“Daß heute Sonntag ist!” Und daß wir Weltgeschichte erleben!
Im zwanzigsten Coronajournal des nämlich 19. Aprils, darinnen Vorarbeiten für Ada: “Ada”, 0.3, nämlich Nakokov lesen, 36. Mit einer Bemerkung zur “Geilheit” alter Männer.

[Arbeitswohnung, 10.01 Uhr]

In der Tat, liebste Freundin, mit diesem inneren Ausruf über etwas, das mich seit gestern überhaupt nicht verwundern sollte, dennoch solchem Staunen saß ich, vor anderthalb Stunden um halb neun, am Schreibtisch: “Daß heute Sonntag ist!” Das darin gespürte Ineinderfließen des sonst von streng definierten Modulen getakteten Zeitstroms → hat gestern auch Bruno Lampe formuliert, und es wird vielen von uns ganz ähnlich ergehen. Nur hätte mich dieser Sonntagsumstand schon deshalb nicht verwundern können, weil es mir schon gestern genauso erging, als ich noch damit beschäftigt war, was im Titel dieses heutigen Arbeitsjournals “Vorarbeit für Ada” heißt — die wiederum dazu führte, daß ich dreivier schon publizierte Einträge der Nabokovlesen-Reihe, und zwar ihre Numerik betreffend, revidieren mußte: aus “1” wurde “o.1”, aus “2” “0.2”, nämlich sowohl für ERINNERUNG, SPRICH als auch für ADA. Dazu dann weiter unten. Die eigentlichen Ordnungszahlen werden jeweils folgen, wenn direkt-das-Buch besprochen werden wird. Deshalb hierüber nun “Ada, 0.3”. Doch hatte dies logischerweise zur Folge, daß ich auch noch einmal die Binnenverlinkungen revidieren mußte. Sie werden sich, Geliebte, vielleicht eine Vorstellung des kleinen Aufwandes, auch an Zeit, vorstellen können, den sowas bedeutet.
Und dann dies, daß wir Weltgeschichte erleben, unmittelbar miterleben, indem wir spürbar, alle, zu auch politisch wirkenden Faktoren werden, sich, so gesehen, unsere eigentliche und tatsächliche politische Hilflosigkeit als eine Aktivität erweist, die unser Verhalten, ob Furcht oder Einsicht, bestimmt und an das sich Fragen knüpfen, deren Beantwortung Zukunft gestaltet. Es ist ausgesprochen erhellend, dieser Tage eine Presse zu verfolgen, die jedenfalls ich – spezialisiert auf literatur- und musikästhetische Belange – normalerweise nicht auf dem Schirm habe. Die der Wirtschaft nämlich. Und da findet sich dann so etwas, im MANAGER-MAGAZIN!, wie → das. Entsprechend geriet gestern meine Antwort → dort.
Teils erschütternd wiederum, in nicht selbem, aber verbundenem Zusammenhang, Frau von Stieglitz’ sehr persönliche Einlassungen → da, unter einem, wohlgemerkt, Text von 1995, den zu (sozusagen) reaktivieren zwar eines kleinen Tricks bedurfte (ihn nämlich für einzwei Tage auf die aktuelle Hauptsite zu stellen, bevor er unter seinem eigentlichen Datum abgelegt wurde); dennoch wurde und wird nun zu etwas weitergesprochen, das fünfundzwanzig Jahre alt ist. So etwas gelingt in den Gefilden der Literatur eigentlich nur kanonisierten Büchern und Texten, höchst selten hingegen so wider- wie randständigen Autoren wie mir. — Aber was mich dabei besonders bestätigt, ist, daß diese besondere Sicht einer, sagen wir, älteren Frau – ihre Beklemmung dürfte einiges Stellvertretende haben – Sprache im Umfeld eines Mannes bekommt, nein, sie mit allem Recht fordert, der gemeinhin für einen Macho gilt, weil er sich weigert, sich den Gender-Ideologemen zu beugen. Daß das, banal gesprochen, “Problem” körperlicher Vereinsamung auch eines älterer Männer ist, habe ich in einer meiner Antworten angedeutet; ich weiß es nur zu “gut” von mir selbst.

Womit ich zu ADA schon überleiten kann und es will.

Anders als für alle anderen Bücher der Serie — die ich nicht schon von fremden Einlassungen präformiert, sondern allein aus der Sicht meiner eigenen ästhetischen Überzeugungen schreiben will und schreibe — bereite ich mich diesmal vor; Sie haben’s, Freundin, schon gelesen. Der Grund ist, daß ich das Buch, wie ebenfalls bereits erzählt, längst kenne, auch wenn meine Lektüre zwanzig Jahre zurückliegt. So ist ADA für mich sozusagen ein Abschluß, auch dann, wenn danach noch ERINNERUNG, SPRICH, aber auch das posthume MODELL FÜR LAURA (die Sendung kam gestern an) vor mir liegen sowie Nabokovs Gedichte. Aber um diese wird es insgesamt kompliziert bestellt sein: Es gibt keine nennenswerten Übersetzungen ins Deutsche und außerdem extrem wenige. Dieser Umstand wird möglicherweise zu etwas führen, zu dem ich auch aus strategischen Gründen noch nichts hier schreiben will; außerdem sind starke poetologische Probleme in Sicht. So möchte ich erst einmal den Eingang der bestellten COLLECTED POEMS abwarten und in sie hineingelesen haben. Danach, Geliebte, erst werden wir diesbezüglich weitersehen können. Für LAURA allerdings gilt etwas, das in den meisten Kritiken, die ich las, auch schon die Übersetzung ADAs begleitet hat; eine Ausnahme hier war meines Wissens allein die, fand ich, → einfühlsame Besprechung des viel zu früh verstorbenen Oleg Jurjews, dem Lebenspartner der Bachmannpreisträgerin Olga Martynova, mit denen beiden ich locker befreundet bin, bzw. – ach Oleg! – war. — Alle mir bekannt gewordenen anderen Besprechungen von Nabokovs nachgelassenem Fragment waren und sind in einem Ton geschrieben, der sogar mich Anstand davon nehmen ließ, mich mit dem Buch zu beschäftigen. Erst als ich nun auch Kritiken zu ADA las — weshalb, das erzähle ich gleich —, deren Ton beinah noch schlimmer war, wurde mir klar, den Feuilletonisten unbewußt auf die Schippe gesprungen und ihrem manipulativ-, ja, -Gehässigen selbst zum Opfer gefallen gewesen zu sein. Wir bilden uns unsere Meinung nicht, wenn wir die anderer übernehmen, und seien sie noch so sehr “ausgewiesene” “Experten”. Sie alle nämlich haben — Angst, und zwar um so mehr, wenn sie es nicht wissen. Und da auch wir sie haben, sind wir durch deren im eignen Entscheiden verletzbar.
Worum es sowohl bei ADA als auch LAURA immer wieder geht, in den Kritiken also, ist die eben nicht-beifällig so genannte “Altmännergeilheit”. Es gibt viele Beispiele, wo sie als “Argument” gegen etwas laut wird. von Günter Grass bis zu noch in diesem Jahr wahrscheinlich mir selbst, wenn die Béartgedichte erscheinen werden (so ich die fehlenden anderthalb Stücke bis Ende Mai denn noch fertigbringe). Ja, auch mir wird man(n) dann diese “Geilheit” vorwerfen, wobei es hoch interessant ist, daß es ihr weibliches Pendant nicht zu geben scheint, “Altfrauengeilheit”. Nennte man sie einfühlsam in das um, was sie ist und, so sie nicht zugegeben wird, wäre, nämlich eine Sehnsucht, die ihren Abschied mitträgt, kommen wir dem tatsächlich wirkenden Zusammenhang nahe; auch hier wieder Angst, nämlich entweder vor der eigenen unabwendbaren Zukunft oder davor, eine, mit Alexander Mitscherlich gesprochen, Trauerarbeit zu leisten, die, in jedem Fall als poetische, Trauerbearbeitung ist. Genau sie soll nicht stattfinden, weil man(n) sie dann ja selbst leisten müßte, anstelle zu verdrängen. Weil wir klarwerden müßten, wo wir lieber den Schleier des Nichtnennens drüberziehen wollen, das empfängnisbehinderndste und damit lebensfeindlichste Kondom, das es gibt.
Zum Beispiel lesen wir in ausgerechnet Peter Urbans für den Deutschlandfunk 2011 geschriebener Besprechung den kompletten Unfug, man lasse besser die ersten drei Kapitel zu lesen ganz aus, denn sie

klären nichts, sie sind vielmehr verwirrend und abschreckend – nicht wegen „exotischer, russischer Namen“ (wie Nabokov insinuierte), sondern weil sie angestrengt, schwülstig und überladen [sind].

Ich zitiere Ihnen einmal Beispiel, die man besser nicht zur Kenntnis nehme, weil sie eben in diesen ersten drei Kapiteln stehen:

In späteren Jahren mochte er Proust nicht mehr lesen (wie er auch das parfümierte Gummi türkischer Paste nicht mehr genießen mochte), ohne eine Woge des Überdrusses und das Raspeln griesigen Sodbrennens zu verspüren (S. 21) — Ihr Zusammentreffen mit Baron O., der aus einer Seitenallee herausgeschlendert kam, mit Sporen und grünen Schwalbenschwänzen, entging gewissermaßen Demons Aufmerksamkeit, so betroffen war er von dem Wunder jenes jähen Abgrunds absoluter Wirklichkeit zwischen den zwei fingierten Blitzlichtern vorgetäuschten Lebens (S. 24) — der Baron wählte [für ein Duell, ANH] Degen; und nachdem eine gewisse Menge guten Blutes (…) zwei behaarte Oberkörper, die geweißte Terrasse, die Freitreppe, die in einem ergötzlichen d’Artagnant-Arrangement in den ummauerten Garten führte, die Schürze eines rein zufällig anwesenden Milchmädchens und die Hemdsärmel beider Sekundanten (…) bespritzt hatte, trennten die beiden zuletzt genannten Herren die Duellanten, und Skonky starb, nicht “an seinen Wunden” (…), sondern an einer schwärenden Erinnerung auf seiten des Geringsten unter ihnen, nämlich sich möglicherweise selber zugefügt ein Stich in der Leistengegend, der Kreislaufstörungen verursachte, während zweier oder dreier Jahre mit langwierigen Aufenthalten im Aardvark-Hospital in Boston (…). (S. 28)
(Dtsch v. Uwe Friesel und Marianne Therstappen)

Allein die Hypotaxe des letztzitierten Satzes hat es an brillanter erzählerischer Infamie in sich, was wir aber eben, wie empfohlen, nicht zur Kenntnis nehmen sollen. Doch auch die das dritte, ziemlich beklemmende Kapitel bestimmende Schilderung der schweren psychischen Krankheit von Adas, der Heldin, Schwester, sollen wir nicht wahrnehmen, obwohl sich darin geradezu ein Schlüssel für das gesamte Werk findet, indem er nämlich seine Namensgebung aufschließt, und zwar in der Signatur dieser Schwester, die sie unter ihre auf der Buchseite 47 wiedergegebene letzte handschriftliche Notiz setzt:

Meiner Schwester Schwester, die jetzt iz ada (“aus der Hölle”) ist

Ada und Hölle — wen schaudert’s da nicht? Aber insgesamt wird schon bei Urban die eigentliche Zielrichtung deutlich: vorgebliche “Schwülstigkeit” — der Altmännergeilheit (ecco!) “Ausfluß”. Allerdings direkter, weil tatsächlich diffamierend, → Markus Gresser in der FAZ, 2010 (die Titelwahl bereits ist widerlich: Einladung zur Peepshow auf dem Planeten Antiterra):

Er [Nabokov, ANH] scheiterte (….), erfand sich Figuren (…), die nie zum Leben erwachen, affektierte Erotikmarionetten eines Gepetto, der offenbar letztmalig die ganz große Sau rauslassen wollte – aber nicht grob lüstern natürlich, sondern fein ziselierend wie ein Hieronymus Bosch. (…) Nach der Pädophilie in „Lolita“, auf die Nabokov in „Ada“ mehrfach paradiesvogelstolz verweist, stand nur noch ein Tabu zur Verletzung an: das des fröhlichen Geschwisterinzests. Doch konnte Nabokov kaum weiter gehen als in „Lolita“ mit der Masturbationsszene Humberts angesichts seiner wie toten Stieftochter in spe (…). Die im lasziv klebrigen Nebel verirrte Handlung dieses als Autobiographie des Privatgelehrten Van Veen getarnten Romans überhaupt wiedergeben zu müssen, kommt der Zumutung gleich, Veens Lieblingsbordell „Villa-Venus-Club“ beitreten zu müssen.

Der Mann, igittigitt, geht ins Bordell! — und so weiter immer fort. Von solchem Zeug — ekelhafter waren auch “meine” schlimmsten Kritiken nicht — findet sich im Netz sehr, sehr sehr viel mehr. —Übrigens, Gresser. Wer ist denn Markus Gresser, der gleich zu Anfang süffisant darauf hinweisen muß, daß Nabokov siebzig Jahre alt war, als ADA erschien? Und ach, kein bißchen altersweise … (Ich meinerseits habe bis dahin immerhin noch fünfe Jahre der Gnade.)
Nein, Geliebte, suchen Sie selbst! Ich werd den Beelzebuben tun, den Schreiberling durch einen Link noch zu ehren. (“Tintenfingel” nannte den Typos Dr. Lipom).

