Heute eher Arbeitsjournal denn Tagebuch. Am vierzehnten Krebstag: Mittwoch, den 13. Mai 2020. Mit einem, völlig unversehens, Manifest und halluzinogenen Vorlebensendeplänen.

[Arbeitswohnung, 6.15 Uhr
Respighi, Semirama (ff)]

Ärztingespräch gestern, in लक्ष्मीs Beisein: Da die OP-Ansätze des SANAs und der Hannöverschen so heftig divergieren, noch die Drittmeinung der Charité einholen, die von diesen als “unnötig” abgetane (“Wir holen später sowieso alles raus”) diagnostische Laparoskopie im SANA aber durchführen lassen, sie bringe eine zusätzliche Gewißheit, und so schnell wie möglich die Chemo beginnen. लक्ष्मीs Ernährungsvorstellungen stimmte die Ärztin nahezu rundum zu und verschrieb mir gegen die Schlafstörungen als Antischmerzmittel, hierin dem SANA folgend, Novaminsulfon – das heute nacht perfekt funktioniert hat – sowie, falls es nicht anschlagen würde oder irgendwann nicht mehr sollte, Zolpidem … “da aber Vorsicht! Es macht, anders als Novaminsulfon, abhängig.” Wobei diese Gefahr bei mir nicht besteht, der ich entschieden dazu neige, gar keine oder doch zu wenig Tabletten zu nehmen, selbst wenn es nötig wäre. – Als Alternative verschrieb sie noch Melatonin, von dem mir vormittags schon meine Lektorin erzählt hatte und das auch लक्ष्मीs volle Zustimmung fand — nur durfte es, wie sich wenig nachher herausstellte, die Apotheke es jedenfalls in dieser Dosierung (5mg) nicht herausgeben, da derzeit um das Medikament ein Rechtsstreit geführt wird. Ich habe im Netz geschaut, über Prozeß und Hintergründe aber nichts gefunden; und Online-Händler teilen, etwa → dort, lediglich mit, daß das Produkt für Deutschland nicht erhältlich sei. Nun muß mich das nicht stören; ich habe Freunde in Frankreich, wo das Hormon frei verkäuflich ist, so daß sie es mir besorgen und schicken können. Doch was für ein Aufstand – und: Neuerlich kann von einem vereinten Europa die Rede leider nicht sein. Na gut, in diesem Fall gibt uns der Umstand die Freiheit, nationalrechtliche Regelungen zu unterlaufen: sozusagen gibt es einen Sherwood Forest, in dem wir untertauchen können.
Ein guter Artikel, übrigens, findet sich zu Melatonin → bei Primal State.

Wieder in der Arbeitswohnung, sofort erst beim Onkologen angerufen. Besetzt. Email geschrieben, fast unmittelbar darauf Rückruf aus der Praxis und sofort den Termin bekommen. Man möchte aber die Laparoskopie und ihren Befund abwarten, deshalb nicht schon, wie eigentlich im Kopf gehabt, heute, sondern erst am Montag. Der somit den Beginn meiner ersten Chemo markieren wird.
Dann in der CCCC-Stelle der Charité angerufen, doch zu spät, da sie nur bis 15 Uhr besetzt ist. Werd ich in zwei Stunden, pünktlich auf neun Uhr, erneut tun. (Die ganze Zeit geht mir durch den Kopf, ich könne in Hannover aus der ja tatsächlich schweren OP nicht bei vollem Bewußtsein erwachen, dort dann im Koma liegen und fern von allen, die ich liebe, vor mich hinzusterben – was so ziemlich das Gegenteil meiner Vorstellung eines ehrenvollen, stolzen WohinüberauchimmerGehens ist. Geradezu, für mich, ein Horror, schlimmer als der Krebs selbst.) Wobei meine Tiefstimmung, die den Montag so bestimmt hat, komplett vorüber ist, ich die vorherige Ruhe und Gefaßtheit wieder habe, auch die Zuversicht – darum aber auch genau sagen kann, was ich auf keinen Fall will. — Und aber dennoch, es folgt ein weitres Andrerseits: Ich sollte Hannover gegenüber vielleicht fair sein und einfach bei strahlend-schönem Wetter noch mal hinfahren und mir die Klinik dann anschauen. Vergessen Sie, Freundin, meine enorme Abhängigkeit vom Licht nicht. Wir es draußen grau, so auch mein Geist; je älter ich wurde, desto stärker zeigte es sich und hat unterdessen einen fast schon pathologischen Charakter. Jedenfalls dürfte das verregnete, zudem so klammkühle Grau des Montags auf meine Wahrnehmung der hannöverschen Klinik zumindest mitgewirkt und mein mehr depressives denn harsches, nun jà, “Urteil” ziemlich geleitet haben. Und da bis zur OP – für die Chemo werden zwei bis drei Monate angesetzt – noch einige Zeit vergehen wird, wird Hannover ganz sicher die Gelegenheit bekommen, sich mir noch einmal unter leuchtendster Sonne zu präsentieren.

