Heute eher Arbeitsjournal denn Tagebuch. Am vierzehnten Krebstag: Mittwoch, den 13. Mai 2020. Mit einem, völlig unversehens, Manifest und halluzinogenen Vorlebensendeplänen.

[Arbeitswohnung, 6.15 Uhr
Respighi, Semirama (ff)]

Ärztingespräch gestern, in लक्ष्मीs Beisein: Da die OP-Ansätze des SANAs und der Hannöverschen so heftig divergieren, noch die Drittmeinung der Charité einholen, die von diesen als “unnötig” abgetane (“Wir holen später sowieso alles raus”) diagnostische Laparoskopie im SANA aber durchführen lassen, sie bringe eine zusätzliche Gewißheit, und so schnell wie möglich die Chemo beginnen. लक्ष्मीs Ernährungsvorstellungen stimmte die Ärztin nahezu rundum zu und verschrieb mir gegen die Schlafstörungen als Antischmerzmittel, hierin dem SANA folgend, Novaminsulfon – das heute nacht perfekt funktioniert hat – sowie, falls es nicht anschlagen würde oder irgendwann nicht mehr sollte, Zolpidem … “da aber Vorsicht! Es macht, anders als Novaminsulfon, abhängig.” Wobei diese Gefahr bei mir nicht besteht, der ich entschieden dazu neige, gar keine oder doch zu wenig Tabletten zu nehmen, selbst wenn es nötig wäre. – Als Alternative verschrieb sie noch Melatonin, von dem mir vormittags schon meine Lektorin erzählt hatte und das auch लक्ष्मीs volle Zustimmung fand — nur durfte es, wie sich wenig nachher herausstellte, die Apotheke es jedenfalls in dieser Dosierung (5mg) nicht herausgeben, da derzeit um das Medikament ein Rechtsstreit geführt wird. Ich habe im Netz geschaut, über Prozeß und Hintergründe aber nichts gefunden; und Online-Händler teilen, etwa → dort, lediglich mit, daß das Produkt für Deutschland nicht erhältlich sei. Nun muß mich das nicht stören; ich habe Freunde in Frankreich, wo das Hormon frei verkäuflich ist, so daß sie es mir besorgen und schicken können. Doch was für ein Aufstand – und: Neuerlich kann von einem vereinten Europa die Rede leider nicht sein. Na gut, in diesem Fall gibt uns der Umstand die Freiheit, nationalrechtliche Regelungen zu unterlaufen: sozusagen gibt es einen Sherwood Forest, in dem wir untertauchen können.
Ein guter Artikel, übrigens, findet sich zu Melatonin → bei Primal State.

Wieder in der Arbeitswohnung, sofort erst beim Onkologen angerufen. Besetzt. Email geschrieben, fast unmittelbar darauf Rückruf aus der Praxis und sofort den Termin bekommen. Man möchte aber die Laparoskopie und ihren Befund abwarten, deshalb nicht schon, wie eigentlich im Kopf gehabt, heute, sondern erst am Montag. Der somit den Beginn meiner ersten Chemo markieren wird.
Dann in der CCCC-Stelle der Charité angerufen, doch zu spät, da sie nur bis 15 Uhr besetzt ist. Werd ich in zwei Stunden, pünktlich auf neun Uhr, erneut tun. (Die ganze Zeit geht mir durch den Kopf, ich könne in Hannover aus der ja tatsächlich schweren OP nicht bei vollem Bewußtsein erwachen, dort dann im Koma liegen und fern von allen, die ich liebe, vor mich hinzusterben – was so ziemlich das Gegenteil meiner Vorstellung eines ehrenvollen, stolzen WohinüberauchimmerGehens ist. Geradezu, für mich, ein Horror, schlimmer als der Krebs selbst.) Wobei meine Tiefstimmung, die den Montag so bestimmt hat, komplett vorüber ist, ich die vorherige Ruhe und Gefaßtheit wieder habe, auch die Zuversicht – darum aber auch genau sagen kann, was ich auf keinen Fall will. — Und aber dennoch, es folgt ein weitres Andrerseits: Ich sollte Hannover gegenüber vielleicht fair sein und einfach bei strahlend-schönem Wetter noch mal hinfahren und mir die Klinik dann anschauen. Vergessen Sie, Freundin, meine enorme Abhängigkeit vom Licht nicht. Wir es draußen grau, so auch mein Geist; je älter ich wurde, desto stärker zeigte es sich und hat unterdessen einen fast schon pathologischen Charakter. Jedenfalls dürfte das verregnete, zudem so klammkühle Grau des Montags auf meine Wahrnehmung der hannöverschen Klinik zumindest mitgewirkt und mein mehr depressives denn harsches, nun jà, “Urteil” ziemlich geleitet haben. Und da bis zur OP – für die Chemo werden zwei bis drei Monate angesetzt – noch einige Zeit vergehen wird, wird Hannover ganz sicher die Gelegenheit bekommen, sich mir noch einmal unter leuchtendster Sonne zu präsentieren.

