Einunddreißigstes Coronojournal, nämlich des Mittwochs, den 14. Oktober 2020. (Nachkrebstagebuch). Mit Deutschem Buch- und Monika-Rinck-Preis 2020.

[Arbeitswohnung, 8.08 Uhr
France musique contemporaine:
Berio, Folks songs (1964), Dawn Upshaw]

Über Jahre war ich, es mehr oder minder wegdrückend, verletzt, niemals für den Deutschen Buchpreis nominiert worden zu sein, um von Benennung auf der Shortlist zu schweigen, jetzt aber, so schrieb ich’s gestern meiner Lektorin, bin ich mir nicht sicher, was schlimmer ist: dies oder – wie Thomas Hettche – es viermal “geschafft” und dann doch den Preis verfehlt zu haben. Nun bin ich mit ihm gewiß nicht mehr befreundet, seit zwei Jahrzehnten schon nicht mehr, aber seinen Schmerz imaginiere ich, als spürte ich ihn selbst. Wobei mir zu Ohren kam, ich weiß gar nicht mehr, woher, daß mir – ausgerechnet für den → Béartzyklus und pionierhaft schon vor dem, bei diaphanes, Erscheinen – der Monika-Rinck-Preis für moderne Lürik verliehen werden solle, was ich erstens nicht nur nicht fassen kann, sondern zweitens schon deshalb bezweifle, weil es meinen Recherchen in keiner Weise gelungen ist, auch nur irgendwas über die Auslobung solch eines Preises herauszufinden und es ihn ergo gar nicht zu geben scheint. Was freilich ein geradezu widernatürliches Versäumnis wäre. Wie aber auch immer dennoch, ist da jemand offenbar einer gewaltigen Ente aufgesessen, einer Dino-Ente sozusagen, manche der Dinger hatten ja Federn; andererseits hätte die mir so verdächtige Entscheidung aus Spielbergs Film immerhin einen echten Jurassic Parc gemacht, in dem viel real verfolgt und auch wohl viel gerissen worden wäre. Statt dessen hat nun Hettche berechtigt ungute Laune, nicht minder als — über die “tatsächliche” Entscheidung der Jury — die → von mir hoch verehrte Dorothea Dieckmann, die mir folgendes schrieb:

Selten hat mich ein Buch derart (ja: sogar moralisch) entsetzt, und das Blasorchester befeuert meine Empörung über eine unverschämte Aneignung und Geschichtsklitterung, die nun von sämtlichen Betriebszweigen widerspruchslos sanktioniert wird …

Ich selbst kann es nicht beurteilen, aber schätze die Kollegin für ihre klaren, nicht korrumpierbaren Haltungen sehr – und entsprechend ihre Bücher, zumal stilistisch ebenso. Hier deshalb der Link auf den, vom 23. Juni, → Podcast ihrer nun offenbar völlig weggeschwappten Rezension:

 

Und wer Dieckmanns ungekürzte Rezension kennenlernen möchte, → voilà!

Um mich abwer nicht so sehr davon, doch von der Mißlichkeit abzulenken, daß ich selbst derzeit kaum etwas zustande bekomme, und um wenigstens anderweitig kreativ zu sein, habe ich gestern wieder einmal ein Brot vorbereitet, den Teig angesetzt und gut geknetet sowie über Nacht im Kühlschrank fermentieren lassen und heute früh bereits auf der gemehlten Holzplatte zweimal, je in in Länge und Höhe gezogen, gefaltet, was in den kommenden drei Stunden noch dreimal wiederholt werden, bevor in vieren der dann tüchtig, so hoff ich, gegangene Laib in den Ofen kommen wird.

Der Literaturbetrieb also, aber mehr noch Corona und aberaber kein Ende. Vor drei Tagen, in einer Videokonferenz, konnte ich nicht anders als dieses Jahr eine Coronahysterie mit heiterem Krebs-Intermezzo zu nennen. Dabei läßt sich zurecht mitnichten behaupten, es herrsche in den Krankenhäuser auch nur Andrang; es stehen im Gegenteil enorm viele Intensivbetten leer, und Patienten, die Anspruch auf ein Einzelzimmer hätten, das sie auch dringend brauchten, bekommen es aus selben Gründen nicht. Imgrunde wäre alleine schon dieses ein Skandal zu nennen. Und natürlich wissen wir die nächtliche Ansteckungsgefahr des Gemüsekaufens beim Späti endlich derart richtig einzuschätzen, daß es dem Vorcorona-Berlin zwar mitnichten gelang, die alten Ladenschlußzeiten neu zu etablieren; doch nun ist es anders, und wir bekommen sie wieder. Erinnern Sie sich, Freundin, an eine Steuer, die nach ihrer Einführung wieder aufgehoben wurde … irgendeine? … ah, pecunia nun olet, stimmt! Aber die liegt an die zweitausend Jahre zurück, indes die jetzt verhängten Sperrstunden schon deshalb sinnvoll sind, weil namentlich junge Menschen bekanntlich nicht über genügend Intelligenz verfügen, sich den zur Feier der Nächte benötigten Alkohol tags im Supermarkt zu kaufen, zumal er da billiger ist, in Kästen Bieres zum Beispiel. Darauf kommt ein Jugendlicher nicht. Indessen, daß Tankstellen nicht nach 23 Uhr schließen müssen, selbstverständlich mit Donald Trumps Empfehlungen zusammenhängt, wie man sich gegen Covid-19 sicher schütze: denn wo die Desinfektionsmittel versagten, richtet’s wahrscheinlich das Autobenzin. Ebenso bekannt ist, daß die meisten Ansteckungsgeschehnisse in den Betten von Hotels geschehen, weshalb es völlig richtig ist, Geschäftsreisende aus sogenannten Hotspots allabends wieder auszuweisen. Das ist auch in feministischem Interesse richtig, das Prostitution nicht zulassen kann. Und sowieso nehmen Infektionen einfach bei Dunkelheit zu; auch deshalb die Sperrstunden, klar. Wobei wir auf keinen Fall die Konsonanten vergessen dürfen, wie der folgende Beitrag erhellt:

Nicht uninteressant war auch die Information, es seien nicht wenige der neu grassierenden Pneumonien (ein schlimmer Fall sogar in लक्ष्मीs Familie: anderthalb Liter Wasser wurden aus den Lungen gesaugt) selbstverständlich nicht auf das dauernde Tragen des Mund- und Nasenschutzes zurückzuführen, sondern, auch wenn kein Covid-19 diagnostiziert werden konnte, auf Covid-19, nämlich weil ein solches Tuch bekanntlich jegliche Bakterien abweist und schon gar nicht dazu führt, daß wir mehrfachgenutzte Luft wieder zurück in die Lungen befördern, ein Umstand, der erst recht nicht dadurch verschlimmert werden wird, wenn erst einmal die Maskenpflicht auch im Freien durchgesetzt worden ist — was kommen soll und kommen auch muß: dringend, dringendst, allerdringendst. Krebsoperationen, dagegen, sind wirklich marginal, erst recht die albernen Klagen wegen scheinbarer Einschränkungen der Bürgerrechte. Hirngespinste allenthalben. Als käme es auf Freiheit denn an – einen ohnedies zu überschätzten, ja … kann man Wert noch überhaupt dazu sagen? –, da die coronare Auslöschung wenn nicht ganz, so doch halb der Welt befürchtet werden muß. Und hat nicht Covid dem Europa die Erlösung vor den Migrantenströmen gebracht? Wie sollten die Schmarotzer auch kommen, wenn unre Grenzen zu sind? — wobei natürlich auch die Asylanten in Quarantäne mußten, nur daß sie da anders genannt war: Auffanglager nämlich. In denen war niemand jemals allein, anders als wir in unseren Isolationen. Welch ein Luxus also! Dazu noch die Sonne Griechenlands, die Sonne der Türkei … Aber davon spricht ja eh keiner mehr, ebenso wenig wie wie von der sogenannten Klimakatastrophe, die dankenswerterweise in die Schubläden ihrer allenfalls Achtelbedeutung zurückbefördert worden ist.

Ach, meine Freundin, welch böse Zeiten sind’s!

Ihr ANH
[Peter Eötvös, Ima für gemischten Chor & Orchester (2001/02)]

[16.10 Uhr
France musique contemporaine:
Jean Barraque, → Sonate pour piano (1999)]

Wie es duftet!

Krebs/Nachkrebstagebuch, 11. Oktober 2020. Wiederherstellung der (hetero)sexuellen Kompetenz. (Zugleich als Coronajournal No 30.)

[Arbeitswohnung, 9.27 Uhr
Penderecki, Fünfte Sinfonie (1999)]
Dies ist entschiedenermaßen der nun nächstfällige Schritt, nachdem mir zum einen die Chemo die Fortpflanzungsfähigkeit zerstört haben dürfte (sollte ich dies testen lassen? von → Tests habe ich grade die Nase auch da voll, wo man den Johannes erkennt), sich aber die zweigeschlechtliche Sexualität-an-sich, ganz unabhängig von mir, unterm correctkriegerischen Dauerfeuer in Schützengräben bergen muß, die über ihr ständig so sehr zusammengeschossen werden, daß sich der Eindruck gewinnen läßt, den Angreifern komme Corona grad recht: Vermittels des Virus’ lassen sich ganze Gesellschaften moralisch zurück ins Biedermeier bomben. Genau dies, dem zu widerstehen, macht die Notwendigkeit dringend. Safer breathing hat durchaus seine Parallelen zum “safer Sex”, man muß da gar nicht lange konstruieren.
Nein, ich leugne Covid-19 nicht, sondern sehe die Gefahren — indessen aber auch, wie gut die Krankheit zur zunehmenden Entkörperung paßt und damit in die Entwicklungslogik des Monotheismus – egal, ob jüdischer, christlicher oder islamischer Provenienz. Insofern der Sexus – weiblich ausgedrückt: insofern Aphrodite – sich an keine Regeln hält (“Venus ist eine glischige Göttin”), ist die Libido auch gesellschaftlich nicht lenkbar, damit anarchisch-antiautoritär. Das kann weder einer Gesetzgebung gefallen noch gar unserer Wirtschaftsdynamik, der daran gelegen ist, alles auf einen Tauschwert herunterzubechen, es mithin gleichzumachen, sei es Ware, sei es Mensch (als nämlich kalkulierbare Arbeitskraft, die, anstelle zwischen Speichen Stöcke zu stecken, ihren Weisungen nachkommt).

Aber auch künstlerisch ist es notwendig, weil Eros die Antriebskraft der Künste ist, aller, und nicht etwa seine, bzw. der Venus Sublimation. Verdrängt ihn die Moral, verdrängt also SIE, kommt dabei schlechte Kunst – keine also – heraus. Deshalb warnte selbst Brecht, man könne nicht auf ihn bauen – zumal mit vorher den “incorrecten” Versen:

In meine leeren Schaukelstühle vormittags
setze ich mir mitunter ein paar Frauen
Brecht, Vom armen B.B.

— “setze ich mir” – welch hübsche Hybris. Es wird Zeit, wieder zu partizipieren an ihr; die Damen müssen sich setzen ja lassen: Das Spiel ist durchaus nicht von einer Seite alleine geführt, die in den Schaukelstühlen sind keine Opfer. Vielmehr, sie haben gewollt.
Wobei nicht ausgemacht ist, ob ich’s – also wieder zu partizipieren – auch “schaffen” werde. Der Wille indes ist zurück, nicht nur als Wunsch. Es ist dies, oh → Li, ein erster Schritt in die nichtnurorganische Heilung – egal, ob mich das dann abermals Stipendien und Preise kostet, die aus “moralischen” Gründen mir vorenthalten werden, dem unbeugsamen Incorrekten, den jede Konsensgesellschaft erschaudern läßt. Auch das ist eine Hitlerfolge, oder um es mit Jelinek zu sagen (ich habe es → dort schon zitiert):

Wenn alle in eine Richtung rennen, müssen die Künstler in die andere. Das ist ihre Pflicht.

