Maschenka: Nabokov lesen, 24.

 

 

Und jetzt, viele Jahre später, hatte er das Gefühl,
ihre erste Begegnung in der Phantasie und die andere in der Wirklichkeit seien miteinander verschmolzen und unmerklich ineinander übergegangen, weil sie als Mensch von Fleisch
und Blut bruchlos jenes Bild fortsetzte, das ihm verheißen worden war.
Maschenka, 69/70
(Dtsch. v. Klaus Birkenhauer)

 

“Der russische Titel”, so beginnt Nabokov das Vorwort zur englischen Übersetzung “des vorliegenden Romans, Maschenka, ist eine sekundäre Verkleinerungsform von Maria, die sich gegen jede vernünftige Transliteration sperrt: der Akzent liegt auf der ersten Silbe, das “a” ist lang und das “n” muß palatisiert werden wie in Mignon.” Und etwas drunter:

Maschenka ist mein erster Roman. Ich begann mit der Arbeit daran im Frühjahr 1925, kurz nach meiner Heirat in Berlin. Gegen Anfang des folgenden Jahres war er fertig und wurde von einem Emigrantenverlag herausgebracht (Slovo, Berlin 2926);

da war Nabokov 26 und bei Erscheinen 27, was ziemlich genau meinem Alter bei der Arbeit an meinem ersterschienenen Roman Die Verwirrung des Gemüts und seinem Erscheinen 1983 entspricht (dem allerdings ein anderer, der Dolfinger, der aber als erst sechs Jahre nachher herauskam).

zwei Jahr später erschien eine deutsche Übersetzung (Ullstein, Berlin 1928), die ich nie gelesen habe,

statt dessen bat er den Übersetzer, Klaus Birkenhauer, seine – Nabokovs – eigene Übersetzung ins Englische als Fundament der deutschen Übersetzung zu nehmen;

Im übrigen blieb das Buch fünfundvierzig Jahre unübersetzt; eine imponierende Zeitspanne.
Die wohlbekannte Neigung des schriftstellernden Anfängers, dem Leser sein Privatleben aufzudrängen und in seinem ersten Roman sich selbst oder einen Stellvertreter auftreten zu lassen, rührt weniger von der Anziehungskraft einer fertigen Handlung her, als vielmehr von der Erleichterung, erst einmal sich selber loszuwerden, um dann zu Besserem fortzuschreiten. Das ist eine der sehr wenigen Regeln, die ich akzeptiere.
Maschenka (Vorwort), 7/8
(Dtsch. v. Klaus Birkenhauer)

Doch vorher schon – in der Arbeit an Erinnerung, sprich – war ihm etwas höchst Interessantes aufgefallen, nämlich

als ich das Kapitel Zwölf (…) schrieb; und nun (…) bin ich fasziniert davon, daß trotz der darübergelegten Erfindungen (…) in der Romantisierung ein kräftigerer Extrakt persönlicher Realität enthalten ist als im skrupelhaft getreulichen Bericht des Autobiographen.
Maschenka (Vorwort), 8

Dieses “skrupelhaft getreulich” dürfen wir allerdings als einen nicht ganz wiewohl  berechtigt uneitlen Selbstflirt betrachten, insofern Eigner mit seinem Wort von der “Autobiografie in Romanform” recht hat. Und umgekehrt dürfen wir jetzt etwas annehmen, das Nabokov ausgesprochen heftig stets abgewehrt hat: daß wir die Romane auch als mit autobiografischen Details versehen lesen können. Was uns nicht wunder nimmt, denn woher bezieht ein Dichter sein Wissen, ja seine Bilder, wenn nicht aus dem, was ihn geprägt hat? Er verstellt die Erscheinung, aber kaum mehr. Und selbst Maschenkas Motto, klar, von → Puschkin, weist in diese Richtung:

Gedenkend der Wirrungen früherer Jahre,
gedenkend einer früheren Liebe.

