“Ich spüre Dich”: Liligeia an ANH, fünftes Billet, diesmal am frühen Abend des 6. Junis 2020.

Auf dem Säulendach der Weisheit: aus der Nefud, Phase II (4 – Tag 5). Sonnabend, den 6. Juni 2020.

 

[Seven Pillars (سبع ركائز),  Paß,
6.12 Uhr | 71.6 kg]

 

Here WIsdom built HEr house, here SHe struck
seven pillars of contemplation from the desert
ground up to the firmament of the world’s sea.
Now see your own face through the fall of the
geysers.

Ungefähr auf Deutsch: “Hier baute die Weisheit ihr Haus, hier schlug sie sieben Säulen des Besinnens vom wüsten Grund zum Firmament des Weltenmeers hinauf. Nun sehet Euer Selbstgesicht durchs Stürzen der Geysire.” — Weder war aber zu erkennen, woher nun ausgerechnet hier → Geysire und dann auch noch fallen! – oder gar stürzen? wohl so?? (ein fast spontane Vision war das schon, daß sie nach Dalí aussieht, ein bißchen, na nu jà … bin halt bekifft nicht sehr geübt):

— sollten und ja überhaupt könnten, noch ließ sich selbstverständlich ein (oder das) “Weltenmeer” sehen, das aber wohl eine arabische, bloß etwas ungeschickt ins Englische gebrachte poetische Mataphorisierung des Himmels sein dürfte. Nur daß Faisal die beiden Sätze eben nicht, quasi , editierend, auf Arabisch vor sich hinsprach, sowie wir aufs Dach der Weisheit klommen, sondern tatsächlich in der Sprache des britische Kolonialismus: Faisals, ich schreibe einmal, Mandala war nicht introvertiert gemeint, sondern direkt auf  mich gemünzt, wozu schon die unversteckt jüdisch-christliche Herkunft des Motives selbst diente, nur daß ich immer noch nicht ganz wieder bei mir war, weiterhin “wie” bekifft war … es wurde sogar derart, nun  jà, schlimm, daß ich ich überhaupt nicht mehr weiß, wie wir die monumentale Felsformation hinaufsteigen konnten, nicht nur wir paar Expeditionskumpane, nein, auch die Kamele voll der Lasten. Ich habe an diesen Aufstieg tatsächlich keine Erinnerung mehr, nahezu keine. Doch es muß heiß gewesen sein, ich entsinne mich zweidreier schwerer Schwächeanfälle, die mich die Augen schließen und wirklich hinwegschlafen ließen; da ward der Rücken Röhrerichs zum Bettchen eines Säuglings, das mich in Ruhe wippte. O Dromerih, oh Krippedar … wohin falle ich zurück?
“Doch”, erzählte Faisal, nachdem Lars und er mich aus dem Sattel losgemacht hatten, während die Helfer zwei Teppichlagen übereinander ausbreiteten, auf das mich der Arzt und sein, weiß ich unterdessen, Schüler nicht “Diener”!) dann herunterhoben und legten, “doch”, erzählte er, “die Geysire kann jeder sehen, aber hindurchzusehen vermögen nur die auf der Schwelle. Denn sie alleine dringen zu ihren Verstrickungen durch. Wir, die wir sie begleiten, müssen deshalb acht auf sie haben — damit sie wieder zurückkommen.” Er lächelte. “Damit Sie wieder zurückkommen. Dafür müssen wir das Wadi bis morgen abend völlig durchquert haben und es wieder verlassen.”
Obwohl ich von all dem kein Achtel verstand, allenfalls acht Neuntel, war ich viel zu hinweggetreten, um Fragen stellen zu können. Immer noch tanzten die Strahlungen der Nefud Wiener Walzer in Tetrahydrocannabinol und wirbelten mich, auch wenn ich schon lag, an meinen Händen wild herum; also Fahrrad sollte ich jetzt wirklich nicht fahren, und als ich später zu PENNY ging, merkte ich, daß selbst meine Füße die Spur nicht hielten … dafür allerdings keinerlei Schmerzen, wenn auch allerdings das Gefühl baldiger Luftnot (es blieb ein Gefühl, meiner Muse sei Dank) und eine gewisse Scheu vor dem Abendspaziergang, der allerdings im zweiten Höllenkreis der Nefud eh nicht sehr geraten war, jedenfalls nicht heute. Wie Sie lesen, Geliebte, gehört es offenbar zur zweiten Phase meiner Chemo, daß ich die Welten nicht mehr klar trennen kann, sozusagen ergießt sich aus der Nefud einiger Sand auf die Stargarder Straße. Er ist in Höhe Schönhauser Allee bereits zu einer solchen Düne aufgeweht, daß von der Gethsemanekirche aus die elegante, in Moosgrün hochgeführte Eisenbrücke der UBahn fast nicht mehr zu sehen ist. Auch das hat Dalí schnell in mich eingezeichnet – zu schnell allerdings, um auch das hier wiedergeben zu können. So überlaß ich’s Ihrer Fantasy, wirklich Phantasie ist da gar nicht nötig, nicht mal Fantasie. Wobei das wirklich Schwierige, so Faisal auf den Weisheitsfelsen weiter, nicht hindurchzusehen, nicht einmal hindurchzuschreiten, sondern eben zurückzuschreiten sein. Es hätte mich, wäre ich wenige psychedelisiert gewesen, sicherlich stutzig gemacht, daß er obendrein von einem <i>Vorspiel im Venusberg</i> sprach, ja einer ersten “Exerzitie der Hedonie”, zu der sich die Verstrickungen dort komprimierten, die all unser libibdinöses Leben bestimmt; ich selbst, jetzt, mit Abstand und am Berliner Schreibtisch, spräche wohl eher von “Mustern”; aber ich liege ja auf den Teppichen unter dem Weltenmeer und schaue nach Geysiren. Die wir aber erst gegen Abend sehen werden, wenn wir sie sehen werden. Noch ist alles nur Rede. Doch Faisal sagt, er spüre es: “Es wartet das Wadi auf Sie.”