Nochmal zu den für mich ungewöhnlichen Durchschlafstörungen. Zwar, ja, das Novaminsulfon hat geholfen, ja, dennoch könnte Bruno Lampe → recht damit haben, sie mehr mit dem Nikotinentzug (den ich sonst aber kaum mehr spüre, vielleicht noch zweidreimal am Tag, als kurze und schnelle Begier) als mit dem Karzinom und den (bislang noch bestens aushaltbaren) Schmerzen in Verbindung zu bringen. Denn tatsächlich erwachte ich auch heute nacht wieder gegen halb drei, huschte dann aber nur auf Toilette und unter die Decke wieder zurück, wo ich, Menschen können ziemlich irre sein, irgendeine Spur des Schmerzes aufzuspüren versuchte, denkend aufzuspüren … “richtiggehend” konzentriert. Nein, da war keiner. Konnte das sein? Also noch mal hinfühlen. Was dann offenbar derart anstrengend war, daß ich erst Schlag sechs wieder, und zwar putzmunter ausgeschlafen, erwachte, sofort quasi auf- und in die Arbeitsklamotten hineinsprang. Schon stand ich in der Küche, um den Espresso zu mahlen. Und derweil sich die Pavoni erhitzte, fuhr ich meine Computer hoch und entschloß mich, Respighis Semirama zuende zu hören, in die mich einzufinden mir gestern nicht wirklich gelungen war, so wenig wie bei seiner Lukrezia, derweil mich La Fiamma, die ich als grandiose Vinylpressung habe, seit meiner allerersten Begegnung mit dieser Musik immer wieder hingerissen hat. Weshalb die beiden andern Opern nicht auch … ich habe keine Ahnung. Oder doch, Ahnung schon. Und das da, freilich, ist toll:

Ich bin nur ein Komponist, immer ein Komponist. Ich hätte nie etwas anderes sein können. Ich glaube an die Kontinuität der italienischen Musiktradition und den unsterblichen Geist des italienischen Liedes. Aber ich glaube, dass die europäische Musik als Ganzes vor einer radikalen Krise steht, aus der sie transformiert und erneuert hervorgehen wird. Ich glaube an die Suche nach einer neuen gemeinsamen Sprache der europäischen Musik, und ich glaube, dass Italien bei diesem Streben eine Vorreiterrolle spielen kann, so wie es vor vierhundert Jahren der Fall war.
Ottorino Respighi, → 1925

Genauso könnte – und will – ich es für die Dichtung heute sagen:

Ich bin nur ein Dichter, immer ein Dichter. Ich hätte nie etwas anderes sein können. Ich glaube an die Kontinuität der deutschsprachigen Literaturtradition und den unsterblichen Geist der deutschen Poesie. Aber ich glaube, dass die europäische Literatur als Ganzes vor einer radikalen Krise steht, aus der sie transformiert und erneuert hervorgehen wird. Ich glaube an die Suche nach einer neuen gemeinsamen Sprache der europäischen Literatur, und ich glaube aber nicht, dass Deutschland bei diesem Streben eine Vorreiterrolle spielen kann (noch es sollte), wohl aber unser Verhältnis zum Internet und insgesamt zu den sogenannten Neuen Medien, in die die poetischen Traditionen von Goethe über Hölderlin und Jean Paul, Musil und Broch, Döblin über Ingeborg Bachmann bis Marianne Fritz als Traditionen eingebettet werden und erkennbar sein müssen. Erst daraus wird Avantgarde, eine wahre und lebensfähige, sei’s in der Lyrik, sei’s der Prosa sichtbar werden und überhaupt entstehen können. Und die Dichtung bleiben.