(Die Dicht’rin seh die Verkürzung mir nach; sie hat hier rein rhythmische Gründe.)

Wie es also anstelln? Mehr noch als AIDS – seinerzeits bis heut – versiegelt Corona nunmehr die Lotterbetten, mit Mundschutz ist nicht einmal ein Cunnilungus wirklich praktikabel und relativ gefahrlos nur in der Monogamie noch möglich, in die wir nachdrücklicher zurückgescheucht werden sollen als selbst den Zeiten des Rauchverbots möglich — einer Entente globale erstem gelungenen Feldforschungsprojekt zur Massenlenkung. Nun wird FREMDGEHN NEIN DANKE zur nicht nur mehr katholischen, also islamischen Devise; der neue Biedermeier stand eh schon wuchtig genug in der Tür: nicht weniger bläßlich als anno dunnemals zwar, doch ebenso Ausdruck reaktionärster Macht, bzw. ihrer Wi[e]derkehr. Neu ist allein, daß sie es gelernt hat, sich als progressiv zu maskieren, sogar als Feminismus.
Ach, in der Tat, wir hatten vor AIDS nicht halb so viel Angst! Die Krankheit griff auch in
die Existenz nicht so ein, wir brauchten bloß paar Tütchen. Nicht ein einziges Späti wurde geschlossen, und wer aus Wien zurück nach Berlin kam, konnte hedonistisch sein, wie er wollte, oder sie, in Quarantäne mußte man nicht, egal ob halb der sechste Bezirk war flachgelegt worden. Und umgekehrt die KITKAT-Besucher & Innen – derer es einige, einige gab – mußten auch nicht auf die Sitte in Wien. Erst nu’ isser zu, der cosmopolitische Club, coronageschlossen wie das INSOMNIA und all die anderen Etablissments der erotischen Libertinage.
Und aber auf der Straße? Sprechen Sie, Freundin, jemanden jetzt einmal an, Jemandinnen meine ich, ob nun mit oder ohne Sternchen … auf anderthalb bis zwei Metern Abstand muß man(n) fast schreien, alleine schon wegen des Tuches vorm Mund. Sowas paßt nicht zu Charme und zu Flirt. Ich habe ja schon Schwierigkeiten, die Kassiererin bei PENNY zu verstehen, wenn sie etwas fragt. Social distance heißt erotisch Entfernung. Oben Mund- und Nasenschutz (als müßten die wir schützen!), unten LONDON GEFÜHLSECHT. Was – zwischen Arbeit und erfüllten Lebenssinn geschoben – Entfremdung genannt war, wird nunmehr total, nachdem sie auch längst das Geschlecht fast erdrückt. Die Zukunft ist “queer” und kontaktlos. Für Replikanten paradiesisch, ein gentechnologischer Rummelplatz, ist Corona fürwahr der Grund für virenfreie Sexmaschinen. Da wird sogar der Verkehr mit – Dassagichjetztnicht – möglich.
Soweit aber sind wir leider noch nicht, die Puppen von der Uhse sind wahrlich nicht alternativ, um von “wirklich” wirklich zu schweigen. Außerdem habe ich schon → mit Siri Probleme — trotz ihrer tiefen Versprechen :

Siri macht jetzt noch mehr.
Schon bevor du fragst.

Da sage noch einer, es sei die Richtung nicht deutlich! Doch helfen tut mir alledies nichts. Ich habe verabsäumt, mich rechtzeitig vor Corona und für mein Altern haushalts- und also erostechnisch zu binden, nu’ hab ich den Askesesalat und sollt’ wie mein Bruder, da war er fünfzehn, über meine Liegestatt schreiben:

Solang ich zwei gesunde Hände habe,
kommt mir keine Frau ins Haus.

Nur war er damals dreizehn, da wußte er einfach noch nicht, was das hieß. Und hier bei mir an der Wand sind viel zu viele Bücher. Dabei ist er heute prophetisch, Hagens, meines jüngeren Bruders, Satz. Der diese Pandemie zudem nicht mehr erleben muß. Ich denke einmal, AIDS hat ihm schon völlig genügt, als er statt daran im hochgebirgigen Wildwasser umkam, das ihm vier Grad kalt auf den Zungenhals stürzte. Erstarrung des Muskels, die Luftröhre zu. Gestorben, wie der Filmer sagt (dies ist ein Zitat). Des Extremsportlers neoprenverpackter Korpus wurde erst zwei Tage später gefunden. Noch lebend sah Hagen so aus zuletzt (nach der Beerdigung unseres → Vaters):

 

 

 

 

 

 

 

 

(links neben mir,
1990)

Ui, nun wurde ich wirklich privat, Pardon. Auch Corona verführt zu Lebensbilanzen, die ja immer zugleich Erinnerung sind. Jedenfalls bin ich heute einigermaßen hilflos, zumal mir mein bester, nach wie vor in schäumendem Safte stehender Freund gestern nacht “steckte”, auch für ihn sei dieses Jahr geradezu pheromonfrei verlaufen — so daß ich mir die Bemerkung nicht verkneifen konnte, da hätt ich ja lihalber gar nichts verpaßt … Was mich tatsächlich ein wenig beruhigt, auch wenn ich nach wie vor nicht weiß, wie meine Askese beenden. Nur dann nämlich, wenn dies gelingt, werde ich auch wieder mit vollen Kräften schreiben können. Die Musen wollen geliebtwerden, und zwar nicht nur im Geist, im Geist sogar am wenigsten … — Ach! Enden die → Béarts deshalb mit einem → Accende?

