Die verschwundene Musik SOWIE Fürs Messerle: am Krebstagerl 16.

 

 

 

 

 

 

[Arbeitswohnung, 5.16 Uhr
Händel, Semele (ive-DAT-Mitschnitt aus der Staatsoper Unter den Linden vom 12. Oktober 1996), Akt I]

Hinterhof im Mai:

Dunckerflieder.Anderswelt

Hübsche Komplexion, daß diese Zeilen, wiewohl nun früher “terminiert”, später geschrieben werden, als die hierunter wurden. Tatsächlich habe ich den im hierunteren Notat sozusagen als Vorrat niedergeschriebenen Gedanken heute nacht intensiv verträumt: daß doch von den in Betäubung geschehenden Erlebnissen irgendetwas zurückgeblieben sein müsse — in irgendeinem geheimen Archiv unseres Gehirns, zu dem wir die Türen nur nicht kennten und nicht sähen. Davon, dort hinzugelangen, träumte mir nun, doch übertrug mein Traumbewußtsein dies von der medizinischen Anästhesie in die Poetik einer großen (mir vorgeblich schon seit langem bekannten, d. h. mir selbstverständlichen) — Musik.
Also. Da bereits vorgestern das Novaminsulfon nur noch bedingt etwas gebracht hatte, reduzierte ich zu gestern nacht die Tropfen von dreißig auf zwanzig und rang mich gegensteuernd durch, eine halbe Zolpidem zu schlucken – das allererste Schlafmittel meines Lebens. Mit 65 eigentlich prima. Ich wollte schlichtweg um fünf hoch (was nun gelungen ist), um vor der wegen der kleinen OP obligatorischen Nüchternheitsphase noch einen Latte macchiato genießen zu dürfen.
Um kurz vor elf ins Bett, um kurz vor fünf hoch; der Plan ging auf. Nur daß ich dennoch um zwei einmal wach wurde, es jedenfalls glaubte. Der Schmerz vom Karzinom war da, das wußte ich, doch war er nicht zu spüren. Ich lauschte, hierhin, lauschte dorthin, ich konnte welche Organfalte auch immer anheben, um drunter nachzuschauen, der Schmerz hielt sich verborgen. Trotzdem, er hockte irgendwo und kicherte sich eins, weil ich ihn nicht fand.
Gut, dachte ich, dann nicht. Umso besser. Denn ich hatte mit dieser Musik zu tun.
Im Traum dachte ich: Mahler oder Pettersson. (Händel auf keinen Fall; ich denke oft versetzt). Jetzt aber, am Schreibtisch mit dem Kaffee (kurz schoß Verlangen auf zu rauchen, doch schon verpuffte es; zwölfter Entzugstag) …  jetzt aber bin ich mir nicht mehr sicher. Dabei sehe ich die Partiturseite vor mir, auf der die Stelle zu finden, nämlich nicht zu finden ist: Eine Musik, die der Komponist schrieb, ohne sie in Noten zu fassen, so daß in der Partitur ein Riß entstand, insofern die Musik nach, sagen wir, Takt 321 anders weitergeht, als es kompositionslogisch sein dürfte. Sie tut’s aber, als wäre es das Klarste von der Welt: als wäre das Verborgene nämlich da, läge in aller Welt Ohren. Nur daß wir es nicht hören können, nicht mehr, vielleicht. Sie geschah, und die Melodik (mithin Tragik) setzt sich logisch einfach fort; indessen uns | fehlen die Über- und also die Zusammenhänge.
In meinem Traum wußte ich – wie eben erzählt – genau, um welche Musik es sich handelte. Ich war mir auch sicher, die entsprechende Stelle in der Partitur längst angestrichen zu haben, und wollte sie gleich nach dem Aufstehen aus dem Regel ziehen, um Ihnen, Freundin, die richtige Seite abzufotografieren und das mit einer hinweisenden Markierung versehene Bild hier einzustellen. Die “Wahrheit”, daß diese Musik eine Erfindung meines Unbewußteins und letztlich eine und zwar so gute GESCHICHTE sei, daß ich sie noch erzählen müsse, stieg erst allmählich aus mir auf: da stand ich bereits an der Pavoni und füllte das frisch gemahlene Espressomehl in den Siebträger. Noch war ich in Gedanken meine Musikregale abgeschritten, hatte hier eine Partitur herausgezogen, dann dort — oder hatte ich das Stück gar nicht material, sondern “lediglich” digital archiviert? — Oh achduje, es gibt es gar nicht! Und schlagartig, mit dieser wirklich jähen Erkenntnis, mußte ich ans Ende des Dritten Blumenstückes aus dem Wolpertingerroman denken:

 

 

 

 

 

 

[Händel, Semele (live-DAT-Mitschnitt aus der Staatsoper
Unter den Linden vom 12. Oktober 1996), Akt I]

***

[Das nun aber folgende sollten Sie, liebste Freundin, erst um elf Uhr lesen, Punkt 11 am besten]:

 

[Sana Klinikum, 11 Uhr]

 

 

Diagnostische
→ Laparoskopie
.