Nochmal zu den für mich ungewöhnlichen Durchschlafstörungen. Zwar, ja, das Novaminsulfon hat geholfen, ja, dennoch könnte Bruno Lampe → recht damit haben, sie mehr mit dem Nikotinentzug (den ich sonst aber kaum mehr spüre, vielleicht noch zweidreimal am Tag, als kurze und schnelle Begier) als mit dem Karzinom und den (bislang noch bestens aushaltbaren) Schmerzen in Verbindung zu bringen. Denn tatsächlich erwachte ich auch heute nacht wieder gegen halb drei, huschte dann aber nur auf Toilette und unter die Decke wieder zurück, wo ich, Menschen können ziemlich irre sein, irgendeine Spur des Schmerzes aufzuspüren versuchte, denkend aufzuspüren … “richtiggehend” konzentriert. Nein, da war keiner. Konnte das sein? Also noch mal hinfühlen. Was dann offenbar derart anstrengend war, daß ich erst Schlag sechs wieder, und zwar putzmunter ausgeschlafen, erwachte, sofort quasi auf- und in die Arbeitsklamotten hineinsprang. Schon stand ich in der Küche, um den Espresso zu mahlen. Und derweil sich die Pavoni erhitzte, fuhr ich meine Computer hoch und entschloß mich, Respighis Semirama zuende zu hören, in die mich einzufinden mir gestern nicht wirklich gelungen war, so wenig wie bei seiner Lukrezia, derweil mich La Fiamma, die ich als grandiose Vinylpressung habe, seit meiner allerersten Begegnung mit dieser Musik immer wieder hingerissen hat. Weshalb die beiden andern Opern nicht auch … ich habe keine Ahnung. Oder doch, Ahnung schon. Und das da, freilich, ist toll:

Ich bin nur ein Komponist, immer ein Komponist. Ich hätte nie etwas anderes sein können. Ich glaube an die Kontinuität der italienischen Musiktradition und den unsterblichen Geist des italienischen Liedes. Aber ich glaube, dass die europäische Musik als Ganzes vor einer radikalen Krise steht, aus der sie transformiert und erneuert hervorgehen wird. Ich glaube an die Suche nach einer neuen gemeinsamen Sprache der europäischen Musik, und ich glaube, dass Italien bei diesem Streben eine Vorreiterrolle spielen kann, so wie es vor vierhundert Jahren der Fall war.
Ottorino Respighi, → 1925

Genauso könnte – und will – ich es für die Dichtung heute sagen:

