Marah Durimeh! Aus der Nefud, vom letzten Tag des dritten am zweiten und dritten des vierten Kreises geschrieben. Mittwoch, der 1., und Donnerstag, der 2 Juli 2020, den nämlich drei- und vierundsechzigsten Krebstagen.

 

[عالم آخر.صحراء النفود
6.03 Uhr, 72,8 kg]
[Bach/Ramirer, Präludium & Fuge XVIII]
Das Wohltemperierte Klavier, Buch II]
2. Juli (يوليو) 2020
mit Röhrerich (r.) zur gemeinsamen Morgenmeditation

Meine Ahnung bestätigte sich — oder, vielleicht, hat sie, was dann geschah, geschaffen: eine zitternde, weil nur ungefähre und auch nicht zu allen Zeiten stetige, das heißt eben: ungewisse Seite meiner poetischen Ästhetik; so sehr rührt sie vielleicht nicht an Mystik, berührt sie aber doch. Worüber zu sprechen ich gerne, als Realist, vermeide: Vorhang meines Saïs.

Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,
Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.
Schiller,
Das verschleierte Bild

Nun gehn wir zur Wahrheit in aller Regel alle durch die Schuld, die erkenntnistheoretisch nichts andere als ein Irrtum wider bessres Wissen (oder Ahnen) ist. Und ich, nun jà, dachte ich meditierend soeben vor dem Zelt – es meditierte in mir – bin auf dem Weg zur Wahrheit meines Körpers durch die ihm zugemutete Schuld des Geistes, die sich als Liligeia nun ineinander repräsentieren: Lili-Gäa eben oder auch, worauf Schiller wie Novalis verweisen — Isis. Die nun unversehens ins → letzte Béartgedicht nicht nur “paßt”, nein, hinein sogar muß. Immerhin  ist die Isis lactans das Urbild Mariae mit dem Jesukind.

Also wir stürmten, muß ich schreiben, mit unserer kleinen Kamelkavalkade von den Sanddünen gegen das die Wüste immer wieder flankierende nicht sehr hohe, aber doch schon der Farben wegen eindrückliche Gebirge; ich weiß nicht, ob ich schon jemals solch Variantenreichtum von Rot gesehen habe, Farbschattierungen, für die Araber sehr wohl Bezeichnungen, wir hingegen nicht mal einen Sammelbegriff haben; naheliegend wiederum für Menschen, die hier leben. Das Scots etwa kennt 421 Wörter für Schnee; daß allerdings auch die Inuit über solch eine Ausdrucksfülle verfügten, ist eine, → las ich gerade, Mär, die offenbar, um kurz zur “Mystik” zurückzukommen, nicht dazu geführt hat, sie aufgrund der Idee wirklich entstehen zu lassen (→ Realitätskraft der Fiktionen):

 

 

Hier aber nun

— eine Schlucht hatte sich geöffnet, hinter der sich das, ich nenne es so,
Tal der Durimeh öffnete, das eine Art ausgedehnter Oase, wenngleich in
keiner Weise märchenhaft ist, sondern in seinem kraterähnlichen Zentrum nichts als ein sich um die Quelle und unter ein paar
Palmen gruppierender, ziemlich staubiger Ort, der vor allem eines ausströmte: Verlassenheit; doch zog sie sich dauernd um, je tiefer wir hineinritten, wechselte ein Kleid nach dem andren, bis sie, diese Verlassenheit, etwas Schrebergärtiges bekam, etwas von nicht geschnittenen, ungehegten Johannisbeersträuchern, improvisiertem Gewächshaus-in-klein und mitten darin eine dieser über und über bildbesprühten , dachte ich erst, BVG-Baracken, wie man sie in Berlin immer wieder noch findet. Diese hier erinnerte mich sogar extrem an das aufgelassene Gebäudchen der vor sich hin sinnierenden  Zwischen-Endhaltestelle der M10, eines, obgleich mitten in der Stadt, nahezu ebenso solitären wie zeitlosen terrasseflachen, von sowohl neuen wie sehr alten, grasüberwachsenen Geleisen durchzogenen  Raums mit zwei Plattformen für mögliche Fahrtgäste – insgesamt aber wohl nur dann genutzt, wenn im gleich angrenzenden Stadion ein Fußballspiel stattfindet; genau sie aber, genau diese Baracke, war unser Ziel —

war es offenbar so gewesen, die Fiktionen hatten ihre Kräfte spielen lassen und die Realität mehr als nur beeindruckt  — denn tatsächlich, kaum hatten wir uns bemerkbar gemacht, erschien eben diese Marah Durimeh, wie ich es → meiner Lilly schon quasi propheizeit hatte.  Wobei ich mit Durimeh natürlich die schwarz gekleidete Greisin meine, die uns → Adullahs Gärten geöffnet hatte, nicht etwa Karl Mays — und → seines Nachschreibers Kandolf (nie gelesen; ein Versäumnis? der Mann hatte einen richtigen Instinkt) — “tatsächliche” Figur. Meine Güte, über eine Woche liegt auch das schon wieder zurück, daß sie uns öffnete (und aber auch gleich wieder verschwand)! Nur daß sie jetzt weder schwarz gekleidet — sie trug vielmehr ein, wie May es will, strahlenden Weiß — noch auch nur entfernt Greisin war; es war vielmehr ihr Alter in keiner Weise ausgemacht, es flirrte wie die noch jetzt, gegen Abend, heiße Luft, und obwohl Frau Durimeh (sie nannte sich völlig anders, stellte sich mit dem etwas schwedisch klingenden Manna Jansen vor, “Manuela eigentlich, ich hab das schon als Kind gehaßt”) die Sechzig in jedem Fall überschritten hatte, muß ich ich sie ausgesprochen schön nennen. Und nebenbei wird hier der eigentliche Grund für Mays einander auf erstes Lesen widersprechende Beschreibungen deutlich —

Ich (…) erblickte eine alte Frau, deren Äußeres mich schaudern machte. Sie schien über hundert Jahre zu zählen; ihre Gestalt war tief gebeugt und bestand wohl nur aus Haut und Knochen; ihr fürchterlich hageres Gesicht machte geradezu den Eindruck eines Totenkopfes (1882) | Sie war gewiß hundert Jahre alt, doch ihre Gestalt stand gerade und hoch aufgerichtet; ihre Augen hatten jugendlichen Glanz; ihre Züge waren seltsam schön und weich (1904) | Ich (…) sah eine ganz eigenartige schöne Frau, deren Alter so hoch war, daß es, wie ich später erfuhr, gar nicht mehr bestimmt werden konnte (…), und in ihrem hochedel geformten Gesicht war fast keine Spur einer Falte zu sehen (1908)

Wikipedia irrt hier in der Meinung, Karl May habe seine Schilderungen von Kara Ben Nemsis erstem Zusammentreffen mit ihr seiner neuen Sichtweise erst später angepasst; Tatsache ist, daß er, Ben Nemsi also, seine ersten Eindrücke im Wortsinn nur nicht nicht fassen konnte, wahrscheinlich schon deshalb nicht, weil seine historischen Zeit noch bleibend geprägt vom Konzept fester, ein- für allemal bestimmter Identitäten war — anders als Alban-Ben-Nemsi-ich, dessen poetische Perspektive bereits früh unsere Ichkonturen sich ineinander verschwimmen ließ. Und anders als mir, dem entschiednen Hetero, mußte dem, ich sag’s mal mit leicht perfider Ironie, platonischen Frauenfreund der jugendliche, durchaus etwas perverse, ich möchte sogar schreiben lillische Sex entgehen, den sie und jede ihrer Bewegungen, diese rein für sich, derart … ja, emanierten, daß sich meine Lider wieder und wieder auf Spaltenge zusammenpetzen mußten. Und wie schon am Eingang der Gärten nahm sie ganz allein von mir Notiz, was ihr der Stammesfürst Faisal auch diesmal nicht zu verübeln schien, und sprach alleine mich an. Wobei sie nicht lächelte, ihr Gesicht blieb unbewegt wie seines. “Dann kommen Sie mal mit.” Da saß ich noch auf Röhrerich!
Blick zu Faisal, der nur – was, dieses “nur”, “nahezu bewegungslos” bedeutet – nickte. So rutschte ich rechtsseitig von meinem Reittier, das sich nicht einmal legen mußte. Ich hatte einen wirklich guten, beschwerdefreien Tag, nein, schon zwei solche Tage hintereinander gehabt, oh Dank Dir, Liligeia! – war geradezu wieder in Form, ließe sich’s sagen.
“Gehn Sie nur, mein Freund, wir errichten derweilen das Lager.” – Leichte Unterarmbewegung Richtung ben Gamael, der sie gegenüber den Gefährten wiederholte ohn’ Ansehns ihres Standes. – Schon war Bewegung in der Karawane. Die Dromedare röhrten, was, wie ich unterdessen weiß, zu ihrer Disziplin gehört, womit ich deren Lockerung meine. Die stoischen Tiere kommen mit Veränderungen anfangs nie klar, während sie eingetretenen Abläufen quasi unendlich folgen können. Deshalb bedeutet eine Pause immer auch ebensolche Unruhe wie ihr Ende. Immer dann geht so ein allgemeines Konzert los, ich hab’s ja → da schon mal vorgeführt:

Doch als ich der Durimeh in die BVG-Baracke gefolgt war und indem sich hinter uns die Tür schloß, war das Geröhre mit einem Schlag ebenso weg wie jedes andere Außengeräusch. Es wurde statt dessen so enorm still, daß zu sprechen sich wie eine kleine Schändung angefühlt hätte. Deshalb folgte ich der Durimeh fraglos durch den für den doch sehr kleinen Bau viel zu langen Gang, bis wir rechts durch eine angelehnte Tür, die Durimeh nun  hinter uns verschloß, in einen sehr viel eher japanisch denn chinesisch wirkenden Raum eingetreten waren, und der Orient war gänzlich verschwunden.
“Wie halten wir es mit den Masken?” Sehr klarer, kühler Aufblick Durimehs. Erst da fiel mir auf, daß wir coronahalber beide solche trugen. Also war ich wieder in Berlin. Ich kannte sogar die Straße, Seelingstraße, westlich der Charlottenburger Schloßstraße. Vor Jahren hatte hier → der wilde Eigner zwar ungern, vergleichsweise aber gut gelebt, mit damals noch einigermaßen intakter Familie. Hier war der kleinen Familie einmal der für den Berliner Hochsommer zu prallevolle Olivenölballon geplatzt, so daß nahezu zehn Liter besten, aus in Olevano eigener Ernte gewonnenen Olio vergines den Kühlschrank hinuntergeflossen waren und als daumenstarke Schicht den gesamten Küchenboden bedeckt hatten. Was zu einem Irrsinnswutausbruch geführt hatte, Eigners, der das Problem indes nicht löste. Dieses zu tun überließ der Berserker seiner Frau – was angesichts seiner Cholerik zwar rücksichts-, doch ausgesprochen sinnvoll war. Es war ja auch ein kleines Kind noch da. Besser, seine Wut und er verließen die Wohnung und er ertränkte sie. Wobei wahrscheinlich schon da eine der Szenen vor ihm aufstieg, die LICHTERFAHRT MIT GESUALDO zu solch einem Abschiedsgesang macht:

Aber da haben wir sie auch schon, die verschiedenen Klangfarben des Textes, geführt wie die Stimmen eines Madrigals; die unaufhörliche Fortbewegung als Kontinuum, Becks Erzählung als treibende Melodie, Redderichs Gedanken und spärliche Einwürfe als zweite Stimme, die sich hin und wieder verliert, nie aber abhanden kommt.
Ulrich Faure, Rheinischer Merkur

Daß mir das jetzt und ausgerechnet hier wieder einfiel! Hätte ich’s nicht schon sofort wissen müssen, als mir die Adresse genannt worden war? Ich spreche immerhin von Berlin! Indes kam meine Erinnerung an all dies erst zurück, als ich mit dem Fahrrad noch auf dem Kaiserdamm war und gleich rechts abbiegen mußte. Ich hatte es wahrscheinlich verdrängt, weil mir andernfalls sofort Eigners, muß ich jetzt schreiben, Totenbett und die, ich weiß nicht mehr genau, drei? Monate seines Komas  im Urbankrankenhaus eingefallen wären, eine Lebensendsituation, die für diesen freien, schimpfenden, kämpfenden Mann erniedrigender war als jemals etwas zuvor. Und stehe, ich, jetzt vielleicht genauso davor.  Es muß nur etwas schiefgehn  bei der Operation, oder ich wache aus der Narkose nicht mehr auf. Dann werde ich ebenso hilflos daliegen, und ehrlos. Daran nicht denken! Aber für diesen Fall alles vorgeordnet haben. — Einen Schwamm, einen nassen, nassen Schwamm! ——— Ah, hier hat doch auch meine Cellolehrerin gewohnt ..! Neufertstraße, Die ersten Zehnerjahre dieses Jahrtausends … Trennungen, Trennung, der BuchprozeßMEERE, ja MEERE … Welch Wasserfall von Erinnerungen! Ein früheres Leben in einer anderen historischen Zeit … – nur schnell zurück in die Wüste! Nur schnell der Nefud Sand darüber:


Aus dem die Jansen fragte, nun wieder ganz Durimeh: “Lassen wir sie auf oder halten wir Abstand?” – Was auf? Ah richtig, die Masken. Wir saßen mittlerweile an den gegenüberliegenden Seiten eines kleinen Behandlungstisches.
Sehr sympathisch, daß sie die ihre jetzt abnahm; ich tat es ihr nach. “Nur wenn ich mir Ihre Zunge ansehen, werde ich sie wieder aufsetzen. Einverstanden?”
Und sie begann mit der Anamneseerhebung. Dann sah sie sich tatsächlich meine Zunge an, die ihr offenbar nicht recht gefiel, “aber darüber reden wir ein andermal. Jetzt erst einmal Ihren Puls. Bitte beide Hände mit den Flächen nach oben hier drauflegen,” hier waren je ein Kiss’chen, “so, ja, entspannt bitte.” Sie fühlte nach dem Puls, schloß die Augen, rechnete. “Sie haben einen starken Puls”, befand sie dann und präzisierte: “einen drängenden Puls.” Woraus sich auch schon die vorerste Diagnose ergab, ein starkes Ungleichgewicht von und zu schweren Ungunsten des letzteren, also daß in mir extrem ausgebildet sei, was mit Feuer, Wille, Aktivität zu tun habe, indes die Stille und Ruhe komplett unterrepräsentiert seien — ein, freilich, Befund, der bei einem ADHSler nicht wirklich verwundert. Es komme also darauf an, gerade jetzt meine Yin-Seite zu stärken, die ich instinktiv “die weibliche” nennen wollte, wäre das nicht wieder ein schwerer Verstoß gegen das soziale Genderkonstrukt und könnte mir erneut als Äußerung meines schon krankhaften Machos ausgelegt werden. Andererseits machte es einsichtig, so hoff ich jedenfalls, weshalb ich das Weibliche so ehre und immer wieder als etwas anrufe, dessen (“deren” !!) ich lebensnotwendig bedarf. Allein in diesem Verhältnis sind die Hymnen des → Béartzyklus wirklich zu verstehen.
Doch Durimeh, trotz ihrer Ausstrahlung, war nicht die Art Frau, mein viriles Bedürfnis zu stillen. Es war auch nicht ihre Profession, erst recht nicht ihre Absicht. Vielmehr projezierte sie die Erfüllung zurück in mich selbst: alles habe in mir zu geschehen, eben ohne ein Außen, und wenn es noch so weiblich mir Anima wäre.
So legte Marah Durimeh quasi den Finger auf meine Sehne des Achills. Und wurde extrem herb — wie um mir jede Möglichkeit zu nehmen, sie als Projektionsperson doch noch zu nutzen. Es trat eine in der Tat erstaunliche Ähnlichkeit zum ganz entgegengesetzten Verfahren zu Tag, das vor anderthalb Jahrzehnten → meine Psychoanalyse bestimmt hat; beide Disziplinen spielen mit dem Übertragungsprozeß, die eine, indem sie’s auf ihn anlegt, die andre, indem sie ihn strikte verweigert. Und darauf, daß ich eigentlich “nur” wegen der begonnenen  Neuropathie hier war, ging die Zauberin erst ein, als ich’s direkt ansprach. Woraufhin sie mir sogar einen Zweifel herüberspiegelte, daß ihre Therapien dort helfen könnten, jedenfalls ohne insgesamt mich “chinesisch” einzustellen – worauf ich zwar neugierig wäre, nicht aber in irgend ergebenem oder auch nur bereitem Sinn, das ideelle Grundkonzept zu akzeptieren. Dennoch, an die Akupunktur wollte ich schon deshalb unbedingt, ich noch niemals eine erlebt hatte.
Zu der es dann auch kam.
Wir wechselten das Zimmer. Im anderen standen zweiteilig-spanische Tatamiwände, vermittels derer sich Bereiche abtrennen ließen, visuell zumindest; hinter deren einer solle ich mich barfuß auf die Liege legen, über die Frau Durimeh vermittels einer unter dem Kopfteil angebrachten Einspannrolle eine Papierdecke aufzog.
“Entspannen Sie sich, ich setze Ihnen jetzt die Nadeln.” Die erste kam in den genauen Scheitelpunkt meines Schädels. Sie piekste am meisten. Zwei weitere kamen in die Füße. Hier merkte ich kaum etwas. “Ah”, so die Jansen, “da ist Ihr Empfinden schon sehr verloren gegangen.” – Beruhigend, daß es an den Waden wieder mehr piekste. Schmerz kann einen auch beruhigen, und eine. Dann noch der rechte Arm, eine Nadel oben in den Handansatz, eine letzte darunter ganz in die Nähe der Schlagader. “So, und jetzt ruhen Sie zwanzig Minuten. Es kann sein, daß Sie die Nadeln dann spüren. Sollte es zu unangenehm wird, rufen Sie mich bitte. Aber nach zehn Minuten komme ich ohnedies nach Ihnen schauen.” Womit sie mich verließ.
So daß ich zu dämmern begann – nicht sehr viel anders allerdings, wie wenn ich mich nach Empfang der jeweils neuen Chemoinfusionen immer wieder auf das Lager meiner Arbeitswohnung lagen muß. Anders aber eben doch, weil, nachdem ich noch erlebt hatte, wie Frau Jansen kurz zurückkam und “alles in Ordnung?” fragte und nachdem sie wieder fort war, ich in einen offenbar so tiefes Schlummern fiel, daß ich erst wieder zu Bewußtsein — im Infusionsraum meines Onkologen kam. Zu vollem Bewußtsein, meint das, in das, ich hing bereits am Tropf des Oxaliplatins, nur langsam die Erinnerung an eine Fahrradtour von der chinesischen Seelingpraxis zurück in die Arbeitswohnung wieder aufstieg, doch heftig von Dünen überlagert, sogar von einem kleinen Sandsturm und dann, wie mich ibn Gamael aus der BVG-Baracke abholte, Lars also, der doch bereits zum Team des Onkologen gehört, aber bereits in der Nefud repräsentiert für mich ist. Wobei ich gar nicht weiß, weshalb ich nach der Akupunktur so erschöpft war; ich hatte doch fast die ganze Zeit geruht! Dennoch, Lars mußte mich zu meinem Zelt bringen. Wobei mir all das eben erst wieder klar wurde, als ich bereits die vierte Chemo bekam: Initiation des Vierten Höllenkreises, der uns schließlich, wenn ich es überlebe, nach Aqaba Dir, Lilly, zuführen wird; da meines Wissens an einer Chemo noch niemand gestorben ist, jedenfalls nicht oft, der Übergang erst in unserer, ach Li, Vereinigungstrennung die Pforten lockend öffnet, wird dies auch für die Strahlungen zutreffen, für die ich darauf vorbereitet bin, daß ich sie noch mehr als die des dritten Kreises spüren werde — was bis jetzt, am nunmehr dritten Tag, aber noch nicht geschehen ist, sofern ich von → den gestrigen, tja, Anfällen? erstarkter Schwäche einmal absehe. Da war ich wirklich etwas verzweifelt, weil ich weder mit dieser Erzählung noch mit Béart XXXIII oder sonstigem weiterkam: selbst die für den Bamberger Lehrauftrag auszufüllenden Formulare ließ ich, nachdem sie endlich ausgedruckt waren, liegen.

Faisal läßt mir deswegen heute noch etwas Ruhe; auch sah ich noch einmal kurz die Durimeh, die uns nunmehr begleiten wird, um vor der irgendwann ab Mitte dieses neuen Monats anstehenden OP noch wenigstens zweimal ihre Nadeln zu setzen. Tatsächlich hatte ich seit heute beim Erwachen das Empfinden, es sei die Neuropathie vor allem in Füßen leicht zurückgegangen. Nach Aqaba selbst wollte sie, Frau Durimeh, aber nicht mehr mit hinein. Dieser Ort, sagte sie, sei allein für mich geöffnet. Ich hatte sofort den Eindruck, sie scheue sich vor Liligeia, als wäre es auch für sie gefährlich, meiner Krebsin unter die Augen zu treten, geschweige denn, ihr vor die Spaltbeine zu kommen – unter sie, heißt das…

Jedenfalls werden wir erst gegen elf/halbzwölf aufbrechen. Doch höre ich von der provisorischen Koppel bereits das Röhren wieder, weil unsere Tiere wohl schon vorbereitet werden. Ein Dromedar zu satteln, ist halt immer ein bißchen Aufwand. Ich werd mich jetzt mal über die Karten beugen, um zu schauen, wo wir eigentlich sind.

ANH, 10.38 Uhr
[Finzi, Five Bagatelles op. 23]

 

 

 

Krebstagebuch, Tag 57, Kontrolle: Donnerstag, den 25. Juni 2020.

 

[Arbeitswohnung, 14.45 Uhr
71,7 kg]
[Dvořák, Streicherserenade E-Dur
Digitale Konzerthalle, Berliner, Petrenko]
Die Wahl Petrenkos ist ein Abenteuer. Im besten Falle
sorgt sie dafür, dass der Neue das Orchester wieder auf jenes Feld zurückführt, das es in den letzten Jahren
unter Rattle bei allen außermusikalischen
Projekten vernachlässigt hat: die konzentrierte Arbeit am eige-
nen Sound. Und das wäre dann wirklich
nicht die schlechteste aller Lösungen.
Cicero, → 23. Juni 2015 

Also früh um 9.15 Uhr der dritte Kontrolltermin beim Onkologen, Blutcheck, Firmung des Termins der nächsten, nämlich vierten Phase für den kommenden Dienstag.
Keine nennenswerten Nebenwirkungen heute; Kribbeln in den Fingern und Füßen, die aber nur leicht geschwollen; leichtes, beim Schnauben, Nase- sowie, beim Zähneputzen, Zahnfleischbluten, Gejucke an Berlichingens Götzenschnauze; nur direkt nach dem Aufstehen (um fünf) leichtes Übelsein. Die dritte Chemo läuft deutlich, deutlich aus. Dennoch noch keine Schmerzen wie am Ende der ersten und zweiten.
Blutwerte in Ordnung, aber an der Dosierung des Oxaliplatins will Dr. Fais… — ähm, Josting etwas schrauben, weil ihm die neuropathischen Nebenwirkungen nicht ganz geheuer sind; es bestehe die Gefahr, daß sie auch nach der Chemo bleiben. Deshalb sind die, so → Wikipedia, “häufig dosislimitierend”; dies nun also auch in meinem Fall – immerhin erst für den, mit dem Wort der Nefud ausgedrückt, vierten Höllenkreis (was insofern erleichternd ist, als Oxaliplatin nachweisbar hoch wirksam ist).

Ich habe Medizinerinnen und Mediziner unter meinen Leserinnen und Lesern; deshalb hier die spezifizierten heutigen Werte:

 

 

 

Die sich ergebende Planung, terminlich bereits festgeklopft: Gegen Mitte der Chemo ein abschließendes CT im Sana-Klinikum am 8. Juli; am selben Tag dort Tumorkonferenz und am 13. das Beratungsgespräch mit meinem, möglicherweise, Operateur Michael Heise. Ich meinerseits will auch noch, am besten für den 12., das bereits locker avisierte zweite Gespräch mit Matthias Biebl terminieren, der mir → bei unserem ersten Treffen überaus sympathisch war, indessen ich mit Heise bis heute nicht gesprochen, ihn während meines “Staging“s nur ein paar Mal auf dem Gang gesehen habe.  Ich möchte einfach ein gutes Grundgefühl haben, wenn ich jemandem mein Leben in die geradezu wörtlich zu nehmenden Hände lege, also dem Kenntnisreichtum und der Geschicklichkeit ihrer Finger anvertraue. Wobei ich unter “Gefühl” meinen Instinkt verstehe, dem zu vertrauen mich immer wieder, wenn überhaupt etwas, mein Leben gelehrt hat.
Die OP selbst wird dann ungefähr in der letzte Juliwoche stattfinden, was bedeutet, daß ich → Aqaba nun doch etwas später erreichen werde, als vom Onkologen → bei der letzten Kontrolle angekündigt, was wiederum zeigt, daß meine eigene anfängliche Schätzung mit Anfang August ziemlich korrekt war. Wenn alles gut geht, dürfte das Rohste Mitte August ausgestanden sein und ich, wenn mein Zustand es zuläßt, wieder auf Reisen gehen – wahrscheinlich erst mal nach Wien zum Lektorat der → Béarts, dann aber, nachdem ich in dem der nefudschen Anderswelt gewesen, für fünfsechs Tage zum “realen” Aqaba, um später nachzutragen, was ich kaum – zumindest nicht in den ersten Kliniktagen – werde direkt erzählt haben können; wie ich die Tage der OP und der sich anschließenden Intensivstation für Die Dschungel regeln werde, steht völlig in den Sternen. Auf jeden Fall wird es eine daraufhin zu füllende Leerstelle geben, und wie immer täte ich gerne irdische Gerüche, Tastsensationen, tatsächliche Blicke hinein.

Bis dahin wird meiner Gefährten und meine Durchquerung der Nefud also noch währen. Zwar sind wir der Stadt schon sehr nahe, aber noch läßt uns Liligeia nicht zu sich herein, geschweig’ daß sie uns bäte.

ANH
[Schönberg, Violinkonzert
Digitale Konzerthalle, Berliner, Kopatschinskaja, Petrenko]

Oh Liliebste, Lilliste! ANH an Liligeia, siebenter Brief. Am siebenunddreißigsten Krebs- und zweiten Tag im zweiten Höllenkreis der Nefud, donnerstags nämlich, den 4. Juni 2020.