Aber wirklich, so fragen Sie mich nun, weshalb tut ANH sich’s an, solch einen Müll zu lesen? — Deshalb, liebste Freundin, weil ich im Netz auf der Suche nach einem Personenverzeichnis war. Das ich bislang nicht fand und werde nun wohl selbst anlegen müssen. Doch geriet ich in den Genuß mancher Trouvaille, etwa einer Karte der auf dem nordamerikanischen Kontinent handelnden Spielorte, die über die seinerzeitige Realität (etwa gab es noch die Sowjetunion) eine poetische, sagen wir, Durchpause legt. Wir haben es ja mit einem phantastischen Raum zu tun.
Ich habe sie mir ausgedruckt und hinten in das Buch geklebt; außerdem haftet nun eine etwas größere Kopie links an der laufenden Projekten dienlichen Pinnwand:

Weiterhin fand ich sämtliche Spielorte auf “Antiterra”, von Dieter E. Zimmer auf Englisch gesammelt und erklärt und gleich von mir selbst, leichterer Handhabung wegen, ins Deutsche übersetzt, siebeneinhalb enggedruckte DIN-A4-Seiten. Sowie eine, ebenfalls von Dieter E. Zimmer, “Timeline of Ada”, erarbeitet von August 2009 bis Februar 2010.
Und weiteres und weiteres ist → da und → dort zu finden; außerdem gibt es noch → ZEMBLA — wobei ich “natürlich” mit dem Gedanken herumgespielt habe, meinerseits um Mitgliedschaft bei den → Nabokovians zu ersuchen, dies aber flugs verwarf, sowohl meines Autoren-Selbstbewußtseins halber (“Ich habe ein eigenes Werk!”) als auch, weil mein gesprochenes und geschriebenes Englisch zu erbärmlich ist, um dort von irgendeinem anderen Nutzen zu sein, als mich indirekt mit fremden Federn zu schmücken, was dann wieder mein Selbstbewußtsein störte.
Um es deutlich zu sagen, bin ich kein Interpret des originalen Nabokov-Werkes, sondern ein poetischer seiner deutschen Übersetzungen, und auch das nur, insoweit es die belletristischen Bücher betrifft. Darüber werde ich kaum jemals mehr hinausgelangen. Wesentliche Privilegien, die Nabokovs Dichtung bis ins hohe Alter nährten, sind mir nicht zuteil geworden, worüber ich nicht klage; statt dessen fand ich meine eigenen Wege. Sehen aber tu ich’s klar. Und bin auf seltsame Weise froh, mit diesem Mann, abgesehen von ADA, niemals früher in lesenden Kontakt gekommen zu sein. Und auch sie schon, diese mit Van Veen untrennbar verbundene Frau, trat in mein Leben erst, als meine eigene Ästhetik längst “stand”; wäre Ada früher erschienen, ich weiß nicht, woher ich den Mut, ja die Hybris genommen hätte, selbst noch etwas in die Regnitz zu tun. Hingegen diejenigen Autorinnen und Autoren, die mich prägten, etwa Aragon, mir auf eine Weise nahe waren, die immer zugleich unsere Fremdheit unterstrich; so konnte ich nicht einmal Epigone werden. Sie fast alle hatten etwas, das ich verabscheute, Aragon die miese Autoritätsgläubigkeit, sei es anfangs gegenüber Breton, später im klebrigen Verhältnis zum Sowjetkommunismus; Pound und, gelinder, D’Annunzio wie Pirandello beider Faschismusnähe wegen; Dostojewski wegen der kriecherischen Glaubenstümelei; Nietzsche aufgrund des “Übermenschen”; Christa Reinig wegen ihres hardliner-Feminismus und Marianne Fritz wegen der psychotischen Schreiberinstruktur; ebenso Kafka, nur muß da das geschlechtskorrekte “in” weg; Beckett wegen seines existentialistisch-grotesken Nihilismus; Bernhard wegen seiner von dem elastischen, rhythmischen Stil nur allzu kläglich kaschierten Larmoyanz; Benn und Niebelschütz wegen der Nähe zum Nationalsozialismus. Und so weiter. Doch alle sie waren und sind für meine Arbeit und ihrer Entwicklung von enormer Bedeutung; ich schulde ihnen einen Riesendank. Ah, Thomas Mann vergaß ich, dessen sich selbst erhöhenden Sätze mitunter unerträglich gelockt sind, und doch unersetzlich. Indessen Nabokovs kristallene Prosa mich hätte zumindest als jungen Mann eine Nähe imaginieren lassen, unter deren Last ich poetisch verstummt wäre: “Daran ist nie zu gelangen für einen wie dich!” — so daß ich heute vielleicht ein passabler Jurist oder begüterter Mensch wär’ im Börsengewerbe. Vielleicht hätte ich nach dem DOLFINGER (also der “Erschießung des Ministers”) noch EINE SIZILISCHE REISE geschrieben, aber weder der WOLPERTINGER noch eines der späteren Bücher, auch nicht die BAMBERGER ELEGIEN und TRAUMSCHIFF, hätten entstehen können, um von MEERE vollends zu schweigen; und meine poetologische Arbeiten sowieso nicht.

Ihr ANH,
den Sie Sie erfinden ließen.

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“Berstend vor kelterreifem Verlangen.” Nabokov lesen, 35: Das Bastardzeichen. Dazu zwei kleine – von García Márquez und Kubin – Endspielstücke.

 

(…) vom ersten Treppenabsatz warf sie einen Blick zurück; dann enteilte sie aufwärts, ihren Schal mit allen seinen Sternbildern hinter sich herschleifend — Kepheus und Kassiopeia in ihrem immerwährenden Glück und die hellglänzende Träne Kapella und Polaris die Schneeflocke und das grauschimmernde Fell des Großen Bären und die ohnmächtigen Spiralnebel — diese Spiegel der Unendlichkeit qui m’effrayent, Blaise, genau wie dich, und wo Olga nicht ist, aber die Mythologie starke Zirkusnetze spannt, auf daß der Gedanke in seinem schlechtsitzenden Trikot sich nicht den alten Hals breche, statt mit Heidi und Hopsa auf- und abzuschnellen — und dann hinunterzuspringen in das urindurchnäßte Sägemehl, den kurzen Weg zu durchmessen, in der Mitte die halbe Pirouette zu vollführen und mit amphiphorischem Akrobatengruß darzulegen, wie äußerst einfach der Himmel letztlich sei, mit den freimütig geöffneten Händen, die einen knappen Beifallsschauer hervorrufen, indes er zurückgeht, sich wieder in seine Männlichkeit findet und das kleine blaue Taschentuch auffängt, das seine muskulös fliegende Gefährtin nach der eigenen Anstrengung aus ihrem erhitzten wogenden Busen gezogen hat — und ihm zuwirft, damit er seine schmerzenden erschlaffenden Handflächen trockne.
Das Bastardzeichen, S. 73/74
(Dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

Hier, in diesem rhythmisch hochgradig hypotaktischen, die Treppe hinaufsteigenden Fluß, ist Nabokov stilistisch ganz bei sich selbst, das heißt: in seiner Figur, dem ohnedies unangepaßten Philosophen Adam Krug, dessen gerade verstorbene Frau Olga im Hinaufschreiten einer fremden jungen Dame kurz in ihm aufsteigt, die, nachdem sie sich aus der Umarmung ihres jungen Freundes gelöst, um dem älteren Mann den Durchgang zu ermöglichen, hinter sich diesen Schal herschleift, einem momenthaft zur Ewigkeit werdenden, in die die Gattin verschwunden. Krugs Schmerz darob wird zu verheißender Mythologie — einer innenleuchtenden Realität neben der äußeren nicht nur profanen, sondern politisch mehr als beklemmenden. Doch findet diese Beklemmung erst ganz zum Schluß des Buches Einlaß in den Mann, der sich der bösen Wirklichkeit gemäß dem ihm eigenen Trotz verweigert hat, dafür nun den gequälten Tod seines kleinen, jetzt mutterlos hinterbliebenen Sohnes hinnehmen muß, was ihn mit Wahnsinn und schließlich dem eigenen Ende bestraft:

In jähen, kräftigen Sprüngen stürzte Krug auf die Mauer zu, wo Paduk, das Gesicht in Angstschweiß gebadet, von seinem Stuhl rutschte und zu verschwinden suchte. Im Hof tobte wilder Tumult. Krug wich der Umarmung eines Gardeoffiziers aus. Dann schien die linke Seite seines Kopfes in Flammen aufzugehen (diese erste Kugel hatte ihm einen Teil des Ohrs weggerissen), doch frohgemut stolperte er weiter (…). Er sah die Kröte [Paduks Spitzname, ANH] am Fuß der Mauer kauern, zittern, zerfließen, schrille Beschwörungen ausstoßen, sein verschwimmendes Gesicht mit einem Arm bedecken, und Krug stürzte auf ihn zu — und den Bruchteil einer Sekunde, bevor eine zweite und besser gezielte Kugel ihn traf, rief er noch einmal: du, du — und die Mauer verschwand wie ein schnell zur Seite geschobenes Diapositiv,

und jetzt kommt eine der für diesen Roman typischen Perspektivwechsel mitten in der Sequenz, ein Sprung ins Innere des Autors-selbst,

und ich reckte mich und erhob mich aus dem Chaos beschriebener und umgearbeiteter Seiten, um nachzusehen, was da plötzlich gegen die Drahtgaze vor meinem Fenster geklirrt war.
Bastardzeichen, S. 272

Es ist ein Nachtfalter, der ungewissermaßen die innere Balance des vom Geschehen beklemmten Schreibenden wiederherstellt, das unbedingte klassizistische Müssen des Ausgewogenseins poetischen Anschauns, um das Barbarische wenigstens in der Erzählung bannen zu können:

Die verschiedenen Bestandteile meiner vergleichsweise paradiesischen Umgebung – die Nachttischlampe, die Schlaftablette, das Glas Milch – blicken mir völlig unterwürfig in die Augen. Ich wußte, daß die Unsterblichkeit, die ich dem armen Kerl [i. e. Adam Krug, ANH] verliehen hatte, ein schlüpfriger Sophismus war, ein Spiel mit Worten. Doch diese letzte Runde seines Lebens war glücklich gewesen, und es war ihm bewiesen worden, daß der Tod lediglich eine Frage des Stils war
Bastardzeichen, S. 273

sowie

eine Frage des Rhythmus.
Bastardzeichen, ebda.

Selten zuvor wurde der Charakter der nabokovschen Poetik so deutlich wie in dieser Passage.

Aber was wird erzählt? — Die U4 meiner rororo-Taschenbuchausgabe vom Februar 1987 stellt es so dar:

Eine blutige Revolution hat die “Kröte” an die Macht gebracht,

blöder, weil den Textern schlichtweg unterlaufender Reim in dieser Zusammenfassungs”prosa”,

wie der Volksmund den Diktator Paduk nennt, und mit ihm die ‘Partei des Durchschnittsmenschen’,

über die Enzensberger sich wahrscheinlich → billig freute,

ein ebenso banales wie brutales Gelichter. Mit aller Präzision seines Stils zeigt Nabokov die totalitäre Welt als das, was sie ist: eine ‘bestialische Farce’, ein Gemisch aus Lächerlichkeit und Grauen. Auch in diesem seinem düstersten Buch erweist sich Nabokov als ein Meister des Grotesken.

In “diesem seinen” Geplapper ist der Klappentext ein Graus und grotesk im Roman leider gar nichts, vielmehr bitter in gleich mehrfacher Hinsicht, sei’s wegen der tatsächlichen Realität des Nabokov sich zur Vorlage geradezu angeschmissenen Sowjetkommunismus, sei’s wegen des auf hochgebildet-intellektuelle Weise verqueren Trotzes Adam Krugs selbst, der sich der neuen Situation zu stellen sogar gedanklich weigert und meint, vermittels eines deftigen Hohns das Grauen von sich fernhalten zu können. Diese Haltung wird am Ende tragisch, wenn sogar das eigene Kind ihr zum Opfer gebracht wird — nein, nicht willentlich, doch als kollaterale Folge. Was dem Helden erst klar wird, als es zu spät ist.
Die Dynamik ist aber noch komplexer. Denn die “Kröte”, zur Schulzeit, wurde nach Kräften von Krug und seinen Kumpels gequält. Ihre Erhebung über den schwächlichen Jungen, der später zum Diktator aufsteigt (und da immer noch, letztlich, den Zuspruch seines Schulquälers sucht), ist wirklich derart bodenlos, daß der Gedanke sich nicht ganz von der Hand weisen läßt, an Paduks späterer Grausamkeit trage Krug durchaus nicht wenig Mitschuld. Seine, Krugs, gesamte Konstitution ist sogar psychisch die der Überhebung — besonders über geistig, aber auch körperlich Schwächere.
Der Paduk als noch Schulbub galt ihr als hochwillkommenes Futter:

(…) ich pflegte ihm ein Bein zu stellen und mich dann auf sein Gesicht zu setzen — eine Art Sitzkur”(,)
Bastardzeichen, 61,

erklärt er seinen Kollegen, die ihn bedrängen, das Rektorat der neu zu organisierenden, vom Regime noch geschlossenen Universität zu übernehmen, was er erstens keineswegs vorhat und weshalb er zweitens beharrt:

“Fünf Schuljahre lang habe ich Tag für Tag auf seinem Gesicht gesessen (…), das dürfte zusammen ungefähr tausend Sitzungen machen.”
Bastardzeichen, ebda.

Und – noch nachtretend – schränkt er böse ein:

Ich habe doch wirklich nichts Schlimmes gesagt, oder? Ich habe zum Beispiel nicht behauptet, daß heute, nach fünfundzwanzig Jahren, das Gesicht der Kröte immer noch die unverwischbaren Spuren meines Gewichts trägt. Damals war ich zwar schmächtiger als jetzt —”
Bastardzeichen, 61

Daß sich die Machtverhältnisse nun gegen ihn, den gleichsam Gewinner von Geburt (auch im Sport war er ein As) verkehrt haben sollen, da Paduk und seine Kretins den Staat erbarmungslos an Zügeln halten, will ihm nicht in den Kopf. Zugleich allerdings ist er, Krug, mit dem ständigen seelischen Aufwand beschäftigt, den Verlust seiner geliebten Frau sich erträglich zu machen. Das geht mit seinem durchaus begründeten, tatsächlich extremen Selbstwertgefühl die schließlich tragisch endende Allianz ein, das ihn nahezu allen andren Menschen gegenüber so überlegen sein läßt. Zu unrecht mit Recht, muß ich schreiben.
Aber hören Sie, Geliebte, wie der Paduk-als-Junge uns Leserinnen und Lesern vorgestellt wird, körperlich vorgestellt. Es ist dies nicht ohne Infamie, insofern es Paduks infame Idee seiner “Diktatur der Gleichen” geradezu biologisch, ja physiologisch begründet, als ein gleichsam angeborenes Böses — das sich schon darin habe gezeigt, daß er, Paduk, zu den

saftpupen (Muttersöhnchen) [gehörte], die auf den breiten Fensterbänken hinter dem Garderobenständer dösten, und Paduk (…) aß etwas Süßes und Klebriges, das ihm ein Hausmeister (…) zugesteckt hatte. Wenn es klingelte, wartete Paduk, bis sich der Aufruhr gelegt hatte und die geröteten, schmutzigen Jungen zurück ins Klassenzimmer gestürmt waren, ehe er, eine seiner klebrigen Handflächen tätschelnd auf das Geländer gelegt, verstohlen die Treppe hinaufschlich. Krug, der aufgehalten worden war (…), überholte ihn und zwickte im Vorbeigehen sein  fettes Hinterteil.
Bastardzeichen, S. 80/81

Hören Sie sich jetzt noch die Herkunft des kleinen Jungen an:

(…) Paduks Mutter, eine schlappe, tranige Frau aus der Marsch, war im Kindbett gestorben, und bald darauf hatte der Witwer ein körperbehindertes Mädchen geehelicht (…).
Bastardzeichen, ebda.

Und weiter in des Jungen Beschreibung:

Als Kind hatte Paduk ein teigiges Gesicht und einen grauen, beuligen Schädel (…); außerdem hatte er einen leicht watschelnden Gang und trug Sandalen, die eine Menge bissiger Bemerkungen auf sich zogen. (…) Seine Hände waren ständig klamm. Er sprach seltsam ölig durch die Nase, hatte einen starken nordwestlichen Akzent und die aufreizende Angewohnheit, aus den Namen seiner Klassenkameraden Anagramme zu bilden (…), weil man unablässig im Sinn behalten sollte (…), daß alle Menschen aus den gleichen, nur verschieden gemischten fünfundzwanzig Buchstaben bestehen.
Bastardzeichen, ebda.