Da der kleine Roman im Berliner russischen Emigrantenmileu begonnen und auch abgeschlossen wurde darin, erzählt er – wie fast alle auf Russisch geschriebenen Texte Nabokovs – genau aus diesem heraus, nämlich von dem jungen Lew Glebowitsch Ganin, dessen Name sich auf Nabokovs zur damaligen Zeit verwendetes Autorenpseudonym W. Sirin ziemlich gut reimt, und der sich mit fünf, eigentlich sechs weiteren Russen in eine Pension teilt; “eigentlich”, weil in Zimmer 6

zwei Ballettänzer (wohnten), Kolin und Gornozwetow, die nur zu gerne jungmädchenhaft kicherten und beide mager waren, sich die Nasen puderten und muskulöse Oberschenkel hatten.
Maschenka,
18

Er hat eine seinerseits bereits abgekühlte Beziehung mit Ludmilla, die aber keineswegs kühl ist und ihrerseits mit der jungen und, schreibt Nabokov “vollbusigen” Klara befreundet ist, die ebenfalls in der Pension lebt und Ludmilla als quasi Postillonesse d’amour dient, jedenfalls immer wieder auf Ganin eindrückt, zur Freundin freundlicher zu sein. Dem sie aber, der Wahrheit zur Unehre, längst nichts mehr als lästig ist — vor allem, seit er von dem ältlichen Alexej Alferoff erfahren hat, daß dieser seine junge Frau erwarte und er, Ganin, sich dem Umstand stellen muß, daß sie eben jene große Liebe seiner Jugend, Maschenka nämlich, ist, jedenfalls sei.  Denn zwar füllt ihn nun vier Tage lange die Erinnerung an sie bis ins seligst schmerzvollste aus, aber als er sich schon entschlossen hat, sie vom Bahnhof abzuholen und derart mit Glück zu überschütten, daß sich von seelischer Gewalt sprechen ließ, und mit ihr, der nunmehr so Wehrlosen, daß sich von Entführung sprechen ließe, einfach abzuhauen — als er also so weit ist, verläßt er statt dessen alleine die Stadt, nämlich auf alle Zeit. Was aber eine indirekte Bosheit ist. Denn darauf, speziell: nach Paris zu ziehen, hat der alte, ebenfalls in der Pension lebende Dichter Podtjagin voll zitternder Sehnsucht gewartet, als ihn das Schicksal, das wir Leben nennen, niederstrecke, um aber noch einmal die Augen zu öffnen und einen

Momentlang fand sein Herz in dem Abgrund, in den er immer tiefer fiel, einen schwachen Halt. Da war noch so vieles, was er sagen wollte — daß er nun nie mehr nach Paris kommen und erst recht die Heimat nicht mehr wiedersehen würde, daß sein ganzes Leben stumpf und fruchtlos gewesen sei und daß er nicht wisse, warum er gelebt habe und warum er sterbe. Er rollte den Kopf zur Seite und sagte: “Sehen Sie – ohne jeden Paß.” Ein Anflug von Heiterkeit verzog seine Lippen. Dann verlor sich sein Blick wieder, und abermals sog ihn der Abgrund hinunter, der Schmerz bohrte sich wie ein Keil in sein Herz — und Luft zu atmen schien eine unaussprechliche, unerreichbare Seligkeit zu sein.
Maschenka,
149

Abgesehen von dem “wie ein Keil in sein Herz” ist hier mich fast einschüchtern deutlich, wie fertig ausgeprägt der Stilist Nabokov als junger Mann schon war. Es gibt quasi nirgends eine jener Ungelenkheiten, die doch Erstlinkswerken fast durchweg anhaften und da auch verzeihlich sind. Dieses “verzeihlich” kann auf Nabokov von allem mir bekannten Beginn an überhaupt keine Anwendung finden — ein → Ligeti sei er, dachte ich eben, der Sprache, auch wenn die Meisterschaft der Konstruktion von Roman erst später ihre reife Ausprägung findet. Wobei freilich der deutschen Übersetzung Nabokovs eigene aus dem Russischen zugrundeliegt und er sehr gerne während solcher Anlässe einiges mit Zweiter Hand deutlich zu verändern pflegte (im Fall des Romans “Gelächter im Dunkel” sogar derartig daß Rowohlt in die großen Ausgabe beide Fassungen aufnahm — als “Camera obscura” die erste in der frühen Übersetzung aus dem Russischen; es handele sich in gewissem Sinn um tatsächlich, schreibt der Verlag, quasi zwei Romane). Dennoch verblüfft dieser sein allererster Roman quasi unentwegt:

so küßte er ohne Leidenschaft das lackierte Gummi ihrer dargebotenen Lippen (16) — Es wäre direkt eine Sünde, einem Mann wie ihm nicht untreu zu sein (32) —  Wer sich rasiert, wird jeden Morgen einen Tag jünger (48) —  Er war ein Gott, der eine untergegangene Welt noch einmal erschuf (55) —  Im Haus war es kühl, nur hier und da zogen sich Sonnenschals über den Boden (56) — Sie sprachen wenig – es war zu dunkel zum Sprechen (100) — mit einer Bewegung wie von Gespensterschultern, die eine Last abschütteln, schoben sich schwellende Berge von Rauch in die Höhe und löschten den Nachthimmel aus (131) — die leeren weißen Ärmel der Scheinwerfer (138)

Dazu die Erzählertricks:

daß sie Maschenka hieß, wunderte ihn gar nicht; ihm war, als hätte er das schon vorher gewußt.
Maschenka,
75

Na klar, denn schon dreißig Seiten davor wurde genau das erzählt, nur daß wir es da ebenso wenig bemerkten wie Ganin, und erkennen die Tatsache nun als eine Erinnerung. So denn auch die fast fieberhafte Konkretheit, der fünf ihm von Maschenka gelassenen Briefe, die er

in Händen [hielt]. Draußen war es jetzt ganz dunkel. Die Beschläge seiner Koffer glänzten. In dem öden Zimmer roch es ein wenig nach Staub.
Maschenka,
130

Das “Wesen” der Briefe, daß nämlich sie und die in ihnen erklärte Liebe etwas Vergangenes sind, wird zu Geruch,

aber wir wissen ja, unser Gedächtnis kann fast alles wiedererstehen lassen, nur Gerüche nicht, obwohl die Vergangenheit durch nichts so vollkommen wieder auflebt wie durch einen Geruch […].
Maschenka,
90

Die Stellen auf dieser Seite 90 und der vierzig Seiten später sind im Innersten verbunden; auch dies aber etwas, das wir nachher erst begreifen oder doch zumindest spüren. Die Maschenka von früher wird es nicht mehr geben, sie wird Frau und sowieso, vielleicht nicht nur für uns, eine andere geworden sein. Ganins innerer Abschied bereitet sich vor, ohne daß er es merkt. Und dann sitzt geht der junge Mann zum Bahnhof,

ließ die vollgestopften Koffer sachte schwingen und überlegte, daß er sich schon lange nicht mehr so gesund, kräftig und unternehmungslustig gefühlt hatte. Und der Umstand, daß er mit einem Male alles mit neuen, liebenden Augen betrachtete — die Karren auf dem Weg zum Markt, die zarten, erst halb entfalteten Blätter, die bunten Plakate, die ein Mann mit einer großen Schürze rund um einen Kiosk aufhängte — gerade das war für ihn eine geheime Wende, ein Erwachen.
Maschenka,
153

Und für uns, verehrte Freundin, wenn Ganin den Zug besteigt und drin einnickt, der Sirenengesang der Verführung, gleich noch einmal in König, Dame, Bube zu schauen, einen Roman, der in der Eisenbahn immerhin beginnt und mit einem, der davonfährt:

Feierlich fahren die Häuser, die Gardinen knattern in den offenen Fenstern, der Fußboden knarrt, die Wände stöhnen, die Möbel zittern von den immer häufiger werdenden Stößen — immer schneller, immer geheimnisvoller fahren die Häuser, der Platz, die Gassen … .
Bube, Dame, König,
153
(Dtsch. v. Siegfried von Vegsack)

Und für uns, verehrte Freundin,

 

 

Ihr
ANH


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In Aleppo einst auch ich: Nabokov lesen, 23. Die Erzählungen, II,4.