Puh. Ja, ich gebe zu: Puh.
Decke drüber
—————- und schnell noch was zum Krebs:

Es war die Rede davon gewesen, mir ein THC-Präparat zu verschreiben, was meine Ärztin auch tun will und darf. Doch sind die Krankenkassenregelungen hier ziemlich interessant. Obwohl längst fundiert ist, wie gut Medikamente auf dieser Basis anschlagen, dürfen sie dennoch erst verschrieben werden, wenn alle anderen schulmedizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind – etwas, das sich durchaus als Protektionismus der pharmazeutischen Industrien ansehen läßt. Wir dürfen nie vergessen, welche Milliardengeschäfte hinter unserem Gesundheitssystem stecken, wessen Mit-Interessen und also auch → Lobbies. Und gerade an den während der letzten Jahre → im Preis exorbitant gestiegenen Chemotherapien wird sich dumm und dämlich verdient, wobei dumm und dämlich nicht die sind, die verdienen. (Ja, geliebte Freundin, ich sehe meine Krankheit nicht “nur” poetisch, damit nämlich → mythisch, sondern auch politisch).
In meinem “Fall” allerdings wird es mit dem THC unproblematisch werden; es muß nur die Chemo begonnen worden sein und meine Ärztin der Behandlungsplan vorliegen. Dann sei es nur noch eine Formsache, die Akzeptanz der Rezeptur bei der Kasse zu beantragen und mir das Medikament zu verschreiben.

À propos. Während meines Abendspaziergangs traf ich meinen Elfenbeinverleger Držečnik, der sich mit seiner Gattin ebenfalls die Beine vertrat. – Ich sehe im Augenblick davon ab, das Lauftraining wieder aufzunehmen, nachdem es mir die letzten beiden Versuchsmale nicht so sehr gut danach ging, weil ich meinem Körper offenbar eine Kraft nahm, die er gegen → Liligeia anstemmt; das mag ich nicht wiederholen, jedenfalls nicht, bis die Chemo läuft und wenn sie gut oder einigermaßen vertragen werden von mir sollte. Aber jeden Abend eine Stunde durch die Straßen und Parks zu flanieren, ist eine feine Vorstellung – zumal ich dazu einen einer Gehstöcke nutzen, sie sozusagen ausführen kann, was dem in mir nach wie vor dann nicht mehr nur noch schlummernden Dandy Spaß macht und gestern tatsächlich zweimal zu Komplimenten führte, die mich passierende Damen mir machten, ein quasi machismo/inverser Piropo, den ich ausgesprochen genoß.
Jedenfalls da kam mir das Verlegerehepaar entgegen, und wir plauderten. Umarmen darf an sich ja derzeit nicht. Doch Ingo Elfenbein war ausgesprochen erleichtert, mich in solch gehobener Stimmung zu sehen. “Und gut, geradezu gesundheitsstrotzend siehst du aus!” rief er leise zu Anfang. Daß ich mich, sagte ich, so auch beinah fühlte. Erzählte aber vom vortagigen Tief, dann meinen Überlegungen zum Freitod … nicht, daß ich nicht gerne weiterlebte, im Gegenteil! Doch angesichts dieser Krankheit sei es sinnvoll, sich zu wappnen und gegebenenfalls vorzubereiten. Etwa. Wie wir bei geliebten Haustieren davon spräche, sie sanft einschlafen zu lassen, und es auch so praktizierten. “Schaut mal”, sagte ich, “was wiegt so eine deutsche Dogge? Sechzig, siebzig Kilogramm? Siebzig bringe momentan auch ich auf die Waage. Da wäre die Dosis doch die gleiche …” Aber dieses einmal ganz beiseite, ich hätte ja noch so viele Projekte vor mir, und er, Držečnik, habe zusammen mit Christoforo Arco ja nun alles getan, mir das Sterben schwerzumachen: “Ich habe dafür jetzt einfach gar keine Zeit. — Aber”, ergänzte ich, “bevor ich ich gehe, will ich auf jeden Fall noch erlebt haben, was ich in meinem Leben bisher, und sehr bewußt, gemieden: Ich möchte erleben, wie es ist, auf einem Trip zu sein. Pilze will ich ausprobieren, LSD will ich ausprobieren, Mescalin, Kokain sowieso und, ja, auch Heroin. Vielleicht auch mal chemische Drogen. Freilich werde ich mich um alles dieses erst nach der Operation kümmern.” Doch Ihnen, Freundin, und meinen Leserinnen sei es hier bereits erzählt; vielleicht, daß jemand mir dann helfen kann, mir solche Erfahrungen auch heimholen zu können, für deren Realisierung ich derzeit noch viel, viel zu naiv, viel, viel, viel zu naiv bin. Und was die deutsche Dogge anbelangt, so müßte ich nur im letzten Fall eine charmante, gebildete und so kluge Tierärztin kennen lernen, daß sie auch meinen Stolz so liebt wie meine Lebensliebe.