Deshalb, während ich, von den Freunden bewacht, die Wüstensiesta halte, wonach wir dann weiterreiten werden, nur noch eine Bemerkung zur Nacht: Zur Nacht kamen leichte Brustschmerzen zurück, die sich als eine Art Luftenge äußern und die ich mit Pantopranzol schnell in den Griff bekam, das die Magensäure hemmt. Es sind spannende Zusammenhänge. Dazu dann wegen der Schleimhäute 1 Dexamethason, und auch das gelieferte Gurgelwasser wirkt bestens. So daß mich diesmal die drei Tropfen THC-Öls völlig erstaunlich durchschlafen ließen, sechseinhalb Stunden mit nur einer Unterbrechung um Viertel vor zwei. Und gänzlich ohne Beschwerden wachte ich an diesem fünften Tag der zweiten Chemo in Berlin, in der Nefud indes des zweiten Höllenkreises auf; sowohl hier wie dort war nur die Verdauung dann doch noch einmal mit etwas, sagen wir, Nachdruck, zu regeln, wenn auch, in der Wüste, ohne Viper heute, eine solche wiederum auf dem kleinen Dunckerörtchen weder angemessenen Unterschlupf fände noch vor allem Mäuse, Ratten, kleine Vögel und Echsen und wovon sich diese Giftschlangen sonst noch ernähren. Ich selbst wär ja zu groß, um von dem Tier verschlungen werden zu können, und dort schon gar:

Oh — …

… — träumt mir? Bereits wieder aufsitzen? Vielleicht, sollten wir über dem Wadi die Stürzenden Geysire heute noch zu sehen bekommen,

vielleicht daß ich dann versuchen werde, hier drunter auch davon ein Bild, nun also keines “von Dalí”, sondern ein “richtiges” einzustellen, ein realistisch komplett wahres — ansonsten indes, liebste Freundin, hol ich es morgen nach.

Ihr

 

 

[1o.30 Uhr
Scharfes heißes Winden,
drei in der Ferne treibende Sandhosen]

*******

[18.21 Uhr: Wadi
der Verstrickungen]

Unfaßbar! Es stimmt, es stimmt!

وادي التشابك

(Tatsächlich, stürzende Geysire … und kann es sein, daß selbst Lis Augen ..? Ich werde träumen, fruchtfleischsüß und bitter.)

Schwimmen in Luft durch die Wüste: Aus der Nefud, Phase II (3). Krebstag 37: Zum Wadi der Verstrickungen. Am Freitag, den 5. Juni 2020.

 

[عالم آخر.صحراء النفود
7.35 Uhr | 72,9 kg]

 

 

Wir durchreiten die Region der Nefud, von der gesagt wird, ihre starke Strahlung bewirke den Ausfall jeglichen Körperhaars, also auch was bei mir sehr, wenn möglicherweise auch als einziges auffallen würde, der Augenbrauen; ansonsten sind wir draußen ja meistens noch bedeckt, in der Wüste eh, um sich nicht noch einer anderen Gefährdung als derjenigen auszusetzen, derethalben dieser, nun  jà, “Marsch” auf Aqaba eigentlich stattfindet.

(Ein Kommentatorbei Facebook schrieb in einer persönlichen Nachricht
übrigens von → Heldenreise, woran insofern etwas ist, als ich, wenn wir
angekommen sein werden, Liligeia werde ganz allein gegenübertreten
müssen; die Gefährten sind eben das, aber nur das: mit auf selber Fahrt
(daher nämlich kommt Gefährte),  nicht hingegen in selber Gefahr.
Der Kommentator also → schrieb folgendes:

Egal! Mich bewegt Ihr Kampfeswille, die literarische Wucht, mit der Sie der Krankheit begegnen und auch die Metaphorik, die Ihren Weg nachgerade zu einer Heldenreise im besten Sinne machen.

Ich zitiere es hier nicht, weil ich mich für einen Held halte (ich bin alles
andere als das), sondern weil es Dr. Faisals, seines Dieners Lars ibn Gamaels
und meine Reise einem Genre zuschlägt, an das ich selbst überhaupt
nicht gedacht habe, das aber völlig auf der Hand, und flachst auf
seiner Fläche, liegt. Damit reiht sich die Erzählung in einer
Traditionslinie ein, die ich, als ich dieses Projekt begann, eben-
falls nicht im Blick hatte.
ES
| reiht sich ein.)

