Brief an einen Freund. Als neunzehntes Coronajournal, nämlich dem des Freitags, den 17. April 2020.


Von G. M., 15. April:

Jungs,
ich versuche es nochmals: die nächsten Tage nur Sonne und also Bier bei mir auf der terrazza? Bin unverändert gesund…

 

An G. M., 16. April:

Guten Morgen, lieber G.,

prinzipiell eine gute Idee – aber ist sie klug?  Nicht selten schaut mein Sohn bei mir herein, der zur Zeit in einer Eisdiele jobbt, also mit sehr vielen Menschen in Kontakt kommt und auch dann, wenn er keine Symptome hat, Überträger sein könnte – und somit könnte auch ich es sein. Ebenso ist लक्ष्मी in eine Ärztinnenpraxis, wenngleich fürs Backoffice, quasi eingezogen worden (sie arbeitet da aber gerne, und sehr gut), und für sie gilt Ähnliches. Da ich auch sie aber sehe von Zeit zu Zeit … Hinzu kommen die Zwillinge, die ihre Freundinnen und Freunde zwar eingeschränkt (immer nur jeweile eine/einen), aber eben doch sehen. Mit der Familie, selbstverständlich, und auch mit Sascha Broßmann, der ja gleich zwei Straßen weiter wohnt, gehe ich das Risiko ein, um nicht komplett isoliert zu sein, was mir an meinem Schreibtisch derzeit ziemlich zu schaffen macht, an dem ich mit DER DSCHUNGEL, die davon wächst und wächst, sozusagen Selbstgespräche halte; nur ist Corona nicht zu unterschätzen. Die jetzigen – gelinden – Lockerungsversuche der Sperren werden, davon bin ich ziemlich überzeugt, die Ausbreitung wieder hochschnellen lassen (Logik exponentieller Entwicklungen) und möglicherweise bald schon zurückgenommen werden müssen.
Ein Ende scheint mir zumindest für noch dieses ganze Jahr nicht absehbar zu sein. Darauf deuten sämtliche medizinischen/virologischen Untersuchungen und Hochrechnungen hin; daß uns die Politik immer nur in quasi homöopathischen Dosen informiert, ist in psychologischer Einschätzung begründet, wahrscheinlich. Ja, die Folgen dieses Virus sind katastrophal, vor allem in politischer Hinsicht, aber, wie ich gestern in
DER DSCHUNGEL schrieb, es hat wenig Sinn, gegen einen Tsunami zu protestieren. Genau dieser Natur-Charakter der Krankheit macht die Situation – vor allem: weltweit – heikel. Ich habe sie in nun mehreren Dschungeltexten mit den Anfangsphasen von AIDS verglichen und deutliche Parallelen festgestellt, die hier nun aber nochmal umfassender sind, insofern unsere Einschränkungen sich jetzt nicht mehr “nur” auf den Sexus begrenzen, sondern nahezu alle Bürgerrechte betreffen – am deutlichsten sichtbar in autokratischen Staaten, deren, euphemistisch ausgedrückt, “hartes Durchgreifen” bezeichnenderweise die besten Ergebnisse gezeitigt haben.
Um aber auch politisch wieder handlungsfähig zu werden, muß “R”, also die Reproduktionsrate, <1 sein; das erreichen wir tatsächlich nur über harte Kontakteinschränkungen, die größere Treffen eben ausschließen. Nichts dagegen, mich allein mit Dir oder auch allein mit J. und/oder den anderen zu treffen (da wäre dann das theoretische R = 1); ein Gruppentreffen hingegen finde ich problematisch, so sehr gerne ich auch dran teilnehmen würde. Es wären ja mindestens beteiligt Du, Deine Frau, Dein Sohn sowie drei oder noch mehr der Freunde. Ist da nur einer von ihnen Überträger (ohne es zu wissen; das schließt mich selbst mit ein), haben wir schon ein theoretisches “R” von > 5 bis x. Rechne das  nur mal auf mögliche weitere Treffen von Freunden anderer Menschen, anderer Familien hoch, und Du siehst deutlich das Problem.