 

 

Schwierig dabei wird es für mich sein, nicht mit auf diese phantastische Reise gehen zu dürfen, die doch in mich selbst hineinführt. Andererseits gebe ich zu, daß auch diese gelebten, zugleich eben nichtgelebten Zeiten des kompletten Betäubtseins ein Rätsel haben, das erfahren werden will. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es im Gehirn nicht doch Speicherräume gibt, die das Nichtwahrgenommene bewahren — und welche Überflutung dann, würden wir durch Zufall, jedenfalls unversehens, die Türen dahin öffnen!
In jedem Fall gewöhne ich mir an, meine Krankheit als eine Expedition zu verstehen, in die Ligeias Gesang mich gelockt hat – ein fremdes, mag sein auch tödliches Meer, über dem ein indes derart blendendes Licht schwelt, daß wir noch keine Verse dafür haben.

***

(Und jetzt lesen Sie noch einmal den ersten, um 5.16 Uhr begonnenen Teil dieser Erzählung. Wenn Sie damit fertig sind, wird auch meine kleine OP beendet und mit und unter mir mein Bett in den Aufwachraum geschoben worden sein. Sowie danach auf der → 4A* zurück, wird es mich, abgesehen von enormem Nahrungsappetit, noch enormer nachzuschauen treiben, was Sie, Geliebte, zu dem allem denken.)

ANH

*) Heitererweise sind sowohl im Berliner SANA als auch der hannöverschen MH
Gynäkologie und Endoskopie/Viszeralchirurgie nicht nur ins selbe Haus, nein auf ein-
und dieselbe Station
zusammengelegt.

Musik für Geist, der fühlen kann:
David Ramirers Improvisationen “Organics” auf Bachs Präludium C-Dur BWV 846.

 

Wie oft habe ich, seit mein Artikel zu David Ramirers Variationen auf das bachsche ricercar a tre → bei Faustkultur erschien, nun schon mit Musikern, nun jà, gestritten, ob dies auch “richtige” Musik sei! Die Vorbehalte gegen den Computer sind enorm, anstelle daß er einfach nur als ein Instrument gesehen wird, das in die uns “natürlich” gegebenen Klangwelten hinzukommt. Zwar. er ist für die elektronische Musik auch im Bereich der sogenannten “ernsten” Künste längst anerkannt, die, wir wir wissen, auch heitere sein können; “ernst” meint vielmehr den Grad der kompositorischen Komplexion und die Abkehr vom Banalen, das die meisten Menschen aber suchen. Ohne Banalität kein Mainstream (also ohne die Ansammlung rhythmischer und melodischer Klischees in bestenfalls neu montierten Variationen). Dies ist jedenfalls Gesetz — eines, von dem sich der Computer, als er in die Musik vordrang, erst einmal deutlich absetzte, ja die er teils revolutionierte, bis man sein Modulares zur Basis gerade des Klischierten machte. Seither ist seine Gegenwart im Mainstream beinah unbedingt.
Für die ernsten Musiken wurde er nun allerdings, sofern nicht als Computer sofort erkennbar (“mit Elektronik”, was so dann auch zu klingen hat, als gleichsam Ausrufezeichen für klangliche Entfremdung oder ein Fremdes überhaupt), geradezu misfits, nicht gesellschaftsfähig: “Das ist doch keine echte Kunst!” Irgendwas klinge da “unecht” — als lägen uns nicht längst, in Hegels und Lukács Folge, Walter Benjamins Schriften zur Zweiten Natur vor, einer also Dritten, die wir doch alle, die wir ästhetisch zu denken gelernt, hätten verinnerlichen müssen.
Was nun allerdings David Ramirer unternimmt, seit bereits Jahren, ist gleichsam eine Versöhnung der Dritten mit der Ersten: Soweit ich sehe (sehen kann), dieses Musikers Alleinstellungsmerkmal. Denn seine Versöhnung ist nicht banal; sie, um Adorno gegenzubürsten, ist die Anstrengung des Klangs in Modulen, eine, die sich ausgerechnet an Johann Sebastian Bach orientiert und Les-, also Hörarten findet, die bis anhin unbekannt waren. Und es noch immer sind, aber durch ihn erschlossen werden. In seinen Bach-, und das sind sie, -interpretationen werden physisch unspielbare Fingersätze realisiert, die Ramirers Computer-Bach beinah dem biblischen WORT gleichen lassen, das — Joh. I,1 — am Anfang war. (In anderer Übersetzung war es — der λόγος).

