Benjamin Wäntig

Marlis Petersen, Ludovit Ludha, Peter Hoare,Natalia Skrycka, Bo Skovhus, Spencer Britten, Jan Martiník, Žilvinas Miškinis, Adriane Queiroz, Jan Ježek, Anna Kissjudit
Staatskapelle Berlin, Simon Rattle

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Siehe auch → Marlis Petersens Anderswelt.

References

References
1 Weil eine szenische Idee im Nachhinein gestrichen wurde.
2 In der originalen Rezension (→ bei Faustkultur) folgten hier noch Sätze, die eine zusätzliche Inszenierungsidee kritisierte; sie sind unnötig geworden, denn diese Idee wurde im nachhinein offenbar gestrichen. In der Aufführung des 25.2. war die Szene perfekt.
3 Langweilig wird die Erde, langweilig wird der Himmel. Und man erkennt, daß daran die Seele gestorben ist. (Dtsch. von → Benjamin Wäntig)
4 (Nachtrag am 26.2.)
5 (dito: Nachtrag)

Marlis Petersens Anderswelt. Und Camillo Radickes. In den “Dimensionen”: bei Solo Musica, 2018.

[Fotografien, auch CD-Cover (©):
Yiorgos Mavropoulos]

 

 

Wie frappiert Die Dschungel war, ward → dort bereits geschrieben sowie, ich hätte die Platte sofort bestellt. Was ich bei amazon tat, weil sie dort rätselhafterweise weniger kostete als bei jpc, einem Vertrieb, den ich gemeinhin, auch aus politischen Gründen, vorziehe; hinzukommt, daß ich bei amazon kein Porto zahlen muß. Klar, ich hätte auch vom → Verlag, einem SONY-, gewissermaßen, -“Imprint”, ein Rezensionsexemplar erfragen können, das ich gewiß auch bekommen hätte. Allein, ich war, nachdem die Petersen → in Makropulossachen gehört, zu heiß auf die Scheibe, um warten zu mögen. Und grad mal anderthalb Tage später, gestern vormittag, stand die Sendung bereits aufrecht in meinem Briefkasten, mit einem Absender, der so überraschend war, daß ihm ein quasi-privater Odem entströmte, etwas von mir als geradezu persönlich empfunden:

 

Aber ich projeziere, selbstverständlich — mein Interesse widerspiegelnd und eben auch meine, was für eine Kritik gefährlich ist, Erwartung.
Jedenfalls war klar, ich würde mir nach Abschluß → der Tagesarbeit Zeit für die CD nehmen. Bei Liedern ist das ganz besonders erfordert; Sie müssen, Freundin, dann mindestens zweimal hören, zum einen, indem Sie die Verse mitlesen, zum anderen alleine auf die Musik konzentriert. Hingegen die Partituren mitzulesen, lehne ich für Musikrezensionen ab, weil mich nicht “Werktreue”, was immer das sei, interessiert, sondern die Wahrheit einer Interpretation, zu der die persönliche Auffassung der Interpretinnen und Interpreten unbedingt gehört; sie sind ihrerseits Schaffende, nicht nämlich Nach-, sondern immer, immer Neu(Er)schaffende a u c h und in keinem Fall “Diener”. Die Kunst ist kein Kloster. Daß sich einige über die, ich schreib mal nüchtern, “Vorlage” erheben, ist legitim – sofern das Ergebnis glückt. Wiederum, ob dies der Fall ist, hängt stets auch von den Kenntnissen und Leidenschaften ab, die der Rezensent, die Rezensentin mitbringen, ein Umstand, der es nötig macht, von “Ich” zu schreiben und sich nicht hinter formulierten Vorscheinen einer Objektivität zu verstecken, die es nicht geben kann. Wer’s dennoch tut, will Macht. — Liebste Freundin, bitte mißtrauen Sie solchen Kritiken. Zumal für Rezensionen von Kunst nach wie vor Friedrich Schlegels und Walter Benjamins Forderungen gelten, nämlich der unendlichen Nähe. Wer über Kunst schreibt, muß sich ihr anschmiegen, sie körperlich spüren und darf eben nicht auf Distanz gehen, die allein aufs Urteilen abzielt, was an sich schon eine Anmaßung ist. Ich gehe noch weiter: Eine gute Rezension muß selber eine Schöpfung der Kunst sein, sonst taugt sie nicht oder allenfalls fürs “Tagesgeschäft” und ist als eine, wie Karl Kraus schrieb, Zeitung von heute immer schon von gestern.