 

so fragt, liebste Freundin,
Ihr ANH

Wechsel der Ausdruckswelt
Als neunundzwanzigstes Coronajournal geschrieben am Mittwoch, den 7. Oktober 2020

[Arbeitswohnung, 7.31 Uhr
Penderecki, Largo für Violoncello und Orchester (2003)]
Nun träumte mir schon die zweite Nacht in Folge von einem Objekt, das ich solle, wie jemand mir aufgab, zur → Erinnerung an den 5. Oktober 1938 anfertigen lassen und nun aber selber baute … bastelte ist vielleicht eher angemessen als Begriff: einen kleinen, so geschachtelten Kasten, wie ich ihn zur Aufbewahrung meiner Musikcassetten nutze, nur halt bloß etwa zwanzig auf dreißig Zentimeter, und die offenschmalen Schachte oder Schächte (das Wort läßt mich „leise“ schaudern) wurden mit Erde gefüllt, in einige indes auch zurechtgeschnittene Pappestücke gesteckt, Pappestreifen, dünn genug, der Erde noch den Raum zu lassen, doch stark genug, daß wir sie sehen; nicht in jeder Schächtung befindet sich eines, es gibt auch keine Verteilung nach Regel.
Fertiggestellt wird das Objekt an die Wand gehängt und der Verrottung überlassen, die sich vor unseren Augen abspielt, nun in meinem Kopf.
Vielleicht werde ich es tatsächlich bauen.

Daß ich’s ein zweites Mal träumte, hängt vermutlich mit dem Tatort von Sonntag zusammen, den ich gestern → in der Mediathek sah und über den ich nicht nur sofort Cristoforo → Arco informierte (gerade er, als Verleger eines speziell solchen Programms, müsse ihn sehen), sondern der mir eben auch in die Nacht noch nachlief, mir nachzog vielleicht, vielleicht aber auch „nur“ meiner speziellen Situation halber derart nachwirkte.

Ich bin jetzt, nach meiner Rückkehr aus Wien, in Quarantäne – etwas, das mir mehr zusetzt, als ich geglaubt hätte. Möglicherweise wirken immer noch oder jetzt verstärkt die drei Tage Einzelhaft nach, die ich als Fünfzehnjähriger im Gefängnis in Königslutter, bei Braunschweig, wegen des gestohlenen halben Brathähnchens verbringen mußte und derenthalben ich bis heute nicht bei geschlossenem Fenster schlafen kann, auch dann nicht, wenn es draußen minus zwanzig Grad hat. Jedenfalls, als der Flieger in Tegel angekommen war – für mich, mag sein, das letzte Mal dort; mein nächster Flug wird wohl schon über → BER abgewickelt werden –, hatte die Covid-Teststation bereits geschlossen, zu der sich Reisende aus Risikogebieten begeben sollen, um sich checken zu lassen; ein Blödsinn freilich, die Öffnungszeiten nach zivilem, quasi gewerkschaftlichem Muster zu gestalten, anstelle nach Notwendigkeit je nah den Ankunftszeiten – zumal Soldaten da im Einsatz sind, die hier mal etwas Vernünftiges tun, anstelle die Ermordung vorgeblicher Feinde zu üben, die genauso schuldlos sind wie sie, das heißt: ganz ebenso, im Kriegsfall, genötigt. – Wie auch immer, ich fragte nach, was tun, wenn ich nicht die kompletten vierzehn Tage mich einsperren wolle.
„Sie können sich zum Hauptbahnhof begeben, dort finden die Testungen für andere Risikoreisende als die grad angekommenen statt.“
„Gut, da radle ich morgen früh sofort hin.“
Was ich tat. Wozu ich die Quarantäne natürlich unterbrechen mußte. Was aber sowieso geschehen wäre, hätte ich einen Termin vom Gesundheitsamt bekommen und wäre ihm gefolgt. Ich fuhr auch direkt, stoppte nirgends außer dort: Abgang zur künftigen, also der neuen Station der U5 gegenüber dem Hauptbahnhof. Oben an den Rolltreppen standen zwei rauchende Soldaten im Tarndress, die sich mit einer Sanitäterin und einem Ordner unterhielten, der Zivil trug.
Ich frug nach dem Weg.
„Nur die Treppen runter, dann gleich links.“
Es sah aus wie eine Szene in Endzeit-Sciencefictions: Neben der Rolltreppe ein Areal vermittels eines breitmaschigen, die „Maschen“ rechtwinklig aufrecht, Blech- oder Aluminiumzaunes abgetrennt, innerhalb dessen, wie später behauptet wurde, das Grundgesetz nicht mehr gelte, sondern offenbar das Kriegsrecht; im hinteren Bereich ein geräumiges Bundeswehrzelt mit dem roten Kreuz drauf, davor drei lange Bierbänke, hinter denen, ebenfalls in Tarnkleidung, Gefreitenuniformen also, vier junge Soldaten vor Computerbildschirmen und je den Tastaturen saßen, meine Erinnerung sieht sogar fünf Mann, um in sie aus den Formularen zu übertragen, die die Probanden anfangs auszufüllen haben. Noch „anfangser“, bevor man den Bereich betreten darf, wird kontrolliert, ob man auch zu den Berechtigten gehört – es werden hier ja eben nur Ankömmlinge aus Risikoländern getestet. Freilich ist’s auch eine Frage der Kosten, nur für solche Reisenden sind die Tests ja umsonst. Hätte ich den Test bereits in Österreich, am Flughafen einen Tag vor Abflug, machen lassen (was möglich gewesen wäre und mir das spätere Procedere erspart hätte), hätte es mich 120 Euro gekostet, etwas, das sich nur leisten kann, wer genug Geld hat. Der wird es sich auch leisten, klar, ich täte es genauso. Egal.
Also noch einmal ein gleiches Formular ausgefüllt wie schon im Flieger. Nun hat es das Gesundheitsamt doppelt. Hier war allerdings, neben meiner Bordkarte, noch meine Krankenkassencard vorzuzeigen, interessanterweise aber kein Ausweis. Fand ich seltsam beruhigend. Und durfte mich auch schon setzen, das heißt, in den von gleichfalls einem Zaun abgetrennten hinteren Bereich, dem deutlich größeren, Platz nehmen: „Bank 4, bitte“.
Ein bißchen sah ich den tippenden Soldaten zu, wie sie, selbstverständlich gleichfalls mund- und nasenmaskiert, von Zeit zu Zeit die Teströhrchen aus den Ständerchen nahmen und sie zu der einzigen Krankenschwester hinüberreichten, die momentan im Einsatz war. Es war auch wirklich wenig los, mit mir nur noch zwei weitere sozusagen-Patienten, die deutsche Truppe war deutlich in der Überzahl. Dennoch: Wie sinnvoll eingesetzt! Das sagte ich auch.
„Prima, daß Sie das hier machen. Danke.“
Da war ich aber schon dran. Die Schwester hinter transparentem ovalen Gesichtsschild. „Abstrich nur im Rachen. Nehmen Sie bitte wieder Platz.“
Auf mein Formular wurde das Gegenetikett zu dem auf dem Röhrchen geklebt. Ob ich die → Corona-App benutzte? Dann könne ich den QR-Code einscannen und würde direkt übers Ifönchen informiert. Was ich selbstverständlich nicht tun werde: Ich will mich nicht “tracken” lassen. Oder ich tu’s, aber schalte die App sofort wieder aus, schau halt nur alle zehn Stunden nach, ungefähr.
„Etwa zweiundsiebzig Stunden braucht es zum Ergebnis. Bis dahin dürfen Sie nicht …“ „Ich weiß, ich weiß, die Quarantäne.“
Entlassen.