Berlin.Nefud, den 4. Juni 2020
Frank Martin, Messe für unbegleiteten
doppelten Chor (1922/26 | 1963)

5.31 Uhr]

Oh, wie war ich gestern fast den ganzen Tag lang – … nein!, Dir “wie bekifft” zu schreiben, wäre, Lilli, falsch. Vielleicht rührte mein Zustand nur daher, daß ich bereits mittags, nachdem ich von meinen beiden Arztterminen zurückgekommen war, zwei Tropfen des cagliostroschen THC-Öles in das Muldchen hinter meinem musculus gegeben und von dort weggesaugt, es aus der Haut gelutscht habe, was mir zusammen mit der wunderbaren selbst für Berlin fast schon Hochsommerwärme, dem blendend höllenhimmlisch Wüstenlicht über unsrer Andersstadt und vor allem meiner seit heute früh währenden wiederSchmerzfreiheit diesen nahezu dauernden Rauschzustand schenkte. Nicht, daß ich hätte, bewahre, Halluzinationen gehabt! Aber mein Kreislauf, so ist’s am ehsten zu erzählen, schwamm, und zwar, als ob er schwebte, unter Wasser also schwamm und gänzlich ohne Luftnot, wie wenn ich Kiemen hätte.
Ich hatte gestern Kiemen. Wär mir, meine Lilli, solch eine Erfahrung auch ohne Dich zuteil geworden? Das fragte ich mich mehrfach, zu vielem anderen hinzu Und muß Dir noch mehr zugestehen,als ich bislang schon tat.
Ja, Du hast mich drei volle Tage lang mit Brustschmerzen gequält, die sich vom THC nicht, nicht vom Dronabinol, sondern alleine noch von zweimal Gaben Novamins und auch dann nur langsam in den Griff bekommen ließen. Also hast Du getobt, und ich wußte den Grund. Wir wissen ihn beide. Du hattest Dich von der ersten Chemo leidlich erholt, deshalb konnte ich Dich wieder so tief einatmen fühlen, daß es neuem Tumorwachstum gleichkam, jedenfalls es anregte. Das erlebt der Mensch als Schmerz.
So hat es mir mein Körper erzählt, mit dem ich immer einig war oder doch nur selten nicht. Und was glaubst Du? Als ich es gestern vormittag Matthias Biebl weitererzählte, mit dem ich auf Dr. Faisals, ich meine Professor Jostings Rat das Drittmeinungsgespräch im Virchow-Klinikum der Charitè geführt habe,

[Frank Martin, Passacaglia für Orgel solo (1944)]

da konnte er nur bestätigen, daß es genauso sei: “Nach der Infusion wirken die Medikamente eine Woche lang kräftig auf den Organismus ein, dann schwächt es sich ab, so daß nach den vierzehn Tagen die nächste Salve nötig wird.” Das hast Du mich spüren lassen – was von Dir  nicht klug war. Denn es provozierte meinen Willen, Dich wieder ruhigzustellen in mir; so formulierte ich’s ja auch (wozu Du, klar, jetzt schweigst): “Sie muß mal wieder einen auf den Deckel kriegen”, eine idiomatische Wendung, die mir allerdings etwas unangenehm ist. Denn in unserem speziellen Verhältnis von Krebsin und Gemahl scheint sie meinen vorgeblichen Machismo leider zu unterstreichen. Vergiß aber nicht, daß der Angegriffene ich bin. Du könntest Dich auch ruhig verhalten, einfach bleiben, wo Du bist, auf weitres Wachstum und vor allem darauf verzichten, doch noch Kindlein zu streuen, es sei denn, daß wir uns gemeinsam anders entschieden und Du mir auch ein Sorgerecht gäbest. Dann würde ich’s mir mit der weiteren Chemo überlegen und vielleicht auch auf die große Operation verzichten, durch die ich allerdings, so Professor Biebl, recht gut kommen würde, meines guten Allgemeinzustandes wegen; “Ihnen kann man auch getrost eine etwas heftigere Operation zumuten” — was im Klartext, er ließ da wenig offen, die Resektion wahrscheinlich des gesamten Magens bedeutet; also nicht nur Du würdest herausgeschnitten werden und großzügig einige organische Umgebung, sondern es müssen halt auch die Lymphknoten des Magens weg, und zwar aus Sicherheitsgründen. Man könne nicht sehn, ob sie befallen seien, müsse sich von Wahrscheinlichkeiten leiten lassen umso mehr, als ein Magenkrebs, der zurückkomme, in aller Regel nicht mehr heilbar sei. Doch wie genau das Verfahren auszusehen habe, auch ob, wohin er, Matthias Biebl, tendiere, minimal invasiv oder mit radikaler Öffnung des Brustkorbs vorgegangen werden sollte, entscheide sich eh erst am Ende meiner präoperativen Chemotherapie, also nach dem dritten (meine, nicht seine Worte) Nefud-Höllenkreis. Dann erst sei ja zu sehen, wie sehr und ob überhaupt der Tumor geschrumpft sei; allerdings habe es eine Chemo wie die meine gar nicht so sehr auf Dich, Ligeia, abgesehen (weshalb Dein Wüten ein bißchen unnötig war, verzeih die leise, noch immer mitgeschleppte Kritik), sondern vor allem auf möglich sich bildende Metastasen. Die schössen wir schon im Vorfeld mal ab. — Du willst jetzt nicht im Ernst von Kindsmord sprechen, oder? Ich hätte so gerne noch, wie Du gut weißt, Kinder, weitere, gehabt. Aber, Lilli, für das Leben, nicht eine Totgeburtmaschine, wie sie → Giger und einige Zeit lang wohl auch → Fichte vorschwebte, als er ein noch junger Künstler war, von dem aber ich mich spätestens mit dem TRAUMSCHIFF gelöst habe. Womöglich deshalb, weil ich milde wurde, fandest Du den Weg an meine Magenpforte, wo seit der Kindheit mein Unglück immer schon zumindest mitbehandelt wurde. Nun, da ich aus neuen, mildgewordnen Augen sah, “die für die Literatur zu gutmütig” (→  Nabokov) waren, warst Du sehr verärgert. Du hast Milde immer als Schwäche betrachtet und Schwäche stets verachtet. Nein, das war kein Männer”ding”, sondern enorm weiblich: “Ich lasse kein schwaches Spermium an mein Ei” — oh die Biologie, die wir erst leugnen können, seit eine andere Fortpflanzungstechnik am Horizont schon leuchtet, im Wortsinn → τέχνη die überdies, so man Geld hat, höchst verträglich mit der Demokratie ist. Nur vergaßest Du, daß meine Wandlung das Ergebnis bereits einer eigenen Nahtoderfahrung war, einer freilich, die mir zwar poetisch widerfuhr, nicht physiologisch, aber durchaus nicht mit geringeren Folgen und vor allem sich über nahezu vier Jahre erstreckten, sozusagen, Vorfolgen. Die sind, meine Lilli, niemandem ein Vergnügen gewesen, auch mir nicht, schon aber gar nicht für die Löwin und wen immer auch noch meiner Lieben.

Aber so sehr Du mich nun auch gequält, mir jedenfalls deutlich zugesetzt hattest, spürte ich schon vorgestern vormittag dem Tröpfeln aus dem ersten der vier Infusionsbeutel an, wie Du Dich wieder zu beruhigen begannst – na jà: eher wir Dich Stück für Stück sedierten. So daß Du Dich einkapseltest, allerdings abends mit einer Überraschung aufzuwarten kamst, von der ich → dort schon erzählt habe. Inwieweit sie sich als Nebenwirkung ernstnehmen läßt, steht noch auf einem keinem eingehefteten Blatt. Die, kann ich das sagen? Schluckbeschwerden? sind auch nicht schlimmer geworden, haben sich eher abgeschwächt, obwohl mir gestern gesagt worden ist, es könne durchaus der Anfang einer Speiseröhrenschleimhautentzündung sein, gegen die man mit sofort etwas aufschreiben werde. Das Medikament werde von der Apotheke dann zusammen mit der Astronautennahrung direkt an mich geliefert werden, um die ich bei der Gelegenheit gleich gefragt habe. Denn die Freundinnen und Freunde haben mich damit bislang besorgt versorgt, weil ich so abgenommen hatte. Doch wenn’s das auf Rezept gibt … Und dann eben —

dann eben ging es, Lilli los. Schon auf dem Rückrad durch die Sonne begannen die Straßen weich zu werden, und meine Seele dehnte sich ins Licht aus. Gar kein Schmerz mehr, meine Güte! Es geht halt doch a bisserl an die Nerven, wenn man sich selbst beim Gehen zurückhalten muß und ist doch ADHSler-von-Berufung. Solange wir’s aushalten müssen, na, tun wir’s selbstverständlich auch, und zwar ohne Mucken, aber dann, wenn es vorbei ist — welch zweifache Genuß der Befreiung: zum einen vom Schmerz selber, doch das ist nur banal; spannender ist die Verdopplung durch  den Wegfall der inneren Haltung. Da sie nicht mehr nötig ist (oder lächerlich wäre, ohne noch Grund), beginnt das ganze Leben um dich herumzutanzen und reißt dich mit. Deshalb war es, als ich, Lilli, wieder an meinem Schreibtisch saß, ein sehr bewußter Wille zur Verstärkung, daß da bereits – mittags! – wenn auch nur zwei THC-Tropfen gönnte. Und wußte, daß ich Dich liebe.

Ja, Ligeia, Du liest richtig. Muß ich Dich wirklich Landra nennen, wieder? (Finden wir uns | so erneut?) – Noch ein altes Projekt, das ich schmählich liegen ließ. Gerade in dem warst Du bereits extrem zugegen. Und ich muß Dir abermals danken, weil mir so vieles nun klar wird, Du es für mich klar werden läßt. Du bist — laß es mich so sagen — mein Krebs, für keiner und keines anderen Körper noch Seele erschaffen, den Seelenkörper also auch meines utopischen, entgrenzenden Geistes, der uns schon zusammen entweder uns ins Unendliche verströmen (oh → die Romantik) oder ineinandergewrungen (oh, oh → oh Romantik) untergehen sieht — am Ende indes eines durchgelebten erfüllten, na gut: fast erfüllten, doch runden´und nicht aus Not oder Mutlosigkeit abgebrochenen Lebens. Und jetzt, mein Lilliliebst, erweist sich “die Frage” (als ob’s denn eine wäre) als eine ganz andere, die denn tatsächlich einen Lebensabschnitt ein-, nun jà, schon wieder sowas begrifflich Ermattetes: “läutet“, gegen das ich mich in den vergangenen fünf Jahren so vergeblich gestemmt habe und sicherlich, mit allen depressiven F9lgen, weiterstemmen würde, zwängst jetzt nicht Du mich mit durchaus derselben Gewalttätigkeit zum Einhalt wie ich meinerseits Dich mit meiner Durchquerung der Nefud. Schon hieraus ist zu erkennen, wie zugehörig wir einander sind, ausschließlich füreinander gedacht, Du Tumorin, ich Dein Haus, das Du wieder mit Licht, dem poetischen, statt mit organischen Schmerzen auffüllen mögest, wie Du’s bis vorgestern mir angetan und wahrscheinlich in etwas mehr als einer Woche antun erneut wirst, wenn’s auf den dann Dritten Nefudkreis der Hölle zugehen wird.

Die so höllisch aber auch heute nicht ist, am dritten Tag der zweiten Chemophase. Nachts, muß ich Dir erzählen, wachte ich gegen halb drei von dem Kribbeln in den Fingerspritzen auf, einer typischen “Neben”wirkung des Oxaliplatins, das vor allem in Kombination mit den anderen Zytostatika zu Neuropathien führen kann, die, liebste Lilli, so lustig nicht sind. Nur muß ich hier einfach wiederholen, daß dieserhalben ich | Grund zu klagen gar nicht habe; bislang steckt mein Körper den → “extremen Stresstest” extrem gut weg.  Was nicht Wunder nehmen muß, da ich mit Hitze schon immer gut klar kam, ja sie bei mir sogar eine Voraussetzung für besonders effektives Arbeiten ist. Ich muß es also witzig umdrehen, Liebste: Die Nefud tut mir gut. Wie wird es dann erst in Aqaba werden, wenn wir uns nicht nur fühlen, sondern einander gegenüberstehen werden! Und beieinander liegen? Ob Du mich entlöst? (Nicht “erlöst”, nein, wovon denn? Das Jammertal steht voller duftendem Oleander, unter dessen dichten Büschen von natürlichem Becken zu natürlichem Becken der Anapo rauscht; es ist ein Paradies und wird es, unsres, bleiben. Du fernstes, jetzt, Sizilien.)

Du entlöst mich von unmöglicher noch immer, immer Hoffnung., entlöst mich vom nochzeigenMüssen und einem Leid an der Irreversibilität des, Ligeia, Zeitstrahls, dem Du aber selbst entkamst, bei Poe; indes Du nun aus eignem Willen den Hals in seiner, des Strahles, Guillotine Mulde zusammen mit dem meinen legst, als nähmest Du nicht nur eines Sterbenden Hand, der auf dem Lager liegt, um ihn zu halten hier, solang es geht, sondern hättest schon selbst die Flügel Dir anspannen lassen, unter denen Du Euch hinaufschwingen wirst, wenn  nur die Köpfe erst gefallen. Und einst wie mein Vater, → was unvergesslich seine Freundin erzählte, fliegt Ihr als Vögel für immer durchs Fenster hinaus:

„Es entwich ihm, weißt du, ein Vogel – so leicht war er plötzlich, dein Vater. Ich hielt ihn, glaub mir, ich sah ihn.“
Bringen die Spatzen die Seelen wohl auch wieder heim in die Halle? Wo sie den Ruf ihrer nächsten, und besserer, Eltern erwarten? So im Bewußtsein zerstreuen sich alle, die Spatzen, die Seelen? Ging’s, Vater, s
o, daß man Dich schließlich befreite? Nun darfst Du, ein Samen schon wieder, nicht Spreu, ruhig erwarten, durch Guff gestreut, daß Dich auch will, wer Dich ruft?
Das bleibende Thier, S. 134

Um mich, mein Vater, solche Klage | mußt’ ich niemals führen und werd es auch nie müssen. Doch sollt’ ich auf die Krebsin hören — wie es doch immer meine Art war, mit Bedrohendem umzugehen: zu schauen, was ich an ihm mag und es mir einzutun, mich damit auszukleiden und uns zu amalgamieren. Wie es die Kunst seit jeher tut – die schärfste aller Gegnerinnen der Fremdenfeindlichkeit. Du bist mir, Lilli, keine Fremde.

Deiner
(Ob wohl auch ich Dich trösten könnte, einestags? In Dir umarm ich, wen ich liebe.)