Noch habe ich aber keinen Haarausfall festgestellt, obwohl ich morgens jetzt immer genau gucke. Noch sind die Brauen wölfisch wie je. Doch irgendwann, fiel mit heute früh ein, werde ich mich rasieren nicht mehr “müssen”. Allerdings war ich da noch immer bekifft. Denn das ist momentan die spürbarste Nebenwirkung dieses neuen, meines zweiten Nefud-Höllenkreises: Ich reite, gehe, schwanke wie unter einer milden, doch dauernd wirkenden Droge. Das hiesige Klima tut freilich einiges hinzu. Losgehn damit tat’s aber bereits vorgestern, fast unmittelbar nach den Infusionen, daß ich das Gefühl bekam, nicht Luft mehr zu atmen, sondern warmes, angenehmes Wasser – durch mir gewachsene Kiemen, die den Sauerstoff herausfiltern, und zwar in einer Reinheit, die unsre Atemluft nicht kennt. Wenn Röhrerich dann, maßvoll vor sich hintrottend, über die Dünen schwankt, war und ist es noch, als säße ich umschlossen in einem Wasserballon und würde mit zeitlich je leichter Versetzung in seinen Binnensögen und -strömen her- und hingespült. Das ist wie eine unentwegte Liebkosung, ich nahm gestern mittag sogar noch zwei THC-Tropfen drauf, weil ich das Gefühl hatte, der cannabiole Wirkstoff (den ich mein Lebtag doch nie spürte) sei eine Liaison mit den Zytostatica eingegangen. Immer wieder schienen sich die neuen Partner zu küssen, ja voneinander zu lecken. So erlebe ich jetzt diese zweite Phase meiner Reise als eine hoch erotische Ausfahrt ins gar nicht mehr Unvertraute und doch exotisch Fremde. Deshalb stimmt das Wort von der Arabeske beinah genauso wie die Heldenfahrt. Ein Tumor als erotische Arabeske; es braucht nicht viel Fantasie, um die bildlichen Kalligraphien der arabischen Schriften sich zu einer klimtschen Muse verdichten zu sehen. Bereits jetzt, um 9.30 Uhr morgens, haben wir knapp dreiunddreißig Grad Celsius; auf weit über vierzig wird’s heute noch hinaufgehn. Und Faisal, der meinen Zustand deutlich im Blick hat, band mich heute auf Röhrerich sogar fest – also an dem für Kamelritte Ungeübte klug ausgetüftelten Gestänge des Dromedarsattels; ich kann nun zwar mitschwanken, was sich eh nicht vermeiden ließe, aber bin nicht in der Gefahr herunterzurutschen. “Konzentrieren Sie sich”, riet Faisal, ” auf das, was Sie wahrnehmen. Sie sind jetzt in einem außergewöhnlichen Zustand höchster Sensibilität und genau deshalb nicht … ich sage es mal so: fahrtüchtig. Wer sich allein auf sich gestellt durch Raum und Zeit bewegt, darf nicht alles wahrnehmen, was auf ihn einwirkt, sondern muß filtern. Da aber wir Sie jetzt führen, können Sie sich davon lösen. Sie müssen nur Vertrauen haben. – Sonstige Nebenwirkungen?”
Nun jà, schon. Am blödesten (das wirklich treffende Wort), daß es mit der, so Josting auf einem Rezept, “chemobedingten Obstipation” wieder losging, heute früh gleich, doch zu ahnen bereits gestern, als ich mich um 22.30 Uhr in mein Zelt zwischen die Teppiche legte. Also sofort nach dem Kaffee gegengesteuert, den unser Kaffeekoch erst aufwallen ließ, ihn wieder herunterklopfte und ein Geflecht aus Palmfasern vorbereitete, um ihn vor dem Einschenken zu filtrieren. Kaffeesatz in der Tasse gilt hierzusands als schlechte Sitte. Gut, also kaum hatte ich genippt, mußte ich auch schon los, um  gegenzusteuern …  – nicht ganz lange, in einer aber doch etwas längeren Sitzung über dem in die leeseitige Düne gegrabenen Sandloch, worin ich, was endlich herauskam, schließlich verscharrte. Bekifft, wohlgemerkt, immer noch und weiterhin bekifft, weshalb es mich in keiner Weise störte, ja sogar amüsierte, daß mir eine mit schätzungsweise einem dreiviertelmeter Länge recht mächtige, doch wohl noch nicht völlig erwärmte Sandrasselotter (tatsächlich gehört die Art zu den Vipern) bei meinen Bemühungen ausgesprochen stoisch zusah; ich meinerseits hatte sie erst ausmachen können, als ich das dörre Buschwerk begutachtete, bevor ich mich davor hinhockte, um es als Sichtschutz zu nutzen. Was ich dann doch besser unterließ. Man k***t doch besser mit der Schlange Aug in Aug. Und da hockte ich nun also drückend, pressend, ächzend und auch ein wenig fluchend, und die Viper sah nur zu, wie ich immerhin noch nichts herausziehen mußte; dennoch, im Lager wieder zurück, ließ ich mir von Faisal gleich ein Mittelchen geben, dessen Wirkung wir vor unserm Aufbruch besser noch abwarteten, um später nicht in Verlegenheiten zu geraten. So umständlich dies nun auch klingen mag, tatsächlich ist momentan nichts geeignet, mich auch nur entfernt zu verstören; ich, weiterhin, schwimme in der Wüstenluft. Und bin bereits versucht, dieses Gefühl einer totalen Osmose mit Welt abermals vermittels zweier oder dreier Tröpfchen zu verstärken… nein, zu → firmen. Denn tatsächlich ist mein Impuls wenn nicht religiös, so doch in hohem Grad spirituell. Er werde mir, kündigte Faisal mir obendrein an, nachdem sein Gamael und er mich am Sattel festgebunden hatten, unbedingt von den Derwischen erzählen müssen, auf die wir spätestens im dritten Höllenkreis treffen würden. “Wirbel”, sagte er, “Lebenswirbel des Glaubens. Und auch Sie sind jetzt einer, der auf der Türschwelle steht.”
Einer, der auf der Türschwelle steht: Der Satz geht mir so wenig nun mehr aus dem Kopf, daß ich darauf fast fiebere, Faisal möge mir sein Rätsel lösen. Nur hatte ich es, da waren wir schon auf der Strecke, momentlang erneut mit dem lästigen Fingerkribbeln zu tun, eine Docetaxel-Folge, die über Nacht zu einer Art leichter Stumpfheit der ganzen rechten Hand geführt hat und auf jeden Fall ebenso beobachtet werden sollte wie seit gestern abend und noch heute früh eine gewisse Steifigkeit im Nacken — alles nicht wirklich schlimm, aber bißchen lästig.
So schwanke ich im Wortsinn durch die Wüste, lasse mich schwanken, nehme nur wahr, als wären nicht nur meine Körpergrenzen Übergänge, die an wehende, dennoch sehr schwere, sich an ihren Säumen weitläufig zerfransende Stores aus opaken Nesseln erinnern, sondern auch die Konturen der Dünen sind nur ungefähre, ebenso wie sogar die von Zeit zu Zeit aufragendenden windbizarren Felsgebilde, durch deren Schluchten wir zu reiten scheinen — sie wirken wie Höhen aus Treibsand, vor dem wir uns in dieser Phase ohnedies sehr vorsehen müssen. Allzu schmerzhaft erinnere mich daran, wie sich damals mein junger Diener Daud nur ein paar wenige Schritte auf diese Düne vorgewagt hatte und der allzuweiche weiße Sand sich auftat, um ihn für immer, sich einrieselnd, hinabzuziehen. Von Anfang an war der Junge nicht zu retten. Es ging mir entsetzlich ans Herz. Und zwar hat man mir später meine Erzählung nicht geglaubt, ja sie für Unfug erklärt, so etwas wie diesen Treibsand gebe es nicht — lange, sehr lange indes nach meinem Motorradunfall und indem ich mich an geeigneten Orten mal hier, mal dort reinkarnierte, kam es zu einer Versuchsreihe, die mich fast vollständig rehabilierte. (Ich weiß genau, wie gerne man mich als Großmaul diffamieren wollte – was zuzeiten leider auch gelang.)  Wie auch immer, in der Trockenheit der Nefud können Sandwehen sich wie Wasser verhalten. Besonders luftig rutscht das Sandgranulat durchs ständig neu Aufgewirbeltwerden ständig ineinander, vierzig Prozent des Volumens ist reine Luft. Deshalb, so → bestätigte mir 2004 endlich DIE ZEIT (achtundsiebzig Jahre, nachdem → mein Buch erschien!),

könnten solche Sandbetten durchaus eine Bedrohung für Menschen darstellen, (…) und Berichte, nach denen Reisende und ganze Fahrzeuge plötzlich darin verschwunden sind, erscheinen im Licht unserer Experimente glaubwürdig.

***

 

Es geht auf den Mittag zu, ich brauche, denk ich, eine Rast. Die weise Wüste weist den Ort: das Wadi der Verstrickungen, das wir bis übermorgen abend durchzogen haben müssen, liegt dahinter. Es ist von Gespinsten aus Legenden gesäumt, die von Ferne den Eindruck eines Waldes aus Geysiren, heißt es, vermitteln. Aber selbst Faisal war noch nie in der Nähe, hat von dem Tal nur immer, besonders in der Kindheit, gehört. So sind wir alle mehr als gespannt — und ich, nun jà, immer und immer noch bekifft. Und spüre solch eine Weichheit plötzlich, eine sich senkende Woge aus Kreislauf, ach eine solche Müdigkeit —

Ihr ANH

Oh Liliebste, Lilliste! ANH an Liligeia, siebenter Brief. Am siebenunddreißigsten Krebs- und zweiten Tag im zweiten Höllenkreis der Nefud, donnerstags nämlich, den 4. Juni 2020.