An der Rolltreppe dreh ich mich noch einmal um. Ich will in Der Dschungel drüber schreiben, möchte ein Foto dafür haben. Nehme es auf. Sofort ruft mir einer der Ordner zu, zu fotografieren sei hier nicht erlaubt. Als ich nicht reagiere, rennt er mir hinterher, hält mich fest. „Sie haben das Bild zu löschen!“ „Aufgrund welcher Rechtsgrundlage?“ frage ich. Er weist auf die am Zaun angebrachten Strichzeichnungen, auf denen durchkreuzte Kameras zu sehen sind. „Ja, schon, habe ich gesehen, aber das sagt nichts über die Rechtsgrundlage. Hier ist öffentlicher Raum, und wenn ich die abgebildeten Personen unkenntlich mache, kann ich die Bilder nutzen.“ „Nein“ entgegnet er. „Das ist Militärgebiet.“ „Militärgebiet? Moment mal, es ist öffentlicher Raum! Ich will die Rechtsgrundlage dieser Vorschrift wissen.“ Die er nicht weiß, es fehlt ihm an Bildung. Wahrscheinlich gibt es auch keine. Um so ärgerlicher wird er, beinah drohend. Zum ersten Mal bekomme ich gewaltige Zweifel an den Covidmaßnahmen, doch im gleichen Maß auch Angst. Ich hatte in den vergangenen Wochen genug auszuhalten, jetzt verhaftet zu werden, hätte die Quarantäne durchaus noch getoppt.
Also gebe ich nach und lösche das Bild, habe aber schon oben, wieder im im Wortsinn Freien, den Gedanken, mir ein Programm zu besorgen, mit dem sich gelöschte Bilder wiederherstellen lassen. Daß es so etwas geben muß, ist gar keine Frage, sonst wären polizeiliche Beschlagnahmen von Computers nahezu sinnlos. Doch ergibt sich’s, daß ich solch ein Programm gar nicht brauche. Was wiederum einen Einblick in die Kompetenz des Ordners gewährt, der mich das Foto löschen ließ. Und mir auch noch sagte: “Sie haben mir zu gehorchen.” – Habe ich nicht. Niemandem, je.

 

 

 

 

 

Schon das, auch im Nachhinein, begründet einige Unruhe – zumal zwar die Infektionszahlen in die Höhe schnellen (oder zu schnellen scheinen; unser Problem ist auch hierbei, daß wir glauben müssen), durchaus aber nicht die Sterblichkeitsraten. Die bleiben eher stabil oder sinken sogar, so daß man – wenn es doch um Herstellung der, furchtbares Wort, „Herdenimmunität“ gehe – durchaus bezweifeln kann, daß die Härte der neu deklarierten Eindämmungsmaßnahmen tatsächlich angemessen ist. Oder ob nicht mittlerweile doch eine Tendenz zum politischen Mißbrauch besteht, die Hand in Hand mit dem geht, was ich schon seit langem, spätestens mit →  THETIS, als Entkörperung der Welt vielleicht nicht diagnostiziert habe, aber voraussehe und zunehmend deutlich erkenne. Dazu gehört auch die Gender-„Diskussion“.

 

 

ANH
[Penderecki, Klavierkonzert „Auferstehung“ (2002/2007)]

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Coronajournal 28 <<<<

“die erste Ferngesellschaft der Menschheitsgeschichte” (Peter Weibel, NZZ): Das siebente Coronajournal. Montag, der 23. März 2020.

Und ebenfalls NZZ, >>>> dort:
Senizid

[Arbeitswohnung, 7.08 Uhr]

Und wenn er noch so viel → Unmut ausgelöst hat, die Vorstellung, es vollziehe sich derzeit ein wie nur selten spürbarer, weil unmittelbar in unser alltägliches Erleben hineinreichender selbstregulativer Prozeß, bleibt → beharrlich in mir, ob dieser uns nun schmeckt oder nicht. Er erinnert mich allzu sehr an das, was ich in THETIS die Große Geologische Revision genannt habe, seinerzeit mit Blick auf die schon Ende des vorigen Jahrhunderts mehr als nur “leicht” sichtbaren Anzeichen. Ich denke weiter und weiter darüber nach … — nein, es denkt sich nach. Und das hat nichts damit zu tun, ob man es – angeblich – gutheißt. Wer wohl täte das? Wobei der Vorgang bei allem Grauen insofern etwas “Gerechtes” hat, als der Virus unter den gefährdeten alten Menschen keine Unterschiede macht, nicht nach Vermögen (wenngleich reiche Leute deutlich mehr Möglichkeiten haben, sich ihre Quarantäne aushaltbar zu gestalten), nicht nach Geist und Bildung, nicht nach Geschlecht, nicht einmal nach Macht. Die moralischen Ausrufe hiergegen — “altersdiskriminierend” — wirken so hilflos, wie sie es sind. Weiterhin → NZZ:

Die heutigen «Alten» haben unser Land im vergangenen Jahrhundert zu dem gemacht, was es ist. Sie zu schützen, ist für die meisten Menschen die Hauptmotivation dafür, zur Eindämmung des Virus möglichst viel beizutragen. 