Dennoch, auch ich nahm Ramirers Arbeiten lange Zeit als zwar hochinteressante, aber doch letztlich Basteleien wahr; mir fehlte etwas persönlich Erkennbares, eine sozusagen freie Handschrift; zwar hörte ich seine Bach-Transkriptionen (die er selbst, selbstbewußt, “Realisationen” nennt) sehr gerne, aber gleichwertig mit anderen Interpretationen, auch solchen, die sich, wie etwa Glenn Goulds, weit von den Partituren entfernen. Ich finde sowas legitim, mehr noch: künstlerisch reizvoll und nötig. In diesem Sinn verstehe ich auch Übersetzungen, vorausgesetzt, sie finden auf höchstem Niveau der jeweils eigenen Sprache statt. Zu “dienen” liegt mir nicht, → ich will’s auch nicht von andren. — Und dann wurden mir eben diese Ricercar-Variationen geschickt, die mich wochenlang berauschten und noch heute, anderthalb Jahre später, nichts von ihrer zupackenden Schönheit verloren haben.
Es lag nahe, in Ramirer zu dringen, mehr davon zu schaffen. Und nun, nun liegen seine Organics vor, die zwar nicht den reißenden Sog der Ricercar‘s entfalten, aber in anderer Hinsicht etwas verdeutlichen, was ich etwa im Jazz bislang nur in Keith Jarretts Napoletaner Konzert von 1996 gehört habe: Organics erzählt uns in klingender Form, was Musik ist.
De natura sonoris heißt eine berühmte Stückfolge Krzysztof Pendereckis. Ramirers neue CD ließe sich fast ebenso, doch De natura compositonis musicae benennen. Denn die rund 77 Minuten Musik sind in fünf Parts aufgeteilt, deren erster, sehr kurzer nichts vorführt als das reine Klangmaterial, aus dem Bach sein Präludium gewann. Aber mit gleich dem ersten Ton welch rufender Gewalt tut er das! Denn das, in der Tat, ist dieses Stück — ein Ruf, auch wenn es kurz vor der quasi-mollModulation nachdenklich wird. Eine seltsam lange Pause, dann, verhalten drängend, setzen die ausgedehnten — von hervorgehobenen Leittönen strukturierten — Improvisationen ein, rectus und inversus, also dieses als jenes genaue Umkehrung, um aber im vierten wieder sehr knappen Stück sich auf das Material selbst zurückzubesinnen und zum Abschluß partiturgetreu Bachs originale Komposition erklingen zu lassen. Spannenderweise hat dieses eigentlich schnell durchschaubare Verfahren überhaupt keinen pädagogischen Beigeschmack, obwohl, was musikalische Pädagogik leisten sollte, geleistet durchaus wird, aber spielerisch und mit dem hypnotischen Effekt bester minimal music. Genau seinethalben sollte die CD  sehr laut gehört werden: So geht sie nicht im Hintergrund unter, sondern entfaltet den für Ramirer eigentümlichen, farbintensiv-meditativen Reichtum, in dem wir Hörerinnen und Hörer nahezu ununterbrochen mitschwingen.

Dennoch, Ramirer muß etwas Fehlendes gespürt haben, das in den Ricercar-Variationen permanent zugegen war, etwas, das gegen das rein-Meditative anströmt, voranströmt und nicht mehr in irgend einer Weise “heilig”, bzw. abgeklärt, sondern sondern extrem vitalistisch ist. So daß er sich das Rectus noch einmal vorgenommen und daraus eine zweite, rectus Remix genannte CD komponiert hat, die nun tatsächlich den “unendlichen Melodien” Mahlers und Petterssons — deren Kraft — gleichend mächtig durch uns hindurchfließt, blitzendes, geschliffenes Glas auf den Wogen. Weshalb es sich empfiehlt, die beiden CDs direkt hintereinander zu hören, vom “originalen” Bach also wieder in die erneute, diesmal 69minütige Improvisation des “remixten” Rectus zu wechseln, und zwar ohne Unterbrechung. Sie werden, Hörerin, diesem klanglichen Kosmos nicht mehr entkommen. Er klingt in Ihnen selbst lange noch nach Verstummen als nahstes Fernes nach.

