Ukraine-Dialoge XI: Einschätzungen aus Rußland. Autor und Übersetzerin zu de Zayas und Baud sowie ein Beitrag Olga Martynovas. Tatiana Baskakova | ANH (3).

Sonnabend, 12. März 2022, 8.01 Uhr

ANH
Ich denke jeden Tag, quasi dauernd, an Sie. Hier ein Artikel der Neuen Zürcher Zeitung von heute früh.

A.

11.52 Uhr

Baskakova
Danke, Albano,

ich fühle Ihr Nah-Sein und Ihre Erreichbarkeit! Auch Olga Martynova schrieb mir und schickte ihren → Artikel.
(…)
Herzlich, Tania

Dienstag, 15. März 2022, 11.08 Uhr

ANH
Liebe Tania, da ich in Der Dschungel erst später darauf eingehen werden – und noch nicht weiß, wie – schicke ich Ihnen hier zwei PDFs[1]Interview Baud, → Interview de Zayas, die, glaube ich, jede und jeder kennen sollte, um Hintergründe des furchtbaren Kriegs zu verstehen, die Sie auch gerne weiterverteilen dürfen.. Sie sind in dieser Schweizer online-Zeitung erschienen. – Über einen Leser, mit dem ich korrespondiere, kam ich auf diese Dastellungen. Besonders die eine ist ausgesprochen akribisch. Beide Autoren waren bei der UNO beschäftigt, einer sogar bei der NATO. Beide sind Wissenschaftler, Forscher.
In der Hoffnung, daß es Ihnen nach wie vor einigermaßen gut geht, bleibe ich in unverbrüchlicher Freundschaft
Ihr Albano

12.20 Uhr

ANH
Postskiptum: Wegen Baud müssen wir aber auch vorsichtig sein. Ich schicke Ihnen hier noch die deutsche Übersetzung der französischen Wikipedia über ihn. Also seine Bewertungen kritisch sehen; wichtig sind aber die Fakten (also Daten).
A.

18.15 Uhr

Baskakova
Lieber Albano,

das Interview mit Jacques Baud scheint mir höchst tendenziös und unglaubwürdig. Z.B.: «Ja, in unseren Medien wird es so dargestellt, dass die Russen alles zerstören würden, aber das stimmt offensichtlich nicht». Ich sah schon Unmengen von Photos mit den zerstörten Städten, getöteten Kinder, Strömen von Flüchtlingen. Ich ruf täglich zweimal meinen nahen Freund in Kiev an und frage ihn, ob in der Nacht Bombardierungen waren (in Kiev war es bis jetzt relativ ruhig.). Ich las ein Tagebuch von meiner Bekannten, einer ukrainischen Übersetzerin (auf Deutsch publiziert), die in einem kleinen Städchen in der Naehe von Kiev wohnte und die vor zwei Tagen gezwungen war, wegen der Bombardierungen diesen Ort zu verlassen.
Über die Krim (in 2014) hatte Putin am Anfang gesagt, es seien dort keine russische Soldaten gewesen, um aber später zu erklären, daß — doch — die Armee dort benützt wurde. Ich kenne auch persönlich die Leute, die nach 2014 die Krim verlassen haben und in die Ukraine gingen.
S. 14: «Daraufhin hat Putin einen Artikel geschrieben, indem er die historische Entstehung der Ukraine erklärt. Er hat kritisiert, daß man zwischen Ukrainern und Russen unterscheidet usw. …Ich habe den Artikel gelesen, er ist absolut sinnvoll». Das ist Unsinn. Es sind verschiedene Völker mit verschiedenen Sprachen. Die ukrainische Kultur wurde in den Dreißiger Jahren fast völlig eliminiert. Daher stammen diese — unrechten — Maßnahmen gegen die russische Sprache in der heutigen Ukraine. Mariupol, Charkiw, Cherson sind Städte mit russischsprachiger Bevölkerung, dort protestieren die Leute jetzt gegen Putin.
Ich selbst war in der Ukraine in 2014, ganz kurz vor dem Krieg (dann noch in 2015, 2018). Damals gab es dort (in Kiev) gar keinen Haß gegen Russen, ich hatte einen Leseabend dort, las auf Russischen, man fragte mich etwas auf Ukrainisch oder auf Russisch, egal, ich verstand die Menschen, antwortete aber auf Russisch, es war ganz normal. Ein Teil von Russland werden wollte aber niemand. Die Rechtsextremisten allerdings existieren dort, gewiss. Ihre politische Wirkung aber ist nichtig. Sie werden sich jetzt, nach dem Krieg, verstärken, denke ich.
Und der Artikel von Dr. Alfred de Zayas? Ich verstehe sehr gut seine und Ihre Sorge: der Atom-Krieg darf nicht beginnen. Das Problem ist, dass die Ukrainer nicht bereit sind, das Opfer dafür zu werden, ihre Verwandten und Kinder zu verlieren. Und wer bin ich, um ihnen etwas zu raten oder nur diese Erlösungs-Variante zu propagieren, zu publizieren? Eine Bürgerin eines Staates, der ihr ganzes Leben zerstörte und jetzt noch zerstört?
Mir geht es gut genug, und ich schätze Ihre Freundschaft sehr und die Möglichkeit, mit Ihnen ganz offen zu sprechen,
Ihre Tania

18.29 Uhr

ANH
Liebe Tania,
ja, ich finde Bauds Wertungen und Persektiven ganz wie Sie hoch problematsísch, habe das eben in Der Dschungel auch geschrieben.
Und was Sie erzählen, glaube ich sofort. Interessant an Bauds Text sind aber die – hierzulande nahezu unbekannten – Fakten der Daten usw. Seine Sicht auf Putin ist selbstverständlich ebenfalls problematisch; nur hat bisher die Abläufe noch niemand so deutlich herausgearbeitet. Das heißt, alles wegstreichen, was bei Baud Ideologie, Parteinahme, auch Verschweigen ist und immer nur das lesen, was reine Information ist. In d i e s e m Sinn ist der Text wichtig.
(Ich muß immer wieder an meinen Stiefvater, einen Völkerrechtsjuristen, denken, der als eingefleischter CDU-Mann immer nur linke Zeitungen las, und zwar mit dem Argument: “Da merke ich, wo ich betrogen werde; bei meinen eigenen Leuten aber nicht.” Er bildete sich seine politische Meinung fast ausschließlich über die ihm kenntlichen Fehler des Gegners. In d i e s e m Sinn habe ich auf Bauds Text hingewiesen. Übrigens ist, aber das werden Sie in meinem Beitrag verlinkt finden, auch der englische → Guardian hier kritisch. – Worum es im Westen geht, ist, daß man auch sehen muß, Mitschuld an dem Krieg zu tragen, nämlich über die NATO und übers aktive Wegsehen. Bei Putins gräßlichem Tschetschenienkrieg hat niemand Sanktionen verhängt, obwohl da nachweislich Völkermord stattfand. Sondern irgendwie war er dem Westen ganz recht; es ging ja u.a. gegen Islami.
Doch ganz unabhängig davon, deshalb mein letzter Absatz, und wer immer Schuld und Mitschuld hat – daß dies alles auf dem Rücken der jetzt furchtbar leidenden ukrainischen Bevölkerung ausgetragen wird sowie auf dem der Russinen und Russen, die sich gegen Putin stellen, ist nicht zu ertragen. Die nationalistischen und teils revisionistischen Äußerungen Kulebas sind es aber auch nicht. Wann immer nach “Ruhm” gerufen wird – nach “Sieg”, nach “Helden” -, ist etwas ganz, ganz schlimm.)
Ihr Alban