Es war siebzehn Uhr, normalerweise arbeite ich bis ungefähr zwanzig, aber da wäre ich nicht mehr konzentriert gewesen, und dies hier würde ja ebenfalls Arbeit, ein für mich positiv besetzter Begriff, weil ich so privilegiert bin, einer nachzugehen, die zwar nicht oder nur selten bezahlt ist, und wenn, dann gering, doch dafür nie entfremdet. Hat sie mit Musik zu tun, wird mein Privileg zur Seele. Und hier nun … ich war von der Frau ohnedies angesext, fast ein bißchen verliebt, aber auf die schwärmerische Weise des Jugendlichen, der ich mal war. Was ich keineswegs verspotte. Im Gegenteil. Auch das ist ein Privileg, keine Schwäche,  mit 67 noch immer so zu empfinden, nicht ständig, bewahre, aber doch ziemlich konstant immer mal wieder.

Zuerst auf den Musiksessel, nein, keinen weichen; hart muß er sein. Und noch die CD nicht in den Kenwood eingelegt, sondern erstmal nur das Booklet anschaun, einen Sundowner dazu, die Pfeife ohnedies im Maul:

Sofort zog ich zischend Luft zwischen meine Zähne. Wie sich die Petersen, auf den phantastischen Fotografien → Yiorgos Mavropoulos[1]Seine Homepage – https://www.yiorgosmavropoulos.com/ – war leider nicht zu erreichen; deshalb ist hier sein Instagram verlinkt., erotisch inszeniert (einen solchen Zug spürte ich ja schon am Sonnabend in der → Makropulosoper), geht unmittelbar unter die Haut, nämlich als wäre sie selber dame verte. Doch ist es für eine “Klassik”-CD besonders ungwöhnlich; dergleichen wäre im Popsegment zu erwarten und geschah da auch oft, geschieht weiter. Hier werden Genregrenzen übertreten, angenehmer-, ja becircenderweise, wenn auch nur im Booklet. Was ich noch nicht wissen konnte. Wobei, daß auch Camillo Radicke sich an dieser mythischen Erotisierung probiert, unversehens ironisch wirkt und einen, jedenfalls mich, aus der Imago hinauswarf:

Dies kann freilich an meiner deulichen Heterosexualität liegen; Frauen geht es vielleicht anders.