Ich bin nur ein Dichter, immer ein Dichter. Ich hätte nie etwas anderes sein können. Ich glaube an die Kontinuität der deutschsprachigen Literaturtradition und den unsterblichen Geist der deutschen Poesie. Aber ich glaube, dass die europäische Literatur als Ganzes vor einer radikalen Krise steht, aus der sie transformiert und erneuert hervorgehen wird. Ich glaube an die Suche nach einer neuen gemeinsamen Sprache der europäischen Literatur, und ich glaube aber nicht, dass Deutschland bei diesem Streben eine Vorreiterrolle spielen kann (noch es sollte), wohl aber unser Verhältnis zum Internet und insgesamt zu den sogenannten Neuen Medien, in die die poetischen Traditionen von Goethe über Hölderlin und Jean Paul, Musil und Broch, Döblin über Ingeborg Bachmann bis Marianne Fritz als Traditionen eingebettet werden und erkennbar sein müssen. Erst daraus wird Avantgarde, eine wahre und lebensfähige, sei’s in der Lyrik, sei’s der Prosa sichtbar werden und überhaupt entstehen können. Und die Dichtung bleiben.

Puh. Ja, ich gebe zu: Puh.
Decke drüber
—————- und schnell noch was zum Krebs:

Es war die Rede davon gewesen, mir ein THC-Präparat zu verschreiben, was meine Ärztin auch tun will und darf. Doch sind die Krankenkassenregelungen hier ziemlich interessant. Obwohl längst fundiert ist, wie gut Medikamente auf dieser Basis anschlagen, dürfen sie dennoch erst verschrieben werden, wenn alle anderen schulmedizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind – etwas, das sich durchaus als Protektionismus der pharmazeutischen Industrien ansehen läßt. Wir dürfen nie vergessen, welche Milliardengeschäfte hinter unserem Gesundheitssystem stecken, wessen Mit-Interessen und also auch → Lobbies. Und gerade an den während der letzten Jahre → im Preis exorbitant gestiegenen Chemotherapien wird sich dumm und dämlich verdient, wobei dumm und dämlich nicht die sind, die verdienen. (Ja, geliebte Freundin, ich sehe meine Krankheit nicht “nur” poetisch, damit nämlich → mythisch, sondern auch politisch).
In meinem “Fall” allerdings wird es mit dem THC unproblematisch werden; es muß nur die Chemo begonnen worden sein und meine Ärztin der Behandlungsplan vorliegen. Dann sei es nur noch eine Formsache, die Akzeptanz der Rezeptur bei der Kasse zu beantragen und mir das Medikament zu verschreiben.