Then must you speak
Of one that loved not wisely but too well,
Of one not easily jealous but, being wrought,
Perplexed in the extreme; of one whose hand,
Like the base Indian, threw a pearl away
Richer than all his tribe; of one whose subdued eyes,
Albeit unused to the melting mood,
Drop tears as fast as the Arabian trees
Their medicinable gum. Set you down this,
And say besides that in Aleppo once,
Where a malignant and a turbaned Turk
Beat a Venetian and traduced the state,
I took by th’ throat the circumcised dog
And smote him thus.
Shakespeare, Othello V.2, 341-354

 

In die letzte der Erzählungen dieses zweiten Bandes, die ich mir — bevor ich mich wieder Nabokovs Romanen zuwende — gesondert anschauen möchte, habe ich mich – ich schrieb es schon → im Arbeitsjournal – derart verliebt, daß ich, obwohl →  dort schon drauf eingegangen, ihr doch einen eigenen Beitrag schaffen muß. Also verzeihen Sie mir, Freundin, wenn ich ein oder zwei Zitate deshalb wiederhole. Sie sind es wert, so oder so, und zwar umso mehr, als mir selbst Eifersucht beinahe prinzipiell fremd ist. (Nun gut, ganz wohl nicht, denn ich erinnere mich, wie ich einmal, um 1980, als meine damalige Gefährtin mit einem Liebhaber, was sie mir gesagt hatte, anderswo die Nacht verbrachte, es nicht anders aushielt, als mir eine halbe Flasche Cognac reinzuschütten und dazu Strauss’ Salome zu hören, wobei ich schließlich laut mitgrölte und irgendwann erschöpft zusammenbrach. Dieses aber war das einzige Mal, woran ich mich erinnere, das letzte Mal — auch davor schon, bei anderen Frauen, damals eher noch Mädchen, hatte ich solche Anfälle gehabt und darüber die mir damals wichtigste verloren. Danach kam dergleichen nicht mehr vor, sondern ich ging dazu über, auch meinerseits “mehrgleisig zu fahren”. So schienen mir die Verhältnisse ausbalanziert zu sein. Und über die Eifersucht anderer machte ich mich fortan nur lustig.)

Es hat lange gebraucht, bis ich Theaterstücke, Opern, ja selbst Bücher wieder anschauen, anhören und lesen konnte, in denen Eifersucht zentral ist. Eigentlich hat es den Otello gebraucht, → Verdis, um zu verstehen und dann auch mitzuempfinden. Vielleicht hat mich bei Nabokov auch gerade dieser Bezug, in seinem Fall auf Shakespeare direkt, sofort für die Geschichte eingenommen; ausschließen kann und mag ich’s auch nicht. Doch ist sie auch in ihrer gleichzeitig nahen wie distanzierten Erzählart superb. — Um mich zu wiederholen:

Obschon ich urkundliche Zeugnisse meiner Eheschließung vorweisen kann, bin ich heute sicher, daß meine Frau nie existiert hat.
Aleppo, 426
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

Und, das Zitat hier fortsetzend:

Möglich, daß Du ihren Namen aus anderer Quelle weißt, aber das ist gleichgültig. Es ist der Name einer Sinnestäuschung. Darum kann ich von ihr mit ebenso viel Abstand sprechen wie von der Figur einer Erzählung (einer Deiner Erzählungen, genau gesagt).
Aleppo, ebda.

Die Erzählung ist ein Brief, und wenn wir uns vergegenwärtigen, daß er an einen gewissen V. geschrieben ist (der erste Buchstabe des Vornamens Nabokovs mithin), wird sofort klar, wessen Erzählungen gemeint sind. Nun ist aber auch der Briefeschreiber im Exil und auf der Flucht, nämlich dabei, sich um die Passage in die USA zu kümmern. Schon werden wir ahnen, es habe dieser Mann sich aufgespalten in einen, der dann tatsächlich abreist, und einen, der — weshalb wohl? — bleibt. Und am Ende bekommen wir genau dafür die Bestätigung:

Zum Teufel mit Deiner Kunst, ich leide furchtbar. Immer noch geht sie dort auf und ab, wo die braunen Netze zum Trocknen auf den heißen Steinplatten ausgebreitet sind und das scheckige Licht des Wassers an der Seite eines festgemachten Fischerbootes spielt. In den braunen Maschen glänzen hier und winzige blasse Stückchen kaputter Fischschuppen. Wenn ich nicht achtgebe, könnte alles noch in Aleppo enden. Schone mich, V.: Du beschwertest Deine Würfel mit einer unerträglichen Bedeutung, wenn Du das als Titel nähmest.
Aleppo, 442

Was er selbstverständlich tut.