Berlin.Nefud, den 4. Juni 2020
Frank Martin, Messe für unbegleiteten
doppelten Chor (1922/26 | 1963)

5.31 Uhr]

Oh, wie war ich gestern fast den ganzen Tag lang – … nein!, Dir “wie bekifft” zu schreiben, wäre, Lilli, falsch. Vielleicht rührte mein Zustand nur daher, daß ich bereits mittags, nachdem ich von meinen beiden Arztterminen zurückgekommen war, zwei Tropfen des cagliostroschen THC-Öles in das Muldchen hinter meinem musculus gegeben und von dort weggesaugt, es aus der Haut gelutscht habe, was mir zusammen mit der wunderbaren selbst für Berlin fast schon Hochsommerwärme, dem blendend höllenhimmlisch Wüstenlicht über unsrer Andersstadt und vor allem meiner seit heute früh währenden wiederSchmerzfreiheit diesen nahezu dauernden Rauschzustand schenkte. Nicht, daß ich hätte, bewahre, Halluzinationen gehabt! Aber mein Kreislauf, so ist’s am ehsten zu erzählen, schwamm, und zwar, als ob er schwebte, unter Wasser also schwamm und gänzlich ohne Luftnot, wie wenn ich Kiemen hätte.
Ich hatte gestern Kiemen. Wär mir, meine Lilli, solch eine Erfahrung auch ohne Dich zuteil geworden? Das fragte ich mich mehrfach, zu vielem anderen hinzu Und muß Dir noch mehr zugestehen,als ich bislang schon tat.
Ja, Du hast mich drei volle Tage lang mit Brustschmerzen gequält, die sich vom THC nicht, nicht vom Dronabinol, sondern alleine noch von zweimal Gaben Novamins und auch dann nur langsam in den Griff bekommen ließen. Also hast Du getobt, und ich wußte den Grund. Wir wissen ihn beide. Du hattest Dich von der ersten Chemo leidlich erholt, deshalb konnte ich Dich wieder so tief einatmen fühlen, daß es neuem Tumorwachstum gleichkam, jedenfalls es anregte. Das erlebt der Mensch als Schmerz.
So hat es mir mein Körper erzählt, mit dem ich immer einig war oder doch nur selten nicht. Und was glaubst Du? Als ich es gestern vormittag Matthias Biebl weitererzählte, mit dem ich auf Dr. Faisals, ich meine Professor Jostings Rat das Drittmeinungsgespräch im Virchow-Klinikum der Charitè geführt habe,

[Frank Martin, Passacaglia für Orgel solo (1944)]

da konnte er nur bestätigen, daß es genauso sei: “Nach der Infusion wirken die Medikamente eine Woche lang kräftig auf den Organismus ein, dann schwächt es sich ab, so daß nach den vierzehn Tagen die nächste Salve nötig wird.” Das hast Du mich spüren lassen – was von Dir  nicht klug war. Denn es provozierte meinen Willen, Dich wieder ruhigzustellen in mir; so formulierte ich’s ja auch (wozu Du, klar, jetzt schweigst): “Sie muß mal wieder einen auf den Deckel kriegen”, eine idiomatische Wendung, die mir allerdings etwas unangenehm ist. Denn in unserem speziellen Verhältnis von Krebsin und Gemahl scheint sie meinen vorgeblichen Machismo leider zu unterstreichen. Vergiß aber nicht, daß der Angegriffene ich bin. Du könntest Dich auch ruhig verhalten, einfach bleiben, wo Du bist, auf weitres Wachstum und vor allem darauf verzichten, doch noch Kindlein zu streuen, es sei denn, daß wir uns gemeinsam anders entschieden und Du mir auch ein Sorgerecht gäbest. Dann würde ich’s mir mit der weiteren Chemo überlegen und vielleicht auch auf die große Operation verzichten, durch die ich allerdings, so Professor Biebl, recht gut kommen würde, meines guten Allgemeinzustandes wegen; “Ihnen kann man auch getrost eine etwas heftigere Operation zumuten” — was im Klartext, er ließ da wenig offen, die Resektion wahrscheinlich des gesamten Magens bedeutet; also nicht nur Du würdest herausgeschnitten werden und großzügig einige organische Umgebung, sondern es müssen halt auch die Lymphknoten des Magens weg, und zwar aus Sicherheitsgründen. Man könne nicht sehn, ob sie befallen seien, müsse sich von Wahrscheinlichkeiten leiten lassen umso mehr, als ein Magenkrebs, der zurückkomme, in aller Regel nicht mehr heilbar sei. Doch wie genau das Verfahren auszusehen habe, auch ob, wohin er, Matthias Biebl, tendiere, minimal invasiv oder mit radikaler Öffnung des Brustkorbs vorgegangen werden sollte, entscheide sich eh erst am Ende meiner präoperativen Chemotherapie, also nach dem dritten (meine, nicht seine Worte) Nefud-Höllenkreis. Dann erst sei ja zu sehen, wie sehr und ob überhaupt der Tumor geschrumpft sei; allerdings habe es eine Chemo wie die meine gar nicht so sehr auf Dich, Ligeia, abgesehen (weshalb Dein Wüten ein bißchen unnötig war, verzeih die leise, noch immer mitgeschleppte Kritik), sondern vor allem auf möglich sich bildende Metastasen. Die schössen wir schon im Vorfeld mal ab. — Du willst jetzt nicht im Ernst von Kindsmord sprechen, oder? Ich hätte so gerne noch, wie Du gut weißt, Kinder, weitere, gehabt. Aber, Lilli, für das Leben, nicht eine Totgeburtmaschine, wie sie → Giger und einige Zeit lang wohl auch → Fichte vorschwebte, als er ein noch junger Künstler war, von dem aber ich mich spätestens mit dem TRAUMSCHIFF gelöst habe. Womöglich deshalb, weil ich milde wurde, fandest Du den Weg an meine Magenpforte, wo seit der Kindheit mein Unglück immer schon zumindest mitbehandelt wurde. Nun, da ich aus neuen, mildgewordnen Augen sah, “die für die Literatur zu gutmütig” (→  Nabokov) waren, warst Du sehr verärgert. Du hast Milde immer als Schwäche betrachtet und Schwäche stets verachtet. Nein, das war kein Männer”ding”, sondern enorm weiblich: “Ich lasse kein schwaches Spermium an mein Ei” — oh die Biologie, die wir erst leugnen können, seit eine andere Fortpflanzungstechnik am Horizont schon leuchtet, im Wortsinn → τέχνη die überdies, so man Geld hat, höchst verträglich mit der Demokratie ist. Nur vergaßest Du, daß meine Wandlung das Ergebnis bereits einer eigenen Nahtoderfahrung war, einer freilich, die mir zwar poetisch widerfuhr, nicht physiologisch, aber durchaus nicht mit geringeren Folgen und vor allem sich über nahezu vier Jahre erstreckten, sozusagen, Vorfolgen. Die sind, meine Lilli, niemandem ein Vergnügen gewesen, auch mir nicht, schon aber gar nicht für die Löwin und wen immer auch noch meiner Lieben.