Was später die Grundlage seines quasikommunistischen Regimes des “Volkes” als eines der Immergleichen werden wird. Auch dessen, des Regimes, Gemeinheit sei aber schon im Kind angelegt:

Paduk jedoch war trotz all seiner Verschrobenheiten langweilig, platt und unerträglich gemein. Wenn man es sich jetzt vor Augen führt, kommt man zu dem unerwarteten Schluß, daß er auf dem Gebiet der Gemeinheit geradezu ein Held war

nicht etwa Krug, der den Jungen quälende Mitschüler,

denn jedesmal, wenn er sich etwas Derartiges leistete, muß er gewußt haben, daß er sich wieder auf dem besten Wege zu jenem höllischen physischen Schmerz befand, den seine rachsüchtigen Klassenkameraden ihm unweigerlich zufügten.
Bastardzeichen, S. 80/81

Wobei Nabokov pluralmajestätisch noch hinzufügt, daß “wir uns” seltsamerweise

eines bestimmten Beispiels seiner Gemeinheit (…) nicht entsinnen können, obwohl wir uns lebhaft daran erinnern, was Paduk als Vergeltung für seine abstrusen Verbrechen auszuhalten hatte.
Bastardzeichen, ebda.

Wenn der ängstliche Bub also “gemein” war, dann ziemlich sicher aus Notwehr. In jedem Fall war er ein gequältes, gestoßenes Kind, dem, daß er es war, die anderen Kinder nicht nur obendrein zum Vorwurf machten, sondern sie “bestraften” ihn dafür — der “beethovensche” (“nur daß er intelligenter war”, S. 56) Adam Krug allen voran, dessen tief sitzende Abneigung gegen Schwächere uns Nabokov als seinerseits, krugseitens, Unrecht durchaus bemerken läßt und es uns ganz so leicht nicht macht, uns affirmativ mit dem Mann zu identifizieren. Wir müssen nur genau lesen:

“Das reicht mir jetzt!” sagte Krug, der plötzlich einen seltsamen Schuß Vulgarität, ja Grausamkeit an den Tag legte, denn nichts in dem harmlosen und wohlmeinenden Geschwätz des jungen Forschers (den ganz offensichtlich jene Schüchternheit so redselig gemacht hatte, die für überreizte und vielleicht unterernährte junge Leute, Opfer des Kapitalismus, Kommunismus und der Onanie, so charakteristisch ist (…)), rechtfertigte die Grobheit des Einwurfs (…).
Bastardzeichen, S. 71/72

Allein diese Trinität nachzuschmecken, Kapitalismus, Kommunismus und Onanie ..! Wer nämlich spricht hier? Adam Krug durch den auktorialen Erzähler oder dieser selbst? Erinnern Sie sich aber des schon erwähnten Stilmittels, aus der Er-Erzählung geradezu unmittelbar ins Ich zu wechseln, das ganz genauso bisweilen Adam Krugs, dann aber wieder, siehe oben, der Erzählers selbst ist. Diese unauflösbare, weil ineinandergewachsene Ambivalenz prägt den gesamten Roman.
Doch zu Krug-direkt zurück: Als Sohn eines “angesehenen Biologen” (S. 80) ist er nicht nur von Herkunft und Bildung, sondern eben auch körperlich derart privilegiert, daß selbst der von ihm einst gequälte, nunmehr zum Diktator aufgestiegene teigige Paduk nach wie vor um ihn, es ist nicht anders zu nennen, buhlt. Krugs ihm freilich in keiner Weise gewachsenen Freidenkerfreunde sind dagegen alle längst verhaftet oder haben ihr Heil in der Emigration gesucht. Alleine der Querkopf hält stand, will nicht. Noch jetzt, zu Beginn der Erzählung, ist er

ein großer, schwerer Mann, früh in den Vierzigern, mit unordentlichen, staubigen oder leicht angegrauten Locken und einem grob gehauenen Gesicht, das an den ungeschlachten Schachmeister oder den mürrischen Komponisten [gemeint ist eben Beethoven, ANH] erinnerte, nur daß er intelligenter war. Die kräftige, gedrungene, düstere Stirn hatte das eigentümlich hermetische Aussehen (…) von Denkerstirnen. (…) Was sonst noch? Ach ja — daß sein Zeigefinger unablässig geistesabwesend auf der Stuhllehne trommelte.
Bastardzeichen, S. 56/57

Selbstverständlich ist er nicht leidfrei, schon gar nicht nun, da seine geliebte Frau verstorben, die ihm immer und immer wieder in seinen Gedanken aufsteigt, nicht selten mit fast realer Präsenz — was diesem Roman eine mitunter geradezu mythische Klangfarbe gibt, die zur von der neuen Diktatur verschuldeten Beklemmung im Wortsinn ebenso unheimlich paßt, wie die aus Metapher, Beobachtung und Rhythmus gewobene Dichte des Stils, die sich häufenden Hypotaxen eingeschlossen, derart enggeführt ist, daß wir die Enge der neuen Gesellschaftsform quasi aus jeder Seite spüren. Und es ist allein der trotzige Witz Krugs, der daraus bisweilen erlöst, etwa schon am Anfang des Buches, da eine Brücke überschritten werden muß, an deren beiden Seiten Soldaten zur Überprüfung der Ausweise stehen. Pikanterweise ist die eine Flußuferseite mit Analphabeten besetzt, was dazu führt, bzw. führen könnte, daß ein Passant nun lebenslang zwischen den Posten immer hin- und hergehen muß, weil die drübige Seite einen Passagevermerk verlangt, den die hiesige mangels Schreibfähigkeit zeichnen gar nicht kann. Halten wir uns vor Augen, daß die analphabeten Soldaten für ihre Bildungsschwäche sicherlich nicht verantwortlich sind – für Dummheit könnten sie schon gar nichts  –, wird uns fast schmerzhaft klar, wie ätzend Adam Krugs Spott ist, zudem er zu Formulierungen greift, die sich dem Verständnis der Soldaten schon terminologisch komplett entziehen:

“Nein, nein”, sagte Krug. “Ich nicht aus Kahn klettern. 

Ich nicht aus Kahn klettern: Schon diese Reduktion eines einfachsten Satzes auf die unvollkommene Grammatik des Achtelgebildeten ist hämisch. Unszulande wurden so, und werden teils noch, Migranten der  sogenannten Unterschicht sprachlich persifliert. Aber jetzt kommt’s!

Ihr kapiert es immer noch nicht. Ich will es so einfach wie möglich ausdrücken. Die vom solaren Ende [also der gegenüberliegenden Brückenseite, ANH] sehen heliozentrisch, was ihr Tellurier geozentrisch saht, und wenn diese beiden Aspekte nicht irgendwie kombiniert werden, muß ich, das ins Auge gefaßte Objekt, in der universalen Nacht für alle Ewigkeit hin- und herpendeln.”
Bastardzeichen, S. 24

Allerdings geht er, also Krug, mit sämtlichen Menschen so um, die, ob tatsächlich oder eingebildet, an seinen Verstand nicht reichen, darin seinem Autor nicht völlig unähnlich, der etwa ein Parlamentsmitglied einen “Mann von mildem Stumpfsinn” (S. 44) nennt oder die ohnedies schon scharfen Nägelkanten seiner ironisch gezügelten Misogynie noch zufeilt und dann den Hornstaub von den Fingerkuppen bläst, damit das kristallne Glitzern dieses Satzes von gar nichts, gar nichts getrübt sei:

Sie war eins jener dünnblütigen helläugigen reizenden schlimmen schleimigen Schlangenmädchen, die zugleich hysterisch begehrlich und hoffnungslos frigide sind.
Bastardzeichen, S. 135/136

Imgrunde ist Krug — wo der aus gequälter Kinderseele zur unbegrenzten, sich fortan schadlos haltenden Macht gelangte Paduk ein zugleich tief feiger wie so sadistischer Mann wurde, daß er auch nicht davor zurückschreckt, Kinder foltern lassen, woran er möglicherweise sogar eine Art umgekehrter Stockholm-Genugtuung hat — ein mit genossenen Privilegien und Geist ausgestatteter Unhold, jedenfalls nur für diejenigen ein Sympathieträger, denen, ihrerseits hämisch, seine Rücksichtslosigkeiten gefallen. Und doch sind wir notwendigerweise näher bei ihm und leiden mit ihm mit, weil eben sein Leid auch vermittelt wird, vor allem der verlorenen, eher unbewußt als zugelassen betrauerten Gattin wegen, und weil uns seine Widerständigkeit gefällt. Und wir, ganz wie er selbst, übersehen das Risiko, dem er sein eigenes Kind damit aussetzt, übersehen sie auch, weil Krugs im Geiste schlichten Freunde sie nicht übersehen und wir uns einfach nicht vorstellen können, ein Mann von, Nabokov legt den Vergleich nicht nur einmal nahe, beethovenschem Format gerate auch nur in Gefahr, anders als sie sich zu irren. Dabei warnen sie ihn und warnen —
Dieses ist für mich eines der absolut meisterhaften Konstruktionsprinzipien des Romans, der nach dem beinah leichtfüßigen Sebastian Knight mit der ganzen atmosphärischen Dichte der russischen Gabe, zugleich einer bedingungslosen Schwere und doch auch auf das sanfteste eingewobenen Meditationen über Erinnerung daherkommt:

Und später dann, als du zwanzig warst und ich dreiundzwanzig [war], lernten wir uns auf einer Weihnachtsfeier kennen und entdeckten, daß wir jenen Sommer vor fünf Jahren Nachbarn gewesen waren — fünf verlorene Jahre! Und genau in dem Augenblick, da du in erschrecktem Staunen (erschreckt von der Stümperei des Schicksals) deine Hand an den Mund legtest, mich mit runden Augen ansahst und leise sagtest: Aber dort habe auch ich gewohnt! — da durchfuhr mich wie ein Blitz die Erinnerung an einen grünen Pfad in der Nähe eines Obstgartens und an ein kräftiges junges Mädchen, das behutsam einen verirrten flaumigen Nestling trug, aber ob du es wirklich warst, konnte alles Forschen und Fahnden weder bestätigen noch widerlegen.

Fragment eines Briefes an eine Tote im Himmel von ihrem Gatten im Rausch.
Bastardzeichen, S. 158/159

Oder wenn der hierüber noch berauschte Krug beinahe nüchtern über seinen kleinen Sohn sinnt:

Und welche Qual, dachte Krug der Denker, ein kleines Geschöpf so wahnsinnig zu lieben, das auf geheimnisvolle Weise ( uns heute geheimnisvoller noch als den ersten Denkern in ihren bläßlichen Olivenhainen) aus der Verschmelzung zweier Geheimnisse entstanden sind, oder vielmehr aus zweimal einer Trillion Geheimnissen; aus einer Verschmelzung, die zugleich eine Sache des Willens, eine Sache des Zufalls und eine Sache reinen Zaubers ist; ein Geschöpf, das solchermaßen entstanden und dann frei ist, Trillionen eigener Geheimnisse anzuhäufen; das Ganze durchströmt von Bewußtsein, welches das einzig Wirkliche auf der Welt ist und das größte Geheimnis von allen.
Bastardzeichen, S. 213/214

Auch das ist eben Adam Krug, inwendig zart, dieser “bäurische Bär” (S. 242), wenn er liebt. Wäre indessen nicht denkbar, daß Paduk auch, wenigstens als er noch Kind war, ähnliche Empfindungen hatte, die sich aus seiner Qual heraus schließlich pervertierten? Diese Perspektive nimmt weder Nabokov noch Adam Krug jemals ein, wir können Sie aber von uns aus mitbringen. Das Buch, wenn wir genau lesen, läßt uns diesen Raum, auch wenn unsre Sympathien —selbstverständlich, möchte ich fast schreiben — alleine deshalb auf der Seite “Beethovens” stehen, weil der Mut seines Trotzes so beeindruckend ist, und wir, Hand aufs Herz, gerne eigentlich ebenso wären, nicht kompromittierbar nämlich und niemandem sonst, als unserem eigenen, mit vielen Gründen, Dafürhalten verpflichtet. Es ist diese Geste, mit der der tatsächliche Beethoven die Widmung an Bonaparte durchstrich, wütend sie löschte.

[Detaillierter zu Nabokovs Beethovenmotiv
siehe meine Anmerkung → dort
.]

Es gibt im Bastardzeichen aber auch menschliche Einsichten, die Nabokov/Krugs überheblichen Gestus komplett unterlaufen, und zwar so sehr, daß sie — eine bei Nabokov mindestens ebenso wirkende “Meinungs”strategie — gegen die schlechte Realität eine quasi phantastische des inneren Raums setzen, den in der hiesigen Erzählung vorwiegend die Erinnerungssequenzen an die geliebte verstorbene Ehefrau beleuchten, aber nahezu unvermutet in einer längeren Passage ausgeführt werden, die sich um den vermeintlichen “Spießbürger” dreht — hier durch eine in-der-Fiktion-fiktive Person namens Etermon vertreten:

Allerdings war Skotoma das Opfer eines weit verbreiteten Irrtums geworden: Den “Spießbürger” gab es nämlich nur als Etikett auf einem leeren Karteikasten (der Bilderstürmer [nämlich Skotoma, ANH] verließ sich wie alle Leute seines Schlages ganz und gar auf Verallgemeinerungen und war völlig unfähig, etwa von der Tapete in einem zufälligen Raum Notiz zu nehmen oder intelligent mit einem Kind zu sprechen). In Wahrheit hätte man mit ein wenig Umsicht manches Merkwürdige über die Etermons erfahren können, manches, [d]as sie so sehr voneinander unterschied, daß Etermon höchstens als die vergängliche Ausgeburt eines Karikaturisten existieren konnte. Plötzlich verwandelt, schließt sich Etermon (den wir doch eben noch harmlos im Haus herumtrotten sahen) mit seiner Beute im Badezimmer ein — einer Beute, die wir lieber nicht beim Namen nennen; ein anderer Etermon stiehlt sich aus dem armseligen Büro geradewegs in eine Bibliothek, um sich an gewissen alten Landkarten zu erbauen, über die er zu Hause kein Wort verlieren wird; ein dritter Etermon berät mit der Frau eines vierten besorgt die Zukunft eines Kindes, das sie ihm heimlich geboren hat, dieweil ihr Mann (jetzt wieder daheim in seinem Lehnstuhl) in einem entlegenen Dschungelland kämpfte, wo er seinerseits Nachtfalter von der Größe eines geöffneten Fächers und des Nachts rhythmisch pulsierende Bäume voller Leuchtkäfer gesehen hatte. Nein, die durchschnittlichen Gefäße sind gar nicht so einfach, wie sie [zu sein] scheinen: Sie gehören einem Zauberer, und niemand, nicht einmal der Magier selbst, weiß, was und wieviel sie fassen.
Bastardzeichen, S. 93/94

Selbstverständlich wird hier der Irrsinn der Annahme (und der politischen Doktrin) einer Gleichheit aller Menschen demontiert, damit der Kommunismus, dessen unerbittlicher Feind Nabokov zeitlebens blieb. Allein dann die Beschreibung der – auch weiblichen – Schergen des Machtapparates lassen einen schauern. In der Tat, nach Lektüre dieses Romans kann sich nur bodenlos schämen, wer jemals auch nur entfernte Sympathien für die marxistisch-leninistische Praxis gehegt hat. Denn was der Klappentext meines Taschenbuches “Groteske” nennt, ist in derartigen “Systemen” eben scheußlichste Realität — bis hin zu dem “Irrtum”, in dessen Folge Krugs kleiner, nun wirklich schuldloser Sohn zerbrochen wird, was folgendermaßen vonstatten geht:

Nun ja, das Gehege, in dem die ‘kathartischen Spiele’ stattfanden, war so gelegen, daß der Direktor aus seinem Fenster und die anderen Ärzte und wissenschaftlichen Kräfte, Männer und Frauen (Frau Doktor Amalia von Wytwyl zum Beispiel, eine des faszinierendsten Persönlichkeiten, die man sich denken kann (…)), von anderen gemütlichen Warten aus den Verlauf beobachten und sich Notizen dazu machen konnten. Eine Krankenschwester führte die ‘Waise’ die Marmortreppen hinab. Da Gehege war eine wunderschöne Rasenfläche (…) und erinnerte an jene Freilichttheater, die den alten Griechen so teuer waren. (…) Nach einer Weile wurden die Patienten oder ‘Insassen’ (acht im ganzen) in das Gehege geführt. Zunächst hielten sie sich in einiger Entfernung und beobachteten den ‘Kleinen’. Es war interessant zu sehen, wie sich allmählich er Gruppengeist geltend machte. Waren es bislang rohe, gesetzesscheue, unorganisierte Individuen gewesen, so verband sie jetzt etwas, der Gemeinschaftsgeist (positiv) gewann die Oberhand über die privaten Grillen (negativ); zum ersten Mal in ihren Leben waren sie organisiert. Frau Doktor von Wytwyl pflegte zu sagen, daß die ein wundervoller Augenblick sei. (…) Und dann begann der Spaß. Einer der Patienten (…) ging zum ‘Kleinen’ hinüber, setzte sich neben ihn auf den Rasen und sagte: “Mach mal den Mund auf.” Der ‘Kleine’ tat wie geheißen, und mit unfehlbarer Sicherheit spuckte der Jüngling einen Kieselstein in den geöffneten Mund des Kindes. (…) Manchmal begann das ‘Kneifspiel’ gleich nach dem ‘Spuckspiel’, doch in anderen Fällen nahm die Entwicklung von harmlosem Knuffen und Puffen oder gelinden sexuellen Investigationen zum Gliederverrenken, Knochenbrechen, Augenausstechen und so weiter geraume Zeit in Anspruch. Todesfälle waren natürlich unvermeidlich, häufig jedoch wurde der ‘Kleine’ noch einmal zusammengeflickt und munter ein zweites Mal auf die Walstatt geschickt. Nächsten Sonntag darfst du wieder mit den großen Jungs spielen, Liebling. Ein zusammengeflickter ‘Kleiner’ stellte ein besonders befriedigendes ‘kathartisches Werkzeug’ dar.
Bastardzeichen, S. 248/249

Wohlgemerkt dies alles zur Stärkung des Gemeinschaftsgeists. Auf wen dieses das Organisationsbewußtsein des Volkes stärkende ‘Verfahren’ abzielt, wird vier Seiten später klar, als im selben Zusammenhang das Wort Jarowisierung fällt, im Stalinismus zeitweise Wissenschaftsdoktrin — auf Menschen bezogen eine deutliche Parallele zu den nationalsozialistischen Kälteversuchen.

Nun gehört zwar nicht Ästhetisierung des Grauens unbedingt zum Charakter der Kunst, wohl aber seine Einbettung in ästhetisch geformte Erscheinungsfelder, ästhetische quasi Magnetfelder, weshalb bei allem Entsetzlichen auch und gerade das Bastardzeichen voller Schönheiten, nämlich sprachlich oft hinreißend schöner Gestaltungen ist. In anderem Zusammenhang habe ich mehrmals schon von der perversen Bewegung der Künste gesprochen, die eben die Wahrnehmung und Wahrnehmungsnotwendigkeiten ihrer Rezipienten mit einschließt. Es gehört zu den Eigenheiten aller Kunst, daß sie das Unerträgliche insofern erträglich macht, als seine Darstellung zu Genuß führt — freilich einem, dessen Empfinden abhängig von Vorbildung sowohl des Wissens und Mehrwissenwollens als auch der Bereitschaft, sich auszusetzen, ist. Deshalb ist es kein Wunder, daß wir durch das Bastardzeichen wie berauscht hindurchziehn, ja von diesem Roman, der wirklich kein Wohlfühlbuch ist, gar nicht mehr lassen können. Mehrmals während meiner Lektüre war mein poetischer Instinkt versucht, sowohl Vergleiche mit García Márquez’ hierzulande kaum bekanntem → Herbst des Patriarchen und Alfred Kubins → Die andere Seite herzustellen, bin dem aber noch nicht wirklich nachgegangen. Zwei Zitate mögen erstmal genügen:

García Márquez:
Während des Wochenendes fielen die Aasgeier über die Balkone des Präsidentenpalastes her, zerrissen mit Schnabelhieben in innen erstarrte Zeit auf, und im Morgengrauen des Montags erwachte die Stadt aus ihrer Lethargie von Jahrhunderten in der lauen, sanften Brise eines großen Toten und einer vermoderten Größe. (…) Es war, als traumwand[e]l[t]e man durch den Bereich einer anderen Zeit, den die Luft war dünner in den Trümmergruben der weiten Höhle der Macht, und die Stille war älter, und die Dinge wurden nur mühsam sichtbar in dem altersschwachen Licht. In dem weiten ersten Innenhof, dessen Fliesen dem unterirdischen Druck des Unkrauts nachgegeben hatten, sahen wir die verwüstete Wachstube der geflüchteten Wachposten, die in den Waffenschränken zurückgelassenen Waffen, den langen Plankentisch mit den halbgefüllten Tellern des von panischem Schrecken unterbrochenen Sonntagmittagessens (…) und die Berline aus den Zeiten des Aufruhrs, den Pestkarren, die Staatskarosse aus dem Jahr des Kometen (…,) und alle bemalt mit den Farben der Landesflagge.
S. 5/5 (Dtsch. v. Curt Meyer-Clason)

Sowie Kubin:
Am Bahnhof fraß der Sumpf. Das Gebäude hatte sich geneigt, der Perron war mir Schlamm und Schilf überdeckt, durch die verfaulten Türen kroch der Morast in die Wartesäle, von den Bänken und Polstern ertönten Wehmutslieder der Unken. Über die Büffets krabbelten Molche und kleine Käferlarven. Die unzähligen Geschöpfe, welche Perle durchwandert, die Gärten verwüstet und die Menschen geängstigt hatten, alle stammten sie aus dem Sumpfe, der sich viele Meilen ins Dunkel erstreckte.
S. 168/169

Klingen nicht beide Textstellen nach mächtigen historischen Endbeben dessen, was der längst entflohene Nabokov erzählt und Krug, noch mitten darin, es zu fliehen leider nur gedankenspielt? —nämlich so:

Gab man zu, daß Raum und Zeit eins waren, so wurden Flucht und Rückkehr. vertauschbar. Es hatte den Anschein, als könn[t]e ein Land, in dem sein Kind in Sicherheit, Freiheit und Frieden aufwachen durfte (ein langer langer Stand, übersät mit Körpern, Sonne und Wonne und ihr latin satin– die Reklame für irgendwelchen amerikanischen Ramsch, irgendwo gesehen, irgendwie behalten), die Vergangenheit in all ihrer Eigentümlichkeit (ein Glück, an dem er damals achtlos vorübergegangen war, ihr feuriges Haar, ihre Stimme, die dem Kind von kleinen, vermenschlichten Tieren vorlas) ersetzen oder zumindest nachahmen. Mein Gott, dachte er, que j’ai été veule, vor Monaten schon wäre es vonnöten gewesen, er hatte ganz recht, der Ärmste: Die Straßen schienen voll von Buchhandlungen und trüben kleinen Kneipen [zu sein]. Da wären wir. Bilder mit Vögeln und Blumen, alte Bücher, eine polkagesprenkelte Porzellankatze. Er trat ein.
Bastardzeichen, S. 205

Und versucht endlich, eine Fluchtpassage aus dem gepeinigten Land zu bekommen, aber zu spät.

 

NACHSPIEL, NÄMLICH PFÜTZENSPIEGEL

“Jede Pfütze Ozean” heißt es in THETIS.ANDERSWELTs Vorspiel. Hier ist die Pfütze ein Spiegel, in dessen – sic! – andere Seite wir schauen. Denn so beginnt das Buch:

Eine längliche Pfütze, in den groben Asphalt gedrückt; wie ein phantastischer Fußstapfen, der bis zum Rand mit Quecksilber gefüllt ist; wie ein spatelförmiges Loch, durch das man den unteren Himmel sieht. Umgeben, bemerke ich, von den Fühlern einer diffusen schwarzen Feuchtigkeit, in der ein paar stumpfe schwärzliche Blätter kleben. Vermutlich ersäuft, ehe die Pfütze auf ihre jetziger Größe zusammenschrumpfte.
Bastardzeichen, S. 7

Und es endet:

Auch den Glanz einer Pfütze vermochte ich zu erkennen (derselben, die Krug irgendwie durch die Schicht seines Lebens wahrgenommen hatte), eine länglichen Pfütze, die der unveränderlichen spatelförmigen Form einer Bodenvertiefung wegen nach jedem Regenguß unfehlbar die gleiche Gestalt annahm. Möglicherweise darf etwas Ähnliches in Bezug auf den Abdruck gesagt werden, den wir in der inneren Textur des Raumes hinterlassen. Peng. Eine gute Nachricht für die Nachtfalterjagd.
Bastardzeichen, S. 273

 

Ihr, Geliebte,
ANH

 


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Musik für Geist, der fühlen kann:
David Ramirers Improvisationen “Organics” auf Bachs Präludium C-Dur BWV 846.

 

Wie oft habe ich, seit mein Artikel zu David Ramirers Variationen auf das bachsche ricercar a tre → bei Faustkultur erschien, nun schon mit Musikern, nun jà, gestritten, ob dies auch “richtige” Musik sei! Die Vorbehalte gegen den Computer sind enorm, anstelle daß er einfach nur als ein Instrument gesehen wird, das in die uns “natürlich” gegebenen Klangwelten hinzukommt. Zwar. er ist für die elektronische Musik auch im Bereich der sogenannten “ernsten” Künste längst anerkannt, die, wir wir wissen, auch heitere sein können; “ernst” meint vielmehr den Grad der kompositorischen Komplexion und die Abkehr vom Banalen, das die meisten Menschen aber suchen. Ohne Banalität kein Mainstream (also ohne die Ansammlung rhythmischer und melodischer Klischees in bestenfalls neu montierten Variationen). Dies ist jedenfalls Gesetz — eines, von dem sich der Computer, als er in die Musik vordrang, erst einmal deutlich absetzte, ja die er teils revolutionierte, bis man sein Modulares zur Basis gerade des Klischierten machte. Seither ist seine Gegenwart im Mainstream beinah unbedingt.
Für die ernsten Musiken wurde er nun allerdings, sofern nicht als Computer sofort erkennbar (“mit Elektronik”, was so dann auch zu klingen hat, als gleichsam Ausrufezeichen für klangliche Entfremdung oder ein Fremdes überhaupt), geradezu misfits, nicht gesellschaftsfähig: “Das ist doch keine echte Kunst!” Irgendwas klinge da “unecht” — als lägen uns nicht längst, in Hegels und Lukács Folge, Walter Benjamins Schriften zur Zweiten Natur vor, einer also Dritten, die wir doch alle, die wir ästhetisch zu denken gelernt, hätten verinnerlichen müssen.
Was nun allerdings David Ramirer unternimmt, seit bereits Jahren, ist gleichsam eine Versöhnung der Dritten mit der Ersten: Soweit ich sehe (sehen kann), dieses Musikers Alleinstellungsmerkmal. Denn seine Versöhnung ist nicht banal; sie, um Adorno gegenzubürsten, ist die Anstrengung des Klangs in Modulen, eine, die sich ausgerechnet an Johann Sebastian Bach orientiert und Les-, also Hörarten findet, die bis anhin unbekannt waren. Und es noch immer sind, aber durch ihn erschlossen werden. In seinen Bach-, und das sind sie, -interpretationen werden physisch unspielbare Fingersätze realisiert, die Ramirers Computer-Bach beinah dem biblischen WORT gleichen lassen, das — Joh. I,1 — am Anfang war. (In anderer Übersetzung war es — der λόγος).

Dennoch, auch ich nahm Ramirers Arbeiten lange Zeit als zwar hochinteressante, aber doch letztlich Basteleien wahr; mir fehlte etwas persönlich Erkennbares, eine sozusagen freie Handschrift; zwar hörte ich seine Bach-Transkriptionen (die er selbst, selbstbewußt, “Realisationen” nennt) sehr gerne, aber gleichwertig mit anderen Interpretationen, auch solchen, die sich, wie etwa Glenn Goulds, weit von den Partituren entfernen. Ich finde sowas legitim, mehr noch: künstlerisch reizvoll und nötig. In diesem Sinn verstehe ich auch Übersetzungen, vorausgesetzt, sie finden auf höchstem Niveau der jeweils eigenen Sprache statt. Zu “dienen” liegt mir nicht, → ich will’s auch nicht von andren. — Und dann wurden mir eben diese Ricercar-Variationen geschickt, die mich wochenlang berauschten und noch heute, anderthalb Jahre später, nichts von ihrer zupackenden Schönheit verloren haben.
Es lag nahe, in Ramirer zu dringen, mehr davon zu schaffen. Und nun, nun liegen seine Organics vor, die zwar nicht den reißenden Sog der Ricercar‘s entfalten, aber in anderer Hinsicht etwas verdeutlichen, was ich etwa im Jazz bislang nur in Keith Jarretts Napoletaner Konzert von 1996 gehört habe: Organics erzählt uns in klingender Form, was Musik ist.
De natura sonoris heißt eine berühmte Stückfolge Krzysztof Pendereckis. Ramirers neue CD ließe sich fast ebenso, doch De natura compositonis musicae benennen. Denn die rund 77 Minuten Musik sind in fünf Parts aufgeteilt, deren erster, sehr kurzer nichts vorführt als das reine Klangmaterial, aus dem Bach sein Präludium gewann. Aber mit gleich dem ersten Ton welch rufender Gewalt tut er das! Denn das, in der Tat, ist dieses Stück — ein Ruf, auch wenn es kurz vor der quasi-mollModulation nachdenklich wird. Eine seltsam lange Pause, dann, verhalten drängend, setzen die ausgedehnten — von hervorgehobenen Leittönen strukturierten — Improvisationen ein, rectus und inversus, also dieses als jenes genaue Umkehrung, um aber im vierten wieder sehr knappen Stück sich auf das Material selbst zurückzubesinnen und zum Abschluß partiturgetreu Bachs originale Komposition erklingen zu lassen. Spannenderweise hat dieses eigentlich schnell durchschaubare Verfahren überhaupt keinen pädagogischen Beigeschmack, obwohl, was musikalische Pädagogik leisten sollte, geleistet durchaus wird, aber spielerisch und mit dem hypnotischen Effekt bester minimal music. Genau seinethalben sollte die CD  sehr laut gehört werden: So geht sie nicht im Hintergrund unter, sondern entfaltet den für Ramirer eigentümlichen, farbintensiv-meditativen Reichtum, in dem wir Hörerinnen und Hörer nahezu ununterbrochen mitschwingen.