Deshalb eher: nein – so gerne ich es auch anders hielte, schon weil mir hier manchmal zwar nicht der Himmel meiner Zimmerdecke auf den Kopf fällt, dazu bin ich zu wenig Germane, aber subdrepressiv stimmt mich alles schon. (Mal abgesehen von den ökonomischen Folgen; nahezu sämtliche Auftritte sind mir geplatzt, und ob die Veranstaltungen/Seminare, die ab September geplant waren und längst unter Vertrag stehen, stattfinden können, ist mir höchst zweifelhaft. Logischerweise war auch von dem mir angetragenen Bamberger Lehrauftrag jetzt nichts mehr zu hören. Christoph Haacker von Arco geht sogar davon aus, daß auch die Frankfurter Buchmesse nicht stattfinden wird, und ich teile seine Einschätzung. Immerhin habe ich die 5000 Euro Soforthilfe für Künstler bekommen, was mein Leben bis in den August hinein finanziell sichert. Andere Einkünfte aber habe ich nicht.)
Also, ein Treffen zu zweit: jederzeit, sehr sehr gerne. Hingegen zu mehreren würde ich’s nicht verantworten wollen.

Sei umarmt, imaginär dürfen wir ja,
Dein Alban

 

Von Essenmann und Tod. Das achte Coronajournal, geschrieben am Mittwoch, den 25 März 2020.

 

“Phantasie”, erwiderte Cincinnatus. “Und Sie
— möchten Sie nicht fliehen?”

“Was meinen Sie damit, fliehen?” fragte M’sieur
Pierre erstaunt.

Vladimir Nabokov, Einladung zur Enthauptung
(Dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

[Arbeitswohnung, 8.20 Uhr]

Abends seh ich von dem meinen in die anderen, meist hell erleuchteten Fenster wie in künstlich vergrößerte, von Halos gleich erschimmernden Heiligenscheinen, die Erlösung versprechen, umgebene Galaxien hinaus und werde mir dennoch oder gerade deshalb unsrer Entfernung bewußt, einer, die aber erst noch folgt, die wir gerade erst spüren, und sie rückt näher und näher heran. Wir sind es ja nicht gewohnt, von Balkon zu Balkon wie Neapolitaner zu schwätzen, zu rufen, gar zu singen; und viele haben gar keinen Balkon und wenn, dann nicht nah genug dem gegenüber. Sondern es läßt uns Corona zu zwar nicht, nach Leibniz, fensterlosen → Monaden werden, zu solchen aber doch, jedenfalls die unter uns, die alleine leben. Selbst unsere Lieben zu besuchen, unsere Kinder und ihre Mama, der wir verbunden blieben, Freunde zu sehen, Freundinnen, Kollegen — wir überlegen täglich hin und her. Der Zweifel ist aktiver Teil unsres Alltags geworden — weniger oder gar nicht um unsrer Selbste willen, sondern um nicht ungewollt und fahrlässig zu Überträgern auf Schwächere zu werden. Wir erleben den seltenen Fall einer ausgerufenen Notstandsgesetzgebung, die auf sozialer Rücksichtnahme beruht und deshalb von Anfang an internalisiert ist. Hier wirkt nicht oder nur bei arg Uneinsichtigen eine Bedrohung durch Macht. Wobei, wie bei nahezu sämtlichen Ordnungsstrafen, die “Gleichheit vor dem Gesetz” Illusion ist: 500 Euro Bußgeld sind für Jahreseinkommen ab 70.000 aufwärts etwas komplett anderes als für Hartz-IV-Empfänger; für diese bedeutet es künftige Not, für die anderen ein allenfalls Taschengeld, das weniger hereinkommt. Anders ist es mit Freiheitsstrafen, aber nur dann, wenn sie nicht durch ersatzweise Geldzahlung ausgesetzt werden.
So sinnvoll die Ausgangssperren aber sind, so problematisch sind sie politisch. Ich schrieb es bereits, wie sehr mir die plötzlich neuen Nationalismen auch auf den “linken Flügeln” der Demokratie sind, und ich finde es unheimlich, wie widerspruchslos dies alles vonstatten geht. Die Erklärung dafür habe ich eben gegeben: Das Gewissen ruft den Notstand mit, in uns selber, aus. Eine mir tief vertraute Freundin überlegt sich, ob sie ihren innigen Freund noch sehen kann, der getrennt von ihr wohnt und dessen Umgang sie nicht überschaut; sie will aber ihre betagte, physisch ein wenig wacklige Mama sehen und also besuchen und muß achthaben, ihr nicht den Virus mitzubringen, die ansonsten für sich selbst inmitten eines Zaubergartens lebt, von dem sonstig Gefahr ihr nicht droht. Und genau dieser Mechanismus, als wie vorübergehend auch immer deklariert, ist sinnvoll zugleich und gefährlich. Wenn sich also → in der NZZ Hans Ulrich Gumbrecht über das Schweigen der Intellektuellen wundert, so kennt er wohl zum einen nicht Die Dschungel oder (was nichts Neues wäre für den Betrieb) will sie nicht kennen; ihr Einspruch kommt vielleicht von der falschen Seite, nämlich dem unappetitlichen Mir, oder ist → mit Überlegungen verbunden, die ihm noch weniger als das Schweigen schmecken — wozu wahrscheinlich diejenigen gehören, die sich um die — ein in unsren Zeitläuften mit dem Pop geradezu perfekt gefettetes Getriebe — programmierhafte Führung in repräsentativ-demokratischen Massengesellschaften und den Umbau der Widerspruchs- in einer Konsensgesellschaft drehen; Biogemüse, zum Beispiel, als quasireligiöses Schmieröl der Gemeinschaft, l’opium du people.  — Nun gut, der meisten Sorgen sind die Gemüse jetzt nicht, sondern ‘s ist das Toilettenpapier, ganz egal ob aus Recycling oder nicht. Und sie schleppen’s in ihre Monaden.