Daß hier im Hintergrund ein letztlich rein materielles Denken steht, sei erschauernd dahingestellt, auch wenn so etwas Kapitalismusfremdes wie “sorgende Liebe” nicht einmal Erwähnung findet. Es ist doch mehr sie, was uns Menschen umtreibt, besorgt macht und in Nöte bringt. Insoweit es unsere bedrohte eigene Ökonomie ist, die einer und eines jeden Einzelnen, bzw. der Familien, haben die alten Menschen damit nichts mehr zu tun, jedenfalls in aller Regel. Daß es an uns selbst ist, angesichts einer sich wahrscheinlicherweise über Monate erstreckenden flächendeckenden Quarantäne neue Wirtschaftsformen zu entwickeln — und die, die längst schon im Raum standen, aber aus arbeitspolitischen Rücksichtnahmen und nicht zuletzt sentimentaler Beharrung wegen verhindert oder “konservativ” hinausgezögert wurden —, ist nur allzu klar. Ich erinnere mich noch gut, mit welchen tatsächlich Vorwürfen ich es zu tun bekam, als ich in den Achtzigern bei einem großen deutschen Verlag statt eines Typoskripts eine Diskette abzuliefern wagte: Ich wurde quasi hinausgeworfen. Und nur wenig später, als ich die ersten poetologischen, auch praktischen Überlegungen anstellte, was die damals noch kommende mediale Revolution für die Literatur nicht nur bedeuten würde, sondern müsse, nannte mich ausgerechnet die von mir derart geschätzte NZZ einen Kulturverräter. Es war eine Stimmung, in der man über lange Zeit im Internet den Dolchstoß für die Buchkultur sah. Und von meinen Überlegungen zum → Literarischen Weblog als Dichtung will “man” bis heute noch nichts wissen; es stehen für die wenigen, aber machtvollen Leute im “klassischen” Literaturbetrieb zuviel Pfründe auf dem Spiel. Möglich, daß auch dies sich nun auswäscht — wenngleich ich befürchte, daß der Igel immer schon allhier sein wird, da können wir Hasen so flitzen, wie wir nur wollen. Doch ein, → so Xo dort, “no future” sehe ich nicht, im Gegenteil. Ich sehe Evolution, jetzt sogar vielleicht Mutation. Die Welt geht weiter, auch wenn ich selbst es vielleicht nicht mehr erleben werde. Und mehr noch: Ich will, daß sie weitergeht, wünsche es aus tiefstem Herzen, kann nur die schon mehrfach zitierte Stelle aus der “Sterbe-Elegie”, der neunten Bamberger, wiederholen:

um zu spüren, sie fließt noch, die Regnitz, vor meinem Fenster, und fließt in den Augen der Kinder, der deinen, mein Sohn, die deiner künftigen Frau, künftiger Frauen, ja weiß man es?, sind – und den späteren Mai­nen zu, späterem Rhein, denen viel spätere Rosen, die merklos erfrieren, nicht nachsehen in ihre späteren Meere. Den Zeitstrahl zu fühlen, worinnen wir stehen und dem wir zwar selbst nur Fragment sind, doch eines, das atmet und mittat. Das bleibt wie der Leibstoff, Körper gewesener, bleibt meines Leichnams.
ANH, Das bleibende Thier
, 99/100

Ja, ich denke viel an den Tod. Es sind in meinem Umkreis an Covid-19 jetzt Menschen tatsächlich gestorben. Aber ich denke an ihn als an etwas, das ich gegebenenfalls lieber selbst herbeiführen würde, da ich → langsam ertrinken nicht will, schon gar nicht hilflos fremdbestimmt dahinvegetieren. Nur wie soll ich’s tun, und wann könnte ich es noch, in welcher Phase der Krankheit? Wenn ich im Krankenhaus lande, ganz bestimmt nicht. Ich will aber auch niemanden schädigen, nicht bei einem Zugführer ein lebenslanges Trauma auslösen, ebenso wenig wie bei Kindern, die mich hinabgestürzt, überall Blut und Splitter, auf einem Gehsteig oder Hinterhof finden. Von einigen zugänglichen Medikamenten weiß ich, aber entweder sind sie unsicher oder aber verursachen einen mindest ebenso qualvollen Tod wie der Virus. Hätt ich doch nur darauf geachtet, genügend mir nahe Ärztinnen und Ärzte als Freunde zu haben! — Darüber, in der Tat, denke ich subkutan ständig nach. Aber auch hier gilt (ebenfalls die neunte Elegie):

Wir nicht allein, auch das Tier beißt den Feind weg. Doch weiß es, wann Zeit ist. Dann legt‘s sich und blößt seine Kehle. Besser, ihm nachtun. Das Wakizashi ergreifen, das dir der Tod reicht, bevor man es zuläßt, was ihn und das Leben entwürdigte, das du so liebtest. So, Sohn, vernarrt bin ich ins Le­ben, ich ginge freiwillig eher, als daß ich’s beklagte.
Das bleibende Thier, 97/98