Dennoch, Ramirer muß etwas Fehlendes gespürt haben, das in den Ricercar-Variationen permanent zugegen war, etwas, das gegen das rein-Meditative anströmt, voranströmt und nicht mehr in irgend einer Weise “heilig”, bzw. abgeklärt, sondern sondern extrem vitalistisch ist. So daß er sich das Rectus noch einmal vorgenommen und daraus eine zweite, rectus Remix genannte CD komponiert hat, die nun tatsächlich den “unendlichen Melodien” Mahlers und Petterssons — deren Kraft — gleichend mächtig durch uns hindurchfließt, blitzendes, geschliffenes Glas auf den Wogen. Weshalb es sich empfiehlt, die beiden CDs direkt hintereinander zu hören, vom “originalen” Bach also wieder in die erneute, diesmal 69minütige Improvisation des “remixten” Rectus zu wechseln, und zwar ohne Unterbrechung. Sie werden, Hörerin, diesem klanglichen Kosmos nicht mehr entkommen. Er klingt in Ihnen selbst lange noch nach Verstummen als nahstes Fernes nach.

________
ANH, Berlin

März 2020

David Ramirer

Organics in C-Dur
Signierte CD, bachramirermusic 2020
12 Euro

rectus REMIX
Signierte CD, bachramirermusic 2020
12 Euro

→ Bestellen
(zuzgl. Versandkosten Österreich)

Die sich entrollende Schlange. Nabokov lesen, 26: Gelächter im Dunkel

 

 

“Es wird eine ganze Zeit vergehen — vielleicht ein ausgewachsenes Jahrhundert —, bis mein Wert erkannt
ist. Das heißt, wenn die Kunst des Schreibens nicht ganz vergessen ist bis dahin; und ich fürchte, sie wurde im
letzten halben Jahrhundert in Deutschland schon
ziemlich gründlich vergessen.

(Dtsch. v. Renate Gerhardt und Hans-Heinrich Wellmann)

 

Es ist dieses Nabokovs bösestes, im Wortsinn dunkelstes Buch, das ich bislang gelesen, geschrieben auf Russisch 1931 unter dem Titel Камера обскура (“Kamera obskura”) und sechs Jahre später ins Englische als Laughter in the Dark selbst übersetzt. Die mir vorliegende, antiquarisch ergatterte Ausgabe erschien 1962 im Bertelsmann Lesering, und es ist anzunehmen, daß ihr die englische Fassung zugrunde liegt, die, so → Rowohlts Erläuterungen zu der prächtigen Ausgabe der Gesammelten Werke, vom übersetzenden  Nabokov derart geändert wurde, daß sich im Vergleich mit Камера обскура geradezu von zwei Romanen sprechen lasse. Leider befindet sich der entsprechende Band, siehe unten, nicht in meinem Besitz; ich kann es also noch nicht beurteilen, werde es vielleicht ganz am Ende dieser Serie nachholen. Schon weil das Deutsch der Übersetzerin und des Übersetzers — Renate Gerhardt und Hans-Heinrich Wellmann — der eleganten Stilistik Dieter E. Zimmers bisweilen schmerzhaft entbehren. Immer wieder finden sich Ungelenkheiten und Bezugsfehler wie “der weite Mantel seines Schwagers, der auf seinem Bügel hing” (33) oder “das schien ihm erstaunlich [Punkt!]” (32) anstelle von “das kam ihm erstaunlich vor”, wohinter der Punkt sprachlich angemessen wäre. Auch unversehenes Abrutschen in komplett nabokovfremde, allzu abgedroschene Idiome gibt es: “Das (…) Ding, das sie anhatte, war viel zu kurz, um wahr zu sein.” Diese Art unabgeklopfter Man-sagt’s-halt-sos gibt es bei Nabokov eigentlich nicht, wie lax sie auch immer gemeint sein mögen, oder wie ironisch.  Auch seltsam backfischige Satzzeichen kommen vor: “kein Wunder, daß sein liebstes Kartenspiel Poker war! [Unterstreichung von mir]” Was soll das Ausrufezeichen da?

Und so weiter. Und so weiter.

Einerlei. Das Buch selbst ist dennoch enorm — ein bißchen so, wie keine noch so danebengehende Inszenierung das Genie von Così fan tutte totkriegen kann. Und ganz so schlimm ist die deutsche Übertragung nicht;

___________________________________
NOTA, 12. März:

Bitte lesen Sie zu diesen vor einer Woche geschriebenen
Bekritteleien
der Übersetzung meine → in der Nr. 27
formulierten Einschränkungen
,

bzw. ergänzenden Mutmaßungen.
___________________________________ANH

es finden sich immer noch hinreißende, aperçuhafte Formulierungen (“Irgendwie hatten die Scharniere des Glücks sich verklemmt”, 95) und auch Bilder:

(…) denn an diesem besonderen Tag war die Wange der Erde von Gibraltar bis Stockholm mit heiterem Sonnenschein bemalt.
Gelächter, 162

Aber worum geht es?
Grob zusammengefaßt wird die Geschichte eines Gaunerpaars erzählt, das einen begüterten, doch sehr naiven, dabei in seiner Leidenschaft so erblindeten wie aber auch entflammten Mann nach und nach ausnimmt, und je erfolgreicher dies vonstatten geht, um so häßlicher offenbaren sich die Charaktere. Für uns, die lesend dabei zusehen, ist das bisweilen quälend, weil die seelische Fiesheit jedes kultivierte Maß übersteigt, und zwar gerade darum, weil sie mit einer gewissen Kultiviertheit vonstatten geht, nämlich der eines tätigen Zynismus. Lassen Sie mich, Freundin, um dies zu illustrieren, gleich auf die Seite 176 springen. Da ist unser Antiheld Albert, Albinus wird er genannt, aufgrund eines Verkehrsunfalles komplett erblindet und mit dem Pärchen zusammengezogen — allerdings weiß er nur von der Frau, Margot, die seine Geliebte geworden, nicht aber von ihrem Partner, Rex, der heimlich in einem der Zimmer wohnt:

Rex liebte es, mit ihm im Zimmer zu sitzen und seine Bewegungen zu beobachten. Margot pflegte dann, wenn sie sich an die Brust des Blinden schmiegte und dabei seine Schultern zurückdrückte, ihre Augen mit einem komischen Ausdruck der Resignation zur Decke aufzuschlagen und Albinus die Zunge herauszustrecken — dies war besonders erheiternd in seinem Kontrast zu dem milden und zärtlichen Ausdruck auf dem Gesicht des Blinden. Dann befreite sich Margot durch eine geschickte Bewegung und ging zu Rex, der auf dem Fensterbrett saß, in weißen Hosen, die Füße mit den langen Zehen und der Oberkörper nackt —  er ließ sich gern den Rücken von der Sonne braten. Albinus, mit Pyjama und Morgenrock bekleidet, legte sich in einen Sessel. Sein Gesicht war von Stoppeln bedeckt; er sah aus wie ein bärtiger Sträfling.
“Margot, komm zu mir”, sagte er flehend und streckte die Arme aus.
Dann und wann ging Rex, der sich gern riskanten Situationen aussetzte, barfuß auf Zehenspitzen ganz nahe an Albinus heran und berührte ihn mit äußerster Zartheit. Albinus stieß einen liebevollen, schnurrenden Laut aus und versuchte, die angebliche Margot zu umarmen, während Rex geräuschlos zur Seite trat und zum Fensterbrett zurückging
(…).

Gelächter, 176

Ich weiß nicht, ob Nabokov Walter Serners sieben Jahre vorher erschienene “absonderliche Liebesgeschichte” Die Tigerin kannte; es wäre gut möglich, da es um dessen Buch ein enormes, versucht auch juristisches Aufsehen gab. In jedem Fall sind beide Bücher verwandt, nur liegt ihr Interesse jeweils woanders. Serner untersucht das Liebesverhältnis der beiden Gauner, Bichettes und Fecs, Nabokov das des Ausgenommenen zur Gaunerin; deren zum Gauner ist da allerdings wie ein Spiegel, denn Albinus’ Abhängigkeit von Margot entspricht deutlich ihrer zu Rex. Das Gelächter wiederum, das bei Serner nahezu fehlt, ist das homersche Lachen Nabokovs über die Einfalt seines Antihelden. Der für seine englische Übersetzung gewählte Titel unterstreicht es geradezu und genießt auch die Konkretion der präpositionalen Bestimmung “im Dunkel” — bitter, furchtbar bitter, da doch Albinus nun blind ist (was er metaphorisch freilich schon zuvor war). Es ist dies eine romanpoetisch ganz entsetzlich böse nabokovsche Titelgebung. Und nur selten spüren wir eine Art Mitleid, das an einer Stelle die Gestalt eines Pantoffels annimmt:

Sie gingen den Pfad hinunter, aber nach wenigen Schritten breitete Albinus plötzlich die Arme aus und fiel ohnmächtig zurück. Der Taxichauffeur eilte herbei, und zusammen trugen sie Albinus in den Wagen. Ein Hausschuh blieb auf dem Pfad liegen.
Gelächter, 190

Nabokov geht vielmehr erbarmungslos mit seinem Antihelden um (nicht minder freilich mit dem Gaunerpaar), so als gönnte er seiner Figur die Mehr-als-Misere und ihre Dummheit wäre geradezu schuldhaft. Genau dies löst dann sein Lachen aus, ein homersches von Zeus in der Tat. Tutto nel mondo è burla, singt der zum Schluß — anders als Albinus — einsichtig und auch gütig gewordene Falstaff bei Verdi. Und obwohl Albinus, wenngleich weiterhin erblindet, gegen Schluß des Romans gerettet zu sein scheint, regrediert er da unversehens auf eine Fantasie, die er ganz zu Anfang des Buches gehabt hat (was uns abermals Nabokovs hohe Kunst der Konstruktion vor Augen führt), und da, am Ende des ersten Kapitels, fast etwas Zusammenhangloses hat; angedeutet wird vorher nur, er habe gewisse Neigungen, sie sich sich außerhalb seines sicheren Ehehafens zu erfüllen, sie aber

an die Kandare genommen (…) und niemals, niemals … Eigentlich, dachte er, sollte ich mit Elisabeth darüber sprechen; oder einfach mit ihr für kurze Zeit verreisen; oder einen Psychoanalytiker aufsuchen; oder … Nein, man kann nicht einfach eine Pistole nehmen und ein Mädchen abknallen, das man nicht einmal kennt, nur weil es attraktiv ist.
Gelächter, 10

Statt dessen lernt er es kennen, sieht sie mehrmals im Kino und folgt ihr schließlich, als sie Dienstschluß hat:

Sie ging langsam weiter, ohne sich umzuschauen, aber mit  Augenwinkeln, die wie die Löffel eines Hasen nach hinten gewendet waren: in der Erwartung, daß er ihr folgen würde.
Gelächter im Dunkel, 30

Und nachdem zusammenkommen, verfällt er dem Geschöpf ganz so, wie es schon der allererste Absatz des Romanes beschreibt — untrügliches Zeichen dafür, daß es einem Dichter, und nur dann ist er es, nicht auf den sogenannten Plot ankommt, sondern auf seine künstlerische Gestaltung:

Es war einmal ein Mann, der hieß Albinus und lebte in Berlin in Deutschland. Er war reich, angesehen und glücklich; eines Tages verließ er seine Frau um eines jungen Mädchens willen; er liebte, wurde nicht wiedergeliebt und endete im Unglück.
Gelächter, 5

Doch mit der selbstbewußten und spöttischen Nonchalance eines zutiefst auktorial gestimmten Schachspielers, der den Ausgang des Spiel bereits nach der Eröffnung erkennt, fährt Nabokov süffisant fort:

Das ist die ganze Geschichte, und wir [“wir“! (ANH)] hätten es dabei bewenden lassen, läge nicht Nutzen und Vergnügen im Erzählen;
Gelächter, 190

eines “Vergnügens”, das angesichts der dann folgenden Geschichte alleine eines des Autors und zynisch gesonnener Leser ist: Götter, die ihre Geschöpfe in einen Malstrom werfen und begeistert zusehen, wie die Ärmchen vor Not in die Höhe krallen, wo nur Luft ist, unten aber Wasser, bis sie schließlich ersaufen. Möglicherweise wird noch gewettet, wer zuerst untergeht; dazu wird Champagner gereicht. Am bösesten aber ist, daß sie, die Götter, ihre Opfer selbst dran schuld sein lassen: “Mama, darf ich einen Keks?” “Aber sicher, nimm dir einen.” “Aber ich komme doch nicht an die Schachtel ran.” “Tja, keine Arme, keine Kekse.”
Das Verhängnis beginnt aber bereits, bevor das Mädchen Margot auftaucht, eine junge Frau vielmehr. Nämlich hat Albinus die Idee zu einer Art Zeichentrickfilm und wird da schon auf Rex verwiesen, den männlichen Gaunerpart, von dem hier romannatürlicherweise noch nicht bekannt ist, daß er die lebenspfiffige Margot bereits aus einer Zeit kennt, in der sie kurz als Prostituierte gearbeitet hat. Unterdessen, als Albinus sie kennenlernt, ist sie Platzanweiserin in einem Kino. Daß Rex sie verlassen, hat sie quasi aus der horizontalen Bahn in die vertikale versetzt, und sie kann so wenig wie er ahnen, daß ausgerechnet Albinus sie wieder zusammenbringen wird — übrigens einige Zeit lang gegen ihren Willen, obwohl sie den “Herrn Müller”, wie Rex damals noch hieß, niemals hatte vergessen können, so daß sie, als sie ihn nun wiedersah

fühlte, daß sie ohnmächtig wurde. Sie setzte ich auf eine Stufe und schluchzte, wie sie nie zuvor geschluchzt hatte — nicht einmal damals, als er sie verlassen hatte.
Gelächter, 93

Wiederum Rex, damals, war von ihr gegangen,

weil er befürchtete, sich zu sehr in sie zu verlieben.
Gelächter, 99

Was für jemanden höchst treffend ist, den es enorm

amüsierte […], das Leben lächerlich erscheinen zu lassen, wenn es hilflos in die Karikatur abglitt. Er haßte grobe Scherze; er liebte es, sie von selbst geschehen zu lassen, vielleicht ab und zu nur mit jenem kleinen, letzten Schliff von seiner Hand, der das Rad ins Rollen bringen würde. (…) Und zu gleicher Zeit war dieser gefährliche Mann, hatte er erst den Bleistift in der Hand, wirklich ein ausgezeichneter Künstler. 
Gelächter, 98

Übrigens eine bissige Selbstbeschreibung Nabokovs-selbst, auch dessen Kunst sich

auf dem Kontrast zwischen Grausamkeit einerseits und Leichtgläubigkeit andererseits begründet[ ,]
Gelächter, 98

insofern wir “Leichtgläubigkeit” durch “Leichtigkeit des Stils” ersetzen und jene in der Lust daran sehen, die Leserschaft zu Anfang eines Buches erst mal an der Nase zu führen, und so lange wie möglich noch weiter. Nein, es ist kein moralischer Autor — was wir allerdings spätestens seit Die Gabe schon wissen; dennoch wiederhole ich hier das Zitat, demzufolge ein guter Schriftsteller keine

Augen [hat], die für die Literatur zu gutmütig waren.
Gabe, 152

Übrigens hat Nabokov noch ein zweites indirektes Selbstportrait in den Roman eingeflochten, und zwar in Gestalt des Schriftstellers Udo Conrad, dessen Name er zuvor geradezu markant von dessen Namensvetters Joseph Conrad abhebt, → den er nicht mochte. In der Namensverwandtschaft besteht aber gerade der erneut böse Witz.