Ich schaue aus dem Fenster in der anderen Fenster. Es ist kalt; anders als im Süden lockt mit Einbruch der Dunkelheit nichts mehr, sie zu öffnen. Zwischen den andren und mir Glasscheiben. “Natürlich”, wir könnten telefonieren … Ein junger Mann fragte bei der Feuerwehr an, ob er Tinderdates wahrnehmen dürfe. Wir können das für naiv halten, aber vielleicht auch erkennen, daß er was Richtiges sieht und daß er voraussieht, wie quasi rührend es uns auch anmuten mag.
Haut.
Ich dachte, weiterhin in die erleuchteten Fenster schauend, hinter deren zweien ein dünnes Lamellenrollo heruntergelassen wurde, als wäre um die Schädigung des Privaten nun noch zu fürchten; jetzt schimmerte das Wohnungslicht wie durch eine Spanische Wand — so, wie wenn wir uns im Wald verirrt, opak ein Knusperhäuschen durch das dichte Tannenholz   lockt — … dachte also Entfernung und mußte an eine Erzählung denken, ich wußte nicht mehr, ob Ballards, ob Dicks, in der die Personen auf einem andren Planeten jede für sich allein in kleinen Stationen wohnen, die nur Kuppel sind, und allein über die technischen Apparaturen kommunizieren sowie täglich mit einem Mann, der die Lebensmittel und dazu die Neuigkeiten aus den andern Kuppeln bringt — solche, die er persönlich gesehen, nicht per Facetime, Skype und Whatsapp (was es zu der Zeit, da die Erzählung entstand, noch gar nicht gegeben hat).
Wegen der erinnerten Intensität der kleinen Prosa — schon daß ich hier “Prosa” schreibe, nicht etwa “Story”, sagt einiges — tippte ich auf Ballard und sah heute früh zuerst in seinen Büchern nach, wollte es jedenfalls tun. Doch meine Ausgabe seiner sämtlichen Erzählungen ist nicht mehr da, wenngleich ich sogar noch genau den Umschlag vor Augen habe und weiß, daß das Buch, ein Taschenbuch, bei Heyne erschien. Nein, weg. Irgendwann wahrscheinlich verliehen und vergessen, den, wie ich es für gewöhnlich halte, Merkzettel in den nun leeren Zwischenraum zu schieben, oder er ist irgendwann, weil es ein dickes Buch war, herausgeweht worden, ohne daß ich’s bemerkte. Jetzt werde ich es mir neu besorgen müssen. Doch egal, gucken wir bei Dick nach! Auch ein ziemlicher Schmöker. Der immerhin noch da war.
Dann wolln wir ihn mal durchschaun. Und — voilà: Ätherfesseln, Luftgespinste (“Chains Of Air, Web of Aether”, 1979).