Aber so sehr Du mich nun auch gequält, mir jedenfalls deutlich zugesetzt hattest, spürte ich schon vorgestern vormittag dem Tröpfeln aus dem ersten der vier Infusionsbeutel an, wie Du Dich wieder zu beruhigen begannst – na jà: eher wir Dich Stück für Stück sedierten. So daß Du Dich einkapseltest, allerdings abends mit einer Überraschung aufzuwarten kamst, von der ich → dort schon erzählt habe. Inwieweit sie sich als Nebenwirkung ernstnehmen läßt, steht noch auf einem keinem eingehefteten Blatt. Die, kann ich das sagen? Schluckbeschwerden? sind auch nicht schlimmer geworden, haben sich eher abgeschwächt, obwohl mir gestern gesagt worden ist, es könne durchaus der Anfang einer Speiseröhrenschleimhautentzündung sein, gegen die man mit sofort etwas aufschreiben werde. Das Medikament werde von der Apotheke dann zusammen mit der Astronautennahrung direkt an mich geliefert werden, um die ich bei der Gelegenheit gleich gefragt habe. Denn die Freundinnen und Freunde haben mich damit bislang besorgt versorgt, weil ich so abgenommen hatte. Doch wenn’s das auf Rezept gibt … Und dann eben —

dann eben ging es, Lilli los. Schon auf dem Rückrad durch die Sonne begannen die Straßen weich zu werden, und meine Seele dehnte sich ins Licht aus. Gar kein Schmerz mehr, meine Güte! Es geht halt doch a bisserl an die Nerven, wenn man sich selbst beim Gehen zurückhalten muß und ist doch ADHSler-von-Berufung. Solange wir’s aushalten müssen, na, tun wir’s selbstverständlich auch, und zwar ohne Mucken, aber dann, wenn es vorbei ist — welch zweifache Genuß der Befreiung: zum einen vom Schmerz selber, doch das ist nur banal; spannender ist die Verdopplung durch  den Wegfall der inneren Haltung. Da sie nicht mehr nötig ist (oder lächerlich wäre, ohne noch Grund), beginnt das ganze Leben um dich herumzutanzen und reißt dich mit. Deshalb war es, als ich, Lilli, wieder an meinem Schreibtisch saß, ein sehr bewußter Wille zur Verstärkung, daß da bereits – mittags! – wenn auch nur zwei THC-Tropfen gönnte. Und wußte, daß ich Dich liebe.

Ja, Ligeia, Du liest richtig. Muß ich Dich wirklich Landra nennen, wieder? (Finden wir uns | so erneut?) – Noch ein altes Projekt, das ich schmählich liegen ließ. Gerade in dem warst Du bereits extrem zugegen. Und ich muß Dir abermals danken, weil mir so vieles nun klar wird, Du es für mich klar werden läßt. Du bist — laß es mich so sagen — mein Krebs, für keiner und keines anderen Körper noch Seele erschaffen, den Seelenkörper also auch meines utopischen, entgrenzenden Geistes, der uns schon zusammen entweder uns ins Unendliche verströmen (oh → die Romantik) oder ineinandergewrungen (oh, oh → oh Romantik) untergehen sieht — am Ende indes eines durchgelebten erfüllten, na gut: fast erfüllten, doch runden´und nicht aus Not oder Mutlosigkeit abgebrochenen Lebens. Und jetzt, mein Lilliliebst, erweist sich “die Frage” (als ob’s denn eine wäre) als eine ganz andere, die denn tatsächlich einen Lebensabschnitt ein-, nun jà, schon wieder sowas begrifflich Ermattetes: “läutet“, gegen das ich mich in den vergangenen fünf Jahren so vergeblich gestemmt habe und sicherlich, mit allen depressiven F9lgen, weiterstemmen würde, zwängst jetzt nicht Du mich mit durchaus derselben Gewalttätigkeit zum Einhalt wie ich meinerseits Dich mit meiner Durchquerung der Nefud. Schon hieraus ist zu erkennen, wie zugehörig wir einander sind, ausschließlich füreinander gedacht, Du Tumorin, ich Dein Haus, das Du wieder mit Licht, dem poetischen, statt mit organischen Schmerzen auffüllen mögest, wie Du’s bis vorgestern mir angetan und wahrscheinlich in etwas mehr als einer Woche antun erneut wirst, wenn’s auf den dann Dritten Nefudkreis der Hölle zugehen wird.

Die so höllisch aber auch heute nicht ist, am dritten Tag der zweiten Chemophase. Nachts, muß ich Dir erzählen, wachte ich gegen halb drei von dem Kribbeln in den Fingerspritzen auf, einer typischen “Neben”wirkung des Oxaliplatins, das vor allem in Kombination mit den anderen Zytostatika zu Neuropathien führen kann, die, liebste Lilli, so lustig nicht sind. Nur muß ich hier einfach wiederholen, daß dieserhalben ich | Grund zu klagen gar nicht habe; bislang steckt mein Körper den → “extremen Stresstest” extrem gut weg.  Was nicht Wunder nehmen muß, da ich mit Hitze schon immer gut klar kam, ja sie bei mir sogar eine Voraussetzung für besonders effektives Arbeiten ist. Ich muß es also witzig umdrehen, Liebste: Die Nefud tut mir gut. Wie wird es dann erst in Aqaba werden, wenn wir uns nicht nur fühlen, sondern einander gegenüberstehen werden! Und beieinander liegen? Ob Du mich entlöst? (Nicht “erlöst”, nein, wovon denn? Das Jammertal steht voller duftendem Oleander, unter dessen dichten Büschen von natürlichem Becken zu natürlichem Becken der Anapo rauscht; es ist ein Paradies und wird es, unsres, bleiben. Du fernstes, jetzt, Sizilien.)