À propos. Während meines Abendspaziergangs traf ich meinen Elfenbeinverleger Držečnik, der sich mit seiner Gattin ebenfalls die Beine vertrat. – Ich sehe im Augenblick davon ab, das Lauftraining wieder aufzunehmen, nachdem es mir die letzten beiden Versuchsmale nicht so sehr gut danach ging, weil ich meinem Körper offenbar eine Kraft nahm, die er gegen → Liligeia anstemmt; das mag ich nicht wiederholen, jedenfalls nicht, bis die Chemo läuft und wenn sie gut oder einigermaßen vertragen werden von mir sollte. Aber jeden Abend eine Stunde durch die Straßen und Parks zu flanieren, ist eine feine Vorstellung – zumal ich dazu einen einer Gehstöcke nutzen, sie sozusagen ausführen kann, was dem in mir nach wie vor dann nicht mehr nur noch schlummernden Dandy Spaß macht und gestern tatsächlich zweimal zu Komplimenten führte, die mich passierende Damen mir machten, ein quasi machismo/inverser Piropo, den ich ausgesprochen genoß.
Jedenfalls da kam mir das Verlegerehepaar entgegen, und wir plauderten. Umarmen darf an sich ja derzeit nicht. Doch Ingo Elfenbein war ausgesprochen erleichtert, mich in solch gehobener Stimmung zu sehen. “Und gut, geradezu gesundheitsstrotzend siehst du aus!” rief er leise zu Anfang. Daß ich mich, sagte ich, so auch beinah fühlte. Erzählte aber vom vortagigen Tief, dann meinen Überlegungen zum Freitod … nicht, daß ich nicht gerne weiterlebte, im Gegenteil! Doch angesichts dieser Krankheit sei es sinnvoll, sich zu wappnen und gegebenenfalls vorzubereiten. Etwa. Wie wir bei geliebten Haustieren davon spräche, sie sanft einschlafen zu lassen, und es auch so praktizierten. “Schaut mal”, sagte ich, “was wiegt so eine deutsche Dogge? Sechzig, siebzig Kilogramm? Siebzig bringe momentan auch ich auf die Waage. Da wäre die Dosis doch die gleiche …” Aber dieses einmal ganz beiseite, ich hätte ja noch so viele Projekte vor mir, und er, Držečnik, habe zusammen mit Christoforo Arco ja nun alles getan, mir das Sterben schwerzumachen: “Ich habe dafür jetzt einfach gar keine Zeit. — Aber”, ergänzte ich, “bevor ich ich gehe, will ich auf jeden Fall noch erlebt haben, was ich in meinem Leben bisher, und sehr bewußt, gemieden: Ich möchte erleben, wie es ist, auf einem Trip zu sein. Pilze will ich ausprobieren, LSD will ich ausprobieren, Mescalin, Kokain sowieso und, ja, auch Heroin. Vielleicht auch mal chemische Drogen. Freilich werde ich mich um alles dieses erst nach der Operation kümmern.” Doch Ihnen, Freundin, und meinen Leserinnen sei es hier bereits erzählt; vielleicht, daß jemand mir dann helfen kann, mir solche Erfahrungen auch heimholen zu können, für deren Realisierung ich derzeit noch viel, viel zu naiv, viel, viel, viel zu naiv bin. Und was die deutsche Dogge anbelangt, so müßte ich nur im letzten Fall eine charmante, gebildete und so kluge Tierärztin kennen lernen, daß sie auch meinen Stolz so liebt wie meine Lebensliebe.

Ihr ANH
[Respighi, Maria Egiziaca]

9.38 Uhr
Grad mit der Charité telefoniert. Es gibt eine sofortigen Termine, sondern erst möchten bitte die Befunde mitsamt den Bilder-CDs hingeschickt werden. Danach werde es etwa zwei, vielleicht auch drei Wochen dauern, bis mir ein Terminvorschlag unterbreitet werde.

Bene. Dann geh ich’s mal gleich an; was ich wissen und beachten muß, fänd’ ich, hieß es, → dort.

Krebstag 13: erneutes Tagebuch statt des Arbeitsjournals. Dienstag, den 12. Mai 2020

[6.01 Uhr, erster Latte macchiato
Respighi, Concerto gregoriano]