“Nun, wenn eine Literatur beinahe ausschließlich aus dem Leben und den Lebenden besteht, bedeutet es, daß sie stirbt. Und ich halte nicht viel von den Freudschen Romanen über das einfache Leben. Du magst einwenden, daß es nicht die Menge ist, auf die es in der Literatur ankommt, sondern [auf] die zwei oder drei wirklichen Schriftsteller, die abseits stehen und nicht von ihren gewichtigen, schwülstigen Kollegen beachtet werden. Trotzdem ist es manchmal recht anstrengend. Es macht mich wild, wenn ich die Bücher sehe, die ernstgenommen werden.”
Gelächter, 148

Und er läßt ihn Gefühle haben, die seine eigenen werden soll(t)en:

“Es ist seltsam: je mehr ich darüber nachdenke, daß im Leben eines Künstlers eine Zeit kommt, wo [Streichung von mir, ersetzt durch: in der] er sein Vaterland nicht mehr braucht. Wie diese Lebewesen, weißt du, die zuerst im amphibischen Zustand leben und dann auf trockenem Land.”
Gelächter, 149

Albinus jedenfalls ist in sein erotisches Gefängnis der Verfallenheit an Margot ebenso gesperrt wie → Lushin es in sein Schachspiel war; es ist mehr als ein Witz, ist quasi Ausdruck des unerbittlich höhnischen Schicksals, daß beide von ihren Frauen — Lushin von der Gattin, Albinus von der jungen Geliebten — “Dickerchen” genannt werden:

“Sei nicht so deprimiert, Dickerchen,” sagte sie vierzehn Tage später zu ihm. 
Gelächter, 123

Deprimiert ist er, weil grad seine kleine Tochter gestorben ist, die bei der verlassenen Ehefrau lebte. Jetzt nämlich erst,

(v)ielleicht zum ersten Mal im Verlauf des Jahres, das er mit Margot verbracht hatte, war sich Albinus völlig der dünnen, schleimigen Spur von Schändlichkeit bewußt, die sich auf sein Leben gelegt hatte. Nun schien das Schicksal ihn mit verwirrender Bestimmtheit zu drängen, zur Vernunft zu kommen; er hörte die donnernden Aufforderungen (…); und er wußte mit der Klarsichtigkeit des Leids, daß, wenn er jetzt zu seiner Frau zurückkehrte, die Versöhnung, die unter normalen Umständen unmöglich gewesen wäre, sich beinahe von selbst ergeben hätte.
Gelächter, 121/122

Daß er es dennoch nicht tut, dafür straft ihn Nabokov auf das entsetzlichste. Doch, und deshalb des Autors Gelächter, kann er es objektiv nicht, sondern, auf die Fantasie von S. 10 regredierend, macht er sie wahr, und zwar mit der

Gewaltsamkeit des Schüchternen[,]
Gelächter, 31

doch eben deshalb, und seiner Blindheit wegen,

traf ein Stich seine Seite, der seine Augen mit blendendem Glanz erfüllte.
Das ist also alles, dachte er sanft, als ob er im Bett läge. Ich muß mich eine kleine Weise still verhalten und dann sehr langsam an jenem hellen Strand des Schmerzes entlangkriechen, zu jener blauen, blauen Woge. Ich habe nie gewußt, wie blau die Bläue sein kann. Was für ein Drunter und Drüber das Leben gewesen ist. Nun weiß ich alles. Sie kommt, kommt, kommt, um mich zu überfluten. Da ist sie. Wie es schmerzt. Ich kann nicht mehr atmen …
Er saß auf dem Boden, mit gesenktem Kopf, dann  beugte er sich langsam vorwärts und fiel, wie eine große weiche Puppe, auf die Seite.

Gelächter, 198

Und vielleicht, daß er noch einmal sah, wie sich Margot

langsam auf[richtete], höher und höher, wie eine Schlange, wenn sie sich entrollt[,]
Gelächter, 134

nämlich das

wirkliche Leben, das grausam und stark war wie eine Anakonda und das er ohne Verzug zu töten begehrte (…).
Gelächter, 192

Sicher ist nur, daß die junge Frau mit einigem beträchtlichen Habe für alle Zeiten davon ist, ihrem Gaunergeliebten wohl nach. Auch den übrigens Nabokov zu einer unter den schadenfrohen Blicken der Götter zappelnden Figur werden läßt, egal wie

scharf sein Geist [war] und durchdringend, und seine Lust, andere Männer zum Narren zu halten, grenzte ans Geniale.
Gelächter, 125

Denn die diesem Mann nun widerfahrende Erniedrigung ist von wahrlich biblischem Ausmaß:

Paul ergriff den Stock des Blinden (…) und traf Rex’ Kopf mit einem fürchterlichen Hieb (…), und plötzlich geschah etwas sehr Bemerkenswertes: wie Adam nach dem Sündenfall bedeckte Rex, an der weißen Wand niedergeduckt und mit schwächer werdendem Grinsen, seine Blöße mit der Hand.
Gelächter, 189

Hier zum Abschluß nur noch der Nabokovs Intertextualität akzentuierende Hinweis, daß bereits im Gelächter im Dunkel Sebastiano del Piombo genannt wird, auf der Seite 89, der bereits — und dort eine maßgebliche — Rolle in der 1924 erschienenen Venezianerin des also noch ganz jungen Prosadichters spielte, sowie ein paar höchst beglückende Formulierungen:

Die geläufigste Bewegung eines jungen Kätzchens ist ein in plötzlichen Serien auftretender kleiner Sprung; die ihre war ein rasches Heben des linken Ellenbogens, um ihr Gesicht zu schützen (18)— Der Kuß sang ihr noch eine Weile im Ohr (27)— Er war eines von jenen feinfühligen Wesen, die schuldbewußt erröten, wen jemand anders einen Schnitzer macht (50)— von seinem Vater (…), der seine Hunde und Pferde, seinen Hafer und sein Korn sehr geliebt hatte und ganz plötzlich gestorben war — an einem gewaltigen Lachanfall im Billardzimmer, wo ein Gast eine unflätige Geschichte erzählt hatte (64)— “Und du verachtest mich wirklich nicht?” fragte sie, durch ihre Tränen lächelnd, was schwierig war, denn da waren keine Tränen, durch die man lächeln konnte (69)(Sie) erschien ihm wie eine köstlich kolorierte Vignette über dem ersten Kapitel seines neuen Lebens (78)— die folgende Reihe von Namen wäre am besten in einer Kurve angeordnet (89)— Im Nebenzimmer schnarchte heftig das Kindermädchen, beinah ekstatisch (109)— Ein Löffel fiel vom Tisch, und sein feines Klingen tönte lange in den Ohren der Anwesenden nach (119)— Ein großer Stern stand am pflaumenfarbenen Himmel (139)— Er hatte das seltsame Gefühl, daß alles sich plötzlich umkehrte, so daß er es von rückwärts lesen mußte, wenn er es verstehen wollte (151)—  und hörte auf die Geräusche des Tages, die ihm (…) den Rücken zugekehrt zu haben schienen (167)— sie gewöhnen sich an den eisernen Vorhang seiner Blindheit (178)— Er glitt aus und fiel beinahe rückwärts in die Abstraktion eines Gartens (182)
Gelächter, 189

 

Ihr, Geliebte,
ANH

 

 

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“Du mußt nur die Laufrichtung ändern.” Nabokov lesen, 25: Lushins Verteidigung.

 

 

 

(…) jene physiologische Empfindung der Harmonie,
die Künstlern so vertraut ist.
Lushins Verteidigung, 245
(Dtsch.v. Dietmar Schulze, bearb. v. Dieter E. Zimmer)

 

 

Der Junge Lushin wächst nicht sehr anders als sein Creator auf, geschützt im Zauberreich eines Landguts, darin die ihn umsorgende französische Gouvernante seine Phantasie mit den Abenteuern des Grafen von Monte Cristo in einem Sommer beseelt,

der hauptsächlich von drei Gerüchen erfüllt gewesen war: [dem von] blauem Flieder, frisch geschnittenem Heu und trockenem Laub,
Lushin, 9

in dem allerdings seinem Vater die Befürchtung eine Änderung dieser paradiesischen Umstände nahelegt, in denen er, der Junge, einer Mücke zusehen konnte,

die sich an seinem zerschundenen Knie vollsog und dabei beseligt ihr rubinrotes Hinterteil anhob[,]
Lushin, 11

daß der Bub,

wenn er erst erführe, wozu diese Sineus und Truwor so ohne jedes charakteristische Merkmal, wozu die Liste der russischen Wörter mit einem ‘Jetj’ und die Hauptflüsse Rußlands nötig seien, sich genauso anstellen würde wie vor zwei Jahren, als langsam und massig, vom Geräusch knarrender Treppenstufen, knackender Dielen sowie hin- und hergerückter Koffer begleitet, die französische Gouvernante erschienen war und sich mit ihrer Person im ganzen Haus breitgegemacht hatte.
Lushin, 12

Da war der Junior nämlich ausgerückt, man hatte ihn suchen müssen — und tatsächlich, genau dies geschieht nun erneut, da ihm eröffnet wird, fortan in der Stadt leben zu müssen, um die Schule zu besuchen. Der größte Schock dabei ist für ihn, fortan mit Vaternamen genannt zu werden, Lushin mithin: ein radikales, fürwahr!, Symbol der nunmehr geendeten Kindheit.

Vorbei war es auch mit dem süßen Sichgehenlassen nach dem Mittagessen auf der Couch unter der Tigerdecke und der genau um zwei gereichten Milch in der silbernen Tasse, die ihr einen so kostbaren Geschmack verlieh (…).
Lushin, 12

Und vorbei mit dem märchenhaften Privileg, privat gebildet zu werden. — Der Knabe sah es damals schon richtig: Das allgemeine Schulsystem,  mit zwei es zutiefst charakterisierenden Wörtern, ist scheiße — der auf Gruppengeist, eine contradictio in adiecto, trimmende Sportunterricht allem voran (angemessen allein ist, von “-ungeist” zu sprechen):

Nach jedem Schubs krümmte er sich noch mehr zusammen und verbarg sich schließlich im Halbdunkel. So saß er etwa zweihundertfünfzig große Pausen hindurch, bis man ihn ins Ausland brachte.
Lushin, 24/25

Zur Milderung seiner Not — ja sie erfüllen statt ihrer sein Innres, lassen es blühen: — entdeckt er zwei Bücher, von denen eines, bzw. die ihm folgende Serie an Erzählungen, → auch mich tief geprägt hat. Ich habe in dieser Nabokovreihe den Umstand schon mehrfach erwähnt.

Aber nicht die Sehnsucht nach ferner Wanderschaft ließ ihn Phileas Fogg folgen, nicht das kindliche Gefallen an geheimnisvollen Abenteuern zog ihn zu dem Haus in der Baker Street, wo sich der hagere Detektiv mit dem Falkenprofil eine Kokainspritze gegeben hatte und träumerisch Geige spielte (…), sondern ihre sich folgerichtig und schonungslos entwickelnde Handlung.
Lushin, 31

Es ist rasend interessant, daß Nabokov, wenn auch indirekt, den Grundstein seiner Poetik genau hier gelegt sieht. Welch ein, bei ihm doch ganz und gar unvermutbar, Ausdruck künstlerischer Demut! Zugleich erklärt es seine sogenannte Arroganz. Sie ist, wie Holmes einmal ausführt, nichts als geäußerte Erkenntnis eines tatsächlichen Seins. Zu sagen, was tatsächlich sei (daß etwa er über eine Beobachtungsgabe verfüge, deren Fenster bei den allermeisten bretterartig verdunkelt sind), habe nichts mit mißachtetem Understatement zu tun, sondern zeige die innere Klarheit. Nicht anders ist Nabokov mit seiner ja tatsächlich begnadeten Erinnerungskraft und der Fähigkeit umgegangen, ihr einen sprachlichen Ausdruck zu verleihen, der uns, seine Leserinnen und Leser, geradezu bildlich an ihr teilhaben läßt. Dabei sollte nicht vergessen werden, daß solche Fähigkeiten immer auch ein Fluch sind, zumindest indem sie unentwegt verpflichten. Und wie ließe sich Nabokovs Gabe anders beschreiben, als wie in der kurzen, einem anderen zugesprochenen Huldigung, daß nämlich Holmes

der Logik den Zauber eines Tagtraums verlieh.
Lushin, ebda.

Geschieht bei Nabokov nicht eben das in Gestalt der Fiktionen, die er aus seinen Erinnerungen entwarf?