Du entlöst mich von unmöglicher noch immer, immer Hoffnung., entlöst mich vom nochzeigenMüssen und einem Leid an der Irreversibilität des, Ligeia, Zeitstrahls, dem Du aber selbst entkamst, bei Poe; indes Du nun aus eignem Willen den Hals in seiner, des Strahles, Guillotine Mulde zusammen mit dem meinen legst, als nähmest Du nicht nur eines Sterbenden Hand, der auf dem Lager liegt, um ihn zu halten hier, solang es geht, sondern hättest schon selbst die Flügel Dir anspannen lassen, unter denen Du Euch hinaufschwingen wirst, wenn  nur die Köpfe erst gefallen. Und einst wie mein Vater, → was unvergesslich seine Freundin erzählte, fliegt Ihr als Vögel für immer durchs Fenster hinaus:

„Es entwich ihm, weißt du, ein Vogel – so leicht war er plötzlich, dein Vater. Ich hielt ihn, glaub mir, ich sah ihn.“
Bringen die Spatzen die Seelen wohl auch wieder heim in die Halle? Wo sie den Ruf ihrer nächsten, und besserer, Eltern erwarten? So im Bewußtsein zerstreuen sich alle, die Spatzen, die Seelen? Ging’s, Vater, s
o, daß man Dich schließlich befreite? Nun darfst Du, ein Samen schon wieder, nicht Spreu, ruhig erwarten, durch Guff gestreut, daß Dich auch will, wer Dich ruft?
Das bleibende Thier, S. 134

Um mich, mein Vater, solche Klage | mußt’ ich niemals führen und werd es auch nie müssen. Doch sollt’ ich auf die Krebsin hören — wie es doch immer meine Art war, mit Bedrohendem umzugehen: zu schauen, was ich an ihm mag und es mir einzutun, mich damit auszukleiden und uns zu amalgamieren. Wie es die Kunst seit jeher tut – die schärfste aller Gegnerinnen der Fremdenfeindlichkeit. Du bist mir, Lilli, keine Fremde.

Deiner
(Ob wohl auch ich Dich trösten könnte, einestags? In Dir umarm ich, wen ich liebe.)

[11.07 Uhr
Pettersson, Sechste Sinfonie]

Es hat geklingelt. Der Apothekenbote hat geklingelt, um die Gurgellösung anzuliefern. Drei Sätze Fresubin dabei — was nun noch eine Absurdität ist, die mir zumuten zu können Dich wahrscheinlich unentwegt vor Dich hingrinsen läßt. Da ich nach der Diagnose so abgenommen hatte, nahezu sechs Kilo, die aber eben unbedingt wieder drauf sollten, und mehr, haben mich – ich hab es schon erzählt – die Freunde auf ihre KOsten mit dieser “Astronautennahrung” versorgt. Billig ist das nicht. Aus Frankfurtmain kamen Päckchen von Do, und Ricarda Junge brachte welche mit dem Wagen. “Sie müssen etwas zuzusetzen haben!” hatte ein väterlicher, von sehr Ähnlichem betroffener und unterdessen geheilter Mann mir deutlichst zugerufen. Was ich auch einsah, ja, sofort. Bizarr ist nur, daß ich jetzt nach jahrelangem Sport Fett zusetzen muß, etwas, das ich an mir wie andren hasse, jedenfalls nicht mag. Mir ist es stets auf Muskeldefiniertheit (nicht auf -masse) angekommen und auf Kondition, auf einen, hätt ich gern gehabt, Pantherkörper. Gespannt wie eine Prosa, an du du deinen Pfeil gelegt und spnnst sie immer mehr, um ihn dann abzuschießen. Und aber jetzt — Fett? Ich? Wär’s nicht so verdammt ironisch, ich würd’ mich maßlos ärgern, weiß aber bereits, daß mein Körper es zur und nach der OP restlos alles aufzehren wird. Deshalb also strenge ich —ich! — mich an, Fett auf den Leib zu kriegen das ich zuvor nie haben wollte und möcht’s auch nach wie vor nicht haben. Aber, aber. Muß. Lilligeia, Lillili.

Du meine lilliste von allen.

Die Befunde. Im Krebsjournal des Freitags, den 8. Mai 2020. (Krebstag 9)

 

[Sanaklinik 4A, Aufenthaltsraum
5.11 Uhr]

An sich, liebste Freundin, sollte hier ein anderer Beitrag stehen, nämlich ein nächster Brief, nicht allerdings geschrieben an Ihre neue und, ich gebe es zu, ungemein starke Nebenbuhlerin, vielmehr aus deren eigener, höchst feindlicher, doch umso liebenderer Perspektive — worauf ich mich – es zu formulieren – vorlustartig gefreut, worüber seit vorabends schon ich immer wieder nachgesonnen hatte (wie tut man so etwas, wie nimmt man diese Haltung ein? zumal → Gogolins, der es wissen muß, Einwand auf jeden Fall mitzuformen wäre). Doch dann ward mir durch die … nun, eine “Rechnung” war es nicht … sagen wir, Liebste, also Planung ein satter Strich gemacht.
Ich spanne Sie auf die Folter, auf die ich aber selbst und so sehr gespannt war, daß ich von Mittwoch auf gestern tatsächlich kaum schlafen konnte, — und all “meine” Leserinnen, die mit mir bangten, weiterbangen, mit, ich weiß. Doch bleiben diese Seiten Literatur, sind nicht nur Tagebuch, dies sogar am allerletzten, wiewohl eine Art des Genres denn doch, und unterliegt, um anders denn nur-persönlich gelesen zu werden, dramaturgischen Form- und Spannungsgesetzen. “Nun sag schon, mach’s kurz!” rief eine dritte Freudin aus, am Telefon, die mich abends anrief. “Gestreut oder nicht?”
Die nahezu alles Fernre bestimmende Frage — ob’s solch ein Fernres denn noch gibt.

Sie wissen, einbestellt war ich für morgens halb elf und schwang mich um Viertel vor elf auf mein Rad. Knapp acht Kilometer Fahrt, prima; hätte ich S- und UBahn genommen, wär ich mir krank vorgekommen. Zehn Minuten vor der Zeit da.