18.37 Uhr

Baskakova
Lieber Albano,

falls Sie es nützlich finden, könnten Sie meinen Brief — mit meinem Namen — veröffentlichen. Nur mit einer Bemerkung, daß es ein Privatbrief, geschrieben vor der Publikation, war (weil Sie selbst schreiben, Sie glauben diesem Interview nicht gänzlich, — meine Antwort würde sonst überflüssig).
Und ja, ich verstehe, was Sie mit Mitschuld des Westens meinen, das Interview selbst aber scheint mir nicht sehr original — es ist die übliche Argumentation von Putin selbst.
Ihre Tania

ANH
Das finde ich ganz, ganz großartig. Aber nicht als Kommentar, sondern als Fortsetzung auch unseres Ukraine-Dialoges, wovon es ja schon zwei Stücke gibt. Das wäre dann der dritte, und er bezöge sich auf den heutigen Beitrag. So wird auch zugleich der Erkennnisprozeß-selbst prozessual thematisiert, was, wie wohl kaum jemand so gut weiß wie Sie und Elvira, meinem poetologischen Ansatz insgesamt entspricht.
Und, selbstverständlich: Wenn ich den Beitrag fertiggebaut habe, schicke ich ihn Ihnen zur, wenn nötig, Korrektur oder auch für Ergänzungen. Vor allem will ich Ihnen ja auf keinen Fall schaden; Sie können einfach besser als ich abschätzen, was erscheinen darf und was nicht.
Einverstanden?

Baskakova
Ich bin einverstanden, dann warte ich auf den Entwurf.

Tania

Mittwoch, 16. März 2022, 22.25 Uhr

Baskakova [unkorrigierte Umlaute nach Email]
Lieber Albano,

Mit dem Text der Publikation ist (fast) alles gut. Nur Umlaute habe ich hinzugefuegt (in E-Mails kann ich sie nicht benuetzen). Und ein Datum korregiert.
Ich schicke Ihnen einige meine Photos. Wenn Sie moechten, koennen Sie sie einmontieren.
Herzlich, Tania

_____________________________________
[Bilder von oben nach unten:

1 Ein Haus in Kiev, Jaroslawiw Wal 15-b, dekoriert mit vergrö-ßerten alten Photos.
2 Baskakova mit dem ukrainischen Übersetzer aus dem Deutschen → Mark Belorusez. (Ukrainisch-Belorussisch-Russischer Übersetzerworkshop „Günther Aichs Mädchen aus Viterbo“, organisiert durch die Goethe-Institute in Kiew und Minsk, Kiew 13-15.6.2015 / Minsk 18.-20.11.2015.
3 Kiev, 3.7.2018. Zwei junge Schauspielerinnen lesen aus Jewhenija Bjelorussez‘ → Glückliche Fälle. (Ins Deutsche übersetzt von Claudia Dathe, Matthes & Seitz, Berlin, 2019)
4 Plakat (Ausschnitt) der Ankündigung zu Tatiana Baskakovas Vorstellung ihrer russischen Übersetzung des Romanes Hundsnächte von Reinhard Jirgl, Kiew 2008.]

References

Frieden, n i c h t “Ruhm”! Das Ukraine- und heute Bebelplatz benannte Arbeitsjournal des Montags, den 7. März 2022. Darinnen Marieluise Beck großartig spricht und furchtbar dumm Wolf Biermann, in jedem Fall verantwortungslos.

[Am Ende dieses Beitrags finden Sie ein Video,
das den Mitschnitt der gesamten hier dargestellten
Veranstaltung zeigt.
Dank an Gaga Nielsen für den Hinweis.]]

[Foto: ANH | Alle übrigen Bilder (©: → Gaga Nielsen]

[Arbeitswohnung, 8.48 Uhr
Herrlich strahlende Sonne und klare schneidende Kälte
Der Kohleofen kämpft, doch gehn die Bruchbriketts mir langsam aus]

Erstens: muß ich zu begreifen lernen, daß auch diese Journale Arbeit sind, vielleicht keine poetische, doch Grundlage, mag sein, eines, eines Tages, neuen Gedichts, einer Erzählung womöglich, eines Romans – oder Material dann doch für “Friedrich.Anderswelt”. Es ist die Zeit noch nicht, mir dessen auch nur annähernd sicher zu sein; kann auch sein, daß solch eine Zeit niemals wieder kommen wird.
Zweitens: steht bei Arno Schmidt, es gebe keine Altersweisheit, nur den Altersstarrsinn. Den Wolf Biermann des gestrigen nachmittags vor Augen und in den Ohren, was er sagte, scheint dies zumindest in einer Variation wahr zu sein, die aus “Starrsinn” Dummheit macht. Er war immer einer der mutigsten Menschen, der hellsten allerdings auch früher schon nicht.
Drittens: ist der Ruf nach Ruhm entsetzlich auch in der neuesten Prägung, die von so vielen jetzt mitgeschrien wird: “Слава Україні!”. “Миру Україні!” – “Frieden der Ukraine!” – müßte er heißen. Dann, und nur dann, riefe ich mit.
Viertens: stand abseits, jedenfalls am Rand der Menschenmenge, eine junge Russin und hielt vor ihre Brust ein Schild, auf dem in Englisch stand:

I am Russian
I am against the war

Ihre Verlorenheit ist der beste, ja ein herzschnürender Anlaß, von Anfang an zu erzählen. Nun jà, “von Anfang an” … – Jedenfalls, nachdem der deutsche PEN seine → Presseerklärung hinausgeschickt und wiederum ich nach Kenntnisnahme sofort eine Mail an sämtliche Beteiligten versendet hatte, in der ich mich bedankte, kam, ich stand schon im Mantel, ein Anruf → Deniz Yücels, in dem er unter anderem, und mit Recht, zur Sprache brachte, ich hätte ihn in unserem in der Vorbereitungszeit der Presseerklärung von mir mitunter sehr scharf geführten Briefwechsel ausgesprochen verletzt, persönlich. Ich fragte, womit. Und habe mich entschuldigt. Das Temperament eines Südländers, der ich doch gar nicht bin, halt aber doch bin, irgendwie. Und so weiter. Nun war die Angelegenheit fast vom Tisch. Zumal wollte auch er auf → die Kundgebung gehen. “Dann laß uns uns dort treffen.”
Ich radelte bewußt früh los, nicht mehr ganz so früh, wie ich vorgehabt, doch als ich den Bebelplatz betrat, wuselte noch nur eine kleine, letzte Vorbereitungen treffende Schar um den Tribünenaufbau herum. Und gleich vorne rechts stand auch schon Yücel. Ich zu ihm hin, ihn gegrüßt, und wir sprachen. Nun war wirklich alles geklärt.

Wie fast immer hatte → Ulrich Schreiber den Ort sehr klug gewählt, zumal eben hier, dem Zentrum der Bücherverbrennung des Jahres 1933, drei Stunden zuvor Daniel Barenboim mit seiner Staatskapelle das → Benefiz-Konzert für Frieden in der an den Bebelplatz rainenden Lindenoper gegeben hatte. Nun begrüßte er, Schreiber, das bereits eingetroffene, noch nicht sehr zahlreiche, doch mit ukrainischen Fahnen wedelnde sowie Spruchkartons haltende Publikum.
Es war kalt, sehr kalt.
Wir ließen’s uns nicht verdrießen. Die Rednerinnen- und Rednerliste war ausgesucht, teils wurde online auf den großen Screen zugeschaltet. Mehrere Male kam das komische Wort Schalte vor, das irgendwie immer nach “Schelte” klingt und nun wirklich mal dringend zu gendern ist. Aber wie? Ein “Schalter” is’ nu’ mal was anderes.
Egal.
Unruhe kam auf, Durchsage des Moderators, gleich nebenan, vor der russischen Botschaft, finde eine parallele Ukraine-Demonstration statt; man habe beschlossen, beide Kundgebungen zusammenzulegen – was es nötig machen werde, die Reihenfolge der durchgetakteten Programmpunkte nunmehr zu improvisieren. So bekamen wir denn die eine und andre Folklore zu hören, schon die die Boxen überforderte, besonders Chöre stellten sie vor ungeahnte Probleme. Daß sie, die Chöre, rot maskiert warn teils, spielte keine Rolle. Aber darum ging es ja nicht, das hält man schon aus. Sogar ich, an den Ohren empfindlich,  kriege es hin. Schwierig wurde es erst später, Freundin, warten Sie ab. Und daß ich hier bisweilen scherze, ist zynisch nicht gemeint, sondern dient der Überspielung meiner Angst, ja sogar meiner – aber warten Sie, warten Sie ab! – P a n i k.