Und er war erwartungsvoll, weil heute der Essenmann vorbeikommen sollte, er würde also jemanden zum Reden haben. Es war ein guter Tag.
Der unmögliche Planet, 772
(Dtsch. v. Clara Drechsler)

McVane heißt der Held, der anfangs, die Zeitung lesend, Kunstkaffee trinkt. In seiner Nachbarschaft, eine nahen oder nächsten Kuppel, lebt eine krebskranke Frau. Sie kommunizieren über, wie es damals noch hieß, Bildtelefon. Er erlebt ihr Sterben mit. Der Essenmann legt ihm nahe:

“Sie sollten sie anrufen und mit ihr reden. Als ich meine Lieferung bei ihr abgab, weinte sie.”
Der unmögliche Planet, 774

McVane aber denkt:

Du wirst sterben. Er wußte es, und sie wußte es. Darüber mußten sie nicht sprechen. Es bestand eine Komplizenschaft des Schweigens, eine Übereinkunft. Ein sterbendes Mädchen will mir ein Abendessen kochen, dachte er. Ein Abendessen, auf das ich keinen Appetit habe. Ich muß sie abweisen. Ich muß sie aus meiner Kuppel raushalten [,]
Der unmögliche Planet, 774,

wie heute unsre Nächsten aus unseren Wohnungen wir. — Er geht dann aber doch hinüber, da

saß sie im Bett, hatte ihre dunkle Brille auf und sah sich in ihrem Fernseher eine Soap-Opera an. Nichts hatte sich geändert (….), außer daß die verwesenden Lebensmittelreste auf dem Geschirr und die Flüssigkeiten in den Tassen und Gläsern noch abstoßender geworden waren.
Der unmögliche Planet, 791

Und vier Seite später:

In den folgenden Wochen unternahm er immer seltener Abstecher von seiner Kuppel zu ihrer. Er hörte nicht zu, was sie sagte; er sah sich nicht an, was sie tat; er verschloß seinen Blick vor dem Chaos, das sie umgab, dem heruntergekommenen Zustand ihrer Kuppel. Ich sehe eine Projektion ihres Hirns, dachte er einmal, als er für einen kurzen Moment den Müll betrachtete, der sich überall türmte; sie stellte sogar Säcke draußen vor die Kuppel, damit sie fort für alle Ewigkeit einfroren.
Der unmögliche Planet, 795

Genau dieses Gefühl von einfrierender Ewigkeit, eine, in der Zeit nicht mehr fließt, hatte ich gestern abend, als ich zu den anderen Fenstern hinübersah, eine fast körperliche und darum Empfindung von stehendem Kontinuum, dessen vielleicht doch noch leichte Bewegung ein nur noch Ausrinnen ist, weit hinab in eine endlos-hohle Welt ohne Boden. Sie hat auch keine Wände, denn die — jede, die es gibt  — wird von unseren Wohnungen, unsrer Behausung gebraucht, um uns darüber zu täuschen, daß sie Monadenkuppeln sind.