Aber zu Lushin zurück, Lushin junior, der einer solchen Zauberwelt bedarf, um in der, wie man es nennt, “Realität” überhaupt bestehen zu können. Der Weg dorthin führt ihn über schließlich riesige Puzzlebilder zur ersten Begegnung mit einem Schachspiel, in das er die innigste Einführung erfährt, die sich denken läßt, und zwar von einem Musiker:

“Welch ein Spiel, welch ein Spiel,” sagte der Geiger und schloß das Kästchen behutsam wieder. “Kombinationen sind wie Melodien. Verstehen Sie, ich höre einfach die Züge [Sperrung von mir].”
Lushin, 42

Das Motiv wird siebzehn Seiten später poetisch noch verstärkt:

(…) und als Lushin nun die Schachpartien aus der Zeitschrift nachspielte, entdeckte er an sich selbst bald eine Eigenschaft, auf die er einst neidisch gewesen war, als sein Vater bei Tisch zu jemandem sagte, er begreife nicht, wie sein Schwiegervater stundenlang in einer Partitur lesen könn[t]e und beim Überfliegen der Noten alle Bewegungen der Musik höre.
Lushin, 59

Und schließlich, durchaus bereits als ein Meister des Spieles gefeiert, gelangt Lushin genau dort hin, wo auf anderem Feld sein Autor brilliert, der — wie es auch → Gerd-Peter Eigner tat, Nabokovs Bewunderer und wie dieser geprägt von Flaubert — seine Romane im Kopf entwirft, bevor er sie in einem Zug niederschreibt, gestützt nur noch auf Karteikartennotate. Lushin also spielt nur noch im Kopf. Dies allerdings kennzeichnet auch sein Verhältnis zur Wirklichkeit:

Man brauchte sich nicht mit den sichtbaren, hörbaren, greifbaren Figuren abzugeben, deren gekünsteltes Schnitzwerk und hölzerne Gegenständlichkeit ihn immer störten und ihm stets als eine grobe irdische Verkörperung der sublimen, unsichtbaren Kräfte erschienen, die dem Schach innewohnten.
Lushin,103

Entsprechend vernachlässigt er seinen Körper, geht mehr und mehr in die Breite, wird nahezu unbeweglich. Deshalb ist es schon gut, daß er an seiner Seite den wenn auch durchaus eigennützigen Walentinow als sozusagen Impresario hat, der

dessen Begabung unausgesetzt ermutigt und weiterentwickelt [hatte], ohne sich dabei auch nur einen Augenblick um den Menschen Lushin zu kümmern (…). Wie ein belustigendes Monstrum führte er ihn reichen Leuten vor, verschaffte sich dadurch nützliche Bekanntschaften, veranstaltete zahllose Turniere, und erst, als er den Eindruck gewann, daß sich das Wunderkind einfach in einen jungen Schachspieler verwandelte, brachte er ihn zu dessen Vater nach Rußland zurück, nahm ihn später aber wie eine Kostbarkeit wieder mit, als er meinte, daß er vielleicht einen Fehler gemacht habe und sich mit diesem Monstrum noch ein, zwei Jahre etwas anfangen ließ.
Lushin, 102/103

Das allerdings auf seinen Turnierreisen, auf denen Lushin — bis zu seinem Lebensende wird es so bleiben — von den geradezu weltweit besuchten Städten nie etwas anderes zu sehen bekommt als sein Hotelzimmer und die oft sehr verrauchte “Location” des Spiels, dennoch durch mehr oder minder Zufall, und zwar im Park eines Kurhotels, die Bekanntschaft einer Frau macht, der nämlich besonders gefiel,

daß er keine Notiz von ihr nahm und anders als die übrigen unverheirateten Herren im Hotel keinen Vorwand suchte, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Sie war nicht besonders hübsch, irgend etwas fehlte ihren zierlichen, ebenmäßige Zügen, so als hätte ihnen die Natur einen letzten, entscheidenden (…) Stups vorenthalten, der sie zur Schönheit gemacht hätte.
Lushin, 93/94

Ecco, die beiden kommen zusammen und heiraten sogar. Womit in Lushins Leben eine Wendung eintritt, mit der in keiner Weise zu rechnen war. Nicht nur, daß es Nabokov höchst ungewiß sein läßt, ob die zwei jemals wirklich intim miteinander verkehrten — es ist eher unwahrscheinlich. Weshalb, das möge die folgende Szene des Hochzeitsantrags illustrieren:

Er platzte bei ihr herein, als [hätte] er die Tür mit dem Kopf aufgestoßen, sah sie undeutlich in ihrem rosa Kleid auf einer Couch ausgestreckt, sagte hastig: “Tag, Tag”(,) und begann[,] im ganzen Zimmer herumzumarschieren, überzeugt, daß sein Erscheinen ungezwungen, witzig und charmant wirken mußte, und gleichzeitig vor Aufregung ganz außer Atem. “Um übrigens auf das zuletzt Gesagte zurückzukommen, habe ich Ihnen mitzuteilen, daß Sie meine Frau werden, ich beschwöre Sie einzuwilligen (…),” und damit setzte er sich auf einen Stuhl am Heizkörper, verbarg sein Gesicht in den Händen und brach in Tränen aus; dann machte er Anstrengungen, die Finger einer Hand so zu spreizen, daß sie sein Gesicht bedeckte, während er mit der anderen sein Taschentuch suchte, und durch die zitternden, nassen Spalten zwischen seinen Fingern sah er ein doppeltes rosa Kleid raschelnd auf sich zukommen.
“Nun, genug, genug”, wiederholte sie beruhigend. “Ein erwachsener Mann und so zu weinen.” Er faßte sie am Ellbogen und küßte etwas Kaltes und Hartes — ihre Armbanduhr.

Lushin, 114/115

Und etwas später:

Anfangs versuchte sie[,] ihn auf die eine oder andere Art in den Kreis ihrer Verwandten einzupassen, in ihre Umgebung, ja sogar in ihre Wohnungseinrichtung [Unterstreichung von mir].
Lushin, 114/115

Doch

diese imaginären Besuche endeten alle mit einer ungeheuren Katastrophe.
Lushin, 116

Und sehr viel später noch:

(…) Lushin rieb seine Wange an ihrer Schulter, und dunkel war ihr bewußt, daß es vermutlich noch andere Freuden gab als die des Mitleids, daß diese aber nicht sie betrafen. Sie kannte nur eine Sorge im Leben, nämlich die unaufhörliche Anstrengung, Lushins Interesse für die Dinge der Welt zu wecken und seinen Kopf über dem dunklen Wasser zu halten, damit er ruhig atmen konnte.
Lushin, 219

So viel also zur Leidenschaft. Wobei die Lushins Gattin so treibende Sorge durchaus nicht ohne Gründe ist. Nicht nämlich die Ehe, ich schrieb es schon, ist, was die Wendung bringt und bringen mußte, so daß dem weltfremden Mann diese Welt schließlich selbst zu einem Schachspiel wird, dessen nahezu unbezwingbarem Gegner, der Lushin aber herausgefordert hat, mit einer Verteidigung begegnet werden muß, die sein, Lushins, Leben fortan so radikal bestimmt, daß er nun erst recht an ihr scheitert. Nämlich während eines entscheidenden Spiels gegen den mächtigen Spieler Turati bricht Lushin unversehens zusammen:

Nur noch eine letzte, ungeheure Anstrengung mußte er machen, so schien es, und er fände den geheimen Zug, der zum Sieg führte. Plötzlich geschah etwas außerhalb seines Wesens, ein beißender Schmerz — und er stieß einen lauten Schrei aus, schwenkte die Hand, die mit dem Streichholz in Berührung gekommen war, das er angezündet und dann an die Zigarette zu führen vergessen hatte. Der Schmerz verging sofort, aber in dem feurigen Spalt hatte er etwas unerträglich Schreckliches erblickt, das ganze Grauen der unergründlichen Tiefen des Schachs. Er warf einen Blick auf das Schachbrett, und sein Gehirn welkte dahin in einer nie zuvor empfundenen Müdigkeit.
Lushin, 219

Die Zeitungen nachher sprechen von einem Nervenzusammenbruch, der Lushin denn auch in psychiatrische Behandlung überführt, als deren Folge wiederum der kranke Mann ein für alle Mal aus den Fängen des seinem Nervengefüge so unzuträglichen Schachspiels herausgerissen werden soll. Jede weitere Berührung wäre von niemals mehr heilbarem Schaden. Doch wie dies erreichen, wenn für den allein im Geist — darin indes geniehaft — flinken, im übrigen schweren, behäbigen Lushin doch das “wirkliche Leben das Schachleben” war,

harmonisch, überschaubar und voller Abenteuer, und mit Stolz empfand Lushin, wie leicht er in diesem Leben herrschen konnte, wie hier alles seinem Willen gehorchte und sich seinen Listen und Plänen unterordnete [und] alles außerhalb des Schachs nur ein bezaubernder Traum war, in [dem] das Bild einer lieben, helläugigen Dame mit bl0ßen Armen schmolz und zerging wie der goldene Dunst des Mondes [?]
Lushin, 152

Zumal immer wieder — wenn auch die Gemahlin sämtliche an diese andere, für Lushin einzig wahre Welt erinnernden Utensilien aus seinem Zugriff fortschafft — Versuchungen an ihn herantreten, die er erst selbst abwehrt, dann ihnen heimlich nachgibt, bis er eben begreift, daß nunmehr das Leben selbst zum Schachspiel wurde:

Von diesem Tag an gab es für ihn keine Ruhe mehr — er mußte, wenn das möglich war, eine Verteidigung gegen diese tückische Kombination finden, sich aus ihr befreien, und dazu mußte er ihr endgültiges Ziel, ihre verhängnisvolle Richtung vorhersehen,
Lushin, 247

schon weil der Herausforderer dieser Partie schlimmer, weit schlimmer als Turati war, ein nämlich göttlicher, quasi, Turati, gegen den uns zu verteidigen wir schließlich alle versagen. Da, als er es vielleicht schon begreift, sieht er es, vorher bereits, auf der Seite 181 nämlich:

Und nach Ablauf vieler finsterer Jahrhunderte — einer einzigen Erdennacht — wurde es wieder hell, und plötzlich barst etwas strahlenförmig, das Dunkel zerriß und blieb als ein verblassender, schattiger Rahmen zurück, in dessen Mitte sich ein strahlendes himmelblaues Fenster befand.
Lushin, 181/182

Die Erwähnung genau dieses Fensters, im Badezimmer, das erst ganz am Ende des Romans wieder auftaucht, ist ein ebenso ungeheurer Trick Nabokovs wie es für Lushin die ihn durchziehenden finsteren Jahrhunderte sind, die im nicht verstehenden Anblick genau dieses Fensters kulminieren, so daß er selbst, Nabokov, sich sicher war, es würde diese Stelle überlesen. Deshalb weist er 1963, nicht ohne Stolz an seiner Konstruktion und durchaus als Attacke, im Nachwort zur englischsprachigen Ausgabe eigens darauf hin. Im Buch kommentiert er — Achtung, ducken!: Baumpfahl, geschwenkt — das Fenster acht Seiten weiter folgendermaßen:

Eine jede Zukunft ist unbekannt — manchmal aber hüllt sie sich in besonders dichten Nebel, als wäre der natürlichen Zurückhaltung des Schicksals noch eine andere Macht zuhilfe gekommen und hätte diesen elastischen Nebel ausgebreitet, an dem jedes Denken abprallt.
Lushin, 200

Und dann taucht Walentinow, der alte Impresario, wieder auf. So bleibt, letztlich, nur die Flucht, und als nach ihm, dem geflohenen Lushin, die Menschen in der Wohnung suchen, brechen sie schließlich das Badezimmer auf. Mehr mag ich nicht erzählen. Lesen Sie, Freundin, lesen Sie’s selbst.

 

Ihr ANH

 

 

 

 

 

 

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Maschenka: Nabokov lesen, 24.

 

 

Und jetzt, viele Jahre später, hatte er das Gefühl,
ihre erste Begegnung in der Phantasie und die andere in der Wirklichkeit seien miteinander verschmolzen und unmerklich ineinander übergegangen, weil sie als Mensch von Fleisch
und Blut bruchlos jenes Bild fortsetzte, das ihm verheißen worden war.
Maschenka, 69/70
(Dtsch. v. Klaus Birkenhauer)

 

“Der russische Titel”, so beginnt Nabokov das Vorwort zur englischen Übersetzung “des vorliegenden Romans, Maschenka, ist eine sekundäre Verkleinerungsform von Maria, die sich gegen jede vernünftige Transliteration sperrt: der Akzent liegt auf der ersten Silbe, das “a” ist lang und das “n” muß palatisiert werden wie in Mignon.” Und etwas drunter:

Maschenka ist mein erster Roman. Ich begann mit der Arbeit daran im Frühjahr 1925, kurz nach meiner Heirat in Berlin. Gegen Anfang des folgenden Jahres war er fertig und wurde von einem Emigrantenverlag herausgebracht (Slovo, Berlin 2926);

da war Nabokov 26 und bei Erscheinen 27, was ziemlich genau meinem Alter bei der Arbeit an meinem ersterschienenen Roman Die Verwirrung des Gemüts und seinem Erscheinen 1983 entspricht (dem allerdings ein anderer, der Dolfinger, der aber als erst sechs Jahre nachher herauskam).

zwei Jahr später erschien eine deutsche Übersetzung (Ullstein, Berlin 1928), die ich nie gelesen habe,

statt dessen bat er den Übersetzer, Klaus Birkenhauer, seine – Nabokovs – eigene Übersetzung ins Englische als Fundament der deutschen Übersetzung zu nehmen;

Im übrigen blieb das Buch fünfundvierzig Jahre unübersetzt; eine imponierende Zeitspanne.
Die wohlbekannte Neigung des schriftstellernden Anfängers, dem Leser sein Privatleben aufzudrängen und in seinem ersten Roman sich selbst oder einen Stellvertreter auftreten zu lassen, rührt weniger von der Anziehungskraft einer fertigen Handlung her, als vielmehr von der Erleichterung, erst einmal sich selber loszuwerden, um dann zu Besserem fortzuschreiten. Das ist eine der sehr wenigen Regeln, die ich akzeptiere.
Maschenka (Vorwort), 7/8
(Dtsch. v. Klaus Birkenhauer)

Doch vorher schon – in der Arbeit an Erinnerung, sprich – war ihm etwas höchst Interessantes aufgefallen, nämlich

als ich das Kapitel Zwölf (…) schrieb; und nun (…) bin ich fasziniert davon, daß trotz der darübergelegten Erfindungen (…) in der Romantisierung ein kräftigerer Extrakt persönlicher Realität enthalten ist als im skrupelhaft getreulichen Bericht des Autobiographen.
Maschenka (Vorwort), 8

Dieses “skrupelhaft getreulich” dürfen wir allerdings als einen nicht ganz wiewohl  berechtigt uneitlen Selbstflirt betrachten, insofern Eigner mit seinem Wort von der “Autobiografie in Romanform” recht hat. Und umgekehrt dürfen wir jetzt etwas annehmen, das Nabokov ausgesprochen heftig stets abgewehrt hat: daß wir die Romane auch als mit autobiografischen Details versehen lesen können. Was uns nicht wunder nimmt, denn woher bezieht ein Dichter sein Wissen, ja seine Bilder, wenn nicht aus dem, was ihn geprägt hat? Er verstellt die Erscheinung, aber kaum mehr. Und selbst Maschenkas Motto, klar, von → Puschkin, weist in diese Richtung:

Gedenkend der Wirrungen früherer Jahre,
gedenkend einer früheren Liebe.