Aber nun zur Musik.
Liedkunst ist intim, ganz besonders im eigenen Wohn- und Arbeitsraum, und zwar umso spürbarer, je besser die Musikanlage ist, besonders dann, wenn ihr HighEnd die direkte Nachbarinnenwohnung – jenseits der Wand, an der die Türme der Lautsprecher stehen – als Klangraum quasi mitbenutzt: Gute Boxen verlegen den Klang hinter sich, man hört dann einen riesigen, doch imaginären Konzertsaal schwingen, der in Wirklichkeit nicht da ist; bei besonders guten Pressungen können Sie (aber, Freundin, das wissen Sie ja) die Boxen mit den Augen fixieren; sie werden aus ihnen keinen Klang kommen hören. Bei einem tatsächlichen Saal fällt diese akustische Imago hinweg, weshalb er einer Sängerin von Petersens Klasse nicht nur erlaubt, mit voller Bühnendynamik zu singen, sondern dies sogar erfordert. Im letztlich doch sehr begrenzten Arbeitsraum aber, trotz und wegen des HighEnds, muß quasi nach innen gesungen werden. Das beachtet Petersen oft nicht, bzw. hat Andreas Werner, der Toningenieur, beim Mastering nicht aufgepaßt — wodurch ein gewissermaßen Hochglanz entsteht, der das, was bei gerade diesem Albensujet in uns flirren muß, also das konturlos Ungefähre, das Mavropoulos’ Fortografien tatsächlich haben, zu einem Behaupteten, weil zu forciert Vorgetragenen macht. Hinzu kommt, daß schon vielen der vertonten Texte – und wenn nicht ihnen, so der Faktur der Kompositionen – dies Ungefähre ebenfalls fehlt, sie wirken wie Standards des Konzertliederabends. Genau dies wäre aber zu vermeiden gewesen, auch wenn  ein, sagen wir, “konservatives” Publikum es schätzt. Es schätzt, nicht angefaßt zu werden. Nur ist es der Geisterwelt nicht selten spöttische, oft aber auch begehrende sowie grausame Übergiffigkeit, die genau das eben tut und uns gefangennimmt. Dagegen hilft allenfalls Odysseus’ Wachs in den Ohren, wir nennen’s Ignoranz. Geistersang ist der von Sirenen. Wir müssen Schauer spüren –
weshalb ich, nebenbei bemerkt, nicht verstehe, weshalb Petersen auf den Erlkönig verzichtet hat, der genau das überträgt, Carl Loewes Komposition mehr noch als die berühmtere Schuberts. Wie reizvoll wäre es gewesen, auch diese beiden Lieder einzusingen und -zuspielen! Mit nun wirklich großem Sog haben Petersen und Radicke es mit Eichendorffs “Elfe” auch gemacht, nämlich nicht nur zwei-, sondern dreimal, und zwar mit den Vertonungen Bruno Walters (eine Trouvaille für sich), Julius Weismanns und, kaum zu glauben, Friedrich Guldas. Gerade in Radickes Klavierspiel ist das Flirren hier hinreißend realisiert, auch weil es ein permanentes Tappeln, Trippeln, Wirbeln ist, ein anderes Mal ein Locken, bei dem auch Petersens Höhen genau die benötigte Transparenz bekommen, durch die etwas anderes, eben das Ungefähre, hindurchscheinen kann. (Ich lasse die drei Stücke soeben direkt hintereinander dauer”loopen”.) Es ist auch typisch, daß besonders diejenigen Lieder zu schweben beginnen, die mit den Grenzen des distinkt Tonalen spielen – etwa Harald Genzmer, Hermann Reutter und immer wieder Christian Sinding – und sie nicht selten unterspülen. Wie es eine Wassergeistin ja täte, ich will sogar schreiben (und tu es): t u t. Als Pantheist glaub ich an sie, jedenfalls eher als an einen Gott; der gesamte → Wolpertinger ist von dergleichen Geschöpfen durchschwirrt, und in den → Andersweltbüchern wirken sie indirekt weiter, bei Oisín sogar nicht indirekt. Unter anderem deshalb war ich auf diese CD so gespannt. O ja,ich bin mit Lan-an-Sídhe sehr vertraut (und zahlte meinen Obulus, zahl ihn nach wie vor).
Interessant außerdem, daß Petersen die beklemmendsten Interpretationen in den nordischen Sprachen gelingen, die sie sich, um die Lieder singen zu können, erst zueigen machen mußte; frappierend, welcher Ausdruck ihr etwa mit Stenhammers Fylgia-Anrufung gelingt, die ich jetzt sehr versucht bin, ins Deutsche nachzudichten; ich kannte Gustav Frödings Gedicht noch nicht. Aber auch Sindings Majnat (Mainacht) gibt sie enorme Schönheit.
Ich habe also deutliche Favoriten, wobei auf dieser CD die Lieder des von mir geliebten Carl Loewe eher abfallen. Dafür ist Camillo Radickes Liedbegleitung durchweg wunderbar; er ist es sogar ganz besonders, der für das Schwirren, Flirren, die Mondlichtsschleier sorgt und eine ungewisse Dämmerung, die alle Geister brauchen. Deshalb ärgert mich ein bißchen die leider aber gängige Unart, den Namen des Liedbegleiters, der Liedbegleiterin auf dem Cover stets kleiner, oft sogar v i e l kleiner zu schreiben als den der Sängerin, des Sängers. Mit vollem Recht wurde dies auf den Aufnahmen Fischer-Dieskaus mit Hartmut Höll und Alfred Brendel nicht so gehalten, ebensowenig bei Thomas Hampson und Wolfgang Sawallisch – aber vielleicht, weil dort jeweils beide Musiker einen großen Namen haben, bzw, hatten. Doch auf so was zu achten, also den Marktwert über die Güte eines Künstlers, einer Künstlerin zu stellen, ist mies. Hier indes von Herzen schade, sofern das Bild nicht täuscht:

 

 

 

Ja, es gibt große Momente auf dieser CD, wobei Sie, Freundin, meine auch kritischen Anmerkungen bitte vor allem im Namen der Aufnahme, “Anderswelt”, begründet sehen möchten; für sich, ohne diesen Bedeutungshof gehört, ist sie makelos; jedenfalls lohnt sie einen Abend so oder so – sowie den ganzen Vormittag danach, um sich des eignen Anspruchs wie der Erwartung klarzuwerden, die Lauscherin und Lauscher an den Gesang gestellt, zumal wenn es, soweit ich mich auskenne, in der deutschsprachigen Liedkunst nur einen Komponisten gab, der das Ungefähre ganz im Zentrum seines Werkes hat, am berührendsten wahrscheinlich im zweiten Stück, “Traum”, seines Notturnos op. 47:

Nämlich Othmar Schoeck, in dessen besonders Natur-Liedern das Ungefähre, von dem ich oben schrieb, quasi allgegegenwärtig ist. Lauschen Sie, Freundin, in die hier eingebettete Musik einfach mal hinein; Sie werden’s sofort spüren. Und weil nicht nur Sie es hören werden, wird sie, diese Musik, auch auf junge Menschen wirken, die mit der “klassischen” Liedkunst nichts mehr anzufangen wissen, weil ihre musikalische Sozialisation anders verlief. Darüber wirken die Geister längst hinweg, wie wir bereits an den Dämonennamen vieler Computerprogramme sehen, und an Mavropoulos’, für Marlis Petersen, Huldigungsbildern:

Ein reicher Abend, ich habe dieser Sängerin abermals zu danken.

 

ANH

P.S.:
Wiewohl es möglich wäre, gebe ich diese Besprechung nicht an Faustkultur, und zwar weil sie noch sehr viel enger als sonst mit meiner Poetik verknüpft ist; auf einem anderen Forum wirkte das eitel. Hier ist es Teil der Ästhetik, ein Text Der Dschungel eben, u n d Anderswelt. Also machen Sie, Freundin, sich Ihr eigenes Hörbild:Es lohnt sich so oder so.

References

References
1 Seine Homepage – https://www.yiorgosmavropoulos.com/ – war leider nicht zu erreichen; deshalb ist hier sein Instagram verlinkt.

Die Rezension Makropulos’. (Mit einem Tagebuchnotat und einer wehend kurzen Musik).

Dort in In Fausts Kultur:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wobei es mich eigenartig berührt, daß diese Sängerin, Marlis Petersen, die mich derart beeindruckt hat, eine CD eingespielt hat, die → Dimensionen.Anderswelt heißt. Und dann die Dschungel dieses Covers! Was will mir, fragt Es in mir, dies sagen, ja will es mir was sagen? Soll ich sie fragen, → diese Frau, und ihr also schreiben? An sich ist sowas immer bisserl peinlich und geht mir gegen den Stolz. Doch der Impuls ist stark. Jedenfalls habe ich mir die Aufnahme soeben bestellt. Übermorgen wird sie hier sein.

***

(Erst hatte ich Georges Verszeile unter dem Notat zitiert; jetzt, da die Musik da ist, käme mir das wie Verdoppelung vor, und also habe ich die Zeile wieder gelöscht. Verdopplung in Kunst ist nicht erlaubt. — Wär dies ein Arbeitsjournal, ich setzte statt dessen ein Rufen hinzu.

“H ö r e n , Freundin, Sie!”)

ANH

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