Großartig sprach → Marieluise Beck[1]Auf dem Programmzettel als “Marie-Luise Beck” angekündigt., sprach wie Danton, als er sich gegen die Terrorherrschaft wandte, aber weiblich, eine glühende Frouwe, die anklagt, u n s anklagt, den Westen anklagt, dem nach wie vor mehr um die eigene Wohlfahrt getan ist, als daß er die Sanktionen nun wirklich komplettieren würde. Und sie nannte die Belege. Ihre eigentliche Klugheit bestand aber darin, daß sie zur Forderung nach einem Überflugverbot n i c h t s sagte. Sie weiß sehr genau, was es bedeuten würde. Ist allerdings nicht schwierig, selbst die Baerbock weiß es jetzt, und sie → sagt es.
Dieses Überflugverbot war indessen der Tenor aller, ja aller Beiträge aus der Ukraine. Das ist verständlich. Putins Bomber- und Marschflugkörperterror muß aufhören; jeder von uns will das. Es ließe sich aber nur erreichen, wenn keine russischen Flugkörper mehr in den ukrainischen Luftraum eindringen. Doch was bedeutete ein Überflugverbot? — nicht nur, wer spricht es aus, sondern vor allem, wer kontrolliert und, bei Übertretung, ahndet es dann, wenn nicht die NATO? Womit wir dann, ganz Europa und der gesamte Westen, in den Krieg eingetreten wären, und zwar in einen, weil Putin einen konventionellen gewinnen nicht k a n n, dazu ist die westliche Übermacht zu groß, atomaren. Regierungen haben ihre Bevölkerung zu schützen, in allererster Linie, ihre eigene, der sie als gewählte zuerst verpflichtet sind.
Ich gehe darauf weiter unten noch ein.

Die übrigen Reden waren teils anrührend, teils glichen sie Franziski, der den Fischen predigt. Teils waren es vorhersehbare Statements, auch von, leider, Vargas Llosa, der zudem, ein zweites “leider”, nicht auf Spanisch sprach, sondern englisch. So elegant er war, wirkte er nur hilflos. So, wie wir alle sind.
Zwischendurch klampfte, zu Instrumentalem aus der Dose, immer mal wieder Yuriy Gurzhy. Was ich anfangs eher lästig, dann aber schlimm, überaus schlimm fand. Es sind die Phasen einer Demonstration, vor denen mir graut. Auch in “normalen” Konzerten ertrage ich es nicht, wenn von vorne gebrüllt wird: “Jetzt ihr alle!” Ich wäre beinah gegangen. Es war aber gut, daß ich blieb.
Die Demonstanten sollten den Refrain singen, bzw. skandieren. Es waren zwei Refrains, zum einen die Worte der tapfren Ukrainer, die von der Schlangeninsel — Lévkas in → Anderswelt! — dem russischen Kriegsschiff “Idi nachuj!” zuriefen, Fickt euch!, anstelle sich zu ergeben – und die Folgen trugen. Der zweite “Refrain” bestand ganz ebenso aus nur zwei Wörtern:

“Flugverbot erteilen! Flugverbot erteilen! Flugverbot erteilen!”

Ich habe dies nachts, in einem Brief an → Baskakova, noch immer voller Entsetzen, so kommentiert:

Da dachte niemand mehr nach, und es geschah das, was ich bei Demonstrationen stets befürchte: eine Eigendynamik des schunkelnden Mitmachens.

Dann l e g t e sich die unheilsbereite Begeisterung; so ganz funktionierte es auch nicht, wie sich’s Gurzhy gedacht, nicht alle, immerhin, hatten mitgemacht, das Skandieren versank zwischendurch immer mal wieder, versickerte im Boden. Vielleicht auch, weil von da die Kälte so in die Fußsohlen kroch und weiter wadenaufwärts. Woraufhin die Musik, ein bißchen fast aufgebend, vorbei war. Und → Jurko Prochasko sprach.
Seine Rede war stilistisch vollkommen und wäre für mich sogar ein Genuß gewesen, wenn nicht … ja wenn nicht bei all der klaren Sicht und auch Herleitung des von ihm, in Anlehnung an “Stalinismus”, so benannten Putinismus deutlich nationalistische Töne mitgeschwungen – nein, nicht “geschwungen”, sondern sich unter diesen ausgefeilten, dabei frei vorgetragenen Formulierungen gleichsam unterirdisch wie feine Wurzelranken ausgenestelt hätten. Was darin gipfelte, dem gesamten russischen Volk die Schuld an diesem Krieg zu geben, das, so Prochasko, Putins revisionistisch-mythische Geschichtsklitterung begeistert mitgetragen habe, jede und jeder einzelne ein Held der, ja was nun?, nicht mehr Sowjetunion gewiß, doch des welterlösenden russischen Reiches.
Es war, was und wie er es sagte, saugefährlich. Aber dies ist ein Gegner, den man anders als Putin ernstnehmen muß, ein intellektueller Feldherr, vor dem sich der ebenso gebildete verfeindete Feldherr verbeugt und den er, wenn Glück und Geschick es so wollen, zwar schlägt, aber voller Achtung. – Ich zitterte vor Ambivalenz, ein seltsames, meinen ganzen Körper überkribbelndes Amalgam aus unmittelbarer Sympathie und rigoroser Ablehnung. Der Mann hatte mich ästhetisch gefaßt und politisch entsetzt. Die Wirkung hält nach wie vor an, noch jetzt, da ich dieses schreibe.

Kam jetzt noch einmal Musik? Ja, “wir brauchen wieder Musik” sagte der Moderator oder die Moderatorin. Ich, ausgerechnet ich, habe seit dem Kriegsbeginn keine Musik mehr gehört, es geht einfach nicht. Nun mußte ich abermals redundante Klänge ertragen. Aber gut, daß ich’s tat. Was jetzt nämlich folgte, wer folgte, war nur noch das Grauen. Um mich nicht neuerlich zu erregen, zitiere ich nun länger aus meinem nächtlichen Baskakovabrief:

Denn Wolf Biermann sprach, und das war dann das r e i n e Grauen. Er wollte, daß wir sofort in den Krieg eingreifen, und zwar, “weil er sowieso kommt”. Und ließ keinen Zweifel daran, daß solch ein Krieg ein atomarer würde, der möglicherweise – wörtlich – “Milliarden Menschenleben kostet”. Aber, unterm Strich und etwas verkürzt, diesen Preis hätten wir zu zahlen, wenn es uns ernst mit unseren Werten sei.
Er bekam Applaus, viel, ich hätte fast gekotzt. Der Mann ist deutlich ein Greis, sein Lebenshorizont ist nur noch sehr schmal, da hat man gut schlecht reden. Aber meine fünfzehnjährigen Zwillinge, mein zweiundzwanzigjähriger Sohn? Und andere Eltern sollen sehenden Auges ihre Kinder opfern?
Ganz nebenbei, es gäbe in Deutschland auch ganz sicher nicht, selbst jetzt nicht, eine Mehrheit für einen Krieg. Wer also soll gegen die entscheiden, sie zu Opfern machen dürfen? Man muß ihnen wenigstens Zeit lassen zu emigrieren[2]und ihnen finanzieren..
Es war einfach nur unverantwortlich. Es nützt dem Sterben, Siechen, Ausgebombtwerden (ja, Putin setzt massiv Raketen gegen zivile Gebäude ein, gegen ganze Stadtteile) … also es nützt diesem Elend doch nichts, wenn nichts als weiteres Elend noch hinzukommt, weltweit womöglich, vielleicht mit dem Untergang der halben oder gar dreiviertel Welt. Denn ein Atomkrieg macht erst halt, wenn eine der beiden Seiten nichts mehr abfeuern kann. Da ist dann alles andere aber schon hin. Und an den Strahlenfolgen werden Generationen über Generationen tragen.
************
Dem ist nur wenig, vielleicht auch gar nichts hinzuzufügen. Auch weil ich dann ging. Die Polyneuropathie in den Füßen, eine nicht umkehrbare → Chemofolge, wurde bei dieser Kälte so stark, daß ich nicht mehr ganz sicher war, weiterhin stehen zu können; möglicherweise knickte ich gleich ein. Ändern konnte ich ohnedies nichts, schritt, vorsichtig mit den Schuhsohlen tastend, im beklemmenden Bewußtsein davon, daß wir mit hoher Wahrscheinlichkeit der Vernichtung der gesamten Ukraine und einem nächsten Völkermord werden zusehen müssen, zwar tatenlos nicht ganz, letztlich aber hilflos. → “Wir kommen da mit sauberen Händen nicht mehr heraus.” – Haben Sie sich, Feundin, Habecks Gesicht mal angesehen, das neue? So schauen Sie nur (ich begehe eine Urheberrechtsverletzung, der Urheber seh’ es mir nach, oder die Urheberin):

Quelle (©): → dpa
 

Welch Menschenleid in dem Gesicht.

 

 

 

Миру Україні:
Ihr ANH

 

 

 

____________________________________________________________________________________________________
[Hier die gesamte Veranstaltung; Wolf Biermanns Beitrag
findet sich bei 2h12’56”, der Beitrag Prochaskos ab 34’46”:]

References

References
1 Auf dem Programmzettel als “Marie-Luise Beck” angekündigt.
2 und ihnen finanzieren.

Ukraine-Dialoge VI: Bersarin/ANH (1). Darin unter anderem auch zu, auf ukrainischer Seite, rassistisch-nationalistischen “Kämpfern” mit Deckung der Regierung.

[Nachgetragen, da → anderes vordringlich wurde.
Siehe auch → in Aisthesis heute.[1]Bersarin spiele mit dem Gedanken, die NATO massiv eingreifen zu lassen, aber ohne Hoheitskennzeichnung der Kombattanten. Der verlinkte Text ist meine Entgegnung.
ANH, 4. März]

Sonntag, 27. 2. 2022 | 1.43 Uhr

Bersarin
Auch das ist eine Möglichkeit: Partisanenwiderstand aus ganz Europa:

Sonntag, 27. 2. 2022 | 6.52 Uhr

ANH
In ganz Europa, denke ich, nicht. A u s ganz Europa aber vielleicht und in der Ukraine ziemlich gewiß. Vorausgesetzt, es kommt nicht wirklich zum europäischen Flächenkrieg. Sollte Finnland jetzt in die NATO gehen oder sollte es sogar die Ukraine[2]Anträge haben  jetzt auch Georgien und Moldawien gestellt; saugefährlich in der jetzigen Situation. ANH 4.3.22 tun, hätten wir ja den Bündnisfall. Dann wird man nirgendwo von einem Guerillakrieg mehr sprechen können, da ohnedies erst einmal die Bombengeschwader ausrücken würden. Die ersten drei Ziele: Berlin, London, Paris. (Ein Europa der Regionen wäre weniger schnell verwundbar.)

Bersarin
Ich denke, daß zumindest die Ukraine nicht in die NATO kommen wird, weil die NATO nach ihren Statuten keine Länder aufnimmt, die in aktuelle Konflikte verwickelt sind – so meine ich gelesen zu haben. Aber es könnte mit diesem Krieg gegen die Ukraine immerhin ein Zeichen gesetzt werden, daß solche Annektionen eines Landes mit einer demokratisch gewählten Regierung und eines Landes, das souverän ist nicht durchgeht.

ANH
Es ist denkbar, die Statuten zu ändern, wäre aber in diesem Fall nicht klug, weil wir dann sofort a l l e im Krieg wären – und was für einem, haben → Sie ja selbst geschrieben. Problematischer, weil sehr schnell konkret, könnte es im “Falle” Finnlands sein. Daß, solange die Nato sich nicht militärisch rührt, also gegen Rußland, auch das Baltikum derzeit in Gefahr ist, glaube ich nicht; doch ist dies in der Tat ein Glauben. – Seltsam, übrigens, daß ich bei “russischer Föderation” immer automatisch an die “Föderation der Vereinten Planeten” denken muß, Raumschiff Enterprise. Diese Föderation hat sich Frieden und Kooperation ja auf die Fahnen geschrieben. Welch ein Kontrast zu Rußland – und eben nicht nur jetzt erst. Wobei friedliche Koexistenz auch bei der Planetenföderation tatsächlich ja nie richtig geklappt hat.

Montag, 28. 2. 2022 | 11.23 Uhr

ANH
Lieber Bersarin, ich würde gerne auch mit unseren Ukraine-Dialogen machen, was ich vorhin >>>> mit Kaleb Utechts gemacht habe.Wären Sie einverstanden? Die Links würde ich dann aber nicht auf Facebook, sondern auf Ihre eigene Site legen.

Bersarin
Lieber Herr Herbst, sehr gerne. Und ich würde auch, sofern Sie gestatten und diese Form ausführen wollen, meine Antwort nochmal überarbeiten. Es sei denn, es soll so wie es ist, publiziert werden. Aber auf alle Fälle können Sie es wie Sie mögen publizieren-

ANH
Nein nein, wenn Sie überarbeiten mögen, tun Sie das. Denm Text würde ich eh erst morgen einstellen, für heute ist der jetzige und am Abend ein weiterrr Dialog vorgesehen, der auch schon für Die Dschungel formatiert ist. – Haben Sie in dem Utecht-Dialog (Dschungel, nur dort) meine letzte Bemerkung gelwesen? Das mit dem → Regiment Asow ist in der Tat furchtbar – weil es Putins “Entnazifizierung” rechtfertigt, auch wenn es “nur” um eine rassistische Mördertruppe von 2500 Mann geht. Doch sie “handelt” in ukrainischem Auftrag. Ich habe es in Der Dschungel verlinkt.

Bersarin
Ich habe es bereits gesehen. Nennen muß man es in der Presse, weil es ansonsten wieder zur Kritik kommt, es werden Dinge verschwiegen. Allerdings sollen meines Wissens auch auf der russischen Seite im Donbas neonazistische Organisationen mitmischen. Andererseits denke ich eben auch, daß die Ukraine sich in einer solchen Lage nicht die Position eines Rechtsstaates wie in Deutschland (mit all seinen Tücken freilich ebenfalls) wird leisten können. Vor allem da, wo jeder Mann, jede Frau gebraucht wird. Was freilich nicht rechtfertigt, → mit Nazis zu kollaborieren.[3]Auch als PDF: Rechtsextremismus_ Polizei in Deutschland warnt Rechtsextremene vor Ausreise _ ZEIT ONLINE

ANH
Ja, es ist heikel, sehr heikel. Und ich denke mal. daß die Presse diesen Trupp aus ähnichem Grund verschweigt, wie sie sich Ewigkeiten zu schreiben gesperrt hat, daß hinter manchen Übergiffen auf Frauen muslimische Flüchtlinge steckten. Es geht nicht um Wahrheiten, sondern darum, die öffentliche Meinung manipulativ zu lenken, weil man z.B. kein weiteres Erstarken der AfD will. Was ich verstehen kann, aber als Rechtfertigung nicht akzeptiere.