“Setzen Sie sich in den Aufenthaltsraum,”
dorthin, wo ich jetzt schreibe, unmittelbar rechts der Anmeldeschalter,
“die Ärztin wird gleich da sein “.
Das Wort ‘gleich’ hat in Krankenhäusern eine andere Zellstruktur als die unsre. So wartete ich in nicht Geduld, die mir nach wie vor nicht liegt, aber großer Muße, und dennoch innerlich zitternd, klar. — Sie kam, Ärztin I, sie sprach, alles sah gut aus (sofern wir davon absehen, daß sich die Krebsdiagnose-selbst, auch bei “nur” einem Tumor, ‘gut’ nicht wirklich nennen läßt). Jedenfalls die Magenwände zwar befallen, nicht aber schon durchbrochen (wörtlich im Befund: “keine Wandüberschreitung sichtbar”), was Metastasierung erst einmal ausschloß — mit einem kleinen Risiko in der Lunge: “… in erster Linie unspezifische intrapulmonale Verdichtungen”, die freilich auch Rückbleibsel meiner schweren Lungenentzündung von vor drei Jahren sein könnten. “Eine initiale pulmonale Metastasierung ist jedoch”, logisch, finde ich, “nicht auszuschließen.” Da muß also beobachtet werden.
Muß ja alles eh.
Empfehlung (“Das werden Ihnen die hannöverschen Kollegen ebenfalls sagen!”): Erst einmal eine gezielte Chemo, um den Tumor schrumpfen zu lassen, mein Kardia-Ligeia-“Ding”, und auch die Tumorlymphknoten, deren sich einige finden ließen, teils schon hinwegzuschießen. Erst danach, etwa in drei Monaten, die Operation.
Ich war extrem beruhigt, nein, mir fiel der halbe Himalaya vom Herzen, an das er sich, seit ich die Diagnose vernommen, Berg für Berg gehängt. Auch लक्ष्मी war beruhigt, klar, die das Gespräch mit der Ärztin mithören durfte (Ifönchen an; normalerweise sind Angehörige bei diesen Gesprächen dabei; in unseren Coronazeiten ist’s indessen nicht erlaubt). – “Gut, dann mach ich Ihnen jetzt die Papiere fertig und kümmre mich vor allem um die CDs, damit Sie sie am Montag mit nach Hannover nehmen können. Ich bitte Sie um noch etwas Geduld.”
Die ich nunmehr sehr, sehr gerne aufbrachte. Ich konnte die Zeit nutzen, um meine Liebsten zu informieren, die meine in Berlin, die beiden in Frankfurtmain, die Lektorin sowie den Verleger in Wien – und daß es nun eben nicht mehr um möglicherweise nur noch ein halbes Jahr ging. Mein Lebenshorizont hatte sich gewaltig wieder ausgedehnt. Arcos neuer Editionsplan bekam Sinn, und selbst, bei Elfenbein, die Neuausgabe des WOLPERTINGERs könnt’ ich noch erleben …
Da kam die Ärztin zurück. “Verzeihen Sie, aber wir müßten noch ein MRT machen. Die Oberärztin ist eben sehr ärgerlich gewesen, daß das nicht getan worden ist. Aber Sie müssen nicht extra dazu wiederkommen, wir schieben Sie heut irgendwie dazwischen. Sie brauchen nur noch ein wenig Geduld.” “Selbstverständlich, aber ich hatte mich eh schon gefragt, weshalb es am Dienstag keines gab, wo ich doch mit ziemlich viel Leerlauf noch hier war.” “Ich weiß. Doch die Befunde waren gut, und wir sahen konzentriert auf den Speiseröhrentumor.” Momentlang dachte ich, daß mein quasi ständiger Hinweis auf einen möglichen Befall der Bauchspeicheldrüse – für mich die Horrorversion –, ihn nun auch für die Mediziner denkbar gemacht hatte. Vielleicht ist es auch so, daß ihr Unbewußtes solchen Befund allzu sehr ablehnt und deshalb ich, um es so zu sagen, alarmierter war als sie. Ist aber nur Instinkt. – Wie auch immer, MRT nachholen.
Und fatto, nachgeholt. Die CDs wurden sofort im Anschluß gebrannt. Eine andere Ärztin, mithin No II, brachte sie mir. Hatte schon die Befunde im Kopf. (Ihre Kollegin hatte zur OP gemußt). – Und dann kam’s: “Wir behielten Sie gerne noch für eine Nacht hier.”
Was mir aus ihrem Mund, ich gesteh’s, allerdings gefiel. Ein Blick aus diesen blitzend hellen Augen, die Art, in der diese Frau sich in den Hüften seitlich hielt, der gleichermaßen verborgene wie unsichtbar-sichtbare Charme des Lächelns hinter den hellblauen Querlamellen ihres Corona-Niqäppchens, unentwegt, derweil ich zugleich konzentriert zuhörte, rekonstruierte der poetische Innenarchitekt meines männlichen Flirtgeists das Gesicht dieser klingerschen Muse hinterm Vorhang von Sais.
Freilich wollte ich es nicht sofort zugeben und wandte also ein: “Wieso noch eine Nacht? Ich habe gar nichts mit, bin darauf nicht vorbereitet.” “Ich weiß. Doch sollten wir unbedingt noch eine zweite Sonar/endoskopie durchführen, die tiefer geht. Schauen Sie ..:” – eine schematische Zeichnung des Verdauungstrakts – “hier unten der Pankreas ist auffällig verdickt, wir wissen nicht, weshalb…” “Pankreas?” “Sein Kopfteil gehört zur Bauchspeicheldrüse. – Wir wollen das einfach überprüfen. Solch eine Verdickung könnte auf einen weiteren Tumor hinweise … daß der sich dort verbirgt.”
Momentlang ging was tiefes Kaltes durch mich durch. Etwas Wissendes, ein Wissen als gewesener Ahnung. Also, also doch …
“Wir haben auch schon einen Termin, achtzehn Uhr. Und wegen der Betäubung müßten Sie bis morgen früh hierbleiben. – Wir wollen einfach sichergehen.” Der Alarm war durchgedrungen. Meine Güte, wie die Freundinnen jetzt wieder beunruhigen, wie die Freunde? “Aber ich müßte eben noch mal heim.” Es war jetzt etwas nach vierzehn Uhr. “Bis achtzehn Uhr ist doch gut Zeit.” – Sie schüttelte den Kopf. “Sie haben den Port”, gemeint war mein bereits gelegter Bioport, durch den mir im MRT das Kontrastmittel injeziert worden war und der jetzt für die Anästhesie dienlich wäre, “damit dürfen Sie das Krankenhausgelände nicht verlassen.” Mir, der nun Ruhe selbst, kitzelte der Satz den Trovatore erst recht. Schon irre, wie sich’s von Niqab zu Niqab flirten läßt. “Ich meine doch, ich geh dann noch ein Stündchen übers Gelände spazieren.” Woraufhin sie ganz besonders lächelte – es war an den Fältchen seitens der wundervollen Augen zu sehen. “Gut, so machen wir’s.” Das klang nun sogar schelmisch.
Wir beide ab zur Anmeldung, ich nur noch schnell लक्ष्मी angerufen, aber nicht erreicht, dann meinen Sohn: ob er mir vielleicht meinen Laptop bringen könne. Doch mußte er zum Job. Nur war genau das für mich kaum, jedenfalls wenig erträglich: ohne mein Arbeitsgerät hiersein zu müssen. Nein, es ging nicht anders als sofort aufs Rad. “In einer Stunde bin ich zurück.”
Acht Kilometer wieder hin, doch quasi – echt verhext! – jede Ampel rot. In der Arbeitswohnung endlich das Köfferchen gepackt, wieder die indischen Sandalen, den seidenen Cardinmorgenmantel, damit ich nicht immer arschfrei herumlaufen muß (dauernd mit Till Schweiger verwechselt zu werden, nervt auf Dauer doch, obwohl ich ihn ja mag), die Steckerleiste, das Zenbook, meine Lektüren, außerdem das ausgedruckte Béarttyposkript. Nun war ich wirklich gewappnet. Wenngleich, ich muß es so sagen, extrem nervös. Stand nun doch alles wieder auf der Kippe? (Die Ahnungen vom nahen Tod, so weiß, so weiß der Lilienbund …). – Und die acht Kilometer zurück.
Freilich typische Herbstnummer alles: von sofort auf gleich, bloß kein Zaudern, den Gegner ohne Verzug auf die Hörner.