Ihr ANH
[Respighi, Maria Egiziaca]

9.38 Uhr
Grad mit der Charité telefoniert. Es gibt eine sofortigen Termine, sondern erst möchten bitte die Befunde mitsamt den Bilder-CDs hingeschickt werden. Danach werde es etwa zwei, vielleicht auch drei Wochen dauern, bis mir ein Terminvorschlag unterbreitet werde.

Bene. Dann geh ich’s mal gleich an; was ich wissen und beachten muß, fänd’ ich, hieß es, → dort.

Krebstag 11, Körperspannungs Morgennotat.

[Arbeitswohnung, 5.38 Uhr
Ramirer, inversus REMIX]

Einbildung? Nein, ich spür es ja (und habe es, noch liegend und die Decke bis unter die Knie zurückgeworfen, einige Zeit lang betrachtet):

Interessant, wie sich die Anatomie meines Körpers quasi herausschält – in solcher Schnelligkeit kenne ich es bislang nur von intensiven Phasen des Sports. Dort wird von “Definition” gesprochen; die Struktur und Plastizität der Muskeln ist damit gemeint. Nun aber sind es die Grundformen des Körpers selbst, die sich besonders unterhalb des mit jeder Rippe deutlich konturierten Brustkorbs ausdefinieren: Die Bauchdecke wird flach, geradezu eben; es gibt einen wunderschönen Hautbogen – ein glatter, von gestriemtem, dunkel schimmerndem Seidenhaar überzogener Hang – von den unteren Rippenbögen bis zum Nabel hinab.

Selbstverständlich hängt die spürbare Veränderung mit meiner neuen Eß-, das heißt wenigEßgewohnheit zusammen; einerseits bin ich trotz großen Appetites jedesmal enorm schnell satt, andererseits wirkt लक्ष्मीs strikte Keine-Kohlenhydrate-Diät (prinzipiell nur Fett und Proteine*). Auch hängt die nunmehr aus mir erschimmernde Schönheit, daß die Wandlung also in keiner Weise krank aussieht, sicherlich mit den ständigen frischgepreßten Gemüsesäften zusammen (Sellerie, rote Beete, Karotten), die ich über den Tag verteilt zu mir nehme (niemals zuvor habe ich → so gesund gelebt wie jetzt) – obwohl das Wort “herausschält” zurecht betont, daß an dieser Wandlung das Messer meines ständigen Bauchschmerzes, mithin der Tumor selbst, zumindest mit herumschnitzt.
In vier Tagen dreieinhalb Kilo verloren. Auch das kenne ich nur aus Zeiten exzessiven Sports, den ich aber momentan nicht treibe. Trotzdem fühlt es sich gut an, sehr gut, fast ein bißchen autoerotisch. Ich mußte sogar denken (immer noch im Bett), das ist dein Lohn für Schmerz, und meine Beobachtung bekam etwas Religiöses. Tatsächlich empfinde ich eine Art sich lösender Klarheit. – Nüchtern gesehen, allerdings, leite ich den “Lohn” aus dem dem Nikotinentzug abgerungenen Erfolg her, daß ich nunmehr den siebten Tag nicht mehr rauche und Rauchentzug “eigentlich”, indem sich der Stoffwechsel umstellt, zu einer Gewichtszunahme führt, der sich normalerweise nur über Sport entgegenwirken läßt. Was nunmehr statt dessen mein Krebs tut – ein für mich sehr deutlicher, zynisch kommentiert, → sekundärer Krankheitsgewinn.