[11.07 Uhr
Pettersson, Sechste Sinfonie]

Es hat geklingelt. Der Apothekenbote hat geklingelt, um die Gurgellösung anzuliefern. Drei Sätze Fresubin dabei — was nun noch eine Absurdität ist, die mir zumuten zu können Dich wahrscheinlich unentwegt vor Dich hingrinsen läßt. Da ich nach der Diagnose so abgenommen hatte, nahezu sechs Kilo, die aber eben unbedingt wieder drauf sollten, und mehr, haben mich – ich hab es schon erzählt – die Freunde auf ihre KOsten mit dieser “Astronautennahrung” versorgt. Billig ist das nicht. Aus Frankfurtmain kamen Päckchen von Do, und Ricarda Junge brachte welche mit dem Wagen. “Sie müssen etwas zuzusetzen haben!” hatte ein väterlicher, von sehr Ähnlichem betroffener und unterdessen geheilter Mann mir deutlichst zugerufen. Was ich auch einsah, ja, sofort. Bizarr ist nur, daß ich jetzt nach jahrelangem Sport Fett zusetzen muß, etwas, das ich an mir wie andren hasse, jedenfalls nicht mag. Mir ist es stets auf Muskeldefiniertheit (nicht auf -masse) angekommen und auf Kondition, auf einen, hätt ich gern gehabt, Pantherkörper. Gespannt wie eine Prosa, an du du deinen Pfeil gelegt und spnnst sie immer mehr, um ihn dann abzuschießen. Und aber jetzt — Fett? Ich? Wär’s nicht so verdammt ironisch, ich würd’ mich maßlos ärgern, weiß aber bereits, daß mein Körper es zur und nach der OP restlos alles aufzehren wird. Deshalb also strenge ich —ich! — mich an, Fett auf den Leib zu kriegen das ich zuvor nie haben wollte und möcht’s auch nach wie vor nicht haben. Aber, aber. Muß. Lilligeia, Lillili.

Du meine lilliste von allen.

Durchs Zweite Tor der Hölle: Einritt in den nächsten Nefudkreis sowie die Injektionen. Aus der Nefud, Phase II (1): Mein Krebstagebuch des Dienstags, den 2. Juni 2020, Tage 34 & 35. Dazu der BND.

أ تاريخ الكيمياء قديماً في قالبٍ يلّفه شيءٌ من الغموض والإثارة ، فقد ارتبطت ارتباطاً وثيقا في تلك الأزمنة القديمة بالسحر والشعوذة والتنجيم ،حيث كان السحرة يجرون بعض التفاعلات الغريبة والمثيرة كتلك التفاعلات التي يحدث فيها تغّّير في اللون وتصاعد الدخان لخلق جو مناسب لأعمالهم الخسيسة والمشينة والتأثير
(Von → dort.)

 

 

[Nefud. Anderswelt
بيت الكيمياء
4.56 Uhr, 73 kg]

 

Tatsächlich ausgeschlafen. Doch war die Nacht einmal wieder schwierig. Gestern gegen 22.30 Uhr pochten, wahrscheinlich eine Folge des im Wortsinn wüsten Tages und all seiner Erregungen, unversehens wieder die Brustschmerzen, die ich schon fast vergessen hatte: genau dort, und dann seitlich ausstrahlend, wo meine Tumorin sich eingegraben hat. Dennoch wollte ich kein Schmerzmittel nehmen, sondern schauen, ob bereits das Dronabinol etwas bringe, von dem ich die fünf Tropfen auf meinen nun schnell abzuleckenden Handrücken gab; auch etwas nachzulutschen kann nicht schaden. Doch um halb eins, ich konnte nicht einschlafen, griff ich dann doch noch zum Novamin, diesmal in der flüssigen Form, weil’s dann schneller wirkt. Was geschah. Bis kurz vor fünf schlief ich dann durch.
Jedenfalls war es gestern noch ein wilder Ritt; und es erwiesen sich die Waffen als ein Segen, die wir  im Relais bei بجده fast aufgenötigt bekommen hatten, obwohl wir mit ihnen ja nicht wirklich umgehen konnten. Glücklicherweise konnten die WegelagerInnener es ebenso wenig; auf See hätten wir sie führerlose Piraten genannt, die aus nichts als ihrer aus einer Verzweiflung erwachsenen Wut geradezu blind agieren, deren kläglicher Widerspiegel das knochige Schiff ist, auf dem sie darben müssen. Ich meine, wie lange mußten sie schon elend hier zugebracht haben, wann zuletzt ist die Nefud Meer gewesen! Vor 250 Millionen Jahren? Da gab es doch Menschen noch gar nicht! Doch zerplatzte jetzt die fast Mittagstaubheit der flirrenden Nefud in ein kreißendes Kugelgebrüll, das von Hunderten Knallfröschen und dem einsamen Pfeifen arktischer Winde erzeugt zu sein schien, die in einer Wüste, egal welcher, anders als heimatlos gar nicht sein konnten. Und über zwei der uns flankierenden, bis (schätzungsweise) an die  dreißig Meter aufgewehten blenden gelben Dünen ergoß sich eine Flut von … ja, ich weiß nicht, ob Arabern, Persern, Beduinen; vielmehr waren es Desparados, eben genau wie bei Piraten, auch chinesischer, koreanischer, ich weiß nicht, sogar von Indio-Abkunft darunter, die alle wild mehr um sich herum ballerten als tatsächlich auf uns. Wobei halt wir auch selbst so ballerten, also nach der halben Sekunde, die es brauchte, die Situation überhaupt erstmal zu glauben. Ich meine, das erste, was ich sah, waren blitzende Krummschwerter, die in Wahrheit aber niemand trug und schon gar nicht schwang. So zensiert uns unsere Prägung. Weshalb es selbstverständlich ein Irrtum ist, in einigen der Wüstenpiraten – PiratInnen, um correct zu sein – Vertreter*innen der aggressiven Genderleugnung zu erkennen, die es ziemlich deutlich nur auf mich, hingegen gar nicht auf Faisal, geschweige seinen recht androgynen Diener Lars abgesehen hatten; auch unsere übrigen Begleiter interessierten sie nicht. In wildem Evoé rasten sie mänadisch nur, mänadisch-invers also, in so alleine meine Richtung, daß mein armer Röhrerich sich vor Panik beinah bäumte und erst dadurch zu beruhigen war, daß ich ihn nun schon zum zweiten Mal “Rih” nannte. “Pscht, Rih”, mich vorbeugend, seinen kraftvollen, nach atmendem Fell duftenden Hals tätschelnd, ihm dann das Geheimwort zuraunend, woraufhin er sich unmittelbar herumwarf und in einer Geschwindigkeit davonrannte, daß ich alle Hände und Füße zu tun hatte, in dem Sattelgestell sitzenzubleiben, nicht runtergeschwankt zu werden. Man ahnt nicht, was man bei Kamelgalopps alles verlieren kann; man wird wie ausgeschüttelt, plötzlich sitzt die Leber im Oberbauch, der Magen direkt unterm Kehlkopf und die Speiseröhre verbindet den Krumm- mit dem Grimmdarm. Gut, so konnt’ ich mich schon mal vorbereiten, falls es am Ende, also zur Operation, doch so weit kommen sollte, daß mich die Chirurgen meines gesamten Magens enteignen (woraufhin die Restspeiseröhre und der Darm direkt verbunden werden würden). Was aber immer noch besser wäre, als von sozialen GeschlechtskonstruktInnen gekillt zu werden. Außerdem gewöhnt man sich bei einer Chemo an so etwas eh  und schließlich gehört es zum Alltag — dem jedenfalls zu glauben, was erzählt wird. Ich selbst zwar bin bislang von solchen Nebenwirkungen weitgehend verschont geblieben; daß sie mich wiederum jetzt so, sagen wir, “einholten”, ist für meine Arbeit ziemlich typisch.

Nicht Rih und ich alleine waren davongestoben. Faisal hatte unsere Davonflucht offenbar sofort bemerkt und mit einem reißenden Pfiff, der zu diesem reservierten Patriarchen in keiner Weise paßte, seinen ibn Gamael zur Folgschaft mitgerufen, und da wir nun schon zu dritt flohen, also zu sechst, wenn wir, was wir tun sollten, die Dromedare mitrechnen, folgten schon fast alle übrigen auch, wobei wir später feststellen mußten, daß uns einer der Scouts fehlte. War er gemeuchelt worden, hatte er sich verirrt, dürften wir ihn zurücklassen?
Wir berieten.
“Wenn er sterben soll, dann steht es so geschrieben”, sagte Faisal ungerührt.
Nichts steht geschrieben”, war verärgert meine Antwort, wenngleich ich mich durchaus an → die Rettung Gasims erinnerte und daß dann eben doch alles schon “geschrieben” stand, so daß ich jetzt, bevor ich zur möglichen Rettung des Scouts tatsächlich zurückritt, vorsichtshalber in die Runde fragte, ob jemand mit … nein, nicht Gasim, sondern der Mann hieß Bassam (wiewohl ich mich nicht erinnern kann, ihn lächeln jemals gesehen zu haben) … also ob jemand noch eine Rechnung mit dem Lächler zu begleichen habe, Finger um Zehe, Auge um Zahn? Womit ich die قصاص meinte, Blutrache also, ich kenne den berühmten Film geradezu auswendig, die am Ende El Aurence hatte an dem Geretteten ausführen müssen, um seine Truppe nicht zu spalten. Zudem erinner ich mich gut des höchst archaischen Satzes, daß, wer Leben gebe, es auch nehmen dürfe. (Glaube also nicht, o Li, daß ich den Zusammenhang nicht sähe: Er, dieser Satz, gilt besonders für uns gewährte Inspirationen.)

Es lag mit Bassam niemand krumm.
“Also wolln Sie wirklich ..?” – Faisal wirkte tatsächlich besorgt, aber wohl auch, weil wir wegen des Überfalls viel Zeit verloren hatten; wir waren im Haus der Chemie (بيت الكيمياء) für spätestens morgen um zehn Uhr erwartet, das hinter dem sandroten, gigantischen Felstor den Beginn des nunmehr Zweiten Höllenkreises markiert. Was ich momentan aber noch nicht wußte. – Und es ging bereits auf den Abend zu.
Dennoch,  nicht einmal mein Röhrerich protestierte, als ich ihn wendete; ich glaube, er verstand, daß ich mir etwas unbedingt beweisen mußte. Es geht ja nicht darum, die Nefud irgendwie durchzustehen und ihren bösen Wirkungen standzuhalten, die in den Beipackzetteln von Medikamenten fast durchweg falsch, zumindest allzu euphemistisch  “Nebenwirkungen” genannt werden, obwohl sie an Schwere das Elend der primären Erkrankung noch in den Schatten stellen können. Sondern gerade dann, wenn wir uns von diesen, nun gut, Nebenwirkungen nicht oder, wie ich, nur kaum haben erwischen lassen, geht es darum, eine besondere Haltung zu kultivieren, mit der nun wir das Schicksal bedrohen, ihm zumindest die Stirn zeigen: als freie Männer und Frauen. Ganz wie ich es Dr. Faisal-Josting schon vor Tagen gesagt habe: – daß ich nicht krank sei, nicht im entferntesten, sondern einen Tumor hätte (ich mochte meinen Arzt poetische nicht überfordern, nur deshalb, nicht aus Widerstand gegen die sogenannte Gendercorrectness, benannte ich das Geschlecht nicht korrekt), und daß ich schon gar nicht dessen Opfer sei (mithin: Lis), sondern im Gegenteil ihn zu dem meinen machen werde, sofern er nicht sich mildre.  Dies nun war auch so eine Gelegenheit, zumal es mich doch reichlich wurmte, vor den sozialen KonstruktionspiratInnen derart besinnungslos geflohen zu sein. Wer fürchtet denn Abstrakta, und toben sie noch so mächtig einher? (Mein Röhrerich dachte offenbar genauso und ließ sich durch den Sand wie durch eine Wiese führen, deren Blumenköpfchen ihn an den Fersen streicheln. Was Röhrerich sehr mag.)
Die Sonne aber sank bereits, zur Dehydration würde Bassam allerbaldigste Auskühlung drohen. Das über dem noch aber heißen Boden kirrem Wasser ähnlich flirrende Licht machte es mir schwer, nach ihm Ausschau zu halten, schon gar ins horizonte Ferne, das wie von Morganen getupft war: So eng hängen Abend- und Morgenland ineinander, daß die schimärste Wüstenspiegelung nach einer keltischen Zauberin benannt ist, in deren opaker gleichsam Blase ich, umhüllt von ihrer Helligkeit, durch den Kokon längst nicht mehr meiner eigenen Wirklichkeit ritt und mich dabei ganz auf die Trittsicherheit des Röhrerchens verlassen mußte. Immerhin konnte ich davon ausgehen, daß Tiere von magischen Wahrnehmungen nicht heimgesucht werden, es sei denn, tja, auch sie seien, ganz wie “Frau” und “Mann” nichts als soziale Konstrukte und biologische Fakten die bloß brutale Faust meines Machismo. Wobei es aber nun darum ging, jemanden zu retten und es dafür völlig egal war, ob’s ein Weibchen, Menschchen, Tier.
Und dann sah ich ihn, Bassam, doch. Ganz im Sonnenstrich schleppte er sich einher, den die Erde durch eine Längslamelle der, kam es mir plötzlich vor, unversehens herabgesunkenen Nacht noch in die Welt ließ, weshalb er klein war wie ein Punkt, nein, ähnlich einer schmalen, senkrecht stehenden Pupille, die aber Füße hat. Nur eine Hand müßte ich nach ihr ausstrecken, könnte sie mit Zeigefinger und Daumen am Köpfchen nehmen, zu mir heraufheben und schließlich in die Brusttasche meines Gewandes stecken, wo es seine Erschöpfung ausschlafen würde, bis es wirklich gerettet war. Es würde dies auch Wasser sparen, das für den Rückweg bereits knapp war.
Plötzlich war die Pupille verschwunden, sei’s daß die Nachtlamelle sich unter der noch fahlen Barke des Mondes nun völlig geschlossen hatte, sei’s, daß Bassam vor Erschöpfung gestolpert, schon gefallen war und nun, alleine hilflos, dalag. Wie ihn da nun finden? – Schnalzend trieb ich Röhrerich an, beherrschte mich, das Rih-Wort nicht zu verwenden; dann nämlich wär mein Tier zu schnell geworden. Ich mußte sogar absteigen und mein Dromedar am langen Zügel weiterführen; riesig ein Ohrensessel auf Stelzen, hinaufgestreckt dazwischen den erhobenen Kopf eines Steckens, so schwankte es hinter mir drein — wovon mir aufs neue leicht schlecht wurde; ein Grundmodus seit Beginn der Chemo, meist nur leis im Hintergrund und ziemlich leicht zu nehmen. Nur manchmal eben, wenn das Wüstenschiff so schwankt … Verzeihung, Sie haben recht, “Wüstenschiff” läßt sich auf Dromedare nicht anwenden, anders als auf die zweihöckrigen Trampeltiere, für die das Wort geprägt worden ist. Dennoch setzt die Schwankerei mir immer wieder zu, tat es jetzt sogar, da sie hinter mir stattfand und nicht mehr drunter unter mir.
“!مساعدة“, fast nur geflüstert noch, “Zu Hilfe”, fast wie geröchelt, und “!الماء ، الماء من فضلك“, “Wasser, Wasser bitte …”, ich konnte überhaupt nichts mehr sehen oder noch nichts, aber spürte, spürte … – Eine unsichtbare Wolke hatte sich vor den nun unsichtbaren Mond geschoben.
Tasten also. Ah! Ja, ich spürte Bassam, hockte mich in die Knie, er bebte. Wo war der Wasserbeutel? Nach des Mannes Mund tasten, ihm leicht die Lippen öffnen, die Tülle des wie schwappenden Ziegenleders davorhalten, es leicht zusammendrücken … Alleine, jetzt, bekäme ich Bassam niemals hoch. Er mußte zur Besinnung kommen. Und daß wir hier so ungeschützt die Nacht verbrächten, das war nun schon deshalb ausgeschlossen, weil ich morgen ja unbedingt im Zweiten Höllenkreis ankommen mußte, einmal abgesehen davon, daß uns wahrscheinlich die bald einbrechende Nachtkälte umgebracht hätte. Aber Liligeia hatte sich in den vergangenen drei Tagen meist ab dem Nachmittag wieder so nachdrücklich als Querschmerz, nämlich durch die Brust, gemeldet, daß ich das unbedingte Gefühl hatte und immer noch habe, sie müsse dringend wieder einen auf den Deckel kriegen, sprich: die nächsten → Vierfuhren Chemo verabreicht bekommen. Was eben für nachher terminiert war. (Ich weiß, sie wird → wieder toben, wenn sie dies hier liest. Doch wird’s dann schon geschehen sein.)