Nein, ich nehme nichts zurück, bleibe von Herz, Geist und Geschlecht auf der Seite der irdischen Welt. Und versuch es auszudrücken. Wobei ich gleichzeitig dafür sorge, meine Arbeiten möglichst umfassend zugänglich zu machen, in Der Dschungel, die ich aus meinen Dateiarchiven zur Zeit mehr und mehr fülle — das hat durchaus was von Nachlaß. Sehen Sie es, Freundin, so: Jeder fühlende Mensch möchte, daß es seinen Kindern gut geht, über den eigenen Tod weit hinaus. Ich wünsche mir das für meinen Sohn, wünsche es mir für meine Zwillinge, wünsche es aber auch meinen Schriften, weil ich auch sie als meine Kinder ebenso empfinde wie erlebe. Das ist nicht egozentrisch, denn sie sind ebenfalls, in ihrer Sphäre,  nämlich der Fantasie und des Geists, zeugungsfähige Geschöpfe. Manche Bücher, manche künstlerischen Erfindungen, haben ganze Generationen verändert. Ohne Mozart hätt’s nicht einmal die Beatles gegeben. Von Bachs Einfluß völlig zu schweigen.
Ich in mir dessen bewußt und handle. Ich handle deshalb, weil Pessimismus mir fremd ist; meine bisweiligen Depressionen sind da nebensächlich: Sie sind egozentrisch, letztlich nichts als die Auswirkung narzisstischer Kränkungen. Die Bücher dagegen stehen für sich. Das ist ja das Grandiose, daß sie sich von uns, ihren Urheberinnen und Urhebern, (fast) ebenso ablösen wie unsre Kinder sich von ihren Eltern, uns. Genau das ist Zukunft. Wir selber, und später dann sie, gehen dahin.
Was danach kommt? “Ich bin unheimlich neugierig”, habe, heißt es, Ernst Bloch auf seinem Sterbelager gesagt.

Mein Pathos, jaja. Wobei die tägliche Realität eine seltsam zerfließende ist. Mehr noch (als wegen des meiner Arbeit eigenen Charakters sowieso) laufen die Tage ineinander.Neulich wußte ich nicht mehr, ob Donnerstag oder Freitag. Ich mußte im Kalender nachsehn. Und obwohl ich es gewohnt bin, mir meine Arbeitsabläufe diszipliniert selbst zu definieren, nach genauen Zeitabläufen zu schreiben, zu essen, zu lesen, abends einen Film zu sehen usw., werden die Ränder verschwimmend unscharf. (Meine bisweiligen, ich sag mal, quasi-physiologischen Ausflüge in die Pornowelt laß ich mal “außen vor”, wiewohl sie wichtig sind, um nicht nur die erotische Contenance zu wahren, sondern auch, um ein notgedrungnes Asketentum zu vermeiden, das sich ungut auf den Geist auswirken würde).
Dazu die ständig kurzen Überlegungen, muß ich eigentlich heute hinaus? Dann recherchiere ich wieder die neuen Coronavorgänge (muß gleich mal gucken, was die gestern getroffenen Ausgangsregelungen präzise bedeuten), antworte auf Kommentare bei  mir und auf anderen Sites, telefoniere, bzw. skype/facetime täglich mehrfach mit den Freundinnen und Freunden, besonders auch in Italien, spüre bei vielen eine unterschwellig steigende Furcht. Ein Freund erzählt, er kaufe nur noch mit Schutzhandschuhen ein, ein anderer hat sich tatsächlich Atemmasken besorgt. Und draußen singen die Vögel, daß es ans Herz geht, und die Pflanzen werden an ihren sprießenden Knospen verrückt. Es ist erneut kalt geworden, ja, aber — hell! Diese göttliche Sonne! Die Fassade des langen Hinterhauses, das ich von meinen Fenstern aus sehe, strahlen nur so vor Gelb! Dazu zwei Zuschriften, die ich erhielt. Die eine von einer Leserin, die schon mehrfach bei amazon Rezensionen eingestellt hat und → nun dort den zweiten ANDERSWELT-Band bespricht. Kann sich ein Romancier etwas Besseres wünschen? Aber auch zu meinem → Vortrag aus dem Hyperion kam eine Mail (ich möchte diskret bleiben und sag drum nicht, von wem):

Fast haben wir Deine Stimme nicht erkannt, so sehr ist sie da zur heute möglichen Hölderlin-Stimme geworden. 

Und in der Tat hat mir die Aufnahme eine irre Lust gemacht, den Hyperion tatsächlich selbst ganz vorzutragen — genau dieses “heute mögliche” … ja!, zu beweisen. Die Zeit haben wir jetzt, die, nun jà, Isolation läßt sich füllen … ist zu füllen. Dagegen fallen Notwendigkeiten – wie etwa, daß ich diesen Jobcentermüll endlich weiter regeln muß, geradezu weg. (Ich hätte dringend einen Brief zu schreiben und darin, um einen Bescheid ändern zu lassen, eingehend zu argumentieren. Nun kommt’s mir vor wie kinkerlitz.) Alles ist ein bißchen wie vor dem Winter die Ernte einzuholen und gut für den Winter zu lagern. Die Dschungel.Anderswelt ist mir, so gesehen, Scheuer und Silo zugleich, zusammen mit der dinglichen Arbeitswohnung ist sie ein Gehöft.

Bewußtsein der eigenen Endlichkeit. Abschiede damit verbunden. Wie Andreas Steffens schreibt: Der Horizont der noch verbleibenden eigenen Zeit rückt uns näher, fast stehn wir vor einer Wand schon daran. Was bleibt zu tun, um abzuschließen, nämlich — gut? Mehrfach, bemerke ich, schaute ich in den paar letzten Tagen intensiv zurück, erinnerte mich an grandiose Geschehen, beglückende, sinnenberauschende Erleben. zum Beispiel was Do und ich mit Nutella alles angestellt haben. Hatte ich vorher völlig vergessen. Und dann, als wir im Lager von Olifants saßen. Viele Jahre später, mit लक्ष्मी, auf der breiten Fensterbank des Havalis in Udaipur, wie, drauf beieinanderliegend, wir nach Krokodilen schauten, über den See, der unten an die Hauswand schwappte. Oder die Serengeti meiner Löwin. Und wie ich Circe ins Taxi setzte, nachts; wie ich mit einer Fee handinhand-halb eine andre Nacht durch Park und strömenden Regen schritt. Wie mein Sohn in meinen Händen zur Welt kam. Ich staune diese Hände an. Wie die Ärztin nach der Zwillingsgeburt die Doppelplazenta ebenso staunend und frappierend liebevoll aufstrich, auf zu mir sah und frage: “Darf ich sie haben? Ich möchte sie meinen Studenten zeigen.”
Wunder, Freundin, über Wunder. Mein Leben war reich.