{*) लक्ष्मीs Diät:
morgens und abends je ein Glas puren Selleriesafts | über den Tag verteilt einen Liter Rote-Beete-Saft plus gelegentlich ein Glas Karottensaft (Ölzugabe nicht vergessen); dito Aufguß aus geschnetzelten Ingwer- und Kurkuma-Wurzelstücken mit 1/2 Zitrone und Honig,  mind. einen Liter | morgens und abends je eine Pipette THC-Öl sowie in Wasser gelöste Heilerde |
kein Wein, kein Nikotin, keine Süßigkeiten; Ausnahme: ; 25 gr schwarze Schokolade (> 80 % Kakao)
kein Obst; Ausnahmen: Himbeeren, Erdbeeren, Heidelbeeren
kein Brot, keine Nudeln, kein Reis
kein “rotes” Fleisch; – erlaubt: Fisch, Kalb, Huhn, Pute usw.
Gemüse, Gemüse, Gemüse und – zu meinem Segen – Käse.}

[Ramirer, ORGANICS in C-Dur]

ANH an Liligeia, dritter Brief. Donnerstag, den 7. Mai 2020. (Krebstag 8).

[Arbeitswohnung, 3.10 Uhr
Allegri, Miserere]

Tatsächlich seit einer Stunde wach, nein etwas länger schon, mich hin- und hergeworfen, dann, wie bereits gestern, aus dem Bett, diesmal aber für Latte macchiato. Alles dieses aufregungshalber, gewiß, da wir doch nachher die Befunde, Li, entgegennehmen werden — mehr aber noch, weil mich der Entzug diesmal derart beißt. Die vierte Tag hebt an, daß ich nicht rauche. Es fällt mir irrsinnig schwer. Doch dann fand ich in der Post den dritten Brief einer erbittert von mir Abgelösten, die, seit sie von Dir weiß, sich zurückgewandt hat und nicht nur mitfühlt – das wär banal –, sondern gegenwärtigst mitdenkt auch und sich darüber wunderte, welche Wahl ich für meine Hinübergangsmusik wählen wollte: “O du Land …”, Schoecks sehr, sehr kurzes Requiem in der Gestalt eines einzigen Liedes aus dem → NACHHALL-Zyklus op. 70. Sie, die Freundin, hätte auf Allegri getippt, Gregorios großes Miserere; meine Vorliebe sei interessant, eines solchen “Archetypus des mediterranen Raums, wie Sie es sind”. Ausgerechnet einen Schweizer zu nehmen, hör ich sie spöttisch rufen, Sie, vom Blute Mezzogiornos! —
Nun “läuft” Allegri hier, leise selbstverständlich, um nicht die Nachbarn aufzuwecken.