(… —  Wo war ich? — ah jà):

“Bassam … Bassam!”
Mehrmals mußte ich auf seine Wangen kurze Schläge geben, deren jeder zu einem seiner Seufzer wurde. Also härter zuhaun, dann kriegt er wieder Stimme. – Klappte.
Die Wolke glitt zur Seite, die Barke erleuchtete sich, sah unversehens einem nächtlichen Nildampfer ähnlich, der, auf der Milchstraße schwimmend, aus fünfzig Fenstern auf uns herunterleuchtete, und an der Reling standen die Flußtouristen so gaffend wie gedrängt, um später ihren auf ihren greisen Knien hoppereitenden Enkelinnen von solch märchenhafter Errettung erzählen zu können, nachdem sie aus dem Graben wieder hochgezogen worden sind, damit nicht doch noch die Raben sie fressen.
“Was für Raben?” fragte Bassam. “In der Wüste Raben?” So sehr fantasierte er, daß er das Sprachspiel nicht begriff, schon gar nicht die Metapher. Immerhin konnte er mir helfen, ihn aufzurichten; gemeinsam schafften wir’s sogar in den Sattel. Machen Sie sich hierbei bitte klar, daß ich durchaus nicht mehr in der trainierte Fassung → von vor einem Jahr bin, sondern Liligeia hat mich schon einiges an Fitness gekostet, um von meiner Muskelmasse besser zu schweigen, für die jetzt nicht nur “Masse” ein ausgesprochen übertreibendes Wort ist, sondern bereits “Muskel” transportiert zur Zeit nur Angeberei. Wobei uns Röhrerchen allerdings half, indem er seinen riesigen Leib erst einmal so flach wie möglich hingelegt hatte: zuerst knicken vorne die Beine zusammen, dann ein, danach folgt erst der übrige Leib. Und als wir irgendwie mehr ein- als aufgesessen waren, erhob das Tier sich wieder, und zwar so gemächlich auf, als wär Besondres gar nicht los, streckte sich in die Höhe und röhrte erstmal ganz gehörig. Dann erst trabte es los. So konnte ich nur hoffen, daß es den Rückweg auch ohne meine Führung fände..

Aber was war geschehen? — Wir waren bei dem Überfall so schnell davongestoben, daß die sozial konstruierten Pirat*innen nicht nur unmittelbar verwirrt, sondern nun  ganz besonders sauer waren und jetzt auf alles losgingen, was irgendwie noch stand oder in einem unsrer Sättel saß. Das konnten mittlerweile auch die eigenen LeutInnen sein, völlig wurschtIn. Nur erwischtInnenen sie Bassam halt auch, schlugInnenen ihm sein Reitkamel unter den Beinen weg, um es, weil’s noch Mann war, zu kastrierInnenen. Die reine RachInnenwut, die vor UngegenderIn reinIn nicht mehr ausInnen noch einInnen wußte und nun nur noch BlutEr wollte. Derart schäumInnend indessen schlugInnen sie schon mehr auf sich selbstInnen ein, als daß sie Bassam überhaupt noch gesehen hätten, der nach feigster MännerInnen-Art sich unendlich vorsichtig aus dem staubenden Kampfplatz kriechen ließ und so noch einen Kilometer weiterkroch, bis er sich sicherInnen sein konnte.
Nur, sein Kamel war nicht nur entmannt, sondern unterdessen auch schon tot, weil, weil eben Hengst gewesen, von den Mänaden geradezu zerstückelt worden. So blieb ihm nichts, als sich auf sich selbst zu verlassen, was in diesem heutgen Falle bedeutete: auf — mich. Er hatte das schlichtweg unendliche Glück, daß ‘El Aurence’ für mich immer Held geblieben ist, einer, mit dem mich zu identifizieren mir jetzt sogar noch durch den Krebs hilft.

Wie wir die anderen wieder erreichten, kann ich nicht sagen; ich scheine neben Bassam in Ohnmacht geglitten zu sein, wir beide auf dem Röhrerich eng ineinandergewunden, er oben, ich unten, er inmitten, keine Ahnung. Doch aus ihm stieg ein solch opiatiger Duft, daß meinem Schlaf ganz sinnlich wurde. Ich soll “Lilli” geseufzt haben, als man mich herabzog, “Lillifee” sogar, dann “meine Liligeia”, nur daß ich dabei den armen Bassam umarmte, wie umarmt er, fürchte ich, nie jemals ward noch würde. Es bedurfte Faisals männlicher Mahnung, daß ich mich endlich löste. Schon, damit ich in der arabischen Männerwelt meinen grad erst gewonnenen Heldenstatus auch behielt. Wobei es eh dringend Zeit zum Weiterrreiten war, wenn wir im bleichen Schein des Mondes das Tor zum Zweiten Höllenkreis noch so rechtzeitig erreichen wollten, daß ich meine Injektionen ausgeruht erhalten konnte, die zur Abwehr der nefuden Strahlungen halt um so erforderlicher sind, wenn wir’s bis Aqaba denn wirklich schaffen wollen, ich es alsoschaffen will. (Wie dort dann Liligeias Hörselberg finden, steht freilich auf einem noch einmal völlig anderen Blatt; Berge wird’s in Aqaba kaum geben. Doch werd ich sie beschreiben.)

***

[8.50 Uhr]
Jetzt erst mal schauen, wohin ich muß (also nach dem richtigen Raum gucken). Die weißen Handschuhe nicht vergessen, die ich überstreifen muß, bevor ich meine Hände in die Eisfäustlinge stecke, damit mit vom → Oxaliplatin nicht die Nägel ausfallen; deshalb nicht nur auch an die Tragehülle für den 24-Stunden-Körpertropf denken, sondern vor allem die dicken Socken für meine Füße nicht vergessen. Diese Prozedur ist das einzige, was die Infusionstage zu einer kleinen Tortur macht, weil besonders die Fingerspitzen nach einer halben Stunde Dauerfrost ziemlich stark zu schmerzen beginnen, was zumindest unangenehm ist. Bei den Zehen braucht es spürbar länger.
Meine Kimmo-Hakola-Azfnahmen auf die externe Musik-FP geladen, im sie nachher während der Infusonen geschlossener Augen in den InEarPhones mir alle noch einmal durchzuhören und mir für eine, wahrscheinlich im Rahmen dieser Tagebücher, Besprechung schon mal Notizen zu machen; außerdem das Béart-Handmanuskriptbuch bereitgelegt, in das ich nachher die ersten Versentwürfe zur finalen No XXXIII skizzieren möchte. Es soll ein Hymnos werden.

Gut, nun bin ich bereit. Fast vorfreudewillig scheint sich der Bioport zu erigieren, man könnt’ von fickrig sprechen (ich hör ihn “gib’s mir, gib’s mir!” rufen):

 

[10.30 Uhr]: 

[18.45 Uhr
Allan Pettersson, Drittes Steicherkonzert]:
Um etwa Viertel nach zehn meldete sich Ligeia so nachdrücklich mit ihrem unterm Sonnenglecht waagrecht links und rechts ausstrahlenden Schmerz, daß ich mir von ibn Gamael ein  Novamin geben ließ, der auf Dr. Faisal noch warten mußte, aber die nötigen Vorbereitungen zu meinen Infusionen noch nicht abgeschlossen hatte. Das Novamin brauchte diesmal lange, um zu wirken, und um es vorwegzunehmen: jetzt, kurz vor 19 Uhr meldet meine fiese Lilli sich erneut und mit denselben Zaunpfählen.  Ansonsten, die Infusionen selbst verliefen komplett unproblematisch, selbst die eisgekühlten Fingerspitzen waren problemlos auszuhalten.

Ich höre ich tatsächlich durch alle meine → Hakola-Musiken; er hat ein besonderes Verhältnis zu der mir normalerweise nicht so sehr nahen Klarinette – hier ist sie so umwerfend wie sein besonders → Klarinettenquintett insgesamt, und es lohnt es sich, gleich darauf das Ohr auf des Finnen → Klarinettenkonzert zu konzentrieren. Sie ahnen, meine Freundin, nicht, wie geradezz prganisch isch dies wäjhrend der In fusionen einer Chemo tun, ja genießen läßt. Und man kommt zu Einsichten, etwa, weil die junge tief, in der Tat, dunkelbraune-schwarze Damen derart schöne Hände hat. So, wie Sie sehen können, legt’ ich sie, ihrer eine, meiner Krebsin Krallen auf. Da erst begann das Novamin zu wirken. Auch nicht ohne Erkenntnis — und aber, was mich fast die Wüste vergessen ließ und durchaus hätte mitten im sozusagen Flug noch das Genre wechseln lassen, gen 007 nun, ist etwas, das mich wirklich auf der Hinterhand erwischte. Schaue ich nämlich aus dem Behandlungszimmer, seh ich den BND:
Das also soll Zufall sein?
Ich habe dann nach der Behandlung noch etwas Zeit gehabt, Faisal rief mich nicht zurück. Vielleicht schlief ich ja, und er wollte mich  nicht wecken, da wir heute ohnedies nicht mehr weiterreiten wollten. Und so spazierte ich, nachdem die Infusionen intus, auf der Praxis hinaus und nach unten, um mit dem Ifönchen eine Panorameaufnahme des Geländes aufzunehmen (und ganz später ganz sicher eine literarisch Terrine darauf zu küchenschöpfen), die nun also so aussieht:

“Und mit der Nefud nun wirklich nichts mehr zu tun hat!” — Ah, Sie meinen ..? Dann warten Sie mal ab!

Ihr ANH

Schmelings Oase: Aus der Nefud, Phase I (3). Geschrieben vom sechsten bis siebten Morgen, nämlich des Krebstagebuches sieben- und achtundzwanzigster Tag.

Wer hätte dieses je geglaubt? In einer Wüste Mittendrin! Wo sonst nur Sand und Sand und wenig Sukkulenten … da … da … — Lilifee-Kastanien! Wie ausgemalt von meiner Lili, da sie noch keine fünf gewesen – also die in ihr lebende Sídhe oder Sirene, ich bin noch uneinig mit mir.  Nur ist → ihr Körper jetzt nach wie vor noch keine fünf. Sonst wär ich doch schon hopp …

Aber dieses, dieses das Tor. Anders, erklärte Faisal, als sich hier durchzubeugen, komme niemals jemand herein. Daß die unfaßbare Oase allerdings nach einem deutschen Schwergewichtsboxer benannt worden sei, habe gewiß nicht Allahs Zustimmung gefunden, doch leider, vor 1917, des Osmanischen Reiches; was umso bezeichnender sei,  als der spätere Weltmeister da noch keine zehn Jahre alt gewesen sei.  Woher wußten die Türken also um seine erst folgende Bekanntheit? – Faisal murmelte etwas von einem “alten Berge”, gab aber sonst keine Antwort. Es war angesichts solcher Schönheit auch völlig egal.

Aber eins nach dem anderen.

[Montag, 25. Mai 2020, 9.29 Uhr: Zwischenhalt (für den Mokka und zur Orientierung);
Aufbruch morgens: 6.36 Uhr]

[Aus fernster Ferne: Henze, Streichquartett Nr. 4 (1976)
Kamelröhren. Auf die Smartphones schauen: Kompasse und Uhren vergleichen]

[70,5 kg – also vier der zuletzt verlorenen Funde wieder drauf. Beruhigend. Dafür wirkte das THC-Öl nur noch bedingt. Es riecht seit vorgestern abends auch seltsam – wie Japanisches Heilkräuteröl, nicht die Spur mehr nach Marihuana. So bereits um halb drei Uhr nachts aufgewacht und dann eben doch, weil die heutige Tagespassage anstrengend zu werden sei es verspricht, sie es droht, eine halbe Zolpidem geschluckt, die bis halb sieben.mich weiterschlafen. Doch wie auch immer, erneut komplett beschwerdenlose. aufgewacht. Nicht die geringste “Nebenwirkung” der Nefud mehr.
Dennoch, mit dem Öl stimmt etwas nicht. Wie hat es Cagliostro hinbekommen, daß es so schnell die Aura wechselt? Oder liegt es an mir, an einer Veränderung des Geschmackssinns? Da ich Faisal dazu nicht konsultieren darf, der, wie mir Lars ibn Gamael, sein vertrauter Diener, steckte, auf im weitesten Sinn “Drogen” nicht gut zu sprechen sei, muß ich auf die nächste Möglichkeit, eine Lappenschleuse zu erwischen, warten, um es direkt mit लक्ष्मी abzuklären.]