“Ah, Herr Herbst, da sind Sie ja!”
Als wär auf mich gewartet worden …
“Hat man Sie doch noch erreicht?”
“Ähm, erreicht?”
“Am Handy. Seit einer halben Stunde telefonieren wir hinter Ihnen her.”
Mein Ifönchen stand noch auf stumm. “Aber wieso denn, ich bin doch erst um achtzehn Uhr dran?”
“Eben nicht. Sie sollen vorzogen werden, und zwar jetzt gleich.”
“Gleich?”
“Gleich. Sie haben fünf Minuten.”
Oh.
‘Fünf Minuten’ hieß, mein Zeug nur in das Zimmer stellen (ich bekam die Nummer sieben, in der ein sehr schwarzer Mitmann lag, der aber vorwiegend schweigt, denn nach wie vor liegt er dort, mag auch kaum mal einen Blick mit mir wechseln) … also Köfferchen abstellen, die Arbeitstasche, Ringe aus und Uhr ab, beides schnell einschließen, das Zenbook dazu, aus den Klamotten, das sexy Hemdchen an und aufs Rollbett so. Schon ward ich in Bewegung gesetzt.
Wieder Untergeschoß, technische Radiologie, an die Wandseite geschoben und stehen gelassen. Entfernt hörte ich Menschen in angeregtem Gespräch.
Eine junge Schwester kam. “Wir haben eine Frage. Also, wir bekommen ein neues Sonar/endoskopgerät, sind quasi das erste Krankenhaus, das es hat. Aber es muß vorgeführt werden. Dort hinten, Professor Faiss, sehen Sie? spricht mit den Leuten von Olympus. Hätten Sie etwas dagegen ..?”
Hatte ich in gar keinem Fall. Der Faissarzt kam dann auch selbst, selbstverständlich, und erklärte. Bislang erst einmal eingesetzt, hier im Krankenhaus sei ich der erste. Er wolle auch etwas Unübliches machen: Erst einmal den Tumor mit dem alten Gerät noch einmal betrachten, danach ein zweites Mal mit dem neuen und damit dann tief bis in den Pankreas hinab. “Sie werden dabei schlafen.”
“Eigentlich blöd”, sagte ich, “das sähe ich nun selbst gern.”
Ins Behandlungszimmer ward ich gerollt, vor mir wurd’s die Maschine.
Die Olympier stellten sich seitlich auf; sehr angenehm die elegant-sportliche Frau bei ihnen (wiewohl hätte ich “meine” Ärztin lieber hier gehabt; sie war’s dann auch, wie ich leider erst heute erfuhr).
“Ich zeige Ihnen mal was”, sagte Professor Faiss, schaltete zwei Monitore an. “Auf dem hier sehen Sie, was bisher gesehen werden konnte. Und auf dem hier … voilà!”
Es war, mit einem Wort, berauschend. “Wir können fortan Frühstadien erkennen, die wir bis gestern niemals sahen.” – Es war, wie bei mir je: Begeisterung überträgt sich sofort.
So daß ich den Olympiern winkte und tatsächlich sagte: “Genießen Sie die Show.”
“Sie aber”, sagte Doktor Faiss, “werden mir jetzt schlafen” und drückte den Kolben im Röhrchen hinab.

Vorspann

“Das Ding da seh ich aber noch”, sagte ich, als das Scheinwerferköpfchen der eleganten endoskopischen Schlange in meinen Mund geführt wurde.

SCHWÄRZE oder ANDERSWELT.

Abspann

Das Licht im Saal dimmt sich ein, und ich erwache. Wie immer hielt man mich für noch fort. Auf meinen Unterschenkeln wieder der Befund. Tastender Blick über/hinter mich: Wieso ist mein Puls so hoch? Fast siebzig. Gibt’s doch nicht!
Er treppte langsam auf sechzig hinab und, nachdem ich gelesen hatte, bis auf fünfundfünfzig.

Ausschluß Tumor im präpapillären Bereich bzw. im Pankreas.

Es war ein Geschenk.

Professor Faiss kam. “Haben Sie gelesen? Ein Geschenk, nicht wahr?” Er verwendete genau mein Wort. “Jetzt müssen Sie sich wirklich nur noch auf diesen einen Tumor konzentrieren.”

Liligeia, dachte ich und an meinen ihr gestern unterbreiteten Vorschlag, für einander Repräsentanzen zu suchen, die uns die Leben, unsere beiden, erlaubten. Da kam die Schwester noch einmal, um sich fürs Wochenende zu verabschieden, und sie … sie gab mir die Hand. Was unüblich wurde in Zeiten der Corona. Was wir nicht verlieren dürfen. Hier aber war was, als hätte das Ergebnis meiner Untersuchung auch sie – und sehr, sehr, sehr – erleichtert. Ohnedies werde ich seit meiner Diagnose in Zuneigung geradezu gewaschen.

Ihr, Geliebte,
ANH um 7.59 Uhr

der bereits auch aufbrechen darf. Meine schöne Ärztin sah mich im Aufenthaltsraum, kam her, “Ich schreibe Ihnen nur noch den Arztbrief, dann dürfen Sie gehen”. “Darf ich noch zuende frühstücken?” “Aber ja, lassen Sie sich Zeit.”

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