Da der kleine Roman im Berliner russischen Emigrantenmileu begonnen und auch abgeschlossen wurde darin, erzählt er – wie fast alle auf Russisch geschriebenen Texte Nabokovs – genau aus diesem heraus, nämlich von dem jungen Lew Glebowitsch Ganin, dessen Name sich auf Nabokovs zur damaligen Zeit verwendetes Autorenpseudonym W. Sirin ziemlich gut reimt, und der sich mit fünf, eigentlich sechs weiteren Russen in eine Pension teilt; “eigentlich”, weil in Zimmer 6

zwei Ballettänzer (wohnten), Kolin und Gornozwetow, die nur zu gerne jungmädchenhaft kicherten und beide mager waren, sich die Nasen puderten und muskulöse Oberschenkel hatten.
Maschenka,
18

Er hat eine seinerseits bereits abgekühlte Beziehung mit Ludmilla, die aber keineswegs kühl ist und ihrerseits mit der jungen und, schreibt Nabokov “vollbusigen” Klara befreundet ist, die ebenfalls in der Pension lebt und Ludmilla als quasi Postillonesse d’amour dient, jedenfalls immer wieder auf Ganin eindrückt, zur Freundin freundlicher zu sein. Dem sie aber, der Wahrheit zur Unehre, längst nichts mehr als lästig ist — vor allem, seit er von dem ältlichen Alexej Alferoff erfahren hat, daß dieser seine junge Frau erwarte und er, Ganin, sich dem Umstand stellen muß, daß sie eben jene große Liebe seiner Jugend, Maschenka nämlich, ist, jedenfalls sei.  Denn zwar füllt ihn nun vier Tage lange die Erinnerung an sie bis ins seligst schmerzvollste aus, aber als er sich schon entschlossen hat, sie vom Bahnhof abzuholen und derart mit Glück zu überschütten, daß sich von seelischer Gewalt sprechen ließ, und mit ihr, der nunmehr so Wehrlosen, daß sich von Entführung sprechen ließe, einfach abzuhauen — als er also so weit ist, verläßt er statt dessen alleine die Stadt, nämlich auf alle Zeit. Was aber eine indirekte Bosheit ist. Denn darauf, speziell: nach Paris zu ziehen, hat der alte, ebenfalls in der Pension lebende Dichter Podtjagin voll zitternder Sehnsucht gewartet, als ihn das Schicksal, das wir Leben nennen, niederstrecke, um aber noch einmal die Augen zu öffnen und einen

Momentlang fand sein Herz in dem Abgrund, in den er immer tiefer fiel, einen schwachen Halt. Da war noch so vieles, was er sagen wollte — daß er nun nie mehr nach Paris kommen und erst recht die Heimat nicht mehr wiedersehen würde, daß sein ganzes Leben stumpf und fruchtlos gewesen sei und daß er nicht wisse, warum er gelebt habe und warum er sterbe. Er rollte den Kopf zur Seite und sagte: “Sehen Sie – ohne jeden Paß.” Ein Anflug von Heiterkeit verzog seine Lippen. Dann verlor sich sein Blick wieder, und abermals sog ihn der Abgrund hinunter, der Schmerz bohrte sich wie ein Keil in sein Herz — und Luft zu atmen schien eine unaussprechliche, unerreichbare Seligkeit zu sein.
Maschenka,
149

Abgesehen von dem “wie ein Keil in sein Herz” ist hier mich fast einschüchtern deutlich, wie fertig ausgeprägt der Stilist Nabokov als junger Mann schon war. Es gibt quasi nirgends eine jener Ungelenkheiten, die doch Erstlinkswerken fast durchweg anhaften und da auch verzeihlich sind. Dieses “verzeihlich” kann auf Nabokov von allem mir bekannten Beginn an überhaupt keine Anwendung finden — ein → Ligeti sei er, dachte ich eben, der Sprache, auch wenn die Meisterschaft der Konstruktion von Roman erst später ihre reife Ausprägung findet. Wobei freilich der deutschen Übersetzung Nabokovs eigene aus dem Russischen zugrundeliegt und er sehr gerne während solcher Anlässe einiges mit Zweiter Hand deutlich zu verändern pflegte (im Fall des Romans “Gelächter im Dunkel” sogar derartig daß Rowohlt in die großen Ausgabe beide Fassungen aufnahm — als “Camera obscura” die erste in der frühen Übersetzung aus dem Russischen; es handele sich in gewissem Sinn um tatsächlich, schreibt der Verlag, quasi zwei Romane). Dennoch verblüfft dieser sein allererster Roman quasi unentwegt:

so küßte er ohne Leidenschaft das lackierte Gummi ihrer dargebotenen Lippen (16) — Es wäre direkt eine Sünde, einem Mann wie ihm nicht untreu zu sein (32) —  Wer sich rasiert, wird jeden Morgen einen Tag jünger (48) —  Er war ein Gott, der eine untergegangene Welt noch einmal erschuf (55) —  Im Haus war es kühl, nur hier und da zogen sich Sonnenschals über den Boden (56) — Sie sprachen wenig – es war zu dunkel zum Sprechen (100) — mit einer Bewegung wie von Gespensterschultern, die eine Last abschütteln, schoben sich schwellende Berge von Rauch in die Höhe und löschten den Nachthimmel aus (131) — die leeren weißen Ärmel der Scheinwerfer (138)

Dazu die Erzählertricks:

daß sie Maschenka hieß, wunderte ihn gar nicht; ihm war, als hätte er das schon vorher gewußt.
Maschenka,
75

Na klar, denn schon dreißig Seiten davor wurde genau das erzählt, nur daß wir es da ebenso wenig bemerkten wie Ganin, und erkennen die Tatsache nun als eine Erinnerung. So denn auch die fast fieberhafte Konkretheit, der fünf ihm von Maschenka gelassenen Briefe, die er

in Händen [hielt]. Draußen war es jetzt ganz dunkel. Die Beschläge seiner Koffer glänzten. In dem öden Zimmer roch es ein wenig nach Staub.
Maschenka,
130

Das “Wesen” der Briefe, daß nämlich sie und die in ihnen erklärte Liebe etwas Vergangenes sind, wird zu Geruch,

aber wir wissen ja, unser Gedächtnis kann fast alles wiedererstehen lassen, nur Gerüche nicht, obwohl die Vergangenheit durch nichts so vollkommen wieder auflebt wie durch einen Geruch […].
Maschenka,
90

Die Stellen auf dieser Seite 90 und der vierzig Seiten später sind im Innersten verbunden; auch dies aber etwas, das wir nachher erst begreifen oder doch zumindest spüren. Die Maschenka von früher wird es nicht mehr geben, sie wird Frau und sowieso, vielleicht nicht nur für uns, eine andere geworden sein. Ganins innerer Abschied bereitet sich vor, ohne daß er es merkt. Und dann sitzt geht der junge Mann zum Bahnhof,

ließ die vollgestopften Koffer sachte schwingen und überlegte, daß er sich schon lange nicht mehr so gesund, kräftig und unternehmungslustig gefühlt hatte. Und der Umstand, daß er mit einem Male alles mit neuen, liebenden Augen betrachtete — die Karren auf dem Weg zum Markt, die zarten, erst halb entfalteten Blätter, die bunten Plakate, die ein Mann mit einer großen Schürze rund um einen Kiosk aufhängte — gerade das war für ihn eine geheime Wende, ein Erwachen.
Maschenka,
153

Und für uns, verehrte Freundin, wenn Ganin den Zug besteigt und drin einnickt, der Sirenengesang der Verführung, gleich noch einmal in König, Dame, Bube zu schauen, einen Roman, der in der Eisenbahn immerhin beginnt und mit einem, der davonfährt:

Feierlich fahren die Häuser, die Gardinen knattern in den offenen Fenstern, der Fußboden knarrt, die Wände stöhnen, die Möbel zittern von den immer häufiger werdenden Stößen — immer schneller, immer geheimnisvoller fahren die Häuser, der Platz, die Gassen … .
Bube, Dame, König,
153
(Dtsch. v. Siegfried von Vegsack)

Und für uns, verehrte Freundin,

 

 

Ihr
ANH


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A u r e l i a n s: Nabokov lesen, 11. Die Erzählungen I,3.

 

(…) denn Pilgram gehörte zu einer besonderen Gattung von Träumern,
oder vielmehr war er bestimmt, zu ihnen zu gehören (aber etwas – der
Ort, die Zeit, der Mann – war schlecht gewählt worden), zu jenen näm-
lich, die im Englischen einstmals aurelians genannt wurden — vielleicht
um der
Chrysaliden willen, jener ‘Kleinode der Natur’, die sie so gern
an Zäumen über den staubigen Nesseln von Feldwegen hängend fanden.

 

 

 

Die zweite der für mich herausragenden Erzählungen des Ersten Bandes scheint mir, auch wenn sie —

— hier erneut, nach Peter Pertzovs und Nabokovs eigener Übersetzung (aus dem Russischen ins Englische), aus
dieser ins Deutsche von Dieter E. Zimmer übertragen —

                                                                                                                                                  — des jungen Romanciers Matrix f o r m a l nicht verläßt, die 1930 entstandene, melancholisch süße Geschichte Paul Pilgrams zu sein, nach dessen Nachnamen sie benannt ist und in welchem, wiederum, nicht nur Charles Dickens mitzuschwingen scheint, sondern auch deshalb etwas von Pilgern anklingt, Weisheits- und Wahrheitssuchern, die, wie wir lesend erleben, auch in der Fauna Erscheinungen finden, jenseits herkömmlicher Religionen. Dabei dürfen sie sogar, wie dieser, von einem kleinschurkischen Tau überzogen sein (sofern es ihr Schicksal denn wollte), dabei zugleich nur

ein abgekämpfter, älterer Mann mit gerötetem Gesicht, glatt anliegendem Haar und einem nachlässig gestutzten, angegrauten Schnurrbart. (…) Unweigerlich bestellte er Rum, stopfte seine Pfeife und sah dem Spiel mit rötlich gerandeten, wässerigen Augen zu. Das linke Augenlid hing leicht herab. Seine Beine schienen für den Körper zu dünn (zu sein).
S.499/500

Daß er kein wirklich geselliger Mensch, sondern einer ist, der trotz seiner Ehe am Rande der Gesellschaft steht, erfahren wir quasi sofort, eine verschrobene, irgendwie eingestaubte Antiquität, die nicht nur mit kleinproletarischem Ekel über „Diese heutige Jugend!“ ächzt (S.503), sondern von der man darüber hinaus anzunehmen geneigt ist, daß ihre allnächtliche

Steppdeckenstarre völlig frei (…) von Traumvisionen (war); doch in Wahrheit träumte dieser ungeschliffene, schwere Mann, der sich hauptsächlich von Erbswurst und Pellkartoffeln nährte, (…) von Dingen, die seine Frau und seine Nachbarn völlig unbegreiflich gefunden hätten (…).
S. 502

Nämlich

so deutlich, als wäre es eine eigene Erinnerung, sah sich Pilgram die Nachtruhe eines kleinen Hotels stören, indem er in einem Zimmer herumstapfte und -sprang, durch dessen weit geöffnetes Fenster ein weißlicher Nachtfalter aus der schwarzen, freigebigen Nacht hereingeschwirrt war und in einem geräuschvollen wirbelnden Tanz seinen Schatten an der Zimmerdecke küßte.
S.509

Aber mehr noch hatte er in

diesen seinen unmöglichen Träumen (…) die Insel der Seligen besucht, wo in den heißen Barancas, welche die unteren Hänge der mit Kastanien und Lorbeer bedeckten Berge zerschneiden, eine merkwürdige lokale Rasse des Kohlweißlings vorkommt; und auch jene andere Insel, jene Bahndämme bei Vizzavona und die Kiefernwälder weiter oben, die das Revier des gedrungenen und dunklen korsischen Schwalbenschwanzes sind.
S.509/510

Indessen statten diese Träume genauso sein Arbeitsleben aus, und tatsächlich konkret. Seinen kleinen dunklen Laden füllen neben vielerlei Krimskrams Schmetterlingssammlungen, sowohl präparierter, also genadelter, als aber auch lebender Tiere besonders im Zustand der Verpuppung; Nabokov schenkt das Glück, das ihm seine eigene Leidenschaft gewährte, hier einem ganz anders gearteten Menschen, als er selber ist, und er schenkt ihm, so oder so, Erfüllung. Es ist diese Prosa gewiß eine der menschlichsten Geschichten dieses Autors, eine, die ihre Hauptfigur liebt. Nebenbei bemerkt er, es sei nach ihm, Pilgram, ein Nachtfalter sogar benannt: agrotis pilgrami – wobei wir selbstverständlich nicht überprüfen können, ob der Wiener Herr Dr. Rebel, der den Namen prägte, tatsächlich unseren Helden im Sinn hatte; er habe über Falter aber, dieser, „mehrere Beschreibungen publiziert“, ganz wie später Nabokov selbst.

Wie auch immer, durch mehr oder minder Zufall wird Herr Pilgram in den Besitz – nicht ins Eigentum, denn er soll die Ware weiterverkaufen – einer Sammlung versetzt, von der ihm, anders als der Verkäuferin – der „Witwe eines bedeutenden Kenners“ – selbst, unmittelbar bewußt ist, welch einen hohen Wert sie hat. Deshalb nun die kleine Schurkerei:

Er beeilte sich, dem törichten Frauenzimmer zu versichern, daß er dafür nicht mehr als fünfundsiebzig Mark bekommen würde (…),
S.512

und zahlt ihr sogar nur fünfzig, nachdem er allerdings lange, sehr lange fast vergeblich auf den richtigen Interessenten hatte warten müssen und nun aber wirklich aufbrechen will.

Er wußte, daß es Wahnsinn war; er wußte, er würde Eleonore hilflos zurücklassen, Schulden, unbezahlte Steuern, einen Laden, in dem nur Kleinkram verkauft wurde; er wußte, daß er mit den neunhundertfünfzig Mark, die er möglicherweise bekäme, nur ein paar Monate lang verreisen könnte; und doch nahm er alles das auf sich, denn er war ein Mann, der spürte, daß nur das öde Alter vor ihm lag und daß das Glück, das ihm jetzt winkte, seine Einladung niemals wiederholen würde.
S.513

Freilich, seiner Natur nach bringt er erst einmal seine Hinterlassenschaft wie nur möglich in Ordnung. Dann erst

sah (er) auf die Uhr und stellte fest, daß es Zeit war zu packen: Sein Zug fuhr um 8 Uhr 29. Er schloß den Laden ab, schleppte den alten karierten Koffer seines Vaters aus dem Korridor herbei und packte zuallererst die Fanggeräte: ein zusammenlegbares Netz, Tötungsgläser, Sammelschachteln, eine Handlampe für den Nachtfang auf den Sierras und ein paar Päckchen mit Nadeln. (…) Im Dämmerlicht
S.515/516

schließlich

des sonderbar stillen Ladens starrten ihn von allen Seiten die Augenflecken der Schmetterlingsflügel an, und Pilgram empfand fast etwas Unheimliches in dem Überfluß des ungeheuren Glücks, das sich wie ein Berg zu ihm herüberneigte.
a.a.O.

Seiner nichtsahnenden Frau läßt er bloß einen Zettel zurück:

Bin nach Spanien gefahren. Faß nichts an, bis ich schreibe. Borg Dir was von Sch. oder W. Füttre die Eidechsen.
S.518

So hätte es übrigens auch der Mann meiner Großmutter mütterlicherseits machen können, über den ich nach wie vor eine Geschichte schreiben möchte; bei ihm hätte dann “Füttre die Vögel” auf dem Zettel gestanden. Indes verschwand er stets ohne Nachricht, und zwar auf Monate. Pilgram hingegen, dessen großes Lebensabenteuer nun beginnt, verschwindet und verschwindet doch gleichzeitig nicht. Nur will ich hier nicht mehr erzählen, als Nabokov es selber tut, nämlich daß er, Pilgram, „weit, sehr weit“ war:

Höchstwahrscheinlich war er in Granada gewesen und in Murcia und in der Sierra de Albarracín und war noch weiter gereist, nach Surinam oder oder Tapobrane; und kaum kann man bezweifeln, daß er all die herrlichen Insekten seiner Sehnsucht gesehen hatte – samtene schwarze Schmetterlinge, die hoch über dem Urwald fliegen, einen winzigen tasmanischen Nachtfalter, jenen chinesischen Dickkopffalter, der lebend nach zerdrückten Rosen riechen soll, und den schönen Falter mit den kürzen Fühlern, den ein Mr. Baron gerade in Mexiko entdeckt hatte.
S.518

So ist das schließliche Ende der Geschichte in der Tat – nicht nur „in gewissem Sinne“ –

ohne Bedeutung.
S.519/520

Bedeutung hat vielmehr, daß an regnerischen Abenden der Asphalt „wie ein Seehundsrücken glänzte“, und wie

ein schlüpfriger, polierter Mond (…) reibungslos zwischen Chinchillawolken
S.517

dahinglitt.

 

 

 

Ihr, Freundin,

ANH

 

 

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