Geliebte Frau, Sie werden es gemerkt haben: Philip K. Dick ist kein Stilist, seine Sprache sogar ärmlich. Doch die Visionen, die ihn trieben, leuchten ständig durch. Deshalb läßt er mich nicht los. Man müßte ihn umschreiben, dieses Glühen in die Sätze bringen, in jedes einzelne Wort. Und in die Rhythmik. Die Erzählungen sind, was sie sein könnten, aber nie wurden, nie anders als in unsrer eigenen Vorstellung selbst. Daher ihre Einsamkeit. Die ich gestern abend spürte, als ich hinübersah zu den Fenstern. Hinter denen Menschen leben.
Und heute früh? Wie seltsam! Als ich erwachte, sang kein Vogel. Der Amselhahn schweigt noch bis jetzt. Nur ein paar Tauben gurren. Obwohl die Sonne scheint, obwohl das Hinterhaus ganz aufs neue glüht in Gelb. — Doch! jetzt ein kleines Tschilpen. Stille sonst. Und blaue, leuchtende Kälte.

Wie lange wird sie währen? “Wir müssen uns auf Einschränkungen auch nach Ostern vorbereiten,” sagt der Berliner Oberbürgermeister und verteilt die Pillen in homöopathischen Dosen, sozusagen D4: ein Tropfen Wirkstoff auf den ganzen Bodensee. Zu Pfingsten wird es heißen: nur noch den Sommer über, danach: nur noch diesen Herbst.
Wir haben Kuppelwochen, wenn nicht -monate vor uns. In den Hospitälern werden Menschen sterben unbegleitet von den Liebsten. Das ist vielleicht das schlimmste. Ob man hernach auf die Beerdigungen gehen darf, Trauergäste nicht mehr als zehn — geschenkt.
In den Kuppeln dahingehn. — Bei Dick allerdings, die junge kranke Frau, wird zwar noch jahrelang, zur Nachsorge, Medikamente nehmen müssen, aber geheilt. Und sagt, als McVane dann doch noch mal zu Besuch ist:

“Wir haben uns eine kleine Belohnung gottverdammt verdient. Wir beide.”
“Unsere Belohnung ist”, sagte er, “daß Sie wieder gesund sind.”
Sie schien ihm nicht zuzuhören; ihr Blick war auf den Fernseher geheftet. Dann sah er, daß sie noch ihre dunkle Brille aufhatte. Deshalb mußte er an den Song denken, den die Füchsin am Weihnachtstag gesungen hatte, für alle Planeten, den sanftesten, den sehnsuchtsvollsten Song, den sie nach John Dowlands Lautenbüchern bearbeitet hatte:

When the poor cripple by the pool did lie
Full many years in misery and pain,
No sooner he on Christ had set his eye,
But he was well, and comfort came again.

Der unmögliche Planet, 801

Und da |singen draußen die Vögel jetzt auch wieder. Oder um es mit Spielbergs Ian Malcolm zu sagen: Das Leben findet einen Weg.

 

Ihr ANH
12.29 Uhr

 

Statt des fünften Coronajournals: aus einem Brief an die Lektorin. Donnerstag, den 19. März 2020.

[Arbeitswohnung, 9.30 Uhr]