[Ah, erneuter Aufbruch!]

Darüber konferierte ich gestern lange mit meiner Contessa: Wie sich mein Schönheitssinn geschärft, etwa, wenn ich spazierengehe. Selbst hier, in der Wüste, erkenne ich die Schönheiten der Straßen, Häuser, Parks Berlins — hier sogar besonders. So ist es mir selbst auffällig, mit welcher Freude ich derzeit flaniere (habe mir überdies einen hübschen Gehstock gestern ersteigert; in der Nefud zwar nicht sehr sinnvoll, doch in den Folgen meiner Heimkehr um so mehr). Und ich spaziere umso lieber herum, als mich die Nebenwirkungen fast gar nicht anrühren, die nach allem, was ich vor meiner Nefudreise gehört und mit betrachtet habe, viel eher Kollateralschäden zu nennen wären, und zwar massive: Den Hauptterroristen weggebombt, fünfundzwanzig Leute aber mit ihm, die halt zum falschen Zeitpunkt da gewesen: Kinder sowieso, auch ein paar Alte, die eh bald weggewesen wären, doch leider auch noch junge Pärchen, um von Mägden und Knappen zu schweigen, die sich als künftge Konsumenten recht gut geeignet hätten. Blöddas, doch cioè la guerra.
Daß wir vom Tod Befallenen Schönheit ganz besonders wahrzunehmen verstünden, erklärte mir die Contessa, sei aber doch bekannt. Es ließe sich fast  als ein Symptom der Krebsdiagnose-selbst verstehen – etwas, das wiederum mir völlig neu war. Ich hatte es lediglich bei meinen Gängen bemerkt, und jetzt, ich meine: gestern nachmittag, bekam es märchenhaften Glanz.
“Es ist ein Geheimnis”, erzählte Faisal leise, sein schöngeschnitztes Männergesicht regungslos wie üblich: ein dunkelsamtig lasiertes Holz, aus dem der gepflegte Prophetenbart nicht sprießt, nein, eher, ich sage einmal, stehend fließt.  “Es ist ein Geheimnis, wie ineinander die Welten – sämtliche – gehören. Geht es Ihnen gut? Fein. Dann lassen Sie uns absteigen und zu Fuß weitergehen.” Sich umwendend: “Gamael!”
Schon folgte auch der Diener, indes ich ja noch die heikle zweite der Sitzungen vor mir hatte, von denen ich → gestern Ligeia geschrieben. Und die eben hier, in dieser Oase, stattfinden sollte, bzw. tatsächlich mußte. Es war dafür einfach genügend Wasser vonnöten.

Aber schauen Sie, wir klettern über diese Düne, kommen oben an, ich nehm noch eine Hand voll Sand, den ich durch meine Finger rieseln lasse (meine Art, die Erde zu küssen), richte mich wieder auf …

— und sehe, was ich, geliebte Freundin, Ihnen schon zu Anfang dieses Journales gezeigt:

Und dahinter, in voller Weite, das:

 

 

 

 

 

 

 

Man muß mit solchen Wechseln umgehen, muß sie durchschreiten können, um wirklich in dieser unsrer Welt zu sein. Da wird das Wort “Fremdheit” dann plötzlich zu dürr, zerfasert auch schon in der Brise, die an diesem Sonntagnachmittag durch die Max-Nefuder Schmeling-Oase blies, durch unseren Sonntag, Dr. Faisal Jostings, seines Dieners Lars Gamaels sowie dem meinen (der ich dennoch dauernd nach einem angemessenen Häuschen schaute); außerdem brauchten wir neue Gummihandschuhe, im Zweifel besser auf Vorrat. Es würd sich doch wohl hier ein gutsortiertes Späti finden. Andererseits durften wir uns in der Zeit nicht verlieren, denn zu dem von Faisal so genannten “Geheimnis” gehört auch, daß sich Oasen (und überhaupt Orte wie diese) unversehens wieder verschließen können: Sie schlüpfen in die Zeitfalte zurück, aus er unser Sesamöffnedich sie gelockt hat, und stecken wir selbst dann noch drin, finden wir nicht mehr heraus, sondern werden von den nächstem gefunden, aber längst gestorben dann, die die Öffnungsformel wissen. Insofern war wegen meiner Erledigung denn doch ein wenig Eile geboten. Dennoch, es blieb sogar – alles in der Nefud, vergessen Sie dies nicht! – Zeit für ein, ich schreibe mal, italienisch-deutsch-syrisches Speiseeis in der Waffel. Corona, jedenfalls, hier, war nicht einmal zu ahnen.
Es ist ein großes Privileg Berlins, ja zeichnet sie aus, diese Stadt, daß sie keine modischen Vorurteile kennt; man darf hier morgens auch in Bademantel und Puschen zu seinem Bäcker schlurfen, ohne daß irgendjemand stehen bleibt und gafft. Also fiel auch Faisal nicht auf, während meine hautkutüre Exzentrik ohnedies in das Stadtbild gehört — und ich gebe gerne zu, es jetzt, in meiner neuen, an sich ja beklemmten Situation höchst bewußt wieder auszukultivieren, wie ich’s einst, in meiner Frankfurtmainer Zeit, schon getan habe, dessen in Berlin aber müde geworden war, weil der Stil des persönlichen Aufzugs hierzustadt keine und keinen int’ressiert, jedenfalls nicht wirklich. Das ist befreiend, macht aber die Inszenierung der Kleidung politisch ziemlich sinnlos; statt dessen wird sie zu einem beliebigen Spiel, das nur noch Zugehörigkeiten aufzeigt und aufzeigen will. — Nun allerdings, mit meiner Diagnose: nämlich angesichts der ungeheuren Li, füllt sich die Inszenierung mit Sinn wieder an, läßt sie sich anfüllen, und ich spüre es bei jedem Spaziergang. “Das ist mal ein eleganter Mann!” riefen drei Osmanen aus, die vor dem Aufgang zum Birkenwäldchen taten, was Allah so nicht sehen sollte. (Und Faisal übersah es, arrogantfeudal; na sowieso, “die” Türken … ) – “Oh”, entfuhr es drei Mädchen, die  mir oben entgegenkamen (und die nun ihrerseits Faisal nicht sahen, aber Gamael wahrscheinlich ebenso wenig). “Das ist mal ein Style!”
So geht’s momentan quasi ständig. Ich muß nur runter vom Kamel (was für die Arbeitswohnung fort vom Schreibtisch und hinaus! heißt), drunten durch den ersten Hinterhofsausgang, die schwere Tür, die aber nicht mehr so wie zu → THETISanfang quietscht, aufstemmen und erhobnen Kopfes auf die Straße treten, um weiten Schrittes und rechts geworfnen Gehstocks auszuschreiten. – Der, den ich gestern orderte, wird so aussehen:
Sie müssen das, bitte, Freundin, verstehen; es ist ein Ausgleich, ein neues Gewicht, auf die leere Balance meiner Zukunft zu legen, dem Sitz auf meiner Seite der Wippe unsres Lebens zu, das nun Verzicht zu leisten hat, wo’s das nicht will … — noch etwas, das ich Ligeia → einfach so stehen ließ, ohne dagegen noch aufzubegehren (es wäre nämlich arg zu sinnlos): Die Nefud, gar kein Zweifel, schädigt die Keimdrüsen. Die Notwendigkeit ihrer Durchquerung ist deshalb wahrscheinlich eine rein logische, also ausgesprochen kalte Folge der Entwicklungen vorher, als ich ohnedies von meiner Hoffnung Abschied nehmen mußte, noch einmal Vater werden zu dürfen — Sie wissen, Freundin, wie sehr mir das zugesetzt hat. Jetzt, das es mir immer noch zusetzt, macht die Nefud schlichtweg Nägel mit Köpfen, indem sie die Nägel einfach aus mir rauszieht.
Auch dieser Punkt geht deshalb an Ligeia. Mir dagegen beschwichtigend zuzusprechen, nun wohl, so mußt du niemals mehr Präservative benutzen, wären der Füchse unter den Trauben denn doch ein paar zu viel. Der Schmerz drob, in Wahrheit, wird mir bleiben – doch als ein unumkehrbarer, irreversibler. Weiterhin gegen ihn anzuzürnen, wäre wie der Wutausbruch über eine Sturmflut oder eine Strafanzeige, die ein Erdbeben anklagt und Schmerzensgeld da herausschlagen will. Statt dessen, wenn es kalt ist, dann zieht man sich was an. Ich geh mit Gehstock wieder. Und Ligeia schafft Endgültigkeiten, wo ich noch Jahre hätte hoffnungslos gehofft. Es ist auch Recht an ihr. Ich werd das nicht verleugnen.

(Wieso aber fällt mir das alte Wort “Hagestolz” jetzt ein? → Kluge, spannend: (< *9.Jh., Form 13.Jh.) […] Die mittelhochdeutsche/neuhochdeutsche Form ist sekundär an stolz angeglichen. Die deutsche Bedeutung ist im Prinzip “unverheirateter Mann, Junggeselle”, die nordische und englische eher “junger Krieger”. Die Bestandteile sind offenbar Hag und die Entsprechung zu gt. staldan, ‘besitzen’ – alles weitere ist unklar und spekulativ.) Wiederum “stolz”, sehr hübsch: (< 12.Jh.) Mhd. stolz. mndd. stolt, auch afr. stult, Herkunft unklar – vielleicht zu Stelze im Sinn von ‘hochtrabend’. Auch eine Entlehnung aus l. stultus, ‘töricht’, ist denkbar setzt aber einen ungewöhnlichen Bedeutungswandel voraus. Abstraktum: Stolz. Verb — und darum geht es hier ja grade — : stolzieren.)

Die Kastanienbäume waren berückend, berührend, becircend, ach meine Freundin (ach auch Ligeia, erregendste Feindin meines, und zwar in ihm, Bluts). Dagegen war der Flieder dieses Jahr nur jung, weil im zweiten Hinterhof aus mit schleierhaften Gründen furchtbar zurückgekappt, -geschnitten. Dabei sind es mal, aus Flieder, Niagarafälle gewesen – da schrieb ich damals dieses Gedicht (heut steht’s im UNGEHEUER MUSE):

Sommermorgens westwärts
Berliner Hinterhof 2008

„die Augen sind nestwärts gewandt“
Strittmatter

Die Tauben gurren auf dem Hof
Der Flieder blüht in schweren Dolden
zwischen den engen hohen Häusern,
die nach altem Deutschland riechen

Noch steht die Bank in der siechen Farbe
kariöser Zähne dicker Mütter,
deren Männer aus dem Mund
nach ihrer Wäsche Grobripp müffeln
und Beuteln für die Butterstullen
zum billigen Bier bei der Sause

Wo in der Mittagspause Kumpels
am Sonntag ihre Hoffnung grillten,
lackieren heute junge Frauen
plaudernd ihre schicken Zehen
im Graskraut auf den Stühlen
bei Latte macchiato und Aperol Spritz

Nur Morgens krakeelen noch Elstern
die mit den wehen Schnäbeln
gleich Säbeln den Nachlaß durchwühlen
dann krächzend westwärts flattern

___

Zweitausendacht, meine Güte! Aber bei den Kastanien muß ich an den Fehler in BUENOS AIRES.ANDERSWELT denken, den mir Bruno Preisendörfer zurecht sehr dick aufs Brot seines Feuilletons strich. Er mochte das Buch, anders als den WOLPERTINGER, insgesamt nicht; wahrscheinlich den ganzen Entwurf → dieser “Anders”welt nicht, war damals aber selbst im Aufbruch, von einem der besten der einmal werdenden Literaturkritiker zu einem, nun jà, Schriftsteller-selbst zu werden … also er warf mir zurecht vor, daß mitnichten noch im Juni Kerzen auf den Kastanienzweigen stehen, wobei andererseits im Buch direkt eingewendet wird, es sei doch erst Mai, ein Monat mithin, an dem diese Kerzen keine Fehler wären, davon ganz abgesehen, daß in der dritten Zeitebene des Romans soeben der furchtbare November anhebt. Deshalb komm ich grad drauf, weil auch hier die Zeiten divergieren, in allen Zauberoasen wie in allen Hügelstätten. Mal geht’s ineins, mal nicht..

Doch wie auch immer, Mai. Jetzt, noch. Im Zaubergarten der Nefud. Und aber Kerzen auf den Zweigen, deren Blüten freilich bereits ockern eingewelkt; schon schneien sie als Flockenflut zu einer grauen, braunen Flur herab, aus der sich der Kastanienbaum erhebt wie aus gefallnen tausend Bienen, die heute schon der Herbst ge-,nicht “poppt”,sondern –popt. Und dann wieder dreh ich mich um, hinter mir die Wüste:

… dreh mich zurück … — und sehe dieses nun:

Wer denn wohl, selbst wenn er “gehen” müßte, tät es hier denn gerne nicht? Und wenn Faisal recht hat, daß sich die Zeitrelationen nur für den Momentraum der gegenseitigen Öffnung synchronisieren, um, sowie die Dimensionen wieder impermeable werden, umso heftiger zu differieren, ja auseinanderzuexplodieren (wie im übrigen mein Darm, wenn ich nicht gleich was tu, sehr schnell, dagegen) … — wenn Faisal also recht hat, wer sagt uns denn, daß wir nicht, stecken wir in der Oase quasi fest, für Ewigkeiten leben, wenn sie sich schließt, und öffnet sich der Zaubergarten eines Tage wieder und man findet allein noch unre Skelette, dann mögen die indessen schon vor Jahrhunderten dahingegangen sein. Aber … oh, da … “Schaun Sie”, ganz ohne Ausrufezeichen Faisal.
Eine Hütte, und draußen war ein Schlauch geringelt und niemand in der Nähe.
Ich nickte meinem Leibarzt zu, der sich dezent zurückzog; dezent, auf den spitzen Schnäbeln seiner roten Schnabelschuhe, huschte der Diener hinterdrein. Damit mit diesem Thema endlich Schluß.