Seit fünf auf, → Currentzis-Aufnahmen geordnet und Knelangens WeTransfer-Sendung hinzugespeichert. Aber schon um drei wach gewesen; allerdings, anders als gestern nacht, fiel ich in den Schlaf wieder zurück. Dennoch, es muß aufhören mit diesen Unterbrechungen und teils deutlichen Schlafstörungen. Nicht der Schmerz, der mich erwachen läßt, sondern die Gedanken sind das Problem, die dann kreisen und für ziselierte Stangen Dynamits wurzelnd tiefe Löcher in die Traumwände bohren; schon der Funke an die Lunten und – erschreckend lautlos – ist das ganze Reich des Schlafs zerblasen. Immerhin seh ich beim Erwachen die päonienfarbenen Erd- (also Päonien-)beeren, die als Obst zu essen mir erlaubt sind (wie Him- und Heidelbeeren).
Dennoch, nachher bei der Ärztin werde ich die Schlaflosigkeit ansprechen; sie macht mich so mürbe, daß ich gestern, als ich frühmorgens im ICE nach Hannover saß, kaum fähig war, auf Ligeias →  ziemlich arroganten Brief die angemessene Antwort zu formulieren. Ich mußte es wirklich durchkämpfen, gegen Unlust und dauernd herunterfallende Lider. Zumal gelang mir nicht der leichte Ton, den ich im Sinn gehabt hatte und der einzig angemessen gewesen wäre. Aber gut, ganz schlecht ist → meine Replik nicht. Insofern kann ich ihre nächste Reaktion gelassen erwarten. Sofern sie jetzt nicht sowieso abgeschreckt hat, was auf sie zukommen wird. So daß ich noch mal nachhaken werden müssen.Denn es zog ja selbst mir den Magen zusammen — den es auch nicht zu knapp mittrifft, mittreffen also wird Um es klar zu sagen, den ich, wenn es nach dem Chirurgen der MHH geht, zu mindestens der Hälfte verlieren werde, und zwar nicht nur minimal invasiv operiert, sondern mit weiter Öffnung des Brustkorbs, um, wie ich Herrn Dr. R. verstanden habe, auch wirklich alles herauszuschneiden, was Gefahrenherd selbst werden noch könnte.
Ich gebe zu, mir wurde flau. Selbstverständlich zeigte ich es nicht, sondern, gleichsam, legte noch nach, wollte meine Überlebenschancen wissen. Er mochte sich verständlicherweise nicht festlegen, schränkte aber ein, daß die mir bekannten (für meine Diagnose recht unguten) Daten insofern veraltet seien, als unterdessen neue Verfahren angewandt würden, die von den Statistiken bislang nicht mit erfaßt seien. “Klar ist aber, daß die Überlebenszeiten bei Speiseröhrenkrebs deutlich geringer als bei Darmkrebs sind.”
Auch aber, wie’s mir → im Sana vorausgesagt wurde, nach des MHHs Meinung sollte nun jetzt erst einmal eine zwei- bis dreimonatige Chemo begonnen werden, um den Tumor schrumpfen zu lassen. Was mir zu entscheiden noch die Zeit gibt, wo ich den Eingriff durchführen lassen möchte, ob dort oder hier in Berlin. “Aber wenn man jetzt nicht gleich schneidet”, fragte ich bei Dr. R., vielleicht ein bißchen zu sehr bohrend, nach, “und es noch zweidrei Monate bis zum Eingriff dauert, kann der Tumor nicht in dieser Zeit streuen — was er doch bisher nicht getan hat?” (Wird Li, dachte ich bei mir, das ausnutzen?) “Das ist ein Risiko, ja. Sofern die Chemo nicht anschlägt. Streuen kann Ihr Tumor an jedem einzelnen kommenden Tag.”
Wenn er jetzt gesagt hätte, “gut, wir operieren morgen: alles, alles sofort raus!” — wahrscheinlich hätt ich mich drauf eingelassen. Sagte er aber nicht. In der jetzigen Größe scheinst Du, schöne Li, nicht operabel zu sein. AEG III, um Dich fachlich zu benennen. Liligeia, Liligaega.