” (…)
Für Beruhigung ist’s in der Tat auch nicht die Zeit, wohin es sich bewegen wird, einigermaßen unheimlich klar: Die Ansteckungsraten werden rein mathematiklogisch enorm weitersteigen, kurze Beruhigung im Sommer (der Virus sei, heißt es, wärmeempfindlich), neuer Anstieg im Herbst. Wenn wir es zynisch sehen, weil eben mit Abstand, gibt es ein Auswaschen der Gesellschaft, ihrer ja tatsächlich problematischen Überalterung (Kollabs der Rentensysteme), Belastung der Krankenkassen durch ohnedies dauerhaft Kranke usw. Die anderen Indizien der Dekadenz, die ich immer wieder aufgeführt habe, kommen dazu: panische Überempfindlichkeiten an absurden Stellen (der einem Mädel nachpfeifende Straßenbauarbeiter gilt als Mißbraucher usw.), die insgesamt extreme Empfindlichkeit, bzw. bizarr niedrige Toleranzschwelle bei etwas, das eine und einen einfach nur stört, die Auflösung der biologischen Geschlechtlichkeit, dazu der seit über zwanzig Jahren in den westlichen Zivilgesellschaften eklatante Rückgang der Empfängnis-, vor allem aber Zeugungsunfähigkeit (betrifft bereits über 50 % aller jungen Männer) usw usf. 
Dann werden sich aus der — zeitlich tatsächlich unabsehbaren — “Krise” neue Arbeitsmodelle entwickeln, die bereits um die Jahrtausendwende “an”gedacht und diskutiert wurden; man wird sich darauf vorbereiten müssen, daß es eben nicht mehr zu den morgendlichen und abendlichen Pendlerzügen kommt, die die Umwelt schwer belasten, sondern es wird in eine Richtung gehen, die ebenfalls längst vorgedacht wurde: Arbeit vorwiegend über das Netz, Facetime, Skype usw.; Konferenzen werden generell von Bildschirm zu Bildschirm abgehalten werden; auch die Chipentwicklung wird vorangetrieben werden – ständig weitere Entfernung von dinglicher Materialität. Chip an den Kopf, Gespräche werden direkt empfangen und geführt werden usw.
Dazu die Umweltbelastung insgesamt. → Luisa Neuberger hat ja völlig recht: Wenn den Umweltschützern ständig gesagt wurde, was ihr da verlangt, ist nicht machbar – Corona beweist das Gegenteil. Es ist machbar, wenn ein dringendes Problem als solches auch gesehen wird. Plötzlich geht, was die jungen Protestierenden seit langem forderten. Und auch mein Freund Utecht lag und liegt → mit seiner zynisch wirkenden Bemerkung nicht falsch, Trump habe schon recht: Der Globus regle es selbst.

Bei alledem wissen wir aber nicht — nicht einmal dies — ob nicht jene Virologen und etwa Stephan Thomae richtig liegen, die derzeit sagen, es werde unverhältnismäßig übertrieben; die Krankheit sei eben nur für wenige gefährlich; die einer ausgerufenen Notstandsgesetzgebung gleichkommenden harten Einschränkungen unserer Bürgerrechte seien in keiner Weise gerechtfertigt. Sorgen macht mir auch die Schließung der innereuropäischen Grenzen, was einem neuen Nationalismus entspricht. Etwas anderes wäre gewesen, hätte man wahrhaft-europäisch nach Bundesländern, bzw. Regionen abgeriegelt: Hessen gegen Niedersachsen, dieses gegen Schleswig-Holstein usw., Tirol gegen Niederösterreich, Vorarlberg gegen Deutschschweiz, diese gegen romanische Schweiz usw., Katalonien gegen Kastilien und und und. Hochgefahren werden aber wieder die Nationalgrenzen. Plötzlich stehen da nicht mehr Europäer, sondern Franzosen wieder gegen Belgier, Niederländer gegen Deutsche, Deutsche gegen Österreicher, um vom sowieso schon lange alleingelassenen Griechenland zu schweigen. Das Vereinte Europa nur noch Farce, und mit Defender Europe 20 marschiert die US Army durch – anstelle, daß wir sie schlichtweg ausweisen – “ausschaffen”, wie der Schweizer sagt.

Erst einmal verlieren werden in der Tat wir, die ohnedies knapsen — ökonomisch verlieren, sofern wir keine Rücklagen haben. Was zumindest bei mir der Fall ist. Aber ich denk mir: Nun gut, wenigstens ein lustiges Prekariat, das mir nämlich erlaubt, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, ohne Schuld- und wirtschaftliche Versagensgefühle zu haben. Die kleinen Verlage werden sich andere Vertriebswege suchen müssen; den Buchhandel halte ich ja schon lange für ein künstlich ernährtes Marktsegment, das sich dennoch auf den Mainstream wirft und kleine Verlage meist ignoriert, in grosso modo, nicht bei einzelnen Engagierten. Es könnte aber für Einzelkämpfer eine Chance wieder geben, wenn der allgemeine Popkonsens derart auf die Rübe kriegt.