Bersarin
Sehe ich ganz genau so. Gerade auch im Blick auf Übergriffe. Aber ich denke, daß das ein großer Fehler ist und den Leuten am Ende auf die Füße fällt. Denn Probleme, die man nicht benennt, verschwinden ja nicht, sondern sie brödeln unterschwellig. Bis es aufbricht und das fliegt einem dann meist um die Ohren

ANH
Eben. Dieselbe Dynamik, wie sie in Freuds Konzepz der Verdrängung wirkt. Das Unheil kommt an komplett unerwarteter Stelle wieder hervor – aber so, daß man in aller Regel es gar nicht mehr auf die Ursache zurückführen kann, es sei denn durch die Psychoanalyse.

Bersarin
Das ist eine gute Parallele. Das Manifestwerden des Latenten, der Einbruch des Verdrängten in die Realität und Wirklichkeit unserer Lebensverhältnisse – sei das gesellschaftlich oder im Individuum.

***

[Siehe auch → in Aisthesis heute.]

 

References

References
1 Bersarin spiele mit dem Gedanken, die NATO massiv eingreifen zu lassen, aber ohne Hoheitskennzeichnung der Kombattanten. Der verlinkte Text ist meine Entgegnung.
2 Anträge haben  jetzt auch Georgien und Moldawien gestellt; saugefährlich in der jetzigen Situation. ANH 4.3.22
3 Auch als PDF: Rechtsextremismus_ Polizei in Deutschland warnt Rechtsextremene vor Ausreise _ ZEIT ONLINE

Ukraine-Dialoge III: Email Tatjana Baskakova/ANH (Übersetzerin und Autor 1)

[Siehe auch → Offener Brief an den Präsi-
denten des deutschen PENs
, Deniz Yücel]

[Zu Tatiana Baskakova:
Татьяна Баскакова
Facebook]

 

 

An Tatjana Baskakova, 1. März 2022, 11.32 Uhr

Liebe Tania,
eben habe ich für Sie ein Bücherpaket zusammengestellt, da erfahre ich, daß zu den Sanktionen wegen der Ukraine-Invasion seit heute auch gehört, daß die Post >>>> keine Sendungen mehr nach Rußland annimmt, bzw. überhaupt verschickt. Nun trifft es auch die Zivilen. Ich habe solch eine Angst, wie muß es da erst Ihnen ergehen? Quasi Tag und Nacht denke und denke ich und schreibe über gar nichts anderes mehr.
Ich denke an Sie und die Ihren.
A.

Татьяна Баскакова, 12.15 вечера

Lieber Albano,
danke! Wir mussen warten, es bleibt nichts anderes.
Es ist sehr schlimm, dass jetzt alle Verbindungen zwischen den Menschen kaputt gemacht werden. Was wir machen koennen — diese private Beziehungen trotz allem zu behalten. Jetzt sind alle Russen in der Situation, die Sie so gut aus eigener Erfahrung kennen: alle sind – vermeintlich – a priori schuldig. Ich bin nicht bereit das zu akzeptieren.
Aber: Ihre Briefe, Ihr Buechergeschenk, sogar das nicht abgeschickte, Ihre Werke ueberhaupt sind eine Unterstuetzung fuer mich.
Sehr herzlich, Ihre Tania

An Tatjana Baskakova, 12.24 Uhr

Es ist doch auch in gar keiner Weise wahr. Die Russinnen und Russen sind zu großem Teil absolut unschuldig, und viele wehren sich sogar – und heftig – gegen diesen Krieg, und zwar unter Inkaufnahme großer Risiken, möglicherweise auch in Lebensgefahr. Das sehe ich hier genau und sehen auch die meisten Menschen und Regierungen Europas so. W a s mich aufregt, ist hier die Begeisterung, auch und gerade in den Zeitungen, über die neue Aufrüstung der deutschen Bundeswehr, und wie plötzlich fast gejubelt wird, weil die, die den Frieden wollten, “gescheitert” seien. Daß wir gegen Regierungen wie Putins wehrhaft sein und unbedingt der Ukraine, ja, auch Waffenhilfe leisten müssen, steht auf einem anderen Blatt, ist aber eher ein Grund zu riesiger Trauer als zu Jubel.
Und wir werden uns nicht trennen lassen, das kann ich mit Gewißheit sagen; wir werden unsere Kontakte halten und pflegen und sie wahrscheinlich für noch wertvoller erachten als ohnedies schon. Zudem ist, liebe Tania, Rußland zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auch Europa und Europa ohne Rußland kulturell gar nicht zu denken, von Tschaikowski bis Schnittke und Gubaidulina, Tolstoj, Dostojewski über Nabokov bis Sorokin, Malewitsch bis … – Hunderte Namen und Menschen. Kulturell sind wir alle, alle verwoben.
Ich denke, ich darf das im Namen der europäischen Intellektuellen sagen, daß wir genau wissen, die Machtclique um Putin will zwar auch die ukrainischen Menschen unterdrücken, nämlich jetzt durch diesen widerlichen Krieg, aber er unterdrückt auch das russische Volk, und zwar schon lange, lange, lange. Daß er ein Menschenschlächter größten Stils ist, wissen wir spätestens seit Tschetschenien. Und so stehe ich selbstverständlich an Ihrer und der Ihren Seite. Bitte grüßen Sie, wo Sie können, von mir.
A.

P.S.:
Ich würde – wie ich es grad laufend mit den >>>> “Ukraine-Dialogen” mache – gern diesen Briefwechsel in Die Dschungel stellen. Wäre Ihnen das recht? Oder gerieten Sie dadurch in Gefahr? (Ich könnte es auch anonymisiert tun). Geben Sie bitte kurz Bescheid.

Татьяна Баскакова, 12.54 вечера

ja, publizieren Sie das, und wenn schon, dann, bitte, mit meinem Vor- und Nachnamen. Ich sehe jetzt in Facebook, diese «Schuld»-Frage ist sehr schwierig fuer viele Russen.
Vielleicht dann (falls Sie nichts dagegen haben) publiziere auch ich diesen Text, auf Russisch.

An Tatjana Baskakova, 13.41 Uhr

Das merke ich gerade, wie wichtig es für die Ihren ist. Bitte machen Sie sich alle klar, daß Sie n i c h t von  dem Balkon eines Nobelhotels herab auf einem großen Platz gefragt worden sind: “Wollt ihr den totalen Krieg?” und nicht einmal untotal “Wollt ihr den Krieg?” – und daß da schon gar niemand die Hand ausgestreckt und irre vor Machtrausch gebrüllt hat, nämlich unisono alle: “Jaaaaaaa!”

Das ist der Unterschied.

Es ist ein dimensionaler, existentieller, ja ontologischer. Die Deutschen, während des Krieges und danach, hatten allen Grund, sich schuldig zu fühlen. Sie waren es durchweg, außer denen, die Widerstand leisteten und in der Regel ins Lager kamen, um meistens darin umzukommen. Die Russinnen und Russin jetzt sind es nicht – außer den wenigen, die das Morden mitbetreiben. Nicht einmal die einberufenen Soldaten sind es – wobei ich meinerseits mich nicht einsetzen l i e ß e, sondern verweigerte oder desertierte. Aber das ist wohlfeil gesagt, ich fühle nur so, aber weiß es nicht, weiß lediglich, daß ich Befehle fast prinzipiell nicht befolge. (Übrigens war das der tatsächliche Grund, weshalb ich den Wehrdienst – damals gab es ihn noch als Pflicht und wird es wahrscheinlich nun bald wieder geben) – verweigert habe, und nicht, weil ich Pazifist war oder bin. Für einen wirklichen Pazifisten bin ich nicht naiv genug.)