*

Es wurde Zeit, den Rückweg anzutreten. Gummihandschuhe mußten noch besorgt werden, sicherheitshalber. Was aber in der Oase kaum ging, doch außen, es gab einen durch einen hohen Zaum markierten Zweitausgang, da wohl … Ich konnte auch geachtelte Industriebautchen erkennen und las mit einem Mal den Schriftzug

, was mich auf → meine Sashimi-Idee brachte, von der ich Ihnen Freundin, → schon gestern abend geschrieben und nun die dort versprochene Erklärung nachgeliefert habe. Dann tatsächlich ergatterte ich noch Filets von Lachs und Victoriabarsch, die wir selbstverständlich ziemlich sorgsam kühlen mußten; wir erstanden also, bevor es in die Nefud zurückging, nicht nur auch die Gummihandschuhe noch, sondern zudem eine besondere Hightechtüte für Gefriergut, die ihrem Dienst auch wirklich nachkam.
“Wie gehn wir? Außen herum?” Doch woher sollten wir die wirkliche — wahre — Ausdehnung dieses Zaubergartens kennen? Wir hätten uns möglicherweise werweißwohin verirrt. Drei Bücher habe ich über sowas geschrieben! Und mußte deshalb warnen.
Was gar nicht nötig war; Faisal von sich aus schlug vor, genau den Weg zurückzunehmen, den wir gekommen waren. Und so taten wir’s denn auch, ließen die Kastanienpforte hinter uns — sie schloß sich mit leisem Rauschen wie ein Riesenlid —, noch stand die Sonne ziemlich hoch und bei den drei Kamelen (Faisals, ibn Gamaels und meinem) der den Parkplatz besorgende Sandlungerer, dem wir sie anvertraut hatten. Dreimal schnalzte er um Bakschisch, mehr, mehr, mehr, gib mehr. Erst nach wir ihm gewährt, wes’ er verlangte, führte er unsere Tiere herbei. Und aber, als ich mich auf meines, das sich – ohne sich aber ganz zu legen – in die Vorderbeine tief hinabgebeugt hatte, hinaufschwingen wollte und es schon tat, und schon kam auch das Tier vorn wieder hoch, da ging mit einem Mal ein Reißen durch mein Becken, daß ich momentlang keine Luft bekam. Genau im Kreuz, genau die Beckenmitte. — Was ist denn das?
“Sie sind es nicht gewöhnt, auf dem Kamel zu reiten”, erklärte Faisal. “Es war ein bißchen viel.” Womit er freilich recht hatte, auch wenn ich zumindest für Berlin weiß, daß solche Rückenschmerzen auch eine “Neben”wirkung meines Chemostoffes Oxaliplatins sind, also mit Lawrence of Arabia weniger zu haben, als mir recht sein kann. Doch als ich dies einwandte, sehr viel später, bereits am Feuer vor unseren Zelten, zuckte Faisal nicht mal mit den Schultern. “Wo ist denn da der Unterschied?” fragte er lediglich.
Er hat auch völlig recht. So daß nur eines noch für diesen Tag zu klären war; ich mußte dringend लक्ष्मी erreichen, weil Faisal ja nichts wissen darf, also vom THC. Weil, wie eine Freundin, deren Brief mich als Email erreichte, schrieb, Medizinerin sie selbst, wir beide wüßten, “dass es sich hier im Wesentlichen um pharmazeutisch-finanzindustrielle Komplexitäten handelt, wenn sich das Eine gegen das Andere durchsetzt”, was die schulmedizinisch-pharmakologische Therapeutik gegenüber allem meint, was nicht fest genug in der Hand der Wirtschaftsführer (und -führerinnen!) liegt. Gerade die teuren Chemotherapien stehen hier im absoluten Focus. Darüber indes ist mit Faisal nicht zu sprechen. Doch gestern abend kam keine Satellitenverbindung mehr zustande, so daß ich eigenentschlossen meine Dosierung von dem einen auf drei Tropfen erhöhte und  ________________]

[26. Mai, 8.34 Uhr
Stenhammar, Sechstes Streichquartett d-moll]

[________________ tatsächlich bis 5.56 Uhr problemlos durchschlief. Auch beim Erwachen, außer leider noch immer dem Rückenschmerz, einem hellen, pochenden, keine Beschwernisse, und ich hoffe, dieses neue verläßt mich bald wieder. Sonst werde ich, zumindest für meine Spaziergänge, doch wieder Novamin nehmen müssen. Was ich gern vermiede. Doch werden’s die beiden heute und morgen vor uns liegenden, besonders langen Reittouren mir möglicherweise abpressen, bevor wir die Ralaisstation dieser Nefudphase erreichen, wo Faisal alle Gerät hat, um seine ersten Kontrollen an mir durchzuführen und danach, vierfünf Tage später, in der Nefud zweiten Höllenkreis mich einreiten zu lassen.
Prima wiederum; ein weitres neues Kilo drauf, 71,5 heut früh. Der unentwegten Abmagerei scheine ich also erfolgreiches Pari geboten zu haben.

 

 

 

 

Ah, der neue Ruf!
متابعة, weiter! Aqaba!”

 

 

Total bekifft nach Aqaba: Der Chemo erster, nämlich der Hinausritt. Das Krebstagebuch des einundzwanzigsten Tages, das am zwanzigsten begann. Mittwoch, der 20. Mai 2020.

[Arbeitswohnung, 6.55 Uhr
Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 15 es-moll, op.144]
Mit seinem letzten Streichquartett die Reise zum Haus der Versöhnung zu beginnen, ist angemessen, das anders als Lawrences in meinem Aqaba steht und eher ein Haus der Wiederumarmung ist, da sich’s von Verschwesterung nun am allerwenigsten sprechen ließe. Wenn stimmt, → was Frau von Steglitz wähnte, wahrscheinlich weiterwähnt und worauf ich auf jeden Fall noch gesondert eingehen muß, dann haben wir es, Freundin – ich, Freundin, habe es dann – mit einem viel umfassenderen Zusammenhang aus Ursachen und Wirkungen zu tun, als wir bislang meinten. Es wäre dann nicht nur meine Lan-an-Sídhe, die ihr Recht hier fordert, sondern es läge noch eine andere Bürde in ihrem Sirenengesang, die für seine Süße mitsorgt. Ich werde sie’s erst fragen könnne, wenn sie in meinen Armen liegt, bzw. ich in ihren Armen liege und wir dann beide nicht wissen, ob wir gemeinesam versinken oder aufsteigen werden — das eine konkret, das andre metaphorisch.
Doch bis dahin ist es noch ein weiter, weiter Weg. Durch die Nefud, da der Seeweg verschlossen, muß ich also hindurch, wobei “verschlossen” wohl auch bedeutet (wenn auch niemand drüber spricht, es abergläubisch nicht mal jemand auch nur erwähnt; es ist, als wären die Münder meiner Beduinenfreunde in Sirenenbelangen vernäht – was bei Männer der Wüste aber nicht verwundert) … — also, was wohl auch bedeutet, daß sich all die Freundinnen → Lis, ein wahrer Liligeiatrupp, drin versammelt haben könnte zum Unheil eines jeden, ja einer jeden, die und der es wagte …. Doch, wie erzählt, es wird nicht drüber gesprochen, die Nefud ist ausgemacht.

Sie ist, wir leben im Nachzeitalter der Star-Wars-Serie, für ihre hoch radioaktiven Strahlungen bekannt, die mit der Hitze tags und nachts der scharfen Kälte eng verbunden, aber mehr als sie – oder überhaupt nur – im Körper schwere Wucherungen auslösen kann. Um es handlich zu sagen, ist die Nefud ein in Sand zerfallenes Tschernobyl von ungeheurem und ungeheuer blendendem Ausmaß. Gegen Hitze und Kälte läßt sich’s, ich schreibe einmal, “kleidungstechnisch” angehn, gegen Strahlung aber nicht. So müssen wir, die es wagen, chemisch abgehärtet werden, was teils direkt vor den Reitetappen geschieht (ihrer vierer werden es sein, je von zwei Wochen Dauer), teils sogar noch während, jedenfalls je anfangs einen ganzen Tag lang. Dazu wird in den implantierten Bioport ein dünner Schlauch eingeführt, der aus einer mit einer 5-Fluorouracil-gefüllten Pumpe herauskommt und den Körper des Ritters auf diese Weise mit dem Mittel in Dosen von 10ml pro Stunde versorgt. Nach dieser Zeit wird die Pumpe entfernt und bis zum ersten Tag des folgenden Zyklus beiseitegelegt, der Bioport verschlossen. Da ist man dann aber schon auf der Strecke und hat sich ans Schwanken des Dromedars hoffentlich gewöhnt. Denn es keinem einem von alledem gehörig schlecht werden – wogegen man ebenfalls ein Mittel bei sich führt, das Ondansetron heißt, aber, obwohl danach das Wort “Bluefish” folgt, nicht, aber auch gar nichts mit Douglas Adams’ Bubblefish zu tun hat. Ich kann zu diesem Fischerl noch nichts sagen; eins zu schlucken war bislang nicht nötig.

Selbstverständlich bekamen wir, die wir auf unseren vor Ungeduld bereits nervös hin- und hertrippelnden, statt, wie ihren Schwielensohlen eigentlich eigen, breit trampelnden Reittieren saßen, noch weitere innere Stärkung – deren inhärentes Problem darin liegt, das wir nicht vorhersagen können, in welcher Weise sie uns auch schädigen kann. Die Wahrscheinlichkeit ist dafür aber hoch. Nehmen wir etwa → Oxaliplatin, das Medikament Nr. 1, das maligne Wucherungen abtöten, zumindest behindern soll. Schauen Sie sich, liebste Freundin, die Nebenwirkungen an, deren einige sofort einleuchten, wenn wir uns klarmachen, daß die Substanz auf alle ungewöhnlich schnell wachsende Zellen schießt, weil es nicht intelligent genug ist, zwischen gesundem und boshaftem Schnellwuchs zu unterscheiden. Daran ist besonders böse, daß spontan die Finger- und Fußnägel ausfallen können, und zwar schon während der ersten Applikation. Deshalb liegt man an der Relaisstation erst einmal in einer Art Liegesessel und bekommt immerhin schicke (‘chic’e) weiße Handschuhe übergezogen, die dann mitsamt den Handschuhn in tief vereiste Puschen gesteckt werden müssen, um die Durchblutung zu stören; ebenso die Füße, die aber in ihren Socken bleiben.
Ungefähr nach einer halben Stunde tut es ziemlich weh und darf dann für zehn Minuten unterbrochen werden, bevor die Eispuschen wieder drüber müssen. Also da man man durch. Und es geht auch, zumal meine Nägel nachher alle noch waren, wo sie sollten.

[Vagn Holmboe, Streichquartett Nr. 20 op.160 “Notturno”]

Der zweite Infusionsgang (wir liegen immer noch in dem Leder und hören unterdessen auch hier Schostakovitsch, allerdings – nun geht’s ja “am Stück” – sämtliche seiner Präludien und Fugen in der Interpretation von Keith Jarrett) führt uns, eine weitere Stunde lang, → Calciumfolinat zu, das ist Folinatsäure, die sich in Kombination mit 5-FU, also dem Zeug aus der Pumpe, an das Enzym Thymidilat-Synthase bindet und dadurch zur Erniedrigung der intrazellulären Thymidilat-Konzentration führt, wodurch die zytostatische Wirkung von  verstärkt wird. Auch hier aber sind die Nebenwirkungen nicht ohne, deren häufigste die für Chemos bekannte Übelkeit ist, gegen die ich aber die blauen Fische in einer der prallen Satteltaschen habe. Und die letzte Stunde der inneren Wappnung wird auf dem Leser mit → Docetaxel verbracht, das sich tabil an den Mikrotubuli-Apparat bindet, an sozusagen das Exoskelett der wuchernden Zelle. Dadurch verliert ihr Spindelapparat der Zelle seine Funktion und es kommt zu einer völligen Blockade der Mitose sowie schließlich zur Apoptose. Oder soll kommen, nun jà. Zumal hier genauso: Wo Rettung, wächst auch Gefahr, was sie in den Metamorphosen der hier gleichfalls Nebenwirkungen tut.

Das ist alles sehr heftig, keine Frage. Dennoch gingen die vier Injektionsstunden recht angenehm vorbei, vor allem wegen des nahezu ungestörten Musikhörens, das schon deshalb nötig war, weil in der Praxis irgendein Radio FFH dauerquasselte mit “den besten Hits aller Zeiten”, deren jeder von so unsäglicher Banalität, daß es nicht nur eine akustische Umweltverschmutzung genannt werden muß, sondern es wäre ernstlich zu erwägen, um Schmerzensgeld einzukommen. Die psychischen Schäden, die man allein an zerstörter Sensibilität davonträgt, gar nicht erst in den Blick genommen, kann unterm Einfluß solcher “Musik” schon gar niemand heilen, im Gegenteil, die Symptome noch werden verstärkt und die Ursachen der Krankheit ein- für allemal affirmiert. Also schon aus Selbstschutz: Kopfhörer in die Ohren, selbst wenn es “nur” um Ruhe geht. Und von der hörbaren Dummheit der Moderatorinnen und Moderatoren will ich erst recht nichts schreiben, ich müßte, so sehr ich auch recht habe, Straf- und Beleidigungsanzeigen gewärtigen, da der feixende GuteLaune-Korruptionsungeist justiziabel eben nicht ist, der seine Hörerinnen und Hörern an den Marionettenfäden der industriellen Konsuminteressen in die schließlich Apathie führt.