Aber was war geschehen?
Im ständigen Hinundher an der südfranzösischen Küste, stets auf der Suche nach Visa und Fahrten

zu unbekannten Zielbahnhöfen, gingen wir durch die ausgedienten Kulissen abstrakter Städte, lebten wir in dem ständigen Zwielicht körperlicher Erschöpfung — solches war unsere Flucht: und je weiter sie uns führte, desto klarer wurde es, daß uns mehr als ein Schwachkopf mit Stiefeln und Koppelschloß und seiner Kollektion verschieden angetriebenen militärischen Trödelkrams vor sich her jagte — etwas, wofür er nur das Symbol war, etwas Ungeheuerliches und Unfaßbares, eine zeit- und gesichtslose Masse unvordenklichen Grauens, da selbst hier, im grünen Vakuum des Central Park[s], immer noch von hinten auf mich zukommt.
Aleppo, 429

Auf einer Bahnstationen verliert der Erzähler seine Geliebte nun, und erst nach vielen Irrstationen findet er sie wieder, diese seine

Liebe nicht so sehr auf den ersten Blick wie auf die erste Berührung, denn ich war ihr vorher schon mehrere Male begegnet, ohne daß ich dabei irgendwelche besonderen Gefühle empfunden hätte; aber als ich sie eines Abends nach Hause begleitete, veranlaßte mich eine eigentümliche Bemerkung ihrerseits, mich hinabzubeugen und leicht ihr Haar zu küssen (…)
Aleppo, 426

Nabokov hätte meine Bemerkung gehaßt, weil → Aragon solch ein furchtbarer Stalinist gewesen ist, aber erinnert die Stelle nicht ein bißchen an dessen fast nicht glaubhaft schönen Liebesroman Aurelien, einen der, versichere ich Ihnen, wundervollsten des gesamten Genres, erschienen 1944, also nur ein Jahr nach der hier besprochenen Erzählung? — Er beginnt so, ja, erster Satz:

Als Aurélien Bérénice zum ersten Mal sah, fand er sie ausgesprochen häßlich.
Aurélien, 5
(Dtsch.v. Karl Heinrich)

Aber schon legt sich die Schlinge um ihn:

Irgend etwas stimmte nicht. War es ihre kleine Statur, ihre Blässe … Hätte sie Jeanne oder Marie geheißen, er wäre ganz sicher nicht mehr darauf zurückgekommen. Aber ausgerechnet Bérénice! Welch seltsame Verstiegenheit!
Aurélien, ebda.

Nur dies ist nun schon völlig Aragon, daß es ein Vers ist, auf dem die über nahezu 750 Seiten hin erzählte, hinreißend intensive Liebesgeschichte sich gründet, einer,

den er nicht einmal besonders schon fand, oder, besser gesagt, dessen Schönheit ihm zweifelhaft und unerklärlich erschien, der ihn aber dennoch gepackt und nicht wieder losgelassen hatte:

Ratlos irrte ich lange / in Cäsarea umher …

Aleppo, ebda.

Von Aragon selbst stammt übrigens ein Vers, den ich meinerseits niemals losgeworden bin:                                       

 Aimer a perdre la raison

Herumirren tut, seiner Geliebten verlustig gegangen, freilich auch der Briefeschreiber, doch als Exilant sehr konkret. Nachdem er sie dann endlich wiedergefunden hat

auf Zehenspitzen gereckt, um erkennen zu können, was es eigentlich zu kaufen gab. Ich glaube, als Allererstes sagte sie mir, daß es hoffentlich Apfelsinen seien[,]
Aleppo, 433,

da tischt sie ihm eine einigermaßen bizarre Geschichte auf, der weitere solche Geschichten folgen, die in ihm schließlich diese irrationale Eifersucht bewirken. Welche es sind, lesen Sie selbst – es spielt darin ein Hund eine Rolle, den es, versichert der Erzähler, aber niemals gab.
Wie auch immer, der Mann — abermals ist seine Geliebte verschwunden — erhält endlich sein Visum. Doch bevor er abreist, besucht er noch einmal eine alte, in Südfrankreich lebende Russin, die

und Du weißt, wie Anna Weretennikow in kritischen Augenblicken istihren Krückstock mit der Gummispitze [verlangt,]
Aleppo, 438

sich dann schwer aus ihrem Lieblingssessel hebt und dem Erzähler vorwirft, daß er ein Tyrann und Grobian sei. Wobei ihre

hängend[n], faltige[n] Wangen zuckten, als sie mir eine mütterliche, aber unverdiente Beleidigung an den Kopf warf.
Aleppo, 439