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ANH, Berlin

März 2020

David Ramirer

Organics in C-Dur
Signierte CD, bachramirermusic 2020
12 Euro

rectus REMIX
Signierte CD, bachramirermusic 2020
12 Euro

→ Bestellen
(zuzgl. Versandkosten Österreich)

Nachts nach der Produktion: Céline II. Weblogbuch freecity, 7. Oktober 2003.


[Notat zur Produktion des Hörstücks “Das widerliche Genie”
zu Louis-Ferdinand Céline beim Deutschlandradio Berlin)]

 

Das lief jetzt insgesamt sehr viel besser. Meine Vorstellung, die Pettersson-Sinfonie drunterzulegen, hat funktioniert. Wir hätten freilich gut einen Tag mehr haben können, auch wäre es hilfreich gewesen, hätte ich die Partitur hinzugezogen. Aber dazu war auch meine Schreibzeit zu kurz bemessen, zumal die leidige Prozeßsache hinzukam, die mich innerlich unentwegt beschäftigt, mich zuweilen sehr depressiv werden läßt – und dann wieder fange ich wild zu arbeiten an.

Jedenfalls war ich vorhin ganz erstaunt, w i e gut die Musik den Text vorantreibt, wie sie ihm auch widerspricht, dann wieder ganz er zu sein scheint. Es herrscht da irgend eine Verwandtschaft, die ich zwar ahnte, aber erst ausprobieren mußte.

Was mir nach wie vor mißfällt, sind ein paar der Sprecher-Passagen: Zuviel Travestie, zuviel outriert, manchmal kein echtes Spiel, sondern Papier. Das mußte dann mit der Musik weggedreht werden, und nicht immer ist es gelungen. Auch technische Tricks fallen ja auf, vor allem, ist man als Hörer geübt. Also schämen muß ich mich nicht, aber was ich eigentlich wollte, ist nur im Ansatz erreicht, sozusagen routiniert – was eigentlich das Gegenteil jeder Kunstanstrengung (und Kunstlust) ist. Dennoch, auf seltsame Weise holt Petterssons Sinfonie aus Céline den kleinen, sensiblen Jungen zurück, der er möglicherweise einst gewesen ist, bevor er sich diesem monströsen Haß in die Arme geworfen hat. Als ich vorhin die Fassung abhörte, gab es paarmal bewegende Momente – gänzlich g e g e n meine Intention, die Differenz deutlich machen und sich nicht aufs “zwar ist er… aber…” einlassen wollte. Ich habe das nicht revidiert, weil die ästhetische Wahrheit allzu sinnlich schlagend war.

Ich habe heute früh die ersten Zeilen von ANDERSWELT III in den Laptop getippt:

“Deters kam zu sich. Er hatte viel geliebt, er hatte unendlich, so kam es ihm vor, gelebt. Aber schaute auf seine Hände, und sie waren kaum 49 Jahre alt. Ich habe Hände, dachte er. Das beschäftigte ihn so sehr, daß er sich anfangs nicht einmal umsah. Als er es tat, sah er, daß dieser Raum keine Fenster hatte. Er lauschte. Man hörte ein still vor sich hinrauschendes Summen. Anfangs konnte er auch nur wenig Gegenstände erkennen, dann kam ein Tisch, kam ein Stuhl, kam die Couch, auf der er saß. Als würde seine nächste Umgebung erst nach und nach angefüllt, und es brauchte wiederum ein wenig Zeit, bis er begriff, daß er selbst es war, der das Mobiliar herstellte, der tapezierte, der Bilder aufhing – jenes zum Beispiel, das er sich immer zurückgewünscht hatte, das er nie hätte bezahlen können: eines aus der Nerthus-Serie. Er hatte die Collage vor Jahren im Städel gesehen, Frankfurt am Main, bevor er nach Berlin gegangen war.”

Und morgen früh um neun geht’s ab gen Frankfurt.am Main zur Messe, die unter den gegebenen Umständen nicht ganz ruhig werden wird. Ob ich dazu kommen werde, Einträge ins Logbuch vorzunehmen, ist fraglich.

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