Nun war mir diese Klinik mehrfach als besonders spezialisiert ans Herz gelegt worden. Dennoch war mir dort allezeit mau (wobei ich lediglich knapp anderthalb Stunden dort blieb, inklusive der Anmeldeformalitäten). Es mag an der siebenachtels durchwachten Nacht gelegen haben und/oder an dem unversehenen Wetterwechsel, der nach der wundervollen Maiwärme den Kältesturz gebracht; vor allem regnete und regnete es, was zwar, ich weiß es genau, wichtig für das Land, mir dennoch die Sonne entzog und also das mir derart notwendige Licht, so daß ich schon mit einer spürbaren Depression losgezogen war. Das Gelände der MHH linderte sie nicht. Alles wirkt “irgendwie” nach DDR. In den Anmeldestellen wird noch mit Akten und also dem grauslichen Staub der Kontore gearbeitet. Ob ich die Befunde nicht in Kopie mitgebracht hätte? fragte mich die Dame an der Aufnahme. “Wieso”, antwortete ich, “Sie können die Originale doch einscannen.” “So weit sind wir hier leider noch nicht.” – Meine Güte, sogar meine Hausärztin kann das! Im Sana war und ist es eh selbstverständlich. Mit den den beiden mitgebrachten Bild-CDs (des CTs, der Endoskopien) war’s dann ähnlich.
Nein, mein Gefühl bleibt mau. So sehr Hannover auch empfohlen worden ist. Aber allein die Vorstellung, nach der Brustöffnung und wieder -schließung nicht mehr aus der Narkose herauszukommen und dann hilflos dort zu liegen (vierfünf Tage auf der Intensiv ja sowieso) und alle sind in Berlin oder Frankfurt, die Vollmacht von mir haben und wissen, was ich nicht will … diese Vorstellung bereitet mir äußerstes Unbehagen. Dazu mein, ja, irrational, Mißtrauen gegen Hannover-sowieso. Und wenn ich dann aufstehen kann und spazieren gehen möchte — wo dort, auf dem Gelände, denn? Es wirkte komplett seelenlos, denaturiert, auf mich, indes es im Lichtenberger Sana wie auch dem wundervollen jüdischen Krankenhaus im Wedding herrliche alte Bäume gibt, unter denen es sich sitzen läßt, und viele alte Villengebäude, die einen atmen lassen.
Selbstverständlich ist mir bewußt, wie wichtig für die Medizin Zweckrationalität ist, aber ich weiß genauso, wie schnell die Seele an ihr eingeht und daß eine, die verzagt, vielleicht es gar nicht will, daß der Körper wieder heilt.

Mein maues, nein, dumpfes Gefühl verließ mich nicht, als ich nach Berlin zurückfuhr. Schon in der hannöverschen Tram war es mir zu eng und unterm Bahnhof zu kleinklein. — Wobei es in der Stadt auch schöne Räume gibt, gute Plätze, die mir, wann immer ich hier war, sehr gefielen, auch Bauten von wirklicher Klasse wie → das Künstlerhaus, in dem das Literaturhaus untergebracht ist, oder auch das ausgesprochen feine Sprengelmuseum am horizontlichten Maschsee. Und doch, sowie man aus den Repräsentationsgegenden heraus ist, bekommt Hannover etwas Bedrückendes – fast drängt’s mich, Ruhrpottähnliches zu schreiben. Dort also vielleicht sterben, Li?
Jedenfalls war die Ruhe zwar nicht, aber meine Zuversicht gestern völlig weg, die mich die Tage zuvor erfüllt hatte und vorgestern im konzentrieren Lauschen auf → Currentzis’ Mahlers VI (nichts anderes als im Musikstuhl zuzuhören tat ich, mit meist geschlossnen Augen – und ein wenig mitzudirigieren) sich noch enorm geweitet hatte. Dunkelgrau betrat ich die Arbeitswohnung, lastend müde, führte noch eben am Schreibtisch die, für den Fiskus, Archivierung der kurzen Reise aus, legte mich dann hin, dämmerte weg, wollte arbeiten, bekam den Ansatz nicht hin, telefonierte, berichtete. Was mich auch nicht heller machte. Sondern erst, als ich abends Respighis Klavierkonzert misolidio hörte, ward ich wieder frei – und schlief dann endlich auch gut ein.

Jedenfalls. Gestern habe ich zum ersten Mal seit meiner Diagnose Angst gehabt, eine wirkliche, tatsächliche. (Wovon ich gegenüber Li am besten nicht ein einziges Tönchen verlauten lassen werde; Herbst, sei klug, sei klug!) — Heute allerdings ist sie fort, die Zuversicht zurück. Ich denke, daß ich in solchen Wellen nun werde lange leben, solang ich leben darf. Dringend nötig allerdings, zurück in meine eigentliche Arbeit zu finden; momentan wirft der Krebs seine Schatten überall hin. In denen friert meine originäre poetische Kraft und zittert zaghaft, statt zu wirken. Aber schau aus dem Fenster! Die Sonne ist zurück.

So reich ich ihr und Dir die Hand.

[ANH am neunten Tag des Nikotinentzugs
um 8.45 Uhr bei
Respighi:
Concerto in modo misolidio]

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