Doch, Lilly, sage mir, ob nun auch Du derart viele Brief erhältst und Nachrichten, die Dir Hilfe anbieten, vor allem in Hinsicht auf Lektüren. Auch meine Freunde wolln mir dauernd irgendwelche Bücher geben … nein, nicht irgendwelche, sondern immer dreht sich’s um Krebs. Da würde ich, ginge ich all deren Empfehlungen nach, gar nichts anders mehr tun, als über meine und Krebserkrankung als solche zu lesen. Das will ich aber nicht. Ich will über Musik lesen (und sie hören selbstverständlich), möchte über ferne kosmische Räume lesen und lesen von begeistert-obsessiven Lieben, darin sich die Menschen leiblich umfangen. Dürfen sie auch gern die Moral vergessen, jede Moral, ob gegenüber den Partnern, sich selbst, der Gesundheit. Unser Leben kann plötzlich zuende sein; kein Versäumnis läßt sich dann noch beheben. Von der Fruchtbarkeit möchte ich lesen und von Geburten – neuer, aber auch alter Menschen, die als junge zuück- und auch sonstig verwandelt kommen. Sowie mehr von dem soeben → neu entdeckten schwarzen Loch möchte ich wissen, dessen beide begleitenden Sterne mit bloßen Augen sichtbar seien. Gerade auch Dich, Ligeia, dürfte solch eine Ansicht locken, locken und locken. Wir wären einander sonst weniger nah. Meine Güte, was interessiert da uns der Krebs? Zumal wir doch nur glauben können.
Was haben wir, schönste Li, denn jetzt schon alles gehört! Ich von Dir und Du gewiß von mir, aus andrem Mund — darunter aus, jaja, berechtigten Mündern, deren Zungen Zugang zu den Gehirnen anderer Erfahrungen haben und gelebt haben, was uns nun noch bevorsteht. Die möchten mir, ich versteh’ es, wirklich doch nur raten. Nur sagt jeder etwas anderes. Das gilt sogar für die Fachpresse und die Ärztinnen und Ärzte persönlich. Die einen widersprechen den anderen und stimmen wieder andren zu, die aber denen widersprechen. Es ist einfach nichts gesichert, oder nur sehr wenig. Worauf verlassen wir uns also? Die Heiler gelten Ärzten als Scharlatane, im besten Fall als Hochstapler, im schlechten als bloß Irre, doch denen gelten die als dienende Teile einer riesigen, unfaßbaren Geldmaximierungsmaschinerie, die in rein ökonomische Gewinninteressen gebeugt ist: in der gesundheitsmilitärischen Befehlskette dienende gemeine Soldaten vorne an der Front, die nicht mal um den Kriegsgrund wissen. Und ich — und wir, Ligeia — können gar nichts überprüfen. Wie können nur vertrauen, begeben uns am besten in nur eine Hand, also zwei, vielleicht noch zwei dazu … auf keinen Fall aber mehr! Sonst wären wir verloren.
Ich glaube, was mir ernährungshalber लक्ष्मी sagt und folge ihr. Die Einwände von anderer Seite sind mir egal und müssen es sein. So werde ich es, Li, auch mit den übrigen Fragen halten. Halten müssen.

Und dann aber all die Menschen, die mich fragen, wie’s mir geht. Ich sag dann immer – nur selten antworte ich gar nicht (dann meistens aus Erschöpfung): “Steht alles in Der Dschungel, lest da bitte nach.” Auf welche Auskunft hin manche Menschen schwer beleidigt sind. Sie möchten etwas, denk ich mir, ‘Persönliches’ hören, weil sie nicht begreifen, daß das Persönlichste, das ich vermitteln kann, alleine meine Kunst ist. Außerdem ist ihr Verhältnis zur Logik gestört, zumindest das zu Zahlen. Jedenfalls rechnen sie nicht. So tu nun ich’s mal hier:

Was ich täglich in DER DSCHUNGEL schreibe, dauerte gesprochen (bzw. vorgelesen) vielleicht fünfzehn, mag sein zwanzig Minuten. Nehmen wir das Mittel, 17’45”. Fragen mich jetzt zwanzig Leute nach dem Stand der Dinge, und ich antworte, ergibt das bereits 355 Minuten unentwegten Sprechens, also 5,92 Stunden – täglich, wohlgemerkt.

Hinzu addiert sich noch die Zeit für ganz andere, sagen wir “interaktiv soziale” Gesprächsminuten, die mit Dir, meiner Li, gar nichts zu tun haben. — Des’ wärn auch Sie, o Leserin, ganz sicher sehr bald müde. Und ja, ich bin an Krebs erkrankt, nun gut … oder schlecht …  – an Dir, Du große Geistin, krank. Doch das heißt nicht, daß es fortan für mich allein nur Dich gibt. Anders würd es, gib’s nur zu, auch Dich dann sehr schnell kühlen. Statt dessen aber dann warn wir gestern mittag beieinander höchst zufrieden — täusche ich mich, Lilly, da? (Und was mir लक्ष्मी erstaunlich in den Sinn bracht’: weshalb war ich drauf von selbst nicht gekommen? daß wir uns auch auf Deiner Insel längst getroffen haben, wo ich den tiefsten Sport erlernt, der durch die Seele fließen kann und sie umfließen läßt von seiner Welt, dem Meer. Warst Du Sirene da schon bei mir, als ich zu tauchen lernte? L’Isola del Giglio, Deine Lilieninsel, Li. — Du sagst nichts? Lächelst nur? –) … He, hörst Du nicht!? Doch, doch, Dir ist’s schon klar, daß wir im Lauf der Vormittags Klarheit bekommen werden als bittren, allzu bittren Wein vielleicht. Ist Dir das klar?