Und deutlich noch einmal: Die russische Bevölkerung hat keine Schuld an dem Krieg – bis auf ganz wenige, die an ihm verdienen; aber die andern alle müssen ihn auch noch bezahlen, teils sogar mit dem Leben, einige mit Haft, vielleicht Verschleppung, alle aber bitter mit Not. Schuld tragen, und zwar genauso wie Putin, – neben einer durchaus auch Mitschuld des Westens – allein noch Oligarchen – und die, wegen der sie schmerzenden Sanktionen, fangen grade an, sich zu drehen, langsam aber und einer nach dem andren. Wenn Putin da nicht aufpaßt, erwischt es ihn von – ich meine das im Wortsinn – hinten. Denn diese Leute haben Macht.

Ihr Albano

***

[Siehe auch → Offener Brief an den Präsi-
denten des deutschen PENs
, Deniz Yücel]

“Wir kommen da mit sauberen Händen nicht mehr heraus”: Deutschlands zweite – der Bundesrepublik – quasi Wiederbewaffnung, nun atomar? Im Nichtarbeitenkönnenjournal des Sonntags, den 27. Februar 2022.

[Arbeitswohnung, 15.40 Uhr]

Ans Arbeiten ist nicht zu denken; statt dessen von → Scholzens Regierungserklärung an die Parlamentsdebatte verfolgt – wobei es schon  erbärmlich ist, daß die technische Ausstattung des Reichstagsgebäudes nicht nur keine störungsfreie live-Übertragung zuläßt, sondern die Störungen sich in permanenten Wiederholungen des bereits Gesagten und Gezeigten manifestieren, manchmal so, daß jemand denken könnte, hier werde mit Absicht geschnitten, und zwar durchaus nach rhetorischen Maximen. Außerdem erschrak ich, weil ich ausgerechnet Alice Weigel, einer, wenn nicht der AfD-Frau, in einem Punkt zustimmen mußte, was nämlich die Mitschuld des Westens, namentlich der NATO, an der Ukraine-Katastrophe anbelangt, ein Thema, um das sonst fast alle einen Riesenbogen des Nichthinsehens schlugen. Wobei die Frage nach eigener Schuld im Augenblick ziemlich unwichtig ist. Es mag Mitschuld sein, aber nicht ein Verbrechen, wie es diese russische Invasion ist. Putin hat sogar die Atomstreitkäfte in Bereitschaft versetzt – las ich im → Newsblog der ZEIT, der in meinem Arbeitscockpit dauerhaft auf dem linken großen Screen mitläuft. — Nein, an meine Arbeit ist nicht zu denken. Oder zu denken s c h o n, aber sie kommt mir müßig, ja objektiv ohne jedes Interesse vor, das jemand noch, selbst ich, an Laupeyßers Schicksal haben könnte. Es ist wohlfeil. Mein Roman ist zur Zeit komplett überflüssig, ein lächerlicher Luxus sichselbstfindender Sentimentalität.
Kurz auch überlegt, an der großen → Demonstration teilzunehmen, es aber schnell wieder verworfen und die Parlamentsdebatte gewählt. Ich brauche meine eigenen Gedanken, die ich nicht in skandierten, gar mitskandierten Massenchören untergehen lassen will, zumal mit ihnen, anders als in Rußland, für die Teilnehmer nicht der Pups einer Gefahr verbunden ist. Gut, es mag ein Zeichen der Solidarität für die Ukraine sein, aber mich wohlfühlen, weil ich mit so vielen “auf der richtigen Seite” stehe, ist etwas, das ich ablehne. Für mich, bitte nicht mißverstehen; anderen Menschen ist, zu einer Gruppe zu gehören, die auch das Überich beruhigt, ganz sicher wesentlich. Für mich war es das nie und wird es auch nicht werden. Wär es indessen gefährlich, grad für jede und jeden persönlich, hätte ich mich anders entschieden und wäre gegangen. Vermute ich, weiß es aber nicht. Doch war, mich meiner Angst zu beugen, noch niemals meine Stärke. Egal.
Also Weidel. Furchtbares Erlebnis für mich. Die anderen Beiträger der AfD waren voraussagbar entsetzlich, da war ich wieder (etwas) beruhigt. Imponiert allerdings hat mir, als einzige Rede, Robert Habecks Ansprache (anklicken, dann können Sie sie hier anschauen):

S e h r imponiert, nicht nur, weil ich ihm so zustimme, sondern weil das Video zeigt, wie jemand gegen seine tiefste Überzeugung sie relativieren und ideologisch sogar umschwenken muß. Ich habe vor so etwas höchste Achtung. Sein Satz “Wir kommen aus dieser Sache mit sauberen Händen nicht mehr heraus” wird Geschichte werden, ist es schon. W i e schmutzig sie werden könnten, zeigten einige Beiträge zur, inklusive wahrscheinlicher  Wiedereinführung der Wehrpflicht, beschlossenen Aufrüstung der Bundeswehr (mit einem Fonds von 100 Mrd. €) … zeigten einige Beiträge, die mehr oder minder verdeckt auch mit atomarer Bewaffnung flirteten. Ich weiß, das Wort, “flirten”, ist unangemessen, sogar stillos, aber ich kann mein Erschrecken nur euphemistisch ertragen. Schlimm indessen war auch → Merz, um von Dobrindt, den ich deshalb nicht verlinke, am besten zu schweigen (Weidel verlinke ich trotz meiner teilweisen Zustimmung erst recht nicht. Der heutige Kotau der AfD vor einem Massen- und Völkermörder ist schlichtweg widerlich. Bei Markus Söder, den ich genauso wenig mag, wär Weidel besser aufgehoben und diente ihrer Wählerschaft mehr, als daß sie sie Observationsobjekte des Bundesverfassungsschutzes werden läßt.)

Wozu also momentan Dichtung? Meine Zweifel, Freundin, sind riesig. Die russische Armee kommt nur schleppend voran, die Ukrainer schlagen sie immer wieder, einstweilen, zurück. Aber eben “noch”. Deutschland unternimmt eine historische Kehre und liefert dem bedrohten Volk nun doch deutsche Waffen.
Ein Dammbruch nach dem anderen. Lindner, dessen Rede mäßig war, eher noch bürokratisch, bricht mit seinem versprochenen Sparkurs – eben für die Aufrüstung. Er kriegte den Stock nicht aus dem Arsch, der, jener, bis in den Hals hinaufstak. Und den hab ich gewählt! – Dagegen, in ihrer Leidenschaft sowohl an- wie berührend und beklemmend, Britta Haßelmann:

“Kiew ist von Berlin so weit entfernt wie Rom.” Dringlicher läßt es sich nicht sagen. → Parallalie lebt in Amelia knapp neunzig Kilometer nördlich. Ich spüre zunehmend deutlich den Abgesang, der → die Béartgedichte sind, am Ende einer Ära. Doch das, was melancholisch war, ist nun angstbesetzt, und voll wutpraller  Trauer. Es will sich die Utopie nicht erheben, die russischen Soldaten desertierten (eine Idee, auf die mein Arco-Verleger kam), alle, gemeinsam; sie bleibt am Boden, diese Utopie, und zittert da vor Lebensnot. So verschaffen sich die Körper doch wenigstens Wärme. Ihre russischen Mütter, die Väter daheim haben dieselbe Angst wie die ukrainischen. Und je deren Brüder, Schwestern, Freundinnen und Freunde. (Indem ich hier tippe, verlier ich ein bißchen meine Unruhe, die auch daher rührt, daß ich so vieles, in → Anderswelt, vor allem in Thetis, vorhersah. Unter anderen Vorzeichen freilich.)