Schon auffällig, wie ich derzeit komplett voll Optimismus bin, dies vielleicht deshalb, weil ich das Empfinden habe, daß meine Hauptarbeit getan ist, ich nur noch Weniges hinzutun kann, das aber das ästhetisch Erreichte kaum mehr übersteigen wird, allenfalls noch in der Lyrik. Wenn’s mich also erwischen sollte, ich habe keine Furcht, bin geradezu stoisch bereit. Kinder werde ich auch keine mehr bekommen, was mir einzugestehen das für mich Schlimmste in den letzten vierfünf Jahren war, was sich auch nur hätte ändern lassen, wenn ich zu Wohlstand gekommen wäre. Mütter sind pragmatisch, notwendigerweise. So aber fühle ich mich aus dem Fließen herausgenommen. Die Tür ist zugeschlagen und läßt sich kaum mehr öffnen.
In THETIS habe ich von der “Großen ökologischen Revision” geschrieben, bereits 1998. Ich bin fast schockiert, wie sehr es sich nun bestätigt. Dabei hat man nur nachdenken müssen. Nein, mir gefällt mein Rechthaben nicht. Es zeigt aber die Kraft, die in Dichtung nach wie vor liegt, ihre Fähigkeit, seismografisch vorherzuformen, was kommen wird. Das ist etwas, das mich zur Zeit beruhigt, mehr allerdings, daß die Jungen von Covid-19 nicht so betroffen sind, daß sie in aller Regel gut da durchkommen. Denn das bedeutet: Zukunft. Es ist, wie ich in den Bamberger Elegien schrieb:

 

(…) um zu spüren, sie fließt noch, die Regnitz, vor meinem Fenster, und fließt in den Augen der Kinder, der deinen, mein Sohn, die deiner künftigen Frau, künftiger Frauen, ja weiß man es?, sind – und den späteren Mai­nen zu, späterem Rhein, denen viel spätere Rosen, die merklos erfrieren, nicht nachsehen in ihre späteren Meere. Den Zeitstrahl zu fühlen, worinnen wir stehen und dem wir zwar selbst nur Fragment sind, doch eines, das atmet und mittat. Das bleibt wie der Leibstoff, Körper gewesener, bleibt meines Leichnams.

Die Welt war noch nie für die Sensiblen gebaut, es galt immer the survival of the fittest — doch “fittest” ist eben ein interpretierbarer Begriff; es könnte sich zeigen, daß die Computer-Nerds, die sich nur von Kartoffelchips ernähren, eben diese “fittest” sind, jedenfalls zu ihnen gehören. Ihre Auftragslage wird sich enorm steigern. Zugleich wird die Unterhaltungsindustrie extrem wachsen, sofern sie ihre Strukturen ändert, bzw. radikal in eine Richtung weiter ausbaut, online nämlich, die ohnedies schon eingeschlagen wurde. Im Kulturbereich werden dann auch unsere Disziplinen wieder wachsen – allerdings eher nicht mitbetrieben von uns selbst, die wir nicht mehr zu den Jungen gehören, sondern eben von denen. Was ich allerdings als eine natürliche Entwicklung ansehe, eine der tatsächlich Natur, einig mit der Evolution. Seit langer, lange Zeit habe ich wieder das Gefühl, mit Existenz konfrontiert zu sein und nicht nur elend-permanent mit industriewestlichen Überbauproblemchen.

Und dann schau mal! Welch ein Frühling mit einem Mal ist! Hier bei mir “schlägt” der Amelhahn nicht, nein, er schmettert. Und ab unterdessen schon halb fünf ist ein Tschilpen und Zwitschern im Gang, daß mir das Glück gleich beim Erwachen bis in die Kehle hinaufsteigt und ich eigentlich mitsingen möchte. Sieh es bitte so: Aus Katastrophen haben die Menschen immer gelernt, jedenfalls fast immer. Risiken öffnen Möglichkeiten, im Sicheren gehen wir unter.
(…)

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