Nämlich macht sie ihm Vorwürfe und läßt ihn schwören, keinen Versuch zu unternehmen, die beiden Liebenden — denn sie kennt ihren Puschkin — mit gespanntem Pistolenabzug zu verfolgen. Und dann kommt’s:

Als ich gehen wollte, flammte Anna Wladimirowna, die sich schon ein wenig beruhigt und mir sogar ihre fünf Finger zu einem Kuß gereicht hatte, von neuem auf, stampfte mit ihrem Stock auf den Kies und sagte mit ihrer tiefen, kräftigen Stimme: “Aber eins verzeihe ich Ihnen nie — Ihren Hund, das arme Tier, das Sie eigenhändig erhängt haben, bevor Sie Paris verließen.”.
Aleppo, 439/440

So daß der Erzähler ein paar Tage später “begreift”, daß ganz wie dieser, also der Hund, auch seine Geliebte nie existiert hat. Doch bleibt sie ihm für alle Zeit:

Es gab sie, gab sie,
Gibt sie nie.
Saul Czechy, Mürwald (1954)
(Dtsch.v. Joachim Armbruster)

 

 

 

 

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Puschkin im Arbeitsjournal des Sonntags, den 16. Februar 2020. Darinnen Nabokovs Onegin: eine Vor- und Vorwegnahme. Nabokov lesen, 21.

[Arbeitswohnung, 8.30 Uhr]

Das war nun eine gute Woche. Zum einen Oliver Jungens Rezension → der Erzählbände in der, nach Jahren wieder, FAZ, zum anderen schickte mir, nachträglich zu meinem → Geburtstag, dessen Jubiläumsnummer nun wahrlich kein Anlaß zur Freude, aus Umbrien → Parallalie, bzw. ließ er’s aus Bremen schicken, von → diesem Antiquar eine Sendung, mit der ich nie und nimmer gerechnet hätte, noch daß ich’s habe.
Vorausgegangen war während meines → letzten amerinischen Aufenthaltes, das ohnedies immer wieder, abgesehen vom Re Orso, von Gespräch zu Nabokov und → meiner Serie (an der ich sicherlich noch bis zum Ende dieses Jahres arbeiten werde) mit angefüllt war, der Hinweis auf eine seiner Arbeiten, die er selbst zu seinen wichtigsten zählte und an deren in dieser kleingedruckten eintausenddreihundertseitigen Ausgabe er rund dreißig Jahre lang saß — länger als an irgendeinem seiner Romane.
Ich schaute selbstverständlich gleich, noch in Amelia, im Netz nach, wo ich sie bekommen könne.
Sie war längst vergriffen, aber es gab sie hier und dort im Antiquariat, zu einem Preis indes, den ich zumal jetzt in keiner Weise bezahlen konnte. So mischte sich meiner hohen Neugier denn doch eine wenn auch nur insofern leichte Enttäuschung bei, als ich ja noch einige Romane vor mir hatte und weiterhin habe, die allein, wie soeben geschrieben, dieses Jahr ziemlich füllen werden. Und fast schon vergaß ich darauf.

Ja, und dann kommt dieses Päckchen, ein ziemlich großes Päckchen, das mir Wein zu enthalten schien; auch das Gewicht kam hin. Nur aber — Bremen und Wein? Vielleicht doch eher Kaffee oder gar, in einer womöglich schweren Blechdose, Tee aus dem bekannten Kontor? — Gut, es brachte nichts, weiter zu raten.

Schnippschnipp, abzieh — … meine Güte, ist das verpackt! Und ward auch ziemlich kleiner, nachdem erstmal die pappnen Halteseiten umgelegt waren.