 

[Unterbrechung: Videotelefonat mit der Löwin]

 

Alles in mir dreht sich um die Ukraine und letztlich um Europa, das ich derart liebe, und nun den grundsätzlichen Paradigmenwechsel nicht nur der deutschen Politik, sondern auch unseres deutschpolitischen Selbstverständnisses nach dem Zweiten Weltkrieg und deutscher Verantwortung: was sie bedeute. “Nie wieder Krieg!” – dieses auch für mich unbedingte Manifest, das lebenslanges Bekenntnis war, wurde auch in der heutigen Parlamentsdebatte zu einer lächerlichen Maxime, die zu verhöhnen direkt zu spüren war, wie manche Redner es genossen. Fast spür ich sie, nur entsetzt, ganz genauso. Nicht die Spur billig Selbstbestätigtseins in mir – anders als in einigen Reden namentlich aus den Reihen der “christlichen” Parteien. Sondern ich empfinde, was soeben geschieht, als einschneidender, ja gar nicht damit auch nur vergleichbar,  als damals den → Nachrüstungsbeschluß, der Anlaß eines der wenigen Male war, daß ich an Demonstrationen teilnahm (und prompt verhaftet wurde). Damals habe ich noch gedacht, unsere Proteste würden etwas bewirken. Unterm Strich habe ich gelernt, daß gewaltfreie Demonstrationen zu gar nichts führen und solche mit Gewalt oft das Gegenteil dessen bewirken, was sie erreichen wollen. Die meisten Demonstrationen waren, nach meinem Erleben, Selbstfindungs und -bestätigungsakte. Auch deshalb ging ich heute nicht hin. In Rußland ist das anders; dort wird eigenes plötzlich-Verschwinden riskiert. Es ist das Gegenteil jeglichen Wohlfeilseins. Wobei wir, in einem noch derart gläubigen Land, die russisch-orthodoxe Kirche hinzudenken müssen, der, wer an der Macht ist, für von Gott dort hingesetzt gilt. (Deswegen das ukrainische → Schisma). In Rußland ist ziviler Ungehorsam auch innerhalb der eigenen Familien- und anderen Sozialgebilde stets  blasphemisch Tabubruch. Hier hat man Joints danach geraucht, tut es vielleicht jetzt noch.

  • Nichts, übrigens, gegen Joints. → Liligeia hat mich gelehrt, für THC recht dankbar zu sein, zumal es jetzt bei mir auch wirkt. Was jahrzehntelang nicht so war. Weshalb die Veränderung, darüber hat klug mein Sohn mich in Kenntnis gesetzt.

(Eigentlich eine Idee grad, im Döschen ist noch a bisserl. Doch nein, ich schieße mich jetzt nicht weg. Zumal ich grad gerne in der letzten Vorstellung von → Janáčeks Makropulos säße; da es mein drittes Mal wäre, hab ich nicht gefragt.

Musik ist Erlösung auf Zeit.)

Die Putin-Riege droht mit Atomwaffen, Jen Psaki kontert, dreiundzwanzig Minuten ist’s her: “Wir haben die Fähigkeit, uns zu verteidigen.” Laut dem Bericht der ZEIT (in deren Übersetzung).
Der Schrecken wird Kalkül. In Deutschland ebenso – nicht dem vor ’45.

 

Letzte Nachricht, bevor ich dies hier erstmal beschließe: Auch Schweden liefert nun Waffen. Auch dort ist es ein Dammbruch. (Ein Problem dabei, wenn geschieht, was ich befürchtend → schon formulierte: Unterliegt die Ukraine dem Völkerrechtsverstoß, wie ich’s für wahrscheinlich halte (und wäre dankbar, sehr, würd ich eines dann wirklich Besseren belehrt), geht alles Material ins Eigentum des putinrussischen Großmachtstrebens über – daß dann ein “Streben” nicht mehr ist.)

ANH

[19.06 Uhr]

Verloren. Das eigentlich-nicht-wirklich-Arbeits-, eher Sorgejournal des Freitags, den 25. Februar 2022. Unmittelbar vorm Fall der Ukraine.

[Arbeitswohnung, 8.49 Uhr
Keine Musik, draußen nur sehr gelegentlich ein Vogelzwitschern,
der Amselhahn hat geschwiegen, als wäre auch er der Ahnungen voll.]

Jedes, aber auch jedes Gespräch wie fast auch jeder Gedanke handelt von Rußlands Ukrainekrieg. Auf meine – ohnedies mühsame – Arbeit kann ich mich so gut wie nicht konzentrieren; anders als früher gelingt es mir nicht, die kreative imaginäre Mauer um mich zu errichten. Das hat auch mit persönlichen Sorgen zu tun. Ein Freund, den ich gestern abend traf, erzählte, Finnland und Schweden hätten bereits um Aufnahme in die NATO ersucht – was Putins Argumentation einer Rußlands Sicherheit bedrohenden Einklammerung in die Hand spielen und ihm ein zusätzliches nachträgliches Alibi für seine völkerrechtswidrige Invasion zuspielen würde. Als ich heute morgen recherchiere, finde ich, halb zu meiner Erleichterung, halb zu meiner nun besonderen Sorge, daß diese NATO-Information nicht stimmte. Weißgöttin, woher der Freund sie hatte.
Ist auch erst mal egal.
Die Bedrückung ist derart groß, daß ich mich sogar mit meinem Arco-Verleger beinahe zerstritt. Er warf mir vor, ich sei der russischen Propagando aufgesessen, weil ich meinte, in Sachen NATO-Osterweiterung habe Putin recht. Meine ich nach wie vor. Das läßt aber den Einmarsch in die Ukraine und den nun dort – noch nur dort – brandenden Krieg nicht entschuldigen; die Invasion ist und bleibt ein Verbrechen, das ein Völkermordverbrechen zu werden droht. Dennoch muß ich konstatieren, daß wir – also der Westen – an den Geschehen mitschuld tragen. Das ungute Amalgam aus angeblicher Vertretung demokratischer Werte bei gleichzeitiger, durchaus hämischer Muskelspielerei nach dem Fall der Sowjetunion (was, wie ich gestern schon erzählte, der Profi ein “Nachtreten” nannte) sowie Primat von Wirtschaftsinteressen hat mit in die jetzige furchtbare Situation geführt; ich will es sogar schärfer formulieren: Nicht er schiebt die russischen Sicherheitsinteressen als Albi für seine brachiale Großmachtpolitik vor, sondern dieses Alibi haben wir ihm gegeben. Er greift nur zu. Daß er ein Mörder sogar in großem “Stil” ist, wußten alle, siehe Tschetschenien. Aber alle haben Vespasian, also → pecunia non olet, gespielt. Uns war die funktionierende Heizung daheim schon immer näher als die Freiheit, gar die Menschenrechte, jedenfalls der anderen. Ich nehm mich da nicht aus.
Wie auch immer, ich säße, behauptete er, Putins und seines Machtapparates Propaganda auf, er selbst habe dagegen gesicherte Informationen. “Ah?” fragte ich zynisch. “Du hast Kontakte zum Geheimdienst?” – Wirklich bin ich restlos irritiert, wie alle immer besserwissen, die imgrunde gar nichts wissen oder wenig, weil wir doch glauben müssen, alle wir, was uns erzählt, zu lesen vorgelegt usw. wird. Oder wir verlassen uns auf Zeugen, obwohl wir wissen, daß Zeugenschaften selbst bei Verkehrsunfällen kaum verläßlich sind. Ja, auch ich weiß nicht, kann mich nur auf mein eigenes Nachdenken stützen und daraus abgeleitet formulieren. Dafür abgekanzelt werden mit “du sitzt der Propaganda auf” inszeniert rhetorisch ein Gefälle, dessen Oben selbst nichts als Ideologie, bzw. Glaube ist.
Ich unterbrach das Gespräch; es hatte keinen Sinn.
Wir haben seitdem nicht mehr gesprochen.