So fühl ich Tag um Tag, auch wenn es sicherlich etwas anderes wäre, lebte ich in einer Partnerschaft oder sonstwie mit jemandem andres zusammen. Zum Beispiel, daß ich bis gestern vier Tage lang nicht mehr geduscht hatte. Morgens rein in die Arbeitsklamotten, an den Schreibtisch, bis spät in den Abends durchgemacht. Man muß sich ja grad nicht mehr zeigen, darf sich nicht zeigen. Schon sproß enorm der Bart, ich mußte an Tolstoj denken, sah mich dann im Spiegel an, erschrak, stutzte ihn auf Dreitageslänge. Das Antlitz ist dann einfach klarer, markanter. Und bloß die Kleidung endlich wechseln! Was Helles! — Den Anzug rausgesucht, dann unter die Dusche. Auch die Achselhöhlen, die Hoden rasieren. Es kommt nicht darauf an, ob jemand mich sieht, sondern auf eine innere Haltung, der wir Form auch außen geben. Wille zur Klarheit. Und zwar gerade, wenn man allein ist. Ich denke an Lawrence of Arabia, der sich mitten in der Wüste, obwohl da eben keinerlei Wasser, draußen vorm Zelt zum Unverständnis vieler rasierte. Wie man das Wasser so verschwenden könne? Soweit ich mich erinnere, antwortete Peter O’Toole mit einem einzigen Wort: “Kultur.” Meine Güte, seine irrsinnig strahlenden Augen!
Das in jedem Fall bewahren. Was immer auch kommt.

 

Ihr, um 11.59 Uhr,
ANH
der gerne auch hier noch einmal → darauf hinweist.

 

 

P.S.:
Selbstverständlich bin ich nicht allein, alles andere als einsam. Wir kommunizieren ständig. Die Göttin gebe bloß, daß uns das Netz nicht ausfällt. Aber es ist anders, ob wir uns treffen könnten, leiblich, oder nicht können. “Die erste Ferngesellschaft”, → Peter Weibel, ja. Wir werden avatar einander. Der nächste Schritt der → anthropologischen Kehre, den nunmehr Corona erzwingt.

***

[14.30 Uhr:]
Da ich meine Cigarillos brauchte, die Gelegenheit genutzt, fast anderthalb Stunden → à la Nietzsche spazieren zu gehen: Keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung — erst diagonal durch die nach den Beschlüssen von gestern doch erstaunlich belebten Straßen, wobei allerdings die meisten Menschen tatsächlich nur zu zweit flanierten oder mit ihren Hunden Gassi gingen. Nur vor LIDL pulkte sich’s, weil immer nur zehn Personen auf einmal Einlaß finden; so stand’s draußen anplakatiert.
Vorm Aufbruch die autophil höchst zärtliche Idee, vielleicht noch einmal meinen alten russischen Biberpelzmantel zu tragen, der angemessen in diesem, nun jà, Winter wirklich nur zwei Mal gewesen. Und ich hatte recht, es ist ziemlich scharfkalt draußen, unter gleichzeitig ganz enormen Sonnenfluten, durch die ich quasi tauchte. So sehr ist Frühling eben doch und von welch milder, die Augen labender Schönheit alles! Es geht bei den Krokussen los, schäumt in den Forsythien, perlt grün als sich entfaltende Knospen auf.
Da mir nach Okra zumute war, für den Abend, ich dafür einen Asia-Laden finden mußte (was mir nicht gelang, der nächste mir bekannte ist ganz anderswo), schritt ich, nachdem quer durch den Kollwitzkiez spaziert, vom Tabaccaio an die Prenzlauer Allee hoch, dann rechts in die Fröbelstraße, um schräg zum Tählmannpark weiterzugehen und nach dem kleinen Teich, fast einem Weiher nur, zu schauen, der → von Anwohnern versorgt wird, gegen einigen Widerstand des Gartenamts. Schrieb ich nicht schon mal von ihm?
Es hat sich hier eine fast ganz für sich existierende Flora und Fauna entwickelt; sogar freie Schildkröten gibt es im Wasser, die drin auch überwintern. Und was ich sah, ich sog es ein!

Diese Farben, das unversehens hörbare, früher nur nachts nicht vom nahen Verkehrslärm wegkrawallte Rauschen eines kleines Wehres, zwei Elstern elsterten lustvoll herum und ließen sich nicht stören, als ich näherkam, anstelle liebevoll diskret einen anderen Weg mir zu suchen. Ich sah zu ihnen hinauf, sie sahen zu mir herunter. Schon gurrten sie, jedenfalls schnäbelten weiter. Ich kann Ihnen, Freundin, kaum sagen, welch ein Glück ich da empfand.
Es ist auch nicht ganz ohne Witz, daß ich, der so auf die kybernetische Welt setzt, zugleich auf der anderen, der natürlichen Seite empfinde, und mit ihr. Bezeichnend, daß ich schließlich den kleinen Umweg zu dem ziemlich verrotteten Pfad nahm, der direkt an der SBahn entlangführt. Ich wollte mir nämlich zwei Zweige schneiden, um etwas von diesem Frühling in die Arbeitswohnung mitzunehmen, und dies eben dort tun, wo kein Passant sie vermißt — auch nicht etwa blühende Zweige; nein, es genügt mir das sprießende Grün. So stehn sie nun denn auch hier und über-, na gut, “-wölben” nicht grad den Schreibtisch, aber strecken sich doch über ihm aus.

Verstehen Sie, daß ich Dankbarkeit empfinde? Und meinen Eindruck, die Gefährdung schärfe meine Sinne und mache sie weiter?

Schließlich noch frischen Koriander besorgt; ich bereite mir heute ein Dal.

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