Aber auch manchen sehr Vertrauten habe ich bislang nicht geantwortet, selbst Förderern, selbst Freunden. Wilhelm Kühlmann (ohne den ich, was ich heute bin, nicht als Dichter wäre) schrieb mir einen guten, intensiven Brief und sprach sogar auf die Stimmbox; der kluge Eickmeyer fragte nach, auch er blieb ohne Antwort. Manchmal weiß ich selbst nicht, auf wen ich reagiere und weshalb auf andre nicht. Es hängt nicht selten an der Situation, in der ich gerade “erwischt” werde, ob ich gerade schreibe oder, Liligeia, mit Dir im Gespräch bin oder ob ich Musik höre (Mahler wieder, derzeit, viel, besonders gerne unter Barbirolli). Am besten ist, man ruft mich an, ich hebe ab. Oder bin ohnedies grad an den Mails. Was ich hingegen verschiebe, verschiebe ich dann nochmals. Nehmen Sie es mir nicht übel, wirklich, bitte. Schauen Sie in DIE DSCHUNGEL, da steht alles, was wichtig ist, drin und mehr darüber hinaus, das ich anders gar nicht vermitteln könnte— sogar, wie ich mit Lilly spreche, Dir, den Blumen, meinen, auf dem Feld. Sie hat sie mir gebunden. Du hast sie mir gebunden, sie sind so furchtbar weiß.
Und was Sie auch noch wissen sollten – Liligeia bekommt es gerade ziemlich deftig mit: Ich bin auf Nikotinentzug, hab’s oben schon gesagt, wie diesmal sehr viel heftiger denn je er ist. Schon vorgestern  → wacht’ ich von ihm auf, und gestern legte ich mich tags drei Mal nacheinander in Abständen hin, fand aber nie in Schlaf, stand nach zwanzig, dreißig Minuten jeweils wieder auf, getrieben, nur um es eine Stunde später, erneut erschöpft, aufs nächste zu versuchen. Und neuerlich erfolglos. Ich habe das Gefühl, daß mich dieser Entzug momentan mehr Kraft als Du in Deinem Kokon kostet, Li, darf ich so sagen für die Puppe Deines Tumors? — aus dem wir vielleicht, wenn die Verwandlungszeit vorüber, unsrer beider Flügelpaare weit entfalten, nachdem sie an der freien Luft getrocknet …

und dann sehen die Augen, in einer Flut von Sonnenlicht sieht die Schmetterlingin

zu der wir beide wurden

die Welt
Nabokov,
Metamorphosen (dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

und heben, Ich-Animus in Anima-Du, in eine bereits nächste, oh Lillyliebste, ab.

Gut allerdings – erinnerst Dich, wie beruhigt auch Du warst? –  die Ergebnisse bei meiner Kardio- und Angiologin. Gefäße sämtlichst in Ordnung, auch da unten am Bein. Und trotz der Stiche, die Du mir (obwohl ich Dich nun wirklich nicht mißachte) immer wieder heftig sendest, auch das Herz ganz prima in Funktion. Blutdruck 110:70, “bekomme ich selten zu sehen”, sagte die Ärztin, und trotz meiner langen Laufpause der Ruhepuls immer noch zwischen 50 oder 55. “So heftig Ihre Diagnose ist – Sie sind in jedem Fall gewappnet. Gegen welche Therapie auch immer gibt es bei Ihnen aus meiner Sicht nicht eine einzige Kontraindikation.”
So gehn wir denn gewappnet, Du und ich. Verzeih, wenn ich mich wiederhole: doch mein Tod wär auch Deiner. Drum laß uns eine neue Art erfinden, in der Du Dich weiter in mir repräsentierst, ohne daß wir uns – auch ich nicht Dich – in unsrer Existenz gefährden. Besser wär’s doch, beide Wirs brächten mein Werk zu einem guten poetischen Ende. In das wir beide jubelnd liefen.

A.
[Schoeck, Nachhall op. 70]

P.S.:
Allerdings habe ich deutlich abgenommen, 71,3 kg jetzt, ergo, wenn Hemd, TShirt, Hose abgerechnet, unter 71. Freilich kein Wunder, so wenig, wie ich derzeit esse … essen kann, trotz meines nach wie vor ziemlich vitalen Appetits.

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