Die Ukraine ist, denke ich, bereits verloren. Da Putin ziemlich unverblümt, aber ohne den Begriff selbst in den Mund zu nehmen, für den Fall einer Einmischung von außen mit einem Atomschlag gedroht hat, scheint es mir gewiß zu sein; es wird nicht mal lange dauern. Gestern abend, mit den Freunden, sagte ich spontan: “Wahrscheinlich ist Kiew bereits am Sonntag in russischer Hand” – und damit die gesamte Regierung gestürzt. Griffe der Westen vorher militärisch ein, gar mit direkten Kriegshandlungen, stünde Europa-insgesamt in Flammen. Die NATO wird sich hüten und also Putin neue geopolitische Fakten setzen. Die Frage dann wird sein, rückt er auch in Finnland ein. Putin aufhalten könnte nur die NATO, aber um das Risiko eines dritten Weltkriegs. Es gäbe dann n u r noch Verlierer, egal, wer “gewinnt”. Es ist Putin zuzutrauen, daß er es drauf ankommen läßt, der imgrunde die Genealogie der “großen” Herrscherdynastien fortsetzt, nämlich der Cäsaren; daß er kein Demokrat ist, war von seinem Aufstieg an bekannt. Die auch wir, wenn sie “auf der richtigen Seite” standen, ja unsrerseits verehren, obwohl auch sie, letztlich, ganz wie Putin handelten, also prinzipiell. Dennoch wird bei uns im Lateinunterricht nach wie vor Cäsar gelesen und also gelehrt: Noch immer werden im Lateinunterricht seine Commentarii de bello Gallico behandelt, und zwar affirmativ; und Cicero ist oft nicht besser. Erinnern Sie sich, Freundin, daß selbst der Begriff “Zar” eine Ableitung von “Cäsar” ist, ebenso wie “Kaiser”? Das wirkt alles fort, etwa in Putin, der sich auf → Alexander III nicht nur bezieht, sondern ihn in sich auferstehen zu lassen versucht. Was ihm soeben gelingt.
Begännen wir statt dessen, in den Schulen, mit Ovid, namentlich der Ars amatoria, wäre vieles gewonnen. Doch müßten wir Heutigen ja vorher eine “Trigger”-Warnung herausgeben, weil sich einige Schülerinnen und Schüler von so viel Sex gefährdet fühlen könnten, ein schweres Trauma zu erleiden. Dann guck ich nur nach Rußland und schüttle verzweifelt, um nicht höhnisch zu lachen, den Kopf. Das Schicksal dekadenter Gesellschaften ist uns seit langem, langem bekannt. Selbst wenn es ihrerseits Imperien waren. Übrigens geht in ihnen auch die Zeugungsfähigkeit massiv zurück. Die Reproduktionsideologie der Gendercorrecten setzt eh schon längst, obwohl sie’s nicht weiß und, wenn, dann bestritte, auf Gentechnologie.

Klar ist jedenfalls, daß in diesem neuen ersten-wieder europäischen Krieg (nach Jugoslawien), Rußland der Aggressor ist, keine Frage, doch mitmotiviert von und mitbegründet durch unsere eigene Politik. Wir, der Westen, haben gedacht, es wird so schlimm schon nicht kommen, und vergessen, daß, wenn etwas schlimm werden kann, es schlimm auch w e r d e n wird. Stets. Unsere Diplomatie, rundweg, hat versagt. Dazu kommt unsere objektive Schwäche – das, was ich Dekadenz nenne -, eine vermeintliche oder tatsächliche, im jedem Fall lächerliche, siehe “Trigger”, Überempfindlichkeit Einzelner, während nebenan schon der Vulkan bebt. Das Gendersternchen nämlich spürt das Erzittern der Erdkruste nicht, und wenn es es wahrnimmt, hat sich der Boden schon geöffnet und saugt in seine klaffende Klamm, was ist. Ich möche mal einen “Woken” jemandem gegenüberstehen sehen, der auf ihn anlegt. Möcht ich selbstverständlich nicht, es ist ein böses Gedankenspiel, das allerdings ziemlich plötzlich wirklich werden könnte. Unsere Empfindlichkeiten werden dem Aggressor so ziemlich am Arsch vorbeigehen, im Zweifelsfall einer Soldatin, einem Soldaten, die und der a u c h nur überleben, irgendwie heil aus dieser Scheiße wieder herauskommen will. Und deshalb schießen – töten – muß und vielleicht sogar in den – aus Selbstschutz! –  Blutrausch gerät. Wer – imgrunde motivlos, weil von Befehlen geleitet – mordet, tötet auch seine eigenen Werte. Die eigene innere Wahrheit ist genauso in Gefahr wie die zu Erschießenden. Das läßt sich bewußt nicht ertragen, also schaltet das ÜberIch ab und u m, im Töten, auf Instinkt — auf das → ES. Schlimmstenfalls setzt der perverse Prozeß ein. Dann haben wir → My Lai. Uns selbst, jedem von uns, kann das widerfahren, sowohl als Opfer wie als Täter, je nachdem, wohin Glück oder Unglück uns gestellt hat – “geworfen” nennt es die Existentialphilosophie.

Ja, ich halte die Ukraine für an Rußland verloren. Was für Rußland möglicherweise einen jahrelangen Gurillakrieg im dann eigenen Haus bedeutet; es gehen, las ich vorhin, schon Planspiele des Westens um, solche Kämpfer – die in anderem Zusammenhang von uns “Terroristen” genannt und dann von Rußland tatsächlich so genannt würden – zu währender Destabilisierung des autokratischen, tatsälich wohl eher neufeudalistischen Systems mit Waffen zu versorgen. In sowas waren besonders die USA immer gut, auch sie am Völkerrecht nicht nur knapp vorbeischrammend oft.

Die Frage, die uns bald umtreiben wird, wird lauten: Hätte diese Invasion verhindert werden können? Darum wird man sich jahrelang, vielleicht über Jahrzehnte streiten. Ich glaube: Ja. Hätte der Westen, hätten also wir, sich nicht derart triumphierend aufgespielt, daß es an Hämischsein grenzte, und statt dessen, was gute Diplomatie auszeichnet, die Probleme Rußlands mitbedacht und berücksichtigt. Man hätte die Anrainerstaaten zur Neutralität verpflichten müssen – was nicht bedeutet hätte, sie nicht in die EU aufzunehmen, aber sehr wohl, ihnen den Zutritt zur NATO zu verwehren. Dann hätte sich ein weicher Puffer um Rußland gelegt, der zur Inszenierung einer Bedrohungskulisse nicht geeignet gewesen wäre. Sondern er wäre, wie zwischen Weltall und Raumschiff, ein Kranz von Schleusen gewesen von sogar weltpolitischer Bedeutung. Was für diese Länder einen enormen, und zwar berechtigten Prestigegewinn bedeutet hätte, für die NATO allerdings, eben nicht auf Muskelprotzerei zu setzen, bei der sich Putin, ikonografisch, längst besser hervortat, da auf dem Pferd mit seinem nackten, bedauernswert asthenischen Oberkörper eines sibirischen Marlboro-Mans von knapp einsfünfundsechzig. Drei Zentimeter weniger als Bonaparte, derweil dem Cäsar einsfuffzich genügten, doch das war damals für Römer normal und kein, wie gerne gemutmaßt wird, Zeichen besonderer Machtlüsternheit, quasi als Kompensation für den Kleinwuchs.

***

Eigentlich hatte ich von einem sich bis in die tiefste Nacht erstreckenden Nachmittag mit Gaga Nielsen und meinem Sohn erzählen wollen, doch bin ich dazu momentan nicht mehr fähig. Wen soll es denn auch interessieren? Drum sei es genüge, auf i h r e n, Nielsens, Eintrag → zu verlinken. Es gibt da, Freundin, auch Bilder zu sehen. Im Kleinen, vielleicht, finden wir Hoffnung.

Nicht mal Musik kann ich derzeit hören. Doch heute abend, woanders, werde ich’s tun: noch einmal → Věc Makropulos. Da geht’s dann (fast) um ewiges Leben.

Ihr ANH

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