Jetzt ein Quader, backsteingroß und backsteinschwer. Und wie etwas mit Tesa verklebt, das geöffnet werden nicht will. Doch kann ich ziemlich zäh sein … und … Voilà:

 

 

Welch einen Jubel, ja, mit Stimme! ich da ausstieß, als der Schuber sichtbar ward! Es war einfach nicht zu fassen. Wie hatte sich der Freund in solche Unkosten gestürzt? (Nun jà, er hatt’ es angekündigt, eine Woche zuvor, es sei etwas auf den Weg gebracht: “Ich fand es einfach nötig.”) Ich tanzte erst noch ein bißchen herum, gluckste pumpender Lunge dabei, und ließ sie endlich, beide Bücher, das zarte schmale und das gewichtige große, herausgleiten. Da guckt’ ich natürlich sofort hinein, indessen mir weiterhin bewußt, daß ich mich noch lange nicht “wirklich” daransetzen könne.
Tat es zwischendurch freilich trotzdem, zumindest was die Übertragung von Puschkins Versroman angeht, einer doppelten, fast dreifachen Übertragung freilich: aus dem Russischen von Nabokov ins Englische und (Nachtrag, 13.36 Uhr: siehe hierunter → dort) aus dem Russischen von Sabine Baumann ins Deutsche, mitsamt wiederum der Kommentare Dieter E. Zimmers. Zumindest die Grundlage selbst dieser Arbeit, den Puschkin also, wollte und will ich schon einmal lesen. Und habe damit angefangen.

Es störte mich zugleich ein Unbehagen, das ich aber immer habe, wenn gereimte Verse ungereimt wiedergegeben werden. Mir fehlt dann schmerzhaft was, wobei ich erstmal nur ahnte, daß Puschkin mit Reimen geschrieben habe. Er wäre zu seltsam, wenn nicht. So begann ich, ein Fehlen, daß ich nie zuvor als quälend empfunden … gut, “quälend” ist auch etwas zu dicke gesagt – … begann indes erneut zu bedauern, kein Russisch zu können. Wiewohl → dort Andreas Platthaus Nabokovs und seiner Folgerinnen und Folger Entscheidung rundum nachvollziehbar erklärt. Nur hatte ich mir ein paar Tage vorher sogar gesagt, ich sei es Nabokov schuldig, es zu können. Indes, daß ich solch eine Sprache noch packe, ist ziemlich illusorisch (zumal mir Farsi und Arabisch vorgehen werden sowie, meine Französisch neu zu “rebuilden”; und auch das Italienische darbt, und Spanisch würd mich reizen — nur, woher die Zeit?)
Was ich dennoch schon sagen kann, ist, daß nach wenigen Versen die Strophen eine ungemeine Einbildungskraft erwecken. So werde ich Nabokovs Onegin nun in der Überübersetzung tatsächlich neben der übrigen Arbeit lesen; sie gab mir sogar schon zwei Motti für den → Béartzyklus.

Mit dem ich gleichfalls gut weiterkam; fast zwei Dritten des Entwurfs der Nummer XXX stehn jetzt. Ganz ungewöhnlich, was mir plötzlich dafür einfiel … eine Erinnerung, die über dreißig Jahre zurückliegt und sich in mein Ganglion in → Tsavo-Ost getanzt hat; selbst ein Alzheimer käme gegen deren Macht nicht an, so glühend bleibt sie von der afrikanischen Savannenmagie: einmal eine Sonne sehen, die in der Größe eines bemannten, rot entblühenden Fesselballons in den Horizont sinkt! Niemand, der Herz hat, wird das wieder los. Und jetzt sank sie mir in die Béart.

Und dann erschien gestern nun wirklich, bei Faustkultur, meine Erzählung → zu André Hellers Rosenkavalier-Inszenierung unter Zubin Mehta. Ich hätte den Text gerne etwas früher im Netz stehen haben. Aber es sei drum, er wird ja nicht alt.

Gut, ich kehrte mit den mir dargebrachten beiden Büchern an meinen Schreibtisch zurück und — da aber der Freund natürlich hatte seiner Sendung keine Grußkarte oder dergleichen beilegen können — öffnete das mächtigere der beiden, den Kommentar, um nunmehr selbst zu … kann ich signieren schreiben? Wohl eher nicht. Doch der Vermerk mußte hinein:

Ihr, Geliebte,
ANH

 

P.S.:
Allerdings glaube ich nicht, daß Nabokov recht mit dem hat, was draußen auf den Schuber gedruckt ist, er werde als Verfasser von Lolita und mit seiner Arbeit über Eugen Onegin in Erinnerung bleiben — und bin ja dabei, nach und nach den Beweis anzutreten. Man darf auch Göttern widersprechen und sollte es, wenn nötig, tun. (Soviel zu einem Gespräch, das ich gestern nacht führte.)


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