Durch meinen Onkovergil hingegen schien es einfach durchzugehen, vom linken Innenohr zu rechten, dort wieder hinaus, ohne irgendwo anzudocken. Manche Menschen haben diese Fähigkeit. Mir geht sie leider ab, kann nicht “auf Durchzug” stellen, sondern alles bekomme ich intensiv immer mit. Auch diesen giftigen Müll. Jeder Einkauf im Warenhaus ist ein akustisches Spießrutenlauf.
Auf der Straße ist es übrigens anders, komplett anders. Da mag ich den Unterhaltungsschritt sogar, was aber damit zusammenhängt, daß er dort mit sämtlichen Weltgeräuschen amalgamiert und deshalb eine ganz eigene Musik ergibt, der es fehlen würde – als Klangfarbe fehlen –, wenn er fehlte. Eine immer wieder interessante Beobachtung besonders in der Dritten Welt, die ja nun vollgeplärrt von Schnulzen wird, die aus schiebbaren Lautsprecherkarren tölen. Das ist in der Tat ganz wunderbar, wenn da dann noch die Autogeräusche und die jubelnden Stimmchen von Kindern und Papageien und die Schimpfrufe von Frauen hineinshalln, die auf Balkonen gegen Bretterblenden treten. Und so weiter. — “Was hörn Sie denn da?”
Wie, was? – Oh, der Arzt.
Ich zog einen der beiden InEarPhones heraus.
“Alles in Ordnung?”
“Ja, bestens. Besser sogar als vorhin. Als ich herkam, hatte ich ziemliche Brustschmerzen so einmal quer über die Brust.”
“Das ist der Tumor. Bitte nehmen Sie die Schmerzmittel.”
“Zur Nacht.”
“Nein, auch sonst. Sie tun sich keinen Gefallen, wenn Sie sich dauernd beherrschen und dadurch zermürbt werden. Sie müssen auch keine Angst haben, abhängig zu werden. Sehen Sie, selbst bei Patienten, die so gequält werden, daß sie Morphiumspritzen bekommen, tritt keine Abhängigkeit ein, sondern das Morphium setzen sie später leicht wieder ab. Süchtig macht es nur, wenn Sie’s auf Spaß nehmen. – Aber was hören Sie da?”
“Schostakovitsch Präludien und Fugen …”
Da hellte der Mann geradezu auf. “Schostkovitsch! Wie großartig! Ich habe gerade eine Biografie über ihn gelesen, von einem englischen Autor … warten Sie… Und kennen Sie die Streichquartette?”
Es war nicht zu fassen.
So sprachen wir und sprachen. Über Musik. Über Literatur. Er, mein Arzt, sei ein großer Leser, aber leider… von mir … Doch habe er sich, nachdem er eine Anmeldung in seiner Praxis gesehen, etwas kundig über mich im Netz gemacht. — Gar keine Frage, wir haben eine Basis, und ich bin nun ziemlich froh, ihn während unsres Zugs durch die Nefud mit an meiner Seite zu haben. (Aber er gab mir auch für die Augen-OP Grünes Licht: Der nachlasernde Augenarzt solle von der Chemo aber wissen. “Sie können auch gleich nebenan zu Dr. Torun gehen, ich kann ihn nur empfehlen.” – Woraufhin ich spätnachmittags gleich eine Mail dahin schrieb.)

***

Ricarda Junge, die enge Autorenfreundin, holte mich ab. Alleine hätte ich die Praxis nicht verlassen dürfen, weil zu Anfang der “Sitzung”, also Liegung ein schweres Antihistaminicum injeziert wurde, das “endlos müde” mache — bei mir allerdings den gegenteiligen Effekt gehabt zu haben schien. “Meine Güte”, reif Ricarda an, als ich neben ihr im Auto saß, “du siehst total bekifft aus! – Aber erzähl …” Und als sie mich dann in der Dunckerstraße hinausließ, zwar gerne noch auf einen Espresso mit hochgekommen wäre, aber sie drängte bereits der nächste Termin, da …. also ich stieg aus, beugte mich nochmal für die Kußhand runter … sagte sie: “Und du bist total bekifft!”
Mit lautem Lachen fuhr sie davon, und ich stieg, nachdem durch Vorhaus und ersten Hinterhof gehüpft, die Stufen zu mir hoch.
Es war am Bekifftsein was dran.
Und ich hatte Hunger. Einen Riesenappetit. Nur daß ich immer schon im Nu satt bin und also ständig abnehme. Deshalb hatten mich eine Mitarbeiterin der onkologischen Praxis mit von ihr so genannter hochkalorischer Astronautennahrung eingedeckt. Die probierte ich nun aus und bereitete mir auch noch einen Cocktail aus konzentriertem Mandelmuß und Mandelmilch mit einem Löffel Hanfmehl eingerührt — alles von – wem sonst? – लक्ष्मी besorgt. Daraufhin wurde ich derart müde, daß ich erst einmal eine Stunde lang schlief. Wobei man sich an diese am Leib getragene Pumpe schon etwas gewöhnen muß. Ich bin ganz froh, sie nachher wieder loszuwerden: Um 11.30 Uhr erstmal noch ein Termin mit meiner Hausärztin, dann mit dem Rad in die Ontologie, um die Pumpe vor 13 Uhr, wenn dort geschlossen werden wird, wieder abgegeben zu haben.

Ach ja, als ich heimkam, war das in den USA bestellte Melatonin angekommen, das ich in dieser Dosierung in Deutschland irgendeines um das Hormon geführten Rechtsstreits wegen nicht mehr bekam. So hatte ich nachts etwas zum Ausprobieren.
“Funktionierte” nicht, “brachte”, um es lax zu sagen, “nix”. Um 2.30 dann doch noch mal eine Zolpidem geschluckt, mit 20 Tropfen Novaminsulfon kombiniert. Davon schlief ich dann endlich, und zwar sehr gut bis halb sieben durch. Und da Sie nun darauf brennen, sich das mit der Pumpe anzuschauen … — voilà!:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ihr ANH

[15 Uhr
Schnittke, Zweites Streichquartett (Leonardo-Quartett)]
Bin komplett auf den Streichquartett-Trip gegangen (auf dem ich vor Jahren schon mal fast ausschließlich war). Nach den Schostakovitschs und parallel zu den Holmboes erst einmal Brittens wundervolle drei (plus dem einen ohne Nummer, noch in Studienzeiten in D-Dur entworfenen, das er sehr viel später revidierte), dazu zwei von Schubert und nun auch Schnittke wieder.
Von der Chemo erste Übelkeit: So sehr schwankt mein Dromedar. Eben eine Tablette genommen, fast wie als Kind auf Reisen. Und leider, leider erst dann Bruno Lampes hinreißenden → Kommentar von Ibn Hamdis gelesen.
Ich will gleich unbedingt an die Béarts, endlich wieder!

Krebstagebuch, Tag 20. Dienstag, den 19. Mai 2020: Chemo I (Phase 1)

[Arbeitswohnung, 5.18 Uhr
→ Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 5 B-Du
Erster Latte macchiato]

Die erste Pforte – eine Enge eher von hohem, massivem Fels, die in meine persönlich Nefud führt, wie ich die heute beginnene Chemotherapie mit Lawrence nennen will – … diese nichtPforte also unterscheidet sich insofern von jener, die uns Dante hintertrug, als sie weder eine durch den Herabsturz Luzifers entstandene kreiselförmige Einsenkung des Erdinneren ist, noch gar gibt es sie anders denn daß sie alleine gefühlt wäre. Und ohne deren oberen Abschluß kann sich auch die berühmte Aufschrift nicht tragen:

LASCIATE OGNI SPERENZA, VOI CH’ENTRATE!

Wir sollen die Hoffnung hier ja bekommen, müssen halt nur → durch die Nefud hindurch. Wozu es, um die Kraft aufzubringen, des ganz anderen Ausrufs bedarf:

VOI CH’ENTRATE, COGLIETE OGNI SPERANZA!

Nur ist hier nicht leicht Luft zu holen, die überdies so heiß ist, daß sie in den Lungen brennt; man bekommt sie kaum durch die Luftröhre wieder hinaus, geschweige zu einem Ball von genügender Lautkraft geballt. So ging es jedenfalls mir, → gestern, im Vorbereitunsgespräch zu dem, was nachher – → nach FLOT – gleich beginnen wird,
Vier heftige Medikamente mit durchweg unguten, möglicherweise extremen Nebenwirkungen; dazu Nebenmedikamente, die sie ab- und auffangen sollen. Vier je zweiwöchige Zyklen, zu je deren Beginn die Stoffe dem Körper in einer ungefähr vierstündigen Liegung zugeführt werden, und jeweils einen Tag trägt man eine kleine mit dem implantierten Bioport verbundene Pumpe am Gürtel, die dem Körper den Wirkstoff nach Art eines Tropfs zuführt, langsam also, sanft, ohne zu reizen. Jedenfalls verspricht man es sich so.
Mit Abschluß der vier Zyklen oder Phasen, nach acht Wochen mithin, sei der Patient (im Dschungelfalle ich) in aller Regel für die Operation bereit. Die Erfahrungen mit FLOT seien ausgesprochen gut; er, mein Onkologe, habe schon erlebt, daß der Chirurg gar keinen Tumor mehr gefunden habe, als er nach den acht Wochen habe operieren wollen. Mein Krebs sei heilbar, davon sei er, mein Onkologe, überzeugt. Durch die Wüste müsse ich nun aber. Ich wisse doch, daß Aqaba … wie??, von der Seeseite aus? ––– absolut unmöglich! Nein nein, es geht nur durch die Wüste. Wobei … nun jà, ss stimme schon, daß den Leuten bisweilen die Fingernägel ausfielen auf diesem langen Marsch, oft sogar am ersten Tag schon. Deshalb bekomme man gleich zur ersten Behandlung spezielle Handschuhe übergezogen, die so etwas verhinderten. Bei den Füßen sei es ja nicht schlimm.
Das verschlug mir den Atem.
Die Füße? Meine Füße??? Füße gehören ins → Zentrum meiner erotischen Lust, seit je, je, je, je her! Nirgends bin ich derart empfänglich, derart sinnlich zu erregen. “Also hören Sie mal!”
Mein Horror war ihm fremd. Ebenso wie, daß mir Haarausfall, Schleimhautentzündungen, Darmprobleme sehr viel weniger bedrohlich vorkamen, also -kommen. Sie greifen nicht mein Selbstbild, nicht meinen Stolz, nicht meine Ästhetik an. Aber häßliche Füße? Ganz, ganz furchtbar. Ein Grund, sich für alle Zeiten wegzuschließen.
Aber weiter: In höchst seltenen Fällen komme es auch zu Herzinfarktenm jedenfalls etwas ihnen sehr ähnlichem: bei entsprechenden Anzeichen sofort Alarm schlagen. “Kommt aber wirklich nur bei einem von zehntausend vor.” Beunruhigtr mich auch nicht, nicht wirklich. Nur das mir den Finger-, vor allem mit den Fußnägeln. Aber, dachte ich dann, sind nicht dem Messemer auf seinem Everest die Zehen gar ganz abgefroren?

Es sind diese, ja, Bilder, woran ich mich nun orientiere. Was mein Selbstbewußtsein stolz hält. Und eine enorme Neugier, von der ich nicht recht weiß, ob sie die meine oder von jemandem anderes inszeniert ist, einer andere, die wir namentlich nun kennen, zumal sie gestern von Frau von Stieglitz → in einen nochmal anderen Zusammenhang gestellt wurde, über den ich mich morgen äußern will; heute werde ich es vermutlich nicht mehr schaffen. Man sei, hieß es gestern in der Beratung, nach der Sitzung, nun jà, “Liegung” schon deshalb sehr erschöpft, weil anfangs ein starkes Antihistaminicum gespritzt werde, das zu enormer Müdigkeit führe. Deshalb muß ich heute mittag auch abgeholt werden; “einfach so” lasse man mich in dem Zustand nicht auf die Straße. Am besten sei ein Krankentransport. Was ich entschieden verweigerte. Ich lasse mich vor die Arbeitswohnung mit sowas nicht bringen, auf gar keinen Fall.
Also herumtelefoniert. Nun holt Ricarda Junge mich ab, die nahe mir vertraute Kollegenfreundin.

Ich habe noch gar nicht vom Kribbeln geschrieben, einem in Finger- und Zehenspitzen. Eine Nervenschädigung. Dazu aber später noch vielleicht. Ich möchte diesen Eintrag in Der Dschungel stehen haben, bevor ich aufbrechen werde.

[Schostakovitsch, Sreichquartett c-moll op. 110]

***

[Onkologie 9 – 13 Uhr, ambulant]

Phase I (von IV): Infusionstag

*** 

 

 

 

 

 

 

______________________

[Arbeitswohnung, 16.34 Uhr
Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 13 b-moll]

Gut und wohlgelaunt zurück. Der Bericht folgt dennoch erst morgen. Denn erst einmal mußte oder wollte ich meine Siesta halten, dann war anderes Einiges zu tun, und ich möchte nicht hetzen. Allerdings auch morgen wieder Arzttermine, erst bei meiner Hausärztin, dann erneut dem Onkologen, weil ich ihm die Pumpe zurückbringen muß, von der, was sie ist, ich Ihnen, Freundin, ebenfalls erst morgen erzählen werde (während ich dieses schreibe, tröpfelt’s sanft in mich weiter noch hinein). Dennoch ist der Zeitlauf morgen relativ ruhig, bei der Hausärztin muß ich erst um 11.30 Uhr sein, eine halbe Stunde später allerdings ziemlich flugs aufs Rad.
Das in Deutschland in der 5-mg-Dosierung nicht mehr erhältliche und deshalb in den USA bestellte Melatonin ist angekommen. Da bin ich jetzt aber, heut für die Nacht, sehr gespannt.

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